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Zum Buch: Das Leben der erfolgreichen französischen Schriftstellerin Barbara Benoit gerät auf einer Reise nach Berlin aus den Fugen, als sie dort der jungen Annika begegnet. Deren unkomplizierter Lebensstil und offene Weltsicht sind für Barbara, die sich vollkommen ihrer Arbeit verschrieben hat, gleichermaßen faszinierend wie befremdlich. Zwei Wirklichkeiten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, treffen aufeinander und setzen die Suche nach sich selbst und den Wunsch nach einer Wandlung in Gang. Zur STEINE-Trilogie: Am Holocaust-Mahnmal, vor der Kulisse synthetischer Steinblöcke beginnt die Geschichte der Begegnung zweier Frauen. Barbara Benoit, französische Erfolgsautorin, lebt zurückgezogen von der Welt im Süden Frankreichs. Versteinert und festgefahren in ihren Ansichten erscheint sie Annika Strehlow, einer deutschen Historikerin, deren Lebensstil ein chaotischer ist. Durch die gemeinsame Arbeit, in der sie Barbaras familiäre Vergangenheit enthüllen, finden beide zueinander. Die Trilogie ist nach dem dreigliederigen Prinzip Körper-Geist-Seele aufgebaut, in dem die Teile ineinander greifen und sich durchdringen. Jeder Band ist in sich abgeschlossen und als eigenständige Erzählung zu lesen. Gleichsam gibt es keine chronologische Abfolge der Bücher. Damit bilden sie ein einzigartiges Gesamtwerk.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Die Seele der Steine
von Peggy Langhans
(aus der Steine-Trilogie)
1. Leicht, beinahe spielerisch
2. Rastlos schreitet sie
3. Das Wasser
4. Die Anzeige im Terminal
5. Alle Fenster des alten Hauses
6. Die tiefstehende Abendsonne
7. „Barbara!“
8. Geben Sie mir
9. Die Zweige der Pinie
10. Das müsste alles sein
Nachwort
Danksagung
Zur Steine-Trilogie
Zur Autorin Peggy Langhans
Peggy Langhans
Roman
Verlag Andrea Schröder
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in Der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.
Text:
Peggy Langhans
Titelbild:
Atelier Georg Lehmacher, Augsburg
3. überarbeitete Auflage
ISBN 978-3-944990-45-3
Verlag Andrea Schröder, Inhaber Jens Koch, Bernau
www.verlag-andreaschroeder.de
© 2020 Verlag Andrea Schröder, Inhaber Jens Koch
In liebevoller und dankbarer Erinnerung
an Christine
Life is a river, swim.
Love is a mountain, climb.
Michael Friedman,
Singer & Songwriter, Kanada
Leicht, beinahe spielerisch, tragen die Wellen Kiesel und Muscheln an den Strand und wieder zurück. Klar wie Glas ist das Wasser. Von ihren Füßen auf feuchtem Sand bis zu dem weißen Stein am Grund sind es nur wenige Zentimeter.
Gerade will sie den Fuß hineinsetzen, da holt sie ein Gong aus dem Tagtraum jäh in die Realität zurück.
»Meine Damen und Herren, wir befinden uns im Landeanflug auf Berlin. Bitte legen Sie die Sitzgurte an, und stellen Sie Ihre Rückenlehne aufrecht«, tönt es scheppernd aus den Lautsprechern.
»Voilá, Berlin«, sagt Jean und faltet seine Zeitung zusammen.
Kalte Schweißperlen dringen aus den Poren ihrer Handinnenflächen.
»Die kleinen Verlage erwischt es jetzt auch. Allein in der letzten Woche waren es drei, die in Paris Insolvenz anmelden mussten«, fährt er mit einem Gähnen fort.
Mühsam konzentriert sie sich auf ihren Atem, während das Flugzeug langsam an Höhe verliert.
»Bloß gut, dass wir in den schwarzen Zahlen stehen. Mit unserem Programm sind wir sowieso auf der sicheren Seite. Warst du schon mal in Berlin, Barbara?«
Zu mehr als einem leichten Kopfschütteln ist sie nicht in der Lage.
»Viel davon haben wir ohnehin nicht. Die 36 Stunden, die wir hier sein werden, sind gut getimt. Die letzte Station für dieses Jahr. Und danach ab in den Urlaub.«
Die Hände fest gefaltet im Schoß, presst sie den Rücken gegen die Lehne, den Blick starr auf die Anzeige geheftet, auf der in roter Schrift »Exit« aufleuchtet. Sie schließt die Augen, als das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzt.
***
»Und morgens bitte eine große Kanne Kaffee«, sagt sie mit fester Stimme.
»Sehr gern. Das Frühstück aufs Zimmer?« fragt der um einiges kleinere Serviceboy in perfektem Französisch.
Etwas unbedarft kommt er ihr vor, wie er, in seiner weinroten Uniform und der runden Kappe auf dem Kopf, eifrig darum bemüht ist, ihr zu Diensten zu sein.
»Unbedingt. Wo kann ich die Heizung einstellen?«
Sie reibt die im Verhältnis zu ihrem schlanken Körper großen Hände aneinander.
»Hier, Madame. Wie warm möchten Sie es haben?« antwortet er dienstbeflissen.
»Es ist in Ordnung. Nur für später«, wehrt sie ab.
»Haben Sie sonst noch einen Wunsch?«
»Das ist alles. Merci.«
»Wenn Sie etwas brauchen, wählen Sie bitte die Nummer der Rezeption. Gute Nacht, Madame Benoit«, wünscht er ihr und ist schon an der Zimmertür.
»Warten Sie. Vielleicht doch eine Kleinigkeit zu essen.«
»Sehr gern. Eine Suppe? Ich kann Ihnen heute besonders unsere Tagessuppe empfehlen: Soup de pomme de terre.« Er kommt wieder auf sie zu.
»Wie heißt das auf Deutsch?«
»Kartoffelsuppe, Madame«, antwortet er selbstverständlich.
»Was?« fragt sie schmunzelnd. »Können Sie das bitte wiederholen?«
»Soup de pomme de terre, Madame«, kommt die leicht irritierte Antwort.
»Non, non, das deutsche Wort«, beharrt sie, einen Kreis mit ihrem Zeigefinger in die Luft zeichnend.
»Kartoffelsuppe.«
»Kartoffelsuppe?« spricht sie leicht gebrochen nach.
»Oui, Madame. Kartoffelsuppe«, wiederholt er mit absolutem Ernst.
»Ja, die nehme ich. Merci, Monsieur«, bedeutet sie ihm, das Zimmer zu verlassen.
Kartoffelsuppe in Deutschland. Vor wenigen Stunden schlenderte sie noch in der warmen Herbstmittagssonne durch Rom. Hier peitscht der Regen mit großen Tropfen gegen die Scheiben, und sie muss die Heizung anstellen. Der geöffnete Lederkoffer auf dem Bett trägt die Spuren etlicher Städte und Länder. Alt, abgenutzt und viel zu schwer ist er. Ihn durch einen neuen zu ersetzen, käme Barbara einem Verrat an einem treuen Begleiter gleich. Vorsichtig birgt sie aus ihm die sorgsam in Papier eingewickelte Weinflasche. Ein Geschenk des römischen Kulturattachés. Eigentlich zu schade, um ihn in ein Wasserglas fließen zu lassen. In der Minibar ist ein Weinglas jedoch nicht zu finden. Genussvoll nimmt sie einen Schluck, schlägt dabei ihr Notizbuch auf und schreibt in eckigen Lettern: Berlin, 24.09.2006: Kartoffelsuppe für Soup de pomme de terre, bei der Aussprache des Wortes »Kartoffel« jegliche Mimik vermeidend.
Kein schlechter Wein. Der Mann hat offensichtlich Geschmack, was nicht unbedingt zu erwarten war. Sie führt das Glas zum Mund und sieht sich im Hotelzimmer um. Zwei Nächte noch, und sie hat es überstanden. Die vorletzte Nacht in einer Suite mit Doppelbett, Spannteppich und Antikmöbelimitaten. Ob in Rom oder Berlin, die Hotelketten mit ihrer standardisierten Ausstattung bilden einen eigenen Kosmos.
Bisweilen, als sie in den letzten Tagen morgens erwachte, konnte sie nicht sagen, in welcher Stadt sie sich gerade aufhielt. Sie wurde überall herzlich empfangen, aber von den Städten hat sie kaum etwas gesehen. Ohnehin reist sie äußerst ungern. Viel mehr schätzt sie es, in ihrem kleinen Anwesen nach ihrer Façon und ihrem Rhythmus ungestört zu leben.
Es klopft.
»Barbara, bitte, mach auf.«
Hatte sie ihm nicht gesagt, dass sie alles Wesentliche morgen früh besprechen würden?
»Es ist wichtig«, drängelt Jean.
Natürlich. Das ist es für Jean immer. Aber nicht jetzt. Jetzt wartet sie auf ihre Kartoffelsuppe. Leicht fröstelnd zieht sie es sogar in Erwägung, ein Bad zu nehmen. Sie greift zum Mobiltelefon und tippt: Bonne nuit, Jean. BB. Und schaltet es aus. Ein kurzes, schrilles Signal hinter der Tür lässt auf die Ankunft der SMS schließen.
»Merde. Wieso tue ich mir das nur an?« schimpft Jean vor sich hin. »Dann musst du eben die Konsequenzen tragen. Gute Nacht.«
In diesem Fall ist die Erfindung des Mobiltelefons eine sehr praktische. Barbara gebraucht die modernen Kommunikationsmedien eher pragmatisch. Den Umgang mit der Technik hat sie sich genau so weit zu eigen gemacht, wie sie daraus tatsächlich einen Nutzen zieht. Wozu dem Trend hinterherjagen? Funktional muss es sein.
Mit der Hand testet sie den Wärmegrad des Wassers, das nach und nach die Badewanne füllt, da klopft es wieder.
»Roomservice.«
Sie öffnet, um den Serviceboy mit dem Servierwagen einzulassen.
»Einmal Kartoffelsuppe nach Art des Hauses und etwas Brot. Darf ich es Ihnen auf den Tisch stellen?«
»Oui.«
»Haben Sie noch einen Wunsch, Madame?«
»Non, merci. Gute Nacht, Monsieur.«
»Bon appétit et bonne nuit, Madame«, sagt er und verlässt den Raum.
Der Regen prasselt gegen die Fensterscheiben. Im Bad rauscht das Wasser. Eine dünne Dampfsäule schlängelt sich von der Suppe aufwärts in die kalte Luft.
Unfassbar erscheint ihr die Tatsache, hier zu sein, an einem Ort, an den es sie nicht gezogen hat. Noch einige Wochen zuvor hätte sie sogar behauptet, nie einen Fuß auf diesen Boden zu setzen. So ändern sich die Dinge. Ihr letzter Roman hat hier die höchste Auflage erreicht, höher als in irgendeinem anderen Land – was, wenn sie es sich genau überlegt, sie in Staunen versetzt. Ihre Bücher sind nicht das, was sie als Literatur bezeichnen würde. Auch wenn die Kritiker sie gern vom Gegenteil überzeugen wollen, sieht sie in ihren Werken eher zynische Betrachtungen der verschiedenen Gesellschaften. Scharfsinnige Beobachtungen, intelligent zusammengeführt, gepaart mit dem ihr eigenen trockenen Humor und dramaturgisch ausgefeilt. Letztendlich aber verdankt sie ihre Karriere ihrem Verleger Jean, der genau die medialen Hebel zu bedienen weiß, um sich in die Wünsche der Leser einzuklinken. Der Erfolg seines Verlags gibt ihm recht und Aufwind zu immer gewagteren Handstreichen.
Mit dem Brot die Suppe aufnehmend, schlägt sie mit der freien Hand das Buch, das sie sich in Florenz gekauft hat, auf und beginnt, darin zu lesen. Nach den ersten Zeilen durchzieht ein stechender Schmerz ihren Kopf. Die Buchstaben vibrieren und ergeben keinen sinnvollen Zusammenhang mehr. Sie legt ihre Brille zur Seite und massiert die geschlossenen Augen. Wenn sie zurück in Montpellier ist, muss sie bei Dr. Bertrand unbedingt prüfen lassen, ob sie nicht doch eine neue benötigt. Keinen Appetit mehr verspürend, schiebt sie den Teller mit der Suppe von sich und steht auf, um sich zu entkleiden. Inzwischen frierend, testet sie nochmals die Temperatur des Wassers, bevor sie eintaucht. Wohlige Wärme umschließt ihren Körper. Allmählich entspannen sich Muskeln und Glieder. Diese Reisen strengen sie mehr an, als sie nach außen zu erkennen gibt. Besonders die Flüge. Nicht einmal Jean weiß, dass sie unter Flugangst leidet. Sie zieht es vor, mit dem Auto zu fahren. Selbst für die lange Strecke von Paris nach Montpellier würde sie nie einen Zug oder ein Flugzeug besteigen.
Die Wärme entwickelt sich zu unerträglicher Hitze. Eine Erkältung fehlte ihr gerade noch. Schließlich muss sie dringend mit dem Auftragsdrama für das Théâtre de la Madeleine anfangen. Im Dezember wird die Premiere sein. Philippe, der Intendant des kleinen Privattheaters in der Nähe der Madeleine, verlässt sich auf sie. Er denkt, sie hätte längst mit dem Schreiben begonnen. In gewisser Weise liegt er mit diesem Gedanken auch richtig. Aber sie kann ihm bislang keine einzige Szene vorweisen.
Es ist Sonntagabend. Heute schreibt sie nicht mehr. Morgen wird die Presse wieder die gleichen Fragen stellen, auf die sie bereits in Rom, Florenz, Zürich, Lyon und Brüssel geantwortet hat. Dafür muss sie gerüstet sein.
***
»Deine Antworten werden übersetzt. Und bitte fass dich nicht wieder so kurz. Du hast gesehen, welche Folgen das in Rom hatte. Du musst den Wolf füttern, sonst zerreißt er dich«, erteilt Jean seine stets gutgemeinten Ratschläge, die für Barbara den Beigeschmack einer gewissen Überheblichkeit in sich tragen.
»Das ist das letzte Mal. Ich habe diese Aufläufe satt. Diese ewigen Signierstunden und Pressekonferenzen. Das Herumreisen. Denk dir etwas anderes aus, aber rechne nicht mehr mit mir«, sagt sie nach einer kurzen Pause, mit einer Tasse Kaffee am Fenster stehend, den Blick fest auf ihn gerichtet.
Er schaut sie schweigend an. Keinerlei Angriffsfläche bietend. Überzeugt, sie würde sich wieder beruhigen.
Wut steigt in ihr auf. Ein hämmernder Kopfschmerz begleitet sie bereits seit den frühen Morgenstunden. Auch die dritte Tasse Kaffee und die zweite Zigarette konnten ihn nicht vertreiben.
»Ist das Hotel nicht nach deinen Wünschen?
Soll ich ein anderes suchen?«
Fassungslos stellt sie die Tasse hörbar auf dem Tisch ab.
»Wir kennen uns jetzt seit mehr als dreißig Jahren. Wer bist du eigentlich?«
Eine Frage, die sie sich oft gestellt hat. Immer, wenn sie glaubte, ihn verstanden zu haben, entgleitet er ihr wieder. Wie ein Chamäleon, das in Anpassung an seine Umgebung die Farbe wechselt.
»Das Ritz soll ganz ordentlich sein«, fährt er ungerührt fort.
Entschlossen greift sie ihren Mantel und setzt ihre Sonnenbrille auf.
»Die Pressekonferenz beginnt um elf Uhr in der Hotellobby«, ruft er ihr hinterher, als die Zimmertür krachend ins Schloss fällt.
***
Das Laub der Bäume schimmert gelb-grün im Schein der morgendlichen Sonne. Letzte wärmende Strahlen streifen die rechteckigen, symmetrisch angeordneten Steinplateaus. Auf den glatten Oberflächen spiegeln sich die wenigen Wolken des Himmels. Viele ziehen an dem großflächigen Mahnmal im Zentrum dieser Großstadt, einen kurzen Seitenblick werfend, vorbei. Einige Kinder haben die unzähligen Gänge zum Labyrinth erklärt und laufen suchend und vor Freude quietschend hindurch. Der Verkehr fließt gleichförmig rauschend vorüber. Je tiefer und weiter sie eindringt in dieses Feld der synthetischen Grabmale, desto entfernter scheinen Rauschen und Kinderlärm, bis sie gänzlich verschwinden. Stille. Über ihr der blaue Himmel. Neben ihr graue Steinwände. Wände und Gänge. Klare Formen. Die Gänge wie in Stein gegossene Meereswogen. Uneben, die Symmetrie durchbrechend. Starre Bewegungen in Blöcken wie aus Granit. Zu Stein gewordenes Leben.
Sie lässt sich auf einem der Blöcke am Rand
nieder und sinnt dem über dem Mahnmal aufsteigenden Rauch ihrer Zigarette nach. Eine kleine Touristengruppe in nicht allzu weiter Ferne besichtigt die Gedenkstätte. Es mögen sieben oder acht Senioren sein. Gekleidet in den üblichen Beige- und Sandfarben, tragen die Herren den Rucksack und Fotoapparat, während die älteren Damen übertrieben aufmerksam den Worten der jungen Stadtführerin lauschen.
»Das Mahnmal besteht aus 2.711 Stelen und ist seit dem 12. Mai 2005 der Öffentlichkeit zugänglich.«
Hat sie gerade jedes Wort verstanden? Worte einer Sprache, die sie nie gelernt hat. Noch als sie es bemerkt, versteht sie nichts mehr.
Das muss an den Kopfschmerzen liegen, tut Barbara die Eigentümlichkeit schnell ab.
Mit nahezu ganzem Körpereinsatz versucht die junge Frau diese Gruppe für das Mahnmal zu begeistern. Ihren großen und mannigfaltigen Gesten zufolge ist das offensichtlich kein leichtes Unterfangen. Eine Seniorin mit einer Frisur, die Barbara der Mode der siebziger Jahre zuordnet, fällt der jungen Frau penetrant ins Wort. Hilfesuchend schweift der Blick der Stadtführerin zu Barbara. Ihre Augen begegnen sich. Doch die Seniorin lässt nicht ab von ihrem jungen Opfer. Eine Szene, die Barbara bereits häufig beobachtet hat.
Aber irgendetwas daran ist anders, denkt sie und drückt die Zigarette auf dem Sockel neben sich aus.
Ein untersetzter Herr mit Fünftagebart fotografiert jeden Stein. Zwischendurch stellt er eine Frage, die in Barbaras Ohren stets den gleichen Wortlaut zu haben scheint. Als die Gruppe weiterzieht, dreht sich die Stadtführerin zu Barbara um.
***
Erst einer, dann weitere Regentropfen prallen auf die steinerne Oberfläche, vereinigen sich zu Miniaturwasseradern, die wie eine Flusslandschaft das Grau benetzen. Ein besonders großer Tropfen trifft hart und zielsicher auf die empfindlichste Stelle des Kopfes, um dann umso sanfter an den dunklen, graumelierten Haaren hinabzuperlen.
Die Pressekonferenz. Wie viel Zeit ist vergangen? Hatte Jean mich nicht vor dem tristen Wetter in Berlin gewarnt?
Hastig zündet Barbara sich eine Zigarette an, stellt den Kragen ihres Trench auf und macht sich auf den Weg zurück zum Hotel.
»Wo um Himmels Willen bist du gewesen?« zischt Jean ihr zu, als sie aufrecht und selbstsicher die Schwingtür des Nobelhotels durchschreitet.
»Ich gebe dir zehn Minuten. Zehn. Nicht eine Sekunde mehr. Die Presse wartet schon.«
»Armani«, stellt sie mit hochgezogener Augenbraue fest. »Wer hat diesmal eingeladen?«
»Der französische Botschafter«, antwortet er, sich verlegen das Sakko zurechtrückend. »Das Mittagessen. Barbara! Du treibst mich in den Wahnsinn.«
Sie mustert ihn von oben bis unten mit einem vielsagenden Blick.
»Zehn Minuten«, schreit er ihr beinahe hinterher, als sich die Türen des Fahrstuhls schließen.
Exakt um elf Uhr öffnen sich die Fahrstuhltüren. Lächelnd und mit festem Blick begegnet sie dem Blitzlichtgewitter der Horde Fotografen. Kein Wimpernschlag. Keine unbedachte Miene. Ein perfekter Auftritt in elegantem Schwarz. Make-up, Lippenstift und Mascara verdecken, gekonnt aufeinander abgestimmt, die Spuren der letzten zehn Tage. Fünfzehn Städte in zehn Tagen. Tausende Flugmeilen durch Europa und die USA für ein Bild von ihr in den Zeitungen oder ein Interview zu ihrem neuen Roman. Für die ungezählten »Cordialements« als Signum in Buchexemplaren in acht verschiedenen Sprachen. Ein so müßiges Spiel. Zehn Tage, an denen sie nicht eine Zeile schreibt. Stattdessen wieder und wieder »Cordialement«, so dass die Kraft selten zu einer winzigen Bemerkung in ihrem Notizbuch reicht, das sie stets bei sich trägt.
Während sie Buch um Buch signiert, steht er
in seinem maßgeschneiderten Zweireiher in gesichertem Abstand. Inzwischen ganz ergraut zwar, strahlen seine dunklen Augen noch immer die Lebendigkeit und den südlichen Charme seiner sizilianischen Vorfahren aus. Jean ist in seinem Element. Umschwirrt und beachtet von all denen, die ein Bild oder ein »Cordialement« von ihr haben wollen. Um zu ihr zu gelangen, muss man ihn für sich gewinnen. Dieser Rolle ist er sich wohl bewusst und bedient sie allzu gern.
»Wie lange haben Sie an diesem Roman gearbeitet?« fragt ein Journalist aus der hintersten Reihe.
Wen interessiert die Antwort auf so eine Frage? denkt sie und beugt sich zum Mikrophon vor.
»Genau 56 Tage«, antwortet sie mit ernstem Ausdruck, sich innerlich darüber amüsierend, dass der schlaksige Kerl in dem viel zu weiten Wollpullover diese Schätzung tatsächlich notiert. Die Quersumme aus 56 ergibt 11. Die Elf ist eine schöne Zahl. 56 Tage klingen realistisch für einen Roman. Morgen steht es dann in allen Zeitungen: Barbara Benoits neuer Roman von knapp 300 Seiten wurde in 56 Tagen geschrieben.
»Wer hat Sie zu der Hauptfigur inspiriert?« will eine kaum auffällige Frau aus der Mitte wissen.
Wahrscheinlich hat sie Literatur studiert, ist nach einem Volontariat bei einer kleinen Zeitung gelandet und wurde heute in Vertretung des Redakteurs zu dieser Pressekonferenz geschickt. Mit ihrer gesamten Körperhaltung entschuldigt sie sich ständig dafür, dass sie überhaupt existiert, überlegt Barbara.
»Mein Nachbar«, antwortet sie ernst. Der nächste Nachbar zu ihrem Landhaus in der Nähe von Montpellier wohnt circa einen Kilometer entfernt. Und es ist absolut sicher, dass Thierry sie eher langweilt, bisweilen sogar nervt als inspiriert. Was geht es die Öffentlichkeit schließlich an? Keiner wird doch wohl allen Ernstes glauben, dass sie vor der Presse ihr Privatleben ausbreitet. Sie wollen eine Story, und die sollen sie auch bekommen.
»Worum wird es in Ihrem nächsten Werk gehen? Ich habe gehört, Sie schreiben schon daran.«
Ich stelle mein aktuelles Buch vor, und dieser Wichtigtuer mit Nickelbrille verlangt bereits nach dem nächsten. Barbara wird ärgerlich.
»Das erfahren Sie früh genug. Machen Sie sich darauf gefasst, dass es einen vollkommen neuen Ton anschlagen wird. Anders als alles, was Sie bisher von mir kennen. Obwohl ich zu bezweifeln wage, ob Sie überhaupt je ein Buch von mir gelesen haben.«
Warum sie das gerade gesagt hat, weiß sie nicht. Momentan hat sie keine Idee, was sie überhaupt als Nächstes tun wird. Es steht lediglich fest, dass sie das Theaterstück schreiben muss. An einen neuen Roman kann sie dabei noch nicht einmal denken. Nach dieser Tortur verlangt es sie ohnehin nach Abgeschiedenheit und Ruhe. Wie ein spitzes, scharfes Messer durchfährt der Schmerz ihre Stirn. Sie verspürt das drängende Bedürfnis nach einem Ende dieser Befragungskampagne. Mit der linken Hand streicht sie eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Das verabredete Zeichen für Jean.
»Vielen Dank, meine Damen und Herren. Barbara Benoit hat heute noch einiges vor und muss sich jetzt leider zurückziehen.«
Ganz der Profi, kann sie sich in solchen Situationen absolut auf ihn verlassen.
»Au revoir«, wirft sie den Journalisten lächelnd zu und lässt sich, begleitet von den Blitzen der Fotoapparate, von Jean zum Fahrstuhl führen.
»Du findest den Hinterausgang? Dort wartet die Limousine der Französischen Botschaft.«
Ein Blick, und beide wissen genau, was der andere meint. Ein über Jahrzehnte aufeinander eingespieltes Team.
***
»Nein. Danke. Ich laufe.«
»Gut. Der Flug geht morgen um 12.45 Uhr.
Das Taxi steht um elf Uhr bereit.«
Sie nickt und wendet sich zum Gehen. Er setzt an, als wolle er sich von ihr verabschieden, lässt die erhobene Hand aber wieder sinken. Ihr lange nachsehend, steigt er in die anthrazitfarbene Limousine vor dem Botschaftsgebäude.
Eigentlich mag sie keine großen Straßen. Viel mehr liebt sie die verwinkelten engen Gassen, die in Montpellier und selbst in Paris zu finden sind. Genüsslich saugt sie die herbstlich kühle Luft ein und zündet sich eine Zigarette an. Erstmals nach den zwei Wochen des Reisens und der Heimatlosigkeit spürt sie eine Ahnung von Geborgenheit, als sie ihre Schritte durch das alte Berlin lenkt. »Friedrichstraße«, liest sie halblaut die Inschrift des Schildes.
Ein schweres Wort für eine Französin. Doch scheint es, als spräche sie ohne Akzent. Obwohl fremd in dieser Stadt, ist alles seltsam vertraut. Den Gendarmenmarkt mit dem Konzerthaus, das rechts und links vom Deutschen und Französischen Dom flankiert wird, passierend, vorbei an der Hedwigskathedrale, der Staatsoper mit dem Opernpalais, gelangt sie zur Spreebrücke. Gleichmäßig und lautlos strömt der schwarzgrüne Fluss unter ihr hindurch. Der aufkommende Wind lässt sie frösteln und ihre Hände in den Ärmeln des Mantels vergraben.
Eine illustre Runde hat sich bei einem Sechs-Gänge-Menü mit einer Unterhaltung, in der politische, religiöse oder andere brisante Themen tunlichst vermieden wurden, den Mittag vertrieben. Der Botschafter lädt die Künstlerin ein und zwei ausgewählte Journalisten, die darüber in der Presse berichten dürfen. Man isst nicht, um satt zu werden. Man redet nicht, um interessante Gespräche zu führen. Eine einzige Inszenierung der Unverbindlichkeit. Ein jeder beherrscht seine Rolle.
Morgen Abend wird sie endlich wieder in ihrem eigenen Bett schlafen. Ob Thierry inzwischen die Heizung repariert hat? Er muss dringend das Holz für den Kamin hacken und aufschichten. Bestimmt hat er ihr wieder diesen Bauernkäse in den Kühlschrank gelegt, dessen übler Geruch tagelang durch das Haus zieht. Sicher liegt auf dem Schreibtisch ein Brief von Philippe mit seinen Vorstellungen für die Besetzung des neuen Dramas. Hoffentlich muss sie die Rollenprofile nicht noch einmal neu überdenken, weil er seine Wunschkandidatin nicht bekommen hat. Das unsägliche Los der Pariser Privattheater, die mit den sinkenden Sternen am Filmhimmel arbeiten müssen, um die Säle zumindest halbwegs zu füllen.
