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Hannah betreibt eine Pension für kranke und schwächelnde Pflanzen und opfert sich gänzlich für diese auf. Dabei hat sie das Gefühl, selbst keinen Platz in dieser Welt zu haben. Bis zu jenem Tag, an dem ihre gute Bekannte und Kundin Elsa ihr kurz vor dem eigenen Tod den Schlüssel zu einem jenseits der Stadt gelegenen Garten vermacht. Dort soll Hannah einen Ableger ihres eigenen Baumes einsetzen, dem sie in der vergangenen Zeit viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Mit Betreten des Gartens beginnt eine tiefgründige, spannende Reise ins eigene Ich, bei der Hannah mehr und mehr erkennt, dass es für sie sehr wohl einen Platz in dieser Welt gibt, an dem sie Wurzeln schlagen kann.
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Seitenzahl: 74
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Der gefundene Garten
Inhalt
Peggy Langhans
Ein zarter Hauch von Apfelaroma
Der Wind hatte aufgefrischt
Ein sandiger Pfad
Geyer Möbeltransporte
Zur Autorin
Peggy Langhans
Der gefundene Garten
Novelle
Verlag Andrea Schröder
***
Für Maria-Elisabeth,
die mir mit Liebe und Geduld bewusst macht,
dass die Welt einem Garten gleicht,
den wir ideenreich gestalten und
dessen Früchte uns nähren.
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in Der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.
Copyright © 2020 Verlag Andrea Schröder, Inhaber Jens Koch, Bernau
www.verlag-andreaschroeder.de
Text: Peggy Langhans
Titelbild: Atelier Georg Lehmacher, Augsburg
2. überarbeitete Auflage
ISBN 978-3-944990-47-7
Printbuch unter ISBN 978-3-944990-34-7 erhältlich.
Erst, wenn wir uns verlassen,
wissen wir,
zu wem wir zurückkehren.
Ein zarter Hauch von Apfelaroma kitzelte ihre Nase, als sie das eiserne Gitter vor ihrer Ladentür quietschend zur Seite schob. Wie ein klagender Schrei fuhr es ihr durch Mark und Bein. Die winzige Kugel traf hart auf das rutschige Pflaster, prallte daran ab und kullerte weiter über die unebenen Gehwegplatten durch die rostigen Stäbe hindurch, fort in die Kanalisation.
„Ach, Amanda“, bedauerte sie. „Nächstes Jahr. Ganz bestimmt.“
Seufzend streichelte sie ein Blatt des Astes, der die unreife Frucht viel zu früh von sich abgestoßen hatte.
Mein Einziger ..., dachte sie und meinte, das Bäumchen vor ihrem Laden schluchzen zu hören. Ein weiteres fruchtloses Jahr.
„Ich bring dir Wasser. Dann wird’s besser.“
Mit dem Körper stemmte sie sich gegen die verklemmte Tür, um sie aufzustoßen. Das notdürftig über dem Eingang befestigte Schild vibrierte dabei bedrohlich, als würde es jeden Moment herunterfallen.
„Hannahs Pflanzenpension“ war in geschwungenen Lettern schwarz auf dem ungehobelten Holzbrett eingebrannt.
„Guten Morgen, Alfons. Schön geträumt, Charlotte? Gut geschlafen, Rosetta?“
Blumen über Blumen. In kleinen und großen Töpfen, Trögen, Kisten und Kästen. Auf Erde, Kies, Sand und Mulch gesetzt. Von Hellgrün bis Dunkelrot belaubt. Blütenübersät, früchtetragend oder gänzlich blattlos. Gerade gewachsen und üppig wuchernd. Schwelgenden Duft verbreitend oder geruchlos getarnt. Doch immer mit Wurzeln. Keine toten Blütenstängel in Vasen gruppiert, abgeschnitten von ihrer Quelle. Auf einem wackeligen Steg balancierte sie durch den floristischen Dschungel, um sich zum Tresen hindurchzuschlängeln.
Ausrangiertes Küchenmobiliar, das der Vorbesitzer, ein Gemischtwarenhändler, ihr überlassen hatte, bildete ihr häuslich anmutendes Domizil inmitten rankenden Grüns. Die überwiegend abgeblätterte Farbe ließ vermuten, dass Schrank und Anrichte einst cremefarben gestrichen waren. Allerdings musste dieser Anstrich viele Jahrzehnte, vielleicht sogar ein Jahrhundert zurückliegen.
„Oh, shabby chic“, hatte einst eine Kundin bewundert. „Das ist ja sowas von modern. Wie haben Sie das gemacht? Ich mag das ja. Nicht bei mir. Woanders. Hier passt es phänomenal. Schafft Atmosphäre. Ich würde mich nicht so einrichten. Aber hier ... schöner Laden.“
„Kein Laden“, hatte Hannah nüchtern entgegnet.
„Wie?“
„Ich verkaufe nicht.“
„Und die ganzen Pflanzen? Ich wollte unbedingt diese da mitnehmen. Was ist das doch gleich? Die passt gut in meinen Wintergarten, finde ich.“
„Alfons.“ Hannah konnte sich gerade noch rechtzeitig der Kundin in den Weg stellen, bevor sie mit ihren patschigen Händen die Blätter betatschte. „Ein Ficus.“
„Also, erlauben Sie mal! Das ist unerhört. Ich zahle Ihnen gutes Geld dafür“, unternahm die Dame mit ihrem massigen Körper den Versuch, Hannah zur Seite zu drängen.
„Unverkäuflich“, verteidigte Hannah standhaft und streckte ihre Arme aus, um ein wenig breiter zu wirken.
Beißender Schweißgeruch drang zu ihr herüber.
Odeur der Angst, bemerkte sie und sah der Frau direkt in die weit aufgerissenen Augen. Verströmt von einem Menschen, der nicht bekommt, was er haben will.
„Sie ... Sie ... Sie ...“, stammelte die Kundin fassungslos und stürzte wutschnaubend aus dem Laden.
„Das ist noch mal gut gegangen. Alles in Ordnung, Alfons“, wendete sie sich dem Ficus zu und entfernte liebevoll ein trockenes Blatt.
Alfons gehörte zu ihr, wie die antiquierte Küche zu diesem Laden, der kein Laden war. Einst brachte ihn sein Besitzer, ein Geschäftsreisender, für einige Wochen zu ihr in Pflege. Immer, wenn er von seinen Reisen heimkehrte und ihn wieder zu sich holte, vergingen nur wenige Tage, und Alfons landete wieder an seinem halbschattigen Platz hinter ihrem Korbsessel. Irgendwann kam der Geschäftsmann schließlich gar nicht mehr wieder, um Alfons nach Hause zu holen. Und so blieb er bei ihr und schien sich sichtbar wohl zu fühlen.
„Hannah … ein Notfall … hier … du weißt ja, wie mit ihr umzugehen ist“, stolperte Fritzi über die Planke am Boden zum Tresen. „Wann lässt du das Holz endlich mal von einem Fachmann verlegen? Man bricht sich noch das Genick.“
„In der Woche?“, fragte Hannah und nahm ihr das Töpfchen mit dem Alpenveilchen ab. „Gießen. Ab und zu wenigstens.“
„Ja, ich denke dran. Er hat mich in den Wellness-Tempel eingeladen. Endlich allein. Fünf Tage. Nur wir zwei.“
„Und seine Frau?“
Vorsichtig befeuchtete Hannah die staubtrockene Erde des mickrigen Pflänzchens.
„Ist mit den Kindern zu den Großeltern gefahren. Garantiert, weil er’s ihr gesagt hat“, antwortete Fritzi, klaubte sich mit langen Fingern ein Bonbon aus dem großen Glas neben der Kasse und wickelte es knisternd aus.
„Jede Pflanze verdorrt, wenn man sie nicht gießt. Selbst ein Alpenveilchen.“
„Dass er sie verlässt natürlich“, setzte Fritzi fort und kaute genüsslich auf dem Toffee herum. „Und das wird er. Da bin ich mir sicher.“
„Macht zehn Euro für die fünf Tage. Heute gibt’s zwanzig Prozent Montagsrabatt. Also acht insgesamt.“
Hannah hämmerte den Preis auf die metallenen Tasten der alten mechanischen Kasse. Klirrend öffnete sich das Schubfach mit dem Bargeld.
„Hier. Nimm die zehn. Für gute Pflege. Samstag hol ich sie ab, und dann werden wir ja sehen, ob ich recht habe“, flötete Fritzi, angelte sich noch einen Kaubonbon aus dem Glas und polterte über das am Boden liegende Brett hinaus.
Du hast es nicht leicht, Fritzi, was?, dachte Hannah und besah sich die gelbgeränderten Blätter des Veilchens, die an dünnen Stängeln kraftlos hingen. Wenn sie weiter so mit dir umgeht, werde auch ich nichts mehr für dich tun können. Noch treibst du ja Blüten, aber um welchen Preis?
Sie nahm das Töpfchen und suchte einen schönen Platz zwischen einem Blattkaktus und einem Gummibaum dafür aus. Charlotte und Rosetta. Jede Pflanze hatte einen Namen. Den Namen ihrer Besitzer.
Alles fing ganz harmlos an. Mit Alfons, dem Ficus. Alfons war Hannahs Nachbar auf derselben Etage in diesem Altbauhaus über dem Geschäft.
Er war Informatiker und für eine Firma zuständig, die ihn von einem Ort zum anderen in der Welt schickte. Und er war Single. Abgesehen von den verschiedenen Damen, die er ab und an nach Hause brachte, die jedoch selten länger als eine Nacht blieben.
Hannah konnte sich nicht daran erinnern, jemals einer dieser Frauen ein zweites Mal begegnet zu sein.
Charmant war er durchaus, der Alfons. Jedoch nur, wenn er nicht an einem, wie er es bezeichnete, „hoch brisanten Problem“ tüftelte.
„Eine informatische Herausforderung, diesen Algorithmus mathematisch zu berechnen und ihn dann zu programmieren, Hannah“, sagte er, wenn er ihr den Ficus in die Wohnung stellte. „Da kann ich mich unmöglich um ihn kümmern. Wenn ich das Problem gelöst habe, lade ich Sie auf ein Glas Wein ein.“
Leider hatte er das „Problem“ nie gelöst oder die Einladung schlicht und ergreifend vergessen, so gern Hannah sie auch angenommen hätte. Während sie auf Alfons wartete, kümmerte sie sich um seinen Ficus. Sie versorgte ihn mit Nährstoffen, gab ihm frische Erde und hin und wieder einen größeren Topf, so dass er unter ihrer Fürsorge gedieh. Und sie nannte ihn Alfons.
Anfangs war es ein Spiel. Aber die einfache Birkenfeige wuchs ihr zunehmend ans Herz, und sie nahm für sie immer wesenhaftere Züge an. Ein Lebewesen. Fast wie ein Mensch. Wie der Mensch, der fort war. Fern von ihr. So konnte sie ihm nahe sein. Ihrem Alfons.
„Sie kümmern sich ausgezeichnet um diesen Topf. Unter Ihrer Hand wächst er, während er bei mir vor sich hinvegetiert“, hatte er einst bemerkt. „Der grüne Daumen. Sie haben ihn und sollten etwas damit anfangen.“
Etwas damit anfangen. Womit?, hatte sie sich damals gefragt. Damit, dass ich mich um eine Pflanze kümmere, weil ich darauf hoffe, irgendwann wird ihr Besitzer an der Liebe, die ich ihr schenke, meine Liebe zu sich erkennen?
„Der Laden im Parterre wird frei. Das ist ideal. Machen Sie ein Geschäft daraus“, beschwatzte er sie.
Ein Geschäft daraus machen? Ein Geschäft aus der Liebe?
Das fand sie absurd.
„Sie pflegen die Pflanzen der Menschen, die infolge des globalisierten Arbeitsmarktes durch die Welt reisen müssen, aber trotzdem nicht auf ein wenig Grün in ihrem Heim verzichten wollen. Kleinere Pflanzen nehmen Sie in Pflege. Für die Größeren machen Sie Hausbesuche. Pflanzensitting. Ein todsicheres Konzept. Glauben Sie mir. Ich kalkuliere Ihnen das durch, sozusagen als Dank für Ihre gute Fürsorge“, bearbeitete er sie weiter.
