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Zum Buch: Erkenne dich selbst. ... Nach einem Selbstmordversuch liegt die französische Schriftstellerin Barbara Benoit im Koma. Während die deutsche Historikerin Annika Strehlow darauf wartet, dass sie erwacht, liest sie das Manuskript, das Barbara kurz zuvor beendet hat. Sie taucht ein in die Geschichte der Eltern Barbaras. Eine Geschichte voller Leidenschaft, großer Liebe und heftiger Auseinandersetzungen im Paris und Frankreich der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Tief bewegt überdenkt Annika ihr eigenes Leben und ihre ungewöhnliche Begegnung mit der vertrauten Fremden. Zur Steine-Trilogie: Am Holocaust-Mahnmal, vor der Kulisse synthetischer Steinblöcke beginnt die Geschichte der Begegnung zweier Frauen. Barbara Benoit, französische Erfolgsautorin, lebt zurückgezogen von der Welt im Süden Frankreichs. Versteinert und festgefahren in ihren Ansichten erscheint sie Annika Strehlow, einer deutschen Historikerin, deren Lebensstil ein chaotischer ist. Durch die gemeinsame Arbeit, in der sie Barbaras familiäre Vergangenheit enthüllen, finden beide zueinander. Die Trilogie ist nach dem dreigliederigen Prinzip Körper-Geist-Seele aufgebaut, in dem die Teile ineinander greifen und sich durchdringen. Jeder Band ist in sich abgeschlossen und als eigenständige Erzählung zu lesen. Gleichsam gibt es keine chronologische Abfolge der Bücher. Damit bilden sie ein einzigartiges Gesamtwerk.
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Der Geist der Steine
von Peggy Langhans
(aus der Steine-Trilogie)
Regen perlt herab
An einem Abend
Kaffee
In Monsieur McBeans Werkstatt
Der Wind frischte auf
In dieser Nacht
Ein Zeichen
Wo bist du?
Mit fünf Jahren
Die Bilder
Heirate mich
Die Ernte
Ein neuer Pfad
Anouk
Robert
Weihnachten 1942
Leichtes Spiel
Ein Koffer
Willkommen an Board
Vermintes Gebiet
Marokko
Zwölf Monate später
Gelebt zu tausend Prozent
Still
Schritt für Schritt
Befreit
Schmerz
Montpellier
Neuland
Danksagung
Zur Steine-Trilogie
Zur Autorin Peggy Langhans
Peggy Langhans
Roman
Verlag Andrea Schröder
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in Der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.
Text:
Peggy Langhans
Titelbild:
Atelier Georg Lehmacher, Augsburg
2. überarbeitete Auflage
ISBN 978-3-944990-48-4
Verlag Andrea Schröder, Inhaber Jens Koch, Bernau
www.verlag-andreaschroeder.de
© 2020 Verlag Andrea Schröder, Inhaber Jens Koch
Wenn du schläfst,
werde ich bei dir wachen.
Wenn du wachst,
werde ich mit dir träumen.
Der Regen perlt am Fensterglas herab. Grau, mit dicken Wolken verhangen ist der Himmel. Die Äste der Bäume beugen sich den Angriffen des durch sie hindurch pfeifenden Windes. Ein Rettungswagen mit Blaulicht fährt in hohem Tempo die schmale Straße zur Notaufnahme entlang. Dumpf klappen Türen. Schritte auf dem Flur werden lauter, entfernen sich bis sie verhallen. Unruhiges und geschäftiges Treiben bestimmt die Atmosphäre dieses Komplexes.
Hier ist es still. Unheimlich still. Das EKG durchdringt die Stille mit einem rhythmischen Piepen. Akustische Signale eines Herzens. Eines Herzens, das stark schlägt. So stark, dass sein Schlag nicht zu ertragen war. Lautlos tropft die Natriumchlorid-Lösung durch transparente Schläuche in den Körper. Wasser zum Leben. Sauerstoff wird in die Lunge gepumpt. Luft zum Atmen. Künstlich wird ersetzt, was sie selbst nicht zu sich nimmt. Nicht mehr zu sich nehmen wollte. Nicht mehr zu sich nehmen, um es endlich abzutöten. Dieses Herz, dessen Schlag schmerzt. So entsetzlich schmerzt, dass es den Körper zerreißt. Sie hat sich zurückgezogen. Zurückgezogen in sich selbst. Zurückgezogen, um ihm zu entkommen, diesem Schmerz.
Es ist so geheimnisvoll, das Land der Tränen, erinnert Annika sich an ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry. Wie gelange ich zu dir? Wie erreiche ich dich?
Als sie gestern die Auffahrt verließ, um nach Berlin zurück zu kehren, stand sie in der Tür und winkte ihr zum Abschied. Im Rückspiegel konnte Annika sie in ihrer für sie charakteristischen sehr aufrechten Haltung beobachten. Sie hat sich nichts anmerken lassen. Zeigte keine Rührung. Und dennoch wurde Annika während der Fahrt das Gefühl einer Vorahnung, das sie bereits seit einigen Tagen beschlich, nicht los. Je weiter sie sich von dem Anwesen am Meer entfernte, desto intensiver wurde dieses ungute Gefühl.
Heute ist es genau ein Jahr her. Vor einem Jahr sind sie sich begegnet. In Berlin. Am Holocaustmahnmal. Annika führte eine Touristengruppe durch die Stadt, als sie ihr auffiel. Diese Frau, gehüllt in einen dunklen Mantel, aufrecht sitzend auf einem der Steine des Mahnmals und eine Zigarette rauchend. Nicht ungewöhnlich. Und doch konnte Annika sie nicht vergessen. Der Anblick dieser Frau begleitete sie fortan. In ihrer Erinnerung wälzte sie sämtliche Eindrücke von Begegnungen und Erlebnissen, um sie mit diesem Bildnis abzugleichen. Sie fand keines, was ihm glich. Am folgenden Tag trafen sie sich wieder. Annika nutzte die Chance, um der Frage auf den Grund zu gehen, und sprach die Fremde an. Sie gingen noch einmal zum Mahnmal und Annika erzählte so viel über sich und ihre Arbeit, dass sie vollkommen vergaß, die Fremde nach ihrem Namen zu fragen. Alles, was sie wusste, war, dass sie Französin ist und ihre Eltern zur Zeit des 2. Weltkrieges umgekommen sind. Nach dieser wiederholten Begegnung blieb Annika mit einem noch größeren Berg an Fragen und Rätseln zurück.
Wer ist diese Frau? Was haben wir miteinander zu tun? Worum geht es hier?
Für Annika war ab diesem Moment in ihrem Leben nichts mehr, wie es vorher war. Als hätte sich der Horizont ihrer Wahrnehmungen geöffnet und verschlossen zugleich, begann eine Suche nach dem Schlüssel dieser Verbindung. So plötzlich, wie die Fremde auftauchte, entschwand sie auch wieder. Seitdem spürte Annika diese stete Vertrautheit, ein stetes Dasein. Es drängte sie, nach Frankreich zu kommen.
Im Dezember war es so weit. Eine Wochenendreise führte sie nach Paris. Nach Paris, in eines der kleinen privaten Theater in der Nähe der Madeleine. In ein Boulevardstück. Sie hätte auch in ein Konzert oder in die Oper gehen können. Aber sie sah sich diese Tragikomödie an, geschrieben von einer Barbara Benoit. Der Barbara Benoit. Eine der angesagtesten Autorinnen in Frankreich, wie sie dem Programmheft entnehmen konnte. Barbara Benoit. Eine Südfranzösin mit nordischen Wurzeln. Außer dieser Information und einer Auflistung ihrer Werke war aus dem Text nichts Näheres über ihre Biographie zu erfahren. Barbara Benoit. Die Fremde. Da war sie wieder. Mitten in Paris. Nun kannte Annika wenigstens ihren Namen. Am nächsten Morgen kam es zu dieser seltsamen Begegnung in einer kleinen Bäckerei. Annika kaufte Croissants zum Frühstück. Plötzlich hörte sie eine vertraute Stimme ihren Namen aussprechen. Ihr Name ausgesprochen in einer Stadt, in der sie eigentlich niemand kennt. Dachte sie. Und da saß sie. Eingehüllt in ihren Mantel. Die halblangen sehr dunklen Haare etwas zerzaust vom Wind. Eine Zigarette rauchend, vor sich einen Milchkaffee und die Zeitung lesend.
Egal, wo man diese Frau hinsetzen würde, sie würde auffallen und verschwinden zugleich. In einem Augenblick ist sie so präsent, dass alles um sie herum klein und nichtig erscheint, im nächsten ist sie unsichtbar als hätte es sie nie gegeben. Die Fremde. Gleich einer Zigeunerin, die wie aus dem Nichts auftaucht, mit ihrer Kunst und ihrer Erscheinung die Menschen verzückt und betört und dann weiterzieht ohne die geringste Spur von sich zu hinterlassen. Weder weiß man, woher sie kam, noch wohin sie ging.
Annika setzte sich zu ihr. Erstaunlich, wie sich Barbara jede Kleinigkeit, die Annika betraf und die sie ihr erzählt hatte, gemerkt hat. Als wären sie sich erst gestern in Berlin begegnet. Bei einer Tasse Kaffee trafen sie ihr Abkommen, das schließlich dazu führte, dass Annika heute hier ist. In diesem Hospital am Rande der Stadt von Montpellier in einem Zimmer, in dem ihr nahezu lebloser Körper ausgestreckt auf einem Bett liegt. Es ging um eine Geschichte. Ihre Geschichte. Die Geschichte ihrer Eltern. Annika recherchierte in den Archiven, um den Fall für ihre Dissertation zu verwenden. Barbara schrieb parallel an einem Roman. Von zwei verschiedenen Seiten näherten sie sich einem Thema. Annika beschritt den sachlichen Weg. Den Weg der Fakten und Daten. Immer auf der Suche nach Beweisen. Barbara beschritt den emotionalen Weg. Den Weg der Intuition und Inspiration. Auf der Suche nach der Wahrheit. Nach einer Wahrheit, die höher steht, als alle Zahlen, höher als der Verstand, der lediglich das gefrorene Abbild dieser Wahrheit zu sein scheint. In dem kleinen Anwesen am Meer in der Nähe von Montpellier geschah etwas, das größer und unfassbarer war, als die bloße Tatsache, dass zwei Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Nationalität an einer Dissertation und einem Roman zu einem Thema arbeiteten. Erfüllt von dem Geist der Wahrheit verließen sie alt bekannte Pfade, um einen neuen Weg einzuschlagen. Den Weg der Schöpfung. Doch einen neuen Weg zu betreten, birgt auch Gefahr. Die Gefahr sich zu verirren oder gar zu verlieren.
Wo bist du? pocht es Annika mehrfach durch den Kopf.
Die Frau, die alles und jeden unter Kontrolle hatte, liegt ausgestreckt auf einem Krankenbett, zugedeckt mit einer dünnen, weißen Decke. Regungslos. Technische Geräte kontrollieren die Funktionen des Körpers. Sie, die immer stark war, stark sein wollte, unabhängig, ist nun dem Wirken Anderer ausgeliefert. Selbst den letzten Moment ihres Lebens wollte sie steuern. Den Tod nicht dem Zufall überlassen.
Hatte Annika das Recht, diesen Schritt zu vereiteln? Warum ist sie gestern wieder umgekehrt?
Der Sommer war vorbei. Alles, was Annika für die Fertigstellung ihrer Dissertation benötigte, hatte sie recherchiert. Barbara indessen hatte ihren Roman soweit abgeschlossen, dass sie ihn ihrem Verlag zum Lektorat vorlegen konnte. Sie hatten ihr Übereinkommen erfüllt. Was zog Annika wieder zurück in dieses Haus am Meer unweit von Montpellier statt nach Deutschland in ihr gewohntes Leben? Was suchte sie hier? Oder hat sie es bereits gefunden?
In der Entspannung wirkt Barbaras Gesicht sanft. Selten hat Annika diese Zartheit sehen dürfen. Selten, aber oft genug, um das wahre Wesen dieser sonst beherrschten und durchsetzungsstarken Frau zu erahnen. Sie hat ihr erlaubt, hinter die Fassade zu schauen, und das ist es, was Annika immer wieder zu ihr führen wird.
Der Wind peitscht den Herbstregen gegen die Scheiben. Dicke grau-schwarze Wolken ziehen schnell in wechselnder Formation am Himmel entlang.
Wo bist du? fragt sich Annika wieder und wieder.
Nicht da, wo du mich suchst. Aber immer bei dir, kommt ihr plötzlich die Antwort in den Sinn.
Das Manuskript. Als sie Barbara gestern auffand, lag das Manuskript ausgedruckt und mit einer Notiz versehen auf dem Schreibtisch. Jean, der Verleger, sollte es erhalten, um es auf den Weg zur Veröffentlichung zu bringen. Annika hatte es in ihre Tasche gesteckt, um es ihm zu geben. Und dort ist es noch. Die Antworten auf ihre Fragen liegen in diesem Manuskript. Sie kennt zwar den groben Inhalt und einige Passagen, an denen sie mitgewirkt hat, aber das gesamte Werk hat sie nie lesen können. Nie lesen dürfen. Barbara gewährte ihr den Einblick, soweit sie ihn für nötig erachtete, aber das Ganze gab sie nicht preis. So, wie sie es auch mit sich und ihrem Inneren hält, so ist sie mit diesem Roman umgegangen.
Annika setzt sich in den Sessel in eine Ecke des Zimmers das Manuskript auf dem Schoß.
„Die Offenbarung des Schweigens“, steht in Fettdruck der Titel auf der ersten Seite. Sie blättert weiter und liest:
„Du lehrtest mich zu fliegen,
ich lehre dich zu verweilen.
Für Annika“
Für Annika, liest sie noch einmal.
Barbara hat ihr dieses Buch gewidmet. Ihr, einer unbedeutenden deutschen Historikerin. Einer Frau, die zufällig in ihrem Leben auftauchte und ihre Vergangenheit in die Gegenwart zerrte. Die dafür verantwortlich ist, dass Barbara hier liegt. Denn wären sie sich vor einem Jahr nicht am Holocaustmahnmal begegnet, würde Barbara jetzt wahrscheinlich an ihrem Schreibtisch sitzen und an einem Theaterstück oder trivialen Roman arbeiten. Sie wäre gar nicht auf die Idee gekommen, sich das Leben zu nehmen.
„Du lehrtest mich zu fliegen.“
Fliegen. Barbara hasst nichts so sehr wie das Fliegen. Wenn sie Annika vom Flughafen in Montpellier abholte, war ihr die Erleichterung darüber anzusehen, dass Annika heil gelandet war. Im Sommer liebte Annika die Schwärme von Taubenschwänzchen, die sich auf den Oleanderbüschen vor der Terrasse in der Morgensonne niederließen. Hunderte müssen es gewesen sein, die lautlos durch die Luft flatterten. Ewig konnte Annika dabei zusehen, wie sie sich scheinbar frei jeglicher Ordnung bewegten. Voller Lebensfreude. Kurz ließen sie sich nieder, um nach einer Pause weiterzuziehen. Wie sie selbst. Annika blieb nie lange an einem Ort. Sie fühlte sich getrieben. Getrieben dazu, schnell weiterzugehen. So manches Mal war ihr nicht bewusst, wohin sie eigentlich ziehen sollte. Sie kannte weder Rast noch Ruhe.
„Ich lehre dich zu verweilen.“
Seit ihrer Begegnung hat Annikas Leben ein Ziel. Magisch fühlt sie sich von dem Anwesen am Meer in Südfrankreich angezogen. Nur zu gern nutzte sie die Möglichkeit, um ihrem unsteten Leben in Berlin zu entfliehen. In den alten Mauern aus Felssteinen, in dem mit Büchern und Papier überfrachteten Arbeitszimmer und in der Nähe von Barbara kam sie zu einer Ruhe, die sie bislang nicht kannte und doch suchte. War diese Ruhe, dieses Gefühl des Angekommenseins, das, was Annika in ihrem bisherigen Leben so rastlos trieb? War das das Ziel, das sie suchte und hier gefunden hat? Sie ist in Barbaras Leben eingedrungen. Hat in den Archiven ihre Vergangenheit aufgestöbert. Barbara ist ihr mit unbedingtem Vertrauen begegnet. Sie hat Annika nicht nur in ihr Haus, sondern auch in ihre Seele gelassen. Wie ein Dieb fühlt Annika sich. Ein Dieb, der mit seiner Beute im Gepäck davonläuft, um das fremde Gut für sich zu verwenden.
„Ich lehre dich zu verweilen.“
Deshalb ist sie gestern wieder umgekehrt. Sie ist umgekehrt, um zu verweilen. Zu verweilen, um sich ihrerseits Barbara zu öffnen. Ihr Einblick in ihre Seele zu gewähren. Während der ganzen Zeit ihrer Arbeit ging es um Barbara und ihre Vergangenheit. Selten stellte Barbara eine Frage, die Annika betraf. Was weiß sie von Annika? Sicher – ein paar äußere Informationen. Dass sie zum Beispiel 33 Jahre alt ist, in Berlin lebt, Geschichte studiert hat, eine Promotion über den Holocaust in Europa schreibt und sich mit Stadtführungen ein wenig hinzuverdient. Sofern es jedoch um ihr Inneres ging, war sie geschickt genug darin, Barbara auszuweichen. Barbara hatte sich dem Blick in den Spiegel gestellt. Wird Annika ihr dieses Vertrauen ebenso entgegenbringen können? Das Vertrauen, dass sie den Spiegel hält und Annika sich darin erkennen kann? Sich darin erkennen. Vollkommen. Ungeschminkt. Direkt. So wie sie tatsächlich ist, um sich nicht mehr davon zu stehlen. Davon zu stehlen von sich selbst.
Vielleicht hat Barbara genau das gestern getan. Sie hat sich nicht davon gestohlen. Sie ist in den Schmerz hineingegangen. Sie hat sich ihm gestellt. Tief ist sie hineingegangen, um ihm zu begegnen.
Manchmal ist es gut, zu fliegen. Manchmal ist es wichtig, zu verweilen.
Ja, lehre mich zu verweilen, beschließt Annika und schaut dabei lange auf die geschlossenen Augen Barbaras ehe sie das Manuskript aufschlägt, um darin weiter zu lesen.
Bis hierher. Bis zu diesem Tag habe ich geschwiegen. Ich habe geschwiegen, weil wir es uns geschworen. Ein Schwur, geleistet in einer Zeit des Dunkels. Ein Eid, der uns half, zu überleben. Diesen Eid werde ich brechen. Ich werde ihn brechen, um der Welt von uns und unserem Schicksal zu erzählen. Sie teilhaben zu lassen an einer unglaublichen Geschichte. Unserer Geschichte. Die Geschichte von Anouk und Paul.
Mein Name ist Paul. Paul Benoit. So steht er auf meinem Grabstein. Ein Stein aus Granit mit goldenen Lettern. Das Grab, das meine sterblichen Überreste enthält, wird überschattet von einer meterhohen Pinie. Ich liebte Pinien. Zu jeder Jahreszeit. Ihren harzigen Duft der Rinde, das Pfeifen, wenn der Wind durch die Nadeln streifte, das Knacken der Zapfen, wenn sich in der Hitze die Samenkapseln öffneten. Ein anspruchsloser Baum, der auf trockenem Sandboden gedeiht. Diese Bäume waren in Südfrankreich verbreitet. Sie säumten die Küstenstreifen hinter den Dünen und gruppierten sich zu kleinen Wäldern in den ländlichen Regionen. Als Kinder durchstreiften wir diese Wälder mit kleinen Eimern, um darin die heruntergefallenen Zapfen einzusammeln. Später knisterten sie verheißungsvoll im Ofen über der Wanne und heizten das Wasser für das Bad auf. Was war das für ein Fest! Das Bad am Samstagabend. Dasharzige Aroma in der Luft. Ich werde mit ihm immer diese Freude und diesen Genuss verbinden. Und nun spendete ein ebensolcher Baum meinem Leichnam Schatten.
Ich hatte die Stelle nicht ausgewählt. Dazu kam mein Tod zu plötzlich. Ich war 22 Jahre alt. Wohl wahr, es waren turbulente Zeiten. Keiner wusste, was geschehen wird. Jeder dachte, er weiß es besser, hat die Lösung oder kennt den richtigen Weg. Aber was ist der richtige Weg? Was ist die Lösung? Was ist gut? Ich weiß nur eines: als die Kugeln michtrafen, befand die ganze Welt sich im Krieg. In einem Krieg, der so brutal, so paradox und so sinnlos war. Doch wir machten alle mit. Jeder auf seine Weise. Mal mehr, mal weniger überzeugt. Es war der 24. Mai 1944. Der Tag meines Todes. Exakt drei Jahre nach dem Ereignis, das mein Leben verändern sollte. Die Begegnung, für die sich mein Leben gelohnt hatte.
Ich starb jung. Zu jung. Gewiss, mancher wird sich fragen, was man mit 22 Jahren überhaupt erfahren haben konnte. Man wird mich für überheblich halten. Großpapa bezeichnete mich hin und wieder gern als altklug. Ach, was soll’s. Mir ist es gleich, was Andere von mir denken. Ich habe nie das getan, was man von mir verlangte, nur weil man es von mir verlangte. Zumindest nicht in den vergangenen drei Jahren. Ich musste selbst davon ergriffen sein. Ich musste dafür brennen. Ich musste dafür sterben wollen. Eine Idee war für mich bloße Idee, wenn ich sie nicht auf allen Ebenen spüren konnte. Sie musste meinen Geist, meine Seele und meinen Körper in Besitz nehmen. Dann war sie real. Dann kämpfte ich dafür. Es bestandkein Unterschied zwischen mir und der Idee. Die Idee wurde in mir zu Fleisch.Und ich existierte zu hundert Prozent. Etwas anderes gab es für mich nicht. Ja, ich tanzte auf dem Vulkan. Ja, ich riskierte alles. Spielte die höchsten Karten aus. Aber ich lebte. Ich hatte ein Leben. So kurz es war, so intensiv lebte ich es. Deshalb ist es mir eins, was die Großpapas dieser Welt über mich denken. Ich habe gelebt. Ja, verdammt, und ich würde dieses Leben um jeden Preis zurück haben wollen. Würde alles dafür geben, um das, was mein Tod nach sich zog, ungeschehen zu machen. Aber, was ich auch versuche, es nutzt nichts. Es ist vorbei. Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen. Umzu verstehen, dass es vorbei ist.
Den Aufprall der Kugel auf den Brustkorb habe ich noch gespürt. Ihr Eindringen in das Fleisch schon nicht mehr. Das unsichtbare Band zwischen Körper und Geist war durchtrennt. Leblos lag mein Leib aufgebahrt im Keller der Friedhofskapelle. Wieso konnte ich ihn nicht mehr bewegen? Was war passiert? Wer hat mich meines Körpers beraubt?
Am Fußende der Bahre saß sie. Sie, die meinem Dasein zu einer Wende verholfen hatte. Sie, von deren Seite ich nicht mehr weichenwollte. Sie, der ich ewige Liebe schwor.
Ich wollte wieder hinein. Hinein in diesen Körper. Er musste mir gehorchen.
Aber das war nicht mein Körper. Nicht der Körper, den ich kannte. Dazu diese fahle, ungesunde Hautfarbe.
Ich war attraktiv. Durchaus. Mit fast schwarzen Haaren, die in einer leichten Welle von rechts nach links gescheitelt den Kopf bedeckten. Mein Gesicht wareben, glatt rasiert. Die Lippen nicht zu schmal und nicht zu breit. Nussbraune Augen, in einem perfekten Abstand zueinander. Der Teint meiner Haut war braun. Bei starker Sonneneinstrahlung wurde er so dunkel, dass man mich oftmals für einen Algerier oder Marokkaner hielt. Mit 1,85 m war ich nicht zu groß und nicht zu klein. Ich liebte jede Form des Ballsports und das Schwimmen im Meer, so dass ich gut durchtrainiert war. Ein antiker Bildhauer hätte seine Freude daran gehabt, meinen Körper in Stein zu meißeln.
Doch diese Vorstellung von mir passte ganz und gar nicht mit dem zusammen, was auf dieser Bahre ausgestreckt lag. Nein. Das konnte unmöglich mein Leib sein. Das war nicht die große Hand mit den langen Fingern, mit denen ich ihre Wangen berührte. Das war nicht der fordernde Mund, mit dem ich ihre Lippen küsste. Das waren nicht die sehnig-muskulösen Arme, mit denen ich ihre Taille umfasste. Von mir aus sollten sie diesen Körper begraben. Zu wem er auch gehören mochte.
Schließlich bin ich noch da. Ich bin noch da und kann euch sehen. Warum seht ihr mich nicht? Warum starrtet ihr diesen Leib an? Diesen Leib, der nicht ich bin. Warum vergosst ihr Tränen, als ihr ihn ansaht? Warum habt ihr ihn mit meinem Namen angesprochen? Mit dem Namen Paul Benoit.
Paul Benoit. Das bin ich. Ich. Versteht ihr nicht? Nicht dieser Leib. Dieses scheußliche Etwas. Ich bin es. Ich bin Paul Benoit.
Der Regen prasselt gegen das Fensterglas. Die Bäume im Park biegen sich im Wind. Blitze zucken aus finsteren Gewitterwolken. Annika schaltet die Lampe in der Nähe ihres Sessels an, auf den sie sich in einer Ecke des Zimmers gesetzt hatte, um das Manuskript zu lesen. Im Schein der Lampe wirkt das starre Gesicht Barbaras noch bleicher. Das EKG piept in stetem Takt. 63 Jahre ist sie alt. Ob in ihr einst auch ein Rebell steckte, wie in ihrem Vater? Lebte sie wie er zu hundert Prozent? Annika hat Barbara als einen Menschen kennen gelernt, der seine Pflicht erfüllt. Alles hat seinen Platz. Eine ungeschriebene Ordnung. Diese Ordnung durfte nicht durchbrochen werden. Warum hat sie sich diese Ordnung geschaffen? Weshalb braucht sie sie? Als Halt? Annika selbst hat mit der Ordnung Schwierigkeiten. Ihr Leben erscheint ihr wie ein einziges Chaos. Aber irgendwie kam sie bisher immer durch, auch wenn sie oft nicht wusste, was im nächsten Moment sein wird. Ja, sie ist frei wie ein Vogel. Aber diese Freiheit hat auch ihren Preis. Wie hoch der ist, kann sie nicht sagen. Einige Beziehungen sind darüber bereits in die Brüche gegangen. Im Dezember verließ sie Daniel. Sie hat es niemandem erzählt, außer Thierry. Und der ist inzwischen tot. Als Thierry sie mit auf eine Bootstour nahm, um ihr die Bucht zu zeigen, haben sie über alles reden können. Sie hat ihm ihr Herz ausgeschüttet, und er war ein geduldiger Zuhörer. Barbara hatte nie gefragt. Nur wenige Details sind ihr aus Annikas Leben bekannt. Über mehrere Wochen lebten sie auf engem Raum miteinander. Sie arbeiteten. Sie beschäftigten sich mit der Vergangenheit, und sie waren in der absoluten Gegenwart. Es zählte nicht, dass Barbara eine berühmte Autorin ist. Es bedeutete nichts, dass Annika wesentlich jünger ist. All die Attribute, über die sie in der Gesellschaft definiert werden, waren in dieser Zeit belanglos. Sie lebten den Augenblick und gingen vollends darin auf. Ja, in diesen Wochen im Sommer 2007 existierten sie zu hundert Prozent.
Warum wolltest du dann gehen? Warum? fragt sich Annika. Was habe ich falsch gemacht?
Hilflos fühlt sie sich angesichts Barbaras nahezu leblosen Körpers. Hilflos und wütend. Wenn sie etwas wirklich in Wut bringen konnte, dann waren es genau diese Rückzüge. Barbara redete nicht viel. Besonders nicht dann, wenn sie innerlich bewegt war. Sie teilte ihre Empfindungen nicht mit ihrer Umwelt. Stattdessen schloss sie sich ein in ihrer eigenen Welt. Baute sich ihre Wahrheit zurecht. Fällte ihre Urteile. Allein. Nicht selten stieß sie Annika mit den Resultaten ihrer einsamen Überlegungen vor den Kopf. Sie gab ihr keine Gelegenheit, an dem Prozess und den Kämpfen, die sie innerlich austrug, teilzuhaben. Genau wie in diesem Augenblick.
Wie soll Annika Kontakt zu ihr bekommen? Sie wollte sich davonstehlen. Davonstehlen aus dem Leben. Aber warum? Annika wusste noch nicht einmal, dass sie sich das vorgenommen hatte. Sie hatte keine Ahnung von Barbaras Plänen. Wie auch.
„Ich lehre dich zu verweilen“, liest sie die Widmung auf dem Manuskript.
Warten. Geduld. Nichts fällt Annika so schwer, wie Geduld zu haben. Und ausgerechnet darauf stößt Barbara sie mit ihrem derzeitigen Zustand. Geduld. Warten. Warten auf eine Bewegung. Ein Wort. Ein Lebenszeichen, sei es auch noch so winzig. Warten auf ihre Rückkehr aus einem fernen Land, in dem sich Annika nicht auszukennen glaubt.
Tief atmet sie durch, um die Wut und Verzweiflung, die in ihr hochsteigen, zu unterdrücken.
Okay. Dann werde ich warten. Ich werde verweilen, beschließt sie und schlägt das Manuskript wieder auf, um mit dem Lesen fortzufahren.
Unzweifelhaft. Ich musste tot sein. Mausetot. Denn nicht einmal sie konnte mich sehen. Je lauter ich ihren Namen rief, desto heftiger weinte sie sich die Augen aus.
„He. Hier. Ich bin da. Ich lebe. Wein doch nicht“, sagte ich.
Aber was war das? Unglaublich. Wie hatte ich den Tag herbeigesehnt? Den Zeitpunkt ihrer Geburt. Ich war 22 Jahre und Papa einer Tochter. Ein Sprössling der Benoits. Maman wäre stolz auf mich gewesen. Auf uns selbstverständlich. Sie sah mir ziemlich ähnlich. Schien, ihreneigenen Kopf durchsetzen zu wollen. Das Rebellische hatte sie von mir. Die Anmut von Anouk.
„Anouk! Um Himmels Willen, was wird das? Was machst du da? Du hast nie Wein getrunken. Das sind eindeutig zu viele Schmerztabletten. Nein. Nicht. Du kannst dem Kind doch keine Tabletten verabreichen. Du bringst euch beide um. Trink das nicht. Barbara, verdammt, spuck es aus. Spuck es aus. Puh.Gut so. Ja, Maman wird sich gleich wieder um dich kümmern. Beruhig dich. Anouk? Anouk?! Oh Gott, hab Erbarmen! Warum? Warum musstest du das tun? Warum? Verdammt nochmal, warum?“
Ich schrie aus ganzer Seele, aber niemand hörte mich. Sie lag auf dem Boden. Lang hingestreckt. Das Glas in der Hand. Erstaunlich, dass es nicht zu Bruch gegangen war. Als ob sie schliefe, lag ihr Körper seltsam ruhig auf den weißen Fliesen. Dieser junge, schöne Körper, den ich so liebte, den ich so leidenschaftlich begehrte. 25 Jahre war sie alt. Blass ihre Haut. Die dunklen Haare fielen ihr in langen Wellen auf die Schultern. Ihre klaren blauen Augen erinnerten mich an den Atlantik an kühlen Sommertagen. Ich mochte es, mich in ihnen zu spiegeln. Nun waren sie trüb und starr. Oh, meine geliebte Anouk. Was hattest du getan?
Ihren Leichnam brachten sie schnell unter die Erde. Ein einzelnes Grab am anderen Ende des Friedhofs. Das Areal, auf dem sie die Nicht-Konfessionellen und Selbstmörder bestatteten. Man wollte es offensichtlich schnell hinter sich bringen. Wenigstens hatte Barbara, unsere Tochter, überlebt. Ausgerechnet bei den katholischen Schwestern. Dass das nicht gut gehen konnte, war so sicher, wie das Amen in der Kirche. Barbara hatte nicht nur einen Teil von mir geerbt. Nein, vielmehr trieb sie den Rebellen auf die Spitze. Ob es ererbter Charakter ist oder nur die natürliche Reaktion auf unsere Geschichte? Schließlich hatten wir ihr ein Erbevermacht, das sie sich nicht aussuchen konnte. Sie hatte noch nicht einmal die Möglichkeit, es auszuschlagen. Sie musste es antreten ohne Wenn und Aber. Wie viele Fragen, wie viel Zorn, wie viele Warums hatte sie in die Wiege gelegt bekommen, weil es uns gab. Uns und unsere Geschichte. Mit welcher Schuld, welcher Verachtung, welcher Ungewissheit muss sie leben, weil wir sie in die Welt gesetzt haben, weil sie unsere Schöpfung ist.
***
Es war an einem Abend im Mai 1941. Der 24. Mai 1941. An dieses Datum kann ich mich ganz genau erinnern. Ich hatte eine der begehrten Eintrittskarten für die Operá de Paris erhalten und saß im zweiten Rang. TRISTAN UND ISOLDE von Richard Wagner stand auf dem Spielplan. Auf Deutsch mit französischen Übertiteln. Die Deutschen hatten Paris besetzt und ihre Kultur mitgebracht. Diese Aufführung war ein Gastspiel der Deutschen Staatsoper Unter den Linden unter der Leitung von Herbert von Karajan. Ich war kein Kenner der Kunst. Bin es nie gewesen. Es grauste mich der Gedanke, fünf volle Stunden auf den nach einer Weile unbequemen Theatersesseln zu verbringen und überdies kein Wort zu verstehen. Zudem eine der tragischsten Liebesschnulzen der Operngeschichte ansehen zu müssen, war für mich alles andere als motivierend. Aber ich musste Liebkind zu bösem Spiel machen. Ich war verpflichtet, der Einladung meines Kommilitonen Matthieu zu folgen, wenn ich weiterkommen wollte. Und das wollte ich. Schließlich war ich getrieben von einem unstillbaren Ehrgeiz.
Vom Rang aus hatte ich einen guten Überblick über den Saal, wie er sich Platz für Platz füllte. Der mehrheitliche Teil des Publikums bestand aus deutschen Offizieren mit ihrer weiblichen Begleitung. Meist hübsche, junge Französinnen, denn ihre Frauen hatten sie ja in Deutschland zurück gelassen. Es war eindrucksvoll, wie natürlich diese Kombination wirkte. Eine friedliche Vereinigung zweier Nationen. Zumindest an diesem Abend und in diesem Opernhaus. Ein Paar jedoch stach heraus aus der Menge. Ein älterer, weißhaariger Herr mit einer wesentlich jüngeren, attraktiven Frau an seiner Seite. Ich erblickte sie, wie er sie zu ihren Plätzen in vorderster Reihe des zweiten Rangs genau gegenüber geleitete. Er trug keine Uniform, wie all die anderen Herren. Auch sah er nicht aus wie ein Deutscher, schon gar nicht wie ein Franzose.
Sie hatte etwas Zerbrechliches und gleichsam Wildes. Ihre langen, dunklen Haare versuchte sie mit einer Spange zu bändigen. Sie schienen sich aber nicht bändigen zu lassen, fielen ihr über die Schultern und eine Strähne sogar ins Gesicht. Das eng taillierte Kleid betonte ihre zierliche Figur. Es war rot. Leuchtend rot zwischen den grau-grünen Uniformen. Mit einem schwarzen Seidentuch bedeckte sie die nackten Schultern und das blasse Dekolleté. Unwillkürlich musste ich an Esmeralda, die Zigeunerin in Victor Hugos NOTRE DAME denken. Kurz nur trafen sich unsere Blicke und schon erlosch das Licht und die Musik setzte leise ein. Wie ein Blitzschlag hatte es mich getroffen. Es hatte mich so getroffen, dass ich in der Dunkelheit nichts anderes mehr wahrnehmen konnte als ihr Gesicht. Mit einem einzigen Blick hatte sie mir so den Kopf verdreht, dass ich während des gesamten ersten Aktes mit der Frage beschäftigt war, wie ich es anstellen könnte, ihr in der Pause zu begegnen. Die Zeit wollte und wollte nicht verstreichen. Manchmal glaubte ich, im Halbdunkel ihr Gesicht zu erspähen. Inständig hoffte ich auf eine Begegnung in der Pause. Der Vorhang fiel, und ich drängelte mich, meine guten Manieren vergessend, durch die Menschen, um hinunter zu gelangen.
„Paul“, rief mich Matthieu zu sich, der bereits im Foyer stand.
Es war mir ein Rätsel, wie er so schnell dahin gekommen war. Matthieu fand offenkundig immer einen Weg für sich, gleichwohl, wie kompliziert die Situation sich darstellte. Widerwillig folgte ich seiner Aufforderung und trat zu ihm.
„Champagner?“, bot er mir an, und mir war klar, dass ich sein Angebot nicht ablehnen durfte.
„Kennt ihr euch? Das sind Monsieur Lagarce und Monsieur Gernet“, stellte er mir seine Begleiter in den khakifarbenen Uniformen des Vichy-Regimes vor.
„Bonsoir Monsieurs. Benoit. Paul Benoit.“
Ich prostete ihnen zu und trank hastig den Champagner.
„Mein Freund studiert Medizin. Ist im September letzten Jahres zu uns gestoßen und hat sich, wie Sie wissen, bereits als äußerst fähig erwiesen“, führte Matthieu weiter aus.
Die Herren in den Uniformen nickten wohlwollend und musterten mich mit ihren kalten Augen, dass mir ein eisiger Schauer über den Rücken lief.
„Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, zum Militär zu gehen, Monsieur Benoit?“, fragte mich der ältere der beiden mit dem Namen Lagarce und goss mir Champagner nach.
„Frankreich ist desolat. Der Werteverfall ein Jammer. Männer wie Sie – fähige Köpfe – braucht unsere Nation, meinen Sie nicht?“, fuhr der jüngere der beiden fort.
„Er kommt aus einer guten Familie. Die Benoits gehören seit Generationen zu den angesehensten Geschlechtern im Süden Frankreichs. Sie haben allerdings einen kleinen Makel“, sagte Matthieu grinsend. „Sie sind allesamt Protestanten.“
„Umso erfreulicher. Demnach sind Sie ein gesitteter Rebell.“
Monsieur Lagarce zog ein Kärtchen aus seiner Tasche und überreichte es mir.
„Melden Sie sich am Montagvormittag in meiner Dienststelle. Ich habe eine interessante Aufgabe für Sie.“
„Noch einmal meine Anerkennung für Ihre Aktion im Januar. Die Flugblätter, die Sie verteilt haben. Ihre Worte waren hoch wirksam. Was doch die richtigen Formulierungen ausmachen? Mehrere hundert Studenten haben Sie uns zugeführt und einige Juden. Inzwischen sind die Studenten bei der Armee – wie es sich gehört – und die Juden samt ihren Familien deportiert. Die Universitäten müssen gesäubert werden. Frankreich muss sauber sein. Die Franzosen dürfen sich nicht unterordnen“, redete sich Monsieur Gernet in Rage und streckte mir seine Hand entgegen, um die meine ungewohnt hart zu drücken.
„Ja, ja“, antwortete ich ihm.
„Meine Idee. Aber du hast den Aufruf formuliert. Ein Meister der Sprache“, lobte Matthieu, der zwei Jahre älter war als ich und Politik studierte.
Wir hatten uns gleich am ersten Tag in der Uni kennengelernt. Matthieu war das Gegenteil von mir. Ein dicklicher, kleinwüchsiger Südfranzose, der seine Faulheit gut zu kaschieren wusste. Wenn er eines perfekt beherrschte, war es das Reden. Er redete. Mit jedem. Man hätte ihm Geschwätzigkeit unterstellen können, aber dazu war er wiederum zu intelligent. Seine Familie bewirtschaftete ein Weingut in der Nähe von Nizza. Kein besonders guter Wein, aber sie besaßen Talent darin, ihn gewinnbringend als hochwertig zu verkaufen. Matthieu hatte das Trinken gelernt. Selbst nach zwei Flaschen Wein war er noch Herr über seine Worte und Handlungen. Das machte ihn zu einem gefährlichen Gegner. Das und sein Gerede bildeten eine teuflische Mischung. Ich wünschte mir, nie sein Feind zu sein, genauso wenig betrachtete ich ihn als Freund. Welchen Narren er an mir gefressen hatte, habe ich bis heute nicht verstanden.
„Schau an, schau an. Mademoiselle McBean. In Begleitung von Monsieur Pirro. Professor für Musikgeschichte an der Sorbonne. Eine Koryphäe. 72 Jahre alt“, flüsterte Matthieu mir mit einem süffisanten Unterton in der Stimme zu und stieß mich mit seinem Ellenbogen an.
Sofort drehte ich mich um und beobachtete, wie Mademoiselle McBean mit ihrem vollbärtigen Begleiter sich angeregt unterhaltend die Treppe in das Foyer herabstieg.
„McBean?“, entfuhr es mir.
„Hm, ihre Eltern sind irische Einwanderer. Streng katholisch. Kaum zu glauben, bei dem, was sie trägt“, antwortete Matthieu und heftete dabei seinen Blick an das Dekolleté von Mademoiselle.
Die Spange hatte sie gelöst, so dass ihre Haare beim Herabsteigen der Treppe im Windzug wehten. Sie lachte und schritt unbekümmert an der Seite Monsieurs Pirros durch den Raum. Als sie an uns vorbeikamen, roch ich ihren Duft, den ich fortan nicht mehr vergessen sollte. Ihre blauen Augen zogen mich in ihren Bann, dem ich nicht mehr entkommen konnte. Sie hatte mich bezaubert. Bezaubert in ihrem roten Kleid an einem Abend im Mai. Mitten im Krieg. Inmitten des besetzten Paris.
„Verbrenn dir nicht die Finger“, zischte Matthieu mir zu. „Die ist nichts für dich.“
Seine blanke Eifersucht blitzte mir entgegen.
„Nichts für einen Benoit“, setzte er nach.
„Merci, Monsieurs, für den Champagner“, sagte ich schnell und stellte mein leeres Glas auf dem Tablett, das einer der herumlaufenden Kellner in der Hand hielt, ab.
„Matthieu, wir sehen uns am Montag in der Uni. Monsieur Lagarce, Monsieur Gernet, freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben“, verabschiedete ich mich formvollendet und eilte zum nächsten Tresen, um mir einen Bleistift zu beschaffen.
„Und vergessen Sie nicht, Montagvormittag in der Rue Saint-Louis“, rief mir Monsieur Lagarce hinterher.
Ich hörte zwar seine Worte, doch antwortete ich nicht. In diesem Moment war mir alles egal. Keine zwei Stunden zuvor hätte ich eine Persönlichkeit wie Monsieur Lagarce in ein Gespräch verwickelt, das mir die besten Chancen auf einen aussichtsreichen Posten garantiert hätte. Ich wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, es zu vertagen. Schon gar nicht auf übermorgen. Ich wollte die Dinge gleich. Gleich und sofort. Geduld war eine mir sehr fremde Tugend. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass ich um jeden Preis Mademoiselle McBean eine Nachricht zukommen lassen musste. Ich wollte sie. Unbedingt. Während es zum dritten Mal zum Einlass klingelte, notierte ich hastig meine Botschaft auf dem Programmzettel und wartete darauf, dass sie wieder an mir vorüberschritt.
„Mademoiselle McBean. Monsieur Pirro“, sprach ich sie an, „Darf ich mich vorstellen? Benoit. Student der medizinischen Fakultät Montpellier. Ich bemerkte, Ihnen fehlt das Programm für den heutigen außergewöhnlichen Abend“, sagte ich und hielt ihr den Zettel hin.
„Merci, Monsieur … wie sagten Sie?“, fragte Monsieur Pirro und wirkte zerstreut.
„Benoit“, hakte ich schnell ein.
„Oui … richtig …“
„Montpellier? Das ist eigenartig. Merci, Monsieur“, antwortete sie und ihre Stimme schien so gar nicht zu ihrem zierlichen Körper zu passen. Eine rauchige, tiefe Stimme, deren Timbre an die Nachtclubs der Pariser Bars erinnerte.
„Wir kennen uns?“, musterte mich der Bärtige mit einem abschätzenden Blick.
„Ja … nein …“, stotterte ich.
„Dann einen guten Abend, Monsieur“, wünschte er mir mit betonter Freundlichkeit und führte Mademoiselle McBean wieder die Treppe herauf.
„Champagner, Monsieur?“
Der Kellner hielt mir das Tablett mit den gefüllten Gläsern hin. Ich griff eines, leerte es in einem Zug und stellte es auf dem Tablett wieder ab.
„Der zweite Akt“, sagte er und deutete auf die Tür zum Saal, die gerade geschlossen wurde. Ich rannte die Treppen hoch und gelangte vollkommen außer Atem an meinen Platz. Ich wusste, dass sie auf der anderen Seite saß. Ich konnte sie nicht sehen, aber ich spürte, dass sie da war. Wie konnte ein Augenblick, ein einziger Moment mich so durcheinander bringen? Sie entsprach überhaupt nicht dem Typ Frau, den ich bislang begehrte, dem ich nachjagte. In ihren Gesichtszügen lag etwas Herbes und Unerbittliches. Etwas, das mir sagte, dass sie sich nicht unterordnete. Ich bevorzugte die weichen Frauen, die meinem Charme sofort erlagen und bei deren Eroberung ich keine unnötigen Anstrengungen unternehmen musste. Frauen spielten sowieso eine eher nebensächliche Rolle. In erster Linie arbeitete ich daran, ein angesehener Arzt und nationalistischer Franzose zu sein. Ja, ich war mir absolut meines Selbst bewusst. Das lag den Benoits im Blut. Und als der Krieg begann, der halb Frankreich zum Besatzungsgebiet machte, fühlte ich einen nicht minderen Stolz, im unbesetzten Teil für ein freies Frankreich basierend auf den Werten der Revolution einzutreten. Ich hielt nichts von den kläglichen Versuchen der Pazifisten, die sich gegen die Deutschen auflehnten. Dieser Aufstand erschien mir unsinnig und geistlos. Damit ließ sich der Krieg nicht gewinnen. Unsere Nation war in einem miserablen Zustand. Frankreich brauchte einflussreiche Menschen, die uns unsere Werte und Traditionen wieder vermittelten. Ich wollte zu diesen Menschen gehören und nicht im Graben und Versteck liegen und darauf hoffen, dass meine Kugeln die Richtigen töteten bevor ich getötet werde. Meine Waffen waren die Worte. Gleichzeitig studierte ich, das Messer gezielt anzusetzen, um zu heilen. Ja, ich wollte mein Land heilen. Heilen von dieser Krankheit des sittlichen Verfalls. Dazu musste das Skalpell benutzt werden, um die nekrösen und infizierten Teile unserer Gesellschaft aus dem gesunden Organismus herauszutrennen. Der Faschismus brachte den genau passenden Operationsplan. Mit ihm würde unsere Nation wieder eine Chance zur Heilung haben.
