Das Windlied des Bären - Sanna Seven Deers - E-Book

Das Windlied des Bären E-Book

Sanna Seven Deers

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Beschreibung

Nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter möchte die junge Carla Bergmann endlich ihren Vater kennenlernen. Als sie herausfindet, dass er Indianer ist und in Kanada lebt, macht sie sich auf den Weg in die Fremde. Dort stößt sie auf ein altes Familiengeheimnis, als dessen neue Hüterin sie sich behaupten muss, um das Land ihrer Ahnen vor Raubbau und Zerstörung zu bewahren. Der einfühlsame Lee Ghost Horse hilft Carla, ihre indianische Identität anzunehmen. Sie lernt, die Wildnis und das Leben fernab der Zivilisation zu lieben, und findet so nicht nur die Wurzeln ihrer Familie, sondern auch ihre eigenen.

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Das Buch

Nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter möchte die junge Carla Bergmann endlich ihren Vater kennenlernen. Als sie herausfindet, dass er Indianer ist und in Kanada lebt, macht sie sich auf den Weg in die Fremde. Dort stößt sie auf ein altes Familiengeheimnis, als dessen neue Hüterin sie sich behaupten muss, um das Land ihrer Ahnen vor Raubbau und Zerstörung zu bewahren.

Der einfühlsame Lee Ghost Horse hilft Carla, ihre indianische Identität anzunehmen, und löst ungeahnte Gefühle in ihr aus. Sie lernt, die Wildnis und das Leben fernab der Zivilisation zu lieben, und findet so nicht nur die Wurzeln ihrer Familie, sondern auch ihre eigenen.

Ein spannungsreicher Roman und eine große Liebesgeschichte, die die Leser in eine Welt voller Magie und Mythologie eintauchen lässt und sie auf eine abenteuerliche Reise in die Wildnis West-Kanadas führt.

Die Autorin

Sanna Seven Deers ist 1974 in Hamburg geboren. Nach ihrer Heirat mit dem kanadischen Indianer David Seven Deers zog sie 1997 mit ihm in die Wildnis der Rocky Mountains. Dort leben sie jetzt auf ihrer Ranch ohne Strom und fernab jeglicher Zivilisation mit ihren vier Kindern und vielen Tieren. Zurzeit schreibt sie an ihrem nächsten Roman. Weitere Informationen über die Autorin unter www.sannasevendeers.com

Von Sanna Seven Deers ist in unserem Hause bereits erschienen:

Der Ruf des weißen Raben

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-taschenbuch.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen,wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung,Speicherung oder Übertragungkönnen zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Der Verlag dankt David Seven Deers für die freundlicheGenehmigung, seine Illustrationen für die Covergestaltungzu verwenden.

Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage März 20123. Auflage 2012© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2012Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, MünchenTitelabbildung: © David Seven Deers (Illustration);mauritius images

eBook-Konvertierung: CPI – Ebner & Spiegel, UlmPrinted in GermanyeBook ISBN 978-3-8437-0775-6

Der Gottheit zu gehorchen, ist Freiheit.

Lucius Annaeus Seneca

KAPITEL 1

Veränderungen

Mutti, ich bin zu Hause!« Carla Bergmann ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen. Endlich war Wochenende. Allein der Gedanke versetzte die junge Frau in Hochstimmung.

Schwungvoll hängte sie ihre Jacke an den Garderobenhaken und legte Handtasche und Schlüssel auf die Anrichte daneben. Ihr Blick fiel auf einen Stapel Post, den ihre Mutter Anna dort abgelegt hatte. Sie nahm die Briefe in die Hand und schaute sie flüchtig durch. Nichts Besonderes. Reklame, Rechnungen, eine Postkarte von Tante Margit aus der Schweiz, wo diese zurzeit mit ihrer Familie Urlaub machte. Carlas Miene verdunkelte sich, als sie die Zeilen auf der Kartenrückseite überflog. Wann immer Tante Margit von sich hören ließ, konnte man darauf setzen, dass ein kleiner Seitenhieb dabei war – selbst wenn sie aus dem Urlaub schrieb.

Carla seufzte leise. In ihren dreiundzwanzig Lebensjahren hatte sie es trotz aller Anstrengung nicht geschafft, Tante Margit und deren Familie, dazu gehörten Onkel Hans und Cousin Peter, zu mögen. Denn obwohl Margit und Anna Schwestern waren, so waren die beiden Frauen doch grundverschieden, und es fiel Carla oft schwer zu glauben, dass sie tatsächlich verwandt waren.

An diesen Unterschied erinnerte Tante Margit sie auch ständig. Carla und ihre Mutter konnten ihr einfach nichts recht machen und waren ihr zudem nicht akademisch genug. Margit war zehn Jahre älter als Anna und Ärztin mit eigener Praxis. Onkel Hans war ein erfolgreicher Anwalt, und Sohn Peter bereits verlobt und auf dem sicheren Wege, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Anna hingegen war lediglich eine Bankkauffrau, angestellt bei der hiesigen Sparkasse, und Carla war dem Beispiel ihrer Mutter gefolgt.

Das Schlimmste jedoch war, dass es bei den Bergmanns keinen Vater gab. Diese Tatsache veranlasste Margit Richter bei jedem Besuch zu allen nur erdenklichen Vorträgen über Moral und angemessenes Verhalten von Eltern. Carla brachte es jedes Mal zur Weißglut, hauptsächlich, weil ihre Mutter die Beleidigungen mit gesenktem Kopf hinnahm und auch Carla nie erlaubte, etwas zu entgegnen.

Auf Carlas Geburtsurkunde stand lediglich Vater unbekannt, und da es ihre Mutter zu quälen schien, darüber zu sprechen, hatte sie aufgehört nachzufragen.

Carla war schon immer anders gewesen, wie Tante Margit es ausdrückte. Das war denn auch der Grund, warum sie es nicht übers Herz brachte, aus der Mietwohnung, die sie noch immer mit ihrer Mutter teilte, auszuziehen.

Schon in der Grundschule hatten die anderen Kinder über Carla getuschelt. Was war das wohl für ein Mann, der ihr die hohen Wangenknochen, die großen, mandelförmigen Augen und die bronzefarbene Haut vererbt hatte? Kinder können sehr verletzend sein, und sobald es durchgesickert war, dass das ernste, zurückhaltende Mädchen lediglich die grau-grünen Augen ihrer blonden, aufgeschlossenen Mutter geerbt hatte und kein Vater da war, der das Rätsel lösen konnte, hatten die Sticheleien angefangen.

Carla hatte sich mehr und mehr in sich zurückgezogen. Und auch später, in der Pubertät und während der Ausbildung, hatte sie ihre Distanz und Unantastbarkeit beibehalten und war ihren eigenen Weg gegangen. Es störte sie nicht, ein Einzelgänger zu sein.

Oft hatte sie das Verhalten ihrer Gleichaltrigen als albern abgetan. Sie hatte Besseres mit ihrer Zeit zu tun, als irgendwo herumzuhängen, auf Partys zu gehen und über alles zu kichern.

Carla las für ihr Leben gern und befand sich oft in einer Traumwelt. Einer Welt, die ganz anders war als die Großstadtwelt in Norddeutschland, in der sie lebte. Einer Welt, die ihr entgegenkam, in die sie hineinpasste. Einer Welt mit Natur, mit Tieren und Pflanzen. Mit ihnen war Carla bereits von klein auf an gut zurechtgekommen, denn sie akzeptierten sie so, wie sie war. Sie hätte gern beruflich in diese Richtung etwas gemacht, aber der Mutter zuliebe war sie zur Bank gegangen.

Das Mitgefühl für ihre Mutter war Carlas schwacher Punkt. Anna war äußerlich ganz anders als sie, klein, hübsch und blond, gewann leicht Freunde. Aber Carla hatte schon als Kind erkannt, dass ihre Mutter sich hinter ihrer fröhlichen Fassade genauso verloren vorkam wie Carla sich hinter der ihren – vielleicht sogar mehr. Und im Gegensatz zu ihrer Tochter schien Anna Bergmann mit dieser Tatsache nicht gut zurechtzukommen.

Carla wusste nicht, was der Anlass für die tiefe Trauer war, die manchmal in den Augen ihrer Mutter zu lesen war, und es gab niemanden außer Tante Margit, den sie hätte fragen können. Ihre Großmutter war schon vor vielen Jahren gestorben, und andere Verwandte hatte sie nicht. So viel stand jedoch in Carlas treuem Herzen fest, sie würde die Mutter nie nach dem Grund fragen, und ihre Traurigkeit auch nie mit Absicht größer werden lassen.

Darum hatte sie keinen Widerspruch eingelegt, als sie nach Reitstunden gefragt und Anna abgelehnt hatte. Nicht etwa wegen der hohen Kosten, sondern wegen der Pferde. Sie hatte auch keine Einwände erhoben, als sie von der Idee, irgendetwas mit Pflanzen zu machen, auf eine Banklehre umgelenkt wurde. Carla liebte ihre Mutter sehr, war sie doch alles, was sie hatte. Ihr zuliebe absolvierte sie alle Dinge, die sie unternahm, mit Erfolg – aber nicht mit ganzem Herzen.

Diese und andere Dinge gingen Carla durch den Kopf, als ihr bewusst wurde, dass sie noch immer im Flur stand, die Postkarte ihrer Tante in der Hand, und dass ihre Mutter ihren Gruß nicht erwidert hatte. Sie legte die Post zurück auf die Anrichte, und erneut erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Wochenende! Und heute Abend würden sie beide ins Kino gehen.

»Mutti, wo bist du?«, rief sie und zog die Tickets aus der Tasche. Der Mutter würde die Abwechslung gefallen. Wo konnte sie nur stecken?

Carla ertappte sich dabei, ungeduldig zu werden. Sie schaute im Bad, in der Küche, im Wohnzimmer und auf dem Balkon nach. Nichts. Wahrscheinlich hatte die Mutter sich hingelegt.

Vorsichtig öffnete Carla die Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter. Der Raum war abgedunkelt. Schon breitete sich ein wissendes Lächeln auf Carlas Gesicht aus. Doch das Bild, das sich ihr bot, als sie die Tür ein Stück weiter öffnete, ließ das Lächeln auf ihrem Gesicht gefrieren. Die Mutter lag nicht wie erwartet friedlich schlummernd auf ihrem Bett, sondern zusammengesackt und leblos auf dem Boden, die Übergardine, an der sie sich augenscheinlich hatte festhalten wollen, in der Hand.

Carlas Kehle schnürte sich zusammen, und für einen Augenblick war ihr, als würde sie nie wieder einen Laut über ihre Lippen bringen und nie wieder einen Schritt tun. Doch dann riss sie sich zusammen und stürzte mit einem heiseren, hilflosen »Mama!« zu ihrer Mutter, deren leblose Augen sie, wie in einem Alptraum, anstarrten.

Tage später noch fragte Carla sich, wie sie die Kraft aufgebracht hatte, nicht in Panik auszubrechen, sondern den Notarzt anzurufen. Sie konnte sich an die Einzelheiten nicht genau erinnern, nur daran, dass sie weinend neben ihrer Mutter gekniet hatte, bis der Notarzt eingetroffen war und erklärt hatte, dass nichts mehr getan werden könnte. Anna Bergmann war an Herzversagen gestorben, mit nur fünfundvierzig Jahren. Sie war tot, nicht mehr da, und Carla war allein auf der Welt.

Aber auf was für einer Welt? Carlas Welt war zusammengebrochen, existierte nicht mehr.

Ihre Chefin war vorbeigekommen, nachdem Carla am Montag nicht zur Arbeit erschienen und auch nicht ans Telefon gegangen war. Frau Kranz hatte sich ihrer angenommen, sie aus ihrer Starrheit zurück ins Leben geholt und ihr mit allen nötigen Formalitäten geholfen. Carla wusste nichts über Beerdigungen und Erbschaften. Als ihre Großmutter gestorben war, war sie zu klein gewesen, und ihre Mutter und Tante Margit hatten alles geregelt. Doch jetzt gab es nur Carla. Tante Margit war irgendwo in der Schweiz und davon abgesehen auch der letzte Mensch, den sie im Augenblick um sich haben wollte.

Carla hatte geweint, zwei Tage lang, dann waren ihre Tränen versiegt, und sie war in eine Art Stumpfsinn verfallen. Seit dem Besuch von Frau Kranz ging es ihr körperlich besser. Sie konnte essen und wieder klar denken. Und ihr Überlebensinstinkt gab ihr die Kraft, an sich selbst und ihre Zukunft zu denken. Innerlich aber fühlte sie sich gebrochen.

Die Trauer hing auch jetzt noch, vier Tage später, wie eine bleierne Decke über Carla. Nachts schlief sie unruhig, aber tagsüber konnte sie wenigstens Dinge erledigen und ruhig mit Leuten sprechen. Sie tat diese Dinge mechanisch und stellte fest, dass es ihr half, den Alltag wieder zu bewältigen. Sie war beurlaubt und ging, auf den Vorschlag von Frau Kranz hin, die Sachen ihrer Mutter durch, um herauszufinden, ob es ein Testament, offene Rechnungen und Ähnliches gab. Hauptsächlich aber, um sich zu beschäftigen.

Die Beerdigung würde stattfinden, nachdem Tante Margit und Onkel Hans samt Peter und Verlobter aus dem Urlaub zurückgekehrt wären. Sie war auf den folgenden Samstag festgelegt worden.

Carla saß auf dem Fußboden im Schlafzimmer ihrer Mutter über Schubladen, die Annas private Dinge und Papiere enthielten und die sie zuvor nie angerührt hatte. Eine blasse, späte Märzsonne schien zum Fenster herein und tauchte einen Teil des Zimmers in goldenes Licht.

Alte Briefe, Fotos und Andenken glitten durch Carlas Hände, während Tränen wieder und wieder versuchten, ihr die Sicht zu nehmen. Als Letztes öffnete sie eine Schachtel mit Heftern und Papieren. Überraschenderweise wiesen die Kontoauszüge ihrer Mutter ein, wenn auch geringes, Minus auf. Und Carla stellte fest, dass die Prämien für Annas Lebensversicherung schon seit geraumer Zeit nicht mehr gezahlt worden waren. Sie stutzte. Wie oft hatte ihre Mutter über diese Lebensversicherung gesprochen. Carlas Absicherung für den schlimmsten Fall. Warum hatte sie die Zahlungen eingestellt? Bei ihrem guten Gehalt und sparsamen Lebensstil hätte eigentlich noch einiges übrig sein müssen. Auch das Sparkonto war leer. Wo war das Geld ihrer Mutter geblieben?

Carlas Neugier und Argwohn waren geweckt. Sie schob die Schubladen zur Seite und sah sich nach anderen Möglichkeiten um, wo ihre Mutter Papiere hätte ablegen können. Ihr Blick fiel auf das Bett. Die restlichen Orte hatte sie bereits durchforstet. Sie hob die Matratze an einer Ecke hoch. Fast kam sie sich lächerlich vor. Nur Leute, die etwas zu verbergen hatten, packten Dinge an solche Stellen. Ihre Mutter hatte wahrlich nicht zu ihnen gehört.

Wie sehr Carla sich irrte! Unter der Matratze befand sich ein schmaler Hefter mit Papieren. Carla zog ihn vorsichtig hervor und ließ die Matratze zurückgleiten. Erstaunt setzte sie sich auf das Bett und öffnete den Hefter. Zahllose Wettscheine, Lotterie- und Rubbellose kamen zum Vorschein. Die Beträge waren erheblich.

Carla schloss die Augen und presste fassungslos eine Hand an ihre Stirn. Ihre Mutter eine Glücksspielerin? Sie konnte es nicht fassen. Doch sie hielt alle Beweise in den Händen.

Es dauerte einige Minuten, bis Carla in der Lage war, die Scheine aus den Händen zu legen und die restlichen Papiere durchzusehen. Ihre Mutter war erst seit so kurzer Zeit tot, und doch begann sich Carlas Bild von ihr bereits wie von selbst zu wandeln. Sie biss sich auf die Lippe. Sie wollte ihre Mutter in guter Erinnerung behalten. Natürlich wusste sie, dass Anna Bergmann ihre Fehler gehabt hatte. Wer hatte keine? Aber das? Es handelte sich um eine Seite ihrer Mutter, die nicht ins übrige Bild passte.

Aber damit war es nicht genug. Die nächsten Papiere warfen Carla beinahe zurück in die Starrheit. Ganz oben lag ein offiziell aussehendes Papier in englischer Sprache. Sie schaute genauer hin. Das Papier war in British Columbia, Kanada, ausgestellt und gab an, dass Anna Bergmann dort ein Grundstück besaß. Genaueres konnte Carla dem Wortlaut nicht entnehmen.

Aufgewühlt griff sie nach dem nächsten Papier, eine Heiratsurkunde, ebenfalls ausgestellt in British Columbia. Und der Name der Braut lautete Anna Bergmann.

Carla erstarrte und ließ das Papier sinken. Das konnte nicht sein! Ihre Mutter war nie verheiratet gewesen. Und doch stand ihr Name auf dem Papier. Die Urkunde bezeugte, dass Anna Bergmann aus Deutschland einen Charles Ward aus Vancouver geheiratet hatte, fast zwei Jahre vor Carlas Geburt.

Die Gedanken in Carlas Kopf wirbelten umher wie Sandkörner in einem heftigen Sturm. Wenn nun … was, wenn … könnte es sein, dass …? Hastig griff Carla nach einer Fotografie in dem Hefter. Sie sprang auf und hielt das Foto ins Sonnenlicht. Sie erschrak so sehr, dass sie beinahe aufgeschrien hätte.

Aus der Aufnahme blickten ihr zwei vor Glück strahlende Menschen entgegen, deren Gesichter sie nur zu gut kannte. Das eine gehörte ihrer Mutter und das andere, so schien es jedenfalls, Carla selbst. Ihr Gesicht glich, in weiblicher Form, dennoch unverkennbar, dem des Mannes auf dem Foto. Sie schaute auf das Hochzeitsfoto ihrer Eltern und in das ebenmäßige, edle Gesicht von Charles Ward, ihrem Vater.

Die Türklingel riss Carla schließlich aus der stillen Faszination, mit der sie das Foto betrachtete. Sie wusste, dass es Tante Margit war, die auf der anderen Seite der Tür wartete. Es war Freitag. Familie Richter war aus dem Urlaub zurück und hatte ihre Nachricht auf dem Anrufbeantworter erhalten.

Ohne zu überlegen, stopfte Carla die Grundbesitzurkunde, die Heiratsurkunde und das Foto ihrer Eltern unter ihren Pullover. Dann ging sie die Tür öffnen.

KAPITEL 2

Erwachen

Mein armes Kind!« Tante Margit stürzte sich mit übertriebenem, fürsorglichem Gehabe auf Carla, sobald diese die Tür geöffnet hatte.

Carla schloss die Augen. Nicht, weil sie erneut Traurigkeit überkam, sondern, weil Tante Margits Eintreffen noch schmerzhafter zu werden versprach, als sie angenommen hatte.

Gleich hinter Tante Margit schoben sich Onkel Hans, Cousin Peter und dessen Verlobte Silvia mit ernsten Mienen an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Unausgesprochen hing wie eine stumme Anklage der Satz Wir wussten, dass so etwas früher oder später in diesem Haushalt passieren würde über ihren Köpfen. Carla folgte ihnen, begleitet von Tante Margits pausenlosem Geplapper und Schnäuzen.

Margit ließ sich erschöpft in einen Sessel fallen. Carla selbst blieb im Türrahmen stehen und betrachtete die merkwürdige Gruppe von Menschen, die alles darstellte, was ihr an Familie geblieben war.

Tante Margit saß in eleganter Kleidung – dunkelgrauer Hosenanzug, Lederhalbschuhe und eine Menge Goldschmuck –, die Beine sorgsam übereinandergeschlagen, in dem rot-gelb geblümten Sessel, der Annas Lieblingsplatz gewesen war, und rieb sich die rot geweinte Nase.

Onkel Hans, Peter und Silvia hatten sich auf den kleinen Zweisitzer gedrückt. Hans Richter, in, wie er es nannte, bequemer Freizeitkleidung, war gerade im Begriff sich eine Zigarette anzuzünden. Eine Sache, die er niemals gewagt hätte, wäre seine Schwägerin zugegen gewesen.

Carlas Cousin Peter und dessen Verlobte Silvia saßen bewegungslos wie Statuen da. Peter versuchte mitfühlend zu wirken, ließ seine Blicke jedoch über die Gegenstände des hellen, freundlichen Wohnzimmers gleiten, gerade so, als kalkuliere er, was es sich wohl zu erben lohne.

Silvia verzog keine Miene. Selbst ihre Frisur schien versteinert. Denn obwohl eine leichte Brise durch die offene Balkontür wehte, die sogar die Blätter der großen Grünpflanzen, die im Raum verteilt standen, sanft tanzen ließ, bewegte sich bei Silvia kein noch so feines Härchen.

Carla bemerkte, dass ihre Verwandten erwartungsvoll und fast anschuldigend in ihre Richtung blickten. Sie wurde ungeduldig. Hatten diese Leute irgendeine Ahnung, was sie in den letzten Tagen durchgemacht hatte? Oder waren ihre Gefühlsantennen vollkommen stumpf?

»Warum schaut ihr mich so an?«, stieß Carla hervor und blickte auffordernd in die Runde.

Onkel Hans räusperte sich. »Wir sind etwas enttäuscht, dass du dich nicht dazu durchringen konntest, uns von dem Ableben deiner lieben Mutter unmittelbar zu unterrichten. Wir wären sofort aus dem Urlaub zurückgekommen und hätten dir mit allem Nötigen geholfen. So wie es in Familien eben üblich ist. Aber natürlich kann man in deinem Fall nicht zu viel erwarten. Du hattest ja nie eine richtige Familie …« Er unterbrach sich, als er Carlas entsetztes und gleichzeitig ärgerliches Gesicht sah und einen bedrohlichen Blick von seiner Frau auffing.

»Eine E-Mail wäre doch sicherlich im Rahmen des Möglichen gewesen«, versuchte Tante Margit es nun in freundschaftlichem Ton.

Für einen Moment war Carla sprachlos. Hatten ihre Verwandten tatsächlich die Nerven, hier vorbeizuschauen, eine Woche nach dem Tod ihrer Mutter, und sie zu kritisieren? Gefühlskalt war kein gebührendes Wort für ein solches Verhalten!

Sie versuchte, sich zu konzentrieren und ihre Stimme ruhig zu halten. »Es ist möglich, dass ich in meiner Trauer nicht hundertprozentig klar gedacht habe. Natürlich hätte ich euch eine E-Mail schicken können, aber ich war doch etwas aufgewühlt und bitte um Verständnis.« Sie konnte nicht glauben, dass diese Worte tatsächlich aus ihrem Mund kamen. Aber sie wollte gewisse Informationen haben, und dazu musste sie Tante Margit bei guter Laune halten. Deshalb fuhr sie fort: »Und die meisten Dinge habe ich recht gut alleine regeln können.«

»Ja, wie eine Bestattungsfeier einen Tag nach unserer Rückkehr«, erwiderte Tante Margit aufgebracht. »Ein bisschen mehr Zeit hättest du uns schon einräumen können.«

Carla schluckte trocken. Tante Margit dachte wieder einmal nur an sich. Alles musste nach ihrem Zeitplan laufen.

Für Carla war die vergangene Woche schwer genug gewesen, und sie wartete darauf, mit der Beerdigung ihrer Mutter einen Schlussstrich zu ziehen, der es ihr erlauben würde, zumindest oberflächlich, in den Alltag und ins Leben zurückzukehren.

Sie tat daher so, als habe sie den Kommentar ihrer Tante nicht gehört. »Das Einzige, was ich nicht gefunden habe, ist ein Testament.«

»Darüber mach dir mal keine Gedanken, meine Liebe«, warf Onkel Hans sofort ein. »Der Letzte Wille deiner Mutter befindet sich in meiner Obhut. Ich lasse dir eine Abschrift für Behördendinge zukommen. Sie hinterlässt dir all ihre Besitztümer, was nicht viel sein dürfte.« Er lächelte zufrieden.

Carla nickte abwesend. Die nächste Frage war schwieriger, aber sie musste es wenigstens versuchen. »Tante Margit, wusstest du, dass mein Vater Kanadier ist?« Sie ließ die Worte im Raum stehen und blickte ihre Tante erwartungsvoll an. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Es dauerte einige Zeit, bis Margit Richter ihrer Nichte antwortete. »Ich habe deiner Mutter immer gesagt, dass du die Wahrheit früher oder später herausfinden würdest, und dass sie es mit ihren Verheimlichungen nur noch komplizierter macht.«

Hier kommt es!, dachte Carla. Sie hatte Tante Margit auf dem richtigen Fuß erwischt.

»Nun ja«, meinte Margit und richtete sich hilfesuchend an ihren Mann, der sich räusperte. »Was deine Tante sagen will, ist Folgendes.« Er rutschte nervös auf dem Sofa hin und her. »Deine Mutter ist nach Abschluss ihrer Ausbildung im Urlaub in Kanada gewesen und hat sich Hals über Kopf in einen Mann namens Charles Ward verliebt. Die beiden haben kurz darauf überstürzt geheiratet, und für einige Zeit haben wir nichts weiter von deiner Mutter gehört. Ihrer eigenen Aussage nach hat sie mit Ward irgendwo in der Wildnis in einer Hütte gehaust, bevor sie sich mit ihm entzweit hat und kleinlaut und schwanger nach Deutschland zurückgekehrt ist. Die genauen Gründe für ihr Schweigen dir gegenüber kennen wir nicht. Aber sie hat auch uns gebeten, nichts darüber verlauten zu lassen. Natürlich haben wir uns daran gehalten«, fügte er gönnerhaft hinzu und meinte abschließend: »Ich persönlich denke, dass deine Mutter sich sehr für ihr kopfloses Verhalten geschämt hat und dich nicht mit ihren Lasten hat aufwachsen lassen wollen.«

Carla verkniff sich eine Antwort. Sie hatte die Information, die sie gesucht hatte, bekommen. Von dem Grundstück in Kanada schienen weder ihre Tante noch der Onkel etwas zu wissen, und dabei wollte sie es auch belassen.

Richters fuhren mit der Unterhaltung in gleichem Ton fort, bis Carla ihnen endgültig versichern konnte, dass sie wirklich gut alleine zurechtkäme und lediglich etwas Ruhe bräuchte. Doch die zwei Stunden mit der Familie hatten ihren Tribut verlangt. Überwältigt von all den neuen Informationen und Tatsachen und dem arroganten Verhalten ihrer Verwandten, musste Carla ihre letzte Kraft aufbringen, um in ihrem Kopf einfach alles beiseitezuschieben und in einen traumlosen, mehr oder weniger regenerierenden Schlaf zu sinken, der es ihr ermöglichte, die bevorstehende Trauerfeier zu überstehen.

Carla schleppte sich nach der Trauerfeier nach Hause und verschlief den Rest des Wochenendes. Am Montag ging sie wieder zur Arbeit. Sie fühlte sich erschöpft, aber gleichzeitig erleichtert darüber, dass wenigstens noch etwas Gewohntes in ihrem Leben vorhanden war.

Dennoch hatte sie Probleme, sich zu konzentrieren. Zu sehr war ihr Leben in der letzten Woche aus den gewohnten Bahnen geraten. Sie hatte ihre Mutter verloren, aber sie hatte einen Vater gewonnen. Nicht nur irgendeinen Erzeuger, sondern einen richtigen Vater. Ihre Mutter hatte sich verliebt und geheiratet. Carla hatte eine richtige Familie gehabt, auch wenn diese noch vor ihrer Geburt auseinandergebrochen und nun durch den Tod ihrer Mutter unwiderruflich aufgelöst war. Der Anfang war richtig gewesen, und diese Tatsache machte sie froh.

Es war, als sei ein wichtiges Teil im Puzzle ihrer Persönlichkeit endlich an die richtige Stelle gelangt. Der Schmerz um den Verlust ihrer Mutter ließ ein wenig nach und machte Platz für etwas anderes: die Sehnsucht nach Charles Ward, ihrem Vater.

Carla verbrachte ihre Feierabende damit, in Gedanken versunken durch die nun ihr allein gehörende Dreizimmerwohnung zu wandern und Spekulationen über ihre Eltern anzustellen. Ihr war durch frühere Erfahrungen mit ihrer Tante klar, dass sie auf keine weiteren Erklärungen oder Offenbarungen ihrerseits zu hoffen brauchte. Alles, was Carla blieb, waren Spekulationen.

Doch war das wirklich wahr? Etwas schwirrte in ihrem Kopf herum und ließ sich nicht fangen. Wie sehr wünschte sie sich, wenigstens einen Freund zu haben, mit dem sie ihre Gedanken hätte teilen können. Sie fühlte, dass sie aus ihrer Not heraus bald anfangen würde, mit sich selbst zu sprechen.

Auf ihren Wanderungen durch die Wohnung nahm Carla weder die Topfpflanzen ihrer Mutter noch die schönen Pinienmöbel wahr. Sie erfreute sich auch nicht, wie in anderen Jahren, an der Tatsache, dass draußen der Frühling auf dem Vormarsch war und die Abende nun länger wurden. Und während die jungen Leute in der Nachbarschaft an laueren Abenden Spaziergänge machten, oder schon ab und zu im Café an der Ecke draußen saßen und plauderten, lief Carla ruhelos in ihrer Wohnung umher.

Etwa eine Woche nach der Beerdigung stoppte sie ihre Wanderung unvermittelt und ließ sich in den Sessel ihrer Mutter fallen. Charles – Carla. Die beiden Namen hatten den gleichen Ursprung. Ihre Mutter hatte sie nach ihrem Vater benannt!

Warum hatte Anna Bergmann ihre kleine Tochter nach einem Ehemann benannt, von dem sie getrennt lebte? Und warum hatte sie sich nicht von ihm scheiden lassen? Oder hatte sie sich scheiden lassen?

Einen Augenblick lang war Carla unschlüssig. Aber da ihre Mutter alle Heiratsdokumente sorgfältig aufbewahrt hatte, wagte sie anzunehmen, dass es keine Scheidungspapiere gab. Warum sonst sollte man noch die Heiratsurkunde besitzen?

Carla richtete sich auf, als ihr die Antwort kam: aus demselben Grund, aus dem man seine Tochter nach dem getrennt lebenden Ehemann benannte. Anna Bergmanns Herz hatte bis zu ihrem Tod Charles Ward gehört. Es hatte nie einen anderen Mann in ihrem Leben gegeben!

Carla hatte bisher angenommen, dass sie selbst der Grund für das Alleinsein ihrer Mutter gewesen war. Nun aber war sie sicher, dass sie sich geirrt hatte. Anna war bis in den Tod mit dem Mann verheiratet gewesen, den sie geliebt hatte.

Aber warum, um alles in der Welt, hatte sie ihn dann verlassen? Der einzige Grund, den Carla sich vorstellen konnte, war, dass es ihr Vater gewesen war, der sich hatte trennen wollen. Was war tatsächlich geschehen und hatte damit ihr eigenes Leben in solch seltsame Bahnen gelenkt?

Der Schlüssel zu all ihren Fragen lag nun in den Händen einer einzigen Person: Charles Ward – sollte er noch am Leben sein. Konnte sie ihn ausfindig machen?

Carla begann erneut zu grübeln und in der Wohnung umherzuwandern. Doch sie fand keine Antwort.

Als sie schließlich in einen unruhigen Schlaf glitt, hatte sie einen Traum, so realistisch, dass sie davon aufwachte.

In dem Traum sah sie ihren Vater Charles Ward, der auf einem Weg auf sie zukam. Er war älter als auf dem Hochzeitsfoto, aber sie erkannte ihn zweifellos.

Der Weg, auf dem er ging, war eine Art Feldweg und führte durch eine Landschaft, schöner, als Carla sie je zuvor gesehen hatte: Sanfte, zum Teil mit Fichten und Lärchen dicht bewaldete und dann wieder mit Wiesen bestückte Berghänge erstreckten sich zu beiden Seiten, stiegen an zur Linken und fielen ab zur Rechten. Die Wiesen waren übersät mit den schönsten Wildblumen in allen nur erdenklichen Farben. Die Blumen wiegten sich sanft mit den Gräsern im Wind. Der Himmel war strahlend blau. Carla konnte das Lied des Windes in den Bäumen hören und den würzigen Duft der Fichtennadeln riechen.

Sie sah ihren Vater näher kommen und schließlich einen Arm zum Gruß heben, ein Lächeln auf dem Gesicht.

Das Bild verschob sich, und Carla konnte eine Frauengestalt erkennen, die in einiger Entfernung stand und offensichtlich auf Charles wartete. Die Frau schaute in seine Richtung und schirmte mit der Hand ihre Augen vor dem grellen Sonnenlicht ab.

Als ihr Vater an die Frau herantrat, stellte Carla erstaunt fest, dass es sich um eine alte, indianische Frau handelte. Sie war traditionell gekleidet, und graues dünnes Haar fiel ihr offen auf die Schultern. Ihr Gesicht war von zahllosen Falten durchzogen, und die dunkelsten, weisesten Augen, die Carla je gesehen hatte, funkelten sie an.

Die Blicke aus diesen Augen richteten sich nun fragend auf den Bereich neben und hinter Charles Ward, der die alte Dame begütigend anlächelte. Mit einer leichten Handbewegung erklärte er: »Sie kommt.«

Die alte Frau nickte zufrieden – und Carla saß kerzengerade im Bett.

Der Traum war so wirklich gewesen, dass sie glaubte, noch immer den Duft von Fichtennadeln wahrzunehmen, und es dauerte einige Minuten, bis sie wirklich wusste, wo sie war.

Carla knipste die Nachttischlampe an und holte tief Luft. Sie würde nach Kanada fliegen. Irgendwo in diesem fernen Land wartete ihr Vater auf sie.

»Das ist doch purer Wahnsinn!« Onkel Hans marschierte aufgebracht in Carlas Wohnzimmer umher. Sie hatte pflichtbewusst ihre Tante und den Onkel davon in Kenntnis gesetzt, dass sie ihren Jahresurlaub nehmen und nach Kanada fliegen würde. Genauere Gründe hatte sie ihnen nicht genannt. Das war auch nicht nötig gewesen. So viel hatten sich ihre Verwandten zusammenreimen können. Das Ergebnis war, dass Carla erneut Familie Richter zu Besuch hatte, natürlich unaufgefordert und unangemeldet. Das war das Interessante an ihrer Verwandtschaft: Was immer Carla auch tat, es schien bei ihnen das dringende Bedürfnis zu bestehen, sie über bevorstehende Fehltritte zu belehren. Und die beinhalteten all die Dinge, die Familie Richter als unrichtig, unwichtig und außerhalb der Norm empfand. Mit anderen Worten, jegliche Gefühlsregung auf Carlas Seite, die über die lebensnotwendigen Dinge wie Schlafen, Essen und Trinken hinausging. So jedenfalls kam es Carla vor, besonders heute, wo ihr wichtigere Dinge durch den Kopf gingen, als ihre Pläne vor ihren Verwandten zu rechtfertigen.

»Warum?«, fragte sie deshalb gereizt.

»Du weißt doch gar nicht, worauf du dich da einlässt. Kanada ist groß. Dein Vater kann überall sein, sollte er noch leben«, erklärte Peter begütigend. »Vielleicht können wir von hier aus ein paar Nachforschungen anstellen.«

Carla schüttelte heftig den Kopf. »Ich habe ihn in einem Traum gesehen. Er wartet auf mich.« Sie erwähnte nicht, dass sie durch die Grundstücksurkunde einen guten Anhaltspunkt für ihre Suche zu haben glaubte.

Onkel Hans, Tante Margit und Peter sahen sie fassungslos an. »Du kannst doch nicht im Ernst Wert auf einen Traum legen!«, rief Onkel Hans entsetzt aus.

»Mein liebes Kind«, schluchzte Tante Margit, »überlege doch nur. Du hast in den letzten zwei Wochen so viel durchgemacht. Du bist verwirrt. Du wirst dich ins Unglück stürzen!«

»Hört zu«, sagte Carla. »Ihr wisst überhaupt nicht, was ich in den letzten Wochen wirklich durchgemacht habe! Mein Leben ist komplett aus der Bahn geraten, und vieles von dem, was ich über meine Eltern und somit über mich selbst zu wissen glaubte, hat sich völlig gewandelt. Ich kann mich bei der Arbeit nicht konzentrieren, habe nachts keine Ruhe und fange an, mit mir selbst Zwiegespräche zu führen. Mir fällt die Decke auf den Kopf, und ich bin in diesem Zustand für niemanden genießbar. Ich muss einfach meine Chance wahrnehmen und wenigstens versuchen, meinen Vater oder irgendwelche Anhaltspunkte über sein Schicksal zu finden. Ich habe viele unbeantwortete Fragen, und er ist der Einzige, der sie mir beantworten kann.« Sie blickte verständnissuchend in die Runde.

»Dein Vater ist bloß ein dummer Waldläufer«, murmelte Tante Margit aufgebracht vor sich hin. »Ein Nichtsnutz. Warum wohl hat deine Mutter ihn verlassen?« Sie schnäuzte sich die Nase.

»Was hast du gesagt?« Carlas Augen blitzten gefährlich. »Woher willst du das wissen? Bist du dort gewesen? Kennst du ihn persönlich?«

Margits Finger spielten nervös mit ihrem Taschentuch. Dann wurde sie plötzlich ärgerlich und platzte heraus: »Du bist genau wie deine Mutter. So leichtgläubig. Ein gefundenes Fressen für die, die so etwas auszunutzen wissen. Und dein Vater ist einer von denen. Oh, wie hat deine Mutter vor der Hochzeit von ihm geschwärmt. So ein gut aussehender, gut gebauter Mann, und so gebildet. Gebildet, ha! Ein einfacher Indianer. Ein Waldläufer und Jäger, der nicht mehr bieten konnte als eine Bretterbude mit Plumpsklo, irgendwo in der gottverlassenen Wildnis!« Tante Margits Gesicht war vor Erregung krebsrot geworden.

Carla wich einen Schritt zurück, und ihr Gesicht spiegelte ihre Missbilligung. Was für eine arrogante, voreingenommene und oberflächliche Person ihre Tante doch war. Mit Vergnügen hätte sie sie gegen die Wand geklatscht. Doch sie hielt sich zurück. Sie würde nicht auf ein solches Niveau herabsinken.

Aber sie musste klar Stellung beziehen. Ihr Vater war ein Teil von ihr, auch wenn Familie Richter das anders sah. Die abwertenden Worte ihrer Tante hatten sich somit auch gegen Carla gerichtet.

So ruhig und neutral wie möglich sagte sie deshalb: »Ich glaube, es ist besser, wenn ihr jetzt geht.«

Und Familie Richter ging, wenn auch unter Androhung schlimmster Konsequenzen für Carlas weiteres Leben, sollte sie auf ihren Plänen bestehen.

Carla änderte ihre Pläne nicht. Und nach dieser neuesten Offenbarung ihrer Charakterlosigkeit fand Carla den Gedanken, viel Distanz zwischen sich und ihre verbleibende Verwandtschaft zu bringen, geradezu verlockend.

Erst als sie am Abend im Bett lag und über die Geschehnisse des Nachmittags nachdachte, erinnerte sie sich an die Worte ihrer Tante, die sie in ihrem Ärger einfach verdrängt hatte: ein einfacher Indianer. Ein Waldläufer und Jäger.

Carla setzte sich im Bett auf. Ein Indianer!

Dann wäre sie selbst ja …

Im Dunkeln lief sie ins Badezimmer. Erst dort knipste sie mit angehaltenem Atem das Licht an. Forschend betrachtete sie das Gesicht, ihr Gesicht, das ihr aus dem Spiegel entgegenblickte: die bronzene Haut, die mandelförmigen Augen, die hohen Wangenknochen. All die Gegebenheiten, die ihr so missfallen hatten, weil sie sie von den Menschen in ihrer Umgebung abzugrenzen schienen, verwandelten sich plötzlich in klar zu erkennende Merkmale ihrer indianischen Abstammung. Sie hätte es selbst im Gesicht ihres Vaters ablesen sollen: die schwarzen Haare, die dunklen Augen, die hohen Wangenknochen. Die stolzen, ebenmäßigen Züge, die goldbraune Haut, die schmalen, geschwungenen Lippen. Hätte er auf dem Foto andere Kleidung getragen und langes Haar gehabt, hätte sie nicht eine Sekunde an seiner Herkunft gezweifelt.

Die Gene ihrer Mutter hatten bei Carla lediglich zu einer etwas helleren Haut- und Haarfarbe und graugrünen Augen geführt. Wären ihr langes, glattes Haar, das ihr bis weit auf den Rücken herabfiel, schwarz und ihre Augen dunkelbraun, dann würde es auch bei ihr keine Zweifel an ihrer indianischen Abstammung geben.

Und zum ersten Mal in ihrem Leben überkam sie ein Anflug von Stolz. Sie lächelte ihr Spiegelbild schüchtern an und dachte an die alte Indianerin in ihrem Traum.

Wer immer sie sein mochte, sie wartete auf Carlas Ankunft, und Carla spürte, dass sie sie nicht enttäuschen durfte.

Carla wurde gebraucht. Aus einem ihr unbekannten Grund wurde sie auf der anderen Seite der Welt gebraucht. Und es blieb ihr nicht viel Zeit.

KAPITEL 3

Nachforschungen

Eine Woche später befand Carla sich auf einem Rastplatz am Highway 1, der von Vancouver durch das Fraser Valley nach Norden führte, und studierte die Straßenkarte. Verträumt schweifte ihr Blick aus dem Fenster ihres Mietwagens, und ein zufriedenes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. Sie war am Vorabend in Vancouver angekommen, hatte die Nacht in einem Motel verbracht und war am Morgen nach einem herzhaften kanadischen Frühstück in Richtung Norden aufgebrochen. Ihr Ziel war Kamloops, die Stadt, die als Ausstellungsort auf dem Grundbuchauszug ihrer Mutter angegeben war.

Carla war jetzt etwa 150Kilometer von Vancouver entfernt und wusste, dass sich der Highway hinter Hope teilen würde. Sie hatte auf dem kleinen Rastplatz kurz vor der Stadt angehalten, um sicherzustellen, dass sie die richtige Abzweigung nahm. Sie wollte noch am heutigen Tag in Kamloops eintreffen, um am frühen nächsten Morgen das Land Title Office– das Grundbuchamt aufzusuchen, das die Urkunde über das Grundstück– aufzusuchen hatte.

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