Das Winken der vergnügten Katze - Thomas A. Herrig - E-Book

Das Winken der vergnügten Katze E-Book

Thomas A. Herrig

0,0

Beschreibung

Schön, dass Du da bist. Dieses Buch ist eine Einladung. Es lädt Dich ein, den Herausforderungen unserer Zeit wie Dauerstress, Perfektionsdruck, sozialer Distanz, der Angst, etwas zu verpassen, so vielem mehr – auf eine neue Art zu begegnen. Mit ganz besonderen, heilsamen Geschichten voll japanischer Gelassenheit, buddhistischer Philosophie, einer tiefen Wertschätzung für das Leben und die Liebe. "Healing Fiction" ist eine völlig neue Art von Literatur, die – nicht nur mit ihrem Japan-Bezug – Menschen rund um den Globus fasziniert, begeistert, zum Wachsen und Träumen einlädt. Diese Geschichten könnten überall spielen, sogar direkt vor Deiner Haustür. Sie verneigen sich respektvoll vor einem Land, dessen Menschen, Kultur und Traditionen tiefe, leicht zugängliche und berührende Weisheiten offenbaren. Nimm Dir also eine Tasse Tee, setz' Dich an Deinen Lieblingsplatz und begegne der Welt, Dir selbst, durch die Kraft der heilsamen Geschichten. Bereit?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Thomas A. Herrig

Das Winken der vergnügten Katze

Ein Lächeln ist hundert Worte wert.

Japanisches Sprichwort

Impressum

© 2025 Münster Verlag, Zürich

1. Auflage

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert werden, insbesondere nicht als Nachdruck in Zeitschriften oder Zeitungen, im öffentlichen Vortrag, für Verfilmungen oder Dramatisierungen, als Übertragung durch Rundfunk oder Fernsehen oder in anderen elektronischen Formaten. Dies gilt auch für einzelne Bilder oder Textteile.

Autor: Thomas A. Herrig

Gestaltung und Satz:Cedric Gruber

Lektorat: Sibylle Kappel (Unterwegs Verlag, Singen)

Illustrationen:Von KI inspiriert – von Hand verfeinert

ISBN 978-3-907301-84-5

www.muensterverlag.ch

[email protected]

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Impressum

Inhalt

Schön, dass Du da bist.

Der geheimnisvolle Garten

Herzstück 5.0

Die alte Münze

Herr Grün

Das „Blaue-Zone-Visum“

Im Nebel leise Wege

Das Winken der vergnügten Katze

Die leise Botschaft des Spiegelsees

Blatt und Business-Buddha

Der Umweg

Als der Applaus verklang

Das Flüstern der Zeder

FOMO mit Fahrplan

Soldat und Wanderer

Die Sache mit dem Sessel

Ramen und das Leben

Ein Bild im Vorübergehen

Der hüpfende Frosch

Die Haiku-Challenge

Sakura für Fortgeschrittene

Störung im Betriebsablauf

Die andere Seite

Die Haltestelle

Der Weg der Entscheidung

Das Paket

Sajurin und das Spiel der Schatten

Der Kikashi-Zug

Die Tastatur, die zu viel wusste

Schön, dass Du da bist.

Dieses Buch ist eine Einladung.

Es lädt Dich ein, den Herausforderungen unserer Zeit wie Dauerstress, Perfektionsdruck, sozialer Distanz, der Angst, etwas zu verpassen, so vielem mehr – auf eine neue Art zu begegnen.

Mit ganz besonderen, heilsamen Geschichten voll japanischer Gelassenheit, buddhistischer Philosophie, einer tiefen Wertschätzung für das Leben und die Liebe.

„Healing Fiction“ ist eine völlig neue Art von Literatur, die – nicht nur mit ihrem Japan-Bezug – Menschen rund um den Globus fasziniert, begeistert, zum Wachsen und Träumen einlädt.

Diese Geschichten könnten überall spielen, sogar direkt vor Deiner Haustür. Sie verneigen sich respektvoll vor einem Land, dessen Menschen, Kultur und Traditionen tiefe, leicht zugängliche und berührende Weisheiten offenbaren.

Nimm Dir also eine Tasse Tee, setz’ Dich an Deinen Lieblingsplatz und begegne der Welt, Dir selbst, durch die Kraft der heilsamen Geschichten.Bereit?

– 1 –

Japan schenkte nach dem Zweiten Weltkrieg vielen Ländern seine besonderen Gärten, bewusst komponierte Miniaturlandschaften.

Die Regierung finanzierte die Anlagen gemeinsam mit Firmen oder Gemeinden.

Japanische Gärten entstanden überall, in Paris, New York, Buenos Aires, Cowra, Montréal, Bonn oder Houston, mit Teehäusern, Kirschblüten, Steinlaternen und Kiesbildern.

Die geschenkten Gärten symbolisieren Frieden, Versöhnung und Freundschaft. Sie ziehen Reisende wie Einheimische an und dienen als Lernorte für Kultur.

Wie wäre es mit einem Besuch?

Der geheimnisvolle Garten

über Ruhe und Konzentration

Es war ein stiller Nachmittag im Spätsommer. Arisa fühlte sich ausgelaugt von der Hektik des Alltags und dem ständigen Zustrom digitaler Nachrichten. Um den Kopf frei zu bekommen, war sie ziellos durch die Gegend gelaufen. Ohne es zu merken, hatten sie ihre Füße in einen älteren Teil der Stadt getragen, fernab vom Trubel großer Straßen.

Vor ihr entdeckte sie ein schmiedeeisernes Tor, halb verborgen in wilden Rosenranken. Das Tor stand einen Spalt weit offen, als würde es sie einladen, hereinzukommen. Neugierig schob Arisa es auf.

Dahinter erstreckte sich ein geheimnisvoll verschlungener Garten, der sie in der Nachmittagssonne neugierig zu erwarten schien.

Hohe Buchsbaumhecken rahmten geschwungene Pfade ein, und zwischen alten Obstbäumen lagen Beete mit Wildblumen. Ein leises Summen von Bienen erfüllte die Luft und in der Ferne plätscherte ein kleiner Bach. Arisa trat ein und spürte sofort eine unerklärliche Ruhe, die von diesem Ort ausging.

„Halt diesen Moment fest“, sagte sie zu sich selbst und griff instinktiv in ihre Jackentasche, nach ihrem Smartphone. Doch kaum hatte sie es in der Hand, um die Kamera zu aktivieren, zeigte schon der Blick auf den Bildschirm den blinkenden Stapel neuer Benachrichtigungen einer Welt, die sich ihr permanent aufdrängte.

Doch hier, umgeben von Vogelgezwitscher und Blütenduft, schienen sie zum ersten Mal: unwichtig. Arisa zögerte, dann schaltete sie das Gerät auf stumm und ließ es wieder in die Tasche gleiten.

Langsam schlenderte sie tiefer in den Garten hinein. Unter ihren Schritten raschelte feiner Kies. Vorbei an einer alten Steinbank führte sie der Pfad zu einem kleinen Teich. Das Wasser darin war klar, und orangefarbene Paradiesfische zogen gemächlich ihre Kreise. Arisa blieb stehen und blickte in das ruhige Wasser. Ihr Atem ging bereits langsamer, ihr Herz schlug nicht mehr so gehetzt wie noch vor einer halben Stunde.

Am Ufer des Teiches kniete unvermittelt ein älterer Mann zwischen den Schilfpflanzen. Arisa hatte ihn zunächst gar nicht bemerkt. Der Mann trug einen einfachen Leinenhut und eine graue Arbeitsjacke. Mit behutsamen Bewegungen zupfte er ein paar welke Blätter von einer Seerose und lächelte dabei sanft, als hätte er soeben an etwas Freundliches gedacht.

Als Arisa einen Schritt näher trat, hob der Gärtner den Blick. Seine Augen waren hell und wach, und in ihrem Grau lag ein Funkeln. „Guten Nachmittag“, sagte der alte Mann mit warmer Stimme. „Schön, nicht wahr?“ Er deutete auf den Teich und die umgebenden Blumen.

Arisa nickte und erwiderte leise den Gruß. „Entschuldigen Sie, ich hoffe, ich störe nicht“, sagte sie höflich. Sie bemerkte, dass er unwillkürlich ebenfalls die Stimme senkte, als wolle er die friedliche Atmosphäre um jeden Preis wahren.

Der Alte schüttelte den Kopf. „Keineswegs. Besucher sind selten geworden in diesem Garten. Umso willkommener sind Sie.“ Er erhob sich langsam, klopfte sich die Erde von den Hosen und deutete dann auf eine weitere Steinbank, in unmittelbarer Nähe. „Setzen wir uns doch einen Moment, wenn Sie mögen.“

Arisa folgte der Einladung und ließ sich auf der kühlen Bank neben ihm nieder. Der alte Gärtner faltete die Hände locker vor sich und blickte gemeinsam mit ihr auf den Teich. Eine Weile sprachen beide nicht, aber es war keine beklommene Stille, sondern eine angenehme Ruhe, erfüllt vom leisen Plätschern des Wassers und dem Zirpen einer versteckten Grille.

„Es tut gut, ab und zu hier zu sitzen und einfach zuzuhören, nicht wahr?“, fragte der Alte schließlich, ohne den Blick vom Teich zu nehmen.

Arisa spürte, wie sie unwillkürlich lächelte. „Es ist wunderschön hier... so still.“ Sie merkte beim Aussprechen dieser Worte, wie selten in ihrem Leben tatsächlich Stille herrschte. Immer war da das Rauschen der Kommunikation, die Flut an Informationen, die sie umgab.

Der Gärtner drehte sich leicht zu ihr um. „Was führt Sie in meinen Garten?“ In seiner Frage lag ein freundliches Interesse.

Arisa zögerte kurz. Normalerweise hätte sie nicht einfach einem Fremden ihre Gedanken anvertraut. Aber die Atmosphäre dieses Gartens und die gütige Ausstrahlung des Alten ließen sie die Scheu verlieren. „Ich weiß es selbst nicht genau“, begann sie langsam. „Ich war erschöpft und brauchte einen Ort zum Nachdenken. Irgendwie bin ich hier gelandet.“ Sie hielt kurz inne, dann fuhr sie fort: „In letzter Zeit fühle ich mich ständig abgelenkt... von der Arbeit, von meinem Handy. Mein Kopf kommt nie zur Ruhe.“

Der Gärtner nickte verständnisvoll. „Die Beschleunigung der Welt da draußen nimmt zu“, sagte er leise. „Zu sehr manchmal. Nur hier im Garten tickt die Zeit ein wenig langsamer.“ Er nahm einen Kiesel vom Boden und warf ihn behutsam flach über den Teich. Kleine Ringe breiteten sich auf der eben noch glatten Oberfläche aus, da, wo er abprallte und wieder aufsprang. „Sehen Sie die Kreise im Wasser? Wie sie immer größer werden und dann verschwinden?“

Arisa beobachtete die Wellen, die sich langsam verloren. „So ist es auch mit unseren Gedanken, wenn wir ihnen zu viel auf einmal zumuten. Unruhe breitet sich aus, bis wir den Ursprung kaum noch erkennen.“

Arisa dachte an die unzähligen Nachrichten, E-Mails und Neuigkeiten, die täglich auf sie einprasselten. Jeder Impuls auf dem Handy war wie ein Steinchen im Wasser, das neue Wellen schlug und ihre Konzentration störte. Sie nickte nachdenklich.

Die Sonne senkte sich jetzt zu ihnen und tauchte den Garten in warmes, goldenes Licht. Der Alte blickte zum Himmel, dann auf eine Kletterpflanze an der Backsteinmauer, die den Garten umgab. Zwischen den dunkelgrünen Blättern erkannte Arisa Knospen, die sich leicht bewegten, ganz so, als ob sie atmeten.

„Sie kommen genau rechtzeitig“, sagte der Gärtner und deutete auf die Knospen. „Mit Einbruch der Dämmerung wird eine dieser Blüten sich öffnen. Es geschieht nicht oft, vielleicht einmal im Jahr. Die Leute nennen sie die Mondblume.“

Arisa richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Kletterpflanze. „Mondblume?“, wiederholte sie. Davon hatte sie noch nie gehört. Neugier und Vorfreude mischten sich in ihr. „Darf ich bleiben und es sehen?“

Der Alte lächelte breit, wobei feine Fältchen rund um seine Augen sichtbar wurden. „Natürlich. Es wäre mir eine Freude, das Erlebnis zu teilen.“ Er holte aus einer Ecke zwei einfache Holzstühle, klappte sie auseinander und stellte sie nah an die Mauer, mit Blick auf die Knospen der Mondblume. „Es dauert nicht mehr lange. Wir müssen nur geduldig und aufmerksam sein.“

Arisa setzte sich neben den Gärtner. Eine angenehme Stille legte sich über sie, während der Himmel allmählich in ein zartes Rosa überging. Minuten verstrichen. Arisa ertappte sich dabei, wie ihre Hand erneut in die Jackentasche glitt, wo sich ihr Smartphone befand. Eine so tiefe, unbewusste Gewohnheit – sobald nichts geschah, suchte sie Zerstreuung auf dem Bildschirm. Diesmal aber hielt sie inne. Sie zog die Hand mit einiger Bewusstheit zurück und verschränkte die Finger fest ineinander.

Gerade als sie endlich tief durchatmete, vibrierte das Handy erneut. Ein eingehender Hinweis – vielleicht eine weitere belanglose Nachricht. Arisa spürte die Ablenkung dennoch deutlich wie einen Juckreiz. Unwillkürlich wanderte ihr Blick zur Tasche.

Der Gärtner hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt und schien Arisa aus den Augenwinkeln zu beobachten. Ohne direkt das Thema anzusprechen, erwiderte er leise: „Manchmal denkt man, man könnte zwei Dinge gleichzeitig tun – aber ohne Fokus entgeht uns das Wesentliche.“

Arisa errötete leicht und zog das Handy nun doch hervor – jedoch nicht, um die Nachricht zu lesen, sondern um es ganz auszuschalten. Das Display wurde schwarz. Sie legte das Gerät neben sich auf den Boden, außerhalb ihres Blickfelds. „Sie haben recht“, murmelte sie beinahe entschuldigend. „Diesen Moment will ich nicht verpassen.“

Der Alte nickte zufrieden, und wieder verging einige Zeit, in der sie beide schweigend die Knospen beobachteten. Das Tageslicht verging nach und nach. Erste Sterne zeigten sich am Himmel. Ein lauer Wind strich durch die Blätter und trug den Duft von feuchter Erde und süßen Blüten herüber.

Gerade als die Dämmerung vollends zur Dunkelheit wurde, regte sich eine der Knospen. Zunächst kaum wahrnehmbar, löste sich ein Blütenblatt aus seiner Umhüllung. Dann ein zweites. Arisa hielt unwillkürlich den Atem an. Vor ihren Augen öffnete sich langsam eine große, weiße Blüte. Ihr Inneres schimmerte cremefarben, und an den Rändern leuchtete sie im Mondlicht beinahe silbrig.

Ein zarter Duft stieg auf, so fein wie eine Erinnerung an Sommernächte voller Freude. Die Blume entfaltete jetzt ihre ganze Pracht, als hätte sie nur auf einen stillen Beobachter gewartet. Arisa spürte ein Kribbeln auf der Haut. Sie hatte noch nie etwas so Wunderschönes und Vergängliches bewusst erlebt. Ein Gefühl tiefer Ehrfurcht und Freude durchströmte sie.

Neben ihr atmete der Gärtner langsam aus. „Wundervoll, nicht wahr?“, flüsterte er. In seiner Stimme lag ebenfalls Rührung. Arisa nickte stumm, noch immer gebannt vom Glanz der Schönheit. „Wie lange wird sie blühen?“, fragte sie schließlich mit leiser Stimme. „Nur diese eine Nacht“, erwiderte der Alte sanft. „Morgen früh werden die Blütenblätter schon wieder geschlossen sein und bald darauf verblüht.“ Und einen Moment später setzte er nach: „Gerade weil solche Momente so flüchtig sind, sind sie unendlich kostbar.“

Arisa fühlte, wie diese Worte sie mitten ins Herz trafen. Sie dachte an die unzähligen flüchtigen Augenblicke in ihrem Leben, die sie achtlos hatte verstreichen lassen, weil ihre Aufmerksamkeit woanders gewesen war. Sie erinnerte sich daran, wie ihre kleine Nichte ihr vor wenigen Tagen stolz ein selbstgemaltes Bild gezeigt hatte. Sie hatte nur zerstreut gelächelt und sie gelobt, während ihr Blick weiter am Handy hing. Jetzt erst begriff sie, wie unfair das gewesen war – und wie viel schöner es gewesen wäre, ihre Freude wirklich mit voller Aufmerksamkeit zu teilen.

Der Gärtner unterbrach Arisas Gedanken, als hätte er erraten, was in ihr vorging. „Wissen Sie“, sagte er leise, „die meisten Menschen heutzutage hätten dieses Wunder gar nicht erst gesehen. Ihre Augen wären in einem solchen Moment wohl auf etwas scheinbar Aufregenderes, Lauteres gerichtet gewesen, statt auf die Welt hier und jetzt um sie herum.“ Arisa senkte schuldbewusst den Blick. Sie wusste, dass der Alte recht hatte. Sanft legte der Gärtner ihr die Hand auf die Schulter. „Konzentration ist der Schlüssel“, sagte er eindringlich. „Diese ständigen Begleiter – Smartphones, Nachrichten, Medien – stehlen uns fortlaufend Zeit und Aufmerksamkeit, wenn wir es ihnen erlauben.“

Schließlich erhoben sie sich. Die Nacht war hereingebrochen, und nur das Mondlicht und eine ferne Laterne spendeten Helligkeit. „Ich sollte mich auf den Heimweg machen“, sagte Arisa leise und griff nach ihrem Smartphone auf dem Boden. Sie strich sich über die Hose und sah den Alten an. „Ich danke Ihnen... für alles“, fügte sie mit ehrlicher Wärme in der Stimme hinzu. Der Gärtner lächelte. „Passen Sie gut auf sich auf. Und fühlen Sie sich jederzeit willkommen, diesen Ort wieder zu besuchen.“ Er legte den Kopf leicht schief. „Vergessen Sie nicht, was Sie heute gelernt haben.“

Arisa versprach es ihm mit einem Nicken. Dann wandte sie sich zum Gehen. Durch den dunklen Garten folgte sie dem Pfad zurück bis zum Tor. Sie trat hinaus auf die stille Gasse. Die Nachtluft war mild, und die fernen Geräusche der Stadt wirkten gedämpft. Auf dem Heimweg blickte Arisa noch einmal zum funkelnden Sternenhimmel empor und lächelte nun auch. Ganz so, als habe sie etwas Verlorenes zurückgewonnen.

Konzentration ist der Schlüssel.

Zeit und Aufmerksamkeit können leicht gestohlen werden.

– 2 –

Im Alltag Japans verschmelzen Gegensätze zu einer leisen Poesie: Etwa im morgendlichen Gedränge der U-Bahn, wenn Bildschirme in den Händen der zur Arbeit pendelnden Menschen leuchten, während draußen ein alter Tempel im Schatten der Hochhäuser ruht. Auch eine Schale Tee am Fenster eines Großraumbüros, das rhythmische Klicken der Tastaturen im Hintergrund – das alles können Momente einer lyrischen Verbindung sein, die innehalten lassen. Technik und Tradition leben hier Seite an Seite, fast selbstverständlich.

So wird das Neue nie ganz nüchtern, das Alte nie bloß Erinnerung; in Tokio gibt es sogar ein Café, in dem Roboter die Speisen und Getränke nicht nur zubereiten, sondern auch höflich servieren. Und eine App, die zu achtsamem Dating auf eine neue Art einlädt? Sie könnte direkt aus der japanischen Gegenwart stammen, da, wo KI, Chatbots und „Digital Wellness“ längst miteinander verwoben sind…

Herzstück 5.0

über Liebe, das Suchen und Finden – und das Dazwischen

Kaelina hätte geschworen, sie würde es nie wieder tun. Nicht noch einmal diese App. Nicht wieder das Wischen durch fremde Gesichter, Selbstbeschreibungen voller Wortspielchen – „Ich suche kein Abenteuer, ich bin eins“, „Zu Vino sag ich nie no“ oder tiefsinnige Floskeln aus dem Yoga-Kalender. Nicht noch einmal Smalltalk über Hobbys, dann Schweigen, oder schlimmer: Gesprächsabbruch mitten im Satz.

Und doch: An diesem Dienstagabend saß sie wieder auf dem Sofa, allein, nur mit einer Tasse Tee in der Hand, und installierte „Herzstück“ erneut. „Version 5.o!?“ Etwas trieb sie an – eine Mischung aus Neugier, Einsamkeit und der leisen Verheißung, dass es diesmal vielleicht… anders wäre?

Das Interface hatte sich tatsächlich verändert. Kein Rosa mehr, sondern sanfte, beruhigende Blautöne. Und dann – die ungewöhnliche Nachricht:

„Herzstück 5.0 wurde erfolgreich installiert. Ich bin bereit, Dich zu begleiten.“

Kaelina runzelte die Stirn.

Mich begleiten? Nicht: „Dein Match finden“ oder „jetzt loslegen“?

Sie zuckte mit den Schultern. Die erste Karte erschien. Aber: Kein Profilbild. Kein Name.

Stattdessen: „Heute Abend: Geh’ in das kleine Café an der Ecke. Setz’ Dich ans Fenster. Lies ein Buch.“

Sie blinzelte. War das ein Scherz? Sie schloss die App, öffnete sie erneut. Doch der Hinweis war immer noch da. Und es gab keine weiteren Optionen. Kein Zurück. Kein Match. Nur diese eine Botschaft.

Kaelina lachte leise. Vielleicht hatte jemand sich einen Scherz erlaubt. Aber vielleicht… war es auch genau das, was sie brauchte: nicht eine Entscheidung, nur ein ungewöhnlicher Schritt. Sie zog also den Mantel über, griff ein altes Buch mit Eselsohren – einen Roman, den sie nie beendet hatte – und machte sich auf den Weg.

Das Café war still, ein Platz am Fenster frei. Kaelina bestellte einen Tee mit Zimt und Apfel, setzte sich, öffnete schließlich das Buch.

Sie kam bis Seite drei, da bemerkte sie schon jemanden, der sich an den Tisch neben ihr setzte. Ein Mann, Anfang dreißig, mit einem Ausdruck, als hätte er den ganzen Tag lang versucht, niemandem auf die Nerven zu gehen.

„Verzeihung“, sagte er, „haben Sie vielleicht… einen Moment Zeit?“

Kaelina sah auf. „Für was?“

Er lächelte verlegen. „Ich glaube, ich habe mich verlaufen. Aber nicht im Stadtplan. Eher… na ja, im Leben.“

Sie nickte. Langsam. Lächelte erheitert.

„Setzen Sie sich zu mir“, sagte sie.

Sie lachten viel und führten ein gutes Gespräch.

Ein toller Abend zu zweit.

Am nächsten Morgen öffnete sie wieder die App. Keine Nachricht von dem Mann. Kein Hinweis, wer er war. Nur eine neue Zeile:

„Spaziere heute im Park. Nimm nichts mit. Lass Dich überraschen.“

Sie folgte dem Impuls. Der Tag war kühl und klar. Im Park wehten bunte Blätter über die Wege, als hätte jemand mit einer Handvoll Farbpulver um sich geworfen.

Am Teich sah sie ein Kind, das eine Ente fütterte, obwohl ein Schild daneben genau das verbot. Die Mutter schien amüsiert. Niemand griff ein. Und die Enten?

Später, auf einer Bank, saß ein älterer Herr mit einem Notizbuch. Sie setzte sich neben ihn, ohne zu fragen. Er reichte ihr schließlich wortlos sein Buch. Auf der ersten Seite stand: „Was wäre, wenn Deine Suche nach Liebe eigentlich eine Frage an Dich ist?“

Kaelina war überrascht.

„Wer sind Sie?“, flüsterte sie.

„Das ist nicht die richtige Frage“, schüttelte er sanft den Kopf, nahm das Buch zurück, stand auf und verschwand.

Sie blieb zurück und dachte nach.

So vergingen die Tage. Und die App blieb ungewöhnlich. Keine Profile. Keine Chats. Stattdessen immer wieder kleine Aufgaben:

„Schreibe jemandem, den Du vermisst.“

„Geh’ in die Buchhandlung. Frage nach einem Buch über Stille.“

„Bleib’ heute einfach zuhause. Höre Dir selbst zu.“

Kaelina begann mit der Zeit, weniger auf ihr Handy zu schauen, mehr nach draußen. Und nach innen. Sie traf Menschen, mit denen sie sprach, ohne zu wissen, was daraus werden würde. Und sie begann, wieder zu schreiben – nicht für jemand anderen, sondern für sich.

Dann, eines Abends, ein neuer Hinweis:

„Morgen. 18 Uhr. Altes Gewächshaus. Trage etwas Gelbes.“

Kaelina zögerte. Sie wusste nicht einmal, ob das Gewächshaus geöffnet war. Doch sie ging hin. Mit einem senfgelben Schal, der ein wenig nach Zitrone roch. Oder bildete sie sich das nur ein?

Das Gewächshaus war still. Leer. Licht fiel durch die alten Fenster auf verstaubte Pflanzen, einige blühten dennoch, wie aus Trotz.

Und da war er. Der Mann aus dem Café.

„Ich dachte, ich hätte mir Dich nur eingebildet?“

Kaelina lächelte. „Und ich dachte, Du hättest Dich in Deinem Leben verlaufen?“

Sie standen still. Kein Gespräch über Berufe oder Hobbys. Nur zwei Menschen, die einander ansahen, als würden sie gerade aus einem langen Traum erwachen.

Sie tauschten Nummern.

Später, zuhause, öffnete Kaelina noch einmal die App. Diesmal erschien kein Hinweis. Nur eine letzte Nachricht:

„Du hast nicht den Richtigen gesucht. Du hast gelernt, richtig zu schauen.“

Sie ließ das Handy sinken. Die Stadt draußen rauschte wie ein entfernter Fluss. In ihrem Herzen war es still und weit.

Sie wusste nicht, was aus der Begegnung mit diesem Mann werden würde. Vielleicht eine Freundschaft. Vielleicht mehr. Vielleicht nur eine Erinnerung.

Aber sie wusste: Sie war angekommen.

Bei sich.

Und in der Liebe?

Manchmal beginnt Finden mit einer ne uen Art, zu schauen.

– 3 –

Es gibt eine alte japanische Münze. Sie soll magische Kräfte besitzen.

Spricht man ihren Wert von 5 Yen laut aus, bedeutet „go-en“: gute, schicksalhafte Fügung.

Die Münze reist von Mensch zu Mensch. Und schenkt uns neue Perspektiven. Sie bereichert unser Leben mit Erfüllung.

„Go-En“ hat florierende Dynastien hervorgebracht, Liebende zusammengeführt und mitmenschliche Verbindungen in der ganzen Welt geschaffen, jenseits von Raum und Zeit.

Findet sie Dich als nächstes?

Die alte Münze

über Geld und den Charakter

Norun war kein reicher Mann, aber er war zufrieden mit dem, was er hatte. In einer kleinen Stadt lebend, verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit der kunstvollen Bearbeitung von Holz. Jeden Abend ging er den gleichen Weg nach Hause, vorbei an historischen Backsteinhäusern und durch einen Park, in dem oft ein alter Mann mit zerschlissener Jacke saß.

Dieser Mann, ein stiller Bettler mit freundlichen Augen, lächelte dankbar, wenn Norun ihm etwas Kleingeld und ein paar warme Worte schenkte, woran Norun wiederum Gefallen fand.