Das Wunder von Hiltrup - Christoph Güsken - E-Book

Das Wunder von Hiltrup E-Book

Christoph Güsken

4,9

Beschreibung

Pope-City, Münster: Marienerscheinung und Mord Ex-Polizist de Jong übernimmt die Urlaubsvertretung in der Detektei seines Freundes Küppers – und schon kommt Schwung in sein bisher beschauliches Dasein: Penny, die Lebensgefährtin seines alten Schulfreundes Mickie, hat ihren Partner im Streit getötet. Doch als de Jong sie aufsucht, ist die Leiche bereits entsorgt und Penny damit beschäftigt, die Spuren zu beseitigen. De Jong ahnt, dass bei dem Mord noch jemand seine Finger im Spiel hat. Seine Nachforschungen führen ihn zu Mickies Band "Lee, Harvey & Oswald", zu einer mysteriösen Gesellschaft für Selbstoptimierung und schließlich zu Pope-City, dem ersten katholischen Freizeitpark Deutschlands mit Katakomben-Achterbahn und Kirchenschiffsschaukel. Das Bistum Münster hatte sich für den Bau in finanzielle Abenteuer gestürzt – liegt hier womöglich ein Motiv für den Mord verborgen?

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Bisher vom Autor bei KBV erschienen:

Der Tod fährt Rad

Christoph Güsken wuchs in Mönchengladbach auf, studierte in Bonn und Münster und war Buchhändler in Köln. Er verfasste Texte im Geist der legendären Monty Pythons, u. a. für die »Springmaus«. Seit 1995 lebt er als freier Autor in Münster, schrieb zahlreiche Krimis, einige wenig ernste Romane und Hörspiele. Das Wunder von Hiltrup ist der zweite Kriminalroman um den schrägen Ex-Hauptkommissar de Jong, der bei seiner Suche nach dem Sinn des Ganzen ständig über die schlimmsten Verbrechen stolpert.

Christoph Güsken

Das Wundervon Hiltrup

Originalausgabe© 2017 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheimwww.kbv-verlag.deE-Mail: [email protected]: 0 65 93 - 998 96-0Fax: 0 65 93 - 998 96-20Umschlaggestaltung: Ralf Krampunter Verwendung von: © Ig0rZh und © kamasignswww.fotolia.deLektorat: Volker Maria Neumann, KölnPrint-ISBN 978-3-95441-383-6E-Book-ISBN 978-3-95441-395-9

Für den Chor NCA,der mit seinem außerirdischen Grooveseit über zwei Jahrzehnten unterwegs ist,neue Tonleitern zu erklimmen,das Rauschen des Universums zu vernehmenund Klangwelten zu erkunden,die nie zuvor ein Mensch betreten hat.

Indem sahen sie wohl dreißig bis vierzig Windmühlen, die auf jenem Felde stehen, und sowie sie Don Quixote erblickte, sagte er zu seinem Stallmeister:

»Das Glück führt unsre Sache besser, als wir es nur wünschen konnten, denn siehe, Freund Sancho, dort zeigen sich dreißig oder noch mehr ungeheure Riesen, mit denen ich eine Schlacht zu halten gesonnen bin und ihnen allen das Leben zu nehmen; mit der Beute von ihnen wollen wir den Anfang unseres Reichtums machen, denn dies ist ein trefflicher Krieg und selbst ein Gottesdienst, diese Brut vom Angesicht der Erde zu vertilgen.«

Miguel de Cervantes Saavedra

Und soll aller Musik Finis und Endursache anders nicht, als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemüths sein. Wo dieses nicht in Acht genommen wird, da ist’s keine eigentliche Musik, sondern ein teuflisches Geplärr und Geleyer.

Joh. Seb. Bach

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

1. Kapitel

Die Hiltruper Kanalinsel sollte man sich nicht so wie andere Kanalinseln vorstellen – wie Jersey beispielsweise, Guernsey oder Alderney. Und wenn doch, sollte man sich dabei wenigstens die wichtigsten Unterschiede zwischen Ärmelkanal und Dortmund-Ems-Kanal vor Augen halten. Am besten stellt man sich ein kleines, nicht besonders sehenswertes Stückchen Erdreich vor, das zwei dünne Wasserarme gerade so weit vom Festland abtrennen, dass man nicht mit Schwung hinüberspringen kann. Es gibt viel Gras, kaum Kühe, ein paar Häuser und wenige hundert Meter Straße. An der westlichen Spitze der Insel, dort, wo sich erste und zweite Fahrt – so heißen die dünnen Wasserarme – wieder zu einer Fahrt vereinen, befindet sich eine Kläranlage. Im Osten ist es bei schönem Wetter mit der beschaulichen Ruhe der Insulaner vorbei, dann kommen Ausflügler, um zu grillen und im Kanal zu plantschen.

Es war der 20. Mai im Jahre des Herrn 2016, als sich hier, auf jenem Flecken, von dem man zwar nicht sagt, dass Gott ihn vergessen habe, aber schon, dass es nicht der Ort sei, an dem er freiwillig Urlaub machen würde, Wundersames ereignete, jedenfalls wenn man einer frommen Legende Glauben schenken will. Malina Kerssenbrock, eine Viertklässlerin, befand sich auf dem Weg zur Schule. Zur Schule zu gehen gehörte nicht gerade zu den Dingen, die Malina am liebsten tat, sodass es ihr auch eigentlich egal war, welchen Weg zur Schule sie nahm und ob der jeweilige auch wirklich dorthin führte. Nur so erklärt sich im Nachhinein, was sie ausgerechnet um diese Tageszeit an dem Ort, an dem es wenig gab, aber am allerwenigsten eine Schule, zu suchen hatte. Wie immer war sie zu spät dran, wie immer hatte sie kaum gefrühstückt, und wie auch immer es sich zutrug, verirrte sie sich auf diese recht überschaubare Insel. Lustlos streunte sie umher, und selbst als ihr klar wurde, dass sie die erste Stunde schon so gut wie verpasst hatte und sich wohl auf eine Strafarbeit gefasst machen musste, machte ihr das nicht gerade Beine. Murrend über das miserable Wetter bestieg sie endlich ihr Fahrrad und bemerkte dann, dass sie obendrein einen Platten hatte. Jetzt begann sie doch, wütend vor sich hinzufluchen, weil sie nämlich zu spät zum Matheunterricht kommen würde, und der Mathelehrer reagierte bekanntlich besonders verschnupft auf Schüler wie Malina, die ständig zu spät kamen.

In diesem Augenblick des Ärgernisses stand plötzlich eine schöne Frau neben ihr, die trotz des Regens ein heiliger Schein umgab, und Malina ermahnte, nicht zu fluchen, da Gott der Herr von jedem Fluch Schluckauf bekomme und bei weltweit Millionen fluchender Menschen mit dem Schluckauf gar nicht mehr aufhören könne und deshalb wohl kaum dazu komme, Gutes zu tun. Malina behauptete, sie habe nur deswegen geflucht, weil sie sich verirrt habe und nicht wisse, wie sie nach Hause, geschweige denn zu ihrer geliebten Schule finde. Worauf die schöne Frau überirdisch lächelte. Sie sei die Heilige Jungfrau Maria, sagte sie, welche man auch unbefleckte Empfängnis nenne. Ganz plötzlich, noch während sie dies sagte, hörte es auf zu regnen, die Wolkendecke riss auf, und die Sonne erstrahlte. Die Jungfrau Maria beachtete den Wetterumschwung nicht und ergriff stattdessen den Lenker von Malinas Fahrrad. Auf sanfte, elegante Weise lenkte sie es durch eine Pfütze – und siehe, im selben Moment war der Plattfuß wie weggezaubert!

»Zeig mir, wie du das gemacht hast«, verlangte Malina, aber anstatt dies zu tun, bat die Jungfrau das Kind um einen Gefallen.

»Ich hätte gern, dass hier, an dieser Stelle, eine Kapelle errichtet wird«, sagte die schöne Unbefleckte. »Damit Radfahrer aus aller Welt hier eine Stätte der Anbetung haben und Gott, den Herrn, lobpreisen können. Versprichst du mir das?«

Malina versprach es. Und die Unbefleckte, die nicht wissen konnte, dass Malinas Versprechen nie viel wert waren, half ihr auf das Rad und gab ihm einen Schubs, sodass es wie von selbst zur Schule rollte. Dort stellte sich heraus, dass der Mathelehrer krank war und Herr Schrubender, der Religionslehrer, die Vertretung übernommen hatte. So kam es, dass Malina weder Grinsen noch Kopfschütteln erntete, als sie von dem Grund für ihre erhebliche Verspätung berichtete, sondern auf offene Ohren und Münder stieß. Und die Kunde des Wunders von Hiltrup verbreitete sich über große Teile des westlichen Münsterlandes.

2. Kapitel

Niklas de Jong glaubte eigentlich nicht an schicksalhafte Momente. Er hielt allerdings Situationen für möglich, in denen man jemanden traf, von dem sich später herausstellte, dass man ihn besser nicht getroffen hätte – ob man das dann Zufall oder Schicksal nannte, war ihm ziemlich egal. So oder so wäre Mickie Kelzenberg ermordet worden, aber dass alles so kam, wie es gekommen war, hing damit zusammen, dass er, de Jong, an diesem Abend Penny kennengelernt hatte. Und das hatte er in gewisser Weise Mickie zu verdanken. Was natürlich nicht bedeuten sollte, dass Mickie an seiner Ermordung selbst schuld war.

Nur, von Schicksal zu reden, hielt de Jong für übertrieben.

Es war der Abend, an dem Küppers seine silberne Hochzeit feierte. Eugen Küppers, de Jongs Exkollege bei der Kripo, hatte sich nach einer kurzen, erfolglosen Fußballtrainerkarriere als Privatdetektiv in seinem geliebten Everswinkel niedergelassen. Und er wollte unbedingt, dass de Jong als sein Partner mit einstieg. De Jong meinte dazu, dass er sich lieber in ein Zeugenschutzprogramm verpacken ließe und als namenloser Niemand am Ende der Welt vegetieren würde, als in eine Privatdetektei einzusteigen. So wie er das sagte, hörte es sich ein bisschen so an, als halte er die Arbeit von Privatdetektiven für moralisch verwerflich.

»Du machst dir ein völlig falsches Bild«, widersprach Küppers. »Weder Sam Spade noch Thomas Magnum haben jemals in Wirklichkeit existiert.«

»Das glaub ich jetzt nicht«, sagte de Jong. Immer noch, wenn auch in letzter Zeit seltener, trafen die beiden sich im Knipperdolling, einer reichlich piefigen Gaststätte, die in den Radwanderführern der Region als lohnendes Ausflugsziel genannt wurde. Heute aus gegebenem Anlass schon am Nachmittag.

»Für die Realität gilt: Es wird lange nicht so heiß gegessen, wie gekocht wird«, versicherte Küppers. »Mit Mordfällen hast du überhaupt nichts zu tun. Du fotografierst untreue Ehefrauen beim Sex und kassierst dafür beim Ehemann. Das war’s auch schon.«

»Nein danke«, winkte de Jong ab. »Eine untreue Ehefrau reicht mir voll und ganz.« Womit er Giulia meinte, die schon lange nicht mehr mit ihm zusammen war, sondern mit einem Meditationsguru. Nicht, dass die beiden ein inniges Paar waren – sie stritten beinahe ununterbrochen und kamen doch nicht voneinander los.

Küppers konnte de Jong trotzdem zum Mitmachen überreden, weil er ihn nach all den Jahren recht gut kannte. »Falls du nämlich noch kein Silberhochzeitsgeschenk hättest«, sagte er.

»Was wäre dann?«, fragte de Jong.

»Ich hab dir doch erzählt, dass Millie und ich eine Hochzeitsreise machen. Sechs Wochen Kreuzfahrt. Das hat sie sich schon so lange gewünscht. Und ich dachte mir, wenn du mich vertrittst in der Zeit und den Laden schmeißt …«

Laden – so nannte Küppers sein Everswinkeler Detektivbüro. »Ich hätte einfach ein besseres Gefühl, wenn einer da ist, der sich um die laufenden Fälle kümmert, weißt du?«

»Und wenn ich doch schon ein Geschenk habe?«

Küppers machte ein Gesicht, als wäre das die schlechteste Lösung von allen. »Das ist natürlich etwas anderes«, sagte er.

»Immerhin soll es ja eine Überraschung sein«, meinte de Jong.

Klar, du hast recht. Dass du deinen besten Freund im Ernstfall hängen lässt, das ist ja wohl alles andere als eine Überraschung, sagte Küppers’ Gesichtsausdruck. Der Exkollege zückte sein Portemonnaie und winkte der Kellnerin. »Zahlen, bitte!«

»Was für laufende Fälle hättest du denn so?«, erkundigte sich de Jong aus reiner Neugier.

Küppers zahlte erst umständlich und rechnete exakt zehn Prozent Trinkgeld aus. »Der Klient heißt Schimmeck«, sagte er. »Er hat Fotos bestellt, die liegen im Schreibtisch, oberste Schublade. Ich hab versprochen, sie ihm persönlich zu bringen.«

»Was für Fotos?«, fragte de Jong unschuldig. »Passfotos oder was?«

Küppers sparte sich sein saures Grinsen.

3. Kapitel

Everswinkel war eine kleine, unaufdringliche Gemeinde im Osten Münsters. Sie beherbergte eine katholische Kirche samt Friedhof, ein Gewerbegebiet, eine Waldorfschule und seit einiger Zeit das Detektivbüro Küppers, angeblich spezialisiert auf besonders vertrackte Ermittlungen. Auch de Jong hatte hier gewohnt, aber dann hatte es ihn für fast ein Jahr nach Sizilien verschlagen, und als er zurückkam, fand er seine alte Etagenwohnung anderweitig vermietet und bewohnt vor. Sein Vermieter, der aus Amsterdam stammte, hatte ihm ein vorläufiges Ausweichquartier zur Verfügung gestellt, ein ziemlich betagtes Hausboot mit dem Namen Het Oude Meisje, das er in Münster auf dem Kanal an der Anlegestelle Warendorfer Straße geparkt hatte. Meist roch es muffig, warmes Wasser gab es häufig, dafür tropfte es immer durchs Dach, wenn es regnete. De Jong hatte sich trotzdem in das Alte Mädchen verliebt, wenn auch hauptsächlich deshalb, weil er hoffte, Giulia eines Tages an ihrer romantischen Seite zu packen. Bis jetzt hatte sich diese Hoffnung noch nicht erfüllt. Romantische Gefühle, speziell was undichte Hausboote anging, waren nicht ihre Sache, sonst wäre sie wohl kaum mit einem Mann zusammen, gegen den sie einen erbitterten Kleinkrieg führte und dies eine »lebendige Beziehung« nannte.

»Weißt du, manchmal denke ich, mit uns könnte es noch mal klappen«, hatte sie de Jong erst neulich erklärt. »Wenn du wenigstens der wärest, der du sein könntest.«

»Was soll das denn bedeuten?«

»Wenn du dein Potenzial ausschöpfst, dann könntest du der Beste sein. Na ja, jedenfalls besser als jetzt. Aber so …«

»So? Was zum Teufel meinst du mit ›so‹?«

Darauf hatte sie nicht geantwortet, und er hatte wütend aufgelegt. Wütend und eingeschnappt war er gewesen und hatte seitdem das Eingeschnapptsein kultiviert – lange Abende verbrachte er allein auf dem Achterdeck seiner vorläufigen Behausung, trank Flaschenbier, blies Trübsal und grübelte über das »beachtliche Potenzial« nach. Er hatte damit angefangen, einen düsteren Roman zu schreiben, der davon handelte, dass ein zwangsläufig Verflossener seinen Nachfolger bei Giulia Tag und Nacht beobachtete, um ihn dann auf eine besonders langsame und grausame Weise umzubringen, worauf seiner Ehemaligen wie Schuppen von den Augen fiel, in was für einer pathologischen Beziehung sie gefangen gewesen war. Und dass sie jetzt alles dafür tun würde, mit ihm wieder zusammen zu sein, nur dass es dafür jetzt zu spät war …

An einem milden Spätsommerabend Anfang September schloss de Jong sein Fahrrad auf, um nach Senden zu radeln, zum Gasthof Krone des Münsterlandes, wo sein Exkollege silberne Hochzeit feierte. Das Wetter konnte sich nicht recht entscheiden, tagsüber bescherte es sommerliche Hitze, des Nachts plötzliche Böen, die nach Herbstlaub rochen, oder tückische Regenschauer, die wie aus dem Nichts zu kommen schienen.

Es war eine lockere Silberhochzeit, ohne Tischkärtchen und feste Menüfolge, was de Jong sehr entgegenkam, denn er verfügte über wenig Erfahrung als Hochzeitsgast. Die üblichen Reden wurden natürlich gehalten, aber de Jong war seinem Freund zu Dank verpflichtet, dass er ihn nicht um eine gebeten hatte. So stand er eine geraume Weile recht unnütz herum – Small Talk mit dem Glas in der Hand war auch nicht seine Stärke – bis er wenigstens ein bekanntes Gesicht entdeckte.

»Dat nenn ich mal eine Überraschung«, freute sich das Gesicht, obwohl man es ja eigentlich keine nennen konnte. Hauptkommissar Merzenich, rheinische Frohnatur und schon vor Küppers’ Ausscheiden einer der aufgehenden Sterne am Münsteraner Kripohimmel.

»Na, wie geht’s voran in der Welt der vorsätzlichen Tötungsdelikte?«, erkundigte sich de Jong höflich.

Merzenich seufzte auf effektvolle Weise. »Tja, glauben Sie mir, wie gerne ich Ihnen sagen würde, dat ich nicht klagen kann.«

De Jong glaubte ihm, fragte aber lieber nicht nach. Der Hauptkommissar schien jedoch geradezu darauf zu brennen, seine Fähigkeit zu klagen unter Beweis zu stellen. »Morde sind heutzutage nicht mehr dat Problem, sondern Personal. Sie kriegen einfach keine guten Kriminalisten mehr. Wenn sie nicht auf Fortbildung sind, sind sie krank, so ist das.«

»Immerhin«, sagte de Jong.

»Leute wie Sie könnte ich gebrauchen. Händeringend.«

»Aber die gibt es ja nicht mehr«, erklärte sich de Jong. »Selbst händeringend.«

»Wat würden Sie davon halten, wieder einzusteigen?«

De Jong hielt nichts davon, aber Merzenich erzählte trotzdem, dass man beim städtischen Finanzamt bei ähnlich kritischem Personalstand dazu übergegangen sei, Ehemalige zu »reanimieren«, auf 450-Euro-Basis oder ehrenamtlich, viele Ruheständler seien schließlich dankbar dafür, im Alter noch eine Lebensperspektive zu bekommen.

Währenddessen pustete Küppers, der silberne Bräutigam, in das Mikrofon und erklärte dann den versammelten Gästen, dass er und seine geliebte Millie auf eine Mittelmeerkreuzfahrt gehen würden, weil Millie sich das schon so lange gewünscht habe. Sie nahm ihm das Mikrofon weg: Nein, sie beide hätten sich das so lange gewünscht, und dann er wieder: Na ja, jeder, der ihn kenne, wisse ja wohl auch von seiner Leidenschaft für die Berge. Applaus.

»Hab was läuten hören, dat Sie jetzt sein neuer Partner sind«, grinste Merzenich und stupste ihn in die Seite. »Privatschnüfflermäßig.«

»Wer immer Ihnen das geläutet hat, hat falsch geläutet«, sagte de Jong sauer. Er zwängte sich durch die Menge der Applaudierenden, verließ die Gaststätte und trat in den Garten zu den Rauchern. Auch hier blieb er nicht lange allein. Beim Wiederhineingehen stieß er praktisch mit einem Mann zusammen, den er auf Anhieb wiedererkannte, obwohl der ihn schlagartig in eine ganz andere Zeit und an einen ganz anderen Ort versetzte. Oder vielleicht gerade deswegen. Und dem Mann schien es genauso zu ergehen.

»Das ist ja ein Ding«, murmelte er und starrte de Jong an.

Monströse Brille, dicke Lippen, zwischen denen eine Fluppe qualmte: Das war unverkennbar Mickie Kelzenberg. Ein halbes Jahrhundert älter, und immer noch sah er so aus, als hätte er gestern erst auf dem Schulhof herumgestanden. Immer noch hielt er sich so ungeschickt, als hätte man ihn gegen seinen Willen in seine Haut hineingezwängt. »Niklas Jong, stimmt’s?«

»De Jong«, sagte de Jong und grinste. »Und du bist Mickie.«

Kelzenberg war bis zur Zehnten sein Mitschüler gewesen. Nicht, dass de Jong viel mit ihm zu tun gehabt hätte. Keiner hatte so richtig mit ihm zu tun gehabt. Mickie hatte meistens allein abgehangen.

»Was hat dich denn hierher verschlagen?«, erkundigte er sich.

»Der Job, was wohl sonst?«

»Bist du wirklich Bulle geworden?«

Alle Achtung, dachte de Jong. Das hatte er sich also gemerkt. Er nickte. »Aber das ist inzwischen schon wieder Vergangenheit«, sagte er.

Sie traten aus dem Pulk der Raucher hinaus und gingen bis an den Rand eines kleinen Teiches. Dort standen sie nebeneinander und starrten auf die schwarze Wasseroberfläche.

»Hoffe doch, du bist nicht auch so geworden wie die«, sagte Mickie.

»Wie die? Wen meinst du?«

»Na, sieh sie dir doch an: Alle hier haben brav Karriere gemacht, ihr Potenzial ausgeschöpft, genauso wie man’s von ihnen erwartet hat.«

»Hört sich so an, als würdest du was davon verstehen«, sagte de Jong, der bei dem Wort Potenzial hellhörig wurde.

Mickie schnaufte abfällig, als wäre das ja wohl das Letzte, wovon er etwas verstehen wollte. »Gesellschaft für Selbstoptimierung – kein Scherz, die gibt’s wirklich. Zufällig kenne ich den Laden ziemlich gut. Die haben sich da richtig reingesteigert. Und das peinliche Ergebnis kannst du überall bewundern.«

»Aber was ist denn daran so falsch?«, wollte de Jong wissen.

»Tja, wenn dir das nicht klar ist …«

De Jong fand das reichlich überheblich. »Und du hast den Stein der Weisen gefunden, oder was?« Dabei war ihm natürlich klar, dass man leicht zum Überheblichsein neigte, wenn man so betrunken war wie Mickie Kelzenberg.

Mickie rülpste. »Siehst du hier irgendjemanden, der glücklich ist? Oder anders gefragt: Bist du glücklich, Niklas?«

»Keine Ahnung«, sagte de Jong. »Wieso ist das anders gefragt?«

Kelzenberg wollte auf coole Weise Rauch ablassen, aber er verschluckte sich und musste husten. »Es ist eine klare und deutliche Frage«, sagte er. »Und zwar zielt sie auf Folgendes: Du brauchst im Leben gar keine Scheiß-Karriere.«

»Sondern was?«

»Einen Traum. Den Traum von etwas Außergewöhnlichem.«

»Und du hast so einen Traum?«

Mickie schnippte seine Kippe hinaus aufs Wasser und geriet dabei ins Schwanken. »Ich bin Musiker, Niklas, und ohne einen Traum von etwas wäre ein Musiker gar nichts.«

»Von was träumst du denn so?«, fragte de Jong, worauf der andere mit den Schultern zuckte, als hielte er es für sinnlos, das jemandem zu erklären, der nicht von selbst drauf kam.

Mickie stapfte zurück zu den anderen, und de Jong versuchte, in dem, was er gesagt hatte, einen Sinn zu entdecken. Jedenfalls so lange, bis Mickie mit zwei Bierflaschen zurückgekehrt war und sie mit dem Feuerzeug geöffnet hatte. Eine davon reichte er de Jong.

»Ich habe eine Oper geschrieben«, erklärte er circa eine Minute später stolz, als die Flasche schon wieder halb leer war.

»Eine Oper?«

»Eine Rockoper, die weltweit einzige in Masematte. Das ist eine alte Geheimsprache, die es nur in Münster …«

»Klar, schon mal davon gehört.«

»Das Werk heißt Der Tod macht blau.« Mickie bot de Jong eine Zigarette an, und er nahm sie, obwohl er eigentlich mit dem Rauchen aufgehört hatte.

»Und das bedeutet auf Hochdeutsch?«

Mickie ignorierte die Spitze. »Es handelt von einem üblen Kerl, der für Geld Leute abknallt.«

»Wurde sie schon mal aufgeführt?«

Er nickte. »In Enschede auf dem Groote Markt. Kam ziemlich gut an. Trotz des Regens.«

»Es hat geregnet?«

»Hat leider die meisten davon abgehalten zu kommen.«

»Also eine Rockoper statt einer Doppelhaushälfte«, sagte de Jong. »Und das war’s schon, oder was?«

Mickie starrte ihn konsterniert an, aber der Alkohol hinderte ihn daran, wütend zu werden. »Eben nicht«, stieß er trotzig hervor. »Früher hab ich das doch auch gedacht. Denkst du vielleicht, ich wäre eine Ausnahme? Aber das war mal. Jetzt weiß ich, dass …«

»Was?«

»… dass das alles einen feuchten Fliegenschiss wert ist.«

»Das wäre ja immer noch mehr als gar nichts«, sagte de Jong nach einer Weile des Schweigens und Rauchens höflich.

»Also gut, Niklas, ich versuch dir das zu erklären: Zum Beispiel, du irrst stunden- oder sagen wir tagelang durch einen Wald, ohne Sinn und Verstand. Und dann plötzlich stehst du draußen, hast einen irren Ausblick über Wiesen und sanfte Hügel, so weit du gucken kannst. Und du weißt plötzlich: Das ist es. Hier wollte ich doch hin. Die ganze Rennerei hätte ich mir sparen können. Verstehst du jetzt, was ich meine?«

»Nein, überhaupt nicht. Wenn du da hinwolltest, wieso war dann die Rennerei umsonst?«

Mickie schnaufte unwillig. »Der Punkt ist doch der: Wenn du erst mal wirklich kapiert hast, worauf es ankommt – ich meine wirklich – dann brauchst du nicht so viel …« Er sprach nicht weiter, holte noch eine Kippe aus der Packung und zündete sie an. Paffte zwei oder drei Züge, dann warf er sie ins Wasser. Und setzte sich unvermittelt ins Gras.

»Alles klar mit dir?«, erkundigte sich de Jong.

Kelzenberg war bleich wie der Tod und die Augen hinter seiner monströsen Brille flackerten bedrohlich. »Ich glaube, ich muss jetzt nach Haus.«

»Soll ich dich zum Klo bringen?«

»Penny kommt mich abholen. Kannst du mal sehen, ob sie schon da ist?«

»Wer ist Penny?«

Kelzenberg antwortete ihm nicht und starrte einfach ins Leere.

Also machte de Jong sich auf die Suche, obwohl er keine Ahnung hatte, wie diese Penny aussah. Er bahnte sich einen Weg durch die feiernde Gesellschaft, fragte den einen oder den anderen – ohne Erfolg. Aber er hatte unverhofftes Glück. Als er nach draußen auf die Straße trat, stieß er mit einer Frau zusammen, die auf dem Weg nach drinnen war. Ihr Autoschlüssel fiel auf den Boden, de Jong hob ihn auf. »Sind Sie Penny?«, riet er.

Sie war keine spektakuläre Erscheinung, ziemlich klein, selbst für eine Frau. Eine zierliche Person. Ihr Blick war etwas Besonderes. Es war ein Blick, der irgendetwas in ihm berührte, von dem er bisher nicht gewusst hatte, dass es in ihm existierte. Etwas wie Erinnerungen an Dinge, die er in Wirklichkeit nie erlebt hatte. Von denen er nur gehofft hatte, sie eines Tages zu erleben. Jedenfalls hatte de Jong zum ersten Mal an diesem Abend das Gefühl, seine Zeit nicht verschwendet zu haben.

»Ich wollte nur Herrn Kelzenberg abholen«, sagte sie.

»Kein Problem, ich bringe Sie zu ihm.« Sie folgte ihm. »Mickie ist drüben im Garten …«

De Jong fand ihn da, wo er ihn zurückgelassen hatte. Allerdings hatte er sich inzwischen übergeben und war auf dem Rasen eingeschlafen.

»Schätze, er hat zu viel getrunken«, sagte de Jong.

»Mickie verträgt so gut wie gar nichts«, fuhr sie ihm ärgerlich dazwischen. Dem Ton ihrer Stimme nach war sie kaum besorgt um ihn, nur genervt. Offenbar passierte das nicht zum ersten Mal. »Warum muss er sich trotzdem immer volllaufen lassen?«

»Vielleicht weil er nach einer Idee sucht«, vermutete er.

»Nach einer Idee?«

»Die Idee von etwas, damit man nicht untergeht. Das waren seine Worte.«

Penny schüttelte in einer abschätzigen Weise den Kopf.

De Jong half ihr, Mickie durch das Lokal nach draußen zu befördern und ins Auto zu hieven, das zum Glück über eine große Ladefläche verfügte.

»Danke für Ihre Hilfe«, sagte sie und stieg vorne ein.

»Übrigens, ich bin de Jong«, sagte de Jong. »Niklas de Jong.«

Kurz darauf war sie weg, und er war sich gar nicht sicher, ob sie ihn überhaupt gehört hatte.

Drinnen im Lokal hatte die Hochzeitsfeier ihren Fortgang genommen. Das Buffet lag geplündert da, die kargen Reste von Salaten, Käsen und diversen Süßspeisen sahen wenig einladend aus, sodass de Jong verzichtete. Auf dem Weg zur Toilette kam er an einer Kammer vorbei, aus der erregte, gedämpfte Stimmen drangen.

»An unserem Hochzeitstag musst du dich vor allen Gästen aufplustern und behaupten, dass du dir aus Kreuzfahrten nichts machst.«

»Also jetzt mach mal einen Punkt. Ich habe nicht …«

»… damit alle wissen, wenn du nicht mit einer alten Tante wie mir zusammen wärst, müsstest du dich nicht auf einem Liegestuhl zu Tode langweilen.«

»Aber das stimmt doch nicht, Millie, und das weißt du.«

»Jeder, der mich kennt, weiß, dass die Berge meine Leidenschaft sind. Warum …?«

»Na, weil es ja eigentlich auch so ist. Nur …«

»Nach all den Jahren. Warum tust du mir das an?«

»Aber, Millie …«

De Jong war diskret und wollte nicht lauschen. Er blieb noch etwas auf dem Fest. Als Millie sich kurz darauf wegen angeblich plötzlicher Müdigkeit davonmachte, dauerte es nicht lange, bis sich auch die Verwandtschaft verabschiedete. Es folgten die langjährigen Freunde, Weggefährten und Kollegen. Am Ende blieben nur noch de Jong und der Gastgeber übrig, der düster in sein leeres Glas starrte. Und es war noch nicht mal zwei Uhr nachts.

»Fünfundzwanzig Jahre glückliche Ehe«, nuschelte er, »und dann das. Von mir aus soll sie sich die gottverdammte Kreuzfahrt sonst wo hinschieben.«

»Vielleicht wird es ja doch ganz schön«, meinte de Jong. Er suchte schon längst einen geeigneten Zeitpunkt, sich zu verdrücken, fand aber keinen. »Sag mal, woher kennst du eigentlich Mickie Kelzenberg?«

»Wen?« Eugen Küppers schätzte es nicht, mit unwichtigen Fragen belästigt zu werden, wenn er gerade dabei war, sein gesamtes Leben zu bilanzieren.

»Er war einer der Gäste. Ein schlaksiger Typ in meinem Alter mit Achtzigerjahrefrisur …«

»Nie gehört. Da musst du Millie fragen.« Küppers schüttelte den Kopf. »Und ich hab mir eingebildet, nach so vielen Jahren kennt man sich einigermaßen.«

»Weißt du was?«, sagte de Jong. »Ich werde mich mal langsam auf den Weg machen.«

»Quatsch! Wir trinken noch einen letzten …« Eugen Küppers machte sich auf die Suche nach einer Flasche, die noch nicht leer war. »Was ist jetzt mit meinem Laden. Du machst das doch für mich, oder?«

»Ehrlich gesagt, Eugen, glaube ich nicht, dass das eine gute Idee …«

»Schimmeck, mein Klient, das ist so ein Karrierefuzzi bei der GSO. Gesellschaft für Selbstoptimierung – esoterischer Kram, wenn du mich fragst. Aber egal, du musst ihm nur ein paar Fotos bringen, dann ist er zufrieden …«

De Jong war schon auf dem Weg zur Tür gewesen, weil er sich jetzt wirklich verabschieden wollte. Dann blieb er doch noch einmal stehen. Mickie Kelzenbergs überhebliches Geschwafel ging ihm durch den Kopf. Und Giulias überflüssige Bemerkung.

»Also gut«, sagte er. »Schließlich war das ja mein Geschenk.«

Eugen war noch nicht so betrunken, dass er nicht überrascht sein konnte. »Ohne Scheiß? Offengestanden dachte ich schon, du wolltest gar nicht …«

»Ich hab doch gesagt, es soll eine Überraschung sein.«

Küppers kam auf de Jong zu, ergriff sein Handgelenk und umklammerte es wie ein Ertrinkender. »Auf dich kann man sich verlassen, Niklas, das wusste ich immer. Ehrlich, Millie könnte sich eine verdammte Scheibe von dir abschneiden.«

»Lieber nicht.« De Jong machte sich los und winkte zum Abschied. »Ich wünsche dir eine schöne Kreuzfahrt!«

4. Kapitel

Auf dem Rückweg hatte de Jong einen Platten und geriet, kaum dass er angehalten hatte, in einen dieser tückischen Gewitterschauer, die über die Fähigkeit verfügen, sich im wolkenlosen Himmel zu verstecken und einen langen Sommerabend darauf zu lauern, dass irgendjemand auf freier Strecke eine Panne hat, um dann mit all ihrer Wucht auf ihn herniederzugehen. Als ihn am nächsten Morgen das Piepsen des Telefons aus seinem kurzen, unruhigen Schlaf riss, war es bereits elf Uhr vormittags, und wenn man dem Strahlen der Sonne Glauben schenkte, waren heftige Wolkenbrüche oder Gewitterschauer nichts als aufschneiderisches Radlerlatein.

»Ist da Hauptkommissar de Jong?«, erkundigte sich eine sonore Männerstimme. »Hier ist Helge Schimmeck.«

»Exhauptkommissar«, sagte de Jong.

»Herr Küppers sagte, dass Sie ihn während seines Urlaubs vertreten.«

Das war also der »Karrierefuzzi«, wie ihn Eugen letzte Nacht genannt hatte. Er klang abgehetzt, als käme er gerade vom Joggen. »Wie kann ich Ihnen behilflich sein, Herr Schimmeck?«

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir das bewusste Bildmaterial baldmöglichst zukommen lassen könnten. Außerdem möchte ich gern noch einen wichtigen Punkt mit Ihnen besprechen. Wie wäre es heute Mittag gegen eins? Das würde mir passen.«

»Mir vielleicht auch«, sagte de Jong.

»Gut, dann erwarte ich Sie im Longstrumph-Haus. Wir werden zusammen Mittag essen und uns ein wenig kennenlernen. Was halten Sie davon, Herr eh …«

»De Jong«, sagte de Jong.

»Großartig. Also dann bis mittags. Meine Sekretärin gibt Ihnen die Adresse.«

De Jong musste aufstehen, sich anziehen und einen Kaffee trinken. Und drei Eimer ausleeren, die er unter den undichten Stellen im Dach platziert hatte – der letzte Wolkenbruch hatte sie jeweils zur Hälfte gefüllt. Während des Frühstücks fuhr er den Computer hoch und tippte Longstrumph in die Zeile der Suchmaschine.

John T. Longstrumph hatte 1977 die Kirche der kosmischen Aufklärung gegründet. In den Sechzigerjahren war er ein US-amerikanischer Fantasyautor. Seine Romane handelten davon, dass die Menschen der Urzeit von Aliens entführt wurden. Die Außerirdischen brachten ihnen wichtige Dinge bei, nicht wie man das Rad erfand und Feuer machte, sondern auch positives Denken, moderne Unternehmensführung und sogar die Antwort auf solche Fragen: Wie kann man sich die Erde untertan machen oder wie die eigene Karriere vorantreiben und gleichzeitig am Weltbewusstsein partizipieren? All dieses Wissen zusammengenommen wurde das Übersinnliche genannt. Und mit diesem Übersinnlichen im Gepäck kehrten die Entführten auf ihren Heimatplaneten zurück, um den in peinlicher Dumpfheit verharrenden Rest der Menschheit an den Errungenschaften des Geistes teilhaben zu lassen. Dies war keine leichte Aufgabe und erforderte vor allem, dass die Erleuchteten ihre Rolle als geistige Führer der Menschheit wahrnehmen konnten.

Soweit das Garn, das in den Romanen versponnen wurde. In den Vereinigten Staaten jedoch, so behauptete das Internet, habe es einige gegeben, die dieses Geschreibsel für bare Münze genommen hätten. Der Verlag habe daraus eine großangelegte Promotion-Kampagne gestrickt, sodass es schon wenige Jahre später Millionen Amerikaner gegeben habe, die Longstrumph für einen Propheten hielten. Diese entwickelten die neue Technik zur Optimierung der Persönlichkeit und exportierten sie nach Europa. So kam die Gesellschaft für Selbstoptimierung GSO schließlich auch nach Münster.

Kurz nach zwölf ging de Jong von Bord des Alten Mädchens und radelte nach Everswinkel. Küppers’ Privatdetektei befand sich im Ladenlokal der ehemaligen Bücherstube. Das Schaufenster verdeckte ein weißer Vorhang, sodass es auf den ersten Blick an ein Bestattungsinstitut erinnerte, aber da war ein kleiner Bereich, der den Schriftzug Küppers – Private Ermittlungen präsentierte, daneben eine Lupe und ein Notizblock – reichlich altbacken, wie de Jong fand. Er war im Besitz des Schlüssels, weil er hin und wieder Blumen gegossen hatte.

Die Inneneinrichtung war karg und entsprach der wohlgeordneten, aber auch recht langweiligen Welt des Eugen Küppers: ein Schreibtisch mit einem Computer und einem Bilderrahmen mit einem Foto von Millie und den Kindern aus alten Zeiten, in der Ecke eine Zimmerpalme und an den beiden Seitenwänden zwei Poster: eins vom Traineridol Sepp Herberger und ein anderes, das Humphrey Bogart als Phil Marlowe zeigte.

In der oberen Schublade konnte de Jong die Observierungsfotos nicht finden. Auch nicht in der mittleren und der unteren. Die Zeit wurde allmählich knapp, also hörte er auf zu suchen, bestieg das Rad und nahm wieder Kurs auf Münster, dieses Mal radelte er zur Gesellschaft für Selbstoptimierung.

Die Niederlassung befand sich am nördlichen Stadtrand. Vermutlich hatte man im immer noch latent katholisch geprägten Münster alle verfügbaren Bremsen betätigt, bis man die Selbstoptimierer mit ihrem Sektengeruch weit draußen an den Schiffahrter Damm verbannt hatte, an den Rand eines nicht sehr einladend wirkenden Gewerbegebiets. Die Gegend hatte mit Selbstverwirklichung nicht viel zu tun und befand sich stattdessen fest in der Hand der Automobilbranche. Wen nach übersinnlichem Wissen dürstete, dem wurde zugemutet, an Autohäusern, Gebrauchtwagenhändlern mit ihren Jetzt-zugreifen-Angeboten und schließlich an TÜV und Kfz-Zulassungstelle vorbeizuradeln. Immer noch weiter, bis er glaubte, das Ende der bewohnten Welt erreicht zu haben und schließlich vor einem modernen, aber nicht schönen, turmförmigen Gebäude mit Aluminiumfassade stand. Longstrumph Haus, Gesellschaft für Selbstoptimierung verriet eine Marmorplatte am Eingang, gleich neben einer fröhlich plätschernden Fontäne, die das Symbol der Gesellschaft war: die nie versiegende Quelle geheimen Wissens.

De Jong wartete kaum fünf Minuten, als ein sportlicher Kerl in einem ebenso leichten wie teuren Anzug die breite Marmortreppe herabsprang wie ein junges Reh und sich ihm mit ausgestreckter Hand und einem breiten Lächeln näherte. »Herr de Jong, ich grüße Sie.«

»Herr Schimmeck«, sagte de Jong und wurde schon von einer Hand auf seiner Schulter in Richtung Ausgang dirigiert.

»Na, dann hoffe ich, Sie haben ein bisschen Hunger mitgebracht.« Schimmeck sah aus wie Anfang dreißig – de Jong schätzte ihn auf Ende dreißig, nur dass Sport und gesunde Ernährung ihre Spuren hinterlassen hatten. Der Mann im teuren Anzug lotste ihn zu einer Osteria ganz in der Nähe, wo de Jong niemals ein Restaurant vermutet hätte, bestellte auf Italienisch und empfahl ausdrücklich die Ravioli, die die besten in der ganzen Stadt seien. Er gab sich große Mühe, vor gewinnendem Charme nur so zu sprühen und hatte, noch bevor sie am Tisch Platz genommen hatten, den Beruf des privaten Ermittlers schon dreimal als »spannend« und »hochinteressant« bezeichnet. Aber gleichzeitig machte er wie schon am Telefon einen gehetzten Eindruck, wie de Jong fand, der einen Bauernsalat orderte. Gleich zu Anfang kam er auf die Fotografien zu sprechen und behauptete, Küppers habe versäumt, ihm das Password zu verraten, sodass er auf die Dateien nicht zugreifen könne.

Schimmeck schluckte und schien einen Augenblick verärgert zu sein, aber dann überlegte er es sich schnell anders, beugte sich über den Tisch und legte die Hand auf de Jongs Arm – eine viel zu vertraute Geste, die de Jong unangenehm war. »Bitte, Sie sollen nicht denken, dass ich meiner Frau Undine misstraue.«

»Gern«, sagte de Jong. »Aber was denn dann?«

»Das Gegenteil gewissermaßen. Ich habe mich entschlossen, einen privaten Ermittler einzuschalten, um zu beweisen, dass ich mit meinem hässlichen Verdacht falsch liege. Damit dieser Verdacht nicht zwischen uns steht, verstehen Sie?«

»Ich bin zwar kein Privatdetektiv«, sagte de Jong, »aber auch kein Paartherapeut.«

Das Essen wurde serviert und Schimmeck zog die Hand wieder zurück. Er griff nach Gabel und Löffel und wünschte einen guten Appetit. »Sie werden mir die Aufnahmen also noch übergeben, mitsamt dem Datenträger, auf dem sie gespeichert sind, und sicherstellen, dass sie nicht in die Hände Dritter gelangen werden?«

»Das ist doch wohl selbstverständlich.«

»Ausgezeichnet.« Schimmeck lächelte breit und schien erleichtert zu sein, aber ein blitzschneller Blick auf die Uhr machte diesen Eindruck wieder zunichte. »Dass ich mich darauf verlassen kann. – Natürlich kann ich mich darauf verlassen«, fügte er schnell, wie entschuldigend, hinzu. Er kaute und schluckte herunter und sagte dann: »Aber es geht mir noch darum: Würden Sie bitte den Auftrag einfach als erledigt betrachten? Nicht was das Finanzielle angeht, das regeln wir noch und sicher zu Ihrer Zufriedenheit, nur …«

»Gern, jederzeit«, sagte de Jong.

Schimmeck schien diese Zusicherung immer noch nicht zufriedenzustellen. »Es ist mir wichtig, dass diese Ermittlung gegen meine Frau und einen eventuellen Liebhaber vertraulich bleibt. Mehr als vertraulich.«

»Mehr als vertraulich?«

»So als hätte es sie nie gegeben, verstehen Sie? Es ist nämlich so, dass hier in unserer Gesellschaft – die ich gern auch als große Familie bezeichne – schnell einmal etwas in den falschen Hals gerät.« Er sah de Jong an, schien darauf zu warten, dass von ihm etwas wie »ja, das verstehe ich natürlich« oder »wo gibt es das nicht?« kam. Aber es kam nicht. »Die Presse zum Beispiel wartet nur darauf, sich auf irgendwelche Gerüchte oder Halbwahrheiten zu stürzen und uns dann als Sekte hinzustellen, mit geheimen Praktiken, Gehirnwäsche und so weiter.«

»Was aber gar nicht stimmt«, vermutete de Jong.

Schimmek beschränkte seine Antwort auf ein leicht verrutschtes Lächeln. »Wir sind nicht Scientology, verstehen Sie. Und auch über die wird so manches behauptet, was gar nicht stimmt.«

»Aber doch hauptsächlich von den Scientologen selbst«, meinte de Jong.

Sein Gegenüber griff nach dem Pfefferstreuer. »Wir sind keine Sekte. Auch keine Kirche. Sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die sich der Zukunft und ihren Herausforderungen öffnen.«

»Und diese Selbstoptimierung – wie muss man sich die vorstellen?«

Helge Schimmeck blickte in seine Ravioli, schien sie zu studieren, dann zu de Jong und dann wieder in die Ravioli, als wäre er auf der Suche nach Gemeinsamkeiten. »Die GSO«, er sprach die Buchstaben englisch aus, »geht davon aus, dass es weder Sieger noch Verlierer gibt. Es kommt letztlich nur darauf an, sich gut aufzustellen. Sein Potenzial optimal zu nutzen. Wie jedes Produkt muss auch die Persönlichkeit ihren Markt finden.«

»Ihren Markt?«

De Jong bekam ein entspanntes Lächeln als Antwort, der kleine Themenwechsel schien Schimmeck gutzutun. »Das Gesetz von Angebot und Nachfrage gilt nicht nur im ökonomischen, sondern auch im Bereich persönlicher Beziehungen. Wer Sie sind, ob Sie Stärken oder Schwächen haben, hängt davon ab, ob jemand Ihre speziellen Qualitäten nachfragt oder nicht.«

»Und Sie leiten diese Gesellschaft?«

»Gemeinsam mit Cornelius Wittekind. Er ist der Bruder meiner Frau.«

»Sie sind also quasi ein Familienbetrieb?«

»Cornelius kümmert sich allerdings vorwiegend um unser soziales Netzwerk, das weltweit im Kommen ist.«

»Ach, so etwas haben Sie auch?«

Schimmeck verschluckte noch sein letztes Stück Ravioli und winkte schon dem Kellner, während de Jong immer noch stocherte. »Myglüx.de«, sagte er. »Es ist nicht nur ein soziales Netzwerk, sondern fußt auf der Idee unseres Gründers, dass man alles im Leben erreichen kann, wenn man positive Energie bündelt. Wenn Sie Interesse haben, schauen Sie doch einfach mal rein.«

»Ich weiß noch nicht«, sagte de Jong und ärgerte sich, weil Schimmeck für beide zahlte. Hätte er das vorher gewusst, dann hätte er mehr als diesen kümmerlichen Salat bestellt.

Aber eh er sich’s versah, hatten sie die Osteria verlassen und trabten zurück zum Longstrumph-Haus. Schimmeck ergriff de Jongs Hand mit seinen beiden. »Mein Vorschlag: Sie sorgen dafür, dass diese … hässliche Sache quasi nicht passiert ist, dafür spendiere ich Ihnen – zusätzlich zu Ihrem Honorar natürlich – einen Schnupperkurs. Damit Sie mal sehen, dass wir keine Sekte sind und genau wissen, wovon wir reden.«

De Jong wirkte unschlüssig. Während der andere, schon auf der Schwelle hinein, sich noch mal umdrehte und den Exkommissar mit seinem Zeigefinger geradezu festnagelte. »Glauben Sie mir: Gerade jemand wie Sie würde davon profitieren.«

5. Kapitel

Gerade jemand wie Sie. Was hatte der Anzugträger damit gemeint? De Jong grübelte auf dem Heimweg darüber nach und kam zu dem Schluss, dass ihm das erstens reichlich egal sein konnte und zweitens nicht im Geringsten interessierte. Die Antwort war außerdem simpel: Wenn man jemand wie er, Schimmeck, war, der teure, silbrig schimmernde Anzüge trug und in Restaurants auf Italienisch bestellte, musste man de Jong für einen armseligen Privatdetektiv halten, also das, was man früher einmal eine verkrachte Existenz genannt hatte. Denn wer glaubte heutzutage noch den Glorienschein, den erst die Literatur und dann das Fernsehen dem Beruf des Privatdetektivs umgehängt hatten. Privatdetektive waren keine vor Witz und Scharfsinn sprühenden Frauenhelden, sondern arme Schlucker, die Geld dafür nahmen, dass sie im Auftrag ihrer Klienten hässliche und wenig ruhmreiche Dinge taten.

Den Rest des Nachmittags verbrachte de Jong damit, das Hausboot winterfest zu machen, genauer gesagt herbstfest, denn das Ende des Sommers war nicht mehr fern und damit die Nächte, in denen der kalte Wind durch alle Ritzen zog und einem die Freude am Leben ganz schön verderben konnte. Er bewaffnete sich mit einer Spritze und sprühte Dichtungsmasse in Tür- und Fensterfüllungen. Und die ganze Zeit rumorte das Jemand wie Sie in seinen Gedanken, was seine Laune erheblich beeinträchtigte. Vor allem deshalb verschwand es nicht aus seinem Kopf, weil er Giulias Kommentar förmlich hören konnte: Dass du dich für so perfekt hältst, dass es an dir nicht das Geringste zu verbessern gibt, ist nichts Neues, aber es heißt ja wohl nicht, dass alle anderen das auch so sehen. – Ich will ja gar nicht, dass alle anderen das so sehen, entgegnete er. Nur du. Darauf sagte sie nichts, aber Rembert Kranich, ihr neunmalkluger Bettgefährte mit dem marxähnlichen Gesicht, fertigte ihn mit einer seiner nervtötenden indischen Lebensweisheiten ab.

Die Dichtungsmasse war alle. De Jong holte ein Bier aus dem Kühlschrank und schaltete den Fernseher ein. Er zappte herum und landete schließlich bei dem Lokalmagazin Münster auf Zack. Die Kamera schwenkte über westfälische Weiten, er erkannte den Kanal und eine Kläranlage. So wie es früher einmal ausgesehen hatte.

»So hat es hier früher einmal ausgesehen«, bestätigte die Kommentatorin, und de Jongs Finger, der schon umschalten wollte, zögerte. Die Kommentatorin war nämlich jene Person, der er gestern Nacht dabei behilflich gewesen war, ihren besoffenen Liebsten ins Auto zu hieven. Penny, die Frau mit den ernstesten Augen, die er jemals kennengelernt hatte. Vor der Kamera sah sie anders aus als gestern, weniger unscheinbar, spektakulärer. Ihr Haar flatterte im Wind, ihr Busen wirkte größer, als er es in Erinnerung hatte. »Aber dann geschah das Wunder von Hiltrup«, sagte sie, »und über Nacht wurde alles anders.«

Das Wunder von Hiltrup – selbst einem Ungläubigen wie de Jong war das ein Begriff. Allerdings weniger als religiöses Ereignis als vielmehr als touristische Initialzündung, die der Region mehr Umsatz und Arbeitsplätze eingebracht hatte als jedes Konjunkturprogramm.

Malina Kerssenbrock, ein zwölfjähriges Mädchen, hatte eines Tages behauptet, da draußen im Nichts zwischen den Kanälen sei ihr die heilige Maria persönlich begegnet. Malina sei mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Schule gewesen, habe sich verirrt und dann sei auch noch die Luft aus ihrem Reifen entwichen. Die Muttergottes habe ihr Rad auf wundersame Weise wieder geflickt und dann angeregt, an dieser Stelle eine Kapelle zu errichten, die künftig eine Wallfahrtsstätte für alle Radler sein solle.

»Wie auch immer man über dieses Wunder denken mag«, sagte Penny, in der Hand ein Mikrofon und im Hintergrund die neue Wallfahrtstätte, »Maria hatte die eine zündende Idee, über die Generationen von Mitarbeitern des Münstermarketings vergeblich gegrübelt hatten: das Bicycleum. Viele sprechen von ihm inzwischen als dem Santiago di Compostela der Radfahrer.«

Das Bicycleum war nicht nur eine Gebetsstätte mit einem weitläufig überdachten und bewachten Fahrradparkplatz. Ein multimediales Dokumentationszentrum gleich nebenan berichtete detailreich über das Wunder und seine Wirkungsgeschichte. An der Stelle, wo die heilige Jungfrau dem Mädchen erschienen war, befand sich eine Pfütze, die auf mysteriöse Weise auch im heißesten Sommer nicht austrocknete, und es hieß, dass alle Räder, die durch diese Pfütze gelenkt wurden, niemals mehr platt gingen. In einem Devotionalienshop konnte der gläubige Tourist alles bekommen, was sein frommes Herz begehrte – nicht nur die üblichen Kitschfiguren, sondern auch digitale Rosenkränze und interaktive Beichtsoftware.

»Die wundersamen Dinge mag man glauben oder nicht«, fuhr Penny fort. »Wie die Betreiber immer wieder betonen, wendet sich das Angebot an alle – Gläubige, Skeptiker, Agnostiker, Atheisten, sogar Andersdenkende. Und sie sind alle gekommen, um das hier mitzuerleben: Seit gestern hat Pope City mitten in Münster seine Tore geöffnet.«