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Wie viel Dezentralität und wie viel Finanzierung der Realwirtschaft steckt in Decentralized Finance? Was sind Token eigentlich und wo liegt der Nutzen von Tokenization? Sind Token-versus-Token-Geschäfte schon ein Vorbote eines Schattenbank 2.0 Systems? Wie wirkt sich der allgemeine Trend zu einer Gamification auf DeFi und Token aus? Wo liegt die Grenze zwischen Gaming, Gambling und Ausnutzung von Informationsasymmetrien? Und was können Antworten der Regulierung sein, um Kunden- und Anlegerschutz-Interessen zu wahren, und mögliche Gefahren für die Finanzstabilität abzuwehren? Das Buch beantwortet diese und weitere Fragen und diskutiert, ob althergebrachte Intermediäre wie Banken oder Börsen durch rein technische Konstrukte abgelöst werden und dadurch ein effizienteres und kostengünstigeres Finanzsystem gebaut werden könnte. Es bietet einen unverzichtbaren Überblick über die verschiedenen Aspekte von Decentralized Finance und Tokenization aus einer interdisziplinären Perspektive für Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen, Jurist:innen, Bankenaufsicht und interessierte Studierende.
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Seitenzahl: 536
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Udo Milkau
Decentralized Finance und Tokenisierung
1. Auflage 2023, Juni 2023
© 2023 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH
www.schaeffer-poeschel.de
Produktmanagement: Anna Pietras
Lektorat: Anette Villnow, Wiesbaden (Freie Lektorin)
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, des auszugsweisen Nachdrucks, der Übersetzung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, vorbehalten. Alle Angaben/Daten nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.
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Abb. 1: Illustrative Darstellung der »Dezentralisierung« von DeFi durch Technik ohne Intermediäre
Abb. 2: Governance-Token-Holder von MakerDAO nach Anteilen (Datenquelle: Coinmarketcap, 8.3.2022)
Abb. 3: Schichten der Interaktion als transdisziplinärer Analyseansatz
Abb. 4: Normative Perspektive auf DeFi als Finanzsystem ohne Intermediäre
Abb. 5: Vergleich der DeFi-Welt (rechts) mit der Realwirtschaft inkl. Finanzsystem
Abb. 6: Koordination in sozioökonomischen Systemen für Entscheidungen unter Unsicherheita) Vertrauen erfordert eine gewisse Erfahrung (oder Vorwissen), um Entscheidungen unter Unsicherheit über die Zukunft zu treffenb) Formfrei vom Handschlag beim Pferdekauf bis zur signierten digitalen Nachricht, da es nicht auf formale Strukturen, sondern Institutionen ankommtc) Spieltheorie als Beschreibung einer Kooperation zwischen verschiedenen rationalen Akteuren mit Optimierung der jeweiligen Vorteile bei gegebenen (Spiel-)Regelnd) I. S. einer ex ante festgelegten Handlungsvorschrift wie insbes. Computerprogrammen
Abb. 7: Verschiedene Situationen einer Vertragsbeziehung: Kiosk, Getränkeautomat, E-Commerce
Abb. 8: Echtzeitzahlungen mittels SEPA Instant Payments via TIPS
Abb. 9: Die verschiedenen DeFi-Plattformen und die implementierten Applikationen gemessen am TVL mit Stand vom 15.2.2022 (Datenquellen: defipulse.com/; www.defistation.io/; defillama.com/)
Abb. 10: Governance-Token-Halter von Uniswap nach Anteilen (Datenquelle: Coinmarketcap, 18.3.2022)
Abb. 11: Vergleich von Uniswap zu Binance und Coinbase gem. Tagesumsatz in Mrd. US-Dollar (Binance auf 1/10 reduziert, Spitzen gekappt; Datenquelle: www.coingecko.com, 11.5.2022)
Abb. 12: Governance-Token-Holder Aave nach Anteilen (Datenquelle: Coinmarketcap, 21.3.2022)
Abb. 13: Aufteilung der Mining-Pools gemessen an der Hash-Rate-Power mit Stand 11.4.2022 (Datenquelle: https://btc.com/stats/pool?pool_mode=week)
Abb. 14: Schematischer Ablauf einer Bitcoin-Transaktion
Abb. 15: Übergang von der ursprünglichen Bitcoin-Blockchain zu aktuellen Strukturen der DeFi-Welt
Abb. 16: Entwicklung der größten Blockchain-Plattformen gemessen am TVL in Mrd. US-Dollar (Stand 13.5.2022; Datenquelle: https://defillama.com/chains)
Abb. 17: Ableitungen der ursprünglichen Blockchain-Technologien
Abb. 18: Gegenüberstellung zwischen Strukturen der globalen Finanzkrise und Strukturen der DeFi-Welt (mit einen abstrakten und einen konkreten Beispiel)
Abb. 19: Umsatz bei NFTs in Mio. US-Dollar (wöchentlicher Durchschnitt; Datenquelle: https://nonfungible.com/market-tracker, Abrufdatum: 10.6.2022)
Abb. 20: Problem der Abbildung eines realen Objektes auf NFTs
Abb. 21: Das Dreieck von Geld – Währung – Zahlungsverkehr
Abb. 22: Marktkapitalisierung der größten »Stablecoins« zwischen April 2021 und Mai 2022 (in Mrd. US-Dollar (Datenquellen: Statista und Coinmarketcap mit Stand am 19.5.2022)
Abb. 23: Marktbewertung in Mrd. US-Dollar für UST und LUNA zwischen dem 9. und 12.5.2022 geglättet (Datenquelle: Coinmarketcap mit Stand am am 15.5.2022)
Abb. 24: Struktureller Aufbau von Libra (später »Diem«) gemäß der Version 2.0
Abb. 25: Zusammensetzung der »Reserve« von Tether Ende 2021 bis Mitte 2022
Abb. 26: Spannungsfeld bei Wertpapieren zwischen einem Register beim Emittenten versus Anteilsscheinen beim Inhaber
Abb. 27: Prozess der Erzeugung von KLIMA-Token mittels Toucan Bridge
Abb. 28: Entwicklung der Kurswerte von KLIMA- und BCT-Token (geglättet; Datenquelle: www.coinmarketcap mit Stand vom 20.6.2022)
Abb. 29: Struktur der Halter von SNX-Token
Abb. 30: Vergleich der Implementierungen von »Token« und deren rechtlichen Varianten
Abb. 31: Schematischer Vergleich der verschiedenen Implementierungen von »cross-border«
Abb. 32: Schematische Schichtenarchitektur einer interoperablen Tokenization
Abb. 33: Illustrative Darstellung der Grauzone von Gaming, Gambling und Scam (Betrug)
Abb. 34: Verschiedene Ebenen eines »Smart Contract Risk« (vgl. auch Abb. 3)
Abb. 35: Vergleich von Varianten beim Bezahlen im »Internet-of-Things«
Abb. 36: Schematische Zusammenfassung der aktuellen europäischen Regulierungen bzw. Vorhaben mit Bezug zu Crypto und DeFi
Abb. 37: Akteure in einer schematisierten DeFi-Welt mit einer Schichtenstruktur
Menschen haben eine natürliche Tendenz, Entwicklung als linear anzusehen, in kontinuierlichen Abläufen zu beschreiben und am liebsten durchzunummerieren. Dies gilt auch für die Entwicklung des Internets mit einer »Vorgeschichte« (vor den graphischen Browsern), einem Web1 (dem ursprünglichen World Wide Web, wie es seit Anfang der 1990er-Jahre von Tim Berners-Lee konzipiert wurde), dem Web2 (d. h. Interaktion mittels Social Media, aber auch Zentralisierung auf den großen Plattformen) und nun einem Web3 (als Begriff von Gavin Wood, einem Co-Founder von Ethereum, 2014 erstmals für ein »Decentralized Internet« verwendet1).
Die aktuellen Entwicklungen einer »Decentralized Finance« und einer »Tokenization« werden als charakteristische Teile des Web3 beschrieben. Aus dem Bestreben nach Linearität und Vorhersagbarkeit folgen weitverbreitete Narrative, dass durch »Decentralized Finance« und einer »Tokenization« althergebrachte Intermediäre wie Banken oder Börsen nun abgelöst würden, dass renditesuchende Wirtschaftsakteure durch rein technische Konstrukte ersetzt werden könnten und dass dadurch ein effizienteres, schnelleres, risikofreieres und kostengünstigeres Finanzsystem gebaut werden könnte. Zugrunde liegt diesen Narrativen die Annahme, dass »die« Blockchain-Technologie (oder Distributed Ledger Technology) gleichsam im Sinne eines Gemeinschaftsguts vorhanden, zugänglich und wirkmächtig wäre. Die Funktionen in diesem neuen System werden dann nicht mehr von natürlichen oder juristischen Personen verantwortet, sondern von rein technischen »Smart Contracts«, die »self-executing« und »self-enforcing« seien.
Leider folgt die Welt in der Realität nicht diesem menschlichen Bedürfnis nach linearen Entwicklungen – und so gibt es weder die »eine« Blockchain, noch ist »Blockchain« eine einheitliche Technologie, ja sogar im Kern nicht einmal ein technologischer, sondern ein spieltheoretischer Ansatz. Darauf möchte ich aber erst später zu sprechen kommen. Wenn dieses Buch nun nach zukunftsweisenden Entwicklungen sucht, dann ist es ein übliches Vorgehen, zuerst einen Satz von Hypothesen als ein Modell zu formulieren, das greif- bzw. messbare Phänomene beschreibt und das dann an der Realität – quasi experimentell – getestet und hinterfragt werden kann. Dieses Buch wird von solchen kritischen Prüfungen von Hypothesen anhand konkreter Fragen, Fakten und Beispiele sowie den Ergebnissen handeln.
Aus meiner Sicht sind »Decentralized Finance« und »Tokenization« bemerkenswerte Entwicklungen im Spannungsfeld von Technologie, Ökonomie, Rechtswissenschaften und auch der Soziologie, die eine nähere Betrachtung und eine Würdigung in einem umfassenden Kontext verdient haben. Dies zeigt sich schon an den geschilderten Narrativen, dass marktwirtschaftliche Akteure in einem Rechtsrahmen durch technische Konstrukte ersetzt werden sollen. Entsprechend sind »Decentralized Finance« und »Tokenization« auch eine Untersuchungssonde für gesellschaftliche Trends, wie Menschen in einer veränderten Weise mit technologischen Zugangswegen zu wirtschaftlichen Prozessen – wie eben Finanzdienstleistungen – umgehen. Diese Trends wie Gamification, Metaverse oder auch eine Bevorzugung von unabänderlichen technischen Regeln gegenüber menschlichen Vertragspartnern lassen sich am Gegenstand dieses Buches prägnant herausstellen.
Zu dem Verfahren der Überprüfung und ggf. Falsifikation der aufgestellten Hypothesen gehört insbesondere die Frage »Cui bono?« nach den wirtschaftlichen Nutznießern. Denn kein Softwareprogramm, keine Blockchain und auch kein »Smart Contract« existiert einfach so, sondern ist mit einer Intention, einem Geschäftsmodell und einem Betrieb verbunden. Dabei hängen Überprüfung und ggf. Falsifikation aber auch immer von der jeweils aktuellen Situation – und damit immer auch etwas vom Zufall – ab. Für ein naturwissenschaftliches Experiment benötigt man einen bestimmten Detektor, der erst einmal gebaut werden muss, und in den Wirtschaftswissenschaften ist man auf die Sammlung von Ereignissen und von Daten angewiesen.
Diese Situation hat sich zwischen der ersten Idee für dieses Buch gegen Ende 2021 und den letzten Korrekturen Ende 2022 verändert. Viele Medien haben die Veränderung in Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie schon als »Crypto Winter« beschrieben., Joshua Oliver fasst sogar das ganze Jahr 2022 in der Financial Times in einer Schlagzeile zusammen: »Year in a word: Crypto winter«. Dies umfasst den Einbruch im Kurswert von Bitcoin, den Zusammenbruch großer Blockchain-Plattformen für DeFi-Token wie Terra/LUNA, die Insolvenz einiger großer Crypto-Unternehmen und schließlich den Bankrott der Crypto-Exchange FTX. Somit hat mir der Zufall geholfen, dass dieses Buch gerade zu dieser Zeit entstanden ist, als altbekannte Phänomene wie ein genereller Wirtschaftsabschwung, eine Skepsis gegenüber den Wachstumsfantasien von Technologieunternehmen, aber auch sogenannte Bank-Runs der Kunden auf ihre angelegten Gelder aus Vertrauensverlust dazu geführt haben, dass der lange vorherrschende Glaube an stetiges Wachstum von »Crypto« relativiert wurde. Die davon ausgelösten Ereignisse waren geeignete Sonden, um die Hypothesen tiefer zu prüfen, als dies vielleicht noch im Herbst 2021 denkbar gewesen wäre.
Gerade diese Ereignisse haben auch noch einmal unterstrichen, dass es im Kern immer um die Frage von Geschäftsmodellen geht und um deren Annahmen, Abhängigkeiten, Risiken und Renditebestrebungen. Somit wird auch ein abschließendes Kapitel dem »Cui bono?« gewidmet sein. Als Autor geht man aber bei einem Buch auch selbst immer ein Risiko ein, denn anders als bei einem aktuellen Blog-Kommentar kann es schon ein halbes Jahr nach dem Schreiben des letzten Satzes dazu kommen, dass neue Erkenntnisse vorliegen oder eine geniale Lösung gefunden wurde. In diesem Sinne kann dieses Buch nur ein Schritt in dem fortlaufenden Prozess sein, in der Wirtschaft konstant nach Lösungen für konkrete Probleme zu suchen, die besser, effizienter und mit mehr Nutzen für die Kundinnen und Kunden verbunden sind.
Da heute weltweit mutmaßlich schon über 300 Mio. Menschen Coins oder Token in irgendeiner Form besitzen – meist immer noch Bitcoin –, ist die Nachfrage offensichtlich. Daher wird »Crypto« im Sinne eines Überbegriffes nicht verschwinden. Umso mehr stellt sich dann die Frage, welchen Schutz Verbraucherinnen und Verbraucher benötigen und von welchen Einsatzzwecken auszugehen ist – vom Zahlungsverkehr über spekulative Anlage bis zum Glücksspiel, solange dies alles rechtskonform ist. Soweit dies Finanzprodukte anbelangt, sollte es auch keine paternalistische Bevormundung von mündigen Anlegern geben. Analog zu dem heute existierenden Anlegerschutz in Europa mit einer Einstufung der Kundinnen und Kunden in verschiedene Erfahrungs- und Risikoklassen – bis zum professionellen Händler –, lässt sich dies auch auf »Crypto-Assets« anwenden, wozu die zusätzliche Dimension der Geldwäscheproblematik kommt. Für alle rechtlich zulässigen Aktivitäten von Kundinnen und Kunden sollte es nie um Verbote gehen, sondern immer um Aufklärung, Transparenz und Selbstverantwortung – bis hin zum legalen Glücksspiel. In einer freien Gesellschaft und Marktwirtschaft muss sich niemand für legale Handlungen rechtfertigen. Ob man dann beispielsweise als Bank solche Angebote den Kunden machen will, ist wiederum eine individuelle Entscheidung der jeweiligen Bank.
Rund ein Vierteljahr nach der Rohfassung dieses Buches im August 2022 brach die »zentrale« Crypto-Exchange FTX des Gründers Sam Bankman-Fried zusammen, und es musste für die gesamte Firmengruppe inkl. des »Liquiditäts-Providers« Almeda Research Insolvenz angemeldet werden. Auch wenn es sich hier nicht um eine »dezentrale« Crypto-Exchange handelte, gleichen sich doch die Muster: Liquiditätsprobleme wie bei Terra/LUNA basierend auf Token ohne Substanzwert (vgl. Kap. 16.2), Erzeugung von Token »out of thin air« und Nutzung in der eigenen Bilanz (vgl. Kap. 10) und die fehlende Verbindung zur Realwirtschaft (vgl. Kap. 30). Zudem sind gerade »zentrale« Crypto-Exchanges der primäre Zugangskanal zur Crypto-Welt inkl. DeFi.
Zwar finden sich Unterschiede im Detail, doch folgt auch dieser Zusammenbruch einer »zen‑tralen« Crypto-Exchange der speziell in Kap. 10.2 diskutierten Problematik von »Token-auf-Token-auf …« im Sinne eines selbstreferenziellen Systems, welches im Kern von wenigen großen Mitspielern dominiert wird und in dem »dezentrale« und »zentrale« Akteure eine symbiotische Beziehung haben (vgl. Kap. 3.3). So musste in der Folge auch BlockFi (vgl. Kap. 24.1), ein sogenannter »Crypto-Lender« mit Verbindlichkeiten bei ca. 100.000 Kunden, laut eingereichten Insolvenzunterlagen Ende Nov. 2022 Insolvenz anmelden.
Zwar erhielt der Fall durch die Person Sam Bankman-Fried ein großes Medienecho, doch ist es nur eine weitere Anekdote über die Gier der Menschen – nach Enron oder Wirecard (vgl. auch die Titelzeile der Financial Times vom 18.11.2022 »New FTX chief says crypto group’s lack of control worse than Enron« bzgl. Manipulationen zur »Bilanzgestaltung«). Eine erste forensische Analyse von www.nansen.ai vom 17.11.2022 zeigte, dass FTX zusammen mit Almeda Research eigene »FTX Token« (FTT) erzeugte, beide nur einen kleinen Teil in den Markt gaben und somit die Kursbewertung hochjubeln konnten, einen Großteil der FTT aber selbst hielten und somit ihre eigene Bewertung steigern konnten. Aber auch im digitalen Zeitalter müssen echte Werte immer noch erarbeitet werden – und können nicht durch Narrative »herbei erzählt« werden.
Daher reiht sich der Fall FTX – vorbehaltlich einer juristischen Aufarbeitung im Rahmen der Anklage wegen Betrugs in den USA – durchaus in das Dreieck von Gaming, Gambling und Scam ein. Die U.S. Securities and Exchange Commission (SEC) klagte am 13.12.2022 FTX an und führte dazu aus: »We allege that Sam Bankman-Fried built a house of cards on a foundation of deception while telling investors that it was one of the safest buildings in crypto.«
Es wäre aber m. E. falsch, daraus die Lehre zu ziehen, dass solche Aktivitäten in die Finanzregulierung eingebunden werden sollten. Denn was im Kern nur die digitale Version einer altmodischen Spielbank ist, sollte auch entsprechend als Glücksspiel – inkl. Geldwäscheprävention und Vorkehrungen gegen Steuerhinterziehung – reguliert werden, aber nicht den Anschein erwecken, Finanz- oder Bankgeschäft in irgendeiner substanziellen Art zu sein.
Unabhängig vom Kontext »FTX«, aber im Kontext von »Blockchain« veröffentlichte die führende Reederei Maersk am 29.11.2022, dass man die »blockchain-enabled global trade platform« TradeLens – ein Gemeinschaftsprojekt mit IBM – Anfang 2023 einstellen werde. Damit endet einer der wenigen realwirtschaftlichen Anwendungsfälle der Blockchain-Technologie außerhalb der Finanzwirtschaft angabegemäß mangels Nachfrage und kommerziellen Erfolgs. Schon zwei Wochen davor hatte die Australia Securities Exchange (ASX) bekannt gegeben, dass sie ihr großes Projekt zur Erneuerung des Abwicklungssystems CHESS durch ein Blockchain-basiertes Verfahren nach rund sechs Jahren Entwicklungsarbeit einstellt und diesbezüglich 165 Mio. US-Dollar abschreiben muss. Damit war 2022 nicht nur ein »Crypto Winter«, sondern auch ein Jahr, in dem viele der gemachten Versprechungen rund um »Blockchain« sich in der Realität nicht erfüllten. Umso mehr schein es an der Zeit zu sein, den Narrativen, Versprechungen und Hoffnungen einen kritischen Spiegel vorzuhalten. Einige letzte Aktualisierungen wurden im Mai 2023 nachgetragen, wobei aber nur Daten und Informationen aktualisiert wurden.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Buch bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern wie »Kunden« das generische Maskulinum verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.
Grundsätzlich unterliegt jeder Autor immer der Gefahr, dass der Horizont des Wissens – oder die »Strength-of-Knowledge« – beschränkt ist. Daher ergeht mein Dank schon vorab an die Leser, wenn ich dennoch versuche, klare Positionen zu beziehen und zum Teil auch zugespitzte Aussagen zu treffen. Und noch mehr Dank sagen möchte ich meiner Gattin Ritva Tikkanen für ihre Geduld mit mir beim Schreiben sowie vielen Freunden, welche mich bei diesem Buchprojekt motiviert, kritisiert und korrigiert haben.
Frankfurt, im Mai 2023
Udo Milkau
1 Auch auf die Gefahr hin, dass es nicht immer ein gutes Deutsch ist, möchte ich viele englischsprachige Begriffe im Sinne von Termini Technici verwenden und z. B. »decentralized« usw. nicht übersetzen.
Da »Decentralized Finance« (DeFi) ein recht junges Phänomen ist, das erst seit 2020 breitere Aufmerksamkeit erlangte, fehlt bisher eine allgemein akzeptierte Definition. Eine – zumindest aus Sicht des Autors – weitgehend konsistente Zusammenstellung von Charakteristika von DeFi findet sich im Report der OECD (2022) unter der Frage »What is DeFi?« [Hervorhebungen durch den Autor]:
Decentralised Finance or ›DeFi‹ is the latest development in the crypto-asset space, and claims to replicate the traditional financial system in an open, decentralised, permissionless and autonomous way, through applications built mainly on the Ethereum blockchain network [or other blockchain-platforms].
The key defining features […] to describe DeFi projects include its non-custodial nature (i.e. no central authority or other intermediary gets access or control over participants’ digital assets), community-driven governance (relying on participants for decision-making) and composability (i.e. components of DeFi are pieced to‑gether to create new products).
DeFi applications have the potential to provide benefits to financial market participants in terms of speed of execution and transaction costs, driven by the efficiencies produced by DLT-technological innovation and disintermediation of third parties replaced by software code of smart contracts.
Diese Sicht auf DeFi ist grundsätzlich eine eher theoretische Definition, die unabhängig von der Realität der technischen Implementierung und von der Realität von wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Menschen mit individuellen Intentionen formuliert wurde.
Aus der Zusammenfassung kann man drei Punkte in Form einer Hypothese aufstellen, die in diesem Buch auf den Prüfstand gestellt werden soll.
Hypothese 1
Decentralized Finance (DeFi) ist ein Ansatz, (i) auf Basis von öffentlichen Blockchain-Plattformen mit (pseudo-)anonymem Zugang (ii) ohne traditionelle Intermediäre, aber (iii) durch Nutzung von sogenannten Smart Contracts das traditionelle Finanzsystem nachzubilden.
Da der Anspruch die Nachbildung ist, aber keine wirklichen Innovationen über das Bekannte hinaus, und keine grundsätzlich neuen Produkte angestrebt sind, liegen die möglichen Vorteile nur in einer gesteigerten Effizienz, wobei diese sich zum einen aus den »Transaction CostsTransaction Costs«« über den gesamten Lebenszyklus einer Geschäftstransaktion und zum anderen als größerer Gesamtnutzen über alle Transaktionen hinweg gemittelt ergibt.
Schwieriger ist dabei der Begriff »decentralized« zuzuordnen. Auch wenn es auf den ersten Blick den Anschein hat, dass dies eine technologische Eigenschaft wäre, löst eine Gegenüberstellung zur sogenannten Distributed Ledger Technology – als andere Bezeichnung für »Blockchain« (vgl. Kap. 9) – Fragen aus: Denn technisch ist diese Technologie »distributed«, da die Daten und Programme redundant auf vielen teilnehmenden Computern (»Knoten«) in einem Netzwerk verteilt sind, aber logisch stellt dies eine einheitliche und damit dann doch eine »zentrale« Datenhaltung und Programmumgebung dar.
Einen plausiblen Zugang zum Begriff »decentralized« hat Hilary J. AllenAllen, Hilary J. (2022) in einem Essay unter dem Titel »DeFi: Shadow Banking 2.0?« folgendermaßen beschrieben:
Confidence in our traditional financial system (and the agencies that oversee it) was justifiably shaken by the crisis of 2008; this has understandably piqued interest in visions of an alternative decentralized financial system where no one needs to trust any intermediary because intermediaries have been rendered superfluous.
Hilary J. Allen (2022)
Aus der Sicht von Ende 2022 mag es als ein Treppenwitz der Geschichte erscheinen, dass gerade die im Kontext der Krise von 2008 entstandene Crypto- und DeFi-Welt in diesem Jahr nun in ihre eigene Krise, den »Crypto Winter«, hineinschlitterte.
Als ein Beispiel für eine negative Sicht auf das traditionelle Finanzsystem und insbesondere auf die Rolle von Intermediären nach der Global Financial CrisisGlobal Financial Crisis (GFC) (GFC) von 2007/2008 kann die Beurteilung2 von Igor Makarov und Antoinette Schoar (2022) dienen:
The concern about the power and potential corruptibility or fragility of intermediaries, possibly heightened by the experience of the 2008 financial crisis ... it is important to recognize that intermediaries are not merely gate keepers which have no economic value except for rent extraction. … Many of the existing problems with intermediaries originate from well-known economic frictions that are inherent in financial markets, such as asymmetric information, adverse selection, moral hazard, and the riskiness of investments, etc.
Igor Makarov und Antoinette Schoar (2022)
Die Sicht von Hilary J. AllenAllen, Hilary J. ist komplementär zur technischen Perspektive, da sie die Substitution des Vertrauens in Intermediäre zum Referenzrahmen von Decentralized Finance macht. Damit ergibt sich eine modifizierte zweite Hypothese, die über eine reine Effizienzbetrachtung hinausgeht.
Hypothese 2
Decentralized Finance (DeFi) ist die Substitution des Vertrauens in Intermediäre eines in der Vergangenheit krisenbehafteten Finanzsystems durch die Utopie eines vollständig algorithmischen und fehlerfreien Systems aus Computerprogrammen mit entsprechenden Finanzfunktionen.
Schematisch ist diese zweite Hypothese in Abb. 1 illustriert, wo der Nutzer ausschließlich mit technischen Algorithmen interagiert und Token in dieser DeFi-Welt ausgetauscht werden. Doch muss dies als eine Utopie formuliert werden: Denn wer schreibt die Computerprogramme (und warum)? Wer betreibt die dafür notwendige Technik (und warum)? Und kann man diesen »wer« vertrauen, fehlerfreie Systeme ohne Eigeninteresse zu entwickeln und zu betreiben?
Abb. 1:
Illustrative Darstellung der »Dezentralisierung« von DeFi durch Technik ohne Intermediäre
Diese Problematik knüpft an Deborah G. JohnsonJohnson, Deborah G. (2006) an, die in ihrer grundlegenden Arbeit »Computer systems: Moral entities but not moral agents« die primäre Intention und damit auch Verantwortlichkeit von Menschen als Entwickler, Programmierer und Betreiber von Computersystemen herausstellte:
Computer systems and other artifacts have intentionality, the intentionality put into them by the intentional acts of their designers.
Deborah G. Johnson (2006)
Damit stößt die Utopie, notwendiges Vertrauen in Intermediäre durch reine Technik zu ersetzen, auf die Realität einer menschlichen Intention der Entwickler und Betreiber, die diese Technik erschaffen – in welcher Form auch immer.
Wenn aber menschliche Intentionen doch nicht durch eine als perfekt vorauszusetzende Technik – im wortwörtlichen Sinne »ex machina« – ersetzt werden können, kann auch »Decentralized Finance« die generisch mit jedem Finanzsystem verbundenen Fragen nicht umgehen:
Gibt es beispielsweise eine Geldwäscheprävention bzw. -bekämpfung, d. h. Anti-Money Laundering/Combating the Financing of Terrorism (AML/CFT), wenn Nutzer ohne Identifikation (d. h. anonym bzw. pseudo-anonym) und auch ohne jede Bonitätsprüfung nur mittels einer IP-Adresse und einer installierten »Wallet« teilnehmen können? Dies wurde im Kontext der europäischen »Funds Transfer Regulation« und der Ergänzung von zwei Committees des Europäischen Parlaments am 31.3.2022 zur Einbeziehung von »unhosted« Wallets kontrovers diskutiert.
Oder wird sogar die Wallet zum alleinigen Zugangsschlüssel für DeFi, NFT, Blockchain-Games und das Metaverse (vgl. Kap. 15)?
Wer kümmert sich um Konsumenten- bzw. Anlegerschutz, speziell aufgrund von Asymmetrien zwischen Kreditnehmern mit einem generischen Ausfallrisiko und den Kreditgebern oder zwischen »normalen« Nutzern und »Großanlegern« mit Marktmacht bzw. Arbitrageuren mit einem Informationsvorsprung? Solche Informationsasymmetrien sind in der Wirtschaft typisch, wodurch sich überhaupt erst die Grundlagen für Intermediäre ergeben haben. Diese nehmen dann Risiko-, Laufzeit- oder Skalentransformationen – gegen Gebühr – vor, um als Dienstleistung dem Nutzer eine Entlastung vom Risiko der Informationsasymmetrie bieten zu können. Im Anlegerschutz wird daher typischerweise zwischen »normalen« Nutzern – mit dem Nachteil einer Informationsasymmetrie – und professionellen Nutzern mit der Annahme von vollständiger Information bzw. Bewusstsein der Risiken unterschieden.
Wer steht für Fehler in der Verantwortung? Wer kann Fehler korrigieren oder generell Änderungen vornehmen? Und wer definiert, was überhaupt ein Fehler ist3: der Entwickler, der Anwender oder ggf. ein externer Gutachter?
Wäre ein DeFi-Finanzsystem (ohne eine zentrale Koordination) wirklich effizienter als das traditionelle und auf Intermediären aufbauende? Wer hat eigentlich den ökonomischen Nutzen: Cui bono?Cui bono
Und letztlich: Ist DeFi überhaupt »Finance«, d. h., werden Finanzdienstleistungen für die reale Welt und reale Wirtschaft bereitgestellt? Oder handelt es sich bei DeFi um ein geschlossenes System von »Spielen«, was einem Casino zumindest nicht unähnlich wäre?
Mit den beiden Hypothesen im Hinterkopf sollen diese Fragen im Folgenden näher betrachtet werden. Zuerst wird an konkreten Beispielen die reale Implementierung von DeFi dargestellt und ein Ansatz für eine transdisziplinäre Analyse abgeleitet. Danach sollen die technologischen Grundlagen – oder kurz: die verschiedenen Blockchain-Varianten – und deren ökonomische Grundlagen näher betrachtet werden. Nach einem Blick auf die aktuelle Entwicklung von DeFi – aus der limitierten Sicht des Autors und zeitlich während des Schreibens an diesem Buch – sollen verschiedene Ausprägungen von »Token« im weiteren Kontext von DeFi diskutiert werden, bevor die Frage der Risiken von DeFi und der Beziehung zwischen DeFi und Gaming bzw. der Gamification aufgerollt werden soll. Abschließend soll der institutionelle Bereich, dessen Querverbindungen zu DeFi und die Antworten der Regulatorik betrachtet werden.
An Ende wird sich aber zeigen, dass die Frage nach »Cui bono?« immer der grundsätzliche Maßstab ist, an dem DeFi zu messen wäre. Oder in anderen Worten: Gibt es bei DeFi einen Nutzen für die Nutzer, oder ist (auch) DeFi nur ein ökonomisches System, in dem die (immer mehr verschleierten) Betreiber zulasten der Nutzer profitieren – wie dies auch in einem Spielcasino der Fall wäre?
Bei der dynamischen Entwicklung von DeFi, Tokenization und verwandten Themen ist es schlichtweg unmöglich, innerhalb eines Buches tagesaktuell sein zu wollen. Dennoch soll versucht werden, alle Themen bis zum Redaktionsschluss immer möglichst aktuell zu halten. Dabei kommt es aber nicht auf ein Nachhetzen aller Einzelbeispiele an, sondern auf eher langfristige gesellschaftliche Entwicklungen. Und die Entwicklungen von Umrechnungskursen von DeFi-Token sind recht oft abhängig von – teilweise nicht einmal außerhalb von sehr begrenzten Communities nachvollziehbaren – Einzelevents bis hin zu einzelnen Nachrichten in Social Media, sodass eine Nachvollziehbarkeit illusorisch wäre.
2 Inwieweit diese Sicht vor dem Hintergrund der GFC auch von der »Cypherpunk-Philosophie« der frühen Jahre des World Wide Web ab 1993 im Sinne von Eric Hughes’ »A Cypherpunk’s Manifesto« mit der Vision eines staats- und rechtsfreien Internets beeinflusst ist, wäre ein eigener Gegenstand für eine kulturhistorische Untersuchung.
3 Man denke an den alten Spruch aus der Computerszene: »It’s not a bug, it’s a feature.«
Einzelbeispiele wie die geschilderte Entwicklung bei DAI-Token bzw. MakerDOA sind zwar immer verführerisch, können aber nicht verallgemeinert werden. Dennoch zeigt das Beispiel eine zweifache Diskrepanz zwischen Außendarstellung und Implementierung. Zum einen werden unter dem Schlagwort »decentralized« Strukturen ohne Intermediäre propagiert, bei deren Umsetzung sich doch wieder Unternehmen finden, die den Kunden Angebote unterbreiten und Aufträge an dahinterliegende Akteure »vermitteln«. Zum anderen wird mit der Betonung von »Smart Contracts« die Vision einer intelligenten und autarken Technologie, die selbsttätig Verträge aushandeln und durchsetzen könne, befördert, die sich in der Realität einfach als eine Art von »Dauerauftrag« herausstellt.
Es besteht die Gefahr, sich bei der weiteren Diskussion entweder in technologischen Detailbetrachtungen festzufahren oder auf Schlagworte aufzubauen. Dabei sind es immer Menschen – nie Technik –, die solche Systeme definieren, entwickeln, betreiben und daraus einen Nutzen ziehen, womit wir wieder bei Deborah G. Johnson (2006) angekommen wären.
Damit treffen bei einer näheren Betrachtung von DeFi verschiedene Sichtweisen aufeinander: Technologie, Ökonomie, Vertragsrecht und Finanzregulierung, aber auch soziologische Fragen der Beziehung der handelnden Akteure in sozio-technischen Systemen.
Für die Analyse von DeFi und den verwandten Phänomenen in diesem Buch soll daher ein transdisziplinärer Ansatz – nicht ganz als ein geschlossenes Modell, aber mehr als ein unstrukturiertes Nacherzählen von Beispielen – versucht werden. Dabei unterscheiden sich insbesondere die Schichten der Interaktion mit den Kunden grundlegend von einer technologischen Layer-Struktur, wie diese z. B. von Schär (2021) oder Jensen et al. (2021) vorgestellt wurde. Solche Layer-Strukturen beschränken sich nur auf Technologie und letztlich verschiedene Anwendungsimplementierungen, aber die Interaktion mit Kunden, begleitende Kommunikationswege oder die wirtschaftlichen Ziele der Anbieter und Dienstleister werden nicht betrachtet.
Mit der Unterscheidung zwischen einer normativen SichtNormative Sicht – was z. B. ein Smart Contract sein sollte –, einer positivistischen SichtPositivistische Sicht – was Technologie überhaupt leisten kann bzw. welche Annahmen und Limitierungen dabei gelten – und der konkreten ImplementierungKonkrete Implementierung – mit Lösungen von bestehenden Problemen und unter Berücksichtigung des jeweiligen Nutzens – wird unterschieden:
Normative Perspektive: Was sollten Konstrukte wie »Smart Contracts« oder »Token« sein und wie sollten sie funktionieren?
Positivistische Perspektive: Was kann eine Technologie (z. B. ein digitales Protokoll) unter welchen Annahmen und Limitierungen?
Konkrete Implementierung: Wie sind Anwendungen implementiert, welche Probleme werden konkret gelöst und wer hat einen Nutzen davon bzw. muss dafür bezahlen?
Bei der Interaktion der Kunden (Abb. 3) soll über eine Beschränkung auf »Smart Contracts« hinausgegangen und die Interaktion mit DeFi-Angeboten vollständig umfasst werden. Die Interaktion beginnt schon mit recht traditionellen Marketingmaßnahmen, wie Trikot-Werbung im Fußball gerade auch bei sogenannten Meme-Token (vgl. Kap. 12), und einer immer wichtiger werdenden Kommunikation in Social Media. Sie setzt sich mit den schon im Eingangsbeispiel geschilderten Zugangsverfahren (»Zugang-Apps«) und den dabei relevanten »Vertragsbestandteilen« wie beschreibende Whitepaper und zu bestätigende Terms-of-Service fort. Und sie führt über die Schicht von »Smart Contracts« weiter zu den darunter liegenden Blockchain-Plattformen. Diese stellen zum einen das technische Processing mit ähnlichen Betreibermodellen wie Cloud-Service-Provider bereit. Zum anderen können aber durch die spezielle Struktur der Transaktionsverarbeitung auf Blockchains die sogenannten Miner bzw. Validator, aber auch »Searchers« sich auch direkt in die Transaktion der Nutzer einschalten. So sind nicht nur z. T. sehr hohe Gebühren für die Transaktionsverarbeitung zu entrichten, sondern durch zusätzliche Zahlungen lässt sich die Transaktionsverarbeitung beschleunigen bzw. die Reihenfolge der Transaktionen beeinflussen. Dies ermöglicht wiederum den Akteuren, sich eigene Vorteile – ganz offiziell als »Maximal Extractable ValueMaximal Extractable Value (MEV)« dokumentiert – z. B. durch Frontrunning zu verschaffen (siehe Kap. 8). Da Blockchain-Plattformen vom Ansatz her geschlossene Systeme sind, werden zum einen sogenannte »Oracle« benötigt, um externe Informationen innerhalb von Blockchains verfügbar zu machen, und zum anderen externe API-Schnittstellen, die von außen eine Blockchain kontinuierlich beobachten und bei Erreichen von vordefinierten Zuständen dann dies als Information nach außen publizieren. Bei den »Oracle« besteht aber oft ein Missverständnis, da diese zwar intern auf der Blockchain eine Information transparent und unveränderbar darstellen können, aber immer davon abhängig sind, dass die »wirklichen« Daten in der realen Welt auch so stimmen und korrekt eingestellt werden – ob es sich um einen Finanzindex, den Füllstand eines zu überwachenden Tanks oder einen Herkunftsnachweis handelt.
Mit den Menschen als ökonomische Agenten innerhalb von Kommunikationssystemen wird die oft einseitige technische Fokussierung um die wirklich handelnden Akteure ergänzt. Dies geht weit über die direkten Ersteller von Smart Contracts oder »Betreiber« von Blockchain-Plattformen hinaus und schließt alle Beteiligten ein: von formalen Akteuren (wie Regulatoren und Aufsicht) über wirtschaftlich Beteiligte (wie Investoren) bis hin zu verschiedenen Formen von »Meinungsmachern«. Speziell der letzte Punkt erscheint bei der Analyse von DeFi und verwandten Phänomenen bedeutsam, da durch Narrative (z. B. »Alternative zur Wall Street«), sogenannte Memes (siehe dazu Kap. 12 über Meme-Coins) oder die Nutzung von spezifischen Pseudonymen (wie z. B. ein »Zeus« als Initiator der DeFi-Applikation OlympusDAO) ein symbolischer Code geschaffen wird, der für die Entwicklung, Außendarstellung und die Abgrenzung von »Dezentralized Finance« gegenüber »normalen« Finanzdienstleistungen von großer Bedeutung ist (Luhmann, 1975). Was heute Influencer genannt wird, hatten schon vor über 20 Jahren Timur Kuran und Cass R. Sunstein (1999) in ihrer Arbeit über »Availability Cascades« als Availability Entrepreneurs bezeichnet, die als »Meinungsmacher« speziell dann Zustimmungskaskaden hervorrufen können, wenn die Zustimmenden eher wenig informiert sind.
Abb. 3:
Schichten der Interaktion als transdisziplinärer Analyseansatz
Ein Phänomen wie »DeFi« isoliert auf eine Beschreibung von »Smart Contracts« – d. h. Computerscripts auf einer Blockchain-Plattform als Ausführungsumgebung – zu reduzieren, wie es der hervorgehobene Kasten in Abb. 3 andeutet, wäre schon deshalb zu kurz gegriffen, da es immer des Menschen bedarf, um Technik zu entwickeln, zu betreiben und zu nutzen. Daher soll in der transdisziplinären Analyse versucht werden, neben der Technik auch Vertragsbeziehungen und Vertragsrecht, wirtschaftlich handelnde und nutzenorientierte Agenten und Menschen in Kommunikationssystemen einzubeziehen.
Normative Sicht
Positivistische Sicht
Konkrete Implementierung
Effizienz aufgrund des Wegfalls von Intermediären sowie höhere Geschwindigkeit der Ausführung von Transaktionen
Während das Konzept von Bitcoin ein Netzwerk von »Peers« annimmt, führen die ökonomischen Rahmenbedingungen zu einer Zentralisierung und zur Ausbildung von verschiedenen Dienstleistern.
Bisherige Implementierungen von DeFi zeigen sich als zentralisiert, langsam (aufgrund der generischen Limitierung der Redundanz bei Blockchains) und teuer für die Nutzer (durch diverse entsprechende »Fees«; vgl. Kap. 7.2).
Transparenz, da alle Transaktionen im Klartext lesbar auf der Blockchain gespeichert werden
Im Prinzip lesbarer Programmcode, der aber nur für Experten verständlich ist
Zu einen stellt der für Experten transparente Programmcode quasi eine »Einladung« für Hacker dar. Zum anderen ist die Transparenz der wartenden Transaktionen im sogenannten Mem-Pool die Grundlage für »Maximal Extractable Value« (MEV; vgl. Kap. 8).
Zugang (»Financial Inclusion«) im Sinne einer Demokratisierung des Finanzsystems
Während bei Bitcoin zumindest noch konzeptionell ein Peer-to-Peer-Ansatz zugrunde lag, entspricht der Zugang bei DeFi traditionellen Strukturen denen bei Online-Brokern.
Die Vision von Peer-to-Peer-Systemen wie im ursprünglichen Konzept von Bitcoin hat sich in eine hierarchische Ausdifferenzierung mit neuen Intermediären gewandelt (vgl. Abb. 15).
Kombinierbarkeit von DeFi-Anwendungen im »Lego-Prinzip«
Eine Kombinierbarkeit auf der Ebene der technischen Basis wurde schon mehrfach versucht (u. a. Service-oriented Architecture »SOA« oder Enterprise Service Architecture »ESA«), wobei aber immer fehlende Standards oder unterschiedliche Semantik dies verhindern.
Interoperabilität zwischen DeFi-Anwendungen wird bisher weitgehend nur genutzt, um – selbstreferenzielle – Systeme zu schaffen, die wie z. B. Abracadabra Money in Kap. 10.2 über wechselseitige Aufrufe Schleifen implementieren, sodass Token als Hinterlegung für Token wirken, die als Hinterlegung für andere Token usw. genutzt werden.
Tab. 1: Die drei Perspektiven der Beschreibung am Beispiel von »DeFi«
Die Bedeutung der Kommunikation zeigt sich auch an der South-by-Southwest-Konferenz 2022, die alle aktuellen Hype-Themen aufgriff, unter dem Oberbegriff »decentralized« zusammenfasste und den Anspruch auf ein neues Paradigma erhob.
The vision for a decentralized Internet is becoming a reality, with cryptocurrencies, blockchains, smart contracts, NFTs, and DeFi combining to make up a new online paradigm known as Web3.
SXSW (2022a)
Speziell die Rolle der »Meinungsmacher« zeigt sich auf solchen Events der »Community«. Daher haben auch die drei Finanzaufsichtsbehörden der Europäischen Union: ESMA, EBA und EIOPA für die Wertpapier-, Banken- und Versicherungsaufsicht im März 2022 eine klare Warnung an die Konsumenten publiziert und sich dabei ausdrücklich auf Social Media und »Influencer« bezogen (ESA, 2022).
Misleading information: some crypto-assets and related products are aggressively advertised to the public, using marketing material and other information that may be unclear, incomplete, inaccurate or even purposefully misleading. For instance, advertisements via social media may be very short, with a focus on the potential gains but not the high risks involved. You should also beware of social media ›influencers‹ who typically have a financial incentive to market certain crypto-assets and related products and services and therefore may be biased in the communications they issue …
ESA (2022)
Bei einer Veranstaltung wie South-by-Southwest 2022South-by-Southwest 2022 zeigt sich auch die Vermischung der Perspektiven (Abb. 2), wenn in einer Diskussionsrunde (SXSW, 2022b) als kurze Definition einer Decentralized Autonomous Organization (DAO)Decentralized Autonomous Organization (DAO) dann »making friends online« genannt wird – also die Community im Vordergrund steht – dabei aber impliziert oder expliziert ein fehlerfreies Funktionieren dieser Technologie vorausgesetzt wird.
Wie in Tabelle 1 am Beispiel von »DeFi« dargestellt, fehlt bei solchen Diskussionen i. d. R. eine transparente Unterscheidung der normativen Sicht, der positivistischen Sicht (betr. Technologie) und der Sicht auf die konkrete Implementierung. Die normative Perspektive bezeichnet, was an »DeFi« wünschenswert sein sollte: ein mechanistisches bzw. deterministisches Utopia, in dem eine technologische Perfektion vorausgesetzt wird, wo eine »Lex CryptographicaLex Cryptographica« (De Filippi und Wright, 2018) herrscht und wo es keiner menschlichen – d. h. fehleranfälligen, teuren und manipulierbaren – Mitwirkung mehr bedarf – obwohl dann doch wieder Menschen die Nutzer sein sollen und eben »making friends online« das Ziel ist (vgl. auch Harvey et al., 2021).
Die normative Perspektive zeigt aber oft einen grundsätzlichen Widerspruch. Denn häufig wird dem traditionellen Finanzsystem mit Intermediären eine Welt der direkten Finanzgeschäfte (»Peer-to-Peer«) ohne alle Intermediäre gegenübergestellt (vgl. Abb. 4). Dabei fehlt die Technologie ganz, und es wird scheinbar von der Annahme ausgegangen, alle Teilnehmer würden auch »irgendwie« die notwendige Technologie – also »die« Blockchain – schon aufbauen, betreiben und fortlaufend warten. Während dies sich noch im Konzept von Bitcoin (siehe Kap. 7) widerspiegelt, so hat schon das einleitende Beispiel gezeigt, dass DeFi-Applikationen zum einen auf »zentralen« Computerprogrammen aufbauen und es zum anderen eine Vielzahl von Intermediären gibt. Auch wenn diese unter neuen Bezeichnungen laufen, so sind die Funktionen doch meist altbekannt.
Neben dem Betrieb der notwendigen Technologie, ist die wichtigste Funktion von Intermediären, überhaupt die Partner eines Finanzgeschäfts zusammenzuführen bzw. bei nicht zueinanderpassenden Bedürfnissen eine Transformation zwischen jeweils vielen Teilnehmern auf zweiseitigen Märkten vorzunehmen (mit dem Prototyp: Spareinlagen versus Kredite). Die Vision einer DeFi-Welt mit dem Leitmotiv »ohne Intermediäre« wirft alle Beteiligten auf das altbekannte Problem der »Double Coincidence of Wants« zurück und würde das Finanzsystem auf eine rein bilaterale »Tauschwirtschaft« von zufällig passenden Transaktionen – also passende Fristen, deckungsgleiche Investitions- und Kreditwünsche und übereinstimmende Risikoerwartungen – reduzieren.
Abb. 4:
Normative Perspektive auf DeFi als Finanzsystem ohne Intermediäre
Die zweite Perspektive ist die positivistische, was eine Technologie überhaupt kann. So erfolgt jede Automatisierung immer nach der Intention der Programmierer, die in Regeln formuliert, kodifiziert bzw. codiert wird. Doch ist alles, was wir Menschen schreiben, wie Texte, Verträge oder Code, immer unserer menschlichen Beschränkung unterworfen. Und selbst der Computercode unterliegt einem »Software AgingSoftware Aging« (Parnas, 1994), da sich das Zusammenspiel der vielen technischen Ebenen über die Zeit durch Updates, Releasewechsel usw. verändert und irgendwann unvorhersehbar wird. Wie wenig »unveränderlich« die Regeln bei DeFi sein können, mag das Beispiel des fehlerhaften »Airdrops« von Juno-Token Anfang 2022 illustrieren, s. Kap. 11 (vgl. Melinek, 2022a).
Drittens muss man die konkrete Implementierung betrachten. Dies wird im Folgenden der Ausgangspunkt der Analyse sein. Wie gezeigt werden wird, stehen der Vision von »decentralized« eine sehr geringe Effizienz (aus grundsätzlichen Designansätzen der Technologie) bzw. vice versa hohe Kosten (für die Nutzer), ein fehlender Konsumenten- und Anlegerschutz und eine mangelnde Interoperabilität mangels gemeinsamer Standards gegenüber.
Ausgehend von den ersten Kontaktpunkten (Marketing und Kommunikation in Social Media, vgl. Abb. 3), trifft dann der »normale« Nutzer auf einen Zugang, der i. d. R. eine Anwendung im Internet unter einer Adresse www.abc.xyz ist. Diese »App« stellt das Medium des Austausches der Willenserklärungen (Angebot und Nachfrage) zwischen dem Anbieter, also dem Betreiber der App, und dem Nutzer als künftigen Kunden dar. Dabei wird immer der durchschnittliche Nutzer als Maßstab angenommen, da zwar Experten ggf. direkt mit tiefer liegenden Schichten interagieren können, dieses Expertenwissen jedoch nicht im Geschäftsverkehr vorausgesetzt werden kann, wenn sich insbesondere die Zugangs-App ohne Einschränkungen an alle potenziellen Kunden wendet. Hier ist entscheidend, dass diese Apps in ihren Terms-of-Services auch i. d. R. eine Zustimmung der Nutzer (»Consent«) durch konkludentes Handeln (»Nutzung«) ausdrücklich formulieren. Zu diesen Terms-of-Services der App – oder ähnlichen Bezeichnungen wie Terms-and-Conditions u. v. m. für die Nutzung der Interaktionsschicht – kommen noch die zugehörigen Beschreibungen der Inhalte wie Whitepaper etc. hinzu, die typischerweise formal von anderen Anbietern veröffentlicht werden.
Inwieweit man beispielsweise aber bei dem einleitenden Beispiel von DAI-Token/MakerDAO von zwei getrennten Angeboten (Nutzung des Zugangs zum »Borrowing« via Oasis und »Borrowing« von DAI-Token mittels MakerDAO aber »vermittelt« durch Oasis) ausgehen kann, wäre Gegenstand einer getrennten Diskussion. Da sich Oasis durch einen »Borrow DAI«-Button dem Kunden gegenüber als ein integriertes Angebot darstellt, kann in diesem Einzelfall ein zusammenhängendes Angebot aus Zugang und Produkt zumindest hilfsweise vermutet werden.
Die tieferen Schichten der Blockchain-Plattform werden später erläutert. Hier soll vorausgeschickt werden, dass im Gegensatz zu üblichen technischen Dienstleistern i. S. v. IT-Outsourcing oder Cloud-Service-Providern auch die BetreibermodelleBetreibermodell eine direkte kommerzielle Verbindung zum Nutzer haben, da dieser zum einen Gebühren für die Abwicklung bzw. für eine prioritäre Abwicklung zu zahlen hat und zum anderen weitere Beteiligte (vgl. »Searcher«, wie später ausgeführt) die kommerziellen Ziele des Nutzers durch ein »Frontrunning« konterkarieren können, was in solchen Blockchain-Plattformen ein Teil der »Spielregeln« ist (vgl. Kap. 8).
Schließlich sind Menschen als Teil von übergreifenden Kommunikationssystemen zu betrachten. Selbst wenn man einmal die Vision, dass DeFi die traditionellen Intermediäre im Finanzsystem wie Clearing & Settlement-Plattformen, zentrale Gegenparteien oder Automatic Clearing Houses im Zahlungsverkehr ersetzen könnte, in einem Gedankenexperiment zugrunde legt, so bleiben immer noch verschiedenste Beteiligte mit unterschiedlichen ökonomischen Interessen oder formellen Rollen. Dieser Bereich wird sich im weiteren Verlauf der Analyse von »DeFi« als durch einen Trend zur »Gamification« geprägt herausstellen. Und schließlich gehören letztlich auch Buchautoren – und deren Leser – zu den übergreifenden Kommunikationssystemen. Selbst wenn sie sich nur als »Beobachter zweiter OrdnungBeobachter zweiter Ordnung« im Sinne des Soziologen Niklas LuhmannLuhmann, Niklas verstehen, so gestalten sie dennoch einen Teil der übergreifenden Kommunikation mit und tragen ihren Teil zur Diskussion inner- bzw. außerhalb der »Community« bei.
Die »Gamification« folgt einem allgemeinen Trend gerade im Bereich der Online-Brokerage seit Anfang 2021, baut aber auch darauf auf, dass eine »absolute« Gültigkeit von ex ante festgelegten Regeln in »Smart Contracts« ohne jedes Ex-post-Regulativ dazu gleichsam aufruft, diese – oft fehlerbehafteten – Regeln zu eigenen Gunsten auszulegen. Dabei wird »to game the system« im Sinne des geschriebenen Codes aber ggf. nicht im intendierten Sinne der Programmierer ein legitimes Ziel in einer Welt, die nur den in Computerprogrammen niedergelegten Regeln folgt. Auch dies soll im Folgenden noch weiter vertieft und belegt werden.
Die GamificationGamification findet aber nicht in einem geschlossenen System statt, sondern es finden sich – wie auch in jedem Casino – sozusagen »Kassenhäuschen«, die eine Verbindung zwischen der realen Wirtschaft und realem Geld (also Euro, US-Dollar usw.) und den Token der DeFi-Welt herstellen. Die Wichtigkeit dieser »Kassenhäuschen« zeigt sich auch darin, dass DeFi oder auch Stablecoins immer in realen Währungen bewertet werden. Jeder unrealisierte »Spielstand« eines Tokens innerhalb des Spiels bekommt nur durch diese Verbindung überhaupt eine »realisierbare« Bewertung. Damit sind die »Kassenhäuschen« besondere Intermediäre im wortwörtlichen Sinne, die die Welten von DeFi und der »realen« Wirtschaft verbinden (siehe Abb. 5). Eine weitere Verbindung stellen die sogenannten »Stablecoins« dar (vgl. Kap. 16), da diese immer an »reale« Währungen gekoppelt sind und ohne diese nicht auskommen. Mittlerweile sind diese »Stablecoins« zum Settlement-Asset bzw. zum vorzugsweise gewählten In‑strument der Bezahlung von Crypto- und DeFi-Transaktionen geworden, da sie intrinsisch auf den Blockchain-Plattformen zur Verfügung stehen und einen Kauf von Token über Crypto-Exchanges in Fiat-Geld überflüssig machen (keine »Off-Ramps«/»On-Ramps«-Transaktion). Mit der gewachsenen Bedeutung von »Stablecoins« ist deren Volumen gestiegen, sodass durch die entsprechende Deckung auch die Kopplung in diesem Schnittpunkt zwischen den Welten immer stärker geworden ist (Näheres dazu in Kap. 16).
Während im normalen Wirtschaftskreislauf das Untersystem der Finanzdienstleistungen eine Rolle als Intermediäre mit verschiedenen TransformationsfunktionenTransformationsfunktion, Risiko-, Fristen- und Skalentransformation
