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Degas bezog seine wichtigsten Motive aus dem lebendigen Paris der Epoche und lernte die künftigen Impressionisten wahrscheinlich erst im Café Guerbois kennen. Im Jahr 1852 erhielt er ein Juradiplom, und 1853 begann er eine Malerausbildung bei Louis-Ernest Barrias. Ab 1854 reiste Degas regelmäßig nach Italien, zunächst nach Neapel, dann nach Rom und Florenz, wo er sich intensiv dem Studium der Alten Meister widmete. In den sechziger und siebziger Jahren wurde er zum Maler von Jockeys, Pferden und Pferderennen. Sein fabelhaftes Malergedächtnis merkte sich die Besonderheiten ihrer Bewegungen, wo immer er sie beobachten konnte. Das Pferd wurde für ihn zur Inkarnation der Geschwindigkeit. Um die Mitte der 1860-Jahre machte Degas eine neue Entdeckung: Ballett und Oper. Diese Institutionen entwickelten sich für ihn nun zum beherrschenden Thema. Er zeigt das erste, ganz dem Tanz gewidmete Bild: Ballettsaal der Oper in der Rue Le Peletier. Die Komposition ist sorgfältig ausgewogen, die Personengruppen links und rechts ergänzen einander, aber jede einzelne Tänzerin ist ganz in ihre eigenen Übungen versunken, jede bewegt sich unabhängig von allen anderen. In diesen Institutionen fand er die zweite Domäne seines künstlerischen Schaffens, die ihn bis an sein Lebensende faszinieren sollte.
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Seitenzahl: 39
Veröffentlichungsjahr: 2011
Autor: Nathalia Brodskaya
ISBN: 978-1-78160-728-2
© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Parkstone Press International, New York, USA
Weltweit alle Rechte vorbehalten
Nathalia Brodskaya
INHALT
1. Selbstporträt, um 1863
2. Edgar Degas, um 1860
Öl auf Leinwand, 92,1 x 66,5 cm.
Calouste Gulbenkian Museum, Lissabon.
Etwa zu der Zeit, als der berüchtigte “Salon des Refusés” von 1863 einen Wendepunkt in der französischen Malerei markierte, malte Degas ein Selbstbildnis, das kaum weniger als das eines potentiellen Revolutionärs hätte aussehen können. Degas wirkt darauf wie der vollkommene Bourgeois, oder, in den Worten des kubistischen Malers André Lhote, wie “ein verheerend unbestechlicher Buchhalter”. Degas trägt die uniforme Begräbniskleidung der männlichen Großbürger im 19. Jahrhundert, die sie in den Worten Baudelaires wie “ein enormes Gefolge der vom Leichengräber bestellten Totenkläger” aussehen ließ, und lüftet höflich seinen Zylinder, während er vorsichtig den forschenden Blick des Betrachters erwidert. Ein einige Jahre zuvor aufgenommenes Foto, das sich in der Bibliothèque Nationale in Paris befindet, zeigt eine ähnliche Darstellung, obwohl seine Haltung darauf angespannter und verlegener als auf dem Gemälde wirkt. Auf dem Foto hält Degas seinen Zylinder mit einer Geste über seinen Schoß, die unbeabsichtigt an den Bauern in Millets Angelus erinnert. Dali deutete die unbequeme Pose des Bauern provokativ als den Versuch, eine aufkommende Erektion zu verbergen. Degas’ verlegener, gehemmter Ausdruck deutet ebenfalls auf ein Element sexueller Scham hin.
Jede Spekulation über seine Sexualität hätte für den Maler, der einmal äußerte, er wolle “vornehm und unerkannt” sein, eine unverzeihliche und irrelevante Frechheit dargestellt. Dennoch haben Degas’ eigenartige Themenwahl, seine Pose des unverbesserlichen Frauenhassers und gerade auch der Mangel an konkreten Hinweisen auf seine persönlichen Beziehungen solche Spekulationen von Beginn an genährt. Schon 1869 verriet Manet der impressionistischen Malerin Berthe Morisot, mit der Degas gerade einen etwas bizarren und wenig überzeugenden Flirt unterhielt, über ihn, dass “er nicht fähig ist, eine Frau zu lieben, geschweige denn, ihr seine Liebe zu gestehen oder irgendetwas in dieser Angelegenheit zu unternehmen.” Im gleichen Jahr beschrieb Berthe Morisot in einem Brief an ihre Schwester ironisch, wie Degas “kam und neben mir saß, angeblich, um mir den Hof zu machen, aber dies beschränkte sich auf einen langen Kommentar zu Salomons Spruch ‘Die Frau ist das Elend des Gerechten’.” Gerüchte über eine sexuelle oder emotionale Beziehung mit einer anderen begabten Malerin, der Amerikanerin Mary Cassatt, können ebenfalls mit großer Sicherheit unberücksichtigt bleiben, auch wenn der Umstand, dass Cassatt Degas’ Briefe an sie verbrannte, den Eindruck erwecken könnte, dass es doch etwas gab, das sie verbergen wollte. Degas’ Unfähigkeit, eine ernst zu nehmende Beziehung mit einem Mitglied des anderen Geschlechts aufzubauen, ist auf eine ganze Reihe möglicher Ursachen zurückgeführt worden, zum Beispiel auf den Tod seiner Mutter, als er in dem besonders empfindsamen Alter von 13 Jahren war, auf eine frühe, unerwiderte Liebe und auf Impotenz als Folge einer Geschlechtskrankheit.
Fotografie. Bibliothèque Nationale, Paris.
Die letztgenannte Theorie stützt sich auf eine scherzhafte Unterhaltung zwischen Degas und einem seiner Modelle gegen Ende seines Lebens und braucht nicht sonderlich ernst genommen zu werden.
Im Jahr 1858 begann Degas’ intensive und sentimentale Freundschaft mit dem Maler Gustave Moreau. Heutige Leser mögen in Degas emotionalem Ton in seinen Briefen an den älteren Künstler einen Hinweis auf ein homosexuelles Element in ihrer Beziehung sehen. “Eigentlich sende ich Dir dies, um mir selbst dabei zu helfen, geduldiger auf Deine Rückkehr zu warten, während ich gleichzeitig auf einen Brief von Dir hoffe. ... Ich hoffe sehr, Du wirst Deine Rückkehr nicht hinauszögern. Du hast versprochen, dass Du nicht länger als zwei Monate in Venedig und Mailand verbringen würdest.” Aber während Moreaus Bilder eine Atmosphäre latenter oder gar offener Homosexualität aufweisen, findet sich in Degas’ Werken überhaupt nichts Vergleichbares.
Es gibt Berichte darüber, wie Degas gegen Ende seines Lebens sanft und entspannt mit Modellen und Tänzerinnen plauderte, aber so wie viele andere großbürgerliche Männer im 19. Jahrhundert fand er es vermutlich schwierig und Angst einflößend, mit Frauen aus seiner eigenen Klasse zu verkehren.
