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Vor über fünfzig Jahren entwickelte die 68er-Bewegung erste Ansätze einer Kritik der modernen Lebensweise. Sie machte die Ökologie und die Frauenfrage zu wichtigen politischen Themen. Kapitalismus, Imperialismus, Krieg, Wachstum und Fortschrittsmythos wurden infrage gestellt. Der Schweizer Autor Peter Mattmann-Allamand hat die 68er-Bewegung als politischer Aktivist von ihren Anfängen 1968 bis zu ihrem Ende in den 1990er Jahren miterlebt und mitgestaltet. Die Weltkonzerne konnten ihre Macht auf Kosten der lokalen Wirtschaft, Politik und Demokratie massiv ausbauen. Der Verrat der 68er an den eigenen Idealen hatte in den 1990er-Jahren das abrupte Ende der Bewegung zur Folge. Das Ja zum NATO-Krieg in Jugoslawien und das Ja zum EU-Binnenmarkt setzten sowohl der Friedensbewegung wie der ersten Umweltschutzbewegung ein Ende. Der Kurswechsel der 68er und Grünen ins Lager des Globalismus hat der Globalisierung den Weg geebnet. Der Globalismus propagiert einen unökologischen und autoritären Ausweg aus den aktuellen Problemen. "Klimaneutralität" lautet sein Zauberwort, doch dabei werden nur die Energieträger ausgewechselt. Mit Vollgas geht die Fahrt in die bisherige, falsche Richtung weiter. Die als "Green Deal" getarnte Wachstumsstrategie bleibt unwidersprochen. Der Autor schlägt einen Richtungswechsel der Politik um 180 Grad vor: Deglobalisierung, d.h. Lokalisierung und Kleinräumigkeit, Regeneration des Ökosystems, qualitative Entwicklung statt quantitatives Wachstum, tendenzielle Dedigitalisierung, Dekommerzialisierung, Deindustrialisierung und Demotorisierung. Eine Politik der Deglobalisierung erfordert keinen revolutionären Gestus, nur Ideologiekritik und neue Bündnisstrategien. Erst wenn das vom Globalismus durch gezielte Links-Rechts-Polarisierung verhinderte antiglobalistische Bündnis zustande kommt, öffnet sich ein Ausweg. Das Buch richtet sich deshalb an besorgte BürgerInnen aller politischen Couleurs. Der von der Jugend wiedererweckten Ökobewegung wünscht der Autor, dass sie die Fehler der 68er nicht wiederholt, nicht zum Feigenblatt der globalistischen "grünen" Wachstumsstrategie verkommt und eine wirkliche ökologische Wende einleitet.
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2021
Peter Mattmann-AllamandDeglobalisierung
© 2021 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien
ISBN: 978-3-85371-891-9(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-489-8)
Umschlaggestaltung: Gisela Scheubmayr Coverfoto: Shutterstock
Der Promedia Verlag im Internet: www.mediashop.atwww.verlag-promedia.de
Peter Mattmann-Allamand, geboren 1948 in Ebikon, Kanton Luzern, ist ehemaliges Mitglied der Geschäftsleitung der Progressiven Organisationen der Schweiz (POCH), der bedeutendsten politischen Formation der 68er-Bewegung. Langjähriger Mandatsträger im Kantons- und Stadtparlament von Luzern. 1995 Austritt aus der Grünen Partei nach deren Kurswechsel in der EU-Beitrittsfrage. Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Homöopathie.
Dieses Buch erscheint in einem Moment, da die Klimakrise und das Coronavirus zu Verkaufsschlagern der globalisierten Wirtschaft, die lokalen Klein- und Mittelbetriebe ausgebremst und Demokratie und Rechtsstaat abgebaut werden. Die hinter der Globalisierung wirkenden wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Kräfte propagieren einen unökologischen und autoritären Ausweg aus der Krise, die sie nicht als Krise der modernen Lebensweise wahrnehmen. »Klimaneutralität« ist in aller Munde: Dabei werden nur die Energieträger ausgewechselt. Mit Vollgas und überstaatlicher Regulierung geht die Fahrt in die bisherige, falsche Richtung weiter: mehr Globalisierung und ökologische Risiken, mehr Kapitalismus, mehr Finanzspekulation und quantitatives Wirtschaftswachstum, mehr Big-Tech, Digitalisierung, Kommerz, Beton und Motorisierung. Die als »New Green Deal« getarnte Wachstumsstrategie bleibt bis jetzt unwidersprochen, auch von Grünen, Klimaschützern und Neosozialisten.
Die Jahre der Globalisierung waren aus ökologischer Sicht 30 verlorene Jahre. Die 68er-Umweltbewegung hatte das Klimaproblem schon vor 50 Jahren thematisiert. Der abrupte Kurswechsel der 68er, Linken und Grünen ins Lager der Globalisierer setzte der Bewegung ein Ende und verhindert seit den 1990er-Jahren eine ökologische Wende. Zeichnen sich heute die nächsten 30 verlorenen Jahre ab?
Ich schlage in diesem Buch einen ökologisch-demokratischen Ausweg aus der Krise vor, einen Richtungswechsel der Politik um 180 Grad: Deglobalisierung, d. h. Lokalisierung und Kleinräumigkeit, Schonung und Regeneration von Klima und Ökosystem, Permakultur, qualitative Entwicklung statt quantitatives Wachstum, tendenzielle Dedigitalisierung, Dekommerzialisierung, Deindustrialisierung, Demotorisierung. Das erfordert die Revision einiger Prämissen des modernen Lebens. Die Machtverschiebung zugunsten der transnationalen Konzerne auf Kosten der lokalen KMU-Wirtschaft muss rückgängig gemacht und umgekehrt werden: Vorrang des Lokalen vor dem Translokalen, überall auf der Welt. Falls es den lokalen Akteuren nicht gelingt, die demokratische Machtkontrolle wiederherzustellen und auszubauen, droht die Öko- und Impf-Diktatur.
Eine Politik der Deglobalisierung erfordert keinen revolutionären Gestus, keine abrupte Kehrtwende und keine neuen rechtlichen und demokratischen Strukturen, nur Ideologiekritik und neue Bündnisstrategien. Erst wenn das vom Globalismus durch gezielte Links-Rechts-Polarisierung verhinderte antiglobalistische Bündnis zwischen »linken« und »rechten« Globalisierungskritikern zustande kommt, öffnet sich ein Ausweg aus der aktuellen Krise. Das Buch richtet sich deshalb an besorgte Bürgerinnen und Bürger aller politischen Couleurs. Der von der Jugend wiedererweckten Ökobewegung wünsche ich, dass sie die Fehler der 68er nicht wiederholt, nicht zum Feigenblatt der globalistischen »grünen« Wachstumsstrategie verkommt und eine wirkliche ökologische Wende einleitet.
In der Schweiz konnte ich für meinen Klartext, der eine Leerstelle im politischen Spektrum füllt, keinen Verlag finden. Ich bedanke mich bei Hannes Hofbauer für die Bereitschaft, das Buch im Wiener Verlag Promedia herauszugeben. Der Verlag wird seinem Profil »Bücher gegen den Strich« zu machen, gerecht. Ein Dank geht auch an meine Frau Ruth für die vielen klärenden Gespräche und Hinweise. Ihr und meinen Kindern, Ihren Partnerinnen und Partnern und meinen Enkelkindern widme ich das Buch.
Peter Mattmann-Allamand Kriens/Luzern, im Juli 2021
Die Welt taumelt von Krise zu Krise.
2008: Bankenkrise. Sie wird nach Wunsch der Banken »gelöst«. Deutschland und andere nördliche Länder setzen in der EU einen rigorosen Sparkurs durch. Das hat für einige südliche Länder drastische Auswirkungen. In Griechenland, Spanien und Italien verschlechterten sich vor allem für junge Menschen die Lebensbedingungen und Zukunftsaussichten. 30−50 % der Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren sind dort arbeitslos.1 Fast überall lebt die Jugend unter schlechteren Bedingungen als die vorangegangene Babyboomer-Generation.
Der Bankenkrise folgt die Schuldenkrise. Sie ist längst nicht ausgestanden. 2021 erreicht der weltweite Schuldenberg ein neues Rekordhoch. Viele Banken türmen faule Kredite auf und handeln sogar damit. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Nationalbanken bekämpfen die Krise mit einer Geldschwemme. Das drückt den Zinssatz. Er taugt kaum mehr zur Risikoabwägung. Ist der Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik ohne große Verwerfungen noch möglich? Reiche Aktienbesitzer machen Riesengewinne, während Kleinsparer um ihr Vermögen bangen. Auch wer kein Ökonom ist, spürt, dass bei solchen Schuldenbergen und bei negativen Zinsen etwas nicht stimmt.
2015: Flüchtlingskrise. Der Blick über die Grenze ist beunruhigend: Zerbombte Städte und Dörfer, tote Krieger und Zivilisten, zerschlagene Infrastruktur, zerstörte Staatlichkeit, missachtetes Völkerrecht, zum Erliegen gekommene Wirtschaft. Großes Elend ringsherum. In der digital vernetzten Welt bleibt der reiche Überfluss der Zentren den Elenden in der fernen Peripherie nicht verborgen. Millionen von Menschen brechen auf, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Migration ist zu einem erstrangigen Thema geworden. Die europäischen Länder sind überfordert, weit über das hinaus, was Immigration normalerweise an Problemen mit sich bringt.
2018: Öko-Krise. Der Sommer ist heiß und ohne Niederschläge. Flüsse trocknen aus. Die Vegetation verfärbt sich wie im Herbst. Schlagartig ist es da, das neue politische Hauptthema. Ein Hauch von 68 weht seither durch die Städte. Jugendliche und immer mehr Erwachsene gehen für eine bessere Klimapolitik auf die Straße. Grüne Parteien sind im Aufwind.
2019: Gilets jaunes. Brennende Autos in Paris und Blockaden durch die Gelbwesten in der französischen Provinz. Die Ungleichheit zwischen Armen und Reichen wächst, sowohl zwischen den Ländern wie auch innerhalb der Länder. Überall gibt es Gewinner und Verlierer der Globalisierung. Viele Lohnabhängige, Gewerbetreibende, Klein- und Mittelbetriebe (KMU) sind existentiell bedroht.
2020: Corona und Weltwirtschaftskrise. Ein Erkältungsvirus legt die Welt lahm. Entsetzliche Hilflosigkeit macht sich breit. Die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt unter Notrecht. Die persönlichen Freiheitsrechte werden drastisch eingeschränkt. Die Corona-Krise macht die Gefahren der Globalisierung manifest. Nicht nur, weil das Virus sich in der dichten Vernetzung der Welt schnell ausbreitet; oder weil die Lieferketten unterbrochen sind und ein Mangel an wichtigen Gütern entsteht. Die größte Gefahr ist das Versagen der demokratischen Machtkontrolle. Der Weg in die Wissenschafts- und Impfdiktatur ist, wie sich zeigt, kurz. Viele Menschen stellen die an den Leitlinien der WHO orientierten nationalen Pandemiepläne in Frage. Sie wünschen eine andere Strategie, welche die gefährdeten Menschen besser schützt, die gesunde Bevölkerung nicht einschränkt und unökologischen Ressourcenverschleiß vermeidet. Es ist beunruhigend, wie die Nationalstaaten ihr Gewaltmonopol willig in den Dienst einer überstaatlichen Institution stellen. Die Weltgesundheitsorganisation, die eine »Weltkrankheit« managt, ist nur fragwürdig demokratisch legitimiert. Auf suprastaatlicher Ebene machen Global Players wie die Impflobby ihren Einfluss und ihre Interessen ungehindert geltend. Bedenklich ist auch die massive globale Medienkampagne, die Regierungen und Menschen diszipliniert und auf jene Druck ausübt, welche mit alternativen Strategien liebäugeln.
Die Nationalstaaten setzen den irrationalen WHO-Pandemieplan rigoros um. Sie lösen damit die längst erwartete neue Wirtschaftskrise aus. Für jene, deren Kaufkraft bereits heute nicht für den Lebensunterhalt reicht, könnte sie noch schlimmere Folgen haben als die Krise von 2008. Wie soll man geldpolitisch auf einen Konjunkturabschwung reagieren, wenn die Zinsen bereits im tiefen oder sogar negativen Bereich liegen? Noch extremere Negativzinsen wären ein Desaster für die Kleinsparer. Man müsste das Bargeld abschaffen oder massiv abwerten. Kommt es zur Aushöhlung der Altersvorsorge? Wird die Zeche mit jenem Geld bezahlt, dass die mittelständischen Rentner für ihr Alter beiseitegelegt haben?
Gewinner und Verlierer stehen fest. Die Global Players werden gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen. Das globale Großkapital kann endlich in neue Investitionen fließen, während das sterbende lokale Gewerbe finanzkräftigen transnationalen Ketten weicht. Das Notrecht verdrängt das Leben ins Virtuelle, ins Handy und ins Internet. Digitalisierung und künstliche Intelligenz erhalten einen immensen Anschub. Den Big-Tech-Riesen und den Kapitalbesitzern, welche von ihnen profitieren, stehen blühende Zeiten bevor. Das Vermögen der zehn reichsten Menschen der Welt hat sich 2020 um 40 % vermehrt.2 Als ob dies nicht genug wäre: Es wird uns prophezeit, die Digitalisierung werde einen großen Teil der unqualifizierten Arbeitsplätze beseitigen. Das Krisenbewusstsein wächst. Viele Menschen denken, dass es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher und dass eine Veränderung unausweichlich ist. Sie sind beunruhigt. Sie spüren, dass es sich nicht um kleine, alltägliche Krisen handelt, sondern um eine in mehrfacher Hinsicht globale Krise.
Im Zeitalter der Globalisierung kann die Krise gar nicht anders als global sein: Sie ist eine Krise der Globalisierung, verursacht durch die Globalisierung. Ihr Kern ist die Machtverschiebung zu Lasten der lokalen Akteure und zu Gunsten der translokalen oder globalen »Players«.
Globalisierung ist nichts Neues. Regionen und Länder übergreifende Beziehungen gab es immer schon. Die erwähnte Machtverschiebung ist das entscheidende Merkmal der Globalisierung der letzten 30 Jahre: Suprastaatliche Akteure regulieren die lokale Wirtschaft zu ihren Gunsten und entmachten die Nationalstaaten. Dies schwächt die lokale und nationale Politik und gefährdet die Demokratie. Ohne eine kritische Analyse der Globalisierung ist ein Ausweg aus der heutigen Krise nicht denkbar. Deshalb nimmt sie in diesem Buch einen wichtigen Platz ein. Ich stelle jene Elemente in den Vordergrund, die üblicherweise mit dem Begriff nicht assoziiert werden, jedoch ihren Kern darstellen.
Die Globalisierung ist kein Naturereignis. Die mächtigsten transnationalen Wirtschaftsakteure und ihre politischen Vertreter haben sie aktiv herbeigeführt. Zbigniew Brzeziński, ein Professor für US-Außenpolitik, hat 1997 die imperiale Strategie weltweiter Vorherrschaft ausformuliert.3 Ich stelle sie und ihre Umsetzung in Kapitel 4 dar. Dass diese Strategie mit militärischen Mitteln durchgesetzt wurde und Hunderttausenden von Menschen in den Kriegen in Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien das Leben kostete, ist ein vergessener Aspekt der Globalisierung.
Das Buch beschäftigt sich mit den Institutionen der Globalisierung, die kaum als solche erkannt werden. Der wichtigste Globalisator im europäischen Raum ist die Europäische Union (EU). Um die sogenannten vier Freiheiten für die transnationalen Wirtschaftssubjekte durchzusetzen und einen einheitlichen, »freien« Binnenmarkt zu schaffen, reguliert sie den europäischen Wirtschaftsraum. Weitere Globalisatoren sind die WTO und in zunehmendem Masse auch die UNO. Die spezielle Rolle, welche die EU bei der Globalisierung in Europa spielt, wird von den meisten politischen Akteuren zur Linken und zur Rechten verkannt. Man tut so, als hätte die politische Globalisierung nichts mit der wirtschaftlichen Globalisierung zu tun. Viele Linke und Grüne geben sich als »Globalisierungskritiker« aus. Sie kritisieren die großen Konzerne und deren Gewinnstreben. Gleichzeitig unterstützen sie die politische Globalisierung, d. h. die suprastaatlichen Institutionen, über welche diese Konzerne ihre Interessen durchsetzen, vorbehaltlos. Die Rechte kämpft gegen die Entmachtung des Nationalstaates und die Aushöhlung der Demokratie. Doch in vielen wirtschaftlichen Fragen stellt sie sich auf die Seite der transnationalen, »neoliberalen« Wirtschaft. Die Globalisierung zerreißt die ökologischen und sozialen Netze, führt zu transnationalem Reichtum und lokaler Armut und gefährdet Demokratie und Wohlstand. Der durch sie entfesselte Hyperkapitalismus hat in den letzten 30 Jahren viele Probleme so verschärft, dass die Krise nun offensichtlich geworden ist.
Global ist die Krise auch in anderer Hinsicht. Gesamt, zusammen, allgemein, beisammen, ganz, sämtlich sind sinnverwandte Ausdrücke für global.4 »Global« ist das Ganze, der Zusammenhang. Die heutige Krise ist »global«, weil sie gleichzeitig ökologische, wirtschaftliche, soziale, technologische und politische Aspekte aufweist. Sie ist eine Krise der modernen Lebensweise. Die Globalisierung hat die problematischen Seiten des modernen Lebens auf die Spitze getrieben. Eine grundsätzliche Wende in die entgegengesetzte Richtung ist angesagt. Das Übel muss an den Wurzeln gepackt werden. Diese reichen weit in die Vergangenheit zurück.
Der Abschnitt, der die Präglobalisierung, d. h. die Zeit vor der Globalisierung betrifft, befasst sich mit zwei Themen. Kapitel 2 beleuchtet die problematischen Prämissen der Moderne, ohne deren Revision ein Ausweg aus der Krise unmöglich ist: Die Tendenz der Modernen, den Gesamtzusammenhang der Prozesse und Dinge zu missachten und in verschiedene, voneinander isolierte Teilbereiche aufzuspalten. Die moderne Wissenschaft und Technik, welche ihre Methode mit dem wirklichen Sein verwechselt, Naturzusammenhänge bruchstückhaft nutzt und dadurch das Ökosystem als Ganzes bedroht. Die Lebensvergessenheit, die Lebendiges wie Totes behandelt und den Ökozid in Kauf nimmt. Die Krise einer lebensfernen Medizin, die in der Corona-Krise zu Tage tritt. Der Kapitalismus als unbeherrschter Wachstumsmotor, der es trotz Wachstumszwang nicht schafft, den Lebensunterhalt aller Menschen und eine gerechte Verteilung der Ressourcen zu sichern. Die Bedrohung der Demokratie durch wachsende Größenverhältnisse, Ungleichheit und Machtkonzentration. Der moderne Fortschrittswahn als Mythos, der den Blick auf das althergebracht Gute entstellt und Neues höher bewertet, weil es neu, und nicht, weil es besser ist.
Kapitel 3 erinnert daran, dass es vor 50 Jahren bereits einmal eine Bewegung gab, welche einige Prämissen der Moderne einer grundsätzlichen Kritik unterzog: die Achtundsechziger-Bewegung. Ich habe die Bewegung als politischer Aktivist von ihren Anfängen 1968 bis zu ihrem Ende in den 1990er-Jahren miterlebt und mitgestaltet. Das Kapitel ist deshalb ein Erlebnisbericht. Ich will die vergessene Geschichte aus erster Hand erzählen und wiederbeleben. Das tut not. Denn was 2018, im 50. Jahr nach 1968, über die Bewegung geschrieben wurde, war wenig zutreffend. 68 war mehr als neue Musik, Love, Hippiekultur und sexuelle Revolution. Im Zentrum der politischen 68er-Bewegung stand eine radikale und umfassende Kapitalismuskritik. Die 68er-AktivistInnen warfen den Parteien und Organisationen der traditionellen ArbeiterInnenbewegung vor, sie hätten die Interessen der Arbeiter während des Nachkriegsbooms schlecht vertreten. Ihre Kritik ging weit über die traditionellen Anliegen der Arbeiterbewegung hinaus. Die 68er protestierten gegen den Vietnamkrieg und die neokoloniale und imperialistische Ausbeutung der Dritten Welt und machten die Ökologie zu einem politischen Thema. Der Wachstumsboom nach dem Zweiten Weltkrieg hatte negative Folgen für das Ökosystem. Die Verschmutzung der Gewässer und der Luft nahm rasch zu. Die 68er kämpften gegen den wachsenden Individualverkehr und die Zerstörung der Lebensqualität in den Städten und Dörfern. Sie thematisierten die Klimaerwärmung. Zum ersten Mal entstand innerhalb und parallel zur 68er-Bewegung ein prägnantes ökologisches Bewusstsein, das in politischen Forderungen Ausdruck fand. Die erstarkende Ökobewegung formulierte erste Ansätze einer grundsätzlichen Wachstums- und Technologiekritik.
Die 68er_Bewegung war – was bisher kaum beachtet wurde – ein wichtiger Vorläufer der Globalisierung. Die 68er waren Kinder des Wohlstandes im Nachkriegskapitalismus. Sie hatten Freiheiten und Bildungschancen, von denen ihre Väter und Mütter nur träumen konnten. Als wichtigstes historisches Ergebnis haben sie den Kulturwandel in Gang gesetzt, der als »Individualisierung« bezeichnet wird. Das gemeinsame Motiv der verschiedenen 68er-Strömungen war Emanzipation in einem ganz allgemeinen Sinne. Als Ideal galt ein selbstbestimmtes Individuum, das sich von allen Einschränkungen befreit, die es an seiner vollen Entfaltung hindern. Die Regeln, Traditionen und Rollenbilder des Herkunftsmilieus verloren an Verbindlichkeit. Die 68er waren nicht die alleinigen Urheber dieses Prozesses. Sie haben die Individualisierung nicht erfunden. Sie wurden in diesen Prozess hineingeboren und haben ihn wie Katalysatoren beschleunigt. Es war die dynamische Entwicklung der Nachkriegswirtschaft, welche die soziale Mobilität und die Auflösung traditioneller psychosozialer Bindungen vorantrieb. Die zunehmende Individualisierung war sowohl Folge wie Voraussetzung dieser Entwicklung. Die Individualisierung hält heute noch an und ist wohl unumkehrbar. Das selbstbestimmte Leben ist Allgemeingut geworden. Nur wenige möchten es missen.
Die Frauenemanzipation ist der größte kulturelle Fortschritt der letzten 50 Jahre. Auch andere bislang diskriminierte Gesellschaftsgruppen haben eine bessere soziale Akzeptanz erreicht. Den 68ern war damals nicht bewusst, dass derselbe Prozess, der für sie Emanzipation und Selbstbestimmung bedeutete, sich, wie wir noch sehen werden, gleichzeitig als ein Jungbrunnen für den Kapitalismus erweisen würde.
Die »Wende« 1989 ebnete dem Globalismus, d. h. der imperialen Strategie weltweiter Vorherrschaft, den Weg. Die Kapitulation des Sozialismus eröffnete den längst transnational operierenden kapitalistischen Konzernen in den USA und in Europa zum ersten Mal in der Geschichte die realistische Chance einer wirklich weltweiten Expansion. Die Wirtschaftskräfte mit den größten ökonomischen und politischen Ressourcen setzten sich problemlos durch. Für einen Richtungswechsel der Politik fehlten ganz einfach die entsprechenden politischen Gegenkräfte. Fast alle Exponenten der 68er-Bewegung, der Sozialdemokratie und der Grünen schwenkten in den 1990er-Jahren auf einen globalisierungsfreundlichen Kurs ein. Sie verrieten ihre Ideale und waren zu schwach, sich dem eisigen Wind der globalistischen Ideologie, der zu wehen begann, zu widersetzen. Das hatte verheerende Auswirkungen. Es ermöglichte den Weltkonzernen und ihren politischen Vertretern, die Strategie weltweiter Vorherrschaft ungehindert umzusetzen. Die Globalisierung wurde von oben durchgesetzt. Die Bürgerinnen und Bürger in den meisten europäischen Ländern standen ihr skeptisch gegenüber. In der Schweiz waren es nur die Volksrechte, d. h. die Institutionen der direkten Demokratie, welche einen EU-Beitritt bis heute verhinderten. Man befürchtete ein Nein an der Urne. Aufgrund fehlender Volksrechte in den meisten Ländern, welche heute Mitglieder der EU sind, wurde die EU am Volk vorbei konstruiert und aufgebaut. Fast alle bürgerlichen Parteien waren in dieser Frage gespalten. D. h. die Achtundsechziger, Linken und Grünen spielten das Zünglein an der Waage. Eine Koalition zwischen bürgerlichen, linken und grünen Globalisierungskritikern hätte eine realistische Chance gehabt, viele Globalisierungsschritte zu verhindern und die Politik in eine andere Richtung zu lenken. Die ideologisch in die rechtsradikale Ecke abgedrängte bürgerliche EU-Opposition allein war zu schwach, der Globalisierung einen wirksamen Widerstand entgegenzusetzen.
Die Globalisten hatten so ein leichtes Spiel. Das Terrain wurde zuerst militärisch bereinigt. Der Hauptgegner aus dem Kalten Krieg war zwar endgültig besiegt. Trotzdem verpasste sich die NATO in enger Abstimmung mit der EU eine neue Offensivstrategie, welche vor der Verletzung des Völkerrechts und der UNO-Charta nicht zurückschreckt. Ehemalige 68er waren daran aktiv beteiligt. Die Strategie, Exponenten der Friedensbewegung ins Boot zu nehmen, hatte Erfolg. Der Krieg gegen Serbien brach Völkerrecht und verletzte die UNO-Charta.5 Die Friedensbewegung blieb stumm und kam zu einem abrupten Ende. Das Resultat war eine neue große Militärbasis der NATO im Kosovo: Camp Bondsteel. Die Friedensbewegung ging der alten ideologischen Formel vom »guten« Krieg auf den Leim. Dies, obwohl der NATO-Krieg als Umsetzung von Brzezińskis Strategie weltweiter Vorherrschaft erkennbar war. In einigen Ländern kam es zu spontanen Demonstrationen für den Frieden. Doch die organisierte Friedensbewegung erholte sich von der Totalniederlage im Jugoslawienkrieg nicht mehr. Die weiteren im Rahmen der Globalisierungsstrategie geführten Kriege in Afghanistan, im Irak und in Libyen gingen ohne großen Widerstand über die Bühne. Lediglich im als Bürgerkrieg geführten Stellvertreterkrieg in Syrien gelang der Regimewechsel nicht. EU und NATO konnten hier ihren Einflussbereich nicht ausweiten.
Die europäische Einigung war gemäß Brzeziński ein zentrales Element der Strategie weltweiter Vorherrschaft. Da die Linken und Grünen sich EU-freundlich positionierten, konnten die Globalisierer auch diesbezüglich die Pläne vollumfänglich und termingerecht umzusetzen. Mit der Einheitlichen Europäischen Akte von 1986 erhielt die EU, damals noch EWG genannt, einen völlig anderen Charakter und eine deutlich andere Ausrichtung: Sie wurde von den transnationalen Konzernen zur Verwirklichung ihrer Strategie der weltweiten Vorherrschaft in Beschlag genommen. Die europäische Einigung kam unter dem Einfluss eines intensiven Lobbyings der in verschiedenen Verbänden organisierten Weltkonzerne zustande. Diese gaben für alle einzelnen Schritte enge Fristen vor. Auf diese Art entstand eine demokratisch nicht legitimierte überstaatliche Institution, die als oberstes Prinzip den absoluten Vorrang der transnationalen Wirtschaft vor allem anderen statuiert. Das ist der Kern der vier wirtschaftlichen Freiheiten: Freier Verkehr von Kapital, Waren, Dienstleistungen und Personen. Sie haben Verfassungsrang. Sie bedeuten Vorrang der Wirtschaft vor Politik, Moral, Ökologie, sozialer Gerechtigkeit. Wirtschaftspolitisch heißt dies: Stärkung und Bevorzugung der kapitalkräftigsten und größten Akteure zu Ungunsten der kleineren, lokalen Marktteilnehmer.
Vorrang der Wirtschaft vor der Politik heißt auch Vorrang der Wirtschaft vor der Demokratie. Sie offiziell abzuschaffen, ist schwierig. Also wird sie ausgehöhlt, geschwächt, zurechtgestutzt. Das ist der eigentliche Sinn der institutionellen Konstruktion EU. Kein europäisches Land würde in seiner Verfassung auf demokratische Weise den Vorrang der transnationalen Wirtschaft als wichtigstes Prinzip verankern. Die EU statuiert dieses Postulat auf suprastaatlicher Ebene zum übergeordneten Konzept und überstülpt es den nationalen Verfassungen von oben. Die Nationalstaaten werden auf überstaatlicher Ebene unter Wettbewerbsdruck gesetzt, die demokratisch nicht legitimierte neoliberale Politik in ihren Ländern durchzusetzen. Darum ist die EU der eigentliche Globalisator Europas, die Institution, welche die Macht der transnationalen Konzerne absichert. Alles übrige, z. B. die ökologischen und sozialen Regeln oder der Ausgleich zwischen den Regionen, ist Beiwerk, das diesem Hauptziel dient. Sie machen das giftige Gemisch für die betroffenen Menschen in den EU-Ländern anscheinend genießbar.
Die Machtverschiebung zugunsten der Weltkonzerne war von einer abrupten ideologischen Wende begleitet. Von einem Tag auf den anderen war der vorher hochgelobte Patriotismus verpönt. Das Festhalten am Eigenen, an lokaler und nationaler Souveränität wurde tabuisiert, das Fremde, Transnationale, Globale, ja sogar die Migration mystifiziert. Die Gegner einer derartigen europäischen Einigung wurden von nun an dauerhaft beschimpft. Was immer man in anderen politischen Fragen denken mochte, die Kritik an der politischen Globalisierung reichte aus, um als Fremdenhasser, Nationalist oder sogar Rassist verunglimpft zu werden. Globalismus ist, in Anlehnung an den Soziologen Ulrich Beck, ein Sammelbegriff für die wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Kräfte, die hinter der Globalisierung stehen, von ihr profitieren und sie vorantreiben.6 Sein wichtigstes ideologisches Muster ist eine auf die Spitze getriebene Links-Rechts-Polarisierung. Diese hat sich paradoxerweise verschärft, obwohl in der politischen Praxis die Unterschiede zwischen links und rechts kleiner geworden sind. Im Schema, welches Positionen in linke und rechte Politik einteilt, kam es zu einer Umkehrung der Bewertung. Die bösen Linken von gestern wurden zu den guten Linken von heute. Das Umgekehrte gilt für die Rechten. Während die Rechte früher die Bürgerlichen bezeichnete, wird der Begriff seit der Globalisierung enger gefasst. Er bezeichnet nur noch jene Bürgerlichen oder Linken, welche sich der politischen Globalisierung widersetzen. Gleichzeitig erfährt der Begriff eine Verschärfung: Rechts wird mit extrem rechts oder rechtsradikal gleichgesetzt. Auf diese Weise gelingt es, die Kritik an der politischen Globalisierung irgendwie mit einer nationalsozialistischen Gesinnung in Verbindung zu bringen. Es wird ein Tabu errichtet, vor dem die meisten Menschen zurückschrecken. Die globalistische Ideologie hat eine linke Tönung. Sie versprüht einen Hauch von fortschrittlicher, kreativer Veränderung. Das machte sie insbesondere für die Jugend attraktiv. Die »neoliberale« Regulierung der lokalen Wirtschaft zu Gunsten der transnationalen Konzerne widersprach diametral den Idealen, Postulaten und Programmen der 68er-Bewegung. Der Kurswechsel der 68er in den frühen 1990er-Jahren setzte der Bewegung ein abruptes Ende. Betroffen davon war nicht nur die Friedensbewegung, sondern auch die erste konsequente Umweltschutzbewegung.
Bezüglich Frauenemanzipation, Antidiskriminierung und technologischem Umweltschutz wurden zwar weitere Fortschritte erzielt. Doch die ökologische Wende rückte in weite Ferne. Grundsätzliche Kritik an der unökologischen modernen Lebensweise, am Kapitalismus, an der modernen Wissenschaft und Technik verstummte. Das Wachstumsdiktat blieb unwidersprochen. Die Digitalisierung, welche als Leittechnologie Grundlage wie Folge der Globalisierung war, wurde fraglos hingenommen, z. T. sogar frenetisch begrüßt. Sie war längst globale Wirklichkeit, bevor einige begannen, sich über ihre ökologischen und sozialen Konsequenzen Gedanken zu machen. Das Ja der Grünen zum europäischen Binnenmarkt war, wie in Kapitel 6 erörtert wird, ein Ja zu einer ökologischen Todsünde. Die Dehnung der Lebenszusammenhänge, die großräumige Trennung von Produktion und Konsum, die damit verbundene Mobilitätssteigerung, die durch verschärften Wettbewerb hyperproduktive und hyperinnovative Industrie und Intensivlandwirtschaft machen den Kern des Klimaproblems aus. Durch die Zustimmung zum Landverkehrsabkommen mit der EU setzte in der Schweiz die erste Umweltschutzbewegung ihren größten politischen Erfolg aufs Spiel: den Alpenschutzartikel, die Verlagerung des grenzüberschreitenden Schwerverkehrs auf die Schiene. In konjunkturell normalen Jahren fahren unverändert viele Lastwagen über den Gotthard-Pass: fast eine Million jährlich. Dies ist heute weder bei Linken und Grünen noch bei der neuen Klimaschutzbewegung ein Thema.
Dieses Buch ist keine sozialwissenschaftliche oder historische Abhandlung über die Globalisierung und kein Entwurf für eine zukünftige Gesellschaft. Es sucht nach einer erfolgsversprechenden politischen Strategie, die als Ausweg aus der heutigen globalen Krise taugt. Darum stehen die fundamentale Kritik der 68er an der modernen Lebensweise, ihre Parteinahme für die Globalisierung und das dadurch bewirkte Ende der ersten konsequenten Umweltschutzbewegung in den 1990er-Jahren im Zentrum dieses Buches. Ich frische diese Geschichte auf, weil die Kinder der 68er sie nicht kennen und viele Eltern sie vergessen oder verdrängt haben. Heute besteht die Gefahr, dass sie sich in ähnlicher Weise wiederholt. Was die ökologische Wende anbetrifft, waren die Jahre der Globalisierung 30 verlorene Jahre. Auch wenn heute alle von Klimaschutz reden, zeichnen sich die nächsten verlorenen Jahrzehnte am Horizont ab. Wie konnte es so weit kommen? Wo liegen die politischen Ursachen für den desaströsen Zustand des Ökosystems? Welches waren die Fehleinschätzungen und falschen Positionierungen, welche trotz einer ursprünglich starken Umweltschutzbewegung in die heutige Krise geführt haben? Welche Strategie ist einzuschlagen, damit ein zweites Scheitern verhindert und die ökologische Wende möglich wird?
Um die Gretchenfrage kommen wir nicht mehr herum. Sie muss endlich gestellt werden.
Jemandem die Gretchenfrage stellen, heißt: »Ihn zum Bekennen seiner eigentlichen und wahren Meinung veranlassen, ihm eine zentrale, ja die Gewissensfrage stellen wie Gretchen in Goethes ›Faust I‹. Die Gretchenfrage gilt allgemein als eine peinliche, weil intime, aber gleichwohl bedeutsame Frage, deren ehrliche Beantwortung von entscheidender Bedeutung ist.«7 Als Gretchen Faust die Frage stellte, da war das für sie die alles entscheidende Frage. Bezüglich der ökologischen Wende stellt leider auch Greta Thunberg die entscheidende Frage nicht. Die Klimaschützer haben viele Fragen, aber die Gretchenfrage fehlt: Wie hälts Du’s mit dem Globalismus? Globalisierung oder Deglobalisierung? Das eigentlich naheliegende Thema bleibt seltsam deutlich ausgespart. Viele von den Klimajugendlichen kritisierte Politiker mimen Unwissenheit. Sie tun so, als ob das Klimaproblem soeben entdeckt worden wäre und nichts mit der Globalisierung zu tun hätte. Es wird nicht nachgefragt, wie es zur Zuspitzung der Öko-Krise kommen konnte, obwohl die ökologische Frage und die Klimakrise schon vor 50 Jahren von der ersten Umweltschutzbewegung in aller Deutlichkeit thematisiert worden waren. Der Tanz um den heißen Brei ist nicht weiter verwunderlich. In politischen Belangen ist die Gretchenfrage die Machtfrage. Um sie herum macht die vorherrschende öffentliche Meinung einen riesigen Bogen.
Das Thema Deglobalisierung als politische Strategie fehlt im Repertoire der Mainstream-Medien. Dafür kommt zwei anderen politischen Bewegungen große Aufmerksamkeit zu. Viele Jugendliche, z. B. die Anhänger des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders in den USA, sehen im Neosozialismus einen Ausweg aus der Krise. Andere setzen ihre Hoffnungen auf die Klimaschutzbewegung, die schon eine beinahe globale Ausdehnung erreicht hat. In Kapitel 7 nehme ich eine Einschätzung der beiden medienwirksamen »Oppositionsbewegungen« vor. Sind die Hoffnungen, welche auf sie gesetzt werden, berechtigt? Kaum. Weil sie die Gretchenfrage nicht stellen und die ökologische Frage und die politische Globalisierung falsch einschätzen. Die ideologische Basis des Sozialismus ist zu schmal und zu wenig bündnisfähig. Er ist historisch durch den Stalinismus und aktuell durch sein Bündnis mit dem Globalismus kompromittiert. Ähnlich schmalspurig kommt die Klimaschutzbewegung daher. Die unkritische Wissenschaftsgläubigkeit vieler Klimabewegten ist grotesk. Sie fahren streng auf den Schienen, welche durch den Globalismus vorgespurt sind: »Klimaneutralität« und »Grünes Wachstum«, d. h. möglichst rasche Verschiebung des Kapitals vom Erdöl weg in grüne Anlagen, z. B. das Elektroauto. Vieles weist darauf hin, dass die berechtigten Sorgen der Klimajugend von den Exponenten des Globalismus für deren Zwecke missbraucht werden. Dass einer globalisierungskritischen Klimajugend, welche eine radikale ökologische Wende anstrebt, ähnlich hofiert würde, ist unwahrscheinlich.
Ich nenne die in diesem Buch vorgeschlagene Strategie Deglobalisierung. Sie wird wenig medialen Enthusiasmus entfachen, weil sie die Gretchenfrage, d. h. die Machtfrage, stellt und nicht umgeht. Deglobalisierung ist kein politisches Programm, keine Handlungsplattform, keine Skizze für die Gründung einer neuen Partei. Sie ist eine Bündnisstrategie, um die Machtverschiebung zu Gunsten der transnationalen Wirtschaft und ihrer politischen Exponenten rückgängig zu machen und umzukehren. Sie ist ein Vorschlag, welcher sich an alle politischen Kräfte zur Linken und zur Rechten wendet, welche daran interessiert und dem demokratischen Rechtsstaat verpflichtet sind. Eine Deglobalisierungsstrategie kann nicht von Einzelnen am Schreibtisch ausgeheckt werden. Sie ist keine Form positiver Kritik wie der Sozialismus. Ihre Umsetzung ist nur als ein historischer Prozess vielfältiger demokratischer Verhandlungen denkbar. Dieses Buches beschränkt sich skizzenhaft auf einige wenige allgemeine Merkmale und Prinzipien einer solchen Strategie. Die Zukunft wird nicht als Verlängerung und Maximierung der bisherigen Entwicklung vorgestellt. Angestrebt wird eine Richtungsänderung, ein tiefgreifender Wandel in die entgegengesetzte Richtung. Keine Fassadenkleisterei: Der Schuldenberg kann nicht durch zusätzliche Schulden abgebaut werden. Die Klimakrise ist nur ein Teilproblem einer umfassenderen ökologischen Krise und wird durch diese verschärft. Das Ökosystem ist nicht durch weiteres technisches Wachstum zu retten. Die Öko-Krise darf nicht zum neuen Verkaufsschlager werden. Anstelle einer Verschärfung der Krise erstrebt Deglobalisierung einen ökologischen Ausweg aus der Krise.
Der angestrebte tiefgreifende Wandel ist zunächst ein kultureller und philosophischer. Es gilt, die problematischen Prämissen der Moderne zu überdenken und zu revidieren. Wissenschaft und Technik müssen den Gesamtzusammenhang der Natur und des Lebens besser respektieren. Lebendiges darf nicht wie Totes behandelt werden. Wie die Corona-Krise zeigt, missversteht die überschätzte instrumentelle Intelligenz das Lebendige, das vor allem auf Physiologie und Instinkt beruht, von Grund auf. Der unbeherrschte Wachstumsmotor, die kapitalistische Wirtschaftsweise, muss gezähmt werden. Auch diesbezüglich braucht es eine Richtungsänderung. Probleme wie das umweltbelastende Wachstum oder die ungleiche Verteilung der Einkommen und Vermögen lassen sich nur im Rahmen einer Deglobalisierungsstrategie lösen.
Als positive Version der Bezeichnung Deglobalisierung verwende ich den Begriff Lokalisierung. Das Lokale, Kleinräumige soll wieder Vorrang vor dem Translokalen, Großräumigen erhalten. Überall ist die Welt aus der Perspektive der lokalen Akteure zu gestalten. Auf lokaler Ebene soll unter Wahrung ökologischer und sozialer Standards möglichst weitgehende Freiheit herrschen. Durch demokratisch nicht legitimierte transnationale Institutionen vorgegebene Regulierungen sind inakzeptabel. Lokalisierung begrenzt Macht, Größe und Gewinne der globalen Konzerne durch lokale Demokratie. Translokale Wirtschaft wird zwar auch in einer lokalen Kreislaufwirtschaft eine wichtige Ergänzung bleiben. Sie sollte jedoch nicht transnationalen Reichtum für wenige generieren, sondern gemeinwohlorientierten Wohlstand vor Ort. Aufgrund der hohen Gewinnaussichten auf riesigen Absatzmärkten ist den transnationalen Konzernen zuzumuten, dass sie sich durch entsprechende Produktequalität auf für sie regulierten lokalen Märkten behaupten können.
Schluss mit der ideologischen Rede von der Wirtschaft, die es zu fördern gilt! Es besteht ein grundlegender Interessengegensatz zwischen der kleinräumigen lokalen und der großräumigen transnationalen Wirtschaft. In allen Ländern der Welt ist die lokale KMU-Wirtschaft die Basis der wirtschaftlichen Aktivität. Wenn die lokale Demokratie nicht versagt, erzeugt sie gemeinwohlorientierten Wohlstand und eine gerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen. Die transnationale Wirtschaft ist ihr nur aufgepfropft und hat Gewinnmaximierung, transnationalen Reichtum und Ungleichheit zur Folge. Lokale und translokale Wirtschaft sind zwar ineinander verzahnt. Sie bedingen einander und können sich gegenseitig schaden oder nützen. Es ist im konkreten Fall zu überprüfen, ob transnationale Aktivitäten zu gemeinwohlorientiertem lokalem Wohlstand beitragen oder nicht. In der Finanzindustrie werden durch Spekulation Gewinnmargen erzielt, welche weit über jene in der produktiven lokalen KMU-Wirtschaft hinausgehen. Der Finanzmarkt vermehrt die großen Kapitalien ohne produktive Leistung. Er ist parasitär, dient vor allem dem transnationalen Reichtum und verschärft die Einkommens- und Vermögensungleichheit. Er bedarf deshalb einer strengen Regulierung durch die lokalen Akteure.
Die Politik der Lokalisierung möchte der transnationalen Räuberei und der unseligen Konkurrenzzwischen allen Standorten, welche die gesamte Menschheitsgeschichte durchzieht, ein Ende bereiten. Imperiale Macht wird immer noch verherrlicht anstatt geächtet. Das Konkurrenz- und Leistungsdenken, welches in jedem Standort oder auch in jedem Menschen eine mögliche Quelle einseitiger Bereicherung sieht, muss einer Kultur der Kooperation zum gegenseitigen Nutzen weichen. Lokalisierung bietet der immer dreisteren Vermischung von nationalstaatlicher Politik und transnationaler Wirtschaftsmacht Einhalt. Die Corona-Krise, in welcher der Zwangskonsum von Testmaterial, Medikamenten, Masken, Impfstoffen vom Staat verordnet wird, zeigt, wie weit dieses Amalgam schon gediehen ist. Gestörte Ökologie, ungerechte Verteilung der Ressourcen und bedrohte demokratische Freiheit sind die zentralen Elemente der heutigen Krise. Im Gegensatz zum Globalismus, der die Krise in allen diesen Bereichen zuspitzt, eröffnet Lokalisierung realistische Auswege zur Lösung aller drei Problemkreise.
Kleinräumigkeit ist zusammen mit Genügsamkeit und einem achtsamen Umgang mit der Natur die wichtigste Voraussetzung einer ökologischen Lebensweise. Jede Zunahme der Größenverhältnisse, jede Dehnung und Zerstückelung der Lebenszusammenhänge und Kreisläufe erhöht das Risiko einer weiteren Störung des komplexen Ökosystems. Wie Charles Eisenstein in seinem Buch »Klima« betont, kann der Verlust von Wäldern, Böden, Feuchtgebieten und marinen Ökosystemen kann nicht durch CO2-neutrale Treibstoffe wettgemacht werden. Diesbezüglich ist Klimaverbesserung und nicht Klimaneutralität das Ziel. Kapitel 9 weist auf einige kulturelle Merkmale einer ökologischen, lokalen Kreislaufwirtschaft hin.
Eine lokalisierte ökologische Lebensweise dürfte, was auf den ersten Blick paradox erscheint, allen Menschen mehr Freiheit bringen als heute. Denn Kleinräumigkeit ist, was kaum beachtet wird, die wichtigste Vorbedingung für Freiheit und Demokratie, weil die Schwierigkeiten der Machtkontrolle exponentiell zur sozialen Größe der Strukturen wachsen. Überstaatliche, globalisierte Macht kann nur von unten gebrochen, beschränkt und kontrolliert werden, wenn lokale Akteure ihre Ressourcen, ihr Recht und ihre Demokratie vor Ort verteidigen. Hier haben Menschen Handlungsspielraum und wirksamen Einfluss. Dass viele Linke und Grüne auf großräumige, überstaatliche Institutionen bauen und die ökologische und soziale Wende an sie delegieren, ist von unbeschreiblicher Naivität. Wie Leopold Kohr aufgezeigt hat, ist Macht keine Sache der Moral, sondern eine Frage der sozialen Größe. Macht entgleist oder explodiert, wenn sie Größenverhältnisse überschreitet, welche die entgegenwirkende Machtkontrolle überfordert. Macht kann nicht durch moralische Appelle gezähmt werden. Mächtige verzichten nie auf ihre Macht. Macht wird nur durch Gegenmacht beschränkt. Sie funktioniert wie ein physikalischer Gleichgewichtsmechanismus.
Viele Globalisten liebäugeln mit irgendwelchen Varianten einer »grünen« Öko-Diktatur. In der Corona-Krise wirft diese Strategie ihren Schatten voraus. Ohne eine funktionierende Machtkontrolle gibt es weder Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit noch eine ökologische Wende. Die Verteidigung kleinräumiger, demokratisch-freiheitlicher Strukturen wird deshalb zur eigentlichen Gretchenfrage. Kapitel 10 widmet sich ausführlich dem Zusammenhang zwischen Machtkontrolle, direkter Demokratie und Kleinstaatlichkeit. Am Beispiel der Schweiz lässt sich zeigen, wie ein Kleinstaat durch den Globalismus in Existenznöte gerät. Dieser bedroht kleinstaatliche Strukturen und höhlt sie aus. Die Geschichte der Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU beweist, dass die direkte Demokratie mit der EU inkompatibel ist.
Das letzte Kapitel des Buches befasst sich mit dem antiglobalistischen Bündnis. Es ist die eigentliche Quintessenz des Buches. Der Weg in die ökologische Wende ist, wie das Buch nachzeichnet, seit 50 Jahren durch eine politische Blockade versperrt. Die globale Vorherrschaft der transnationalen Konzerne erzeugt, wie jedes Imperium vor seinem Zerfall, den Eindruck von Unbesiegbarkeit. Doch der Schein trügt. Die Übermacht der Wenigen ist nichts anderes als die Schwäche der Gegenmacht der Vielen. Der Globalismus konnte sich in den letzten 30 Jahren so machtvoll durchsetzen, weil das Bündnis aller antiglobalistischen Kräfte bis heute erfolgreich verhindert wird. Ohne ein solches Bündnis bleibt die Politik der Lokalisierung ein Papiertiger. Die Machtfrage ist eine Bündnisfrage. Das heißt, Linke und Rechte müssen diesbezüglich, unter Respektierung unterschiedlicher Positionen in anderen Fragen, aufeinander zu gehen. Eine solche Bündnisstrategie strebt einen gemeinwohlorientierten Wohlstand an. Sie ist mehrheitsfähig. Niemand muss dabei aus einer Partei austreten oder seine Glaubensüberzeugungen aufgeben. Es braucht keinen revolutionären Gestus, keine abrupte Kehrtwende, kein unsicheres Experimentieren. Eine achtsame Richtungsänderung innerhalb der bestehenden rechtlichen und demokratischen Strukturen setzt den allgemeinen Wohlstand nicht auf’s Spiel.
Die ideologische Propaganda, welche die Links-Rechts-Polarisierung ständig verschärft und die Globalisierungskritiker beschimpft, möchte ein antiglobalistisches Bündnis verhindern. Erst wenn sie nicht mehr verfängt, wird die Globalisierung ein Thema freier demokratischer Auseinandersetzung. Der Globalismus wird zwar weiterhin behaupten, der lokale Wohlstand hänge auf Gedeih und Verderben vom quantitativen Wachstum der Weltwirtschaft ab. Doch die Fassade dieser Wachstumsideologie bröckelt. Das quantitative Wachstum hatte für viele Menschen keine entsprechende Verbesserung der Lebensumstände zur Folge. Die Corona-Krise entlarvt den Globalismus: Ein globalistisches Pandemieprogramm, welches zu einer Weltwirtschaftskrise führt, die Demokratie und viele Freiheits- und Persönlichkeitsrechte weltweit außer Kraft setzt und die lokale Wirtschaft zu Tode ruiniert, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein.
Die von der Lokalisierung angestrebte Demokratisierung der Wirtschaft ist nichts Revolutionäres. Politik und Wirtschaft waren immer schon verzahnt. Die Begriffe bezeichnen nur verschiedene, sekundär und künstlich getrennte Bereiche des sozialen Prozesses. Politik, welche der Wirtschaft einen Rahmen setzt, tut, was sie schon immer tat. Politik, die wirtschaftliche Macht beschränkt, erfüllt eine Aufgabe, welche der Demokratie und dem Rechtsstaat seit jeher zukommen. Es geht lediglich darum, die bestehenden Institutionen und die demokratische Machtkontrolle auch im wirtschaftlichen Bereich ernst zu nehmen und zu erneuern. Gefragt sind zwei in den letzten 30 Jahren verkümmerte Tugenden: eine geschärfte politische Urteilskraft und Zivilcourage. Beides braucht es, um die hinter politischen Prozessen wirkenden Interessen und Machtverschiebungen zu erkennen, zu benennen und zu kritisieren. Zu prüfen ist, ob politische Prozesse einem gemeinwohlorientieren Wohlstand oder lediglich der Gewinnmaximierung und der Bereicherung einer ganz kleinen Minderheit dienen. Kern dieser Tugenden ist die Ideologiekritik. Die »gängige« Meinung ist fast immer zu hinterfragen. Sie ist eben die Meinung, »die geht«, d. h. die man haben darf, so lange man der vorherrschenden Macht nicht in die Quere kommen will. Die gängige Meinung wird täglich um ein Vielfaches multipliziert, aufrechterhalten, verstärkt. Konformitätsdruck und Dissensvermeidung sind normale Gruppenphänomene.8 Nicht nur Medienleute, sondern alle Menschen haben ein feines Gespür dafür, was man sagen und tun darf, um innerhalb des in der Gruppe oder der öffentlichen Meinung akzeptierten Rahmens zu bleiben.
Hängt die ökologische Wende von jedem und jeder Einzelnen ab? Nein und Ja. Es reicht nicht, dass jeder und jede etwas umweltschonender lebt und den eigenen ökologischen Fußabdruck verringert. In einer strukturell auf stetig wachsende und verschwenderische technische Naturnutzung festgelegten Weltgesellschaft ist schonendes Verhalten Einzelner bestenfalls ein Tropfen auf einen heißen Stein. Die Gretchenfrage stellt sich auch auf individueller Ebene, jedem und jeder Einzelnen: Trage ich zur Deglobalisierung bei? D. h. zur Machtverschiebung in Richtung Lokalisierung, Kleinräumigkeit, demokratischer Machtkontrolle? Oder stärke ich die Macht des Globalismus, welcher die heutige globale Krise verschärft? Das Konzept des ökologischen Fußabdruckes sollte um die Rubrik »politische Positionierung bezüglich Globalisierung oder Deglobalisierung« ergänzt werden. Der niedrigste ökologische Fußabdruck trägt nichts zur ökologischen Wende bei, wenn das »ökologisch vorbildliche« Individuum der vorherrschenden Ideologie folgt, bei Abstimmungen den Globalismus stärkt und bei den nächsten Wahlen globalistisch »linke und grüne« Parteien wählt. Eine ökologische Wende rückt erst in realistische Reichweite, wenn die Bereitschaft für eine ökologische Lebensweise in eine politische Aktivität mündet, die sich der Links-Rechts-Spaltung widersetzt und die notwendigen Bündnisse eingeht.
1 Schneider Peter, Warum ich immer noch an Europa glaube, Neue Zürcher Zeitung vom 25. Februar 2019, S. 10
2 Steck Albert, Im Krisenjahr 2020 feiern die Milliardäre neue Rekorde. NZZ am Sonntag vom 20. Dezember 2020, S. 25
3 Brzeziński Zbigniew, Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag, 2. Auflage, 1999
4 Peltzer Karl, von Normann Reinhard, Das treffende Wort, Wörterbuch sinnverwandter Ausdrücke. Thun: Ott Verlag, 1990, S. 282
5 Ganser Daniele, Illegale Kriege. Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren. Eine Chronik von Kuba bis Syrien. Zürich: Orell Füssli Verlag, 6. Auflage 2017, S. 157−186
6 Beck Ulrich, Was ist Globalisierung? Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2015, S. 26−27
7 Röhrich Lutz, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg, Basel, Wien: Herder Verlag, 2006
8 Kollmann Karl, Die neuen Biedermenschen. Von der 68er-Rebellion zum linksliberalen Establishment. Wien: Promedia Verlag, 2020, S. 133
Die Globalisierung ist nur 30 Jahre alt. Die Ursachen der heutigen Krise reichen jedoch weiter zurück. Das moderne Leben hatte seit jeher auch seine Schattenseiten. Die Globalisierung hat diese verschärft. Wie die Charakterzüge einiger Menschen sich im Alter verhärten, so verdeutlichen sich jetzt auch die Merkmale der Moderne. Nähert sie sich ihrem Ende? Die Krise ist epochal. Das Gefährt, welches dem Abgrund zurast, scheint an Schienen gebunden zu sein, denen es nicht entweichen kann.
Wo man mit der Geschichte beginnt, ist eine Ermessensfrage. Alles was passiert, geht aus einer Vorgängerstruktur hervor. Die vielschichtige Krise der Moderne betrifft Strukturen, welche sich am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit herausgebildet haben. Zwei Kapitel befassen sich deshalb mit dem Zeitraum vor der Globalisierung:
1. Eine Auseinandersetzung mit den problematischen Seiten der modernen Entwicklung, welche für die Globalisierung und die heutige Krise von Belang sind.
2. Die Krise der Moderne in den 1960er- und 1970er-Jahren. Eine Reaktion darauf war die 68er-Bewegung. Verschiedene neue soziale Bewegungen kritisierten damals zentrale Aspekte des modernen Lebens. Die Ökologie wurde zu einem politischen Thema. Es entstanden erste Ansätze einer Richtungsänderung.
Alltagssprachlich verwenden wir den Begriff »modern« als Gegensatz zu »altmodisch«. Wir bezeichnen damit eine »fortschrittliche«, Neuerungen gegenüber aufgeschlossene Haltung. Unabhängig davon, wie sie sich diesbezüglich einreihen, dürften die meisten Menschen in den kapitalistischen Kernländern und in den Metropolen überall auf der Welt der Aussage zustimmen, dass sie ein modernes Leben führen. Sich den rasant verändernden Gegebenheiten dieses Lebens anzupassen, ist für die meisten eine notwendige Selbstverständlichkeit geworden. Diese Selbstverständlichkeit hat eine Geschichte. Die moderne Lebensart beruht auf Prämissen, welche sich in philosophischen, sozialen und politischen Kämpfen und Verhandlungen herausgebildet haben. Welche von ihnen sind mitverantwortlich für die heutige Krise? Was muss revidiert werden, wenn der Ausweg aus der Krise gelingen soll?
Unter Moderne verstehe ich das Denken und Handeln in der neuzeitlichen Epoche, in der sich in einigen Weltgegenden die heute global dominierende Lebensweise entwickelt und durchgesetzt hat. Von der Moderne zu sprechen, ist eine furchtbare Vereinfachung. Das gilt für alle Begriffe, welche Eigenschaften von Prozessen zu Substantiven verkürzen. Die Kurzformel Moderne bezieht sich auf diverse und vielfältige Prozesse, die sich unter »modernen« Prämissen ereignet haben und immer noch ereignen. Die moderne Entwicklung kann nicht auf Kapitalismus, Industrialisierung, Nationalstaat, Naturwissenschaft und Technik reduziert werden, obwohl damit die offensichtlichsten Merkmale bezeichnet sind. Was sie eigentlich ausmacht, ist der neue Welt- und Kosmos-Bezug, der sich im ausgehenden Mittelalter mit dem Humanismus und der Reformation herausgebildet hat. Die Menschen gaben sich selbst eine andere Rolle im Kosmos. Salopp gesagt: Analog zu den individualpsychologischen Lebensphasen kamen die »modernen Menschen« in die Pubertät. Viele brachen aus einem geschlossenen, von der Religion vorgegebenen Gesamtzusammenhang aus und setzten sich selbst als bestimmende Akteure ins Zentrum.
Beides ist legitim und möglich: Einerseits die in der Moderne angelegte Maßlosigkeit, Übertreibung und Realitätsverkennung als tiefere Ursachen der heutigen Krise aufzuzeigen und gleichzeitig die modernen Errungenschaften, die zumindest wir Privilegierten nicht mehr missen möchten, zu würdigen. Die Moderne hat nicht nur zur Bedrohung des Ökosystems geführt. Sie hat vielen Menschen Wohlstand, ein leichteres und besseres Leben, persönliche Freiheit, rechtsstaatliche Sicherheit und demokratische Partizipation gebracht. Gleichzeitig bleibt das Elend im Blick, das damit verbunden war: Vormoderne wurden entwertet und ausgebeutet. Sklaverei, Frühkapitalismus, Kolonialismus, Imperialismus, die beiden Weltkriege und die totalitären Systeme in Deutschland und Russland haben viel individuelles und soziales Leid erzeugt. Es gilt, die positiven Errungenschaften der Moderne zu erhalten und zu verteidigen. Die Gefahr besteht, dass die heutige Krise antimoderne Reflexe auslöst. Ihnen kann nicht durch mehr »Modernität«, sondern nur durch bessere »Modernität« entgegengetreten werden.
Individualisierung und funktionale Differenzierung kennzeichnen die moderne Entwicklung. Ins Zentrum moderner Aufmerksamkeit rückte der Mensch als Gattungswesen. Dies kommt im Begriff Humanismus zum Ausdruck. Doch auch dem Individuum selbst wurde ein neuer, höherer Stellenwert zugeschrieben. Das Wort ich erhielt in philosophischen Schriften – z. B. von Descartes und Montaigne – zunehmende Bedeutung. Die neue Weltsicht ging vom Subjekt aus. Als funktionale Differenzierung bezeichnen Soziologen die Aufgliederung der modernen Gesellschaft in Teilsysteme wie Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Religion, Kunst, Recht, Erziehung, Familie. Alle Teilsysteme erfüllen, allerdings aus unterschiedlichen Perspektiven, eine spezielle Funktion für das Gesamtsystem. Jedes Individuum ist auf diverse Art und Weise in diese Teilsysteme einbezogen und von ihnen betroffen.
Wie hängt alles zusammen? Gibt es ein zusammenhängendes Ganzes oder ist das Ganze lediglich die Summe der Einzeldinge? Die Antwort hängt von der philosophischen Richtung ab, die man vertritt. Die substanzphilosophische Strömung geht auf die Substanzenlehre des Aristoteles zurück. Sie war wegweisend für das Denken der Moderne und hat nach wie vor große Bedeutung in der Philosophie. Sie schreibt vor allem einzelnen Dingen und Personen, welche Träger von Eigenschaften sein können, wirkliche Existenz zu. Im Unterschied dazu betont die Prozessphilosophie, eine philosophische Strömung des frühen 20. Jahrhunderts, die Kohärenz, d. h. den Zusammenhang zwischen einzelnen Ereignissen und Dingen. Ausgehend von Ansätzen, die sich schon bei Heraklit, Aristoteles, Platon, Leibniz und Hegel finden, berücksichtigen Autoren wie Pierce, James, Bergson, Dewey und Whitehead die Ergebnisse der Evolutionstheorie und, soweit damals möglich, auch der Quanten- und Relativitätstheorie. Ihr wichtigster Vertreter, Alfred North Whitehead, beschreibt den Kosmos als kreativen Prozess: Die wirkliche Welt ist ein Prozess von hoher Komplexität. Dass sie uns als eine Ansammlung von isolierten Einzeldingen erscheint, ist nur eine Momentaufnahme. In Wirklichkeit ist alles in ständiger Veränderung. Viele einzelne Ereignisse und Dinge interagieren wechselseitig miteinander. In diesen Prozessen entstehen und vergehen die Einzeldinge. Wieein wirkliches Einzelwesen wird,begründet, wasdieses wirkliche Einzelwesen ist. Sein Werdenliegt seinem Seinzugrunde. Seine Geschichte prägt sich seiner Existenz ein.9 Die Prozesse, in die wir involviert sind, erleben wir direkt mit. Sie sind für uns primär erfahrbar. Waswir erleben und wiewir erleben sind dabei noch ein einheitliches, nicht analysiertes Ganzes. In der primären Erfahrung gibt es noch kein Subjekt und kein Objekt, keine Trennung zwischen dem, was passiert und dem Material, in dem es passiert. Ein Beispiel dafür ist die Atmung: Der lebende Organismus und die Umwelt sind da in einem ganzheitlichen Prozess miteinander verbunden. Primäre Prozesse, die wir in jedem Moment als Erfahrung miterleben können, sind zu unterscheiden von der Art und Weise, wie wir sekundär diese Prozesse analysieren und interpretieren.10 Aus praktischen Gründen lassen wir täglich hunderte von wahrgenommenen Ereignissen unbeachtet. Durch Denken, Unterscheiden, Definieren wird uns die Bedeutung des in der Primärerfahrung Wahrgenommenen für unser eigenes Leben bewusst. Die Lebensnotwendigkeiten zwingen uns, die wahrgenommenen primären Prozesse im Verstand in unterschiedliche einzelne Teilprozesse und Dinge aufzuteilen und diese zu unterscheiden. Auf diese Weise entstehen auch die Substanzbegriffe, die uns erahnen lassen, wasetwas ist.
Die Tendenz zur Inkohärenz, zur Aufspaltung des Zusammenhanges, ist also in unserer Erkenntnisweise und in der Notwendigkeit, erfolgreich zu handeln, begründet. Das Ausmaß der Inkohärenz hängt von der jeweiligen Kultur ab. Insbesondere vormoderne Kulturen sind durch ganzheitliches Denken und Handeln geprägt. Dieses ist von der Vorstellung durchdrungen, dass alles mit allem verbunden ist. Die Vormodernen beschäftigten sich »fortwährend mit dem sorgfältigen Durchdenken der Verbindungen zwischen Natur und Kultur«.11 Sie waren diesbezüglich äußert vorsichtig. Es schien ihnen unmöglich, »die gesellschaftliche Ordnung zu ändern, ohne gleichzeitig die Naturordnung zu verändern und umgekehrt«.12
Im Gegensatz dazu ist die Aufspaltung des Zusammenhanges in isolierte Teilbereiche ein Wesensmerkmal der Moderne. Der französische Philosoph Bruno Latour hat sich, ausgehend von den Forschungen der SciencesStudies(Wissenschafts- und Techniksoziologie), ausführlich mit den Fragmentierungen der Moderne beschäftigt. In der Realität sind Dinge, Lebewesen, Ereignisse und Prozesse netzartig intensiv miteinander verknüpft. An diesem Netzwerk beteiligen sich viele menschliche und nichtmenschliche Wesen als »Aktanten«. Wenn ich Instant-Kartoffelpurée zubereite, ist mir meistens nicht bewusst, in welchem Ausmaß ich über Referenzketten mit anderen natürlichen, technischen und sozialen Wesen verbunden bin. Ich sehe nur das Fertigprodukt, aber nicht, wie es geworden ist. Wer denkt an den Kartoffelacker, an die Kartoffelproduzenten und die Referenzketten, die hinter ihnen stehenoder an jene Netzwerke, welche mir das Kartoffelpulver auf den Küchentisch geliefert haben? Zweifellos werden viele funktionelle Teilsysteme an diesem Kartoffelbrei beteiligt sein: Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Politik, Recht, familiäre Erziehung, Kochschule und anderes mehr. Im Moment, in dem ich den Brei koche und ihn esse, gehen die Referenzketten, durch die er geworden ist, vergessen und ich genieße lediglich ein Einzelding.
