Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst - Klaus Renn - E-Book

Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst E-Book

Klaus Renn

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Beschreibung

Werden, der ich bin; den ganz eigenen Weg gehen. Dazu braucht es eine sichere Beziehung zu sich selbst und eine gute Intuition für das, was ansteht. Anregungen und Übungen für den Dialog mit sich selbst, der weiterbringt – von einem erfahrenen Psychotherapeuten und Focusing-Experten. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe.

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Klaus Renn

Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst

Focusing – Weg der inneren Achtsamkeit

Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 2017

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2006, 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © Corbis

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-81256-9

ISBN (Buch) 978-3-451-06945-1

Inhalt

Gebrauchsanweisung für dieses Buch

Focusing

Sie sind selbst-verantwortlich

Liebe Leserin, lieber Leser …

Mit wem Sie es zu tun haben

Kapitel 1 Spaziergang durch die Postmoderne

Alles Bilder

Homebanking

Bilder- und Glaubenssturz

Meine Antwort auf die Postmoderne

TEIL I

Kapitel 2 Die Reise beginnt: Der Körper als (Er-)Lebensort

Der Körper „rechnet sich raus“

Ich schaue, doch nirgends kann ich mich erblicken

Wenn Sie nicht Ihr Leben leben, wer soll es dann für Sie tun?

Zuhause ankommen: Körperliches Bewusstsein

Besuch in Ihrem Alltag

Den Zugang nach innen finden

FreiRaum finden

Einen guten Ort im Körper finden

Von außen nach innen

Kapitel 3 Unsere sinnliche Wahrnehmung

Exkurs über die Wahrnehmung

Die inneren Sinne

Innerer Erlebensraum

Der Übergang von innerem und äußerem Erlebensraum

Innen und außen: Ein Erlebensraum

Kapitel 4 Innere Achtsamkeit

Liebevolles Annehmen

Inneres Lächeln

Dialogisches Beziehungsangebot

„Verkehrsunfälle“ in Begegnungen

„Verkehrsunfälle“ in der inneren Beziehung

Schwierigen inneren Beziehungspartnern einen Platz geben

Absichtslosigkeit

Bogenschießen

Absichtslosigkeit als Paradoxie

Innere Beziehung

Verschiedene Perspektiven

Wie wirkt Aufmerksamkeit?

Den Achtsamkeitsmuskel trainieren

Kapitel 5 Körperwissen ist Situationswissen

Den Körper ohne Situation gibt es nicht

Körper und Situation: Was heißt das konkret?

Fußballspieler und Spielfeld

Einparken und Spazierstock

Kugelschreiber und Pappbecher

Lassen Sie sich einverleiben

Focusing ist nur eingeschränkt sprachlich beschreibbar

Kapitel 6 Vom Körper zum Focusing

Sich mit Hilfe des Focusing auf den Körper einlassen

Was ist der Felt Sense?

Die Bedeutung des Felt Sense

Kleine Anleitung zum Felt Sense

Felt Sense und Denken

Felt Sense und Focusing

Mit dem Felt Sense vergleichbare Konzepte

… im Zen

… bei den christlichen Mystikern

… im Taoismus

… im naturwissenschaftlichen Denken

… im systemischem Denken

Zusammenfassung

Kapitel 7 FreiRaum schaffen

Abstand finden

Schritte im FreiRaum

Ein guter Ort im Körper

FreiRaum ist grenzenlos

Praktische Tipps zum FreiRaum-Schaffen

FreiRaum als Lebenshaltung

Kapitel 8 Probleme bearbeiten mit Focusing: Eine Anleitung

Kapitel 9 Eingeschliffene Bahnen verlassen

Strukturgebundenes Erleben: Oft gar nicht so leicht zu erkennen

Zuerst einmal: Den Wunsch, die Sehnsucht, den Lösungsversuch erkennen

Zugänge zum strukturgebundenen Erleben: Die Erforschung des „Ich“

Wie entdecken wir unsere eigenen gebundenen Strukturen? Verschiedene Zugänge

Zugang: Unsere vertrauten Mitmenschen

Zugang: Der Alltag – die Manifestation unserer Strukturgebundenheit

Zugang: Immer, wenn …, dann …

Verwandlung des „Immer, wenn …, dann …“

Die 3-Sekunden-Regel

TEIL II

Kapitel 10 Dem Leben Tiefe geben

Spirituelle Obertöne

Was kann helfen beim Weg in die Tiefe?

Orientierung für den Tiefenprozess

Meine tiefe Sehnsucht

Glücksperlensuche

Kosmisches Bewusstsein

Glücksmomente als Sparbuch

Anhang

Dankeschön!

Literatur

Gebrauchsanweisung für dieses Buch

Niemand kann Ihnen wirklich sagen, wie Ihr Leben besser, stimmiger oder großartiger werden könnte. Der Experte, die Expertin für Ihr Leben sind in erster Linie Sie selbst.

Dieses Buch geht davon aus, dass das körperliche (Er-)Leben im jeweils gegenwärtigen Moment schon den nächsten Schritt beinhaltet. Ist dieser erst einmal gefunden, führt er zu neuen Vorstellungen, lebendigen Gefühlen und frischer Energie.

Beim Lesen können Sie eine klarere Wahrnehmung von sich selbst und Ihrer gegenwärtigen Lebenssituation gewinnen und sich selbst zu neuen Entscheidungen herausfordern. Meine Absicht ist, Sie in achtsamer und sanfter Weise in eine Beziehung zu sich selbst einzuführen, die innere Wandlung ermöglicht.

Sie können immer mehr entdecken, was Sie alltäglich brauchen und was Ihnen gut tut, damit Ihre inneren Impulse und Ihre Lebendigkeit zum Tragen kommen. Diese inneren Entdeckungen werden Sie nicht nur zu genussvollerem Essen und spannenderer Freizeitgestaltung führen, sondern Ihnen Bedürfnisse zeigen, von denen Sie nicht einmal gewusst haben, dass Sie sie haben.

Folgen Sie der Einladung des Buches, sich immer öfter von innen wahrzunehmen. Verbringen Sie Zeit mit sich und hören Sie sich selbst zu und bleiben Sie einfach bei sich. Wenn Sie das tun, können Sie mit einer gewissen subversiven Wirkung rechnen. Denn dieser innere Prozess tritt im Wesentlichen ein für ein Leben ohne starre Konventionen und für die Rückkehr zum Stimmigen und Prozesshaften Ihrer Person. Das kann tiefgreifende Auswirkungen auf Ihr eigenes Leben und auf die Menschen in Ihrem (auch beruflichen) Umfeld haben.

Sie werden in diesem inneren Prozess immer mehr Ihre eigenen Bedürfnisse entdecken, immer mehr Ihr Gespür für das Stimmige und Echte in Ihrem Leben schärfen. Sie werden sich selbst mehr und mehr verstehen und liebevoll annehmen. Möglicherweise werden Sie auf diesem Weg für andere etwas unbequem. Aber die Orientierung hin zur eigenen körperlich erlebten Stimmigkeit ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit Vergnügen. Spätestens jetzt sollten Sie es sich noch einmal genau überlegen, ob Sie sich auf dieses Buch einlassen wollen!

Focusing

Sie werden von mir in Theorie und Praxis des Veränderungswissens von Focusing eingeführt. Dazu brauchen Sie keine Vorkenntnisse, nur den Wunsch, Ihre eigene Welt zu erforschen und vielleicht zu verändern.

Focusing wurde von Prof. Eugene Gendlin, in erster Linie Philosoph, außerdem auch Psychologe und Psychotherapeut (1926 in Wien geboren), an der Universität Chicago entwickelt. Sein philosophisches wie therapeutisches Arbeiten entstammt seiner Faszination für ein Sich-Einlassen auf das, was schon gespürt, aber noch nicht gewusst wird; dem, was über die Sprache, über Konzepte und Methoden hinausgeht. Veränderungsschritte sind bei ihm Denk- und Heilungsschritte zugleich.

Heute ist Focusing ein Vehikel des Denkens und des Philosophierens, eine Möglichkeit der Selbsthilfe und eine Methode der Psychotherapie und Beratung, ein Werkzeug für Kreativität und Entscheidungsfindung und ein Weg, um spirituelle Dimensionen zu erkunden.

Im Focusing verlieren Ihre Ihnen bisher bekannten Identitäten ihre illusionäre Mächtigkeit zugunsten der Erfahrung, lebendig mit sich selbst und der Umwelt verbunden zu sein. Focusing verdeutlicht, wie ich mich selbst wahrnehme. Die innere Achtsamkeit, das abenteuerliche Sich-selbst-Begegnen, erschließt den inneren Erlebensraum mit seinen impliziten (noch eingefalteten) vielfältigen Facetten von Bedeutungsangeboten. Focusing ist ein Weg des körperlichen Zugangfindens zu sich selbst. Gleichzeitig öffnet sich im „Mich-selbst-Annehmen“ die Erfahrung einer existentiellen Lebenstiefe.

Sie sind selbst-verantwortlich

Mein Anliegen wird sein, Sie immer wieder zu dem spürenden Bei-sich-selber-Sein zu führen und Sie anzuregen, Ihrem eigenen Erleben zu folgen. In gewisser Weise möchte ich Sie befähigen, Ihre eigene Therapeutin, Ihr eigener Therapeut zu sein. Vielleicht ist die Bezugnahme auf Therapie zu krankheitsorientiert, was ich auf jeden Fall vermeiden möchte. Besser formuliert ist mein Wunsch, Sie zur eigenen Begleiterin, zum eigenen Begleiter Ihrer inneren Erfahrung werden zu lassen.

Mein Beitrag dazu ist, Ihnen eine Art Werkzeugkoffer, bestehend aus vielen kleinen Konzepten, Landkarten und Übungsanleitungen, zu geben. Vielleicht taugt das eine oder andere, Sie in Ihrer freundschaftlichen und annehmenden Beziehung zu sich selbst zu unterstützen.

Dieses Buch ist experimentell geschrieben. Was dabei für Sie herauskommt, ist daher nicht vorhersagbar. Sie sind für Ihre Ergebnisse, für das, was Sie dabei finden und für sich umsetzen, selbst verantwortlich. Der Autor ist für Wirkungen und Nebenwirkungen des Buches nicht haftbar.

Liebe Leserin, lieber Leser …

… wer Sie auch immer sind und was Sie gerade auch immer denken und empfinden, mit diesem Buch können Sie eine Reise zum „Sich selbst“ unternehmen.

Zu Beginn des Buches sind Sie eingeladen, einen kleinen Spaziergang durch die Postmoderne, unser gegenwärtiges Lebensgefühl, zu unternehmen. Die Reise beginnt dann so richtig mit einer Einführung in bestimmte, erfahrbare Aspekte des Körpers, führt zu besonderen Erscheinungen der Wahrnehmung, der Inneren Achtsamkeit, öffnet Ihnen das innere Wissen der körperlichen Intelligenz und zeigt Ihnen dabei das Handwerkszeug des Focusing. Falls Ihnen danach ist, können Sie eigene Themen und Probleme bearbeiten. Die Reise endet mit Wegbeschreibungen, die Sie zum „Grundlosen“ führen. Sie haben Gelegenheit, sich genau darin zu gründen.

Meine Absicht ist, einen Raum aufzuspannen, in dem Sie ungestört Ihre Erfahrungen machen können. Mir liegt nicht daran, Sie zu belehren, wie das Leben richtig geht, oder Ihnen wunderbare Rezepte à la „wenn (Sie es richtig machen) – dann (werden Sie glücklich)“ anzubieten. Aus meiner Sicht lässt sich Leben in seiner Vielfalt nicht in richtige Formen und gegebene Ordnungen fassen. Auch werde ich für Sie eher weniger Noch-mehr-Wissen und Information für Ihre Bildung und Gelehrsamkeit zur Verfügung haben.

In der (körperlich gespürten) Beziehung zu sich selbst liegt der Focus meiner Ausführungen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie dabei auch kognitiv Spaß haben und Neues erfahren.

Mit wem Sie es zu tun haben

Meine Frage richtet sich immer wieder an die Sehnsucht – nach dem, was in mir und anderen leben möchte, welche Träume, Visionen und Lebenswünsche unentdeckt wirken. Vielleicht teilen Sie meine Faszination, dem auf die Spur zu kommen, was noch nicht spürbar und klar, aber schon etwas erahnbar ist. Sind Sie vielleicht ebenfalls angezogen von der Vielfalt des Spielens innerer und äußerer Wirklichkeiten zwischen Sinn und Verrücktheit? Staunen Sie vielleicht auch über die wunderlichen Lebewesen in den Tiefen der Meere, die in ewiger Dunkelheit von alleine leuchten und für uns unvorstellbar und von Menschen vollkommen unbeobachtet ihren weiten Lebensraum aufspannen?

Im alltäglichen Leben bin ich, gemeinsam mit Dr. Johannes Wiltschko, Leiter des „Ausbildungsinstitutes für Focusing und Focusing-Therapie (DAF)“. Hauptsächlich leite ich Focusingseminare für Selbsthilfe, Beratung und Psychotherapie. In meiner Praxis arbeite ich als Psychotherapeut, Supervisor und Coach. Ich teile mir mit meiner Frau die Familienanwesenheit, Familienarbeit und die Tätigkeit in der Praxis zu ziemlich gleichen Teilen.

Das Schreiben dieses Buches hat mir insgesamt viel Spaß gemacht. Mich durch geschriebenen Text auszudrücken, ohne Mimik, Augenzwinkern, Lachen, Gestik, ohne meinen Körper, nur durch Buchstabentippen, fühlt sich für mich als Seminarleiter deutlich eingeschränkt an. Diese Situation (in der ich mich mit Ihnen gerade befinde) ist im Vergleich zum Seminarhalten schrecklich unvollständig. Fehlt mir doch gänzlich der Kontakt zu Ihnen. Ich buchstable quasi ins Ungewisse bzw. zu imaginierten Personen. Hier ist niemand, der/die nickt, gelangweilt schaut, etwas sagt, keine Atmosphäre ist im Raum, die das, was ich erzähle, in irgendeiner Form trägt. Diese Erfahrung ist für mich neu und spannend zugleich.

Kapitel 1 Spaziergang durch die Postmoderne

Postmodern wird die Epoche genannt, in der Sie und ich gegenwärtig unser Leben gestalten. Die Postmoderne folgt zeitlich nicht der Moderne nach, sondern meint eine veränderte Einstellung, eine andere Geisteshaltung. Die Postmoderne ist in der Moderne schon eingeschlossen, nur verborgen. Gegenwärtig dringen diese Konzepte immer mehr in unsere Köpfe und Herzen, ohne die ein Begreifen unserer Welt, wie sie sich uns darstellt, nicht mehr möglich scheint. Unser Universum ist pluralistisch geworden. In jedem Lebensbereich finden Sie eine Vielzahl von Entwürfen und Konzepten, die sich gegenseitig widersprechen, sich ergänzen, bestätigen oder gänzlich ausschließen. Es gibt keine übergeordneten Kriterien für richtig und falsch. Moral und Werte werden zur Verhandlungssache, die Vielfalt von Lebensstilen hat die Potenz, Sie zu befreien und gibt Freiheit ohne Ende, nicht mehr nach den Leitlinien der Alten zu leben.

Wahrscheinlich wollen und können Sie den großen Institutionen ebenfalls nicht Ihren ganzen Glauben schenken, weder der Schulmedizin als alleiniger Macht noch den Kirchen noch der Wissenschaft. Auch wenn Sie diesen „Mächten“ weiterhin einen bestimmten Rang zugestehen, so vertrauen Sie Ihnen wahrscheinlich nicht mehr vorbehaltlos und beugen Ihre Knie nicht mehr vor ihnen.

Sprachformen und Stile können beliebig miteinander verknüpft werden, ohne dass dafür Regeln bestehen. Dadurch verschwinden Vorstellungen dessen, was als normal gilt. So nimmt sich die Werbung heraus, Deutsch, Englisch, Französisch zu durchmischen, Ausdrücke und Sprüche beliebiger Gruppenjargons aufzunehmen und die Regeln der Grammatik sowie der Orthographie zu missachten. In Kunst und Architektur können Sie sich den postmodernen Stil von außen anschauen.

Hautnah beobachten Sie diesen Lebensstil in Ihrem eigenen und dem Lebensstil Ihrer Freunde: Immer mehr Menschen leben allein oder in „Sukzessivehen“ bzw. so genannten Patchworkfamilien. Wer auf ein absolutes Richtig oder Falsch angewiesen ist, dürfte sich in unserem Jahrtausend geirrt haben.

„Leben in Fülle“, das haben wir zu Genüge. Vielleicht ist es die spannendste Zeit überhaupt, in der wir leben (für uns Lebende ist sie das ohnehin): Vertreter von Religionen reden gleichberechtigt miteinander. Die Wissenschaft wird „ganzheitlicher“. Die europäischen Staaten bemühen sich, die verschiedenen Kulturen gleichberechtigter werden zu lassen. Die Kirchen können keine Menschen mehr verbrennen und haben nur noch relative Macht über die Menschen, die sich freiwillig in ihre Räume begeben. Lang bewahrte Geheimnisse der Menschheit stehen jedem offen; schamanistische, indianische, afrikanische, taoistische, buddhistische, christliche Weisheitslehren und Praktiken sind in Buchform gebracht für jeden käuflich zu erwerben. Verfügen Sie über das nötige Kleingeld, so sind Sie in der Lage, sich von der Schulmedizin unabhängig zu machen und alle möglichen Heilungswege für sich in Anspruch zu nehmen.

Wir sind endlich so frei, wie wir noch nie frei waren. Wenn Sie einen kleinen Blick in die Geschichte, vielleicht auch Ihre eigene, werfen, können Sie diese Freiheit finden und sich zu eigen machen: „Sie sind frei.“ Es ist ein Freisein ohne implizites wofür, oder für was. Einfach „nur“ frei sein und damit eigenverantwortlich.

Unsere Zeit kann geradezu Spaß machen, wenn Sie sich erst daran gewöhnt haben, dass ein Heiligenbildchen nach dem anderen und ein Moral- und Glaubenssatz nach dem andern vom damit schier zugeklebten Himmel fallen – und der Himmel sich dabei öffnet und eine unendliche Weite sichtbar wird. Gleichzeitig können Sie unsere Erde von der mittelalterlichen Weltbild-Scheibe zur Planeten-Kugel mutieren lassen. Dieser Prozess ist wahrscheinlich auch bei Ihnen noch nicht völlig abgeschlossen – das bemerken Sie daran, dass Sie höchstwahrscheinlich noch vom Sonnenuntergang sprechen und nicht nachkoperianisch von der wunderbaren Erdabdrehung schwärmen, obwohl Sie wissen, die Erde dreht sich und nicht die Sonne wandert über eine Scheibe. Die alten, eingelebten und eingefühlten Konzepte bestimmen unsere Wahrnehmung und kreieren unser gefühltes und selbst-verständliches Weltbild. Wir sind noch lange nicht dort, wo wir wissen, dass wir eigentlich sind. Wir alle, Sie und ich, werden immer wieder der Illusion einer alten und neuen objektiven Wahrheit und Sicherheit auf den Leim gehen, wenn auch der Philosoph und Religionspsychologe William James so schön sagt: „Objektive Evidenz und Gewissheit sind sicherlich sehr schöne Ideale, mit denen es sich spielen lässt; aber wo sind sie zu finden auf diesem mondbeschienenen, von Träumen heimgesuchten Planeten?“

Alles Bilder

Religiöse Sinndeutungen drücken sich in Bildern aus. Die Glaubenslehre, die Dogmen, die Wahrheiten, ob christlicher, keltischer oder buddhistischer Lehrer, sind Bilder und Landkarten, das Tiefe, das ganz Andere zu beschreiben. Je nachdem, wie weit Sie gegangen sind, haben Sie noch einen alten männlichen Gott mit Bart; Sie haben vielleicht esoterische Glaubenswahrheiten, vielleicht aber auch nichts mehr in den Händen, bis hin zu keinerlei Sinnorientierung. Dieser Vorgang des Zerfallens, das Erkennen, dass das alles so nicht stimmt, ist eigentlich eine Fortsetzung unserer kindlichen Erfahrung, als wir bemerkten, es gibt keinen Weihnachtsmann, es gibt kein Christkind, das ganz persönliche Geschenke bringt. Die Welt kann damit spannungsloser und leerer werden. Blicken Sie in Ihre Lebensentwicklung zurück, werden Sie bemerken können, wie weit Sie bereits aus alten Geborgenheiten, bewährten Wurzeln und Sicherheiten gefallen sind. Sie sind irgendwie gleichermaßen entkommen und vertrieben worden aus dem unmündigen und zugleich geborgenen und gläubigen Kinderreich.

Im alten Kinderglauben lebt Spannung, Hoffnung, Trost, Tiefe, Begeisterung, Vertrauen, Lebensorientierung und Menschlichkeit. Im Das-habe-ich-Dir-zu-Weihnachten-gekauft schwingt eine ganz andere Atmosphäre. Postmoderner Rationalismus und Konsum sind kein Ersatz für die Tiefe eines kindlichen und hingebungsvollen Glaubens. Irgendwie sollte es doch gehen können: Glauben, Vertrauen haben und zugleich frei bleiben. Hingebungsvoll leben und doch die Weite der Postmoderne auskosten können. Persönliche Orientierung und Sinn finden in einer Welt der Beliebigkeit. Vielleicht besteht unsere größte innere Herausforderung in der gegenwärtigen Zeit darin, erfüllt, sinnvoll und auch in einer Liebe über sich selbst hinaus zu leben. Und eben nicht (nur) nach mehr Gewinn zu streben. Nach Unbekümmertheit und Vertrautheit mit dem Leben, dahin geht wohl unser aller Sehnsucht. Gläubig und ungläubig zugleich, oder ungläubig von Herzen glauben können, wie die alten Mystiker, so ähnlich könnten sich von uns postmodernen Menschen vielleicht die tiefsten Wünsche anhören.

Die Wiederverzauberung beginnt, indem Sie bemerken: die alten heiligen Geschichten stimmen so nicht. Mit dieser Freiheit gelesen, können diese alten Texte Erfahrungen transportieren, die in einer anderen Sprache etwas durchschimmern lassen, das auf Unbekanntes, auf ganz Anderes hindeutet; etwas, das wir alle irgendwie kennen und doch nicht wirklich kennen und das den Anschein des Wesentlichen hat. Dann werden die alten Bilder wieder spannend, aussagekräftig und lebendig. Sie werden erkennen: Nehmen Sie Beziehung zu einzelnen Bildern und Glaubenssätzen auf, so verschaffen Sie sich Zugang zu dem Darüber-Hinaus. Sie finden neue Wege zu alten Erfahrungen. Der bereits zitierte William James beschreibt dies mit den Worten: „Es ist, als täten wir unsere stolze Geistesreife ab und würden wieder in den Augen der Vernunft törichte kleine Kinder. Aber, so schwer auch eine solche Umwälzung ist, ich glaube, es gibt keinen anderen Weg, die wahre Gestalt der Wirklichkeit zu erfassen.“

Homebanking

Vor nicht allzu langer Zeit sprachen die Angestellten in den Banken und Sparkassen mit uns, gaben uns Geld, nahmen Einzahlungen entgegen, füllten Überweisungsformulare aus – heute machen wir das alles selbst. Wir sind unser eigener Bankservice. Auch sonst werden wir ununterbrochen dazu erzogen, unser eigener Berater, Verkäufer oder Möbelbauer (Ikea hat es hier bis zur Genialität gebracht) zu werden. Wir sind selbständig! Müssen es sein! Wie Ihnen im Supermarkt niemand den Einkaufswagen füllt, so sind Sie auch allein verantwortlich dafür, wie Sie Ihr Leben gestalten: für Ihre Arbeit, Ihre Freizeit, Ihre Beziehungen, Ihre Sexualität … Ob Sie sich mit Junk-Food abfüllen oder mit Vollwertkost – es ist Ihre Entscheidung. Dasselbe gilt auch für das Sinn-, Religions-, Glaubens-, Wissenschafts-, Esoterik- und Philosophie-Geschäft. Wir sind selbständig, ob wir wollen oder nicht. Welche Wahrheit wir wahrhaben wollen, das suchen wir für unseren „Lebens-Einkaufswagen“ selbst aus. Es gibt keinen Grund, ein All-inclusive-Paket bei nur einer Lebens- und Sinndeutungsmarke zu nehmen. So wie Sie auch in einer typischen Kartoffelgegend thailändischen Reis und italienische Nudeln bekommen, brauchen Sie auch im höchstgelegenen oberbayrischen Dorf nicht mehr zwangsläufig eine bestimmte Partei zu wählen. Sie sind frei auszuwählen, was zu Ihnen passt, können sich mit Fertiggerichten sättigen oder sich selbst zum Gourmetkoch entwickeln.

It’s up to you! – Es ist Ihre Sache!

Bilder- und Glaubenssturz

Um diesen Bilder- und Glaubenssturz unbeschadet zu überstehen, brauchen Sie eine sichere und freundliche Beziehung zu sich selbst, ein gewisses Maß an Autonomie und einige Freunde, mit denen Sie ehrlich sprechen und lachen können. Ansonsten wird es Sie einige Mühe kosten, sich in diesem Jahrtausend einzurichten und die Konzepte und Erlebenswelten, die für Sie bereitstehen, in Freiheit und zu Ihrem Besten zu nutzen.

Vielleicht gehört zu diesem inneren Paradigmenwechsel, dass Sie eine Weile (meist mehrere Jahre) in die Verzauberung der Leere und des Nichts verfallen, auf den Moment der Erleuchtung warten und sich dabei mit Ihrer inneren Einsamkeit anfreunden.

Andere Menschen wiederum bleiben in der alten kirchlich/wissenschaftlichen Weltbildscheibe auf festem Boden, da ihnen die planetarische Vorstellung, im Grundlosen gegründet zu sein, nur entsetzlichen Schwindel und Kopfschmerz bereitet.

Wieder andere verdauen das Grauen, das ihnen ein leerer und offener Himmel bereitet, die relativistische Moral- und Kulturorientierung, die Vielfalt der Möglichkeiten, mit der bitteren Medizin des Zynismus und des Intellektualismus.

Etliche, die in alten Weltbildern hängen geblieben sind, geben sich nach außen, meist in Diskussionen, einen postmodernen Anstrich, im gelebten und praktizierten Leben frönen sie jedoch ihrem bärtigen Kinderzimmer-Gott und ihrem Glauben an die Allmacht der Wissenschaft.

Möglicherweise sind Ihnen diese Reaktionen auf die Moderne auch nicht ganz fremd und sicher haben Sie mit diesem gegenwärtigen Lebensgefühl Ihren ganz eigenen Umgang.

So mag es noch viele andere gleichwertig nebeneinander bestehende Lebensentwürfe und Lösungsversuche geben, wobei ich und Sie wohl etwas von allen haben.

Gegenwärtig gibt es keine allgemeingültigen und verbindlichen Instanzen oder letzten Gründe, die Sie nötigen könnten, diese oder jene „Wahrheit“ zu akzeptieren. Diese Weltsicht dringt, ob Sie wollen oder nicht, unaufhörlich in Ihren denkenden Verstand und Ihr fühlendes Herz ein.

Es mag für Sie viele Gründe geben, so zu leben und zu sein, wie Sie es gerade tun – und es mag ebenso viele Gründe geben, sich zu verändern.

Vertraut wird Ihnen auch das Gefühl der Überraschung und Befreiung sein, wenn Sie bemerken: „Ich kann auch ganz anders sein!“

Die plurale Welt spiegelt sich in unserer Art, in der Welt zu sein, wider. „Heute“, sagt Paul Valéry, „existieren in allen kultivierten Köpfen die verschiedensten Ideen und die gegensätzlichsten Lebens- und Erkenntnisprinzipien frei nebeneinander und die Mehrzahl unter uns wird über denselben Gegenstand mehrere Ansichten haben, die einander in den Urteilen ohne weiteres abwechseln.“ So können Sie den Eucharistie feiernden katholischen Priester finden, der gleichzeitig Zen-Meister ist und buddhistische Gelübde rezitiert. Oder den hochkarätigen Wissenschafter, der keltische Rituale vollzieht und sich mit Hilfe der Astrologie durch das Leben navigiert. Dasselbe gilt für Lebens- und Partnerschaftsformen. Hier ist der betonharte Unterschied zwischen „normal“ und „unnormal“, „erlaubt“ und „unerlaubt“ schon lange aufgeweicht.

Die althergebrachten Werte und Regeln verlieren ihre ordnende Bedeutung. In diesem Umbruch entsteht Ungewissheit, Unbezogenheit (vielleicht: Isolation) und Einsamkeit. Situationsbezogene und freiwillige Verbindlichkeiten ersetzen immer mehr die durch Zwang und Erpressung geschaffenen Letztverbindlichkeiten in Beziehungen. Unsere emotionale Intelligenz und Beziehungsfähigkeit wird einmal mehr grundlegend für unser Überleben. In dieser Pluralität haben Sie mehr Handlungs- und Lebenskompetenz, wenn Sie auf die Vielfalt eingehen und geschickt mit ihr umgehen können.

Was brauchen Sie persönlich, um dieses Leben in seiner Freiheit und Fülle fassen zu können?

Meine Antwort auf die Postmoderne

Wie mit dieser ebenso kompliziert-vertrackten wie befreienden „Postmoderne“ umgehen? Ich versuche das so:

Ich arbeite immer wieder daran, mich in mir selbst zu beheimaten, im eigenen Körper-Zuhause anzukommen, es als lebenslangen Begleiter anzunehmen, meinen Körper als Mittelpunkt des eigenen Kosmos zu begreifen. Von hier spüre, fühle, schaue, höre, denke ich in die Welt hinein und hinaus. Und dabei entdecke ich immer wieder neu die körperliche Intelligenz und Weisheit, die Orientierung gibt und dabei hilft, das Leben sicher und genau zu gestalten.

Ich arbeite an meiner Fähigkeit, mich selbst in verschiedenen (inneren und äußeren) Identitäten wahrzunehmen (freundlichgewährend, neugierig, …) und meine unterschiedlichen inneren Impulse (als Teilpersonen kreierbar) miteinander zu verbinden. Dabei hilft mir die Frage: Wer oder was in mir spricht gerade, fühlt gerade, will gerade?

Ich baue mir mein eigenes soziales „Dorf“, auch über große Entfernungen hinweg, nehme Verbindung mit anderen „Bezugsgruppen“ auf. Alle spiegeln mich wider: die Freunde, Kollegen, die Familie … sie gehören zum eigenen Leben dazu. Ein Bild dafür: ein Organismus – viele Ganzheiten, wie eine Vogelschwarmformation. Auch wenn das etwas pathetisch klingt: Das ist Mitgefühl, Liebe über mich selbst hinaus, ein Heimischwerden in/mit anderen Menschen und auf diesem Planeten. Immerzu geht das mit dem Mitgefühl nicht. Mein „Herzschließmuskel“ muss sich öffnen, aber auch schließen können.

Und schließlich versuche ich, mich mehr und mehr im Grundlosen zu gründen. Das kann mit „Gott“ verstanden werden – als Lebensfluss, als Verbindung zum Universum, als ein Bei-sich-selbst-Ankommen, als Beziehung zum Großen Unaussprechlichen.

TEIL I

Kapitel 2 Die Reise beginnt: Der Körper als (Er-)Lebensort

Der Körper „rechnet sich raus“

Während Sie lesen, kann es gut sein, dass Sie Ihren Körper nicht bemerken. Ihre Aufmerksamkeit ist beschäftigt und Ihre Körperwahrnehmung tritt in den Hintergrund Ihres Erfahrungsraumes. Der Körper ist vergessen – nicht bewusst wahrnehmbar. Obwohl der Körper andauernd da ist, bemerken Sie ihn nicht. Oder nehmen Sie etwa wahr, wie Ihre Wahrnehmung durch den Lidschlag der Augen permanent unterbrochen wird? Würden Sie gerade Ihren Herzschlag spüren/hören, so würden Sie sich sicherlich Sorgen machen. Der Körper „rechnet“ die eigene Wahrnehmung „heraus“, als ob er gar nicht vorhanden wäre. Wie in einem modernen PKW kein Fahrgeräusch vorhanden ist, kein Motorenkrach, kein Klappern, kein Windgeräusch … Es ist vielmehr ein sachtes Dahinschweben, als wenn gar keine Maschinen im Auto arbeiteten. So ähnlich „funktioniert“ unser Körper: Er ist da, wir leben mit ihm, aber er ist nicht Teil unserer Erfahrung. Das „normale“ Wahrnehmen unseres Körpers ist ruhig, ist nicht vorhanden, Sie können sich ungestört mit den Dingen der Welt oder mit Ihren Gedanken beschäftigen. Diese alltägliche Nichtwahrnehmbarkeit unseres Körpers gehört zu seinen wesentlichen Eigenschaften. Nur bei Schmerzen oder anderen Kundgebungen des Unwohlseins müssen wir uns unseres Körpers bewusst werden, daher bemerken viele Menschen ihren Körper nur, wenn dieser Alarm schlägt. Die Frage „Wie fühlt sich Ihr Körper gerade an?“ wird dann (in guten Zeiten) von solchen Menschen beantwortet mit: „Es ist alles okay, mir tut nichts weh.“

Die Analogie mit dem Computer mag dies illustrieren: Während ich hier sitze und den Text schreibe, habe ich den Bildschirm vor Augen, hier sehe ich die Ereignisse, die ich als meinen Computer wahrnehme. Was wirklich arbeitet, ist jedoch der Kasten am Boden mit Millionen von Nullern und Einsern, die in diesem Kasten irgendetwas veranstalten. Meine Wahrnehmung der Vorgänge auf dem Bildschirm wird in der Computersprache die „Benutzerillusion“ genannt. Die Benutzerillusion ist die Vorstellung, die der Benutzer von der Maschine hat. Klicke ich mit der Maustaste, so geschieht etwas, was mit meiner Wahrnehmung nichts zu tun hat. Je besser diese Benutzerillusion ist, desto handhabbarer wird der Computer.

Vielleicht möchten Sie Ihren Körper einmal unter dieser Perspektive wahrnehmen und Ihr biologisch-medizinisches Wissen zusammennehmen: Jetzt, in diesem Augenblick, geschieht Erstaunliches in Ihnen: Millionen von Impulse ereignen sich in Ihrem Gehirn, im Nervensystem und den Organen, in von Menschen noch nicht erforschten Regelkreisen. Gleichzeitig können Sie, um die Computer-Metapher zu übertragen, Ihre Körper-Benutzerillusion wahrnehmen: Gefühle, Körperempfindungen, Wohlsein, Gedanken, innere Vorstellungen und Bilder, Stimmungen, …

In der Meditation und anderen Formen der Achtsamkeitsarbeit können Sie entdecken, wie es ist, sich spürend wahrzunehmen. Dabei lernen und üben Sie, sich „in“ Ihren Körper einzulassen. Das meint: Während Sie denken, etwas tun, innerlich spüren, mit jemanden reden, arbeiten, …, halten Sie mehr und mehr die Verbindung zu dem Bewusstsein (zur Selbstwahrnehmung), körperlich anwesend zu sein. Um in der Computeranalogie zu bleiben: Sie halten die Verbindung zur Hardware, zu dem Kasten, der die eigentliche Arbeit macht und werden immer mehr Computerspezialist(in). Diese Art Sich-selbst-Spüren, Seiner-selbst-gewahr-Sein, während Sie was auch immer tun, eröffnet neue und tiefere Zugänge zu sich selbst, zu anderen, zur Natur. Dabei werden Sie zunehmend die Erfahrung machen, Sie selbst zu sein, da zu sein, wo Sie sind. Und Spezialist(in) zu sein für die Situation, in der Sie sich gerade befinden.

Ein kleines Hardware-Augenexperiment: Ihr Blick ist gerade auf die Seite dieses Buchs gerichtet. Heben Sie auch mal die Augen und schauen dabei um sich – dabei können Sie ausprobieren, sich körperlich und insbesondere Ihre Augen zu spüren, indem Sie Ihre Aufmerksamkeit in Ihre körperlichen Augen geben und währenddessen hinaus in die Welt schauen zu dem, was Sie sehen. Lassen Sie sich etwas Zeit, es dauert eine kleine Weile, Ihre Aufmerksamkeit vom Gesehenen in die Augen zu bringen … Dann sehen Sie hinaus und nehmen sich gleichzeitig als Sehende/n wahr. Oder Sie spüren die Oberfläche des Buches in Ihrer Hand und gleichzeitig werden Sie Ihrer Finger gewahr, die spürend sind. Auf der einen Seite haben Sie Ihre körperliche Wahrnehmung und auf der anderen Seite nehmen Sie wahr, mit „was“ Sie sich gerade befassen.

So können Sie Ihre fünf Sinne erproben: Hören – und sich gleichzeitig als Hörende(r) erleben (im Konzert ist es besonders genussvoll, als Ganzkörperhörende[r] anwesend zu sein), zu riechen und sich als Riechende(r) wahrzunehmen, … Sie können es ausprobieren: Je mehr Sie über das einzelne Sinnesorgan hinaus den ganzen Körper gewahr haben, desto mehr bekommen Sie das Gefühl, hier und jetzt vollständiger und mit mehr Facetten Ihre Lebensqualität auch zu erleben.

Die gegenteilige Erfahrung ist für mich, an meiner Arbeitsstelle mit dem Auto angekommen zu sein, ohne eine konkrete Erinnerung an das, was unterwegs passiert ist. Sicher habe ich an den roten Ampeln gebremst und die Verkehrsregeln beachtet, jedoch war ich da nicht bei mir, ich habe mich nicht wahrgenommen. So als ob da niemand im Auto gesessen und niemand das Auto gesteuert hätte. Mein Körper hat automatisiert gehandelt (und offensichtlich alles richtig gemacht), während „ich“ in meinen Gedanken oder Träumen war. Solche Situationen kommen mir wie ungelebt vor. Es ist, als würde man ein wunderbares Essen zu sich nehmen, ohne zu bemerken, wie es schmeckt, oder, weiter gefasst: als würde man leben, ohne zu spüren und zu bemerken, dass „ich“ (gerade jetzt) lebe.

Vielleicht lässt sich am ehesten sagen: Ich spüre – also bin ich. „Ich spüre mich und nehme die mich umgebende Welt wahr.“

Möglicherweise möchten Sie mit dieser Perspektive noch etwas experimentieren.

Sie könnten etwa in Ihrer Vorstellung einen Freund oder Bekannten entstehen lassen, sich seiner erinnern und zu Ihrer inneren Körperwahrnehmung pendeln: Welche körperliche Resonanz entsteht in Ihnen? Nehmen Sie gleichzeitig Ihre Atembewegung wahr; das unterstützt Sie dabei, körperlich zu sich zu kommen. Sie können in sich „alles“ über Ihren Freund entstehen lassen; alles, was Sie von ihm wissen, all die Begegnungen, die Sie mit ihm hatten, sein Aussehen, und nehmen Sie auch alles dazu, was Sie nicht wissen und nie erfahren werden. Lassen Sie das alles in sich zu einem Ganzen werden. Während Sie Ihre Aufmerksamkeit im Körper (Brust- und Bauchraum) haben – können Sie z. B. die Frage in Ihren Körper fallen lassen: „Was ist mir an ihm wichtig?“ Warten Sie eine kleine Weile sanft-neugierig auf das, was auch immer in Ihnen entstehen will. Nehmen Sie einfach wahr, ohne in eine innere Diskussion zu treten. „Was ist mir an ihm wichtig?“ Nehmen Sie entgegen, was kommt, und beenden Sie das kleine Experiment. (Falls das Experiment im Moment für Sie so nicht machbar war, lassen Sie es einfach bleiben oder versuchen Sie es zu einem anderen Zeitpunkt wieder einmal.)

Dabei werden Sie vermutlich bemerken, dass Sie nicht im Wahrgenommenen (z. B. im Denken über den Freund) aufgehen, sondern die Verbindung zu Ihrer „Hardware“, Ihrem körperlichen Gesamtgefühl von sich, behalten. Dadurch kann Ihr Inneres kreative und neue Antworten entstehen lassen. Mit diesem Selbstbewusstsein, mit dieser Beziehung zu sich selbst werden Sie wie von alleine bemerken, wie die inneren und äußeren „Wahrnehmungsgegenstände“ auf Sie wirken. Sie werden früher als bisher bemerken, welche Gefühle entstehen und welche Bedeutung diese für Sie persönlich haben.

Diese Art des Sich-gewahr-Seins, während Sie mit etwas beschäftigt sind, kann Ihnen das Gefühl vermitteln, näher bei sich selbst zu sein, mehr von dem mitzubekommen, was gerade geschieht. Sie bekommen dadurch mehr Realität und Handlungsspielraum. Auch sind Sie für sich und andere weniger verführbar, etwas zu tun, was gerade jetzt nicht stimmig wäre.

Ich schaue, doch nirgends kann ich mich erblicken