Dekolonisiert den Hipster - Grégory Pierrot - E-Book

Dekolonisiert den Hipster E-Book

Grégory Pierrot

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Beschreibung

Nur wenige Spezies unserer urbanen Fauna werden leidenschaftlicher verachtet als der Hipster. Mit dreister Ironie entflieht er hakenschlagend jedem Definitionsversuch – und doch wissen wir genau, wenn wir einen vor uns haben. Hipster sind vor allem immer die anderen, sie sind kulturelle Ware, ready-made Meme, die pseudocoole Avantgarde der Gentrifizierung und die Personifikation eines träumerischen Kapitalismus mit reinem Gewissen. Doch Grégory Pierrot taucht viel tiefer in die Geschichte der Hipster ein – in eine Geschichte von Kolonialismus, Ausbeutung, Verdrängung und Aneignung Schwarzer Kultur. Es ist Zeit, den Hipsterhabitus und seine Produkte, die wir voller Hassliebe absorbieren, aufzudröseln, zu überdenken, aufzulösen, aufzuräumen, zu sortieren, zu dezentrieren – eben zu dekolonialisieren. Dieses elegant-ätzende Bestimmungsbuch gibt dazu Anleitung.

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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2022

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GRÉGORY PIERROT, geboren in Frankreich, lehrt Englisch an der University of Connecticut in Stamford. Er forscht zur atlantischen afrikanischen Diaspora mit Schwerpunkt auf Haiti, Frankreich, den USA und dem Vereinigten Königreich. Grégory Pierrot ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, u. a. The Black Avenger in Atlantic Culture und Haitian Revolutionary Fictions. An Anthology.

JAN-FREDERIK BANDEL, geboren 1977, lebt in Leipzig. Er hat Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Hamburg und der Johns Hopkins University Baltimore studiert und an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Er ist Lektor bei Spector Books und arbeitet als freier Lektor, Übersetzer und Autor.

Die Originalausgabe des vorliegenden Buches erschien unter dem Titel Decolonize Hipsters bei OR Books, New York / London 2021.

© 2021 Grégory Pierrot

Deutschsprachige Ausgabe gemäß Vereinbarung mit OR Books

Alle Bilder (John Brown, Pariser Damen, Cakewalk):

Library of Congress Prints and Photographic Division

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a

D - 22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Nautilus 2021

Deutsche Erstausgabe September 2022

Umschlaggestaltung:

Maja Bechert

www.majabechert.de

1. Auflage

ISBN epub 978-3-96054-306-0

INHALT

EINLEITUNG

Kapitel 1: LOOK AT THAT FUCKING HIPSTER

Kapitel 2: HIPNESS – AUS DER HÜFTE

Kapitel 3: HIPSTER-FASCHISMUS

Kapitel 4: HIPS DON’T LIE

DANKSAGUNG

EINLEITUNG

Stellt euch die Szene vor: Es war 2014, und ich war zum ersten Mal in meinem Leben in Portland, Oregon. Klar, ich war schon im Pazifischen Nordwesten gewesen, und um ehrlich zu sein (und das sind wir doch, stimmt’s?), nahm diese Gegend in meinem Herzen und meiner Seele schon zu High-school-Zeiten einen ganz besonderen Platz ein. Ihr müsst wissen, ich war in den 1990ern Teenager, und von meiner Heimatstadt aus, diesem grauen, verregneten, scheißkalten Kasernenschlafraum, erschien Seattle wie ein verregnetes, nebliges gelobtes Land. Zwanzig Jahre später war da immer noch diese Aura, aber sie war ein bisschen weitergewandert und hatte sich gewaltig verändert. Wer cool war, war jetzt in Portland, Oregon, zu Hause: Das hörte man überall, vor allem in der IFC-Serie Portlandia, die damals ihre beste Zeit hatte. Fred Armisen von Saturday Night Live und Carrie Brownstein von Sleater Kinney hatten Mitte der Nullerjahre angefangen, unter dem Namen ThunderAnt zusammenzuarbeiten, sie drehten kurze Comedy-Sketche mit liebenswert und / oder unausstehlich exzentrischen Figuren, die von realen Personen in Portland inspiriert waren. Die Hochglanz-Variante davon, die im Fernsehen lief, war 2014 längst ein Phänomen für sich: Sie war Reflexion, Beobachtung und Abgesang auf eine Szene und trug gerade dadurch zu deren Popularisierung bei.

Auf gewisse Weise war das eine amerikanische Antwort auf Nathan Barley, eine kurzlebige BBC-Sendung, die sich mit dem Londoner Äquivalent einer neuen jugendlichen Subkultur beschäftigte, für die der Zeitgeist anscheinend nur einen sechzig Jahre alten Begriff parat hatte: Hipster. So unscharf die Charakteristika waren, mit denen sie bestimmt wurde, so leicht waren sie doch auszumachen: eine Vorliebe für obskure, schräge Kunst und Mode, eine Haltung, die alle Entscheidungen des Alltagslebens – persönliche, soziale, politische oder Konsumentscheidungen – zu Fragen des richtigen modischen Accessoires geraten lässt. Für sich genommen war nichts davon wirklich neu; aber es war eine Subkultur des globalen Internet-Zeitalters, die sich auf die Suche nach Authentizität und Originalität begab, nach einer universellen Bedeutung, und dabei vom Rest der Welt als unaufrichtig, banal und komplett witzlos abgetan wurde.

Es war unterhaltsam, darüber nachzudenken und sich die ganze Chose anzusehen. Ich gehörte natürlich nicht zu denen, ob sie nun aus Portland kamen oder woher auch immer. Die Hipster, das sind immer die anderen, und wie alle anderen hatte ich einfach einen besseren Durchblick. Ich hatte Geschmack, ohne herablassend zu sein; ich war weltgewandt, aber nicht arrogant; die Substanz war mir wichtiger als der schöne Schein. Wenn man sich nichts vormacht, erkennt man hier, mal wieder, was Nathan Barley so umwerfend komisch in Szene gesetzt hat. Die Titelfigur der Sendung war der amtierende König einer neuen Welle modebewusster »Idioten«, denen es ansonsten an so ziemlich jedem Bewusstsein mangelt – als solche werden sie jedenfalls in der Anfangsepisode von Dan Ashcroft geröstet, einem übellaunigen, ziemlich abgehalfterten Journalisten, dem nichts mehr übrigbleibt, als für das Vice-Double Sugar Ape zu schreiben. Doch mit jeder weiteren Episode zeigt sich deutlicher, wie nutzlos Ashcrofts bescheidwisserische Distanz und sein scharfer analytischer Sinn sind angesichts der kulturellen Macht, mit der er – und mit ihm wir alle, die wir den »Durchblick« haben – klarkommen muss. Jedes Mal, wenn Ashcroft glaubt, Barley und seinesgleichen als die hirnlosen Kretins vorgeführt zu haben, als die er sie kennt, entziehen sie sich seinem Zugriff, drehen den Spieß um und lassen ihn als einen der ihren dastehen: einen unfreiwilligen Priester ihrer Kirche, einen Pionier ihrer peinlichen Moden, einen Anhänger ihrer dämlichsten Trends. Einen ewigen Ironiker, dessen Rebellion darin besteht, seine Verblödung zur Schau zu stellen, kann man schlecht beleidigen. Schlimmer noch, es gibt kein Außerhalb des Hipstertums: Wir alle leben darin, ob wir nun wollen oder nicht.

All das war zehn Jahre bevor ich zum ersten Mal nach Portland kam. Und Portland war herrlich. Auf den ersten Blick schien mir alles, was ich in der Rosenstadt sah, genau das zu sein, was ich mir immer gewünscht hatte: ein pulsierendes Kulturleben, eine aufgeklärte Stadt, in der Autos bremsten, um Fußgänger über die Straße zu lassen, Kinder überall willkommen waren und anscheinend niemand jemals schief angesehen wurde, egal, welchen Spleen er hatte. Die Freunde und Bekannten, die ich dort wiedertraf oder kennenlernte, hatten hier hinreichend Gelegenheit, zu treiben, was sie früher an der Ostküste getrieben hatten: Poesie, Kunst, Musik, Lehre – in jeder erdenklichen Kombination. Diese Friedlichkeit ging erwartungsgemäß mit einer gewissen sichtbaren Entspanntheit einher: Was ich von der Stadt und von den Leuten sah (und natürlich bekam ich nur das zu sehen), schien mir, na ja, wohlhabend, aber auf eine entspannte, lässige Weise. Gelegentlich sagte ich mir: Wenn dieser Ort gut genug ist für Adam Sherburne von Consolidated, dann soll’s mir auch recht sein.

Und dennoch, es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass mir nichts komisch vorkam. Ich brauchte ein bisschen, um dahinterzukommen, was es war. Kurz vor meinem Rückflug nahm mich ein Freund mit zu einem Event, das sehr typisch für Portland ist: Mauersegler beobachten an der Chapman Elementary School, deren Schornstein diesen Zugvögeln seit einigen Jahrzehnten als Schlafplatz dient. Den September über versammeln sich die Einheimischen auf der Grasböschung neben der Schule, um zuzusehen, wie die Vögel dort umherflattern. Schaut einfach mal bei YouTube, da findet man’s, wie alles andere auch. Man kennt diese Schwärme von Mauerseglern aus schwermütigen HBO-Serien und gruseligen Filmen, wo ihre Menge, die dauernd die Form wechselt, signalisiert, dass etwas ebenso Verstörendes wie diese gespenstisch harmonischen Schwärme heraufzieht. Klar, ich hätte mit irgendeiner Erkenntnis rechnen müssen, trotzdem erwischte es mich unerwartet, wie eine Epiphanie.

Eigentlich war es eine ziemlich vergnügliche, friedliche Szenerie. Kinder, auch einige Erwachsene, rutschten auf Pappen die kleinen Hügel hinunter, während sie darauf warteten, dass es dämmerig wurde und die Vögel sich heraustrauten, um mit ihrem Luftballett zu beginnen. Die Warterei gab mir reichlich Gelegenheit, die Vogelbeobachter um mich herum zu beobachten, eine Menge Portlander, wie ich annahm, die aussahen wie das Publikum bei einem Alt-J-Konzert: tätowiert, sportlich, lässig, aber schick gekleidet, sonnengebräunt, cool und weiß. Tatsächlich derart weiß, dass mir in den Sinn kam, dass ich der einzige Nicht-Weiße dort sein mochte. Die Warterei gab mir auch reichlich Gelegenheit nachzudenken. Die Stimmung war keineswegs feindselig, niemand hat mich behelligt, mich angestarrt oder sonst was, und glaubt mir, ich war schon an einigen amerikanischen Orten, die mehrheitlich, wenn auch nicht ausschließlich weiß waren, in einigen habe ich auch gelebt: im ländlichen Illinois, Penn State, auf den Straßen von Greenwich, Connecticut, an einem Donnerstagnachmittag oder auf einem Konzert von Murphy’s Law. Aber als ich nach Portland kam, war ich ganz naiv davon ausgegangen, dass eine so große Stadt schon diverser sein würde, allein schon – was weiß ich – aus Gründen der Selbstachtung. In den Tagen davor, unter anderen Umständen (auf dem Campus, auf dem Markt) hatte ich mich vielleicht durch das eine oder andere vereinzelte braune Gesicht täuschen lassen. Aber an diesem Sonntagabend stand ich da und fühlte mich wie der sprichwörtliche bittere Tropfen im Kelch. Zufall vielleicht, dachte ich auf dem Heimweg.

Dennoch, es beschäftigte mich weiter. »Warum ist Portland so verdammt weiß?«, fragte ich mich, und da ich absolut keine Ahnung von der Geschichte Oregons hatte (dieses Trail-Computerspiel hatte ich auch nie gespielt, ich bin nicht von hier, okay?), machte ich’s wie alle Spürnasen des 21. Jahrhunderts: Ich tippte den Scheiß in die Suchmaschine und stürzte mich hinein. Junge, ich bekam mehr Antworten, als ich erbeten hatte. Überblendung zur Archivszene.

Wie sich herausstellte, ist der gesamte Staat Oregon ganz grundlegend und über alle Maßen weiß: Von der Unabhängigkeitserklärung bis in die 1840er hatten Briten und Amerikaner dort Außenposten für den Handel mit Pelzen und kontrollierten das Gebiet gemeinsam, ohne dessen ursprüngliche Bewohner zu fragen oder ihnen auch nur zu sagen, mit wem sie es zu tun hatten. Das hatte sich ohnehin bald erübrigt: Eine Folge von Malaria-Ausbrüchen in den 1830er Jahren dezimierte die Chinook und Kalapuya, die in der Nähe der weißen Siedlungen gelebt hatten. In diesem Jahrzehnt nahm die amerikanische Bevölkerung drastisch zu – darunter nicht wenige methodistische Missionare, begierig auf Ureinwohner-Seelen, die sie retten konnten. Teil des Erlösungsangebots war die Organisation der weißen Siedler in einer örtlichen Regierung, zu deren ersten Amtshandlungen das Erlassen von Gesetzen gehörte, die die Sklaverei in diesem Territorium untersagten und die Anwesenheit von Schwarzen ebenfalls. Eine Reihe weiterer Gesetze legte in der Folge genauer fest, wie wenig willkommen Schwarze Menschen in Oregon waren – nur falls jemand vergessen haben sollte, dass die rassistische Diskriminierung im Jim-Crow-Norden derjenigen im Süden großenteils in nichts nachstand. Die Lösung des amerikanischen »Rassenproblems«, die man in Oregon versuchte, bestand darin, einen amerikanischen weißen Ethnostaat zu errichten – zumindest in der Theorie. Klar, nichts davon hielt Sklavenhalter oder Versklavte ab, in das Gebiet zu kommen, aber es ermöglichte den Behörden, so zu tun, als wären sie nicht da. Wie sich herausstellte, waren die Obrigkeiten in Oregon nicht besonders konsequent in der Durchsetzung ihrer feindseligen Gesetze gegen Schwarze. Allerdings bemühten sie sich auch keineswegs aktiv darum, Siedler, die Sklaven hielten, zu bestrafen: Das Verbot richtete sich weniger gegen die Praxis der Sklaverei als gegen die Anwesenheit von Schwarzen – dennoch, vor dem Bürgerkrieg setzten die Behörden in Oregon keine Gesetze um, die die Sklaverei unter Verbot stellten.

Die ausgrenzenden Gesetze blieben neben einigen anderen, die sich spezifisch gegen Asiaten richteten, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bestehen und trugen zweifellos dazu bei, dass Oregon dermaßen weiß war und ist – genau wie die Zuneigung, die dort so freundlichen Gruppierungen wie dem Ku-Klux-Klan entgegengebracht wurde. Als die rassistische Terrororganisation zwischen den beiden Weltkriegen wieder zum Leben erweckt wurde, eroberte sie Oregon im Sturm: 1923 lebten von den zwei Millionen Mitgliedern, die sie im ganzen Land hatte, 35.000 in Oregon (einem Staat mit damals gerade mal 830.000 Einwohnern). Die beinah vollständige Abwesenheit von Afroamerikanern hielt die Kozmischen Drachen nicht auf: Es gab schließlich genügend asiatischstämmige Amerikaner und Katholiken, die man behelligen konnte, und genau das taten sie, vollkommen legal und kein bisschen im Verborgenen, denn einige Jahre lang war der KKK die tonangebende politische Kraft im Staat. Geschwächt durch Korruption und Skandale (wer hätte das gedacht?), zeigten sich die Bettlaken-Pfadfinder in den 1930ern ein bisschen weniger großspurig, wenn es darum ging, in der Öffentlichkeit zur Parade aufzuziehen, auch wenn man sich wohl denken kann, dass sie sich nicht plötzlich in Luft auflösten. Denken kann man sich auch, wie freudig sie es aufnahmen, dass im Zuge der Kriegsanstrengungen Afroamerikaner in Strömen in den Staat geholt wurden, um in der Holzindustrie und den Werften zu arbeiten.

Von 1940 bis 1944 verzehnfachte sich die Schwarze Bevölkerung in Portland und nahm bis Ende des Krieges weiter zu. Zwar hinderte das die Rosenstadt nicht daran, aktiv rassistisches Redlining zu betreiben, aber es brachte ihr den Jazz: Nachdem Vanport, wo ein Großteil der Schwarzen Bevölkerung lebte, 1948 durch heftige Überflutungen zerstört worden war, zogen die, die blieben, ins Albina-Viertel. Portlands »Klein-Harlem« wurde zur Attraktion für Jazz-Musiker*innen und konnte in den 1940er, 1950er Jahren eine solide Clubszene vorweisen, mit Schwarzen Etablissements wie der Dude Ranch, Mc Clendon’s Rhythm Room, Paul’s Paradise; aber auch der nur einem weißen Publikum offenstehende Desert Room lud Künstler*innen wie Louis Armstrong, Dizzy Gillespie, Billie Holiday und den Lokalhelden Warren Bracken ein. In den späten 1950ern setzte die Stadtentwicklung Albina und dem dortigen Kulturleben schwer zu und legte diese Clubszene in Trümmer.

Als entschieden werden musste, wo die neuen Schnellstraßen gebaut werden sollten, lautete die Antwort – wie in Chicago und anderen großen städtischen Gemeinden – natürlich: im Schwarzen Viertel. Die Behörden beschlossen, sich einen Weg durch Albina zu pflügen, und etliche Anwohner mussten von heute auf morgen umziehen, und zwar in Viertel, die bis dahin der weißen Arbeiterschicht vorbehalten gewesen waren. Die Schwarze Bevölkerung Portlands, via Redlining in scharf umrissene Nachbarschaften und unterdurchschnittliche Wohngebiete gedrängt, sah sich beständig dem unverhohlenen Rassismus des Jim-Crow-Nordens ausgesetzt. Doch die Black-Power- und Bürgerrechtsbewegungen kamen auch im Pazifischen Nordwesten an. Es ist bezeichnend, dass an den gewalttätigsten Auseinandersetzungen, die Portland damals erlebte, die Polizei und militante Schwarze Gruppierungen beteiligt waren, die zunehmend in Albina aktiv waren. Das Kulturfestival »Sunday in the Park« im Irving Park im Herzen Albinas hatte Eldridge Cleaver und eine Black-Arts-Theatergruppe eingeladen. Die Veranstaltung begann friedlich, aber nicht ohne Spannungen: Die Polizei zeigte massiv Präsenz bei dem Event, wie sie es schon den ganzen Sommer über auf den Straßen Albinas getan hatte. Als die angekündigten Gäste nicht erschienen, kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Teilnehmern, die sich im Viertel ausbreiteten und zwei Tage anhielten, wobei Geschäfte in Flammen aufgingen und Dutzende Menschen verhaftet wurden.

Zwei Jahre später schritten Kent Ford, ein Mitglied der in Albina tätigen Schwarzen Aktivistengruppe National Committee to Combat Fascism – die kurz darauf ein örtlicher Ableger der Black Panther Party wurde –, und einige andere ein, als Polizisten einen Schwarzen Jungen festnehmen wollten, und aus der angespannten Stimmung wurde ein regelrechter Kampf. Einige Tage lang führte das provozierende und brutale Vorgehen der Polizei zu weiteren Zusammenstößen. Geschäfte brannten, Massenverhaftungen waren die Folge. Die Polizei nahm vor allem Ford und weitere radikale Schwarze Aktivisten ins Visier, was die Flammen der Unzufriedenheit nur weiter anfachte. Dass das FBI militante Schwarze Gruppierungen überwachte und aktiv mit allen verfügbaren Mitteln daran arbeitete, deren Aktivitäten zu unterminieren, war im ganzen Land zu beobachten, aber es war besonders schockierend in einer Gegend mit einer derart kleinen Schwarzen Community und gegenüber einer Gruppe, deren auffälligste Tätigkeiten darin bestanden, kostenloses Frühstück und kostenlose medizinische Versorgung für die Bewohner Albinas auf die Beine zu stellen. Nachdem er vor Gericht vom Vorwurf der Beteiligung an gewalttätigen Ausschreitungen freigesprochen worden war, verklagte Ford nun seinerseits die Polizei und erhielt schließlich Schadensersatz für die Gewalt, die er durch Polizisten erlitten hatte.

Wie in vielen anderen Städten im Norden kristallisierte sich auch hier der Kampf für Bürgerrechte an der Frage des Schulbustransports heraus: Die Anwohner von Albina wehrten sich gegen Pläne, der Ungleichheit der Bildungschancen entgegenzusteuern, indem man afroamerikanische Schüler mit dem Bus in weiße Vorortschulen brachte. Der erbitterte Kampf zog sich bis in die frühen 1980er Jahre. Nach einer massiven Schulboykott-Kampagne, die von Schwarzen Eltern organisiert wurde, gab die neu besetzte Schulbehörde die Maßnahme auf, stellte Schwarze Lehrkräfte ein und entwickelte neue Lehrpläne. In den 1980ern war Albina ein typisches großstädtisches Schwarzes Viertel, wie es sie im ganzen Land gab: heruntergekommen durch die beständige Abwesenheit der Slumlords, denen die Häuser des Viertels gehörten, und von der Stadtverwaltung so lange ignoriert, bis der langsame Zustrom weißer Bewohner die städtische Verwaltung dazu brachte, die Gegend für solch erfreuliche Kundschaft attraktiver zu machen. Albina blühte dasselbe Schicksal wie so vielen Arbeitervierteln in großen Städten – die Lage machte eine Gegend, die von Weißen bisher gemieden worden war, zunehmend interessant. Seit der Jahrhundertwende hat die Gentrifizierung einen Großteil der Schwarzen Portlander aus den traditionellen Vierteln der Arbeiterschicht und den Schwarzen Gegenden Albina, Boise, Eliot, Alberta verdrängt und in die östlichen Ausläufer der Stadt getrieben, da ihre einstigen Unterkünfte zu luxuriösen Eigentumswohnungen und hippen Bars geworden sind.

Portland hat sich seinen durchaus verdienten Ruhm als Oase radikaler Politik und Lebensweisen in den letzten vierzig Jahren aufgebaut, größtenteils auf Kosten Schwarzer Wohnviertel und Schwarzer Kultur. Der Kreislauf ökonomischer und politischer Gewalt, dem Schwarze in Oregon ausgesetzt sind, folgt vertrauten Mustern, und diese Muster hinterlassen einen Abdruck auf dem Hipster-Phänomen, auch dort, wo sie nicht direkt durch dieses geformt werden: So werden die ungesunden, günstigen Wohnstätten, an denen die Schwarze Bevölkerung traditionell zusammengetrieben wurde, systematisch von weißen Künstlertypen »entdeckt«, die von den günstigen Mieten angelockt werden, eine Vorhut, die üblicherweise entsprechende Betriebe mit sich bringt – Galerien, Geschäfte für künstlerische Produkte allerlei Art, Veranstaltungsorte für Performances –, was dann wiederum Bars und Restaurants anzieht und damit eine größere Menge hipper Interessent*innen. Sind genügend Weiße da, um bei der Stadtverwaltung berechtigtes Interesse zu wecken, läuft alles nach altbekanntem Muster: Immobilien werden umgestaltet, die Polizei wird aktiver, Stadtteilent wicklungsmaßnahmen treten in Kraft, so dass es für die bisherigen Anwohner zunehmend unmöglich wird, in ihrem Viertel zu bleiben. So gesehen sind Hipster sowohl Symptom als auch treibende Kraft ethnischer Diskriminierung, so ist es in Portland, in Brooklyn, in Ballungsgebieten überall im Land und anderswo, so ist es in der Kultur, in der Ökonomie, in der Politik. Diese Kreisläufe sind nicht neu, aber sie haben im 21. Jahrhundert gewaltig Fahrt aufgenommen.