DELICATE. Ich wollte nur, dass du bleibst (Sparrow Falls 2) - Catherine Cowles - E-Book

DELICATE. Ich wollte nur, dass du bleibst (Sparrow Falls 2) E-Book

Catherine Cowles

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Beschreibung

Manche Narben verblassen – doch was, wenn die Vergangenheit uns einholt und alles zu zerstören droht? Nach Jahren auf der Flucht weiß Thea eines ganz sicher: Vertrauen kann tödlich sein. Und doch lässt sie sich darauf ein, mit einem Mann unter einem Dach zu leben, den sie kaum kennt. Shepard Colson ist charmant, aufmerksam – und bringt mit seinem entwaffnenden Lächeln all die Mauern ins Wanken, die Thea sich so sorgfältig aufgebaut hat. Thea hat schon einmal geglaubt, in Sicherheit zu sein. Doch sie trägt die Narben, die ihr das Gegenteil bewiesen haben. Trotzdem ist Shep überall. In ihrer Bäckerei, in ihrem Garten, in ihrem Leben. Er sieht zu viel, dringt mit sanfter Beharrlichkeit durch ihre Mauern. Und als die Schatten ihrer Vergangenheit sie einholen, ist er es, der an ihrer Seite bleibt. Er will sie beschützen – selbst, wenn es bedeutet,zu ihr in ihre einsame Hütte zu ziehen und mehr als nur ihre Wände zu reparieren. Mit jeder Begegnung gerät Thea mehr in seinen Bann. Shep ist nicht nur goldenes Licht und sorglose Versprechen – er sieht ihre Narben, erkennt ihre Ängste und nennt sie trotzdem die stärkste Frau, die er je gekannt hat. Sie beginnt zu glauben, dass ein neues Leben möglich ist. Dass sie bei ihm endlich ankommen könnte. Doch dann findet sie ihr Peiniger aus der Vergangenheit. Und diesmal wird er nicht eher ruhen, bis er ihr alles genommen hat – selbst ihr Leben. Sparrow Falls DELICATE. Ich wollte nur, dass du bleibst ist der zweite Band der sechsbändigen Suspense-Romance-Reihe, die intensive Gefühle und nervenaufreibende Spannung in der idyllischen Kleinstadt Sparrow Falls vereint. Jedes Buch erzählt die Geschichte eines neuen Paares und kann unabhängig gelesen werden. Dramatisch, atmosphärisch und voller Spannung – für alle, die emotionale Liebesgeschichten mit düsteren Geheimnissen, unerwarteten Wendungen lieben. 

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cover

Über dieses Buch

Catherine Cowles

DELICATE. Ich wollte nur, dass du bleibst (Sparrow Falls 2)

Aus dem Englischen von Patricia Woitynek

Manche Narben verblassen – doch was, wenn die Vergangenheit uns einholt und alles zu zerstören droht?

Nach Jahren auf der Flucht weiß Thea eines ganz sicher: Vertrauen kann tödlich sein. Und doch lässt sie sich darauf ein, mit einem Mann unter einem Dach zu leben, den sie kaum kennt.

Shepard Colson ist charmant, aufmerksam – und bringt mit seinem entwaffnenden Lächeln all die Mauern ins Wanken, die Thea sich so sorgfältig aufgebaut hat. Thea hat schon einmal geglaubt, in Sicherheit zu sein. Doch sie trägt die Narben, die ihr das Gegenteil bewiesen haben.

Trotzdem ist Shep überall. In ihrer Bäckerei, in ihrem Garten, in ihrem Leben. Er sieht zu viel, dringt mit sanfter Beharrlichkeit durch ihre Mauern. Und als die Schatten ihrer Vergangenheit sie einholen, ist er es, der an ihrer Seite bleibt. Er will sie beschützen – selbst, wenn es bedeutet,zu ihr in ihre einsame Hütte zu ziehen und mehr als nur ihre Wände zu reparieren.

Mit jeder Begegnung gerät Thea mehr in seinen Bann. Shep ist nicht nur goldenes Licht und sorglose Versprechen – er sieht ihre Narben, erkennt ihre Ängste und nennt sie trotzdem die stärkste Frau, die er je gekannt hat. Sie beginnt zu glauben, dass ein neues Leben möglich ist. Dass sie bei ihm endlich ankommen könnte.

Doch dann findet sie ihr Peiniger aus der Vergangenheit. Und diesmal wird er nicht eher ruhen, bis er ihr alles genommen hat – selbst ihr Leben.

Wohin soll es gehen?

Buch lesen

Vita

VORBEMERKUNG

Liebe Leser*innen,

dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte. Aus diesem Grund befindet sich hier eine Triggerwarnung. Am Romanende findest du eine Themenübersicht, die Spoiler enthält.

Entscheide bitte für dich selbst, ob du diese Warnung liest. Gehe während des Lesens bitte achtsam mit dir um. Falls du auf Probleme stößt und / oder betroffen bist, bleibe damit nicht allein. Wende dich an deine Familie und an Freunde oder suche dir professionelle Hilfe.

Wir wünschen dir alles Gute und das bestmögliche Erlebnis beim Lesen dieser besonderen Geschichte.

Catherine und das Cove-Team

Widmung

Dieses Buch ist für mich.Und für alle, denen schon mal das Gefühl gegeben wurde, minderwertig zu sein.Ihr seid schöne, wundervolle Menschen.Lasst euch nichts anderes einreden.

PROLOG

Auf wie viele Arten konnte man jemanden in Gedanken töten? Nikki und ich hatten unserer Fantasie in den letzten Monaten freien Lauf gelassen und ein paar wirklich kreative Ideen entwickelt.

»Lebendig begraben in einem Feuerameisennest«, schlug ich vor und kuschelte mich tiefer in die weich gepolsterte Couch.

Nikki fläzte auf dem Fußboden ihres winzigen Apartments und balancierte ein Weinglas zwischen ihren Fingern. »Das ist bei Weitem nicht schlimm genug. Ich bin dafür, ihn von Piranhas fressen zu lassen. Als Allererstes seinen Schwanz.«

Ich schnaubte belustigt und nippte an meinem Drink. »Das Einfachste wäre, er würde an seinen Lügen ersticken«, murmelte ich.

Nikki setzte sich so schwungvoll auf, dass ihr rotes Haar um ihr Gesicht wirbelte und Weißwein aus ihrem Glas schwappte. Obwohl sie beschwipst war, gelang es ihr, mich mit diesem vertrauten Blick zu taxieren, in dem sich Strenge mit Sanftheit mischte. Sie war der Typ beste Freundin, auf den immer Verlass war – und einer der wenigen Menschen, die sich nicht von Brendans Charme hatten einwickeln lassen.

»Du musst es irgendwem erzählen. Jemandem, der die Macht hat, etwas gegen diesen Wichser zu unternehmen. Sonst mache ich ihn mit meinem Auto platt«, grummelte Nikki und stellte ihr Glas auf den Couchtisch.

Ich zog die Knie an meine Brust und schlang fest die Arme darum, als könnte dieser tröstliche Druck irgendetwas an meiner momentanen Situation ändern. »Und was genau soll ich sagen? Dass ich von einem anonymen Anrufer belästigt werde, der schwer ins Telefon atmet?«

»Er hat dafür gesorgt, dass du gefeuert wurdest, Sel. Seinetwegen hast du einen Job verloren, für den du dir den Arsch abgearbeitet hast.«

Das stimmte. Ich hatte einen Bachelor in Wirtschaft und einen Master im Bereich Management von Nonprofit-Unternehmen. Darüber hinaus hatte ich unzählige Stunden als unbezahlte Praktikantin und freiwillige Helferin absolviert. Und das alles nur, um eine Stelle bei meiner Traumorganisation zu ergattern, dem Alphabetisierungsprojekt. Aber wie sich heute Morgen herausgestellt hatte, war alles umsonst gewesen. Denn man hatte mir gekündigt.

»Dafür gibt es nicht den geringsten Beweis«, entgegnete ich sanft, obwohl mir mein Bauchgefühl sagte, dass Nikki recht hatte. Brendan besaß weitreichenden Einfluss, der es ihm ermöglichte, einen in den Würgegriff zu nehmen.

Nikki stieß einen verächtlichen Zischlaut aus. »Du weißt, dass er dahintersteckt. Er hat mit Geld um sich geworfen und seine Beziehungen spielen lassen.«

Ich biss mir auf die Unterlippe, der Druck auf meiner Brust schnürte mir die Luft ab. Langsam kam es mir vor, als wäre Brendan allgegenwärtig. Mit der Trennung wollte ich einen endgültigen Schlussstrich unter dieses Kapitel ziehen und frei sein. Aber anscheinend war das erst der Anfang gewesen. »Damit dürfte sich das Thema für ihn erledigt haben.« Ich erwiderte Nikkis Blick. »Er hat gewonnen. Ich schätze, das war immer sein oberstes Ziel. Vielleicht kann ich mich jetzt endlich neu orientieren.«

Wo ich das tun wollte, stand allerdings in den Sternen. In Los Angeles fühlte ich mich nicht mehr zu Hause, obwohl ich lange Zeit glücklich in dieser Stadt gewesen war. Ich hatte die Livemusik-Szene geliebt, die Museen und die fantastischen Restaurants mit ihrem breiten kulinarischen Angebot und geglaubt, mich perfekt in die einzigartig diverse Bevölkerungsvielfalt einzufügen, mit ihr zu verschmelzen. Aber jetzt hatte ich jedes einzelne Augenpaar im Verdacht, mich heimlich zu beobachten.

»Ja, vielleicht«, murmelte Nikki.

Ich lehnte mich über den Couchtisch und nahm ihre Hand. »Danke, dass du die beste Freundin bist, die eine Frau sich nur wünschen kann.«

Sie machte ein finsteres Gesicht. »Am liebsten würde ich Brendan einen Tritt in die Eier verpassen, bevor ich ihn an die Piranhas verfüttere.«

Ich lachte erstickt. »Meinen Segen hast du.«

Aber meine Heiterkeit verflog schnell wieder. Ich hatte Nikki nicht annähernd alles erzählt. Wüsste sie, wie schlimm die Dinge wirklich standen, würde sie definitiv ihr Auto auftanken und meinen Ex über den Haufen fahren.

Ich stand auf, griff nach meinem Glas und trank es leer. »Höchste Zeit, mich auf den Heimweg zu machen und Moose zu füttern.«

Sie nickte. »Lass dieses Biest bloß nicht hungern. Sonst nagt es dir am Ende noch einen Zeh ab, während du schläfst.«

Ein echtes Lächeln glitt über mein Gesicht, als ich mein Glas zur Spüle trug. »So was würde er niemals tun.«

Nikki rappelte sich mit einem Ächzen hoch. »Wenn du das sagst. Du nimmst ein Taxi, oder?«

Ich schüttelte den Kopf. »Bin nach dem ersten Glas auf Fresca umgestiegen.«

Ihr fiel die Kinnlade runter. »Du Luder. Während ich mir einen angezwitschert habe, hast du Sodawasser getrunken?«

Lachend umarmte ich sie. »Tut mir leid, Süße.«

In Wahrheit genehmigte ich mir aktuell nie mehr als ein einziges Glas Wein. Mein Angstpegel befand sich auch so schon im roten Bereich, umso wichtiger war es, dass ich einen klaren Kopf bewahrte.

Nikki drückte mich ganz fest. »Soll ich mitkommen? Ich könnte heute Nacht auf deiner Couch schlafen.«

Gott, sie war eine wundervolle Freundin. »Schon gut. Ich werde vermutlich lange aufbleiben und die Stellenanzeigen anderer Organisationen durchforsten.«

Nikki ließ mich noch immer nicht los. »Du bist ein großartiger Mensch. Rede dir ja nichts anderes ein, nur weil Brendan diese Scheißnummer abgezogen hat.«

Nur mit Mühe konnte ich die Tränen zurückhalten, die mir in den Augen brannten. Hin und wieder fragte ich mich, ob ich tatsächlich die Frau war, als die Brendan mich offensichtlich sah: eine grausame, geistesgestörte, manipulative Schlampe.

Noch vor zwei Jahren hätte ich gelacht, wenn irgendjemand mir eine solche Persönlichkeit attestiert hätte. Es war schockierend, wie abrupt die Dinge sich manchmal änderten. Wie rasant das eigene Selbstbild Schaden nehmen und wie lange es dauern konnte, ihn zu beheben.

»Ich hab dich lieb, Niks«, flüsterte ich.

»Ich dich auch.« Sie entließ mich aus ihren Armen. »Schreib mir, sobald du zu Hause bist. Oder ruf an, falls du auf dem Weg zur Tür mit jemandem reden willst.«

Wieder hätte ich fast angefangen zu weinen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich währenddessen mit Nikki telefonierte, weil ich mich von einem vollkommen harmlosen Passanten verfolgt fühlte und deshalb in Panik geriet. Aber sie hatte sich bisher nie beschwert.

»Danke.« Ich küsste sie rasch auf die Wange und schnappte mir meine Handtasche.

Dann verließ ich ihre im Randbezirk von Silverlake gelegene Wohnung und ging zu meinem Auto. Es war taghell, trotzdem sah ich mich hoch konzentriert nach allen Seiten um, während ich den Bürgersteig entlanglief. Mein Blick erfasste einen typischen Hipster, der ein Taxi heranwinkte, ein Pärchen, das vor einem Café herumknutschte, zwei kleine Kinder, die einander im Kreis um ihre Eltern jagten.

Obwohl nichts meinen Argwohn erregte, war ich so nervös, dass ich mit immer schnelleren Schritten auf meinen Subaru zusteuerte. Er war schon nicht mehr in Topform gewesen, als ich ihn während meines Studiums gekauft hatte, und mittlerweile hatte er nachweislich seine besten Tage hinter sich. Aber da ich jetzt arbeitslos war, brauchte ich an ein neues Auto in naher Zukunft nicht zu denken.

Ich sperrte den Wagen auf, stieg ein und verzog das Gesicht, als ich die Tasche mit den Einkäufen vom Bauernmarkt im Fußraum des Beifahrersitzes entdeckte. Hoffentlich war während meines Besuchs bei Nikki, der sich länger hingezogen hatte als geplant, nichts davon verdorben.

Ich schloss die Tür, verriegelte sie und stieß einen erleichterten Seufzer aus. Im Rückspiegel sah ich, dass meine blonden Haare verstrubbelt und meine hellgrünen Augen von dunklen Schatten unterlegt waren. Mir kamen die Tränen, trotzdem wandte ich den Blick nicht ab.

»Du bist ein guter Mensch«, wisperte ich. »Was Brendan über dich behauptet, ist nicht wahr.«

Mein Handy verkündete mit einem Signalton den Eingang einer Textnachricht. Ich kramte es aus meiner Handtasche und spürte ein flaues Gefühl in der Magengegend, als ich die Nachricht las, die auf dem Display aufleuchtete.

UNBEKANNTE NUMMER: Schon gesehen? ;-)

Darunter befand sich der Screenshot eines Zeitungsartikels mit der Überschrift: Brendan Boseman spendet dem Alphabetisierungsprojekt eine Million Dollar. Meine Hände zitterten, als ich den kurzen Text überflog.

Der durch seine Rollen in megaerfolgreichen Romcoms und Superheldenfilmen bekannte Schauspieler stattete der in West Adams, Los Angeles, gelegenen Niederlassung der gemeinnützigen Organisation einen Besuch ab und lässt sich wie folgt zitieren: »Lesen war schon immer meine große Leidenschaft. Es erfüllt mich mit Stolz, an der Mission des Alphabetisierungsprojekts teilhaben zu dürfen und Menschen beim Erlernen von Lesen und Schreiben zu unterstützen.«

Ein Mix aus Zorn, Angst und Frustration trieb mir von Neuem die Tränen in die Augen. Es war ungeheuerlich, welchen Bullshit dieser Typ von sich gab. Brendans Vorstellung von Lesen beschränkte sich darauf, durch den Hollywood Reporter zu blättern und jeden zu verfluchen, der eine Filmrolle ergattert hatte, auf die er selbst scharf gewesen war. Ich ersparte mir den Rest des Artikels. Es war einfach zu viel.

Für das Alphabetisierungsprojekt hatte ich absurd lange Arbeitszeiten bei mieser Bezahlung in Kauf genommen, ständig Spender hofiert und Aufgaben übernommen, die nicht in meiner Jobbeschreibung standen. Und das alles nur, weil ich an die Zielsetzung glaubte und es liebte, bei etwas mitzuwirken, das Leben veränderte. Aber nun war alles für die Katz.

Eine Träne rollte meine Wange hinunter und tropfte auf meine Jeans, wo sie einen dunklen Fleck auf dem blauen Gewebe hinterließ. Vielleicht war mein Rauswurf die unmissverständliche Botschaft, die ich gebraucht hatte, um L. A. zu verlassen und neu anzufangen. Die Chance auf echte Freiheit.

Sowieso hielt mich in dieser Stadt nichts mehr außer Nikki. Alles andere war mir nach und nach böswillig genommen worden. Ich drängte meine aufkeimende Wut zurück, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn. Erst nach drei Anläufen gelang es mir, den Motor zu starten.

Noch ein Problem, das ich angesichts meiner finanziellen Situation nicht beheben konnte. Ich verscheuchte den Gedanken und machte mich auf den Heimweg. Obwohl es erst vier Uhr nachmittags war, geriet ich mitten in den Feierabendverkehr, sodass ich für die Fahrt zwanzig anstatt zehn Minuten benötigte.

Mein Nacken prickelte, als ich vor dem heruntergekommenen Apartmentgebäude parkte und wie üblich meine Blicke umherschweifen ließ. Ich sah ein Paar, das mit seinem flauschigen Schoßhündchen Gassi ging, eine junge Frau mit Kinderwagen und einige Teenies, die sich unter lautem Gebrüll mit ihren aufgemotzten Fahrrädern in der Wohnstraße ein Wettrennen lieferten.

Nichts Außergewöhnliches, trotzdem hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Eine vertraute Furcht erfasste mich, direkt gefolgt von Frust. Weil ich nicht einschätzen konnte, ob meine ungute Vorahnung berechtigt war oder ich allmählich den Verstand verlor. Ich griff nach meinem Handy und tippte schnell eine Nachricht.

SELENA: Bin zu Hause. Werde Moose füttern und mir was zu essen machen. Das solltest du auch tun, sonst wachst du morgen mit einem höllischen Kater auf.

NIKKI: Hab Pad Thai und Pad See Ew bestellt. Die Nudeln werden den vielen Alkohol aufsaugen.

Mein Mund wollte sich zu einem Lächeln verziehen, als ich den Motor ausschaltete, brachte jedoch nur ein halbes zustande. Ich schnappte mir meine beiden Taschen und stieg aus, dann steckte ich mein Handy weg und schaute mich ein weiteres Mal um, bevor ich auf den Eingang zuhielt.

Mein Blick zuckte in jede Richtung, in der sich irgendetwas bewegte. Ich war auf das Schlimmste gefasst, trotzdem ging ich weiter, denn wenn ich stehen bliebe, würde ich mich nicht mehr von der Stelle rühren können.

Ich eilte über den rissigen Asphalt und die abgeschlagenen Betonstufen hinauf, dann betrat ich mithilfe des Zugangscodes das Gebäude. Schnell drückte ich die Tür hinter mir ins Schloss und vergewisserte mich, dass es auch wirklich einrastete.

Vor meiner Wohnung angekommen, entsperrte ich den Riegel und den Türknauf. Ich öffnete die Tür, woraufhin die Alarmanlage zu piepen anfing und ich den Code eintippte, um sie abzustellen. Hinter mir ertönte ein tiefes Miau.

»Hallo, Moose«, rief ich. Der Raum war in Dunkelheit gehüllt, weil alle Vorhänge zugezogen waren.

Früher hatte ich das kleine Apartment vor allem wegen des vielen Tageslichts geliebt, das durch die Fenster hereinfiel. Jetzt gab es in meinem Zuhause nur noch künstliche Beleuchtung.

Moose strich um meine Beine, als ich den Lichtschalter betätigte. Ich schob den Türriegel vor, dann bückte ich mich und hob den knapp zehn Kilo schweren Maine-Coon-Kater ächzend hoch. Er fing sofort an zu schnurren und schmiegte seinen Kopf an meinen Hals.

Ich drückte ihn fest an mich, fand Trost in den Lauten, die er von sich gab, und in seinem weichen grauen Fell. »Denkst du, es ist an der Zeit, L. A. zu verlassen? Vielleicht finden wir irgendwo ein Plätzchen mit einem Garten. Ich könnte dich daran gewöhnen, an einer Leine spazieren zu gehen.«

Moose ließ ein grummeliges Maunzen hören, als wollte er sagen: Tickst du noch ganz richtig?

Ich musste lachen. »Okay, lass uns dieses Thema auf ein andermal verschieben. Wie wär’s mit Abendessen?«

Ein weiteres Maunzen.

Grinsend ließ ich ihn herunter. Anschließend knipste ich überall das Licht an, dabei stellte ich fest, dass meine Hände leicht zitterten. Brendan hatte also wirklich gewonnen.

Mir blieb nichts anderes übrig, als wegzuziehen und zu beten, dass er nicht nachtragend genug war, um mich weiterhin zu drangsalieren, egal, wohin es mich verschlagen würde.

Ich tastete nach dem Lichtschalter in der Küche. Die Arbeitsfläche war ein einziges Chaos. Die Früchte aus der Obstschale waren überall verteilt und eine Orange wies Biss- und Krallenspuren auf. Vorwurfsvoll funkelte ich Moose an. »Hast du etwa wieder Fußball gespielt?«

Er leckte sich die Pfote und rieb sich mit ihr übers Gesicht.

Dann erkannte ich, dass er noch schlimmeren Unfug getrieben hatte. Der mit einer Kamera ausgestattete Leckerli-Spender lag umgekippt auf dem Boden und sah ziemlich lädiert aus. Ich richtete ihn auf und verfrachtete das unversehrte Obst zurück in die Schale.

»Im Ernst? Der Tierarzt sagt, dass du schon jetzt übergewichtig bist.«

Ich hätte schwören können, dass er mich böse anguckte. Dann folgte ein wütendes Miau.

»Wenn du mir so pampig antwortest, war’s das mit deinen Snacks.«

Er fauchte.

Ich musste mir auf die Lippe beißen, um nicht loszuprusten. Zum Glück hatte ich meinen Kater. Egal, wie schlimm die Situation war, schaffte er es immer, mich aufzuheitern.

Ich stellte meine Einkaufstasche auf den Tresen und räumte sie aus, während ich Mooses Pfotenhieben auszuweichen versuchte und mir überlegte, was ich mir zum Abendessen zaubern könnte. Ich liebte es, neue Rezepte zu entwickeln mit Zutaten, die auf dem Bauernmarkt am besten ausgesehen hatten.

Durch mein fehlendes Einkommen würde ich in Zukunft kreativer sein müssen, aber das machte die Herausforderung nur umso reizvoller. Endlich hatte die Saison für Pfirsiche und diese kleinen Heirloom-Tomaten begonnen, also hatte ich bei beidem zugegriffen. In Kombination mit Burrata, Kräutern, Balsamico und dem knusprigen Brot, das ich an einem Backwarenstand gekauft hatte, ergäbe das einen wahren Gaumenschmaus.

Sofort fing mein Magen zustimmend an zu knurren. Ich machte mich daran, die Zutaten vorzubereiten, als mein Handy in meiner Hosentasche zu summen anfing. Sekunden später vermeldete es in einer Kakofonie aus Signaltönen den gleichzeitigen Eingang von Textnachrichten, E-Mails und Anrufen.

Unmittelbar darauf bedeutete mir ein Piepton meines Sicherheitssystems, dass ich in den nächsten zwei Minuten den entsprechenden Code eingeben musste, sonst würde der Alarm losgehen. Dann erwachte die Stereoanlage mit einem dröhnenden Rocksong zum Leben, und Sekunden später schaltete sich der Fernseher bei voller Lautstärke ein.

Moose jaulte irritiert. Ich hastete zum Bedienfeld der Alarmanlage und tippte hastig den Code ein, während ich mein Handy, das immer noch pausenlos vibrierte, aus der Tasche zog. Eine endlose Flut von Benachrichtigungen lief über das Display, und zwar in solch rasantem Tempo, dass ich mich auf keine fokussieren konnte. Und immer noch folgte ein Ping auf das nächste.

Ich schaltete das Handy auf stumm und tippte auf meine ­E-Mail-App. In meinem Postfach befanden sich eintausendsechshundertdreiundfünfzig neue Mails. Mein Herz klopfte wie wild. Heute Morgen waren es gerade mal sechs gewesen.

Ich versuchte, die Betreffzeilen zu lesen, aber da unaufhörlich weitere Meldungen eingingen, rasten sie so schnell vorbei, dass ich nur ein paar davon erfassen konnte. Ich erhielt Warnungen vor dem mutmaßlichen Missbrauch meiner Kreditkartendaten. Werbungen für Penisvergrößerungen und Gewichtsabnahme-Programme. Und massenweise Pornos. Von der Sorte, bei der sich einem der Magen umdrehte.

Ich loggte mich aus meinem E-Mail-Postfach aus, öffnete die Nachrichten-App. Es waren mehr SMS eingegangen, als ich zählen konnte. Darunter mehrere von meiner Bank.

Haben Sie die Zahlung von 1309,13 $ an Sex Toys, Inc. autorisiert?

Haben Sie die Zahlung von 10 237,53 $ an Hollywood Escorts autorisiert?

Betrag um Betrag, jeder katastrophaler als der vorherige. Dann überlief es mich eiskalt.

UNBEKANNTE NUMMER: Bist du das?

Es war kein Link angehängt, sondern ein Screenshot. Von einer Pornoseite. Auf der ich zu sehen war.

Ich fing am ganzen Körper an zu zittern, mir dröhnten die Ohren. Unterbewusst nahm ich wahr, dass die Alarmanlage wieder piepte, aber ich war nicht fähig, mich zu rühren, sondern starrte wie betäubt auf das Foto.

Es zeigte ohne jeden Zweifel mich. Die farbenfrohe Tages­decke auf dem Bett war ein eindeutiger Beweis. Mitten in meinem Schlafzimmer stand ich mit offenen Haaren und ohne Oberteil, die Hand am Knopf meiner Jeans. Wie ich erkannte, war ich dabei, mich umzuziehen. Das Foto war ein Screenshot aus einem fünfminütigen Video. Es gab also noch mehr davon.

Meine Atemzüge beschleunigten sich und mischten sich mit abgehackten Schluchzern. Es folgte ein weiteres Bildschirmfoto von mir. Meine grünen Augen waren der Kamera direkt zugewandt, während ich mich vollkommen ahnungslos nackt auszog und jeden Teil von mir preisgab. Im Internet.

Das durfte einfach nicht wahr sein.

Mein Handy meldete ununterbrochen weitere E-Mails, SMS und Anrufe. Warnmeldungen wegen Kartenbetrugs und eines niedrigen Kontosaldos. Links zu der Pornoseite. Und noch immer plärrten die Stereoanlage und der Fernseher.

Ich brach in Tränen aus, sie brannten wie Säure auf meinen Wangen. Plötzlich ertönte die Stimme eines Mannes. Ich kannte sie.

»Vergiss nie, wer von uns beiden am längeren Hebel sitzt, Selly.«

Mir gefror das Blut in den Adern, während ich nach irgendetwas suchte, womit ich mich verteidigen könnte. Meine Hand landete auf einer steinernen Bücherstütze in Form einer Blume. Ich griff danach und bewegte mich auf die Stimme zu.

Mit jedem Schritt trommelte mein Herz stürmischer, aber als ich die Küche betrat, war dort niemand.

Dann erklang ein tiefes, raues Lachen, während gleichzeitig das Lämpchen der Kamera an Mooses Leckerli-Spender von Blau zu Rot wechselte, um anzuzeigen, dass sie lief.

»Du wolltest eine Hure sein, Selly. Und ich habe deinen Traum Wirklichkeit werden lassen.«

Brendan.

Blitzschnell riss ich das Kabel aus der Steckdose und schmetterte die Kamera gegen die Wand. Aber ich wusste, dass es zu spät war.

Weil die Aufnahmen aus meinem Schlafzimmer verrieten, dass es weitere Kameras gab. Sie konnten überall sein. Nicht auszuschließen, dass er mich sogar jetzt beobachtete.

Ich musste sofort raus aus dieser Wohnung, aber meine Beine wollten mir nicht gehorchen.

Die Ränder meines Sichtfelds trübten sich ein, meine Finger prickelten. Und dann wurde alles um mich dunkel.

KAPITEL 1

Thea

ZWEI JAHRE SPÄTER

Die ersten Sonnenstrahlen stahlen sich durchs Küchenfenster, als Moose unter mir ein ungeduldiges Jaulen vernehmen ließ, das mehr nach Hund als nach Katze klang.

Ich maß ihn mit einem strengen Blick. »Schon gut, ich beeil mich ja.«

Aber damit gab er sich nicht zufrieden. Er sprang auf die Arbeitsfläche, was angesichts seines stattlichen Gewichts von annähernd zehn Kilo eine beachtliche Leistung war. Dann pirschte er sich an mich heran und schlug mit der Tatze nach meinem Arm.

Ich kniff die Augen zusammen. »Geht’s noch?«

Ungerührt leckte er sich die Vorderpfote und fing an, sein Gesicht zu putzen.

»Glaub ja nicht, dass ich auch nur eine Sekunde auf dein unschuldiges Getue reinfalle.« Ich schnaubte, während ich in seinem Fressnapf Nass- und Trockenfutter mischte.

Das Glöckchen an Mooses Halsband bimmelte wie wild, als er mir anschließend eilig ins Wohnzimmer folgte. Ich stellte die Schüssel auf dem Untersetzer neben dem Kratzbaum in der Ecke ab, woraufhin das gierige, aber entzückende kleine Monster meine Hand wegschlug.

Als ich mich wieder aufrichtete, fiel mein Blick auf das Gehege, das ich für die Pflegekätzchen vorbereitet hatte, die in wenigen Tagen bei mir eintreffen würden. Es war mit einem Katzenklo, Heizdecken und einem Häuschen ausgestattet, in das sie sich zurückziehen konnten. Dieses kuschelige Nest für sie zu erschaffen, wo sie es warm hatten, in Sicherheit und glücklich sein würden, war Balsam für meine Seele gewesen und hatte mir Hoffnung eingeflößt.

Meine Welt war irreparabel zerbrochen, aber zumindest die meiner Schützlinge konnte ich wieder flicken.

Moose hatte seinen Napf schon zur Hälfte leer gefuttert. Dieser Nimmersatt. Die Holzbohlen knarrten unter meinen Füßen, als ich mich umdrehte, den Flur hinunterging und das Bad betrat.

Die alte, in der Hochwüste im Herzen von Oregon gelegene Blockhütte war jahrelang unbewohnt gewesen. Der frühere Eigentümer hatte mit zunehmendem Alter sein Land nach und nach verkauft. Als er schließlich das Zeitliche gesegnet hatte, war diese verbliebene Parzelle samt Gebäude dem Staat zugefallen. Letzteres war in einem derart maroden Zustand gewesen, dass niemand Interesse daran gehabt hatte. Mit Ausnahme von mir.

Ich hatte es zu einem Schnäppchenpreis erworben und dafür gern in Kauf genommen, dass das Fassungsvermögen des Heißwasserboilers nur für maximal vier Minuten ausreichend war und der Fußboden im Wohnzimmer auf der rechten Seite leicht abfiel. Zu den großen Pluspunkten gehörte, dass das umliegende Land entweder aus sich in staatlicher Hand befindlicher, unberührter Natur bestand oder aus Wiesen für die Beweidung. Meine einzigen Besucher waren Kühe und Pferde, und genau so gefiel es mir.

Das kleine Blockhaus war von einem Wald umgeben, aber man hatte einige der hohen Kiefern gefällt, sodass es ausreichend Sonnenlicht gab, um einen Garten und Gemüse im Gewächshaus gedeihen zu lassen. Gleichzeitig boten mir die übrigen Bäume ein gewisses Gefühl von Sicherheit.

Es war das perfekte Zuhause für mich, und dass es mir gehörte, verdankte ich ausschließlich Nikki. Sie hatte mir dabei geholfen, einen Treuhandfonds einzurichten, um das Grundstück zu kaufen. Jeden Monat schickte ich ihr Bargeld, versteckt im Boden einer Dose voll Gebäck, damit sie an meiner Stelle die niedrige Hypothekenrate bezahlte. Auch ansonsten hinterließ ich nirgendwo Spuren, die Brendan theoretisch zu mir zurückverfolgen konnte.

Ich war wie vom Erdboden verschluckt.

Weder besaß ich eine E-Mail-Adresse, einen Festnetzanschluss, ein Handy, einen Computer noch sonst irgendein technisches Gerät. Außerdem hatte ich sämtliche Accounts und digitalen Fußabdrücke gelöscht, die meiner Kontrolle unterstanden.

Leider hatte ich auf einige keinen Zugriff. Noch immer kursierten online Fotos und Videos, die mich in einer extrem verletzlichen Situation zeigten. Und ich konnte nichts dagegen tun.

Bei dem Gedanken wurde mir die Kehle eng. Ich hatte es versucht. Aber selbst wenn ich Tausende Dollar für Anwälte übrig gehabt hätte, wäre es mir trotzdem nicht gelungen, sämtliche Aufnahmen zu eliminieren. Weil in den dunklen Regionen des Internets irgendwelche verkommenen Subjekte nur dafür lebten, solches Material unter die Leute zu bringen.

Also hatte ich Selena sterben lassen. Sie hatte sich vollständig in Luft aufgelöst, war verschwunden wie ein in den Sand geschriebener Name, der von der Flut davongespült wird. Thea nahm jetzt ihren Platz ein. Meine blonden Haare waren heute dunkelbraun, und meine Augen hatten dank der Kontaktlinsen, die ich trug, die Farbe von Schlamm. Niemand würde mich jemals mit den schrecklichen Nacktaufnahmen im Internet oder den wenigen Schnappschüssen in Verbindung bringen, die die Paparazzi von Brendan und mir ergattern konnten, während wir ein Paar gewesen waren.

Vor dem Spiegel strich ich mit einer Bürste durch meine Locken und überprüfte die Ansätze. Am Wochenende war eine Auffrischung fällig. Gut, dass ich in meinem Wäscheschrank im Flur einen schier unerschöpflichen Vorrat an Haarfarbe bunkerte. Ich wusch mir das Gesicht, dann trug ich eine Creme mit hohem Lichtschutzfaktor auf. Nach meiner Schicht in der Bäckerei wartete mein Job in der Gärtnerei auf mich, und wenn ich nicht aufpasste, würde ich mir in null Komma nichts einen Sonnenbrand holen.

Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr, dann zog ich schnell ein Paar Jeans und ein T-Shirt an, vergewisserte mich, dass in keinem der Kleidungsstücke ein neues Loch war, das ich übersehen hatte, und schlüpfte in meine Stiefel. Anschließend kehrte ich ins Wohnzimmer zurück. »Wirst du dich heute benehmen?«

Moose, der auf seinem Kratzbaum thronte, miaute zur Antwort.

»Dumme Frage. Du stellst immer irgendwelchen Unsinn an.« Rasch überprüfte ich die Schlösser an sämtlichen Fenstern, bevor ich meinen Kater zum Abschied kurz kraulte.

Als ich mich zum Gehen wandte, gab er ein verdrossenes Maunzen von sich, um mir mitzuteilen, dass ich bleiben solle. Aber es würde ihm an nichts fehlen. Und der spannende Ausblick auf den Garten und den Wald dahinter würde ihm die Zeit vertreiben.

Eines Tages würde ich ein großes Panoramafenster mit Aussicht auf die goldfarbenen Felsformationen des Castle Rock oder die violett schimmernden Monarch Mountains mit ihren schneebedeckten Gipfeln im Osten einbauen lassen. Vielleicht wäre ja sogar beides drin.

Die atemberaubende Landschaft war der Grund gewesen, warum ich nach meiner überstürzten Flucht aus L. A. in Oregon gestoppt hatte. In Anbetracht ihrer unendlichen, Ehrfurcht gebietenden Weite waren mir meine Probleme auf einmal ganz klein vorgekommen. Und in dem darin eingebetteten Städtchen Sparrow Falls hatte ich zum ersten Mal, seit ich Brendan Boseman begegnet war, das Gefühl gehabt, in Sicherheit zu sein.

Seufzend trat ich ins Freie. Obwohl schon Mitte Juni war, war es in den Bergen morgens immer noch kühl. Trotzdem flogen die Kolibris bereits putzmunter umher. Lächelnd beobachtete ich, wie zwei der Vögel geschickt die Futterhäuschen ansteuerten, die ich überall im Garten verteilt hatte. Irgendwie rührten mich diese winzigen, flinken Geschöpfe, die sogar auf der Stelle fliegen konnten. Denn so zart sie auch waren, verfügten sie über eine Kämpfernatur und entwischten ihren Feinden ohne jede Mühe.

Ich riss meinen Blick von ihnen los, zog mir mein Sweatshirt über und verriegelte die Haustür. Manch einer würde das Bolzenschloss vielleicht als ungewöhnliche oder sogar übertriebene Vorsichtsmaßnahme für ein Wohnhaus ansehen, doch wenn man so schlimme Erfahrungen wie ich gemacht hatte, tat man alles, um Eindringlinge fernzuhalten. Könnte ich es mir leisten, würde ich ein ganzes Dutzend davon anbringen, aber ich hatte Monate gebraucht, um die sechzehnhundert Dollar für dieses eine zusammenzusparen.

Mir war klar, dass es sich dabei um einen Bewältigungsmechanismus handelte. Ich wollte zumindest bis zu einem gewissen Grad die Kontrolle über mein Leben wiedererlangen, nachdem sie mir gewaltsam entrissen worden war. Jedenfalls half es mir, das Geräusch zu hören, wenn der Schließzylinder einrastete, oder den Schlüssel in meiner Tasche zu spüren. Ich trug ihn immer bei mir, damit niemand ihn entwenden und eine Kopie anfertigen lassen konnte.

Außerdem hatte ich jedes einzelne Fenster mit einem Alarm versehen. Keine elektronische Anlage, sondern einfach nur Geräte, die einen Riesenradau machten, falls jemand sich Zugang zu verschaffen versuchte. In der Bücherei hatte ich einen Ratgeber aufgestöbert und einige der Tipps darin umgesetzt, indem ich Bewegungsmelder-Leuchten und Fensterfolien anbrachte, durch die ich zwar nach draußen, aber niemand ins Haus sehen konnte, und meinen Garten so gestaltete, dass es mir sofort auffallen würde, falls jemand sich dort herumgetrieben hätte.

Obwohl ich seit fast zwei Jahren nichts von Brendan gesehen oder gehört hatte, war mir diese Routine in Fleisch und Blut übergegangen. Sie beruhigte mich und vermittelte mir ein noch stärkeres Gefühl von Sicherheit als die Schlösser und Sensoren per se. Es war vergleichbar damit, als würde ich beständig auf Holz klopfen.

Ich lebte jetzt schon eine geraume Weile in Sparrow Falls, und mit jedem Tag wuchs meine trügerische Zuversicht, dass Brendan mich nicht aufspüren würde, er mich vergessen und sich anderweitig orientiert hatte.

Nachdem ich meine Schlüssel in meiner vorderen Hosentasche verstaut hatte, setzte ich meinen Helm auf. Ich liebte die Monate, in denen ich mit dem Fahrrad in die Stadt fahren konnte. Zwar brauchte ich dafür mindestens eine halbe Stunde, dafür sparte ich Benzin, und die sportliche Betätigung hatte nicht zuletzt wegen der spektakulären Kulisse eine meditative Wirkung auf mich.

Der heutige Tag bildete da keine Ausnahme. Ich trat in die Pedale und rollte die Schotterpiste hinunter, die mich zu der zweispurigen, nach Sparrow Falls führenden Schnellstraße bringen würde. Meine Wangen brannten vom Fahrtwind, aber es war ein gutes Gefühl, weil es mich daran erinnerte, dass ich am Leben war. Und das würde ich niemals als selbstverständlich betrachten.

Ich ließ den Wald hinter mir und erreichte Weideland. Eine Kuh begrüßte mich mit einem tiefen Muhen. »Guten Morgen, Bessie!«, rief ich. Ich hatte keine Ahnung, ob es dasselbe Tier wie gestern war. Für mich sahen sie alle gleich aus. Trotzdem fand ich sie einfach nur entzückend.

Als ich in östlicher Richtung auf die Schnellstraße einscherte, erhaschte ich einen ersten Blick auf die Berge, hinter deren Gipfeln gerade die Sonne zum Vorschein kam. Ihre frühmorgendlichen Strahlen verwandelten die Wälder und Felder in ein prächtiges Farbspektakel, wie ich es in L. A. niemals zu sehen bekommen hätte. Auch das war ein Geschenk. Nie hätte ich mir vorstellen können, einmal diesen Lebensweg einzuschlagen, trotzdem war ich dankbar dafür.

Mein Fahrrad geriet auf den Rüttelstreifen, und ich brachte es fluchend wieder ins Gleichgewicht. Ich sollte aufpassen, dass ich wegen meiner Tagträumereien nicht am Ende noch in der Notaufnahme landete.

Während der restlichen Fahrt achtete ich aufmerksamer auf die Straße und erreichte wenig später den Ortsrand. Sparrow Falls war die Art pittoresker Kleinstadt, die man vielleicht aus Filmen kannte, jedoch nicht für real existent hielt. Viele der Backsteinhäuser, die die Hauptstraße säumten, stammten aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Sie waren alle liebevoll restauriert worden, und jedes neue Bauvorhaben wurde akribisch überprüft, um sicherzustellen, dass das Ortsbild bewahrt blieb.

Wie stolz die Einheimischen darauf waren, belegten die sorgfältig gepflegten Blumenbeete an allen Ecken und Enden der Cascade Avenue oder die Tatsache, dass so gut wie nirgendwo der geringste Müll herumlag. Gleichzeitig war das gesellschaftliche Miteinander in dieser Stadt von einer Herzlichkeit geprägt, die mich anfangs furchtbar nervös gemacht hatte.

In L. A. kümmerten sich die Menschen vorwiegend um ihre eigenen Angelegenheiten. Aber hier lief das anders. Die Leute grüßten jeden, dem sie begegneten, sie boten ihre Hilfe an, wenn jemand sich mit schweren Einkäufen abplagte, und hielten einem die Tür auf.

Solche freundlichen Gesten machten es mir schwer, anonym zu bleiben. Auf der Hut zu sein, ohne dabei unhöflich zu wirken, war ein komplizierter Drahtseilakt, der mir nur selten gelang. Umso mehr hoffte ich, dass ich irgendwann wirklich in diesem neuen Leben ankommen würde.

Ich hielt vor einer breiten, gläsernen Ladenfront, über der ein blaugrünes Schild mit der Aufschrift The Mix Up befestigt war. Die perfekte Unregelmäßigkeit der Buchstaben spiegelte die leicht chaotische Persönlichkeit der Bäckereiinhaberin wider. Suttons wilde Energie wurde nur von ihrer Liebenswürdigkeit getoppt, und die Kombination war einfach unbeschreiblich anziehend.

Ich kettete mein Fahrrad an einen Laternenmast, ging zum Eingang und gab den Zugangscode in das elektronische Schloss ein. Ein Surren ertönte, gefolgt von einem Plopp. Wohlige Wärme schlug mir entgegen, als ich, begleitet vom Klingeln der Türglocke, eintrat. Leise Countrymusik driftete aus den Lautsprechern.

»Guten Morgen!«, rief ich.

Eine Sekunde später tauchte Sutton im Durchgang auf. Ihre Wangen und ihr blondes Haar, das sie hoch auf dem Kopf zu einem Dutt gezwirbelt und mit etwas fixiert hatte, das wie ein Buttermesser aussah, waren mit Mehl bestäubt, und sie hatte dunkle Ringe unter den Augen.

Es war mir unbegreiflich, wie sie es schaffte, jeden Morgen zwischen drei und vier aufzustehen und sich ans tägliche Backen zu machen. Zudem führte sie ein Geschäft und zog einen siebenjährigen Jungen groß. Sie musste eine echte Superwoman sein.

»Guten Morgen, Thea. Na, wie wird das Wetter heute?«

»Traumhaft schön.«

»Dann wollen wir mal hoffen, dass uns die Touristen die Bude einrennen«, meinte sie grinsend. »Die Scones, Muffins, Croissants und Brote sind schon in der Auslage. Die süßen und herzhaften Plunderstücke müssen erst noch abkühlen. Und die Cupcakes sind gerade in Arbeit.«

Ich runzelte die Stirn. »Wie viele Tassen Kaffee hattest du heute schon?«

Suttons Lippen zuckten. »Bloß ein paar.«

»Mommy?«, rief eine schläfrige Stimme, während gleichzeitig Schritte auf der Treppe zu hören waren, die zu dem kleinen, über der Bäckerei gelegenen Apartment führte.

»Ich bin hier, Schatz«, antwortete Sutton und ging ihrem Sohn entgegen.

Luca trug noch seinen mit bunten Eishockeyschlägern und Pucks gemusterten Pyjama, als er Sekunden später auftauchte. Seine Haare waren mehrere Nuancen dunkler als die seiner Mutter, aber er besaß die gleichen leuchtend türkisblauen Augen wie sie.

Sobald er nahe genug war, sprang er in Suttons Arme, und sie fing ihn mit einem Ächzen auf. Er barg das Gesicht an ihrem Hals, woraufhin sie mit der Hand über seinen Rücken strich. »Hast du gut geschlafen?«

»Mm-hmm«, murmelte er.

Sutton schaukelte ihn nach typischer Mutterart beruhigend in ihren Armen. »Er braucht immer eine Ewigkeit, um richtig wach zu werden.«

»Geht mir genauso«, sagte ich belustigt, dann trat ich zu den beiden und kitzelte den kleinen Jungen an der Seite. »Guten Morgen, Luca.«

»Hallo, Thea.«

»Ich werde ihn jetzt für die Schule fertig machen«, verkündete Sutton. »Könntest du hier für mich übernehmen?«

Ich nickte. »Als Erstes werde ich Kaffee aufsetzen und mich anschließend den Cupcakes widmen.«

»Du bist ein Engel. Ich war gerade mit den Krümelmonstern zugange.«

»Will auch einen«, brummelte Luca an der Schulter seiner Mutter.

»Falls ich rechtzeitig einen fertig bekomme, packe ich ihn dir in deine Lunchbox«, versprach ich lachend.

Luca hob den Kopf und grinste mich verschlafen an. »Du bist die Beste.«

Mein Herz zog sich vor Rührung zusammen. Der Kleine war einfach zu niedlich.

Sutton schenkte mir ein dankbares Lächeln, bevor sie ihren Sohn die Treppe hinauftrug. Eigentlich war er inzwischen zu schwer dafür, trotzdem überraschte es mich nicht. Sie war einer der taffsten Menschen, die ich kannte.

Ich durchquerte den Raum, dem Sutton im letzten Jahr auf phänomenale Weise neues Leben eingehaucht hatte. Die zwischen den dunklen Deckenbalken angebrachten nostalgischen Kronleuchter im Shabby-Chic-Stil spendeten ein warmes Licht, und die blaugrünen Sitzgruppen bildeten einen knalligen Kontrast zu den blütenweißen Wänden.

Aber die Hauptattraktion waren Suttons Backkreationen. Das Angebot umfasste eine breite Vielfalt, wobei sie sich insbesondere auf Cupcakes spezialisiert hatte. Jeder war ein Kunstwerk für sich. Die Motive reichten von Schmetterlingen über Regenbogen bis hin zu Prinzessinnen. Und für jeden Feiertag ließ sie sich etwas thematisch Passendes einfallen. Sogar für den Tag des Baumes.

Ich machte mich daran, koffeinfreien und normalen Kaffee aufzubrühen, dabei summte ich die Melodie des Countrysongs mit, der gerade lief. Früher hatte ich mit dieser Musikrichtung nie viel am Hut gehabt, aber seit ich hier arbeitete, wurde ich dank Sutton regelrecht damit überschwemmt.

In L. A. war Country nicht sonderlich angesagt, genauso wenig wie im Valley, wo ich aufgewachsen war. Aber im Lauf der letzten Monate hatte ich ein echtes Faible entwickelt für die unverwechselbaren Gitarrenklänge und die Geschichten, die die Lieder erzählten. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Noch eine Viertelstunde bis zur Öffnung.

Ich ging in die Küche, zog mir eine Schürze über und wusch mir die Hände, als ein neuer Song anfing.

Lächelnd griff ich nach der Schüssel mit dem Zuckerguss und rührte blaue Lebensmittelfarbe darunter. Ohne die Töne wirklich zu treffen, sang ich zu dem Lied mit, das von einer Frau handelte, die endlich jemand Neues küsste und keinen Gedanken mehr an ihren Verflossenen verschwendete. Gott, ich sehnte mich so sehr nach dieser Art von Freiheit. So gern würde ich wieder dieses Kribbeln auf meinen Lippen spüren, dieses vorfreudige Flattern in meinem Bauch bei der Aussicht darauf, dass mehr aus dem Kuss entstehen könnte.

»Das klingt ja wie das Jaulen misshandelter Katzen«, kommentierte eine tiefe, raue Stimme amüsiert.

Erschrocken wirbelte ich mit der Schüssel in meinen Händen derart abrupt auf dem Absatz herum, dass ihr Inhalt in hohem Bogen über den Rand schwappte und sich auf die Brust des Mannes vor mir ergoss. Obwohl ich eine relativ große Frau war, überragte er mich mit seinen mindestens ein Meter neunzig ein gutes Stück, und sein breiter, muskulöser, von einem weißen T-Shirt verhüllter Oberkörper war jetzt über und über mit knallblauer Glasur besudelt.

Mein Mund klappte auf, und ich holte scharf Luft, als mein Blick auf einem mir inzwischen wohlvertrauten Gesicht landete. Shep Colsons bernsteinfarbene Augen funkelten belustigt, gleichzeitig schienen sie tiefer in mich hineinzusehen, als mir lieb war.

Mir wurde flau im Magen, mein Puls schnellte in die Höhe, während in meinem Kopf in Großbuchstaben das Wort GEFAHR aufblinkte.

»Ach du Scheiße«, entfuhr es mir.

KAPITEL 2

Shep

Gott, sie war wunderschön. Thea stand mitten in der Küche und sang so schief, und das aus voller Kehle, dass es mir in den Ohren wehtat, gleichzeitig wirkte sie dabei überraschend unbeschwert. Am liebsten wäre ich noch länger in der Tür stehen geblieben, um ihren Anblick in mich aufzusaugen.

Ich konnte mich nicht erinnern, sie je so locker und sorglos erlebt zu haben. Normalerweise war sie der Typ Mensch, der sich hinter einem dreifach verstärkten, mit Dutzenden Schlössern und Stacheldraht gesicherten Schutzwall verschanzte. Aber ich hatte bei meinen Besuchen in der Bäckerei in den vergangenen Monaten immer mal wieder Blicke auf die echte Thea erhaschen können.

Sie verrieten mir einiges über die Frau hinter dem Bollwerk und übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus.

Aber jetzt konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen, als ich sah, wie sie mit offenem Mund auf die knallblaue Glasur starrte, die an meinem T-Shirt hinunterrann. Als sie ihre Sprache dann endlich wiederfand, stieß sie eine leise Verwünschung aus.

Ich musste nur noch heftiger lachen und erntete einen missmutigen Blick.

»Das ist nicht witzig«, fauchte sie.

»Ein bisschen schon, geben Sie’s zu, Rosendorn.«

Thea spannte sich an wie eine Stahlfeder. »Rosendorn?«

Ich hob die Brauen und schnappte mir ein Geschirrtuch von der Arbeitsfläche, um die Bescherung wegzuwischen. Das T-Shirt war hinüber. Aber das war ein geringer Preis dafür, Thea verärgert zu erleben. Ihre dunkelbraunen Augen loderten, und ich stellte mir unwillkürlich vor, dieselbe Hitze darin in einem anderen Szenario zu sehen.

»Ich finde, der Name passt gut zu Ihrer stacheligen Persönlichkeit.«

Thea taxierte mich mit einem ungläubigen Blick. »Sie sind in die Bäckerei eingedrungen und haben mir einen Riesenschrecken eingejagt. Und jetzt unterstellen Sie mir eine stachelige Persönlichkeit?«

Ich grinste sie wortlos an. Sie war auf hundertachtzig, und das gefiel mir wesentlich besser, als wenn sie mir die kalte Schulter zeigte. »Die Tür war offen.«

Das brachte sie zum Verstummen.

»Ich dachte, ihr hättet heute früher aufgemacht als sonst. Niemand hat reagiert, als ich versucht habe, mich bemerkbar zu machen, und dann hörte ich diesen schrägen Gesang aus Richtung Küche. Dem musste ich einfach nachgehen.«

Theas Wangen wurden flammend rot, als sie die Schüssel mit der Zuckerglasur auf die Arbeitsfläche stellte. »Ich dachte, ich wäre allein.«

»Ich weiß.« Genau deshalb betrachtete ich diesen Moment, in dem Thea ganz sie selbst gewesen war, als ein Geschenk.

Sie ging zu einem Regal neben der Tür, wobei sie einen großen Bogen um mich machte. »Ich gebe Ihnen ein T-Shirt, das Sie statt dem da anziehen können.«

»Das müssen Sie nicht –«

»Doch«, schnitt sie mir das Wort ab und bückte sich, um einen Stapel T-Shirts zu inspizieren.

Ich würde in die Hölle kommen, weil ich den Blick nicht von Theas knackigem, in hautenge Jeans verpacktem Hintern abwenden konnte.

Sie zog eines der mit unterschiedlichen Logos der Bäckerei bedruckten Exemplare heraus und richtete sich wieder auf. »Hier.«

Die Größe schien zu passen, aber es war lavendelfarben, auf der Vorderseite prangte ein pinkfarbenes Törtchen und darunter in verschnörkelter Schrift Cupcake Cutie.

Ihre Lippen zuckten, als sie es mir reichte. »Ist das okay?«

Ich schaute sie unverwandt an, wusste, dass sie mich herausforderte. Also zog ich mir mein Oberteil über den Kopf und warf es in den Mülleimer hinter dem Tresen. »Echte Männer tragen Lila.«

Theas Blick huschte von meinem Gesicht zu meiner nackten Brust, und mir entging nicht, wie ihre Pupillen sich weiteten, während sie gleichzeitig hörbar schluckte.

Ich nahm ihr das T-Shirt aus der Hand. »Gefällt Ihnen, was Sie sehen?«

Hastig stellte sie wieder Augenkontakt her. »Ich wundere mich bloß darüber, dass der Musterknabe dieser Stadt mitten in einem Geschäft einen Striptease hinlegt.«

Ich zuckte mit den Schultern und streifte mir das lavendel­farbene Shirt über. »Hab kein Problem mit Nacktheit. Sie etwa?«

Kaum, dass die Worte heraus waren, sah ich, wie Thea erstarrte und ein wenig blass wurde unter der olivfarbenen Haut.

Scheiße. »Entschuldigung«, sagte ich schnell. »Ich bin ein Arsch. Es sollte bloß ein Witz –«

Sie winkte ab. »Schon okay. Sagen Sie mir einfach, was Sie frühstücken möchten, und ich kümmere mich darum. Ihre Bestellung geht aufs Haus.«

Offensichtlich war nichts okay, und das behagte mir ganz und gar nicht. Ich hatte mich in die Nesseln gesetzt, und das auf eine Weise, für die ich mich hätte ohrfeigen können. »Das ist nicht nötig«, lehnte ich sanft ab.

»Lassen Sie das meine Entscheidung sein.« Thea schob sich an mir vorbei und achtete auch dieses Mal wieder darauf, größtmöglichen Abstand zu mir zu halten. »Einen schwarzen Kaffee, nehme ich an?«

»Ja«, murmelte ich.

»Auch etwas zu essen?«

Ich trat vor die Auslage, wo von Anfang an mein Platz gewesen wäre, und begutachtete das Angebot. Mir drehte sich der Magen um bei der Vorstellung, so früh am Morgen ein süßes Gebäckstück zu vertilgen, aber zum Glück gab es Alternativen. »Bitte ein Schinken-Käse-Croissant.«

Ihr dunkles Haar streifte ihre Wange, als Thea nickte. Sie sagte kein weiteres Wort, und ich drängte sie nicht. Ich fühlte mich so schon schlecht genug.

Sie drückte einen Deckel auf den Kaffeebecher, als im selben Moment Sutton mit Luca an der Hand aus dem hinteren Bereich der Bäckerei kam. »Guten Morgen, Shep«, begrüßte sie mich lächelnd und wischte sich etwas Mehl von ihrem Shirt.

»Guten Morgen«, erwiderte ich, bevor ich mich dem Jungen zuwandte. »Hi, Kumpel.«

Sein Grinsen enthüllte, dass ihm aktuell ein Schneidezahn fehlte. »Mr Shep! Darf ich dir wieder auf der Baustelle helfen?«

Ich schmunzelte. »Jederzeit. Wir können immer einen weiteren guten Mann gebrauchen.«

Luca schwoll vor Stolz die Brust. »Kannst du mich hinfahren, Mom? Kannst du?«

Sutton schüttelte den Kopf. »Du musst zur Schule.«

»Aber danach? Biiittte?«, bettelte er.

»Vielleicht lieber an einem anderen Tag? Du wolltest doch heute Schlittschuh laufen gehen.«

Die Qual der Wahl zu haben, überforderte den Jungen sichtlich.

»Es gibt keinen Grund zur Eile. Die Baustelle rennt dir nicht weg«, beruhigte ich ihn.

Luca seufzte erleichtert auf, so als würde ein schweres Gewicht von ihm abfallen. »Dann gehe ich heute Schlittschuh laufen, und morgen helfe ich Mr Shep.«

»Gute Entscheidung, Partner.« Ich streckte ihm die Hand hin, und er klatschte ab.

Sutton bedachte mich mit einem erschöpften Lächeln. »Danke.«

»Keine Ursache.«

Sie eilte zur Tür, als ich neben mir eine Bewegung wahrnahm und sich bei mir gleich darauf eine andere Art von Schuldgefühlen einstellte. Trotzdem zwang ich mich, eine heitere Miene aufzusetzen. »Hallo, Mara. Na, wie geht’s?«

Ihr strahlendes Lächeln verstärkte meine Gewissensbisse nur. »Ziemlich gut. Und selbst?«

»Alles bestens.« Ich richtete den Blick auf Thea und holte mein Portemonnaie heraus.

Sie schaute hastig zur Seite. »Wie bereits gesagt, geht Ihre Bestellung aufs Haus. Wegen des …« Sie vollführte eine ulkige Handbewegung, und ich unterdrückte ein Schmunzeln. »Zuckergussdebakels.«

Mara schaute zwischen Thea und mir hin und her. »Zuckergussdebakel?«

»Nur ein kleines frühmorgendliches Missgeschick«, erklärte ich und steckte zwei Zwanzigdollarscheine in die Trinkgelddose.

»Das ist absolut übertrieben, Shep«, wies Thea mich leise zurecht.

Ich legte den Kopf schräg und sah ihr in die Augen. »Es ist Ihre Entscheidung, ob Sie mir etwas berechnen, und meine, wie viel Trinkgeld ich gebe. Meine Entgleisung vorhin tut mir aufrichtig leid.«

Sie presste ihre vollen rosa Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, bevor sie sie wieder entspannte. »Alles gut.«

Aber das war es nicht. Theas Verhalten verriet mir, dass sie ein gebranntes Kind war. Bei diesem Gedanken regte sich unbändiger Zorn in mir.

Was komisch war, denn ich kannte die Frau kaum. Seit die Bäckerei vor ein paar Monaten eröffnet hatte, kam ich regelmäßig vorbei und war jedes Mal wieder fasziniert von Theas atemberaubender Schönheit. Aber sie hatte mir nie etwas über sich erzählt, sodass ich mir nicht wirklich ein Bild von ihr hätte machen können.

Die einzigen Erkenntnisse lieferten mir spärliche Momentaufnahmen, in denen sie in ihrer Wachsamkeit nachließ. Meistens passierte das, wenn sie Luca neckte oder mit Sutton lachte.

Von meiner Schwester Rhodes, die zusammen mit Thea in der örtlichen Gärtnerei arbeitete, hatte ich auch nicht viel erfahren, außer, dass sie glaubte, Thea sei vor irgendetwas auf der Flucht. Aber wovor?

»Shep«, lenkte Mara meine Aufmerksamkeit weg von Thea und zurück auf sich.

Ein Anflug von Ärger flackerte in mir auf, und ich fühlte mich noch schuldiger. Ich war wirklich ein Arsch.

»Warum bleibst du nicht und wir frühstücken zusammen?«, schlug Mara mit einem zaghaften Lächeln vor. »Meine Schicht im Baumarkt fängt erst in einer Stunde an.«

Mist. Das mit uns beiden war schon seit Monaten vorbei. Wir hatten ungefähr sechs Wochen gedatet, bevor mir klar geworden war, dass wir nicht zusammenpassten. Sie war ein wunderbarer Mensch, und das hatte es mir nur noch schwerer gemacht, einen Schlussstrich zu ziehen. Einer Frau mitzuteilen, dass man lieber mit ihr befreundet sein wolle, als eine Beziehung zu führen, kam nie gut an.

Und jetzt schien sie zu glauben, mich vom Gegenteil überzeugen zu können. Sie setzte mich zwar nie wirklich unter Druck, trotzdem blieb sie hartnäckiger, als mir lieb war. Alle paar Wochen ließ sie sich etwas einfallen, um mich zu einem Treffen zu überreden. Langsam gingen mir die höflichen Ausreden aus.

Ich räusperte mich. »Bin mit Anson auf einer neuen Baustelle verabredet.«

Sie machte ein langes Gesicht, und ich bekam ein noch schlechteres Gewissen. »Okay. Dann vielleicht ein andermal.«

Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, während ich ihre Bemerkung ignorierte. »Hab einen schönen Tag.«

Auf dem Weg zur Tür warf ich Thea einen Blick über die Schulter zu. »Halten Sie sich eine Weile von blauer Glasur fern, Rosendorn.«

Thea sah mich finster an, und wieder sprühte Feuer aus ihren dunklen Augen. Und das war tausendmal besser als die unterschwellige Furcht, die ich zuvor in ihnen registriert hatte.

Ich verspürte den Drang, herauszufinden, worauf sie gründete, und ihre Ursache zu eliminieren. Aber das wäre vergeudete Energie. Weil ich Thea vermutlich ebenfalls enttäuschen würde.

KAPITEL 3

Thea

In der Bäckerei herrschte wegen der Frühstückskundschaft Hochbetrieb. Normalerweise liebte ich den Andrang am Morgen und zur Mittagszeit, weil ich mich dann im Aufnehmen und Servieren von Bestellungen verlieren konnte und nicht die Muße hatte, mich gedanklich mit irgendwas anderem zu beschäftigen als meiner nächsten Aufgabe.

Aber heute musste ich unaufhörlich an Shepard Colson denken. An das verschmitzte Funkeln in seinen Augen, als er mich aufzog. Daran, wie die rostroten Reflexe in seinen dunkelbraunen Haaren im frühen Sonnenlicht geleuchtet hatten. An das ansehnliche Sixpack, das unter seinem besudelten T-Shirt zum Vorschein gekommen war.

»Erde an Thea«, holte Suttons amüsiert klingende Stimme mich in die Gegenwart zurück.

Ich zuckte zusammen. »Entschuldige, was hast du gesagt?«

Sie kniff die Lippen zusammen, um ein Lächeln zu unterdrücken. »Walter hat eine Bestellung fertig.«

Unser Koch, ein Mann Mitte siebzig, winkte mir mit einem Augenzwinkern zu.

»Sorry«, murmelte ich.

»Du scheinst von irgendetwas abgelenkt zu sein«, flötete Sutton. »Oder sollte ich sagen, von irgendjemandem?«

Ich konnte nicht verhindern, dass meine Muskeln leicht verkrampften, als wären die Fasern plötzlich aus Stahlwolle. »Hab letzte Nacht nur nicht genügend geschlafen«, behauptete ich und schnappte mir die beiden Teller, die Walter bereitgestellt hatte. Ich schob mich an Sutton vorbei und ging zu einem Tisch, an dem ein Pärchen von auswärts saß. »Hier, bitte sehr. Haben Sie sonst noch einen Wunsch?«

Die Frau strahlte mich an. »Ich denke nicht. Das sieht wirklich köstlich aus.«

Mit eher mäßigem Erfolg versuchte ich, ihr Lächeln zu erwidern. »Geben Sie mir einfach ein Zeichen, falls Sie es sich anders überlegen.«

Als ich wieder hinter die Theke trat, drehte Sutton, die gerade bei einer Kundin kassiert hatte, sich zu mir um. »Er mag dich.«

Meine innere Anspannung stieg. »Wer?«, fragte ich, die Ahnungslose markierend, und wandte mich der Auslage zu.

»Ach, Thea.« Sutton lehnte sich gegen den mit erledigten Bestellungen übersäten Tresen an der Wand.

»Hmmm?« Ich rückte die Gebäckstücke zurecht, bis sie der Inspektion durch einen Feldwebel standgehalten hätten.

Sutton antwortete nicht. Es war die klassische Mutter-Masche. Durch ihr Schweigen übte sie subtil Druck auf mich aus, bis ich nicht mehr anders konnte, als mich aufzurichten und sie anzuschauen. Aber das Einzige, was ihre Miene ausdrückte, war Verständnis gepaart mit leiser Sorge.

Das war schlimmer als alles andere. Ich wollte nicht, dass Sutton zu tief in mein Innerstes blickte. Sie hatte schon jetzt ein umfassenderes Bild von mir gewonnen, als ich ihr hätte zugestehen sollen. So was passierte, wenn man Menschen zu nah an sich heranließ. Sie und Rhodes hatten beide die Risse in meiner Fassade gesehen.

»Shep ist ein anständiger Kerl«, erklärte sie sanft. »Wusstest du, dass er mir zum Nulltarif einige der Umbaumaßnahmen hier abgenommen hat, als er merkte, wie sehr es mich überforderte, die Renovierung auf eigene Faust durchzuziehen?«

Mein Magen schlingerte. Nein, das hatte ich nicht gewusst, gleichzeitig überraschte es mich nicht. Rhodes hatte mir mehr als nur eine Geschichte über Sheps grenzenlose Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen, die ihm am Herzen lagen, erzählt. Aber ich wollte das alles nicht hören. Weil ich mich auch so schon insgeheim zu ihm hingezogen fühlte. Und das war brandgefährlich. Darum gab es nur eine Konsequenz: Ich musste mich von ihm fernhalten.

»Ich bin nicht interessiert«, informierte ich Sutton. »Weder an Shep noch an irgendeinem anderen Mann.«

Sie seufzte. »Das verstehe ich. Ganz ehrlich. Ich weiß, wie es ist, sich die Finger zu verbrennen. Man würde danach am liebsten nicht mal mehr in die Nähe einer Herdplatte kommen.«

Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. »Ich bin einfach nicht auf der Suche. Aber es geht mir wirklich gut, Sutton.« Was der Wahrheit entsprach. Brendan hatte mir so viel genommen, dass ich alles, was mein neues Leben ausmachte, umso mehr schätzte. Moose, mein Haus, meinen Garten, sogar die zarten Bande der Freundschaft, die ich mit Sutton und Rhodes geknüpft hatte. Mehr brauchte ich nicht.

Sutton presste die Lippen aufeinander, als versuchte sie, krampfhaft zurückzuhalten, was ihr auf der Zunge lag. Bis sie sich dann doch nicht mehr zusammenreißen konnte. »Ich will nur nicht, dass du dir aus Furcht etwas Wundervolles entgehen lässt. Männer wie Shep haben Seltenheitswert.«

Ich musterte sie aufmerksam, dabei regte sich eine Empfindung in mir, die sich verdächtig wie Eifersucht anfühlte. »Magst du ihn?«

Suttons Augen blitzten entrüstet. »Nein! Jedenfalls nicht so, wie du denkst. Er ist ein Freund, mehr nicht. Aber mir ist aufgefallen, wie er dich beobachtet.«

Ich versteifte mich, und sie bemerkte es.

»Nicht auf eine unheimliche Art. Sondern so, als würde er alles dafür geben, von dir beachtet zu werden.«

Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange. Mir war klar, dass ich Sutton irgendeine Erklärung zu liefern hatte, sonst würde sie das Thema nie fallen lassen. Und das musste sie unbedingt. »Ich kann einfach nicht«, sagte ich und sah ihr fest ins Gesicht. »Für mich ist das keine Option.«

Der Mann könnte der beste Mensch der Welt sein, trotzdem würde mir meine Psyche einen Strich durch die Rechnung machen. Ich müsste mich ständig fragen, wann die dunkle Seite hinter der freundlichen Fassade zum Vorschein käme und auf welche Weise er mich am Ende vernichten würde.

Das wäre zum einen unfair, zum anderen wollte ich das nicht noch einmal durchmachen.

Sutton guckte ein wenig betrübt, trotzdem nahm sie meine Hand und drückte sie sacht. »Ich bin immer für dich da. Egal, worum es geht.«

Ich nickte ihr zu. »Danke.«

»Könntest du die Theke übernehmen? Mein Kuchen sollte inzwischen so weit abgekühlt sein, dass ich ihn mit Zuckerguss überziehen kann.«

»Klar.« Ich war so erleichtert über ihren Rückzug, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam. Aber ich brauchte einen Moment für mich, um meinen Schutzpanzer zu verstärken, der bedenklich fragil geworden war.

Nachdem Sutton in der Küche verschwunden war, hörte ich, wie sie und Walter eine alte Ballade von Tim McGraw mitsangen. Ich fing an, die Tresen und die Auslage abzuwischen und zu polieren, bis sie blitzten, dabei bemühte ich mich, an irgendetwas anderes zu denken als daran, wie einsam ich war. Was nicht verwunderlich war, da niemand in dieser Stadt meinen wahren Hintergrund kannte.

Schritte näherten sich der Theke, ich richtete mich auf und warf den Lappen in die Spüle. »Guten Morgen, Raina«, begrüßte ich die Stammkundin und zwang ein Lächeln auf meine Lippen.

Sie erwiderte es gewohnt zaghaft, dabei ließ sie ihr braunes Haar halb vor ihr Gesicht fallen, als wollte sie es vor Blicken schützen. »Morgen.«

»Einen Nuss-Nougat-Muffin und einen Earl-Grey-Tee?«, fragte ich.

Raina nickte, und durch die Bewegung wurde mehr von ihren Zügen, den haselnussbraunen Augen sichtbar. Sie hatte sich dezent geschminkt, und das mit offenkundigem Geschick, trotzdem konnte der Concealer den blauen Fleck auf ihrem linken Wangenknochen nicht ganz verdecken.

Ich spürte ein Brennen in der Kehle. Es war schon öfter vorgekommen, dass ich eine Verletzung bei ihr bemerkt hatte. Mal einen Bluterguss an ihrem Arm, der unter dem Bund eines Ärmels hervorlugte, mal eine Hautverfärbung an ihrem Handgelenk, wenn sie bezahlte. Aber noch nie zuvor in ihrem Gesicht.

Raina reichte mir einen Zehndollarschein. »Stimmt so.«

»Danke«, sagte ich in bemüht unbefangenem Ton und tippte den Betrag in die Kasse. Meine Ohren summten, meine Gedanken überschlugen sich. Aber womöglich sah ich Gespenster.

Ich wusste nicht mehr über Raina, als dass sie introvertiert war, etwa im selben Alter wie ich und immer das Gleiche bestellte. Vielleicht betrieb sie Kickboxen oder war von einem Softball an der Wange getroffen worden. Oder … es steckte doch etwas Schlimmeres dahinter.

Ein ganzes Spektrum an potenziellen Möglichkeiten schwirrte mir durch den Kopf, während ich mit der Zange einen Muffin griff und ihn in eine Papiertüte bugsierte. Wenige Augenblicke später war dann auch ihr Tee fertig. Ich legte eine heitere Miene auf und drehte mich zu Raina um. »Bitte sehr.«

Wieder bedachte sie mich mit diesem verhaltenen Lächeln. »Danke schön.« Sie nahm ihr Frühstück entgegen und machte sich auf den Weg zur Tür.

Ich versuchte auszuloten, ob etwa unterschwellig ein stummer Hilferuf in ihrem Verhalten erkennbar war. Doch sie wirkte auf mich so ruhig und gelassen wie immer.

Andererseits war ich selbst geübt darin, mich nach außen hin zu verstellen und etwas vorzugaukeln, das in völligem Widerspruch zu dem stand, was ich wirklich fühlte. Irgendwann war mir das so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich manchmal selbst daran geglaubt hatte. Bis das Kartenhaus schließlich eingestürzt war.

Nur dass Brendans Waffen Worte und Manipulationen anstelle von Fäusten gewesen waren. Sie hatten keine Blutergüsse hinterlassen, die Narben auf meiner Seele waren mit bloßem Auge nicht erkennbar.

Deswegen hatte ich irgendwann angefangen, mich für verrückt zu halten, genau wie Brendan es immer behauptete.

Das alles rief mir schmerzhaft ins Gedächtnis, warum ich einen weiten Bogen um Shep Colson und jeden anderen Mann seines Typs machen musste. Denn wann immer etwas zu gut schien, um wahr zu sein, dann war es das in der Regel auch. Und selbst wenn das nicht der Fall wäre, hatte ich zu viel Angst, um nach dem Glück zu greifen.

KAPITEL 4

Shep

Das Haus musste komplett entkernt werden. Doch anstatt mich zu entmutigen, erfüllte mich dieser Gedanke mit einer rastlosen Energie. Es juckte mich in den Fingern, nach Papier und Bleistift zu greifen und Pläne zu zeichnen.

Nichts war so befriedigend, wie etwas, das die Leute für Schrott hielten, in einen Schatz zu verwandeln. Um das zu erreichen, nutzte ich jede erdenkliche Technik, doch den Anfang bildeten ausnahmslos immer altbewährte, handgefertigte Skizzen.

Es beflügelte meine Kreativität, mit einer Graphitmine über Papier zu fahren, und dieses Projekt bot unzählige Möglichkeiten. Es war das mit Abstand größte Vorhaben, das ich jemals für mich selbst in Angriff genommen hatte, aber das machte es nur umso aufregender.

Ich betrachtete das riesige Farmhaus, das wohl aus dem neunzehnten Jahrhundert stammte, also der Zeit, als die Besiedlung dieses Teils von Oregon begonnen hatte. Die vermutlich ehemals weiße Fassadenverkleidung war grau und verwittert, und das Dach musste unbedingt erneuert werden. Aber die Grundstruktur war solide.

Ich beabsichtigte unter anderem, ein halbes Dutzend Wände einzureißen und zusätzliche Fenster einzubauen. Die Umsetzung meiner Pläne würde Zeit, Geld und enormen Arbeitseinsatz erfordern, aber als Inhaber eines Bauunternehmens sah ich mich in der glücklichen Lage, Materialien zu ermäßigten Preisen beziehen zu können und ein Team von Handwerkern zur Verfügung zu haben.

Mein Handy summte, ich warf einen Blick darauf und schüttelte schmunzelnd den Kopf. Obwohl nur zwei von uns Geschwistern blutsverwandt waren und die anderen erst als Teenager im Schoß der Colsons gelandet waren, bestand zwischen uns sieben ein sehr enges Band, und das schlug sich auch in unserem Gruppenchat nieder.

Wir übertrumpften uns darin, ihn ständig umzubenennen und uns gegenseitig zu ärgern. Mein Bruder Cope hatte ihm aktuell den Namen Hans Brolo verpasst.

COPE: Will nur checken, ob ihr noch lebt. Hab seit über zwei Tagen nichts von euch Pappnasen gehört.

Er war inzwischen wieder in Seattle, um seinen Verpflichtungen nachzukommen, die mit dem Ende der NHL-Saison einhergingen. Daher beschränkte sich sein Kontakt mit uns auf Textnachrichten und Videoanrufe. Ich konnte nachvollziehen, warum er besorgt war. Wir anderen besuchten uns häufiger auf einen Sprung, anstatt zu chatten, seit Rhodes von einem langjährigen Mitarbeiter meiner Firma mit dem Vorsatz, sie zu töten, gekidnappt und schwer misshandelt worden war.

Wieder übermannten mich die mir nun vertrauten brennenden Schuldgefühle. Wie Säure fraßen sie sich in meine Brust, meine Muskeln, meine Knochen. Ich hatte nicht erkannt, dass Silas ein kranker, grausamer Psychopath gewesen war, und meine Blindheit hätte meine Schwester um ein Haar das Leben gekostet.

KYE: Vielleicht solltest du deine morbiden Scherze eine Weile sein lassen, Bro.

FALLON: Bitte etwas mehr Feingefühl, Copeland.

KYE: Scheiße. Wenn Fal dich mit deinem vollen Namen anspricht, bist du am Arsch. Zieh dich besser warm an.

Fallon und Kyler waren schon immer ein Herz und eine Seele gewesen, und manchmal kam es mir vor, als ob sie ohne Worte miteinander kommunizieren konnten. Als Kye mit sechzehn in unsere Familie gekommen war, hatte er anfangs mit niemandem außer Fallon reden wollen. Irgendwie war sie auf Anhieb zu ihm durchgedrungen.

Ein Foto ploppte in unserem Chat auf. Es zeigte Rhodes mit eingegipstem Arm, während sie mit dem anderen eine Heu­gabel in die Luft reckte.

RHODES: Heute wird mir niemand blöd kommen.

KYE: Ja, aber nur, weil du mitten in einem Misthaufen stehst.

RHODES: Mir ist jedes Mittel recht.

COPE: Tut mir leid, Roh, ich bin ein unsensibler Arsch.

RHODES