Delir - Renate Hadi - E-Book

Delir E-Book

Renate Hadi

0,0
17,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Mehr als fünfzig Menschen berichten in diesem Buch über ihr durchlebtes Delir. Ihre berührenden, verstörenden und irrationalen Erlebnisse zeigen auf, wie vielfältig sich dieses äußern kann. Die Autorin beschreibt anhand einiger Berichte exemplarisch, wie Betroffene im klinischen Alltag mit einer empathischen und kreativen Herangehensweise fachlich begleitet werden können. Ergänzende Fachbeiträge von Delir-Expert:innen runden das Buch ab. Für Pflegende, Mediziner:innen, Physio- und Ergotherapeut:innen bzw. alle in Gesundheitsberufen tätige Personen, pflegende Angehörige sowie Menschen, die selbst ein Delir erlebt haben.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Renate HadiDelirBerichte von Betroffenen

Renate Hadi

DGKP, ist Pflegeberaterin am AKH Wien. Zu ihren Arbeits- und Unterrichtsschwerpunkten gehören unter anderen Delir, Inkontinenz und Gewaltprävention. Zu diesen Themen hat sie auch Schulungsfilme konzipiert und mitgestaltet, zum Thema Delir: „Sand im Getriebe“.

Eine geschlechtergerechte Schreibweise wird in diesem Buch vorwiegend durch die Verwendung der Schreibung mit Stern * realisiert. Ist eine korrekte, alle Endungen berücksichtigende Schreibung auf diese Weise nicht möglich oder erfordert sie Ergänzungen, die den Lesefluss hemmen, so wird – stellvertretend für alle Geschlechter – die weibliche Form gewählt.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der DeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowieder Übersetzung, sind vorbehalten.

Alle Angaben in diesem Fachbuch erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohneGewähr, eine Haftung der Autorin oder des Verlages ist ausgeschlossen.

1. Auflage 2023

Copyright © 2023 Facultas Verlags- und Buchhandels AGfacultas Verlag, 1050 Wien, ÖsterreichUmschlagfoto: © Julia Lemba, istockphoto.comSatz: Wandl Multimedia-Agentur, Groß WeikersdorfLektorat: Laura Hödl, Wien

Druck: Facultas Verlags- und Buchhandels AGPrinted Austria

ISBN 978-3-7089-2333-8

E-ISBN 978-3-99111-721-6

Inhalt

Vorwort

Geleitwort

Einleitende Worte

Teil I: Erwachsene

1 Delir – ein häufiges Syndrom

2 Fallbesprechungen

Johanna, 73 Jahre

Otto, 94 Jahre

Katarzyna, 97 Jahre

Robert, 54 Jahre

Andreas, 48 Jahre

3 Berichte von Betroffenen

Annemarie, 80 Jahre

Claudia, 57 Jahre

Danuta, 49 Jahre

Eduard, 76 Jahre

Elisabeth, 58 Jahre

Ernst, 81 Jahre

Ferdinand, 73 Jahre

Filipp, 48 Jahre

Franz, 81 Jahre

Friderike, 70 Jahre

Gerhard, 76 Jahre

Günter, 66 Jahre

Heidelinde, 73 Jahre

Heinrich, 79 Jahre

Helmut, 76 Jahre

Hubert, 87 Jahre

Irmgard, 94 Jahre

Jennifer, 33 Jahre

Johanna, 73 Jahre

Julian, 32 Jahre

Katarzyna, 97 Jahre

Klaus, 77 Jahre

Leopold, 75 Jahre

Lothar, 77 Jahre

Ludwig, 79 Jahre

Maria, 87 Jahre

Maximilian, 77 Jahre

Michael, 48 Jahre

Nadja, 18 Jahre

Oskar, 50 Jahre

Otto, 94 Jahre

Peter, 62 Jahre

Regina, 59 Jahre

Reinhard, 77 Jahre

Richard, 78 Jahre

Robert, 54 Jahre

Rupert, 79 Jahre

Sabine, 73 Jahre

Santiago, 21 Jahre

Sieghard, 72 Jahre

Silvi, 74 Jahre

Theresa, 78 Jahre

Walter, 76 Jahre

Wolfgang, 61 Jahre

Xaver, 85 Jahre

Teil II: Kinder

4 Delir – was hat das mit Kindern zu tun?

5 Delir bei Neugeborenen und Säuglingen

6 Berichte von und über Betroffene(n)

Benjamin, 17 Jahre

Eliah, 13 Jahre

Fabian, 7 Jahre

Felix, 9 Wochen

Finn, 5 Monate

Kerstin, 12 Jahre

Lina, 4 Jahre

Vladimir, 2 Jahre

Mäx, 10 Jahre

Vorwort

Gelebte Erfahrungen – welch andere Wahrheit kann es geben?

Ich liege, stundenlang, links und rechts von mir graue Plastikteile, es ist wie in einem Sarg … ich bin eingesperrt … Menschen kommen vorbei, Gesichter beugen sich über mich, die ungewohnte Perspektive verzerrt sie, sie werden groß, bedrohlich, es sind immer wieder andere … ich kann keinen Menschen fassen, alles ist unvertraut … die Decke, an die ich immer starre… schwarze Punkte auf weißem Untergrund, oder ist es etwas anderes? Sie beginnen zu flimmern, sich zu bewegen, auf mich zu? Was ist das? Ich höre Stimmen, sehe aber keinen Menschen, woher kommen die Stimmen? Ich höre Geräusche, die ich nicht einordnen kann, sie sind unheimlich, kommen sie auf mich zu? Ich sehe Schatten, neben meinem Bett, vor meinem Gesicht, es ist alles so fremd, so bedrohlich, ich bin alleine, was passiert mit mir? Ich habe Angst … jemand hält mich fest, ich schreie, schreie… aber niemand hilft mir …

Ist dies die Wahrheit? Wessen Wahrheit? Kann man es verstehen? Muss man verstehen? Muss man es wissen, um gute, effektive Pflege leisten zu können? Reicht es nicht, sich um objektive Daten zu bemühen? Ist das nicht wichtiger?

Pflege begründet sich weniger in einer naturwissenschaftlichen Perspektive – auch wenn man dies vielleicht auf den ersten Blick glauben mag – und mehr in einer humanwissenschaftlichen.

Humanwissenschaften charakterisieren sich durch ein Verständnis des Menschen als Ganzes, als Einheit. Sie befassen sich mit den Bedeutungen und Erfahrungen des und der Einzelnen, damit, wie jene gesehen und erlebt werden. Pflege kann deswegen als Humanwissenschaft bezeichnet werden, da sie sich mit den Lebenserfahrungen der Menschen, mit Fragen der Gesundheit und Krankheit und ihrer Bedeutung im Leben sowie mit der Erfahrung des Sterbens befasst und damit, wie diese Perspektiven die Handlungen und Reaktionen von Menschen prägen.

Gelebte Erfahrungen sind daher eine unverzichtbare Wissensquelle – für Praxis, Lehre und Forschung gleichermaßen. Denn nur so kann es uns annähernd gelingen, Zugang zu dem zu finden, worunter die Menschen, die der Pflege anvertraut sind, wirklich leiden. Ohne diesen Zugang können wir nicht verstehen, und wenn wir nicht verstehen, können wir nicht zielgerichtet und wirkungsvoll handeln.

Gelebte Erfahrungen sind keine Störfaktoren, wenn wir nach Wahrheit suchen, sie sind keine subjektiven Berichte, die durch objektive Wahrheiten berichtigt werden müssen, sie sind die Wahrheit der Betroffenen und die Wahrheit, die uns Zugang zum Verstehen einer Krankheit bzw. dem Kranksein schafft. Und nur, wenn wir verstehen, können wir wirklich zielgerichtet handeln. Subjektivität wird so zur wahren „Objektivität“, wenn es um Menschen geht.

Delir ist ein hochkomplexes Geschehen. Man kann zwar ein paar „objektiv beobachtbare“ Parameter festmachen, aber zu dem, was es wirklich ist, bekommen wir nur Zugang über die subjektiven, persönlichen Erfahrungen in ihrer gesamten Vielfalt. Die Lektüre dieses Buches hilft, in diese fremde Welt einzutauchen. Wir können uns diese Gefühle, von denen man nur ahnen kann, wie es ist, sie zu fühlen, nie zu eigen machen, sie nicht wirklich nachvollziehen, aber die Geschichten erzeugen Bilder in uns, die helfen können, dieses Geschehen und vor allem die Reaktionen der Betroffenen besser zu verstehen und vielleicht Zugang zu ihnen zu bekommen. Das vorliegende Buch birgt einen Schatz, den es in dieser Form noch nie gegeben hat – Renate Hadi gebührt hier großer Dank, dass sie über Jahre diese Geschichten gesammelt hat, immer in dem Bewusstsein, dass sie wichtig sind. Die Lektüre dieses Buches legt den Grundstein, um in das Thema Delir eintauchen und sich damit sinnvoll – in Bezug auf Diagnostik, Pflege und Therapie sowie Forschung – weiter beschäftigen zu können. Daher sollte es unbedingt zur Pflichtlektüre für alle im Gesundheitswesen Tätigen werden.

Hanna Mayer

Geleitwort

Delirerzählungen und deren Beitrag zur Veränderung der Gesundheitsversorgung im Sinne der Autonomie

In der Auseinandersetzung mit dem Themenschwerpunkt „beeinträchtigte kognitive Kompetenz“ wurden und werden im Universitätsklinikum AKH Wien Akzente gesetzt, die die Pflege und medizinische Versorgung insbesondere von vulnerablen Personengruppen nachhaltig verändern sollen. Hier wird vorrangig daran gearbeitet, die akute Verwirrtheit, das Delir, zu vermeiden oder zu lindern.

Das kulturhistorische Bild des Delirs – als „Erlkönig“, als „grüne Fee“ und „neben der Spur“ beschrieben – war romantisch verklärt und wurde lange nicht als Bedrohung wahrgenommen. Die Dramatik dieses lebensbedrohlichen Zustandes und die Machtlosigkeit der kurativ denkenden Medizin führte lange Zeit dazu, dass dieser Zustand im Kontext von Schuld und Sühne, von Sucht und Krankheit, als dazugehörig betrachtet wurde. Auf dieses unbeherrschbare Monster, das oftmals nachts ans Fenster klopft und nicht selten mit dem Tod endet, wurde resignativ, gewalttätig oder freiheitsberaubend reagiert, nicht agiert. Erst in jüngster Zeit hat die Medizin Wege gefunden, dieses Phänomen zu fassen. Es wird reduziert auf ein kurzes Wort: Delir.

Dieses Wort beschreibt einen höchst komplexen Sachzusammenhang, dessen Auswirkungen fatal sind. International, in sämtlichen Sprachen, ist die Forschung mit einer uneinheitlichen Nomenklatur konfrontiert, die es den Kliniker*innen erschwert, stringente und praktikable Behandlungswege zu zeichnen. Es wird an Instrumenten, Therapien, Prozessen und Pflegemaßnahmen gefeilt, die so schön sind und so wunderbar davon ablenken, welche Bedürfnisse der Mensch, der Hilfe braucht, eigentlich hat. Dabei wäre es relativ einfach: Zuhören, Bedürfnisse erfassen, Freiräume nutzen, Bezugspersonen inkludieren, kreativ sein! Wenn alle Gesundheitsberufe gemeinsam Lösungen suchen und auch ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, dann profitieren alle von dieser Ganzheitlichkeit.

Diese Publikation tut etwas, wofür im betrieblichen Rausch einer Gesundheitseinrichtung oft keine Zeit vorgesehen ist. Sie dokumentiert das Erleben eines Phänomens, das aus der Betroffenenperspektive viel eindrücklicher erzählt wird, als es von Assessmentinstrumenten generierte Zahlen oder Diagnosecodes je könnten. Für die Bewusstseinsarbeit ist dieses Buch daher ein phänomenologischer Schatz, der zur Reflexion, Diskussion und zur weiteren Entwicklung des humanistischen Gesundheitswesens im Sinne eines biopsychosozialen Modells beiträgt.

Renate Hadi, danke für dieses Werk!

Roman Breuer

Einleitende Worte

„Die alte Frau ist doch dement, und der Mann säuft sicher heimlich. Pass auf, die Angehörigen der Dementen wollen das nie wahrhaben, und die Alkoholiker lügen alle!“

Während meiner Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin Anfang der 1980er-Jahre wurde mir weder theoretisches noch praktisches Wissen im Umgang mit deliranten Menschen vermittelt. In meinem Verständnis ging ich davon aus, dass die Entwicklung eines Delirs etwas Zufälliges sei. Damals lauteten die Krankheitsbegriffe „dement“, „Durchgang“, „depressiv“, „Alkoholiker“, „incomplient“ oder schlicht und einfach „verrückt“. Es gab keine etablierte pflegerische oder therapeutische bedürfnisorientierte Begleitung für Menschen, die an Delir erkrankt waren. Im Gegenteil: Es wurde ihre Anpassung an die vorgegebenen strukturellen Abläufe des Krankenhauses erwartet. Neben Bevormundung oder Zurechtweisungen verabreichte man „nicht angepassten“ Patient*innen auch sedierende Medikamente und sie wurden gegebenenfalls mithilfe von Lein- und Dreieckstüchern an ihre Betten oder den Lehnsessel fixiert.

Das Wissen um delirauslösende Ursachen und die Erfahrung, dass durch milieutherapeutische Maßnahmen ein Delir zum großen Teil vermeidbar ist bzw. die Schwere des Verlaufes verringert werden kann, habe ich erst vor etwa zehn Jahren erfahren. In meiner Rolle als Pflegeberaterin im Universitätsklinikum AKH Wien wurde ich auf den unterschiedlichen Stationen häufig gebeten, mich kognitiv auffälliger Patient*innen anzunehmen, die im Hinblick auf den pflegerischen Betreuungsaufwand sehr herausfordernd waren. Durch das Arbeiten mit dieser Patient*innengruppe wurde mir bewusst, dass die Ursache der Verhaltensauffälligkeit häufig ein akuter Verwirrtheitszustand war. Dabei empfand ich es als unterstützend, dass das Krankheitsbild des Delirs in Fachkreisen zugleich zunehmend diskutiert und in Fortbildungen im Gesundheitsbereich aufgenommen wurde.

Um sowohl die Genesung der Betroffenen zu fördern als auch die Belastungen des Behandlungsteams zu reduzieren, ist es zentral, die Betroffenen während ihres Krankheitsprozesses möglichst gut zu begleiten: Was brauchen sie, um die Krankheit physisch wie psychisch gut zu bewältigen? Welche Ressourcen, Unterstützungssysteme (Familie, Freundeskreis etc.) haben sie? Wie sieht es prinzipiell mit ihren kognitiven Reserven aus?

Julian, den ich während seiner deliranten Episode begleiten durfte, wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Er hat – gequält von schrecklichen Halluzinationen – vor Entsetzen und Panik mit weit aufgerissenen Augen nur noch geschrien. Meine erste Intervention war, ihn in Begleitung seiner Frau in ein Einzelzimmer zu verlegen. Sie war die einzige Person, die er noch als Mensch erkannte. Alle anderen waren Teufel oder sonstige grauenhafte Gestalten. In der Folge habe ich gemeinsam mit seiner Frau entlang seiner Biografie Informationen über Erfahrungen gesammelt, die für Julian eine positive emotionale Bedeutung haben konnten: ihre und Julians Liebe und das Parfum, das sie bei ihren ersten Begegnungen getragen hatte, ihre Kinder, die er so sehr liebte, seine Interessen und Hobbys. Aus diesem Wissen heraus ergaben sich neben einer forcierten Mobilisierung die individuellen Maßnahmen. Dadurch war Julian zunehmend in der Lage, sich von seinen Halluzinationen zu distanzieren: „Da drüben, da steht meine Frau, aber der Mann daneben, gell, den gibt’s nicht? Ich sehe etwas, das sehen Sie jetzt wahrscheinlich nicht.“ Julian schaffte es, seine delirante Episode ohne bleibende kognitive Defizite hinter sich zu lassen.

Mit diesem Buch möchte ich denjenigen eine Stimme geben, die sich an ein durchlebtes Delir erinnern können und bereit waren, darüber zu sprechen. Für mich war jede Erzählung in ihrer Einzigartigkeit spannend und berührend – ein Blick in eine für mich bisher unbekannte Welt. Beruflich für mich interessant und relevant waren die unterschiedlichen erfolgreichen, aber auch erfolglosen und teilweise selbst- und fremdschädigenden Bewältigungsstrategien der von einem Delir Betroffenen.

Peters Pflegende erzählten mir, dass er in seinem Zimmer mehrfach gestürzt war. In Peters Wahrnehmung wurde ihm von hochrangigen politischen Persönlichkeiten der Auftrag erteilt, sich auf einem bestimmten Punkt im Zimmer hinzulegen und dort auf die Schwestern zu warten.

Besonders erschreckend erlebte ich die Aussage von Gerhard. Er berichtete mir, dass seine Beine in Flammen standen und er deshalb aus dem 18. Stock habe springen wollen. Wäre es ihm gelungen, das Fenster zu öffnen, wäre sein Tod sicher als Suizid eingestuft worden.

Neben der Angst infolge der Halluzinationen berichteten mir viele Menschen auch von ihrer Angst, verrückt oder dement zu werden. Diese war umso größer, je mehr sie sich dessen bewusst waren, dass ihre Wahrnehmung nicht der Realität entsprechen konnte. Für einige Betroffene war es jedoch schwierig, vom Wahrheitsgehalt ihrer Erlebnisse abzurücken. So beharrte Franz auf der Realität seiner nächtlichen Halluzinationen, wobei er als Beweis anführte: „Zum Schluss kam dann die Polizei und hat sich für meine Aufmerksamkeit bedankt. Weil sie schon nach ihnen [den Asylwerbern aus Syrien; R.H.] gesucht haben.“

Die Erzählungen in diesem Buch wurden von mir zwischen 2015 und 2022 gesammelt. Sie stellen keine repräsentative Übersicht dar, weil der Fokus auf der Freiwilligkeit lag und daher keine bestimmte Zielgruppe definiert wurde. Rund 70 Prozent der von mir angefragten Personen – mehrheitlich Männer – waren bereit, ihre Erlebnisse mit mir zu teilen. Ein Großteil der Betroffenen hat das Delir als verstörend und beschämend, vereinzelt auch als traumatisierend beschrieben.

Die Begründungen jener, die es ablehnten, über das Delir zu sprechen, waren unterschiedlich. Manche hatten keine Erinnerung an ihr Delir, andere wollten ihre Erfahrungen nicht mit mir teilen. Ein Teil der Betroffenen hat sich zu sehr für das Erlebte und das bizarre Verhalten während des Delirs geschämt: „Ich war deppert, ich habe viel angestellt“ oder „Es war so schrecklich, dass ich es Ihnen nicht erzählen mag“ oder „Es war alles eh nur ein Albtraum“.

Leider waren die meisten Menschen mit nichtdeutscher Erstsprache – bis auf wenige Ausnahmen – nicht gesprächsbereit. Eine genaue Analyse der Motive müsste vorgenommen werden. Einige wenige Erzählungen bekam ich von Eltern deliranter Kinder. Dies freut mich besonders, denn das Wissen über die Möglichkeit eines Delirs bei Kindern oder Jugendlichen ist im klinischen Alltag noch nicht angekommen.

Bei der Sammlung der Texte war es mein Wunsch, dass die Betroffenen – wenn möglich auch ihre Bezugspersonen – ihr Erlebtes selbst verschriftlichen. Dies lehnten die meisten aus unterschiedlichen Gründen ab. Sie waren jedoch bereit, mir das Erlebte zu schildern. Ich habe ihnen zugehört und versucht, beim Mitschreiben so nah wie möglich an ihrer gesprochenen Sprache zu bleiben. Die Sitzungen, in deren Zuge ich das Erleben der Betroffenen protokollierte, fanden – je nach deren Bedürfnis – bis zu viermal statt. Man muss davon ausgehen, dass alle Erzählungen lückenhaft sind. Einerseits konnten sich die Betroffenen nicht an alles erinnern, andererseits wollten sie nicht alles erzählen, weil es ihrer Aussage nach zu privat war.

Die Erzählungen sind eingerahmt von Fachbeiträgen, die verfasst wurden von den Delir-Expert*innen Dr. Thomas Frühwald, Dr. Stefan Irschik und Pflegeberaterin Patricia Wallner1, meiner Kollegin. Die Beiträge sollen die subjektive Sicht der Betroffenen um die wissenschaftliche Expertise ergänzen und Auslöser, Disposition, Prävention, Diagnostik, Gefahren, Folgeschäden, die Rolle der Psychopharmaka sowie therapeutische Empfehlungen benennen. Für ihre Bereitschaft, am Buch mitzuwirken, möchte ich mich bei den drei Expert*innen herzlichst bedanken.

Bedanken möchte ich mich auch bei meinen Vorgesetzten Johann Pernegger und Sabine Wolf für die Offenheit dem Thema gegenüber und die Möglichkeit, die Interviews an den Kliniken zu führen. Roman Breuer und Sonja Schneeweiss haben es ermöglicht, dass sich das Thema Delir am AKH Wien zu einem pflegerischen Schwerpunktthema entwickeln konnte.

Abschließend gilt mein besonderer Dank meiner Tochter Sarah sowie Hildegard Hefel, die mich mit ihrem kritischen Feedback sowohl gefordert als auch korrekturlesend unterstützt haben.

Wien, im Frühjahr 2023

Renate Hadi

1 Nennung in alphabetischer Reihenfolge.

Teil I Erwachsene

1 Delir – ein häufiges Syndrom

Thomas Frühwald

Bei einem Delir kommt es zu einer akuten, organisch bedingten Beeinträchtigung von Gehirnfunktionen. Dies führt dazu, dass die betroffene Person auf Umweltreize unangemessen reagiert, „durcheinander“ wirkt und unfähig ist, sich zu orientieren. Sie verliert die Fähigkeit, mit der üblichen Klarheit und Kohärenz zu denken. Es ist die häufigste psychische Störung bei älteren Menschen, vor allem bei der Gruppe der sehr alten Menschen. Fast jede somatische Erkrankung sowie der Einfluss auch „nur“ therapeutischer Dosen von Medikamenten können bei alten Menschen zu diesem Syndrom führen. Es ist viel häufiger das Erstsymptom vieler somatischer Erkrankungen – z.B. Infektionen, Myokardinfarkt, Stoffwechselentgleisungen etc. – als die sonst als klassisch gelehrten Symptome wie Fieber, Schmerz oder Tachykardie.

„Verwirrtheit“ kann Symptom sowohl von Delir als auch von Demenz sein. Ein Delir kann eventuell auch nur phasenweise zu einer Demenz hinzukommen. Demenz ist einer der Risikofaktoren für das Delir. Menschen, die eine Delir-Episode erleben, berichten von einer plötzlichen Änderung der Wahrnehmung der Wirklichkeit und von quälenden Empfindungen und Halluzinationen. Sie fühlen sich hilflos, unfähig, zu kommunizieren, und beschreiben diese Erfahrung als sehr belastend.

Das Delir verlangt besondere Aufmerksamkeit, da es in bis zu zwei Drittel der Fälle von Ärzt*innen und bis zu ca. 40 % der Fälle von Pflegepersonen nicht als solches erkannt wird. Dabei wäre es in fast der Hälfte der Fälle vermeidbar und ist bei rechtzeitiger Diagnose auch gut behandelbar.

Das Risiko, ein Delir zur entwickeln, nimmt mit dem Alter deutlich zu und wird gesteigert durch das gleichzeitige Vorhandensein einer kognitiven Beeinträchtigung. Die Delir-Inzidenz ist beträchtlich: Bis zu 50 % der in einem Akutspital aufgenommenen Patient*innen erleiden es. Postoperativ kommt es bei bis zu 60 % vor. Bei genauem Screening kann es bei 70–90 % der Patient*innen auf Intensivstationen festgestellt werden. Darüber hinaus wird berichtet, dass bis zu 90 % der Menschen in ihrer Sterbephase Delir-Symptome aufweisen. Schon bei der Aufnahme im Krankenhaus könnte es bei ca. 25 % der über 65-jährigen Patient*innen festgestellt werden. In Pflegeheimen sind es je nach Durchschnittsalter und Aufnahmeselektion zwischen 40 % und 80 % der Bewohner*innen.

Delir und seine Folgen

Die Bedeutung des Delirs resultiert auch aus der Tatsache, dass es oft von zusätzlichen Problemen begleitet wird, welche sowohl die Betroffenen als auch deren betreuendes Umfeld belasten. Dies kann sich in Inkontinenz, Stürzen, unkooperativem Verhalten, Therapie- und Nahrungsablehnung, Weglauftendenz usw. ausdrücken.

Je schwerer und je länger ein Delir (unbehandelt) besteht, desto häufiger und schwerwiegender sind kognitive Folgeschäden. Ein Delir kann grundsätzlich vollständig ausheilen oder aber auch mit einem kognitiven Defektzustand enden. Ein Delir bedeutet ein signifikant höheres Risiko, während der Hospitalisierung Komplikationen zu erleiden, und verlängert die Hospitalisierungsdauer. In der Folge benötigen diese Patient*innen bei einer dauerhaften Verschlechterung der körperlichen und kognitiven Funktionen mehr ambulante oder stationäre Betreuung, z.B. in einem Pflegeheim.

Die Kosten eines Delirs sind bis heute für Österreich nicht valide beziffert. In internationalen Untersuchungen konnten hingegen bereits Erkenntnisse zu den ökonomischen Auswirkungen gesammelt werden: In den USA verursachte die Betreuung von Patient*innen mit Delir deutliche höhere Kosten als diejenige vergleichbarer Patient*innen ohne Delir. In einer Extrapolation wurden für die USA Mehrbelastungen in der Höhe von über 100 Milliarden Euro pro Jahr für das Gesundheitssystem angenommen.

Die Inanspruchnahme des Gesundheits- und Sozialwesens wächst nicht zuletzt durch höheren poststationären Hilfsbedarf. Zwölf Monate nach dem Delir zeigen 41 % der Betroffenen zusätzliche kognitive Defizite, die insbesondere die Aktivitäten des täglichen Lebens beeinträchtigen.

Die Entstehung eines Delirs

Das Delir ist multifaktoriell erklärbar: Meist resultiert es aus der Interaktion mehrerer Prozesse. Es entsteht im Rahmen von akuten somatischen Erkrankungen, durch Wirkungen bzw. Nebenwirkungen von Pharmaka und/oder störenden Umgebungsfaktoren.

Bei der Entstehung eines Delirs spielt das Verhältnis von Prädisposition (Vulnerabilität) und Noxe eine erhebliche Rolle. Ist die Vulnerabilität hoch, reicht eine geringfügige Noxe und umgekehrt.

Zu den individuellen Prädispositionsfaktoren mit hoher Vulnerabilität gehören (in absteigendem Ausmaß):

• hohes Alter

• kognitive Behinderung (Demenz)

• Frailty (Gebrechlichkeit)

• Multimorbidität

• sensorische Störungen

• Anämie

• Suchtmittelabusus

• Benzodiazepin-Gebrauch

• Depression

• soziale Isolation

Zu den das Delir auslösenden Noxen gehören (in absteigender Stärke):

• ein chirurgischer Eingriff

• anticholinerg wirksame Medikamente

• psychoaktive Medikamente (auch Antipsychotika, Antidepressiva, Tranquilizer)

• ein Aufenthalt auf der Intensivstation

• eine akute Infektion

• Elektrolytentgleisung, insbesondere Hyponatriämie, Dehydratation

• Schlafdeprivation

• Immobilisierung

• freiheitseinschränkende Maßnahmen

• Dauerkatheter

Pathophysiologie

Die wichtigsten Hypothesen betonen die Rolle von Neurotransmittern, Entzündungsmechanismen und chronischem Stress. Die Neurotransmitter Acetylcholin und Dopamin haben eine zentrale Bedeutung für kognitive Funktionen, Vigilanz und Schlaf-Wach-Rhythmus. Eine Reduktion des Hirnmetabolismus durch Hypoxie kann eine reduzierte Synthese von Acetylcholin oder eine vermehrte Freisetzung von Dopamin verursachen und so zur Entstehung eines Delirs beitragen. Altern per se ist ein Prozess, der mit einer geringer werdenden cholinergen Reserve einhergeht.

Auf der Ebene der Neurotransmitter sind das cholinerge Defizit und/ oder ein dopaminerger Überschuss von zentraler Bedeutung. Diese beiden Systeme unterliegen besonders häufig pharmakologischen Einflüssen. Durch „delirogene“ Pharmaka kann es zu einem Ungleichgewicht der Neurotransmitter und zur Störung der synaptischen Kommunikation kommen. Die Neurotransmission wird zusätzlich durch Zytokine und Interferone gestört. Systemische entzündliche Prozesse, aber auch chirurgische Traumata lassen den Zytokinspiegel ansteigen.

Rolle der Pharmaka

Ein wichtiger Faktor für das Auftreten eines Delirs ist das Zusammenspiel zwischen Multimorbidität, Frailty und Polypharmazie. Daher sollten wichtige Prädiktoren für das Auftreten unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) durch potenziell inadäquate Medikation (PIM) gezielt analysiert werden. Medikamente mit delirogenem Potenzial sind prinzipiell alle anticholinerg und dopaminerg wirksamen Medikamente sowie solche, die die anderen oben erwähnten Neurotransmitter beeinflussen.

Das Delir ist klinisch charakterisiert durch

• akut beginnende globale, in ihrem zeitlichen Verlauf und in ihrer Intensität fluktuierende Störung kognitiver Funktionen (insbesondere des Gedächtnisses)

• desorganisiertes Denken und Desorientiertheit (zeitlich, örtlich, situativ, zur Person)

• fragmentierten Gedankenduktus – im Sinne der Verwirrtheit

• reduzierte Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu erhalten bzw. zu verlagern

• herabgesetztes Bewusstseinsniveau (Vigilanzstörung)

• gesteigerte oder reduzierte (!) psychomotorische Aktivität

• gestörten Schlaf-Wach-Zyklus

• akustische oder optische Halluzinationen, Illusionen, Verkennungen …

• kurze Dauer (meist weniger als ein Monat, aber auch längere Verläufe sind bekannt)

Formen des Delirs

Nach der Ausprägung der psychomotorischen Manifestationen unterscheidet man zwei Formen des Delirs. Es kommen aber auch Mischformen vor.

• hyperaktives Delir

Ein hyperaktives Delir ist charakterisiert durch psychomotorische Unruhe bis zur Erregung, Agitiertheit, erhöhte Irritabilität, Halluzinationen, Ängste und vegetative Zeichen.

• hypoaktives Delir

Das hypoaktive Delir ist bei älteren Patient*innen die häufigere Form. Es wird aber öfter nicht erkannt, wodurch es besonders gefährlich ist. Gekennzeichnet ist es durch Bewegungsarmut, Lethargie, Somnolenz und wenig spontane Kontaktaufnahme. Halluzinationen und Desorientierung werden erst durch Befragen deutlich.

Delir-Diagnose

Die Diagnose eines Delirs ist vorrangig eine klinische. Unumgänglich sind eine genaue Exploration und eine körperliche Untersuchung. Die Fremdanamnese mit Angehörigen oder Pflegepersonal liefert meist die entscheidenden Hinweise, wobei auf den rasch einsetzenden Symptombeginn geachtet werden soll.

Die Diagnose des Delirs wird durch Klärung folgender Fragen erleichtert:

• Akuter Beginn der Störung?

• Vorhandensein von somatischer Erkrankung, sensorischer Deprivation, neuen oder neu dosierten Medikamenten?

• Psychologische Faktoren in der Anamnese wie Isolation, Ortswechsel, Verluste, Trauer, Depression?

Diagnostisch wegweisend sind:

• das Unvermögen, Aufmerksamkeit zu fokussieren (die Aufmerksamkeit kann getestet werden, indem man den/die Patient*in bittet, z.B. die Monate beginnend mit Dezember rückwärts aufzuzählen oder das Wort „Radio“ rückwärts zu buchstabieren)

• der Verlust der Fähigkeit, mit der üblichen Klarheit und Kohärenz zu denken