Demokratie als Versprechen - Antonia Grunenberg - E-Book

Demokratie als Versprechen E-Book

Antonia Grunenberg

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Beschreibung

Die Feinde der Demokratie sind zahlreicher und lauter geworden: autoritäre Staatsmächte und korrupte Machtgruppen, Identitäre und Verschwörungstheoretiker, Neo-Nazis, rechtsextreme Parteien, gewaltfreudige linksradikale Gruppen, ausländische und inländische Terrorkommandos sowie psychisch kranke Einzeltäter, um nur einige zu nennen. Doch auch kollektive Apathie und schäumende Wut ("Wutbürger") stellen die Demokratie infrage. Nicht zu vergessen die großen Korruptionsskandale und der Missbrauch politischer Macht. Demokratie ist mühsamer geworden; sie erfordert Bürger:innen, die zugleich kritisch sind, Vertrauen haben und öffentlich tätig werden, wenn ihr Bestand gefährdet ist. Antonia Grunenberg lotet die wechselvolle Geschichte der deutschen Nachkriegsdemokratie vor dem Hintergrund eigener jahrzehntelanger politischer Erfahrungen aus. Sie rekapituliert Ereignisse, Bewegungen und Konflikte, an denen sichtbar wird, welche Stärken und Schwächen eine Demokratie zeigt und wie die deutsche Demokratie an großen Konflikten, an eigenen und fremden Fehlern gewachsen ist.

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Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Antonia Grunenberg

DEMO KRATIE

ALS

VERSPRECHEN

Warum es sich lohnt,für die Freiheit zu kämpfen

1. eBook-Ausgabe 2022

© 2022 Europa Verlag in der Europa Verlage GmbH München

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Redaktion: Franz Leipold

Layout & Satz: Robert Gigler, München

Konvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 9-783-95890-496-5

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.europa-verlag.com

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Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von §44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Ansprechpartner für ProduktsicherheitEuropa Verlage GmbHMonika RoleffJohannisplatz 1581667 Mü[email protected]+49 89 18 94 [email protected]

INHALT

Einleitung

Kapitel 1Paradoxien der Freiheit: von Ost nach West

Kapitel 2Ein Erbe ohne Testament

Kapitel 3Das eiserne Band der antifaschistischen Logik

Kapitel 4Paradoxien der Freiheit: DDR

Kapitel 5Paradoxien der Freiheit: die amerikanische Erfahrung

Kapitel 6Exkurs: Die technologische Entmündigung der Bürger

Kapitel 7Demokratie gefährdet sich selbst – und hat die Fähigkeit zur Regeneration: Fünf Thesen

Epilog

Literatur

Danksagung

Die Autorin

Anmerkungen

Dieser Essay ist der ukrainischen Zivilgesellschaft und ihren mutigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern gewidmet.

EINLEITUNG

»Wach auf mein Herz und denke.«

Andreas Gryphius

Einen Essay über Demokratie zu verfassen in einer Zeit, in der die Demokratie aus verschiedenen Gründen in vielen Ländern bedroht oder manipuliert wird, bedeutet, dass man diese Ereignisse und Erfahrungen beim Schreiben mitnimmt, so auch die täglichen Nachrichten, Gespräche, Kurztexte in elektronischen Medien.

Drei Kontexte haben mich beim Schreiben dieses Essays begleitet:

‒Die Pandemie und ihre Auswirkungen auf die Freiheit;

‒der russische Krieg gegen die Ukraine und dessen Auswirkungen auf die europäischen Demokratien;

‒die Entmündigung der Bürger angesichts ihrer technologischen Ermächtigung.

Als die Infektionszahlen stiegen und die herzzerreißenden Fotos der in Plastiksäcken aufgestapelten Corona-Toten im Hinterhof eines Krankenhauses in Bergamo weltweit in den Abendnachrichten erschienen, als die hektischen Debatten über die Beschränkung der Freiheitsrechte und über die Notstandsrechte des Staates begannen, als es schien, das nackte Überleben hätte über die Freiheit gesiegt, da hatte ich Angst um die Demokratie in Deutschland, in Europa. Ich befürchtete, dass allzu viele das kostbare Gut der Freiheit dem biologischen Überleben opfern würden. Ich ärgerte mich über den vorauseilenden Gehorsam derjenigen, die verkündeten: Jetzt muss die Demokratie zurückstehen; die Erhaltung des Lebens steht über der Freiheit – und nicht neben ihr.

Es ist alles nicht so schlimm gekommen; auch in den bedrückendsten Zeiten gab es genügend Zank und Streit im Parlament, zwischen Bundesregierung und Landesregierungen, in den Medien, die bewiesen, dass eben nicht durchregiert wurde: Die Demokratie funktionierte, Argumente wurden ausgetauscht; immer neu wurde darüber gestritten, welche Maßnahmen angemessen seien – und welche anderen zu unzumutbaren Freiheitsbeschränkungen führen würden.

Als das Damoklesschwert der verpflichtenden Impfung über allen schwebte und man sich um die Freiheitsrechte der Impfgegner und um die Rechtsgleichheit in der Republik Sorgen machen musste, entbrannte neuer Streit im Parlament, in den Ländern und in den Medien. Ich habe mich darüber ebenso gefreut wie über das Ergebnis, keine allgemeine Impfpflicht einzuführen.

Streit und Zank sind in einer Demokratie nicht nur zu ertragen, sie bereichern den Meinungsbildungsprozess, wie Wasser das Wachstum der Pflanzen ermöglicht. Nur im Dissens können die verschiedenen Positionen und Perspektiven zum Ausdruck kommen, die es braucht, um politische Entscheidungen zu treffen, das heißt politisch zu gestalten. Streit und Zank sind weder schön noch harmonisch; sie säen Unruhe, aber sie führen – im besten Fall – zu abgewogenen Entscheidungen.

Doch selbst wer die Freiheit beschränkt oder gar vernichten will, gestaltet, wenngleich in negativer Weise.

Ich habe diesen Essay auch unter dem Eindruck des Krieges verfasst, den Russland gegen die Ukraine führt. Der Krieg hat mich, obwohl ich nicht direkt darunter leide, wochenlang so gelähmt, dass ich mich nicht konzentrieren konnte. Ständig stocherte ich im WWW herum, nach neuen Nachrichten suchend; ich ging auf Protestversammlungen und Demonstrationen. Doch ich fand nicht, was ich suchte: eine ebenso einleuchtende wie endgültige Erklärung dafür, warum Russland die seinerzeit mit der Zustimmung der sowjetisch/russischen Regierungszentrale unabhängig gewordene Ukraine vernichten will.

Der anfängliche Verlauf des russischen Angriffskrieges lehrte, dass es leicht ist, eine Demokratie und ihre Zivilgesellschaft physisch zu schlagen, Millionen Einwohner eines Landes zu vertreiben. Doch wie schwer ist es andererseits, den freiheitlichen Impuls nach Bildung einer Zivilgesellschaft zu vernichten.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat vor Augen geführt, dass eine Gesellschaft, die unter die Ratio gezwungen werden soll, dass ein Teil des Landes rein russisch sei und demnach nicht zum Staatsgebiet gehöre, unter dem Druck des Krieges zu sich selbst findet. Und zwar deshalb, weil ihre Träger einer Maxime folgten, mit der sich die Völker Westeuropas schwertun: Die Verteidigung der Freiheit ist genauso wichtig wie das physische Überleben. In diesen Notzeiten fand eine Art zweiter Geburt der ukrainischen Nation (und ihrer verschiedenen Minoritäten) aus der Verteidigung gegen das imperiale Russland statt. Ein neuer Typus von Nation wurde sichtbar, der sich auf das bürgerschaftlich Gemeinsame und nicht auf die ethnische Zugehörigkeit stützte. Eine multiethnische Demokratie behauptete sich als Nation.

Die ukrainische Zivilgesellschaft hat spätestens seit dem Beginn der Orangenen Revolution 2004 gezeigt, was es heißt, eine Demokratie zu erkämpfen, und zwar nicht nur mit Worten, sondern mit körperlicher Präsenz gegen ein mächtiges Netzwerk kleptokratischer Oligarchen. Früher als die (west)deutsche Jugend nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die junge Generation in der Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Demokratie entdeckt. Und sie war sich bewusst geworden, dass eine Demokratie nur so stark ist wie die Zivilgesellschaft, die sie stützt.

Zehn Jahre später war das Land mit einem russischen Angriffskrieg im Osten und im Süden konfrontiert. 18 Jahre später erfolgte ein weiterer russischer Angriff, diesmal an allen Fronten.

Manchen dämmert es hierzulande inzwischen, dass in der Ukraine um die Zukunft der europäischen Demokratien, das heißt auch der deutschen, gekämpft wird. Nur wer die Ukraine nicht zu dem wahren Europa zählt, sondern zu den anderen Staaten, die, von außen kommend, erst noch Europa werden wollen, kann darüber hinwegsehen. Gewiss, die Berichte über die Ukraine stiften seit Jahren Verwirrung, weil nicht klar ist, welches Gebiet sich eigentlich Ukraine nennen darf, wenn russische Armeen im Abstand von wenigen Jahren zweimal in das Territorium der Ukraine einfallen und Gebiete im Osten und im Süden gewaltsam als russisch deklarieren, hörige Regimes einrichten und sich dann anschicken, weitere Gebiete zu besetzen.

Doch werden auch Reminiszenzen an eine lange zurückliegende Vergangenheit wach. Haben nicht die aufständischen Ungarn 1956 den Westen über den Äther angefleht, ihnen zu Hilfe zu kommen? Haben nicht die streikenden Arbeiter in der DDR 1953 gehofft, dass der Westen der Sowjetunion Einhalt gebiete? Haben sich nicht die Bürgerinnen und Bürger Westberlins 1961 darauf verlassen, dass der Westen und die westdeutsche Regierung etwas gegen die Einmauerung einer ganzen Gesellschaft im Osten unternähmen?

In Zeiten des Kalten Krieges war die Antwort klarer oder scheinbar eindeutiger als heute. Der Nachkriegsfrieden wurde erkauft mit der Duldung einer Pufferzone, die zur sowjetischen Einflusssphäre umdefiniert worden war. Mit dieser diplomatischen Architektur sollte ein weiterer Krieg vermieden werden. Nun liegt diese Friedensarchitektur in Trümmern. Schuldzuweisungen suggerieren, dass der Westen, allen voran die deutsche Regierung, schon vor Jahren hätte wissen können, dass die russische Regierung das umsetzen will, was sie schon seit der Oktoberrevolution zu sein behauptet: ein Imperium.

Was hat dieser Krieg in der Ukraine bewirkt? Er hat eine Spur der Zerstörung gelegt, er hat die ukrainische Zivilgesellschaft dezimiert und ihre Bürgerinnen und Bürger zumindest zeitweise vertrieben. Übrig blieben eine tapfere Regierung, die den Widerstand vorlebte und die dennoch ihre Gesellschaft nicht beschützen konnte – und die Bürgerinnen und Bürger, die unter Einsatz ihres Lebens ausharren, gegenseitige Hilfe leisten und um das Überleben kämpfen.

Dieser Krieg hat die Demokratie dreifach getroffen, indem er die hart erkämpfte ukrainische Zivilgesellschaft vertrieb, indem er die demokratische Staatengemeinschaft in Westeuropa bedroht – und eine demokratische Zukunftsperspektive in Russland auf absehbare Dauer vernichtet hat.

Schon vor Beginn der Pandemie und dem russischen Krieg kam mir immer wieder der Gedanke, wie fragil Demokratien sind. Nach dem Freiheitsfest der deutschen Vereinigung habe ich in dem brennenden Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen die andere Seite der Demokratie gesehen. Direkt eben der Befreiung steht der Angriff auf die Freiheit.

Ich begriff, dass die deutsche Gesellschaft in der Realität angekommen war. Demokratie ist nicht nur schön, sie kann auch hässlich sein; vor allem ist sie anstrengend. Nach der Vereinigung musste sie in einem Teil Deutschlands neu erfunden werden.

Hatten bis dahin die christlichen Parteien, insbesondere die bayerische CSU, als höchster Auswuchs des deutschen Konservatismus gegolten, so wurde nun mit dem Aufkommen von PEGIDA und der Partei Alternative für Deutschland deutlich, dass in einigen Kreisen der Bevölkerung das nationale Selbstverständnis der Republik vermisst wurde. Ja, manche sahen und sehen die Nation bedroht. Die Vereinigung hatte offenbar nicht nur eine Nation zusammengefügt, sie hinterließ auch eine Leerstelle mit der Frage: Wo ist das Nationale in der Nation? Und in der Folge begannen die nationalen Gefühle immer dann hochzukochen, wenn das Fremde, das Außen, die EU zum Beispiel oder die vielen Geflohenen als zu stark empfunden wurden.

Über 30 Jahre nach der deutschen Vereinigung sind die Feinde der Demokratie inzwischen zahlreicher und lauter geworden: Beleidigte Nationalisten, Identitäre und Verschwörungstheoretiker, Neonazis, rechtsextreme Parteien, gewaltfreudige linksradikale Gruppen, ausländische bzw. inländische Terrorkommandos und hasserfüllte Einzeltäter, um nur einige zu nennen. Sie alle wollen das System entweder zerstören oder nach autoritären Maßgaben radikal umgestalten.

Hilft dagegen der moralische Bann gegen rechts? Hilft die Gängelung der Sprache, das betreute Sprechen (Joachim Gauck), das heißt das Sprechen und Denken unter Gebots- und Verbotsregeln? Ich bezweifle es.

Und was ist mit den Alarmschreien der Klimafundamentalisten, die nach dem Motto agieren, wir leben in der Apokalypse und der menschengemachte Umweltschaden muss jetzt beseitigt werden?

Über die letzten Jahrhunderte hat sich immer wieder herausgestellt, dass Demokratie die einzige politische Ordnung ist, in der Menschen freiheitlich leben und den Raum der Freiheit gestalten können. Gleichzeitig bringen Demokratien immer wieder selbstzerstörerische Strömungen hervor. Der französische Historiker François Furet schrieb in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts über den Hass der Bürger auf die Demokratie, der sich im »Selbsthass der bürgerlichen Intelligenz« spiegele.1 Seiner Sicht nach hätten die bürgerliche Eliten seit der Französischen Revolution das Volk immer wieder gegen die Demokratie aufgehetzt, deren Abkömmlinge und Nutznießer sie, die Intellektuellen, doch waren: in Frankreich, in Russland, in Deutschland, in Italien, in Spanien …

Auch Hannah Arendt, die aus Deutschland vertriebene politische Denkerin, wies auf selbstzerstörerische Elemente in den westlichen Demokratien hin und kritisierte den Machtopportunismus der Eliten im 20. Jahrhundert.

Doch das Dilemma ist noch älter: Seit der Antike ist die Geschichte der westlichen Demokratien durchzogen von Selbstzweifeln und Streit, angefangen von Aristoteles über die Gründer der Amerikanischen Republik bis hin zu den westlichen Intellektuellen der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Für ihre Gegner war Demokratie gleichbedeutend mit einer Diktatur der Mehrheit, mit der Herrschaft des Pöbels (oder einer politischen Clique), mit Chaos und Manipulation. Aristoteles empfahl gegenüber dem Schreckbild einer Diktatur der Massen eine Mischung aus demokratischen, republikanischen und aristokratischen Elementen. Die Amerikaner begründeten Ende des 18. Jahrhunderts eine politische Ordnung, die auf dem Prinzip der politischen Gleichheit beruhen sollte. Doch auch 150 Jahre nach ihrem blutigen Bürgerkrieg ist dieses Ziel nicht erreicht.

Die meisten der heute funktionierenden westlichen Demokratien sind Mischformen, die demokratische und republikanische Elemente verbinden, die des Volkes Stimme durch die Gewaltenteilung und das Repräsentationsprinzip filtern und verändern.

In Deutschland gelang es erst nach zwei gescheiterten Revolutionen (1848 und 1918), zwei Weltkriegen und der deutschen Teilung, im westlichen Teil eine stabile Demokratie zu gründen. Seit dem 19. Jahrhundert gab es immer wieder demokratische und republikanischen Bestrebungen und Bewegungen. Jedoch wurden erst nach zwei Weltkriegen genügend republikanische Elemente in die Verfassung eingefügt, um eine Diktatur der Mehrheit verhindern zu können: das Mehr-Parteien-Prinzip, Wahlen, das repräsentative Prinzip, Minderheitenschutz, die Verschränkung der drei Gewalten, das Verfassungsgericht, eine kritische vierte Gewalt, die Medien, bereichert um das World Wide Web.

Und dennoch bringen scheinbar stabile Demokratien immer wieder das Potenzial zur Selbstzerstörung hervor. Die technologische Revolution der letzten 20 Jahre hat wieder einmal deutlich gemacht, wie fragil Demokratien sind, wie anfällig für Zerstörung von innen. Möglichkeiten der Erweiterung und der Zerstörung von Demokratien ungeahnten Ausmaßes stehen zur Verfügung. Das WWW macht in geradezu idealtypischer Weise die Janusgesichtigkeit der Demokratie sichtbar. Mithilfe von Netzaktivitäten ist es heute möglich, eine Demokratie an den Rand der Selbstaufgabe zu treiben. Es reicht aus, wenn sich kriminelle Netzwerke in der Wirtschaft zusammentun, unterstützt von populistischen Massenbewegungen, die in rasender Wut gegen soziale Ungerechtigkeiten die politische Ordnung zertrümmern wollen.

In verschiedenen europäischen Staaten sind in den letzten beiden Jahrzehnten Hybrid-Formen entstanden, die sogenannten illiberalen Demokratien, in denen demokratische Regelwerke und Institutionen aus völkischem, nationalistischem Grund oder/und schlicht aus Profitgier manipuliert werden (Ungarn, Russland, Türkei). Sie alle sind auf dem höchsten technologischen Stand; aber auch in älteren und vermeintlich stabileren Demokratien wie Italien (unter Silvio Berlusconi) sind die demokratischen Institutionen von innen her angegriffen worden (Beispiel: die Funktionalisierung der Gewaltenteilung im Interesse der Exekutive).

Die Bilder, die Gegner (weg mit dem System) und Verteidiger (die beste aller Ordnungen) über die Demokratie verbreiten, könnten gegensätzlicher nicht sein. Doch diese Labels gehen auf reale Eigenarten der Demokratie zurück. Demokratie ist seit ihrer Gründung fragil und daher scheinbar schwach, weil sie auf Freiheit und Vertrauen beruht. Ihre Gegner versuchen, genau dieses Fundament unter ihre Kontrolle zu bringen. Und die Demokratie ist so robust und erneuerungsfähig wie die Institutionen, die die Freiheit schützen, und die Zivilgesellschaften, die sie mit Leben erfüllen. Sie ist diejenige politische Form, in der Reformen, Korrekturen und Regeneration möglich sind. Das unterscheidet sie von anderen politischen Ordnungen.

In diesem Essay lote ich die wechselvolle Geschichte der deutschen Nachkriegsdemokratie vor dem Hintergrund jahrzehntelanger eigener politischer Erfahrungen aus. Und die macht man laufend, auch als Bürgerin ohne Amt.

Wer verstehen will, was Demokratie heute ist, kann sich nicht nur auf Umfragen, Statistiken, Modelle und Theorien berufen. Ohne vielfältige und sich widersprechende Erfahrungen einzubeziehen, ohne andere westliche Demokratien in den Blick zu nehmen, verbleibt die Sichtweise in der nationalen Vogelperspektive.

Demgegenüber werde ich an markanten Schnittstellen der deutschen Geschichte (Auswirkungen der deutschen Teilung in den 1950er-Jahren, Studentenbewegung und APO, das Aufkommen des politischen Terrorismus, die Revolution von 1989/90, die Vereinigten Staaten, der neue Nationalkonservatismus, Populismus und extreme Rechte) Ereignisse, Bewegungen und Konflikte rekapitulieren, deren Zeugin ich war und an denen sichtbar wird, wie die deutsche Demokratie an großen Konflikten, an eigenen und fremden Fehlern gewachsen ist. Doch die Möglichkeit der Selbstzerstörung war und ist immer präsent.

Ich werde im Folgenden das männliche Genus als Allgemeinbegriff verwenden, mit dem sowohl Männer und Frauen gemeint sind, als auch alle besonderen biologischen Profile und gesellschaftlichen Identitätskonstrukte.

Kapitel 1

PARADOXIEN DER FREIHEIT:VON OST NACH WEST

Hineingeboren in eine Familie im Osten Deutschlands, die den Horror der Bombennächte und der Evakuierung überlebt hatte, ist die Erinnerung an die frühe Kindheit in der Nachkriegszeit von Aufbruch und Zuversicht, aber auch von Hungerbildern geprägt. Jahrzehnte später fand ich im Nachlass meiner Mutter einen Text mit dem Titel »Hunger«. Er handelte von halb erfrorenen Händen, die vereiste Kartoffeln rieben, und von gekochten Kartoffelschalen, die ich gierig verschlang.

Die Mutter hatte ihre Kinder aus dem zerstörten Haus in der brennenden Altstadt Dresdens in ein erzgebirgisches Dorf hinübergerettet. Ein Zuhause gab es nicht mehr, wir waren ausgebombt.

Der Vater hatte sich nach der Kapitulation der deutschen Armeen der Gefangennahme durch die sowjetische Besatzungsmacht entzogen und war geflohen, hatte sich wochenlang in der Nähe unseres Evakuierungsortes im Wald versteckt und wurde dort von Einheimischen versorgt.

Der Krieg war zu Ende, und irgendwann bekam die Familie mit sechs Kindern ein Haus in Dresden zugewiesen. Die sowjetische Militäradministration und die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) teilten damals die Bevölkerung in den ihr wohlgesinnten und den feindlichen Teil ein. Die ihr wohlgesinnten Gruppen wurden im Parteijargon Arbeiter der Faust und Arbeiter der Stirn genannt. Arbeiter der Stirn, dazu gehörten meine Mutter und ihr Freundeskreis. Leuten wie diesen gab die Partei Wohnungen, Häuser, zusätzliche Lebensmittelmarken und Erholungsurlaube. Im Gegenzug erwartete sie Loyalität.

Würde man die Stimmung in der Stadt beschreiben wollen, so müsste man sie als Erwartungshaltung beschreiben, gepaart mit dem Willen zum Aufbruch. Nach dem Terrorregime der Nationalsozialisten und der grauenvollen letzten Kriegsphase begann nun etwas Neues. Jeder und jede sollte nach dem Ende der großen Zerstörung am Aufbau einer antifaschistischen Gesellschaft mitwirken. Viel war die Rede von der antifaschistischen Demokratie – und die wollten fast alle. Die Vertreter der sowjetischen Militäradministration und die unter ihrem Kommando stehenden kommunistischen Parteiführer, aus dem sowjetischen Exil nach Deutschland zurückgekehrt, verkündeten, dass nun eine demokratische Republik auf der Basis einer antifaschistischen Gesellschaft aufgebaut werde.

Von Demokratie in der Nachkriegszeit in Deutschland zu sprechen – ganz gleich, ob in Ost oder West – erscheint dennoch irgendwie bizarr. Wie sollten denn, nach einem jahrzehntelangen Autoritarismus im Kaiserreich, einer nur von einer Minderheit unterstützten schwächlichen Demokratie in der Weimarer Republik, dem duldend hingenommenen Terrorregime der Nationalsozialisten, der fast animalischen Existenz in den letzten beiden Kriegsjahren – von den Millionen Soldaten und ihrer täglichen Begegnung mit dem Tod ganz zu schweigen – nun unter dem Regime der Besatzungsmächte demokratische Traditionen wiederauferstehen? Und doch, was sich da an einigen Orten, in einigen Städten und Milieus nach dem Ende des Krieges im Mai 1945 ereignete, das war ein zartes Pflänzchen Zivilgesellschaft, die Grundlage aller Demokratie.

Die Mutter war in der Nazizeit zur Antifaschistin geworden; stolz erzählte sie, dass sie nicht im Bund Deutscher Mädel gewesen sei und – als fünffache Mutter – das Mutterkreuz der Nazis, das ihr im Rahmen einer feierlichen Zeremonie überreicht werden sollte, nur widerwillig irgendwann auf der Amtsstelle abgeholt habe. Für sie begann nun ein neues Leben jenseits der Mutterschaft.

In der zerbombten und zertrümmerten Stadt wuchsen Diskussionszirkel und politische Salons wie zarte Pflänzchen aus dem Boden. Hauskonzerte wurden wieder veranstaltet. Es kamen traumatisierte und invalide Rückkehrer, Idealisten, Verbitterte, Ahnungslose – junge Männer und junge Frauen – zusammen; sie alle wollten das Neue mit aufbauen.

Nächtelang stritten sie darüber, so erzählte es die Mutter später, wie gekommen war, was gekommen war, wer die Verantwortung (viele sagten Schuld) übernehmen sollte. Und wie es nun weitergehen sollte, in welcher Ordnung sie weiterleben wollten, worin Freiheit bestand, an was man noch glauben könne …

Noch wusste niemand Genaues über das Ausmaß des Genozids, den deutsche Mordtrupps im Auftrag von Partei, Regierung und Armeeführung an den europäischen Juden und anderen Völkern im Osten Europas begangen hatten. Die Erfahrungen, die alle – jeder auf seine Weise –, erlebt hatten, reichten aus, um den Neuanfang zu wollen.

Als demokratische Parteien gegründet werden konnten, als Zeitungen wieder erscheinen durften, versammelten sich in deren Redaktionen alle, die nicht dem Naziregime hinterhertrauerten und einen Neuanfang herbeigesehnt hatten. So auch meine Mutter; sie wurde Theaterkritikerin im Feuilleton der UNION, dem Organ der Ost-CDU.

In meinen frühen Jahren wuchs ich inmitten eines regen Netzwerks von Freunden und Bekannten der Eltern auf. Aus den Westsektoren Berlins kamen regelmäßig Besucher, brachten Zeitschriften, Bücher und Nachrichten mit, erzählten von Theaterpremieren und Neuerscheinungen. Es kamen Journalisten, Dichter und Schriftsteller, Maler und Bildhauer, Komponisten … Trotz der allgemeinen Not war die Atmosphäre gastlich; irgendetwas gab es immer zu essen oder zu trinken. Einmal durfte die Mutter sogar mit Erlaubnis der sowjetischen Behörden zu einem Kongress in den Westen fahren.

Die Weltliteratur kehrte zurück; in den Theatern der Stadt wurde wieder gespielt. Das Lebensgefühl wuchs. Dazwischen unbeschwerte Kindheit auf lieblichen Elbhöhen über der zerstörten Altstadt. Kinderspiele auf der Straße und in den Gärten der Freundinnen. Sommergerüche: die Kiefern der Dresdner Heide, der dampfende Straßenteer in der Sommerhitze, der Gestank der mit Holzgas angetriebenen Lastwagen, der Trümmer- und Straßenstaub. Der größte Spielplatz, die Dresdner Heide, lag vor der Tür. Ganze Sommer verbrachten die Kinder und ihre Freundinnen im Schwimmbad, ausgestattet für den Tag mit trocken Brot, Salz und Tomaten aus dem Garten.

Die Politik der SED spielte zu Hause eine geringe Rolle. Das Dresdner Bildungsbürgertum war und ist selbstbewusst. Die allgegenwärtige Präsenz der sowjetischen Besatzungsmacht aber bekamen sogar wir Kinder mit. Das waren für uns die Fremden; sie hatten zwar die Macht und besetzten die schönsten Villen und Schlösschen auf den Elbhöhen. Aber wir wollten mit denen ebenso wenig zu tun haben wie sie mit uns. Wir sahen die Militärfahrzeuge und die Offiziere in Uniform. Wir waren das untergebene Volk, hatten die Kinder unter sich ausgemacht, weil die Erwachsenen so etwas Ähnliches gesagt hatten. Am meisten aber staunten die Kinder über die wohlbeleibten, um nicht zu sagen fetten Ehefrauen der Offiziere. Die badeten kreischend in der Elbe. Es schien, als sei der Fluss nur für sie da. Das war für die Kinder ein außergewöhnliches Augenfest, das wir einerseits genossen, das uns andererseits aber auch unheimlich war.

Als ich eingeschult wurde und zu Hause begeistert vom Fahnenappell auf dem Schulhof erzählte, bekam ich zu hören: Von Fahnenappellen haben wir genug! Ich durfte nicht wie meine Freundinnen die Uniform der Jungen Pioniere tragen, nicht den Eid schwören und nicht an den Gruppentreffen teilnehmen. Das Einzige, was noch blieb, war der Fahnenappell. Ausgeschlossen auf Befehl der Eltern also. Das verstand ich nicht. Was ich aber verstand, war, dass irgendwann nichts mehr stimmte. Zu Hause wurden die Kinder immer häufiger aus dem Zimmer geschickt, die Erwachsenen tuschelten dann hinter verschlossenen Türen. Und doch bekam das Kind mit, dass der Parteisekretär der SED an der Zeitung eine üble Gestalt war, die nicht nur die Meinungsfreiheit in der Redaktion, sondern auch die persönliche Freiheit der Journalisten bedrohte. Eines Tages hinter der Tür lauschend, hörte ich, wie die Erwachsenen darüber sprachen, den Mann durch einen inszenierten Treppensturz aus dem Verkehr zu ziehen. Ein Draht sollte über die Treppe in der Redaktion gespannt werden, über den er stolpern sollte – was dann nicht geschah. Später erzählte die Mutter, dass dieser Parteigenosse auf Redaktionssitzungen mit seiner Pistole herumgefuchtelt und die Redakteure in Angst und Schrecken versetzt habe.

Ein andermal hörten die Kinder den Vater mahnen, die Hintertür des Hauses solle immer unverschlossen bleiben, damit man unbemerkt hinausschlüpfen könnte, wenn vorne die Russen, die Polizei oder die Staatssicherheit klingelten. Der Vater hatte Angst, dass ihn als ehemaligen Major der deutschen Wehrmacht, der am Russlandfeldzug teilgenommen hatte, »die Russen abholen würden«. Die Mutter und der im Hause lebende Onkel befürchteten, von der Staatssicherheit abgeholt zu werden.

Erst viel später begriff ich: Ich war Zeugin der Entstehung wie der Zerstörung einer pluralen Stadtkultur in einer traumatisierten Gesellschaft.

Inzwischen war der ostdeutsche Staat gegründet worden. Sie nannten ihn Deutsche Demokratische Republik. Davon bekam ich nichts mit, ja, in der Erinnerung des Kindes existiert dieses Datum nicht.

Die Stimmung im Haus wurde von Monat zu Monat bedrückter. Angst kam und blieb. Eines Tages verschwand der Vater. Er sei verreist, hieß es. Er kam aber nicht wieder, war in den Westen gegangen, erfuhr ich viel später. Dann verschwanden die beiden älteren Geschwister. Diesmal fragte ich nach, immer wieder. Und bekam immer die gleiche Antwort: Sie seien in einem Internat und könnten im Moment nicht zu Besuch kommen.

Sommer 1952. Monate vorher fuhren die Erwachsenen durch die Ost-Republik und verschickten von den Postämtern jeweils anderer Städte mit jeweils anderen Absendern und Adressen große Pakete. Ich wunderte mich. Es hieß, wir führen diesmal für fünf Wochen in die Sommerferien und bräuchten so viele Sachen für die große Familie, da würden die Koffer nicht ausreichen.

Zu Beginn der großen Ferien stieg die Mutter frühmorgens mit fünf Kindern auf dem Dresdner Hauptbahnhof in den Zug nach Berlin. Dort angekommen, hatte ich meine erste Begegnung mit der Politik. In Ostberlin, beim Umsteigen in die S-Bahn nach Westberlin, machten uns grimmig patrouillierende sowjetische Soldaten auf den Bahnsteigen Angst. Im Übergang vom sowjetischen zum amerikanischen Sektor erschien ein Volkspolizist und verlangte mit Stentorstimme nach den Dokumenten. Meine Mutter zeigte die Ausweise vor. Angst lag in der Luft – und ein bestialischer Gestank, den der jüngste Bruder, noch keine zwei Jahre alt, verbreitet hatte, nachdem er in den mitgeführten Nachttopf gekackt hatte. Der Polizist schaute uns einen nach dem anderen an, zögerte kurz – und verließ daraufhin den S-Bahn-Waggon. Später erzählte die Mutter, der Jüngste hätte uns gerettet, denn der Gestank hätte den Polizisten vertrieben.

In Westberlin folgte dann die große Enttäuschung. Wir waren gar nicht in die großen Ferien gefahren. Plötzlich waren wir Flüchtlinge, heimatlos, auf Almosen angewiesen. Ich war geflüchtet worden, fühlte mich hintergangen, war wütend über die Lügen der Erwachsenen. Es brauchte lange, bis ich begriff, dass sie uns nichts von ihren Plänen erzählen konnten, denn wir Kinder hätten diese Nachricht begeistert weitergetragen, durch die Nachbarschaft, in die Schule, ins Schwimmbad, überallhin.

Einige Monate und zwei Flüchtlingslager später folgte der Einzug in ein Haus in der rheinisch-bergischen Provinz, mitten auf dem Land. Statt lieblicher, frei zugänglicher Landschaft mit Fluss und nahem Stadtleben gab es hier kleinteilige Landstücke, von Stacheldraht umzäunt, an dem sich die Kinder regelmäßig die Kleider zerrissen. Die ortsansässigen Bauern hatten ihren geflüchteten beziehungsweise vertriebenen Kollegen, die aus Polen, der Tschechoslowakei und der DDR in die Bundesrepublik strömten, Land abgeben müssen – staatliche Landumverteilung –, daher die Stacheldrahtzäune.

Statt regem Stadtleben in Dresden nun das isolierte Landleben der Geflüchteten. Das Klima war mild und feucht, keine klaren Sommer, kein Schnee im Winter. Wenn es regnete – und es regnete oft –, versank man auf dem Land im Matsch.

Statt engagierter Junglehrer im Osten ein klumpfüßiger Altlehrer, der alle Fächer unterrichtete, ausgenommen Religion und Turnen. Beide Fächer hingen zusammen, lernte ich; wir turnten nach Konfessionen getrennt. »Die Protestanten stinken«, so begründeten die dominierenden Katholiken diesen merkwürdigen Brauch. Das konnte ich zwar nicht bestätigen, aber der Spruch trat auf wie ein Gebot und war daher hinzunehmen. Zu Hause lachte man darüber. Zur gleichen Zeit wurde die katholische Stadt Köln, 30 Kilometer von unserem Ort entfernt, zu einem Zentrum der ökumenischen Bewegung.

Drüben, wie wir aus dem Osten den Westen nannten, gerade so wie die aus dem Westen den Osten nannten, wurden die Kinder der großen Familie als Russenkinder gehänselt. Auf Bäumen seien wir aufgewachsen, hieß es. Auf gut Westdeutsch bedeutete das: unrettbar anders und asozial. Ich brauchte Monate, um den rheinisch-bergischen Dialekt der Mitschülerinnen in der einklassigen Volksschule zu verstehen. Es gab kein fröhliches Familienleben, die Erwachsenen waren mit dem Überleben beschäftigt. Es half wenig, dass der verschwundene Vater wieder auftauchte, wenn auch nur am Wochenende; auch die fehlenden Geschwister erschienen wieder, allerdings nur in den Ferien und nur zu Besuch.

Sonntags in der katholischen Dorfkirche starrten die frömmelnden Weiber die Kinder der ärmlich gekleideten Familie aus dem Osten erbarmungslos nieder. »Ihr gehört nicht zu uns, am besten, ihr verschwindet wieder«, sagten ihre Blicke.

Ein niedersächsischer Pfarrer soll damals, so hörte ich später, die vielen Flüchtlinge aus dem Osten mit einer Kartoffelkäferplage verglichen haben. In Süddeutschland veranstaltete man Wallfahrten, so erzählten andere, um den Flüchtlingsstrom aus dem Osten mit Gottes Hilfe abzuwehren.

Ich begriff sehr schnell: Die Kindheit war beendet, der Kampf ums Überleben hatte begonnen. Von Demokratie wurde nicht geredet.

Im Westen war kein Aufbruch zu spüren, zumindest nicht auf dem Land. Hier lebten alle in der Leere, die die verschwundene Nazidiktatur hinterlassen hatte.

Es war, wenn man überhaupt dieses Wort verwenden will, eine Gesellschaft der Vereinzelten. In den Familien, deren Väter entweder im Krieg geblieben waren oder depressiv und gewaltbereit aus ihm zurückkehrten, herrschte eine gedrückte Stimmung. Väter, Mütter und Lehrer prügelten ihre Kinder. Das hatten sie so gelernt.