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für alle Bürger:innen dieses Landes Alle wollen Demokrat:innen sein. Doch antidemokratische und rechtspopulistische Phänomene nehmen zu und versuchen, Grundwerte sukzessive auszuhöhlen und in Frage zu stellen. Gesellschaftlich kommt es vermehrt zu demokratiepolitischen Aushandlungsprozessen, etwa um die Gültigkeit der Menschenrechte in der Migrationsdebatte oder um Abtreibungsrechte wie in den USA. Die Demokratie muss reagieren und versucht dies durch verstärkte Demokratiebildung. Der Essay zeigt auf, dass Demokratie sowohl historisch als auch heute ein umkämpftes Gut darstellt, das nicht nur eine Herrschaftsform, sondern zugleich eine Gesellschafts- und eine Lebensform umfasst. Im Sportverein gegen Rassismus und Sexismus aufzustehen, bereits Kindern Mitbestimmung zu ermöglichen, einen Betriebsrat zu gründen oder die Verwandten zum Wählen motivieren, all das verlangt demokratische Haltung. Voraussetzung dafür ist jedoch eine Bildung und Selbstbildung, in der sich Bürger:innen ihres eigenen, demokratischen Selbst bewusst werden. Denn erst dieses Bewusstsein ermöglicht es den Ansprüchen von Freiheit, Gleichheit und Solidarität gerecht zu werden und die Substanz der Demokratie von ihren Wurzeln aus zu erneuern. Auch als eBook erhältlich: eISBN 978-3-7025-8123-7 Demokratie als gelebte Praxis – und nicht als abstrakte Theorie Was jede:r von uns tun kann In Zusammenarbeit mit dem Demokratiezentrum Wien
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Seitenzahl: 84
Veröffentlichungsjahr: 2025
Dirk Lange · Tobias Doppelbauer
Impressum
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©2025 Verlag Anton Pustet
5020 Salzburg, Bergstraße 12
Sämtliche Rechte vorbehalten.
Lektorat: Markus Weiglein
Korrektorat: Anja Zachhuber
Cover: Luise Herke
Grafik und Produktion: Nadine Kaschnig-Löbel
Auch als Hardcover erhältlich: ISBN 978-3-7025-1168-5
eISBN 978-3-7025-8123-7
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DIRK LANGE & TOBIAS DOPPELBAUER
Vorwort: Warum Demokratie gebildet werden muss
Was genau bedeutet es demokratisch zu sein?
Ist Demokratie mehr als nur „hohe Politik“?
Warum Demokratiebildung?
Zur Rolle des demokratischen Bewusstseins
Inklusive Bürger:innenschaft als Leitkonzept
Wo gilt es Demokratie kritisch zu befragen?
Staatsbürgerschaft als Voraussetzung für Teilhabe hinterfragen
Bewusstsein für Selbstwirksamkeit junger Menschen stärken
Freiheit nicht negativ, sondern inklusiv denken
Menschenbilder und Grundannahmen über das Zusammenleben entschlüsseln
Demokratie bilden! Wie demokratische Prinzipien gefördert und gelebt werden können
Politische Teilhabe: „Pass Egal Wahl“
Arbeitsplatz: „Gorillas Workers Collective“
Wohnraum: „Deutsche Wohnen Enteignen“
Ernährung: „Solidarische Landwirtschaft“
Alltag: Wie kann ich mich konkret für Demokratie und gegen rechtsextreme Ansichten positionieren?
Epilog: Die beständige Neuerfindung der Demokratie
ENDNOTEN
LITERATURVERZEICHNIS
Was bedeutet es wirklich, Demokrat:innen zu sein? Die Demokratie ist zwar weltweit populär, gleichzeitig jedoch konzeptionell vage und substanzarm.1 Eine weitere Diagnose stellt fest, dass demokratische Systeme zunehmend durch wirtschaftlich-elitäre Interessen untergraben2 und durch politische, rechtliche und ökonomische Ungleichheitsverhältnisse herausgefordert werden.3 In Zeiten eines erstarkenden Rechtsextremismus müssen sich Demokratien sowohl gegen postdemokratische Tendenzen als auch gegen antidemokratische Kräfte behaupten.
Doch was macht „die Demokratie“ aus? Wenn sich Parteien als demokratisch deklarieren, obwohl sie vom Verfassungsschutz in Teilen als Bedrohung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung eingestuft werden, wird deutlich, dass Demokratie unterschiedlich und sogar gegensätzlich verstanden werden kann.
Demokratisch zu sein, demokratisch zu handeln und in Demokratien zu leben ist jedenfalls eine komplexe und anspruchsvolle Realität. Die Demokratie ist nicht einfach gegeben und kann nicht einfach nur vermittelt werden. Historisch gesehen war die ständige Neubildung und Auseinandersetzung mit dem Konzept der Demokratie stets ein Prozess.4 Und so ist die Demokratie auch heute ein fortwährender Kampf um politische Teilhabe. Dabei sind die Werte von Gleichheit, Freiheit und Solidarität normative Ansprüche, die in demokratischen Aushandlungen immer wieder neu aktualisiert werden müssen.
Die Grundmerkmale westlich-liberaler Demokratien – etwa Volkssouveränität, Menschenrechte sowie freie und gleiche Wahlen – sind Ergebnisse historischer Kämpfe und Errungenschaften beispielsweise von Frauen-, Bürgerrechts- und Arbeiter:innenbewegungen. Diese Aushandlungen finden immer auch im Rahmen von Bildungsprozessen statt, durch die Menschen ihr demokratisches Selbst entwickeln. Die Demokratie und auch die Demokrat:innen bilden sich kontinuierlich neu. Dies geschieht nicht nur innerhalb bestehender Institutionen: Vielmehr müssen rechtliche Ansprüche auf Freiheit und Gleichheit auch außerhalb dieser Institutionen eingefordert werden – weshalb es nicht genügt, Demokratiebildung nur als Demokratievermittlung zu verstehen.
Wir treten dafür ein, dass Bürger:innen einer Demokratie nicht blind auf diese vertrauen, und ihre Grundlagen nicht als unveränderbar hinnehmen. Stattdessen sind sie dazu aufgerufen, die Demokratie und das eigene demokratische Selbst im Alltag und in der Gesellschaft beständig neu zu entwickeln. Es geht darum, die Frage nach der Demokratie radikal zu stellen und zurück zu ihren Wurzeln zu gehen: Die Demokratie und ihre Bildung müssen auf ihre Substanz hin befragt werden, um permanent abzugleichen, inwiefern sie den (eigenen) normativen Ansprüchen von Freiheit, Gleichheit und Solidarität gerecht werden.
Der Volkssouverän besteht aus einer Vielzahl sozialer Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und Lebensformen. Eine legitime Verfassung muss Raum für diese Vielfalt schaffen; das Allgemeinverbindliche ist nicht festgelegt. Daher muss auch die gesamte Idee der Demokratie einen Raum für ständige Veränderung bieten.5
Für Demokrat:innen bedeutet dies nicht nur, diesen Raum offen zu halten: Sie müssen ihn aktiv gestalten und kritisch hinterfragen. Demokratische Bildung sollte daher nicht affirmativ sein – etwa mit dem Gang zur Wahlurne als abgeschlossen betrachtet werden –, sondern auch einen kritischen Reflexionsprozess beinhalten. Demokratiebildung erfordert ein Verständnis von Demokratie im Alltag sowie aktives Engagement für ihre Werte.
Wir vertreten daher die These, dass die Demokratie einen sozialen Raum darstellt, der immer wieder neu gestaltet wird. In diesem Prozess werden demokratische Institutionen sowohl bestätigt als auch herausgefordert und gewandelt. Demokrat:innen müssen sich in diesem Raum orientieren können. Sie füllen die Demokratie nicht nur aus, sondern hinterfragen sie entlang demokratischer Grundwerte, kritisieren in ihr fortbestehende Machtstrukturen und Herrschaftsverhältnisse und erschaffen sie somit beständig. Demokratie wird als Lebens-, Gesellschafts-, und Herrschaftsform6 erlernt, erfahren und dabei auch gebildet.
Mit diesem Buch wollen wir Sie, liebe Leser:innen, dazu ermächtigen, Demokratie nicht nur umfassender zu verstehen, sondern auch kritisch zu beurteilen und demokratische Kompetenzen zu entwickeln. Denn Bildung als Veränderung des Selbst- und Weltverhältnisses erfordert in Bezug auf die Demokratie einen andauernden mündigen Befragungsprozess. Jeden Tag Demokratie zu bilden, heißt auch: Demokratie im Alltag zu verstehen und zu sehen, für sie in kontroverse Konflikte zu gehen, für sie aktiv einzustehen und entlang der normativen Grundwerte zu leben.
Da wir Demokratie somit als ein gesellschaftliches Konstrukt auffassen, das durch seine Bürger:innen mit Leben gefüllt wird, liegt ihr Erfolg in einem Bürger:innenbewusstsein begründet, das demokratisches Urteilen und Handeln ermöglicht. Die Herausforderung besteht darin, dass jede Generation die Demokratie neu bilden muss. Und das ist eine Demokratie, die ihren Ansprüchen gerecht wird und gleichzeitig Raum für Erneuerung bietet. Durch Demokratiebildung kann eine lebendige und widerstandsfähige Demokratie gefördert werden, die den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen ist.
Die Bildung von Demokratie erfordert sowohl theoretisches Wissen als auch praktisches Engagement. Nur durch eine ständige Reflexion über unsere demokratischen Werte und Praktiken können wir sicherstellen, dass unsere Gesellschaft nicht nur demokratisch bleibt, sondern sich auch weiterentwickelt. In diesem Sinne laden wir Sie ein, sich aktiv an diesem Prozess zu beteiligen und Ihre eigenen Ansichten zur Demokratie kritisch zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten, da die Kriterien dafür, was als demokratisch gilt, von verschiedenen Interessengruppen und von unterschiedlichen Wissenschaftsperspektiven anders ausgelegt werden. Die Auseinandersetzung um den Begriff der Demokratie ist somit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch relevant: Es geht dabei immer auch um die Frage, welche Werte und Prinzipien in einer bestimmten Gesellschaft als Grundlage für demokratische Prozesse anerkannt werden.
Demokratie wird oft mit den bereits erwähnten Idealen von Freiheit, Gleichheit und Solidarität assoziiert, wie sie während der Französischen Revolution formuliert wurden. Diese normativen Werte sind umkämpfte Begriffe, die etwa je nach politischer Gruppierung, die darauf Bezug nimmt und sie für sich womöglich gar vereinnahmen will, völlig unterschiedlich aufgeladen, gedeutet und instrumentalisiert werden können. Erst im konkreten Tun werden sie greifbarer – weshalb wir sie erst im Umfeld der Praxisbeispiele (ab S. 62) so richtig mit Leben füllen werden.
Demokratie ist folgerichtig ebenso ein umkämpftes Konzept – das war es immer schon und wird es auch zukünftig sein.7 Demokratie lässt sich als ein Ausverhandlungsprozess darüber verstehen, was genau demokratisch ist – und was nicht. Wenn Demokratie etwa durch den Grundwert der Gleichheit charakterisiert wird, dann wird darum gekämpft, wann und wie in der Gesellschaft diese beispielsweise im Verhältnis von Männern und Frauen erreicht sein kann. Kann man davon sprechen, wenn beide Geschlechter gleich viel verdienen? Oder erst dann, wenn Frauen an den Tagen ihrer Periode eine bezahlte Freistellung von ihrer Arbeit erhalten, so wie radikalere feministische Positionen es fordern?8 Und ist das in diesem Fall schon (ausreichend) demokratisch oder braucht es dazu noch mehr – etwa Beteiligungsrechte von Frauen, Mitbestimmung im Betrieb oder zusätzliche Frauenhäuser?
Klar wird jedenfalls, dass der Begriff der Demokratie niemals nur eine neutrale Beschreibung, eine wertfreie und setzungsfreie Worthülse ist, sondern immer auch ein politisches Interesse verfolgt. Demokratie hat immer eine wertende Dimension. Damit verbunden ist der Anspruch, festzulegen und zu bestimmen, was als demokratisch gilt und was nicht – und somit auch in der Realität eine Wirkung zu erzielen.9
Der Kampf um die Bedeutung von Demokratie zeigt sich in der Vielzahl an demokratietheoretischen Überlegungen unterschiedlicher politischer Strömungen. Historisch betrachtet hat der Begriff „Demokratie“, abgeleitet aus dem Griechischen „demos“ (Volk) und „kratein“ (Herrschaft), verschiedene Bedeutungen erfahren. Während die athenische Demokratie, fortschrittlich für ihre Zeit, auf direkte Souveränität aller Bürger:innen abzielte, vermochte sie diesen Anspruch realiter nicht einzuhalten. Nur reiche, männliche „Vollbürger“ konnten an ihren zentralen Entscheidungsgremien teilhaben und am meisten von ihr profitieren. Darüber hinaus wurde bereits die athenische Demokratie von Philosophen allein schon für ihren Anspruch politischer Gleichstellung auch weniger gebildeter Menschen kritisiert. Platon etwa setzte sich in seiner elitären Vorstellung von Politik für eine Alleinherrschaft der sogenannten Philosophenkönige, also der vermeintlich Klügsten und Gebildetsten einer Gesellschaft, ein.
Erst nach einem längeren Schattendasein wurde die Demokratie gedanklich durch die Philosophen Baruch de Spinoza, Hugo Grotius und später auch Alexis de Tocqueville aufgegriffen. Vor allem dadurch gelangte sie zunehmend zu ihrer heutigen, positiv konnotierten, jedoch noch immer umstrittenen Bedeutung.
In der modernen Welt erleben wir gar eine inflationäre Verwendung des Begriffs: Selbst antidemokratische Bewegungen beanspruchen das Etikett „demokratisch“. Dies führt zu einer Verwirrung über die Substanz dessen, was Demokratie wirklich bedeutet und zeigt, dass der kritische Diskurs über die Inhalte und Grenzen von Demokratie fortwährend geführt werden muss.
Die Bestimmung von Demokratie ist also ein ständiger Prozess – einer, der sowohl theoretische als auch praktische Dimensionen umfasst. Aber was ist die Substanz der Demokratie und was macht sie aus? Woraus bestehen ihre Minimalbedingungen? Selbst zu diesen Grundlagen vertreten Demokratietheoretiker:innen unterschiedliche Auffassungen:
+Für die einen besteht der kleinste gemeinsame Nenner im Anspruch auf politische Gleichberechtigung, also darin, dass alle Menschen in einer Demokratie gleiche Mitbestimmung(srechte) haben.
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