»… den Krieg gründlich verlernen« - Bruno Kern - E-Book

»… den Krieg gründlich verlernen« E-Book

Bruno Kern

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Beschreibung

Wenn wir uns noch eine geringe Chance bewahren wollen, die Überlebenskrise der Menschheit zu bewältigen, dann müssen wir uns zugleich von jeder militärischen Logik radikal verabschieden. So lautet die zentrale These, die Bruno Kern hier vertritt. Allein aus ökologischen Gründen können wir uns Rüstung, Militär und Krieg gar nicht mehr leisten.[ Auch "militärische Verteidigung" führt sich angesichts der Zerstörungskraft der heutigen Waffen selbst ad absurdum.] Anhand einer gründlichen Analyse des Ukrainekrieges entlarvt der Autor die dahinter stehenden geopolitischen Interessen und stellt die "Lüge von der Zeitenwende" bloß. Er setzt sich mit den wichtigsten Gewaltmythen und bellizistischen Ideologien auseinander und entwickelt eine pazifistische Ethik auf der Höhe der Zeit. In deren Zentrum steht die Unüberbietbarkeit des einzelnen Menschenlebens. Der Autor führt uns exemplarisch auch in die jüdisch-christliche Tradition ein. Das "subversive Unterlaufen der Gewalt" in der Bergpredigt hat eine säkulare politische Entsprechung: soziale statt militärische Verteidigung als einzige aussichtsreiche Antwort auf einen Aggressor.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Bruno Kern

»… den Krieg gründlich verlernen«

ISBN (Print) 978-3-96317-435-3

ISBN (ePDF) 978-3-7552-1011-5

ISBN (ePUB) 978-3-7552-1012-2

Copyright © 2025 Büchner-Verlag eG, Bahnhofstraße 5, 35037 Marburg. Kontakt: [email protected]

Covergrafik: Friedensangebot, © Denkstahl, denkstahl.com

Layout: DeinSatz Marburg | tn

Das Werk, einschließlich all seiner Teile, ist urheberrechtlich durch den Verlag geschützt. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen und das Data- und Textmining.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

www.buechner-verlag.de

Inhalt

VorwortKapitel 1: »… wie die Wolke den Regen«? Kapitalismus und KriegWeltfrieden durch Welthandel?ImperialismusDer Industrialismus im ZangengriffKapitel 2: Klimaschutz heißt Pazifismus heißt Klimaschutz. Radikaler Abschied von jeder militärischen LogikDas Militär – der größte Klimasünder?Sicherheitsrisiko KlimakatastropheDer Kampf um schwindende RessourcenEin neuer (Öko-)Imperialismus?Unmittelbare politische KonsequenzenKapitel 3: Die Lüge von der Zeitenwende. Lehrstück UkraineGeopolitische InteressenDie Anbahnung des KriegesDie Dämonisierung des GegnersKehrtwende der US-amerikanischen Politik?Kapitel 4: Herrschaftsideologien und GewaltmythenNatural born killers?TodestriebTödlicher FortschrittBöse von Jugend auf?Kapitel 5: Wider die Nekrophilie. Ethik des FriedensGerechter Krieg?Gleichgewicht des Schreckens?Ohne Waffen, aber nicht wehrlos: Soziale Verteidigung8Kapitel 6: Schwerter zu Pflugscharen. Religion als Sinnressource und Motivation pazifistischen Handelns?»Jahwe ist ein Krieger«Entfeindung und subversives Unterlaufen der GewaltZum ewigen FriedenLiteraturAnmerkungenPersonenregisterABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ

Vorwort

»Mag der Krieg der Vater von Ordnungen und Verhältnissen sein. Er ist ganz sicher nicht der Vater des Lebendigen. Er ist ein Schlächter, der das Leben überall zerstört: das menschliche Leben sowieso, aber auch das Leben der Natur.« – Christoph Quarch

Es verschlägt einem den Atem: Die Möglichkeit von Aufrüstung in unbegrenzter Höhe bekam in Deutschland vor Kurzem Verfassungsrang. »Whatever it takes«: Mit dieser Floskel begründete der aktuelle Kanzler einen Freibrief für Rüstungsausgaben in faktisch beliebigem Ausmaß. Gerechtfertigt wird das mit einer vorgeblichen Bedrohung, die durch ebendiese Aufrüstung überhaupt erst erzeugt wird! Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann nennt genau das »pathologische Vernunft« (s. weiter unten, S. 102).

Deutschland ist seit mehr als zwei Jahren in einer Rezession, und es zeichnet sich auch weltweit ab, dass die Wachstumsmaschine ins Stocken gerät, wie dies bereits 1972 der Club of Rome vorhergesehen hat. Es gibt eine historische Parallele, die einem Angst macht. Die Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 wurde bekanntlich ebenfalls durch einen Rüstungskeynesianismus überwunden – mit bekanntem Ausgang. Damals gab es in Deutschland einen Reichsbankpräsidenten namens Hjalmar Schacht (vgl. dazu Kopper 2006, 211). Er hatte sich ebenfalls ein sehr pfiffiges System ausgedacht, um das Aufrüstungsprogramm am regulären Haushalt vorbei zu finanzieren: die sogenannten Mefo-Wechsel, die natürlich nur im Vorgriff auf den künftigen Krieg überhaupt funktionieren konnten. Auf Hitlers Frage, wie viel Geld er für die Aufrüstung mobilisieren könne, lautete seine Antwort: »Jeden Betrag, mein Führer!« Whatever it takes, hätte er heute gesagt.

Die weltweiten jährlichen Rüstungsausgaben nähern sich inzwischen der Marke von drei Billionen US-Dollar. Während alle definierten Entwicklungsziele Makulatur zu werden drohen und wir auf den ökologischen Kollaps zusteuern, wird die Weltpolitik umso hektischer, sprunghafter und unberechenbarer, da sich die stofflichen Grenzen des Wirtschaftswachstums immer deutlicher zeigen und die globale Konkurrenz verschärfen. Die Gefahr eines Weltkriegs dürfte seit Jahrzehnten nicht mehr so imminent gewesen sein wie jetzt. Angesichts des abbröckelnden bzw. gefährdeten Wohlstands in den reichen Industrieländern scheint die mentale Bereitschaft, den von den Funktionseliten vorgegebenen Kriegskurs mitzumachen, zu wachsen.

Nichts weniger wird in diesem Buch vertreten als die These, dass Pazifismus sich heute als Imperativ des Überlebens unserer Spezies selbst auferlegt. Angesichts dieser zugespitzten globalen Situation aber ist unsere Menschheitsgeschichte samt ihren ethischen Orientierungen einer gründlichen Relecture zu unterziehen. Philosophische Einsichten von der Antike über den Humanismus des 16. Jahrhunderts (Erasmus von Rotterdam), die Aufklärung (Immanuel Kant), das beginnende 20. Jahrhundert (Bertha von Suttner) bis in unsere Gegenwart gewinnen von unserem gegenwärtigen Dilemma aus eine ganz neue Plausibilität. Gegen den zu beobachtenden moralischen Erosionsprozess gilt es, diese (säkularen wie religiösen) Ressourcen neu zu erschließen. Um uns aber widerstandsfähig zu machen gegen die mentale Zurichtung auf den Kriegskurs, gilt es ebenso, die geopolitische Naivität zu überwinden, Interessen aufzudecken, beharrliche Aufklärungsarbeit zu leisten und sich der Aufgabe der Ideologiekritik zu stellen, um einer ethisch geleiteten Vernunft gegen alle Demagogie das nötige Gehör zu verschaffen.

Mainz, Ostern 2025, Bruno Kern

Kapitel 1: »… wie die Wolke den Regen«? Kapitalismus und Krieg

»… eine Wirtschaftsform, die selbst auf der wechselseitigen Vernichtung aller Branchenkonkurrenz basiert, kann nicht anders, als sich politisch in der Form des permanenten Kriegszustandes darzustellen.« – Eugen Drewermann

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, verstummte der wortgewaltige österreichische Satiriker Karl Kraus1 inmitten der Kriegsbegeisterung erschrocken. Ihm war bewusst, dass sich das, was sich hier ereignete, mit der konventionellen Vorstellung von Krieg, mit den »Kabinettskriegen« der Vergangenheit und ihren begrenzten Kriegszielen und kalkulierbaren Opfern, nichts mehr zu tun hatte. Es war der erste Krieg unter dem Vorzeichen der Industrialisierung. Am 14. November 1914 wendet sich Kraus mit einer großen programmatischen Rede an sein Publikum, mit der er zunächst nichts als sein Schweigen begründen wollte. Darin heißt es:

»Ich weiß genau, dass es zuzeiten notwendig ist, Absatzgebiete in Schlachtfelder zu verwandeln, damit aus diesen wieder Absatzgebiete werden. Aber eines trüben Tages sieht man heller und fragt, ob es denn richtig ist, den Weg, der von Gott wegführt, so zielbewusst mit keinem Schritte zu verfehlen. Und ob denn das ewige Geheimnis, aus dem der Mensch wird, und jenes, in das er eingeht, wirklich nur ein Geschäftsgeheimnis umschließt […]. Hinter Fahnen und Flammen, hinter Helden und Helfern, hinter allen Vaterländern ist ein Altar aufgerichtet, an dem die fromme Wissenschaft die Hände ringt: Gott schuf den Konsumenten! […]. Kultur ist die stillschweigende Verabredung, das Lebensmittel hinter den Lebenszweck abtreten zu lassen. Zivilisation ist die Unterwerfung des Lebenszwecks unter das Lebensmittel. Diesem Ideal dient der Fortschritt und diesem Ideal liefert er seine Waffen. Der Fortschritt lebt, um zu essen, und beweist zuzeiten, dass er sogar sterben kann, um zu essen. Er erträgt Mühsal, damit es ihm wohl ergehe. […] Der Fortschritt, unter dessen Füßen das Gras trauert und der Wald zu Papier wird, aus dem die Blätter wachsen, er hat den Lebenszweck den Lebensmitteln subordiniert und uns zu Hilfsschrauben unserer Werkzeuge gemacht.« (Kraus 2014, 33–34)

Kraus erweist sich hier als einer der wenigen nichtmarxistischen und nichtsozialistischen Intellektuellen, die die ökonomischen Ursachen des Ersten Weltkriegs scharf erkannt haben: die Konkurrenz der Industrienationen um Einflusssphären auf dem Weltmarkt, den Wettlauf um die koloniale Unterwerfung, die dann auf die Kolonialmächte selbst zurückschlug. Bis heute gültig beschrieben und analysiert hat dies Rosa Luxemburg in ihrer im Gefängnis verfassten Junius-Broschüre (vgl. Luxemburg 2018, 101–116). Und Kraus findet hier eine unübertreffliche Formulierung dessen, was Karl Marx als das wesentliche Charakteristikum des Kapitalismus betrachtete und »Fetischismus« nannte: die Umkehrung von Subjekt und Objekt, die Tatsache, dass das, was aus den Köpfen und Händen der Produzenten entspringt, unkontrollierbare Eigendynamik gewinnt, der diese Produzenten wiederum ausgeliefert sind. Der Krieg ist bloß die blutige Konsequenz der »Mobilmachung der Maschine«, zu deren Hilfsschauben wir uns selbst degradiert haben.

Bekanntlich hat Karl Kraus sein Schweigen nicht durchgehalten. Davon zeugen die vielen Beiträge aus seiner Zeitschrift, Die Fackel, während des Krieges, die es schafften, sich der strengen Zensur zu entziehen, und davon zeugt nicht zuletzt sein großes Weltkriegsdrama Die letzten Tage der Menschheit. Noch in seinem grandiosen Nachruf unmittelbar nach dem Krieg bestätigt er dessen entscheidenden ökonomischen Hintergrund:

»Es versteht sich von selbst, dass die Kapuzinergruft2 bei aller Bedenklichkeit allein nicht zu dem Gelüste fähig gewesen wäre, die ganze lebendige Welt zu verschlucken, wenn sie nicht ihren Rückhalt in der einzigartigen Verbindung mit jenem Warenhaus gehabt hätte, das die Zeit gekommen sah, der schon auf die rascheste Verbindung Berlin–Bagdad wartenden Kundschaft ihre Pofelware3 anzuhängen.« (Kraus 2014, 367)

Weltfrieden durch Welthandel?

Was aber ist nun zu halten von Jean Jaurès’ berühmtem Diktum, der Kapitalismus würde den Krieg in sich bergen wie die Wolke den Regen? Die unbestreitbare Tatsache, dass die Geschichte des Kapitalismus seit dem Handelskapitalismus des 15. Jahrhunderts bis in die Gegenwart mit einer atemberaubenden Gewaltgeschichte einhergeht, lässt zunächst einen strukturellen Zusammenhang vermuten. Von der Eroberung des amerikanischen Kontinents über die aggressive Erschließung des chinesischen Marktes in den Opiumkriegen und die Kolonialisierung im Zuge der Entstehung der Industrienationen bis in unsere Gegenwart weisen wirtschaftliche Expansion und Prosperität stets die dunkle Kehrseite von Gewalt und Krieg auf. »Handel kann nicht ohne Krieg geführt werden, noch Krieg ohne Handel« – Diese Erkenntnis formulierte bereits im Jahr 1614 ein holländischer Eroberer Ostindiens (Drewermann 2017, 80). Im Zusammenhang des Aufstiegs der Seemacht England im 17. Jahrhundert sprach man vom fiscal-military state, einer engen Verbindung von Staat und Handelskapital. Dem Staat kam dabei die militärische Absicherung und Aufrüstung zu, was unweigerlich zu dessen Verschuldung führte. Aber der Staat hatte zugleich auch die Rolle des vertrauenswürdigen Gläubigers inne (vgl. Lenger 2023, 75–85). Die Tatsache, dass direkte Gewalt und Zwangsarbeit zu allen Zeiten die größten Gewinnchancen geboten haben, ließ Max Weber den Begriff »Beutekapitalismus« prägen (Lenger 2023, 48). Allerdings stand dieser Befund für ihn im Gegensatz zur Rationalität, die er dem modernen Kapitalismus unterstellte – womit wir bereits bei der Bestreitung eines systematischen Zusammenhangs von Kapitalismus und Krieg angelangt wären, die sich auf eine beachtliche Tradition von Denkern und Denkerinnen berufen kann, und zwar lagerübergreifend.

Es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass ausgerechnet über dem Eingangsportal des einem islamistischen Terroranschlag zum Opfer gefallenen New Yorker World Trade Center die von seinem Architekten, Minoru Yamasaki, stammende Inschrift prangte:

»Von höchster Bedeutung ist die Bezogenheit des World Trade Center auf den Weltfrieden, denn die dem Handel innewohnende Kommunikation und Verständigung zwischen den Völkern ist grundlegend für den Frieden.« (zit. nach Schockenhoff 2018, 630)

Diese Denktradition, die eine innere Affinität von freiem, prosperierendem Handel und Frieden behauptet, kann sich nicht zuletzt auf Immanuel Kant und seine Schrift Zum ewigen Frieden berufen. Für ihn waren imperialistische Bestrebungen ein Missbrauch der Ökonomie für militärische Zwecke und gingen gerade nicht aus deren Logik selbst hervor, im Gegenteil. Sie liefen ihr zuwider: »Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege zusammen nicht bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volkes bemächtigt.« (Kant 1964, 226) Kant plädierte im Interesse des Friedens für die Aufhebung von Handelsbegrenzungen, Schutzzöllen und anderen Hemmnissen und setzt auf den wechselseitigen Eigennutz und das gemeinsame Gewinnstreben für eine dauerhafte Stärkung des Friedens. Damit bietet er natürlich einen Anknüpfungspunkt für jede liberale bzw. neoliberale Position von Alexandre de Tocqueville bis Friedrich August von Hayek. Aber auch der Wirtschaftstheoretiker Joseph A. Schumpeter postuliert einen notwendigen Zusammenhang zwischen Wohlstand, Kapitalismus, der modernen Industriegesellschaft und der Sicherung des Friedens. Der Imperialismus sei kein notwendiges Resultat des Kapitalismus, sondern ihm eigentlich wesensfremd und der kriegerischen Disposition einer Machtelite geschuldet. Er hält den modernen Pazifismus gerade für ein Phänomen der kapitalistischen Welt (vgl. Schockenhoff 2018, 628–630). Freilich unterschlägt Schumpeter hier, dass dieser Pazifismus gerade als Reaktion auf die sich zuspitzende Kriegsgefahr um die vorletzte Jahrhundertwende bzw. auf die Erfahrung der beiden Weltkriege entstanden ist. Aber auch dezidiert sozialistische Theoretiker wie der Austromarxist Otto Bauer, der Rätekommunist Anton Pannekoek oder der marxistische Vordenker der deutschen Sozialdemokratie Karl Kautsky vertraten die Ansicht, der Kapitalismus käme sehr wohl ohne Expansion aus. Kautsky hielt den Imperialismus gar für ein Phänomen der Rückständigkeit und meinte – dezidiert gegen Rosa Luxemburg –, gerade die Interessen des Weltkapitalismus würden einen Weltkrieg verhindern (Luxemburg 2018, 67). Auf erschreckende Weise sollte Luxemburg gegen ihn recht behalten.