Den Letzten beißen die Robben - Regine Kölpin - E-Book
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Den Letzten beißen die Robben E-Book

Regine Kölpin

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Beschreibung

Eine frische Brise von der Nordsee, ein kurioses & liebenswertes Ermittlerteam und ein toter Hobby-Schauspieler:  In »Den Letzten beißen die Robben«, dem 3. Teil der humorvollen Küstenkrimi-Reihe von Regine Kölpin, müssen der liebenswerte friesische Eigenbrötler Ino Tjarks und seine patenten Ladys den Mord am Star der Laienspielgruppe aufklären. Nach ihren letzten Ermittlungserfolgen kehrt endlich Ruhe ein in Tjarkshusen an der Nordsee – denkt Ino Tjarks. Doch seiner Haushälterin Gerda Janßen ist langweilig, weshalb sie sich einer Theatergruppe anschließt, die im Gasthaus »Zur Robbe« probt. Als Gerda nach einer Probe gemeinsam mit Ex-Kommissar Traugott Fürchtenicht nach Hause radelt, fallen die beiden beinahe über eine Leiche: Hannes Grassmanns, der wenig beliebte Hauptdarsteller ihres Theaterstücks, wurde überfahren. Natürlich ist das tragisch – aber Gerda kann ihre Freude über die neue Ermittleraufgabe nicht ganz verbergen. Ino muss sofort über den neuen Fall informiert werden, und natürlich muss auch Bäckerin Theda Graalfs wieder mit ran! Und Traugott besteht darauf, diesmal ebenfalls mit im Team zu sein. Dafür hat er allerdings ein ganz eigenes Motiv… Mit warmherzigem Humor und viel Nordsee-Flair lässt Regine Kölpin Ino Tjarks & Co in »Den Letzten beißen die Robben« zum 3. Mal einen Mord aufklären. Der lustige Küsten-Krimi ist die perfekte Urlaubslektüre für Strandkorb oder Gartenliege. Die humorvolle Krimi-Reihe von Regine Kölpin ist in folgender Reihenfolge erschienen: - Ins Watt gebissen - Der Möwenschiss-Mord - Den Letzten beißen die Robben

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Seitenzahl: 360

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Regine Kölpin

Den Letzten beißen die Robben

Ein Küsten-Krimi

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Nach ihren letzten Ermittlungserfolgen kehrt endlich Ruhe ein in Tjarkshusen an der Nordsee – denkt Ino Tjarks. Doch seiner Haushälterin Gerda Janßen ist langweilig, weshalb sie sich einer Theatergruppe anschließt, die im Gasthaus »Zur Robbe« probt.

Als Gerda nach einer Probe gemeinsam mit Ex-Kommissar Traugott Fürchtenicht nach Hause radelt, fallen die beiden beinahe über eine Leiche: Hannes Grassmanns, der wenig beliebte Hauptdarsteller ihres Theaterstücks, wurde überfahren. Natürlich ist das tragisch – aber Gerda kann ihre Freude über die neue Ermittleraufgabe nicht ganz verbergen. Ino muss sofort über den neuen Fall informiert werden, und natürlich muss auch Bäckerin Theda Graalfs wieder mit ran! Und Traugott besteht darauf, diesmal ebenfalls mit im Team zu sein. Dafür hat er allerdings ein ganz eigenes Motiv …

 

Der dritte Fall für Ino Tjarks & Co!

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Zwei Wochen später

Friesische Redensarten

Danksagung

Leseprobe »Ins Watt gebissen«

Leseprobe »Der Möwenschiss-Mord«

1. Kapitel

Jo, da geh ich hin!« Gerda Janßen schob Ino mit spitzen Fingern einen Prospekt über den Küchentisch. Sie war etwas unsicher, wie Ino ihre neue Aktivität aufnehmen würde, und rechnete keineswegs mit großer Begeisterung. Aber wann war Ino, außer von seiner Mühle und seinen Tieren, auch schon mal von etwas restlos überzeugt? Es gab wohl kaum einen Menschen, der so polterig auf andere wirkte wie er. Und dennoch liebte Gerda ihn, weil sie wusste, dass hinter seiner rauen Schale der sprichwörtlich gute Kern zu finden war. Und seit er sie im vergangenen Sommer geküsst hatte, bezeichnete er sie auch als seine Partnerin. Worte wie »Du bist mir nicht ganz unsympathisch« zeugten von seiner großen Liebe zu ihr. So ein Satz aus dem Mund eines echten Friesen war die Liebeserklärung schlechthin. Und wenn Ino dann auch noch ein »Zuckerschnut« dranhängte, durfte Gerda sich auf Wolke sieben wähnen.

Aber nun ging es nicht um die Liebe, sondern um ihr Vorhaben, die Bühnen der Welt zu erobern. Das war vermutlich ein schwierigeres Unterfangen, als Ino ein paar liebevolle Worte über sie zu entlocken.

Noch hatte er nicht reagiert, sondern nippte sinnig an seinem Tee.

Trotz des sonnigen Apriltages wehte ein kräftiger Wind aus Nordwest über den Deich, der sich gleich hinter der Mühle befand. Bei Flut konnten sie in Tjarkshusen das Meer rauschen hören, und immer wurden sie von Möwengeschrei beschallt, was für alle Anwohner hier schöner als jede andere Musik war.

Heute konnten Gerda und Ino nicht draußen sitzen, ungemütlich, wie es war. Die Böen sangen ein schauriges Lied, trieben die wunderbaren Blüten der Bäume vor sich her und ließen sie tanzen. Durch die geschlossenen Fenster drang ein leichter Zug in die Mühle. Deshalb hatten Ino und Gerda beschlossen, das Abendbrot ins Innere zu verlegen.

»Ich habe dir da was rübergeschoben«, versuchte Gerda es erneut. »Ich werde dorthin gehen und mitmischen. Nicht dass mein Lebensinhalt bald nur noch darin besteht, mich von A nach B zu bewegen. Noch gehöre ich nicht zum Kukidentgeschwader ohne Perspektive!«

Ino gönnte der Broschüre noch immer keinen Blick, sondern grummelte: »Sag doch einfach, wohin du gehen willst. Ich habe keine Lust, es durchzulesen.« Er lächelte Gerda entwaffnend an. »Ich bin doch immer mit allem einverstanden, was du tust, mien Leevsten. Wenn du aber so geheimnisvoll tust, dann beunruhigt es mich ein wenig … Gibst du mir bitte die Leberwurst.«

Gerda reichte ihm die Wurstplatte, auf der sich auch Mortadella, Jagdwurst und eine milde Sommersalami befanden. Von der Käseplatte, die sie liebevoll mit Ziegencamembert und Deichkäse bestückt hatte, waberte ein würziger Geruch herüber. Sie griff sich eine Honigtomate und ließ sie im Mund verschwinden. Die Dinger schmeckten einfach zu köstlich. Das gemeinsame Essen aller Mahlzeiten war seit Jahren ein fester Bestandteil ihres Lebens. Ihre Nächte verbrachte Gerda aber nach wie vor in ihrem eigenen Haus, das gleich nebenan lag. Sie wollte ihre Freiheit nicht gänzlich für Ino aufgeben, dazu lebte sie schon zu lange allein und genoss die Unabhängigkeit. Solange der werte Herr nicht um ihre Hand anhielt und Nägel mit Köpfen machte, würde sie das auch so beibehalten, da konnte der alte Zausel sich auf den Kopf stellen.

Ino schmierte die Leberwurst fingerdick auf das frische Brot und hieb seine Zähne genüsslich in die Schnitte.

»Ich spiele von nun an Theater«, schoss es schließlich aus Gerda heraus. »Das da ist der Prospekt der Gruppe.«

Nun warf Ino doch einen Blick darauf. »Das ist eine Kopie, kein Prospekt. Haben die kein Geld für anständige Werbung?«

»Neue Gruppe«, gab Gerda knapp zurück. Sie nahm sich ein Stück Deichwiesengouda und steckte es ohne Brot in den Mund.

Jetzt horchte Ino doch auf. Ihm stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. »Du willst was? Theater spielen? Nicht dein Ernst, oder?«

»Doch, mein voller Ernst.« Gerda angelte nach einer weiteren Tomate, nur um etwas zu tun.

Ino schüttelte heftig den Kopf, schnitt sich ebenfalls ein Stück Käse ab und steckte es in den Mund. Den Rest des Leberwurstbrotes schob er nach und kaute genüsslich, ehe er sagte: »Das ist nichts für dich, sei dir sicher. Die sind doof da. Ich geh deshalb auch nicht mehr hin.« Er nahm sich ein Stück Schwarzbrot, das natürlich aus der Backstube ihrer Freundin und Mitdetektivin Theda Graalfs aus Horumersiel stammte. Er selbst belieferte sie aus seiner Mühle stets mit frischem Mehl. »Aus gutem Grund geh ich da nicht mehr hin. Manchmal kannst du auch auf mich hören.«

Gerda grinste breit, denn sie hatte einen Trumpf in der Hand. »Wir sprechen gerade von zwei vollkommen unterschiedlichen Dingen. Du redest von der Gruppe Maskenball und ich von der Konkurrenz Weißherbst.«

Ino erhob sich schlurfend und nahm eine Flasche Jever Pils aus dem Kühlschrank. »Was soll das sein? Weißherbst ist ein Wein. Gar nicht so übel.«

»Auch eine Theatergruppe«, erwiderte Gerda.

»Hab ich’s doch gewusst. Noch so ein Verein, der auf der Bühne rumturnt und sich wichtigmacht.«

Gerda kannte sein Gestänker schon und versuchte, ruhig Auskunft zu geben. »Es ist eine neue Gruppe, die etwas andere Schwerpunkte hat als der Maskenball. Sie haben sich davon abgesplittert, weil es da nur Meut gab.«

Ino runzelte die Stirn. »Das wundert mich zwar nicht, aber es klingt richtig nach Stress. Abgesplittert! Bestimmt sind das auch noch Revoluzzer!«

Gerda schüttelte den Kopf. »Da irrst du, Ino. Weißherbst sorgt für den Ausgleich der älteren Generation.«

»Was soll denn das heißen?« Ino öffnete die Bierflasche mit einem Ruck. Dem Hals entfuhr ein zischender Laut.

Gerda goss sich derweil etwas vom Pfefferminztee ein, dessen süßlich-minziger Duft durch die Küche zog. Den mochte sie am Abend tatsächlich lieber als den üblichen Schwarzen Tee.

»Ino, du bist immer so negativ«, sagte sie. »Wir Älteren sind beim Maskenball hoffnungslos unterrepräsentiert. Deshalb bist du auf deine alten Tage dort auch nicht zum Zug gekommen.«

»Ich war nur über ihrem Niveau«, widersprach Ino vehement. »Also ich bin zu schlau gewesen.« Er goss das Bier gekonnt ins Glas, sodass sich eine schöne Blume bildete. Für ihn jedes Mal ein wunderbarer Abschluss vom Abendessen. Das zusammen mit einer letzten Scheibe Brot.

»Ach, Ino«, sagte Gerda. »Du verstehst vermutlich nur zu wenig von Kultur, und es fällt dir schwer, um die Ecke zu denken, aber das macht nix, mein Lieber. Bei Weißherbst ist das sowieso anders. Dort spielen sie nur so Sachen, die jeder versteht. Das eine oder andere historische Stück, den einen oder anderen Schwank, ein Märchen oder ein Lustspiel.«

Nun wurde Ino doch blass. »Lustspiel?«, wiederholte er entsetzt. »Ist so was denn noch was in unserem Alter? Also, ich meine, ich würde ja nur ungern auf der Bühne stehen und meine Körperteile entblößen.«

»Die möchte sicher auch keiner sehen«, gab Gerda ungerührt zurück. »Außerdem missverstehst du schon wieder alles …«

»Dass so etwas überhaupt erlaubt ist«, unterbrach Ino sie. »Ich meine, wir leben im Wangerland, und dann so Schweinereien auf der Bühne. Live!«, fügte er hinzu.

»Ino! Ein Lustspiel ist was zum Lachen!«, versuchte Gerda, ihn aufzuklären.

Ino ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und atmete erleichtert aus. »Harrijasses nej, kannst du mich erschrecken, Gerda! Ich dachte echt …« Er lief feuerrot an, fing sich aber schnell wieder. Erleichtert nahm er einen kräftigen Schluck und konzentrierte sich anschließend wieder auf das Schwarzbrot, auf das er nun dünn geschnittenen Camembert legte. »Trotzdem ist das nix für dich!«

Gerda gab es auf, ihn überzeugen zu wollen. »Immerhin ist es ein guter Ausgleich, wenn wir uns nun doch langsam zur Ruhe setzen. Es gibt sonst kaum was zu tun. Nichts mehr konnten wir aufklären. Kein weiterer Mord, nicht einmal ein Taschendiebstahl!«

»Jo, ein feines ruhiges Friesenleben«, sagte Ino.

Gerda aber fand das alles andere als fein. Sie langweilte sich und ihre Freundin offenbar auch.

»Theda will die Bäckerei in jüngere Hände geben und eine Weltreise machen, weil ihr inzwischen die Decke auf den Kopf fällt. Wer rastet, der rostet«, sagte sie und fuhr fort: »Wir zwei beiden haben ja auch nur Haus und Hof. Da ist eine Theatergruppe zur Abwechslung genau das Richtige! So!«

Inos betagte Doggendame Tiger bellte einmal bestätigend auf.

Gerda strich ihr über den schwarz-weiß gefleckten Kopf. »Nicht wahr, mien Lütten. Man muss schließlich was zu tun haben«, sagte sie zu ihr. Tiger legte sich zurück auf ihre Decke und seufzte verständnisvoll. Dann wandte sich Gerda erneut an Ino. »Weil unser letzter Fall nun schon fast ein Jahr zurückliegt, denke ich, dass wir unsere Detektei InoTjarks&Co getrost einmotten können. So viele Verbrechen gibt es im Wangerland eben nicht. Und wie sollen wir auch arbeiten, wenn Theda auf Weltreise geht und die Backstube als Infopool vollkommen wegfällt.«

Ino kaute genüsslich, und Gerda musste warten, bis er ihr antworten konnte. Sie wusste, dass er sich über das Wort Infopool schon wieder aufregte, aber er schwieg sich dann doch dazu aus und antwortete: »Unseren Weg haben schon genug Leichen gepflastert. Ich habe ohnehin lieber meine Ruhe, und wenn wir nicht mehr ermitteln, ist das für uns alle gut.«

Nun regte sich Gerdas Widerstand erst recht. »Mag sein, dass dir das Nichtstun reicht. Ich für meinen Teil freue mich auf andere Aufgaben.« Sie nahm sich das letzte Graubrot. Auch von Theda mit Inos Mehl gebacken. »Mein Leben nach unseren erfolgreichen Ermittlungen hatte ich mir wirklich anders vorgestellt. Aber kaum haben wir uns professionalisiert, stagniert hier alles. Nicht wahr, mien Deern?«, sagte sie in Richtung Tiger. »Ich muss was tun, sonst fällt mir die Decke auf den Kopf.« Sie kicherte albern. »Dann werde ich ja noch kleiner.«

»Sehr witzig«, antwortete Ino. »Hüpf du mal lustig auf der Bühne herum, und ich kümmere mich derweil um Haus und Hof.«

Gerda spitzte die Lippen. »Ich glaube, ich könnte ein richtiger Star werden«, schwärmte sie mit einem gekonnten Augenaufschlag, den sie am Morgen vor dem Spiegel geübt hatte. »Schließlich sind in der Truppe alle nicht mehr ganz frisch, und ich denke, meine schauspielerische Begabung ist etwas ganz Besonderes. Mit meiner außergewöhnlichen Lebenserfahrung habe ich einigen doch was voraus.«

Ino winkte ab und kommentierte Gerdas Eigenlob nicht. Eine negative Beurteilung wäre ihm auch nicht gut bekommen. Schließlich hatte sich Gerda bei ihren bisherigen Ermittlungen immer hervorragend geschlagen, wenn es darum ging, anderen etwas vorzuspielen. Das musste Ino einfach anerkennen!

»Will Theda etwa auch mit?«, fragte er stattdessen und beantwortete seine Frage dann selbst. »Ach nein, sie scheut ja die Öffentlichkeit, sagt sie. Außerdem hat sie doch ihre Reise gebucht und schließt den Laden. Die ist gedanklich schon so was von weit weg.«

Ino grunzte zufrieden, so musste er sich immerhin nicht rechtfertigen, weil er zu solch einem Kram keine Lust hatte. Gegen zwei begeisterte Frauen wäre er machtlos, und sie hätten ihn unerbittlich mitgeschleift. Gerda fand es schade, dass ihre Freundin Horumersiel erst einmal verlassen wollte, doch so war das Leben nun mal. Und sie würde bestimmt eines Tages zurückkehren. Nur gab es dann leider die Backstube nicht mehr. Ein echter Verlust für Horumersiel! Erst hatte sie gedacht, ihre neue Hilfe Sandra, die Minka seit ein paar Monaten ersetzte, könnte Interesse haben, aber die hatte andere Pläne und wollte ihren Hof zu einem Biohühnerhof umrüsten.

»Mich kannst du dann gleich auch von deiner Liste streichen, ich bin ebenfalls raus«, erklärte Ino. Er schaute die Bierflasche an, doch sie war leer.

»Mehr gibt es nicht«, kommentierte Gerda.

Ino stellte die Flasche ergeben zurück auf den Tisch. »Theaterluft will ich definitiv nicht mehr schnuppern, und für einen Undercovereinsatz gibt es schließlich auch keinen Grund. Immerhin leben da in der Gruppe noch alle.«

Gerda wusste, dass er mit Schaudern an den Campingurlaub in Schillig im vergangenen Jahr dachte, wo sie als verdeckte Ermittler tätig gewesen waren und Ino mit Tiger in einem altersschwachen Wohnwagen hausen musste, während sie mit einem recht unkomfortablen Dachzelt auf Inos altersschwachem Wagen hatte vorliebnehmen müssen. Das war nun nicht zu befürchten.

»Ich habe nicht erwartet, dass du mitkommst«, sagte Gerda. »Aber ich mache mich gleich auf den Weg, denn heute ist meine erste Probe. Die anderen sind schon länger dabei. Ik freu mir!« Sie grinste. »Traugott spielt übrigens auch mit!«

»Traugott?«

Gerda wunderte Inos Erstaunen keineswegs. Sie selbst war ähnlich überrascht gewesen, denn auch sie hatte den ehemaligen Kommissar als Schauspieler für nicht besonders talentiert gehalten.

Ino winkte ab. »Jo, dann viel Spaß. Ich guck lieber Fußball. Heute spielt Bremen.«

Gerda stellte die Teller zusammen und verfrachtete sie mit geübtem Griff in die Spüle. »Ich fahre dann los. Das restliche Aufräumen schaffst du wohl allein, oder?«

»Aber hallo!« Ino gähnte lässig. »Wo probt ihr denn überhaupt?«

»Im Saal der alten Robbe. In der ehemaligen Gaststätte steht seit ein paar Monaten alles leer.«

Gerda nahm den Prospekt vom Tisch, verließ die Küche und nahm den Mantel von der Garderobe im Flur. Vor dem Spiegel setzte sie den Hut auf und zupfte ihn in den richtigen Winkel. Sie war zufrieden, denn so gekleidet ähnelte sie Margaret Rutherford sehr. Gerda war ein echter Fan der Schauspielerin und ein wenig stolz, dass sie in ihrer kurzen Zeit der Ermittlertätigkeit auch schon auf zwei Erfolge zurückblicken konnte.

»Auf was wartest du?«, fragte Ino.

Gerda hörte Geschirrklappern. Er war wohl dabei, alles in die Spülmaschine zu stellen.

»Ich habe nur den Hut zurechtgerückt, schließlich bin ich gleich unter Künstlern und möchte was hermachen!« Sie warf einen letzten Blick in die Küche, wo Ino tatsächlich am Geschirrspüler hantierte und eben das Salz nachfüllte. »Wäre allerdings super, wenn du wenigstens zu meiner ersten Premiere kommen würdest. Mit roten Rosen und so!«

»Was spielt ihr?«, rang Ino sich ab. Er drückte den Startknopf der Maschine und sah zufrieden aus, als das Spülprogramm startete.

»Das Märchen Der gestiefelte Kater.«

»Vogelfresser interessieren mich nicht«, antwortete Ino. Er war kein Katzenfreund, weil sie seiner Ansicht nach zu viele Vogelnester ausraubten.

»Wenn du auch nur einen Funken von der Thematik verstehen würdest, dann wüsstest du, dass es bei Märchen immer um eine Botschaft geht und nicht darum, dass der Kater die Vögel verspeist. Der schluckt später nur den Zauberer, den er zuvor in eine Maus verwandelt hat. Kulturbanause«, schnaubte Gerda, bemüht, nicht allzu aufgebracht zu wirken. »Die Story ist ganz einfach: Ein Kater legt den König rein. Das ist genial und sollte deinem Denken doch sehr entgegenkommen! Außerdem«, hob sie an, »spielt das Märchen in einer Mühle. Es geht um einen Müller, seine drei Söhne …«

»Die ich nicht habe«, warf Ino ein, »weshalb mich das Thema auch nicht tangiert. Außerdem kenn ich die Schmonzette. Hat mir meine Oma immer vorgelesen.«

Gerda ließ sich nicht beirren. »Gleichgültig, ob du Söhne hast, es geht um das Thema!«

Ino winkte ab. »Ein Märchen eben. So ein Mumpitz! Nenn mir einen Kater, der Stiefel trägt und den König kennt.«

Aha, dachte Gerda, er kennt das Märchen also tatsächlich.

»Aber bitte, dann spiel mit, wenn es dich glücklich stimmt. Nur bin ich gespannt, welche Rolle sie dir zugestehen. Soweit ich informiert bin, gibt es in dem Märchen gar keine Frau.«

»Doch, die Prinzessin«, insistierte Gerda und verzog wütend das Gesicht, als Ino zu lachen begann.

»Ich will dir echt nicht auf die Füße treten, mien Deern, aber dafür braucht es eine jüngere Frau. Du wirst allenfalls eine Magd oder die Prinzessinnenmutter spielen. Nicht nur weil du betagt, sondern auch weil du ein Neuling bist. Aber«, er hob den Zeigefinger, »die Prinzessinnenmutter gibt es auch nicht in diesem Märchen. Da bleibt nicht viel!«

Gerda bückte sich und warf ihren Schlappen nach ihm.

Ino lachte auf. »Ich wollte es ja nur gesagt haben.«

Gerda war erst versucht, die Mühle jetzt einfach so zu verlassen, entschied sich dann aber doch, Ino noch einmal Kontra zu geben und ihm deutlich zu machen, dass sie durchaus mit einer anspruchsvollen Besetzung rechnen konnte. »Einen Teil meiner Rolle kenne ich schon, aber das ist sicher nur ein Übungspart.«

Ino fragte nicht, um welche Figur es sich handelte, winkte Gerda freundlich und steuerte das Sofa an. »Sei auf alles vorbereitet und bloß nicht frustriert! Ich habe das hinter mir. Ich sollte tatsächlich den Greis mit Rollator mimen! Ich, der noch eine Mühle betreibt, pah!«

Gerda zuckte mit den Achseln. Dann eben nicht. Ino war unbelehrbar. Sie würde auf der Bühne schon ihren Spaß haben, da war sie sicher. Wenn schon keinen Toten, dann wenigstens eine Aufgabe.

2. Kapitel

Eine Theaterprobe hatte Gerda sich anders vorgestellt. Irgendwie aufregender. Die Gruppe Weißherbst traf sich wie abgesprochen außerhalb von Horumersiel in der alten Gaststätte Zur Robbe, der ein Saal angegliedert war. Das Gebäude hatte auch schon bessere Tage gesehen. Draußen blätterte der Putz von den einstmals weißen Wänden, das Dach wirkte schadhaft, und die Fensterrahmen bestanden aus grün gestrichenem Holz, wobei auch hier kaum noch Farbe zu erkennen war und man sie nur noch an wenigen Stellen erahnen konnte.

Beim Saal handelte sich um einen Raum, an deren Front sich eine Theke aus dunkler Eiche befand. Es roch nach alter Kneipe mit dieser typischen Mischung aus Bier und Qualm. Aus der Toilette waberte der Duft von Klostein herüber und rundete das Odeur ab. Es gab eine kleine Bühne, die mit Stühlen und Tischen vollgestellt war, sodass für die Gruppe nur ein mit Malerkrepp abgeklebter Bereich zur Verfügung stand. Das also sollte die Bretter der Welt suggerieren. Gerda war enttäuscht, weil es nicht einmal Kulissen gab, hinter denen das Publikum die kommenden Geheimnisse nur erahnen konnte.

Gerda hatte es sich so wunderbar ausgemalt, wie sie bei den Proben in einem prächtigen Kostüm auf der Bühne stehen und ihre Rolle sprechen würde. Die bereits einstudierten Worte glitten ihr supergeschmeidig über die Lippen. Doch keiner machte Anstalten, sie in ein Kostüm zu stecken oder sich von ihren schauspielerischen Qualitäten zu überzeugen. Es sah nicht einmal so aus, als würde hier in Kürze eine Theaterprobe stattfinden. Im Gegenteil: Alle waren sehr sportlich gekleidet und wirkten eher, als würden sie eine Gymnastikstunde planen, denn die Mitstreiter trugen Leggings, Jogginghosen und bequeme Schuhe.

»Moin, ich bin Marianne van der Balje«, wurde sie dann von einer korpulenten Mittfünfzigerin begrüßt. »Wir sind hier per Du, also Marianne und nichts mit förmlich. Du musst dann Gerda sein?« Schnarrende Stimme, Feldwebelhaltung und ganz sicher Haare auf den Zähnen. Eindeutig eine Führungskraft!

»Ich bin Gerda, das ist richtig!«

»Gut, dann kurz ein paar Anweisungen: Ich führe hier Regie und habe das Sagen«, kam es sofort. Marianne hielt sich nicht damit auf, um den heißen Brei herumzureden. »Also einfach immer das machen, was ich sage, dann läuft es schon.«

Gerda schluckte. Es war wohl besser, dem Folge zu leisten, alles andere wäre kontraproduktiv und würde nicht gut ausgehen. Marianne van der Balje gelang es, sogar Gerda devot werden zu lassen, denn sie wagte keinen Widerspruch.

Diese ersten Eindrücke waren leider nur der erste Schock, und wenn Gerda geglaubt hatte, es könnte nicht schlimmer kommen, wurde sie nun eines Besseren belehrt.

Der zweite Schreck bestand darin, dass für Gerda, so wie Ino es befürchtet hatte, lediglich eine winzige Nebenrolle vorgesehen war, und es sich bei ihrem Textauszug keineswegs nur um einen Bruchteil ihres Parts handelte. Diese beiden Sätze waren Gerdas Rolle. Sie sollte die Magd auf dem Feld mimen, die nachher sagte: »Das Feld gehört dem Zauberer.« Und später die Abwandlung: »Das Feld gehört dem Grafen.«

Das war keineswegs anspruchsvoll und weit davon entfernt, auf der Bühne als Star gefeiert zu werden.

»Ich hatte an eine etwas größere Darbietung für mich gedacht«, erklärte Gerda dann doch, denn die Enttäuschung war einfach zu groß.

Über Mariannes Gesicht glitt ein Leuchten. »Das trifft sich gut und ist wunderbar. Ich brauche noch wen für den Esel.«

»Für den Esel?«, flüsterte Gerda fassungslos. »Ich soll den Esel spielen?«

Marianne sah sie verständnislos an. »Aber ja, die Rolle passt ganz wunderbar zu dir. Und du musst dich nicht fürchten, sie ist keineswegs anspruchsvoll. Du musst nur ›Iah‹ schreien. Aber bitte in drei verschiedenen Tonlagen. Hoch, tief, hoch! Ich denke, das ist machbar.«

Gerda antwortete tapfer: »Das bekomme ich hin.«

Besser den Esel als nur die beiden Sätze! Sonst lohnten das Kommen und die viele Zeit ja gar nicht. Wie sollte sie das alles Ino klarmachen? Der würde sich vermutlich totlachen, weil sie auf diese Gruppe reingefallen war und völlig falsche Vorstellungen hatte. Er, der Spökenkieker, hatte das alles vorausgesehen!

Marianne van der Balje wirkte zufrieden und hob den speckigen Daumen. »Sehr schön, bitte etwas üben, damit du beim dritten Schrei nicht heiser bist und deine Stimme weg ist. Es ist durchaus eine Kunst, schadlos durch solche Rollen zu kommen.«

»Das kriege ich hin«, bekräftigte Gerda und schluckte erneut, weil sie es noch immer nicht wagte, der Regisseurin zu widersprechen.

Leider kam es noch dicker, denn plötzlich begannen ein paar der Akteure zu singen.

Gerda schaute leicht verdutzt, und sofort trat Viola an ihre Seite. Sie spielte die hübsche Prinzessin, und Gerda musste Marianne insgeheim beipflichten, dass sie eine wunderbare Wahl war. Lange dunkle Löckchen, die sich verspielt um ihr Kinn kringelten, ein ebenmäßiges Gesicht mit einer kleinen wohlgeformten Nase, die erheblich ansprechender war als die ihre.

»Warum singen die?«, fragte Gerda das junge Mädchen.

Viola schaute sie bass erstaunt an. »Was sollen sie denn sonst tun?«

»Den Text aufsagen«, stammelte Gerda und kam sich reichlich dämlich vor, weil sie ahnte, etwas sehr Dummes von sich gegeben zu haben.

Viola war aber sensibel genug, sie nun nicht bloßzustellen, sondern sie antwortete freundlich: »Wir spielen den Gestiefelten Kater nicht als Theaterstück, sondern Marianne inszeniert daraus ein Musical. War dir das nicht bekannt?« Dann schlug sie sich mit der Hand vor die Stirn. »Nein, du hast es nicht gewusst, weil du vermutlich noch den alten Zettel gefunden hast. Da war das Stück tatsächlich noch als normale Aufführung in Planung, aber Marianne hat größere Ziele, und außerdem möchte sie, dass wir uns vom Maskenball abheben.«

»Deshalb bin ich also die am meisten in die Jahre Gekommene?«, fragte Gerda, denn sie zog den Altersdurchschnitt gewaltig hinauf.

»Traugott spielt auch mit. Der hat nur ein paar Jahre weniger als du auf dem Buckel«, gab Viola ungerührt zurück. »Zu dumm, dass du nur die alten Infos hast. Da stand auch was von einer Seniorentruppe, nicht wahr? Aber eigentlich ist es doch auch egal. Wir sind ein wunderbarer Haufen und du eben ein Teil davon.« Sie knuffte Gerda in die Seite. »Bis auf Hannes, aber den solltest du selbst kennenlernen.« Gerda musste noch immer reichlich entsetzt dreinblicken, denn Viola fuhr fort: »Komm, zieh kein solches Gesicht! Ist doch toll, dass du gleich zwei Rollen zugewiesen bekommen hast. Ich habe nur eine«, fügte sie tröstend hinzu.

Gerda wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Ihre beiden Parts beliefen sich auf unterstem Niveau, und Viola sang die weibliche Hauptrolle. Da sah sie durchaus einen Unterschied, aber ihr fehlten Lust und Kraft, um zu diskutieren.

Es war ohnehin zu spät. Sie war hier, hatte zugesagt, mitzumischen, und nun gab es vorerst kein Zurück.

Sie sollte singen! Eine furchtbare Vorstellung. Selbst Ino hatte erst letzte Woche behauptet, ihre Stimme gleiche dem Krächzen einer Saatkrähe. Und das, weil sie beim Fensterputzen It’s a Beautiful Noise von Neil Diamond gesummt hatte, denn in diesem Rhythmus ließ es sich wunderbar arbeiten.

Je länger sie darüber nachsann, wie es wäre, unter diesen Voraussetzungen auf einer Bühne zu stehen, desto furchtbarer empfand sie das.

»Ich soll wirklich singen?«, entfuhr es ihr dann doch. »Ich könnte meinen Satz doch wunderbar akzentuiert sprechen!« Vielleicht bestand die Möglichkeit, ihren kleinen Part in eine Sprechrolle umzuwandeln, dann wäre sie aus dem Schneider. Schauspielern konnte sie schließlich verdammt gut!

Leider hatte Marianne ihren Einwurf gehört und schoss durch die Gruppe direkt auf Gerda zu, und die wusste sofort um den großen Fehler, den sie begangen hatte.

»Du singst die beiden Sätze und Punkt«, fuhr die Regisseurin sie barsch an. »Weitere Parts kommen für dich im Chor, das üben wir später. Ich schau gleich mal, welche Tonlage du am besten kannst. Das Stück wird professionell gespielt, da gibt es kein Pardon! Noch Fragen?«

»Alles gut«, antwortete Gerda. Notfalls würde sie im Chor eben nur die Lippen bewegen, wenn sie die Töne nicht exakt traf, das fiel sicher nicht auf. Obwohl – Mariannes Argusaugen und Ohren entgingen bestimmt nichts.

Also erst einmal abwarten und gute Miene zum bösen Spiel machen. Das half immer. Da hatte sie bei Ino schließlich Übung.

Im Augenblick probten sie ohnehin nur zweimal in der Woche. Wenn sie den morgigen Tag überstanden hatte, dann wäre zunächst für eine Woche Ruhe, und sie konnte immer noch entscheiden, ob sie sich nicht doch ein anderes Hobby suchte.

Marianne klatschte in die Hände. »Auf zum Warm-up!«, krähte sie mit dieser nervtötenden Stimme, von der Gerda schon jetzt wusste, dass sie es als anstrengend empfand.

»Warm-up?«, flüsterte Gerda in Violas Richtung.

»Erst wird sich immer aufgewärmt!«, erklärte sie.

Marianne warf einen schnellen Blick auf die Armbanduhr. Überhaupt waren alle ihre Bewegungen ein wenig zu hektisch. »Nun trödelt nicht so rum, wir verlieren schon wieder viel zu viel Zeit, meine Lieben!«

Alle stellten sich im Kreis auf und begannen auf ihr Kommando, mit den Armen zu rudern.

Gerda war entsetzt. Sollte sie hier jetzt tatsächlich turnen?

Marianne bedachte sie mit einem abschätzenden Seitenblick, weil sie sich nur zögerlich bewegte.

»Na los, Gerda! Erst Lockerungsübungen, dann einsingen. Das komplette Programm eben. Gerade in deinem Alter ist das wichtig! Das fördert nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Fitness!«

Gerda begann, wenn auch widerwillig, mitzuschwingen, war aber nicht sicher, ob sie es richtig machte, denn es kam ihr so vor, als würde sie gegensätzliche Bewegungen im Vergleich zu ihren Mitstreitern ausführen. Aber es kam kein Tadel. Dann war es wohl gleichgültig, wie sie ihre Knorpel, Faszien, Gehirnwindungen und was es sonst noch gab, lockerte.

»Hannes ist schon wieder nicht da, das ist echt übel! Und das, wo doch auch Kersten Kleiber abgesagt hat. Er ist unser Doktor«, fügte Marianne als Erklärung mit einem Seitenblick zu Gerda hinzu. »Er kann nicht immer, weil er im Krankenhaus häufig unabkömmlich ist. Ein VIP sozusagen.«

»Und Traugott fehlt auch«, meldete sich Viola zu Wort. Sie war schon etwas außer Atem, dafür schwang sie voller Elan und ging dabei auch noch tief in die Hocke.

»Wer ist Hannes?«, fragte Gerda ihren Nachbarn zur Linken. Es handelte sich um Gerriet Schmidt – auch viel jünger und ihr nur vom Sehen bekannt, weil er manchmal in Thedas Backstube auftauchte und ihre Horumersieler Deichspringer kaufte.

Gerda keuchte inzwischen etwas. Die Übung war anstrengender als gedacht, und mit ihrer Fitness stand es zumindest im körperlichen Bereich wohl nicht zum Besten.

Gerriet sollte den Zauberer singen, das hatte sie schon mitbekommen.

»Hannes hat die Hauptrolle und spielt den gestiefelten Kater. Er vernascht Gerriet am Ende«, erklärte Marianne an dessen Stelle und schaute noch einmal verärgert auf die Uhr. »Aber Hannes braucht immer eine Extrawurst! Wo allerdings Traugott bleibt, weiß ich nicht, der ist sonst immer pünktlich.« Mariannes schnarrendes Organ schmerzte schon wieder in Gerdas Ohren. Die Regisseurin schimpfte weiter. »Wenn Hannes heute wieder nicht oder viel zu spät kommt, übergebe ich die Rolle an Gerriet. Und jetzt weiter! Ob mit oder ohne Hannes!«

Nun wurde jeder Körperteil abgeklopft, dann folgten neckische Spielchen. Sie mussten wie Hunde durch den Saal laufen, dann wie Kätzchen und schließlich wie Pferde. Es folgten Spiele, die an die Reise nach Jerusalem erinnerten oder an den Plumpsack. Danach war Gerda reichlich aus der Puste. Zwar fuhr sie viel mit dem Rad und nahm mittwochabends am Sport der Seniorengruppe teil, aber einige Bewegungen fielen ihr wegen des Hüftgolds schwer.

Nun nur noch das Einsingen überstehen, machte sie sich selbst Mut.

Dabei formten sie mit eigenartigen Grimassen sämtliche Vokale, sprachen in einer staccatoartigen Abfolge das Wort Apotheke rauf und runter und pusteten die Luft laut aus und sogen sie wieder ein. Beide Aufwärmphasen zogen sich über eine Stunde.

Ich will nach Hause!, dachte Gerda jetzt. Ino hatte recht. Das ist nix für mich! Sie war fest entschlossen, es bei dieser einen Probe zu belassen. Ihre Vorstellung von der Inszenierung eines Theaterstückes unterschied sich doch wesentlich von der Realität. Für die dicke Magd und den dämlichen Esel würden sie bestimmt einen Ersatz finden. Und sie wollte in keinem Musical spielen. Das passte nicht zu ihr.

»Ich finde es übel, dass Hannes jedes Mal das Warmmachen schwänzt«, motzte Gerriet jetzt. »Er hat nun mal die Hauptrolle, und da sollte es doch selbstverständlich sein, dass er auch bei den Übungen anwesend ist!«

»Es ist unfair! Wir anderen quälen uns hier herum, damit das Stück was wird, und er?« Tim Matthiesen hatte die Fäuste in die Hüften gestützt und reckte empört das Kinn.

»Na ja, er kann ja auch super singen«, fügte Viola mit ihrer Piepsstimme hinzu. Wie sie die weibliche Hauptrolle singen wollte, war Gerda ein Rätsel. Marianne hatte sie vermutlich wegen der langen dunklen Locken ausgewählt und nicht nach ihrem Können. Obwohl das so gar nicht zu ihrer Ansage der Professionalität passte. Es bestand immerhin die Möglichkeit, dass sie auf der Bühne wie ein Schmetterling aus dem Kokon schlüpfte und zu einem anderen Wesen mit großer Präsenz mutierte.

Nicht weit entfernt waren Martinshörner zu vernehmen.

»Was ist denn da wieder passiert? Und warum stören sie uns?«, schimpfte Marianne. »Nun bitte Konzentration!«

»Bestimmt ist Hannes was zugestoßen«, sagte Tim, aber da wurde schon die Tür aufgerissen, und der Hauptdarsteller stürzte herein. Er trug Sportsachen und hatte seinem verschwitzten Gesicht nach schon eine größere Joggingrunde hinter sich.

»Seid ihr mit dem Warmmachunsinn schon durch? Dann können wir ja starten«, sagte er großspurig. »Die Polizei ist übrigens nicht meinetwegen hier, sondern gen Hooksiel abgedampft.« Hannes reckte das Kinn. »Ich habe mich beim Joggen eingesungen.« Jetzt nahm er den Rucksack ab und holte ein Handtuch heraus, mit dem er sein Gesicht trocknete und das er sich anschließend um den Hals hing.

Mariannes Lippen waren nur noch ein schmaler Strich.

»Ich bin jetzt auch da!«, dröhnte sogleich Traugotts Bass. »Es gab tatsächlich einen Stau in Höhe von Bohnenburg! Tut mir leid, dass ich zu spät bin. Kommt nicht wieder vor.«

»Dann können wir ja jetzt wohl endlich fortfahren. Reiht euch ein. Eine Übung müsst ihr auf jeden Fall noch machen!« Marianne wies zum Kreis. Die Apotheke war nun zum zweiten Mal dran. »So, das muss genügen, sonst stehen wir um Mitternacht immer noch hier«, schnarrte sie und warf einen Blick zu Traugott. »Du kennst deinen Part? Beim letzten Mal war der Gesang noch ziemlich dünn, ich hoffe da auf Besserung!«

»Ich habe geübt«, beeilte sich der Kommissar zu sagen, und Gerda war erneut überrascht, dass selbst ein gestandener Mann wie Traugott Fürchtenicht, der sogar den gefährlichen Kluntje-Killer überführt hatte, vor dieser Frau kuschte.

Zudem war Gerda überaus neugierig, in welche Rolle der ehemalige Kommissar schlüpfen sollte. Traugott schien ihre Gedanken erraten zu haben und erklärte: »Ich bin der König.«

Sie begannen damit, die einzelnen Szenen durchzusprechen, und machten von jeder einzelnen eine Leseprobe.

Die Bühnenwege wollte Marianne bis zur nächsten Woche ausarbeiten, bis jetzt hatte sie auf dem Flipchart nur die der ersten Szene aufgemalt. Gerda fand, dass alles ein bisschen so aussah wie ein Schnittmuster.

Hannes hatte an allem was zu meckern. »So wird das nichts, das ist unprofessionell«, ging er Marianne sofort an. »Die Wege hättest du längst fertig haben müssen!«

Die Regisseurin ließ sich jedoch die Butter nicht vom Brot nehmen.

»Nun spiel du man nicht den Stinkstiefel«, ranzte sie ihn an. Ihre Laune war offenbar auf dem Tiefpunkt. »Das Stück wird der Hammer, weil keine einzige Theatergruppe hier den Gestiefelten Kater als Musical aufführt. Keine einzige. Nienich!«

Gerda fühlte sich von Minute zu Minute unwohler. Sie wollte weder singen noch diese internen Streitereien ertragen. Hannes Grassmanns war ein zwar ungemein gut aussehender Mann mit einer blonden Tolle, die ihm ständig ins Gesicht rutschte, aber zugleich derart unsympathisch, dass sich Gerdas Fußnägel buchstäblich nach oben bogen. Er war nur am Kritisieren, während er sich selbst in einer Tour lobte.

»Ich finde, Viola steckt noch viel zu sehr in ihrer Komfortzone«, sagte er hämisch, weil das junge Ding sich arg zurückhaltend zeigte und ihm nicht die verliebten Blicke zuwarf, die er sich erhoffte. Danach arbeitete er sich an Tim ab, den er in seiner Rolle als erster Müllerssohn ebenfalls stümperhaft sah. Doch den Vogel schoss er Gerriet gegenüber ab. »Gut, dass seine Visage später unter dem Zauberhut fast verschwindet«, ätzte er. »Der hat ein solches Milchbubiface, darüber würden die Zuschauer ja lachen. Ist so ein bisschen das Zwiebackgesicht! Und der soll der Bösewicht sein?« Er lachte bitter auf.

Schon wieder waren Martinshörner zu vernehmen, aber dieses Mal näherten sie sich.

»Nun nimm dich mal zurück!«, herrschte Marianne Hannes an. »So geht das wirklich nicht!«

Es war furchtbar! Die erhoffte Entspannung würde Gerda hier wohl kaum finden. Ein Blick zu Traugott sagte ihr, dass der ehemalige Kommissar wohl ähnlich empfand. Nein, sie würde dieses Ensemble, so schnell es ging, wieder verlassen. Wahrscheinlich hatte ihr lieber Ino auch in der anderen Gruppe ähnlich schlechte Erfahrungen gemacht, und sie war kein bisschen auf ihn eingegangen, sondern hatte tatsächlich geglaubt, er hätte das mit seiner miesepetrigen Art selbst verschuldet. Gerda leistete innerlich Abbitte.

Plötzlich öffnete sich die Tür, und zwei Polizisten traten ein. Die Abenddämmerung wurde von Blaulicht geflutet. Gerda kannte die beiden Beamten leider nicht, obwohl sie sie schon fast als Kollegen sah, schließlich hatten sie als Ermittler gemeinsame Interessen – wie das Aufdecken von Straftaten.

»Ist der Halter des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen«, der junge Mann schaute auf seinen Zettel und las die Buchstaben und Zahlen ab, »hier anwesend?«

Traugott hob die Hand. »Das ist mein Wagen, warum?«

»Wir sind Ihnen gefolgt. Massive Geschwindigkeitsüberschreitung und Fahrerflucht. Haben Sie denn gar nicht bemerkt, dass wir Sie rausgewinkt haben?«

Traugott lief puterrot an. Er hatte es wohl tatsächlich nicht mitbekommen. »Ich war in Eile, nein, das ist an mir vorbeigegangen.«

»Bitte geben Sie Ihren Führerschein ab!«, forderte der Polizist ihn auf. »Sofort!«

Traugott lief mit gesenktem Kopf zur Garderobe, wo er seine Jacke aufgehängt hatte.

»Das war doch selbst mal ein Bulle, und jetzt glaubt der wahrscheinlich, er müsste sich an nichts halten«, giftete Grassmanns herum.

»Halt deinen Mund! Fehler macht ja wohl jeder!«, mischte sich Viola ein. Die anderen stimmten ihr zu, und binnen kürzester Zeit war schon wieder eine heftige Diskussion zugange.

Marianne hob unwirsch die Hand und wandte sich an die Beamten. »Bitte klären Sie das später! Sie stören hier gerade eine wichtige Probe.« Dabei fuhr sie sich durchs Haar, was dazu führte, dass die Locken noch ein bisschen weiter abstanden. Ihre Sommersprossen schienen förmlich zu glühen.

Die Regisseurin machte den Eindruck einer wütend gewordenen Hexe und beeindruckte zumindest den jüngeren Polizisten, denn er schluckte, bevor er stotternd hervorbrachte: »Dann bitte ich darum, dass Herr Fürchtenicht uns in den Nebenraum begleitet.«

Marianne nickte, und Traugott folgte dem Beamten. Er wirkte wie ein Schuljunge, der die Kreide zerbrochen hatte und nun auf seine Strafe wartete. Ein Eintrag ins Klassenbuch war ihm gewiss.

»Ich kann ihn später mitnehmen«, schlug Tim vor. »Ich fahre auch nach Wilhelmshaven, weil ich dort heute Abend noch einen Freund besuchen möchte. Wie soll der arme Tropf denn sonst nach Hause kommen?«

Das fand Gerda nett. Wenigstens einer, der nicht nur auf Krawall gebürstet war.

Marianne ließ sich von der Unterbrechung ohnehin nicht beeindrucken und machte mit einem Handzeichen deutlich, dass sie keine weitere Diskussion wünschte. Sie ging die Szene mit dem Ensemble noch einmal durch, aber es wollten sich weder Spielfreude noch Konzentration einstellen, sodass sie schließlich abbrach und kein einziges Lied gesungen wurde. »Wir sehen uns morgen. Dann bitte alle pünktlich!« Ein scharfer Blick zu Hannes. »Motiviert und konzentriert. Das ergibt heute keinen Sinn!«

Sie fixierte den Hauptdarsteller noch immer, aber der ließ sich kein bisschen davon beeindrucken, sondern grinste nur unverschämt, bevor er sagte: »Mal sehen!«

»Wenn du morgen nicht pünktlich antrabst, dann gebe ich Gerriet die Rolle.«

»Der singt wie eine Motorsäge«, gab Hannes ungerührt zurück. Sein Handy ging, und er trat einen Schritt beiseite, damit er die Nachricht lesen konnte.

Gerda ließ diesen Mieselpriem jedoch nicht aus den Augen. Die Nachricht war wohl nicht besonders erfreulich. Er wurde erst kurz blass, dann presste er die Lippen zusammen und tippte etwas in sein Handy. Doch gleich darauf schüttelte er den Kopf, und es sah aus, als würde er die geschriebene Nachricht löschen.

Sofort war er wieder da und setzte die Angriffe gegen Gerriet fort. »Den als Kater, das tust du dir nicht an, Marianne. Das willst du nicht!« Er steckte das Handy ein. »Ich mach mich dann vom Acker, bin doch ganz schön durchgeschwitzt. Aber auf diese Weise bleibe ich fit, und der Bierbauch hat keine Chance bei Herrn Grassmanns.«

»Bist du echt gejoggt?«, fragte Viola. »Es ist doch dunkel draußen, hast du denn Licht?«

Hannes winkte ab und trabte sich schon mal auf der Stelle warm. Gerda ging sein aufgesetztes Getue auf den Zeiger.

»Ich bin heute wirklich wieder per pedes, kleine Viola. Einen solchen Body wie meinen muss man schließlich trainieren. Und klar habe ich Licht!« Bevor er den Rucksack auf den Rücken schnallte – noch immer auf der Stelle trabend –, zog er eine Armleuchte aus dem Reißverschluss. »Damit erkennt man mich von Weitem. Und jetzt ab dafür. Habe die Ehre!«

Gerda war froh, als er den Saal verließ. Solche Männer verursachten ihr Bauchweh und Zahnschmerzen zugleich.

3. Kapitel

Es dauerte, ehe Traugott aus den Fängen der Polizei entlassen wurde. Er zuckte bedauernd mit den Achseln. »Lappen weg«, sagte er. »Habe ich wohl verbockt. Ich werde mir ein Taxi nehmen. Dumm gelaufen.«

Tim bot wie versprochen an, ihn mitzunehmen, aber Gerda hatte eine bessere Idee. »Traugott, du kannst auch mit zu mir kommen, das Gästezimmer ist schließlich frei, und dann kommst du auch morgen gut zur Probe. Sonst ist es so aufwendig für dich, und das ewige Hin- und Hergefahre ist nicht so toll fürs Klima. Daran sollte man immer denken, vor allem in unserer Generation.«

Traugott überlegte kurz und warf dann ein: »Ich habe aber weder Waschutensilien noch Unterwäsche dabei.«

Gerda winkte ab. »Eine Zahnbürste habe ich natürlich übrig, und zum Anziehen finden wir was. Ino ist zwar etwas dünner als du, aber ähnlich stattlich gebaut.« Sie verwendete bei Ino niemals das Wort dick, denn stattlich klang viel freundlicher, auch wenn es auf dasselbe hinauslief. »Da passt schon was. Ist schließlich nur eine Nacht, die werden wir schon überstehen.«

»Bist du denn mit dem Wagen da?«, fragte Traugott. »Sonst könntest du meinen nehmen!«

Gerda hob entsetzt die Hände. »Im Leben nicht! Ich fahre nur mit meinem eigenen Fahrzeug, und außerdem möchte ich mein gutes Fahrrad nicht hier in der Einöde lassen. Dein Auto ist gesichert, und wir können es morgen mit Theda oder Ino holen.«

Traugott gefiel das sichtlich nicht, und er widersprach sofort. »Aber wie sollen wir dann nach Tjarkshusen kommen? Laufen? Das ist zu weit. Das machen meine alten Knochen nicht mehr mit. Ich bin Pensionär, und das nicht ohne Grund!«

»Das stimmt alles, und wir sind nicht so sportlich wie der gute Hannes«, räumte Gerda ein. »Aber mein Hollandrad hat einen stabilen Gepäckträger, darauf kann ich sitzen, und du strampelst.«

»Nicht dein Ernst!«, sagte Traugott.

»Doch! Ich sehe dir zwar an, dass es dich nicht unbedingt begeistert, aber manchmal ist es, wie es ist. Und jetzt ist eben leichter Sport angesagt.«

»Dummer Spruch«, knurrte der alte Kommissar. »Wollen wir nicht Theda anrufen? Sie könnte mich abholen und nach Tjarkshusen bringen.«

Gerda stutzte kurz, warum Traugott ausgerechnet Hilfe von Theda erwartete und nicht von Ino.

»Theda schläft doch längst«, antwortete sie. »Sie muss um drei Uhr in die Backstube, da sollten wir sie jetzt nicht aus den Federn holen.«

Traugott seufzte ergeben. »Auch wieder wahr!«

»Ich kann ihn wirklich mitnehmen, kein Problem!«, wiederholte Tim, aber Gerda hatte keine Lust mehr auf weitere Diskussionen.

»Alles gut! Wir radeln jetzt gemütlich nach Tjarkshusen. Traugott schafft das schon, so schwer bin ich ja nicht. Und auf diese Weise muss ich alte Dame nicht allein nach Hause fahren.«

»Das hättest du sonst doch auch gemacht!« Traugott war richtig bockig, aber er musste einsehen, dass die Sache längst entschieden war. Schließlich stimmte der Kommissar widerwillig zu.

»Dann muss ich wenigstens nicht allein in meiner Wohnung hocken«, versuchte er sich die Sache schönzureden.

»Genau«, bestärkte Gerda ihn. »Und dir fällt in deiner Einsamkeit die Decke nicht auf den Kopf!« Sie zog ihre Jacke an und wackelte mit dem Fahrradschlüssel.

Nach und nach verließ das Ensemble den Übungssaal, nur Marianne wollte noch bleiben und aufräumen. »Außerdem muss ich die Wege für die zweite Szene planen. Da hat Hannes recht, das muss schnell passieren.« Sie seufzte und setzte sich mit einem großen Blatt Papier an einen der Tische.

Gerda und Traugott verabschiedeten sich von ihr, doch Marianne sah nicht mehr auf, sondern malte verschiedene Kreise auf das Blatt, die sie mit Pfeilen versah.

Der Parkplatz war merklich geleert, als sie vor die Tür traten. Es roch nach den Abgasen der eben fortgefahrenen Autos. Darunter mischte sich der süßliche Duft der vielen Blüten, die den Frühling so wunderschön machten. Irgendwo tuckerte noch ein Mähdrescher übers Feld, auf dem Nachbarhof bellte ein Hund.

Es war spät geworden, und inzwischen hatte die Dämmerung die Marsch fest im Griff, aber noch nahm die Dunkelheit nicht überhand.

»Wo steht denn dein Drahtesel?«, versuchte Traugott zu scherzen.

Gerda wies mit dem Kopf zum Fahrradstand. Es dauerte eine Weile, ehe sie das alte Hollandrad aufgeschlossen hatte, weil sie bei der Dämmerung Schwierigkeiten hatte, das Schloss zu treffen.

Traugott erklomm den Sattel. Er war breiter als gedacht, es würde für Gerda auf dem Gepäckträger eng werden, weil sein Allerwertester weit nach hinten hinausragte.

Er trat an, und sie versuchte, mit einem Satz aufzuspringen, was ihr aber nicht gelang, weil sie an Traugotts mächtigem Rücken abprallte und er auch viel zu schnell fuhr. Der Kommissar radelte weiter, ungeachtet der Tatsache, dass er seine Fracht vergessen hatte.

»Nun warte doch, du Dösbaddel!«, kreischte Gerda. »Meinst du ernsthaft, ich will nach Hause joggen?«

Endlich bemerkte Traugott den Fauxpas und hielt an. »Upps, ich dachte, du sitzt schon längst«, sagte er. »Bitte noch einmal!«

»Aber fahr langsamer, so fix bin ich nicht!«