Wer mordet schon am Wattenmeer? - Regine Kölpin - E-Book
Beschreibung

Wer glaubt, die Nordseeküste sei eine friedliche und beschauliche Gegend, sieht sich getäuscht. Hinterm Deich, in den Marschwiesen, am Nordseestrand und im Moor lauern unsägliche Gefahren auf Besucher und Bewohner des Küstenstrichs. Begegnen Sie der friesischen Gemütlichkeit einmal anders und begleiten Sie die Autorin auf ihrer mörderischen Reise über die Ostfriesische Halbinsel. Sie werden die Nordseeküstenregion anschließend mit ganz anderen Augen sehen.

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Regine Kölpin

Wer mordet schon am Wattenmeer?

11 Krimis und 125 Freizeittipps

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © karstenjeltsch – Fotolia.com

und © Carola Schubbel – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4448-7

Vorwort: Die ostfriesische Halbinsel

Die ostfriesische Halbinsel erstreckt sich vom Jadebusen bis zum Dollart entlang der Nordseeküste. Was ist das für ein Landstrich, in dem das MeerSeeheißt und der SeeMeer? Warum begrüßt man sich dort ausschließlich mitMoin, sowohl tagsüber als auch am Abend? Was sind das für Menschen, die beim Trinken einer Tasse Tee den Löffel nur nutzen, um zu signalisieren, dass sie kein Getränk mehr wünschen? Warum bedeutet Tief in diesem Landstrich keine Großwetterlage, sondern tituliert einen kleinen Flusslauf? Genau wie ein Schlot ein Graben und kein Kamin ist. Dieses und mehr wird Ihnen in diesem Reiseführer begegnen. Auch wenn die Geschichten und Ausflugstipps auf der ostfriesischen Halbinsel angesiedelt sind, ist zwischen Friesland und Ostfriesland und der Stadt Wilhelmshaven zu unterscheiden. Darauf wird bei den Einheimischen großen Wert gelegt und anders wäre es auch politisch nicht korrekt. Zu Ostfriesland gehören die Gebiete der ehemaligen Grafschaft Ostfriesland mit der Stadt Emden und den Landkreisen Leer, Aurich, Wittmund. Die anderen Gebiete gelten aus der Geschichte heraus als friesisch, dazu gehört der Landkreis Friesland mit der Insel Wangerooge, dem Jeverland, dem Wangerland und der friesischen Wehde. Die Stadt Wilhelmshaven ist autark.

Ich lebe in der Küstenregion, seit ich vier Jahre alt bin, fühle und denke Friesisch. Ich liebe die Natur, die Weite der Landschaft und das raue Küstenklima, den Wind, der oft etwas heftiger als anderswo weht. Ich mag die See, wenn sie aufgepeitscht an den Strand schlägt, und auch die Salzwiesen mit der Vielfalt von Flora und Fauna.

Was gibt es Schöneres, als mit dem Fahrrad die Kanäle abzufahren oder durch die ewig grüne Marsch zu radeln. Genauso herrlich sind die Touren an den Deichen entlang. Es ist wunderbar, dabei dem Kreischen der Möwen zu lauschen, die Ruhe jenseits von Stress und Autoverkehr zu genießen. Ich lebe dort, wo andere Urlaub machen und koste es Tag für Tag in vollen Zügen aus. Oft denke ich, dass in Friesland und Ostfriesland die Uhren einfach ein wenig langsamer ticken, was sich auf Land und Leute sehr positiv auswirkt. Entschleunigen ist hier nicht nur ein Modewort. In diesem Buch habe ich aber auch einen ganz anderen, einen mörderischen Blick auf meine Heimat gewagt. Ich bringe die Schönheit und Einzigartigkeit der Landschaft näher, indem ich die kriminellen, die dunklen Seiten ausgrabe. Seiten, wie sie sein könnten. Jenseits der wunderbaren Idylle.

Sie werden mir auf Schauplätze folgen, von denen Ihnen einige vielleicht bekannt sein dürften, andere habe ich für Sie entdeckt. Mindestens einen werden Sie bewusst für die Haupthandlung der mörderischen Geschichten kennenlernen, einige werden Sie nur streifen, hin und wieder auch dort verweilen.

Begleiten Sie mich auf einer manchmal tödlichen Reise entlang der friesischen und ostfriesischen Küste. Vielleicht werden Sie sich dann fragen, genau so, wie ich es getan habe:

Wer mordet schon am Wattenmeer?

Herzlich

Ihre

Regine Kölpin

1. Gemeinde Sande

Die Gemeinde Sande ist eine Flächengemeinde, die sich über fünf Ortschaften, nämlich Sande selbst, Mariensiel, Dykhausen, Neustadtgödens und Cäciliengroden erstreckt. Sie ist eine Biosphärenreservatsgemeinde, liegt direkt am Weltnaturerbe Wattenmeer und wird vom Ems Jade Kanal durchzogen.

Sandes Ortsteile erzählen jeder für sich eine außergewöhnliche Geschichte. Touristisch gilt die Gemeinde eher als Geheimtipp für einen abwechslungsreichen, aber zugleich ruhigen Urlaub.

Ein Besuch im kirchenreichsten Ort Nordwestdeutschlands, nämlich Neustadtgödens, lohnt sich in jedem Fall. Es sind noch alle fünf Kirchen der verschiedenen Konfessionen (sogar eine Synagoge) erhalten, wenn die Gotteshäuser auch häufig nicht mehr als solche genutzt werden. Die ehemalige Mennonitenkirche dient mittlerweile als historische Gaststätte, die reformierte Kirche als Wohnhaus, die Synagoge steht leer. Zwei Mühlen (die Oberahmer Kornmühle und die Wasserschöpfmühle auf dem Wedelfeld) prägen das Ortsbild. Im Museum im Landrichterhaus laden wechselnde Sonderausstellungen und Veranstaltungen zum Verweilen ein.

In Dykhausens reformierter Kirche ist der Grabstein Hinrich Krechtings, des ehemaligen Kanzlers des Täuferführers aus Münster, zu bewundern. Er lebte ab 1543 in der Herrlichkeit Gödens, war maßgeblich an der Gründung des Handelsfleckens Neustadtgödens beteiligt und wirkte bis zu seinem Tod als Armen- und Kirchenvorstand der reformierten Kirche.

Der Ortsteil Mariensiel hat seinen ursprünglichen Charakter als Sielort behalten, Cäciliengroden hingegen besteht fast ausschließlich aus Siedlungshäusern und besticht durch seine unmittelbare Nähe zum Jadebusen, dem Wattenmeer und den vorgelagerten Salzwiesen.

In Sande selbst ist beispielsweise der Fernsehsender Friesischer Rundfunk zu Hause und man kann im Küsteum ein Stück Küstengeschichte erleben. Der sich dort befindliche Marienturm diente als Sommersitz Fräulein Marias von Jever. Sehenswert ist auch die St. Magnus Kirche.

Anreise

Mit dem Auto: A 29 von Oldenburg Richtung Wilhelms­haven, Ausfahrt Sande

Mit dem Zug: von Oldenburg mit der Nordwestbahn direkt bis Bahnhof Sande

Alle Infos oder Anmeldungen für Führungen/Veranstaltungen unter:

Gemeinde Sande

Hauptstraße 79

26452 Sande

E-Mail: Gemeinde@Sande.de

Tel: 04422/95880

www.sande.de

Der Witzbold

Karl oder auch Karl der Große Lüdemann war tot. Daran bestand keinerlei Zweifel. Das Licht im rot-weißen Leuchtturm des Friesischen Rundfunks 1 blitzte unvermindert in die laue Spätsommernacht, ungeachtet der Tatsache, was eben geschehen war. Immerhin hatte der Discjockey die Musik bereits abgestellt.

Der Tote hing über seinem Schnitzel, als habe er im letzten Augenblick noch versucht, ein Stück von der köstlichen Panade zu ergattern.

»Sicher hatte er einen Herzinfarkt, ihm war heute nicht gut«, schluchzte Gertrud, die Frau an seiner Seite. Parfümmarke echt Kölnisch Wasser, großer Vorbau nebst schlecht ondulierter Lockenpracht. Geschätztes Alter: Mitte 50. Sie wurde flankiert von Margarethe und Maria, zwei Schönheiten jenseits des attraktiven Verfallsdatums, dahinter platzierten sich Jupp und Horst in braunen Sandaletten mit weißen Tennissocken und bewaldeten Storchenschenkeln. Sie wirkten angesichts der unfassbaren Situation hilflos, was sich in bedenklichen Nickbewegungen, offenen Mündern und einem Kratzen hinter dem Ohr äußerte. Heribert Eisenherz schien als Einziger nicht überrascht von den Vorgängen. Er aß in Ruhe sein Schnitzel auf, tupfte sich den Mund mit der Serviette ab und gesellte sich erst dann zu seinen Freunden, die sich nach Heriberts Dafürhalten wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen verhielten.

Das Schnitzelessen hatte der krönende Abschluss der diesjährigen Küstenkegeltour sein sollen. Schon im Vorfeld waren etliche Stimmen laut geworden, die von einer Fahrt an die Nordsee abrieten, so als hätten sie geahnt, was kommen würde, als sei die unausweichliche Konsequenz im Ableben von Karl Lüdemann vorhersehbar gewesen. Karl der Große Lüdemann: Ein zu forscher und zu gieriger Mensch. Vor allem, was seine Neigung und seine Besitzansprüche Frauen gegenüber betraf. Es gab keine in der Kegelgruppe, die seinem Charme nicht erlegen war.

Heribert Eisenherz war nicht sicher, was genau seine Anziehungskraft ausgemacht hatte, denn Karl Lüdemann lebte von Besserwisserei und Späßen auf Kosten anderer. Aber sein Einfluss, seine Macht hatte ihm eines Tages den Beinamen Karl der Große eingebracht. War er nicht dabei, nannten ihn alle ausschließlich so.

Mittlerweile herrschte betretenes Schweigen auf dem Gelände. Wäre nicht ab und zu ein Auto oder ein Trecker vorbeigekommen, hätte über dem Platz vor dem Sander Rathaus eine gespenstische Stille gelegen.

Heribert ließ seinen Blick zufrieden über die Kegeltruppe schweifen. Wahre Betroffenheit sah anders aus. Nur machte es sich nicht gut, im Angesicht dieses Unglücks Gleichgültigkeit zu heucheln.

Dennoch war Heribert äußerst glücklich, ja sein Gefühl war beinahe berauschend. Der Tod von Karl Lüdemann war sozusagen das Sahnehäubchen oder das sogenannte Tüpfelchen auf dem I. Die Krönung seines Laufs auf der Zielgeraden. Und das Beste war: Er würde niemals für das, was er getan hatte, belangt werden, denn wer konnte ihm etwas vorwerfen? Er mimte wie immer den Witzbold der Gruppe.

Heribert setzte sich wieder, schnappte sich das Schnitzel seines Tischnachbarn, der offensichtlich satt war, und hieb seine Zähne in das saftige Fleisch. Er bemerkte durchaus die angewiderten Blicke seiner Freunde, denn wer aß schon im Beisein eines Toten? Selbst das Wort Leichenschmaus bezog sich auf eine dem Ableben nachfolgende, aber keinesfalls eine gleichzeitige Tätigkeit, was dem Wohlgeschmack des fantastischen Schnitzels, was sie hier im Pavillon servierten, jedoch keinen Abbruch tat. Dieses Essen war bezahlt und er empfand es als Affront gegen den Koch, es stehen zu lassen.

Nachdem er seinen Teller geleert und die Reste lautstark zusammengekratzt hatte, erhob Heribert sich wieder, trat unter die schweigende und staunende Menge, die gebannt der Arbeit von Sanitätern und Polizisten zusah und welche nunmehr den Rasen bevölkerten. Das Blaulicht mischte sich hektisch zwischen das Flackern des Leuchtturmscheinwerfers und zerhackte es.

Heribert ließ seinen Blick zum Rathaus schweifen, das an die Wiese gegenüber des Friesischen Rundfunks grenzte. Er wischte sich den Mund mit der Serviette ab. Ein Lächeln glitt ihm übers Gesicht. Zum Abschluss würde er alldem noch einmal so richtig eins draufsetzen. Ein wunderbarer Abschlusswitz, der wie ein Absacker wirken sollte.

»Hey Leute«, dröhnte er in die Stille hinein, »kennt ihr den eigentlich schon? Ist ein Beamtenwitz. Von euch gehören doch auch etliche dieser Zunft an, während Karl der Große Lüdemann es vorzog, als Wirtschaftsboss die armen Spießbürger über den Tisch zu ziehen.« Er sah sich beifallheischend um. Der Applaus blieb verständlicherweise aus, was Heribert aber nicht stoppen konnte. »Also hier und jetzt einen speziellen Beamtenwitz für unseren eben dahingeschiedenen Kegelbruder Karl, der euch in dieser Funktion stets absolut lächerlich fand: Ein Beamter kommt nach 29 Dienstjahren zu seinem Chef und will sich versetzen lassen. Sagt der Chef: ›Lehmann, Sie sitzen jetzt schon 29 Jahre im gleichen Büro. Warum wollen Sie dort nicht bleiben‹? – Antwortet Lehmann: ›Tja Chef, das ist halt das wilde Zigeunerblut in mir!‹«

Heribert lachte wiehernd und ziemlich allein, denn so richtig Stimmung wollte sich nicht einstellen.

»Lass gut sein, Heribert!«, mahnte ihn Jupp, der Kegelbruder zur Rechten, während sich ein paar der Damen, Margarethe und Maria voran, demonstrativ die Augen tupften oder lautlos ihr gepudertes Näschen schnäuzten. Ihre Blicke, die sie in Heriberts Richtung sandten, waren scharf wie Speerspitzen.

Der ließ seinen Goldzahn grinsend aufblitzen. Er war noch lange nicht fertig. »Ich kenne einen kürzeren, hört mal zu! Der ist echt gut und hat Hintergrund, da muss man um die Ecke denken! Den hat mir Karl der Große Lüdemann selbst mal erzählt.« Er räusperte sich, ehe er loslegte: »Aus der Haushaltsrede eines Kämmerers: ›Vergangenes Jahr standen wir vor dem Abgrund, dieses Jahr sind wir schon einen großen Schritt weiter!‹«

Heribert schlug sich auf die Schenkel, aber noch immer erntete er keine Begeisterung. Er fand es unfair, immerhin war er der Einzige, der die Dinge je beim Namen nannte. So scheinheilig jetzt auch alle taten: Niemand von ihnen hatte Karl Lüdemann gemocht. Denn der stiftete Unfrieden, was nicht zuletzt seinem Goldkettchen und der weißen üppigen Haarpracht geschuldet war. Beides faszinierte die Damenwelt stärker, als es sollte. Karl hatte das ausgenutzt, wann immer er konnte. Ungeachtet der Tatsache, Gertrud damit zu verletzen. Doch da er sie regelmäßig mit verschiedenen Brillanten zu trösten verstand, hatte sie gelernt, stillzuhalten. Ein Edelstein war das schlagende Argument und Gertrud wusste genau, wie sehr sie von ihren Kegelschwestern darum beneidet wurde. Zwar war allen, wirklich allen anderen weiblichen Wesen bekannt, wie gut Karl der Große Lüdemann untenherum gebaut war, aber sie allein durfte in der großen Seevilla an seiner Seite hausen. Sie allein trug den teuren Schmuck und sie allein fuhr den Jaguar. Gertrud achtete allerdings mit Argusaugen darauf, dass ihr Gatte die Spielregeln einhielt und weder Maria oder Margarethe oder sonst wen mit ähnlichen Präsenten bedachte. Karl der Große Lüdemann hatte sich auch stets brav an die Abmachung gehalten. Zu viel galt ihm der gesellschaftliche Status, eine Scheidung hätte sich nicht gut gemacht. Da war er altmodisch.

Die anderen Ehemänner sahen betreten weg oder waren von ihm abhängig, denn der Arm von Karl Lüdemann reichte als geschätzter Wirtschaftsboss weit. Nun aber nicht mehr und das hatten sie ausschließlich Heribert Eisenherz zu verdanken. Er hoffte, dass sie es eines Tages honorierten. Er war ein Held.

Heribert hatte nie Lust verspürt, vor Karl Lüdemann einzuknicken, vermutlich als Einziger. Erst recht nicht, seitdem er auch seine Frau in dessen Bett vorgefunden hatte. Obgleich der sie verstieß, wie alle seine Eroberungen, weil er eben seine in Kölnisch Wasser getränkte Gertrud nie verlassen würde, reichte sie die Scheidung ein. Heriberts Potenz und männliche Bestückung genügte ihr im Vergleich zu Karls in der Folge nicht mehr. Aufgrund dieser Tatsache hatte sich in Heribert eine gewisse Antipathie eingestellt, die, je länger seine Frau fort war, in Hass umgeschlagen war. Welchen Mann ließ der Vorwurf einer mangelnden Potenz und eine zu geringe männliche Größe schon kalt? Das war so ziemlich das Schlimmste, was eine Frau über ihren Angetrauten sagen konnte, und eindeutig nicht hinnehmbar. In vielen dieser quälenden Nächte hatte sich Heribert Eisenherz durchgerungen, dass in Bälde mit Karl Lüdemanns Leben Schluss sein sollte.

In ihm reifte ein Plan, den er letztlich auf genau dieser Kegelfahrt umzusetzen gedachte. Sein Widersacher würde nicht lebend nach Düsseldorf zurückkehren und er, Heribert, plante nicht, sich die Hände dabei schmutzig zu machen.

Mittlerweile langweilte sich Heribert. Die Sanitäter und Polizisten schienen immer dasselbe zu tun. Keine Abwechslung in der Szenerie. Er hatte sich etwas Spektakuläreres vorgestellt. Doch im Prinzip konnte er stolz auf sich sein, denn ganz eindeutig vermutete niemand einen Mord. Er hatte es richtig gut gemacht.

Heribert setzte sich in einen der seitlich aufgebauten Strandkörbe und beobachtete von dort das Geschehen. Er hatte freien Blick, es erschien ihm wie ein Logenplatz. Den hatte er sich auch redlich verdient. Wer schon mordete am Wattenmeer so perfekt wie er? Sie weilten bereits seit drei Tagen in Sande. Drei Tage, in denen die Schraube sich Tag für Tag fester angezogen hatte. Darauf musste er anstoßen und wenn er es mit sich selbst tat. Er bestellte sich einen Sturmflut, trotz des Durcheinanders servierte man ihm den bräunlichen Kräuterschnaps. Es wurde Zeit, seinen Geniestreich noch einmal ausgiebig Revue passieren zu lassen.

»Wo de Nordseewellen trecken an de Strand …« Heribert hatte das Lied gleich bei der Abreise aus Düsseldorf angestimmt und es folgte stilecht: »Dat du mien Leevsten büst …«

Die Kegelgruppe hatte Spaß, das Bier nährte die Männer, der Piccolo prickelte in den Kehlen der Damen. Mit dieser gut gelaunten Gesellschaft näherte sich der Bus dem historischen Flecken Neustadtgödens 2. Zunächst war ein Besuch im Landrichterhaus geplant, anschließend eine Kostümführung.

Der Gästeführer erschien und führte die Gruppe durch den geschichtsträchtigen Ort. Karl der Große Lüdemann tat das, was er immer tat: Er gab an. Und zwar in einer unnachahmlich dämlichen Überheblichkeit, die auch den Gästeführer des Öfteren veranlasste, die Stirn zu runzeln. Keiner, der sich so gut vorbereitet hatte, ließ sich gern belehren, niemand beantwortete freiwillig solch provozierende Fragen, ob es in den Gotteshäusern damals Abtritte gab oder ob der Pfarrer selbst auf aus Knochen gebauten Kämmen Musik machte, denn sicher habe es noch gar keine richtige Orgel gegeben. Karl der Große Lüdemann aber stellte diese Fragen, kam sich witzig vor, sah seine Bemerkungen als humorvolle und gelungene Bereicherung des Tages.

Heribert bewunderte den Gleichmut, mit der der Gästeführer darauf reagierte, vermutlich war er so etwas gewöhnt.

In der evangelischen Kirche platzte Heribert dann der Kragen. Er stand auf, nutzte die wunderbare Akustik des Gotteshauses und schmetterte mit Inbrunst den ersten wirklichen Witz des Tages, in der irrigen Hoffnung, Karl der Große Lüdemann zum Schweigen zu bringen: »Moses kam vom Berg herab, um den Wartenden Gottes die Botschaft zu verkünden.

›Also Leute, es gibt gute und schlechte Nachrichten. Die gute ist: Ich hab ihn runtergehandelt bis auf zehn. Die schlechte: Ehebruch ist immer noch dabei!‹«

Alles schwieg, Heribert war es gelungen, das beherrschende Thema, die Untreue der anwesenden Kegelschwestern und ihre ständigen Techtelmechtel mit Karl unauffällig in den Mittelpunkt zu stellen. Seinen Wink hatte jeder verstanden, doch wie immer nahm keiner den Faden auf. Es war ihnen peinlich, mit der Nase darauf gestoßen zu werden. Dennoch versuchten alle von der Sekunde an, ein wenig auf Distanz zu gehen. Der erste Schlag gegen Karl Lüdemann hatte gesessen. Er war mit den paar Sätzen mundtot gemacht geworden und der Gästeführer konnte seine Führung unbehelligt fortsetzen.

Anschließend besuchte die Kegelgruppe die Oberahmer Kornmühle 3 und die Wasserschöpfmühle 3 im Wedelfeld. Karl Lüdemann war außergewöhnlich still, Heriberts Witz hatte ihn kleinlaut gestimmt. Aber der Tag war noch lange nicht vorbei.

Im Neustädter Stübchen stärkten sie sich bei Kaffee und Kuchen und setzten anschließend die Rundreise mit dem Bus fort. Sie passierten den Jüdischen Friedhof 4 und das Schloss Gödens 5, wo Gertrud es sich nicht verkneifen konnte, ihre letzten beiden Besuche bei der Landpartie und bei Weihnachten auf Schloss Gödens mehr oder weniger beiläufig zu erwähnen. Immer wieder streifte ihr Blick ihren Gatten, doch der schwieg beharrlich, wollte sich offenbar kein weiteres Mal aufs Glatteis begeben.

Sie stapften in Dykhausen 6 hoch zur reformierten Kirche, wo der Grabstein eines berühmten Täuferführers zur Besichtigung auf die Gruppe wartete. Das Gotteshaus war schmucklos, wie reformierte Kirchen sich eben darstellten, und da Heribert sich generell nicht für alte Gemäuer, ob christlich angehaucht oder nicht, begeistern konnte, ließ es ihn auch jetzt kalt.

Karl Lüdemann aber lief sich schon wieder warm. Er grub eine Anekdote aus, eine Legende, die er über den Täuferführer aus Münster irgendwo gelesen hatte. Es ging darum, wie er bei Nacht und Nebel aus der Stadt geflüchtet war. Und dass es Münzen gab, die sie als Propaganda nutzten. Die Damenwelt zupfte andächtig im Gleichtakt die Utensilien für die Kriegsbemalung in Form von Lippenstiften, Kajal und Lidschatten heraus und hing mit ebendieser an seinen vollen Lippen.

Heribert war froh, als sie den Bus erneut bestiegen. Als alle saßen, legte Gertrud wieder mit ihrer Landpartie los und wie gut es ihr auf dem Schloss gefallen hatte. »Und der Karl kennt ja so viele von Rang und Namen. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie vielen Grafen ich schon die Hand geschüttelt habe!«

Heribert drehte sich um. Es wurde Zeit für seinen nächsten Coup. »Kennt ihr den?« Er holte Luft, die Frauen wandten sich demonstrativ ab, starrten aus dem Fenster, wo es allerdings nichts zu sehen gab, da der typisch friesische Nieselregen eingesetzt hatte und den Rheinlanddreck an den Scheiben zu einer undefinierbaren Masse vermischte. Heribert erkannte deren Unbehagen, aber gleichwohl die Kampfeslust in den Augen ihrer Männer. Er hatte sie seit seinem Einsatz in der Neustädter Kirche auf seiner Seite, auch wenn sie es nicht zugaben.

»Ich meine einen dieser Grafenwitze«, erhob Heribert seine sonore Stimme, kämpfte sich zum Fahrer durch und nahm das Mikro in die Hand. »Für alle, die sich noch nicht genug dem Adel hingegeben haben! Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt.

Sitzt ein Graf mit schlohweißem Haar und Goldkette einem Mann gegenüber im Zug. Nach einer Weile fragt er: ›Darf ich fragen, wohin die Reise geht?‹

›Von Paris nach Frankfurt.‹

›Das ist ja wunderbar. Diese moderne Technik. Sie fahren von Paris nach Frankfurt und ich von Frankfurt nach Paris. Nur, dass sie so herum sitzen und ich andersherum.‹

Heribert griente Karl der Große Lüdemann an und lachte laut ins Mikro. Dieser Witz war das Abziehbild seiner dämlichen Bemerkungen und der Gute hatte das sehr wohl zur Kenntnis genommen.

Heriberts Schläge kamen platziert und zielgenau. Doch es war lediglich der Beginn. Sein Gegner musste sich ganz warm anziehen. Es war wie beim Boxkampf, auf den sich Heribert als guter Fernsehzuschauer ausgezeichnet verstand. Perfekte Vorbereitung und ein gezieltes Training waren einfach alles. Karl der Große Lüdemann war ihm hilflos ausgeliefert, genau so wollte Heribert es haben.

Dem blieb nichts anderes übrig, als den Kopf zu schütteln und seiner Gemahlin so etwas wie »primitiv« ins Ohr zu hauchen.

Der Tag war bald geschafft, und als sie schließlich Quartier in ihrem Hotel bezogen, war Heribert Eisenherz hoch zufrieden. Karl der Große Lüdemann war merklich stiller geworden, die anderen Männer mutiger. Er hatte seinen Thron bereits stiekum verlassen müssen. So war der Plan. Am Ende würde er am Boden liegen.

Morgen war eine Radtour den Ems-Jade-Kanal 7 entlang geplant. Das Vorhaben konnte unbehelligt weiter ausgereizt werden.

Es lagen noch volle zwei Tage vor der Truppe. Volle zwei Tage, um gezielt zu verwunden, bis Karl der Große Lüdemann am Schluss seinen Verletzungen erlag.

Heribert hatte das Universum, ja sämtliche Mächte der Welt beschworen, ihm bei seinem Vorhaben zu helfen. Er hatte es genauso gemacht, wie er es in seinen Esoterik-Ratgebern gelesen hatte. Nun würde sich herausstellen, ob es stimmte, dass man alles erreichte, wenn man es sich nur fest vornahm. Und wie er es geplant hatte! Wie ausgefuchst, wie akribisch. Es konnte nicht schiefgehen. Diese zwei Tage waren die letzten im Leben von Karl der Große Lüdemann. Der Kosmos würde ihn keinesfalls im Stich lassen.

Die Sonne schien und brach sich in den leichten Wellen des träge dahinfließenden Ems-Jade-Kanals.

Heribert war schon früh aufgestanden und um den Sander See 8 gejoggt, denn seine Wut auf Karl war in der Nacht fast unbezwingbar geworden. Er sollte jedoch seine Kraft bündeln und vor allem durfte er weder emotional noch unüberlegt agieren. Kein Boxer tat das. Pokerface. Ruhe ausstrahlen. Präsenz zeigen.

Jeder Schlag in Richtung Karl der Große Lüdemann musste sitzen. Er hatte nur ein geringes Zeitfenster und nur wenige Treffer frei. Traf er nicht, bestand die Gefahr, dass sich die Stimmung wendete, das wollte und konnte er sich keinesfalls leisten.

Nach dem ausgiebigen Frühstück liehen sie Räder an der Paddel- und Pedalstation 9 und machten sich auf den Weg am Kanal entlang in Richtung Mariensiel 10. Es war eine gut zu fahrende, idyllische Strecke. An einigen Stellen trennte lediglich ein Stück Wiese den Weg vom Wasser. Ein kleiner Schubs mit dem Vorderrad würde genügen und das unterleibsgesteuerte Leben von Karl Lüdemann fände in den braunen Moorfluten sein Ende. Heribert reizte die Vorstellung zwar, doch genau zu solchen unüberlegten Handlungen durfte er sich nicht hinreißen lassen. Er musste sich zusammennehmen. Karl der Große Lüdemann beglückte alle Damen und doch hinterließ er nichts als gebrochene Herzen. Das Recht war auf der Seite Heriberts und er würde sein Ziel genau so verfolgen, wie er es sich in den langen und einsamen Nächten in Düsseldorf ausgemalt hatte. Er war in der Lage, Karl auf eine einzigartige Art und Weise zu besiegen, denn darin war Heribert unschlagbar: Er kannte sämtliche Witze dieser Welt.

Sie passierten den kleinen Flughafen am Deich. Dort war Showtag und ein Fallschirmspringer löste eben seine Leine, um in Richtung Boden zu segeln. Heribert nahm die »Aahs« und »Oohs« zur Kenntnis. Das war seine nächste Möglichkeit. Wieder warf er einen gekonnten Seitenblick zu Karl, der ausgerechnet neben Ilse stand, die erst vor zwei Monaten seinetwegen ungewollt schwanger geworden war und abgetrieben hatte. Sie war eine vom jüngeren Kaliber, hatte mit ihren 45 Jahren aber wohl nicht mehr daran geglaubt, dass die Potenz ihres Lovers bis zur Befruchtung ausreichte.

»Kennt ihr schon den neusten Fallschirmwitz?«, fragte Heribert Beifall heischend in die Runde. Alle schüttelten den Kopf. Jupp scharrte mit der Schuhspitze über das grüne Deichgras und befleckte die blütenweißen Spitzen seiner Tennissocken. Horst, der Ehemann Ilses, schluckte so heftig, dass sein Adamsapfel auf- und niedertanzte. Es war unwahrscheinlich, dass er von dem Wechselbalg nichts gewusst hatte.

»Was ist der Unterschied zwischen einem Fallschirm und einem Kondom?« Heribert stieß Jupp den Ellenbogen in die Seite. »Na, sag schon! Du ahnst es doch!« Der wandte sich ab, aber Heribert umfasste seine Schulter. »Der Unterschied zwischen einem Fallschirm und einem Kondom ist: Wenn der Fallschirm reißt, stirbt einer! Na, ist der gut?« Heriberts Lachen wurde nicht einmal vom Nordseewind weggeweht. Es haftete in aller Ohren und setzte sich dort fest. Horst und Jupp hatten rote Wangen und konnten die Worte sehr wohl einordnen. Ilse lachte ihr schrilles Ilselachen und tat so, als amüsiere sie sich über den Witz. Die anderen Frauen taten es ihr gleich.

Was für eine gelungene Fahrt!

Die Kegelgruppe radelte weiter, hielt zwischendurch an einem der Werke des Skulpturenpfads. 10 »Das ist wahre Kunst der Schöpfungsgeschichte«, brüstete sich Karl der Große Lüdemann, wollte wohl wieder mal klarstellen, dass er als Einziger wusste, was es mit dem Hintergrund dieser Bildnisse auf sich hatte.

»Ja, die Schöpfung, das Menschwerden, hat etwas«, ergänzte Heribert. »Und wie wunderbar, was Gott uns als Beigabe geschenkt hat. Die Liebe und die schönen Frauen.« Heribert entging das betretene Schweigen nicht, er konnte gezielt nachlegen. »Ich kenn da einen: Bei einem Fest starrt der Ehemann hingerissen auf die hübschen Mädchen und stellt anerkennend fest: ›Ganz schön viel Frischfleisch hier!‹

›Stimmt‹, seufzt sein Nachbar, ›aber ich habe leider meine eigene Konserve dabei.‹«

Heribert zwinkerte seinen Kegelbrüdern zu. Sie hatten verstanden. Und wie sie verstanden hatten.

Nach der Erkundung des Salzwiesenpfades 11 machten sie am Deich ein Picknick. Karl Lüdemann versuchte die Gruppe erneut auf seine Seite zu ziehen, indem er über die heimische Vogelwelt dozierte, die Artenvielfalt in den Salzwiesen und das Weltnaturerbe Wattenmeer.

Heribert legte sein Hühnerbein auf dem rotweißen Pappteller ab, stand auf und hob die Hand. »Ich kenne einen super Vogel-Vögelwitz.« Er kicherte schon im Vorfeld. »Hört zu, der ist absolut spitze! Frau G. kommt früher von der Arbeit nach Hause. Herr H. liegt nackt mit einer anderen Frau im Bett. Frau G. ist kräftig. Sie packt das Weib und schmeißt es ohne lange Rede zum Fenster hinaus.

Herr H. ist entsetzt. ›Was hast du da getan?‹

Antwortet Frau G. ›Wer vögeln kann, kann auch fliegen.‹

»Ein super Vogelwitz, was?«

Heribert schlug sich auf die Schenkel und feierte sich allein wegen der genialen Namensgebung. Frau G., wie doppeldeutig. G wie Gertrud. G. wie … ach wie klasse! Besser konnte man es kaum machen. Er griff zum Hühnerbein und biss herzhaft ein großes Stück heraus.

Die ganze Rückfahrt zum Küsteum 12 sprach keiner mehr mit ihm. Alle hatten an seinen Witzen zu knabbern. Den Frauen haftete eine vornehme Kühle an, während den Männern schon hin und wieder mit der Erwähnung von Frau G. ein Lächeln über die Lippen glitt.

Auch beim Essen im Marienstübchen 12 herrschte Schweigen. Heribert aber war noch nicht fertig. Ein Blick aus dem Fenster gab ihm eine neue Steilvorlage: »Schaut raus, hier stolzieren Hahn und Hennen.« Er lachte glucksend, während er die Kegelzunft fixierte. »Na, wollt ihr noch einen? So einen richtig fetten Hühner-Joke?«

Es verlangte keiner danach und doch glaubte Heribert, dass sie nach seinen Witzen lechzten. Die Stimmung war unterschwellig stark angeheizt. Jeder spürte das. Jeder wusste das. Aber niemand wagte eine Bemerkung. Bis jetzt konnten sie das kommende Unheil auf Heribert abladen. Er war schuld. Und es störte ihn keineswegs. Er hatte dem Schicksal einen winzigen Anstoß gegeben, alles Weitere würde sich finden.

Heribert stand auf, taxierte die Kegelgruppe mit einem Seitenblick auf Maria, deren Haar sich seit einem Jahr merklich lichtete. »Es ist ein Spitzenwitz, ehrlich! Also:

Kommt der Hahn zur Kegelrunde, um seine Kegelschwestern als stolzer Hahn zu beglücken. Der dritten Henne rupft er jedes Mal eine Feder aus, die anderen bleiben, auch nachdem er sie beglückt hat, unbehelligt.

Nach einer Woche stinkt es der Henne und sie stellt den Hahn zur Rede. ›Jeden Tag kommst du zu uns in den Hühnerstall und beglückst die anderen Hennen – mir aber rupfst du ständig eine Feder raus! Warum machst du das???‹

Der Hahn schaut ihr tief in die Augen und kräht mit sonorer Stimme: ›Weil ich dich nackisch sehn will, Baby!‹

Heribert lachte zu laut und wiederholte. »Nackisch sehn will ich dich. Ist der gut? Na, ist der gut oder ist der gut?«

Die Lacher hielten sich in Grenzen, weil ausgerechnet jetzt Maria im Dekolleté von einer Biene gestochen wurde. Heribert war nicht mehr zu stoppen. Er erhob sich: »Hört mir alle zu! Ich habe auch dazu einen Spitzenwitz auf Lager:

›Herr H. macht Urlaub in Sande. Er muss mal und schleicht sich um das Marienstübchen. Dort wird er von einer Wespe in seinen Penis gestochen. Der Mann wendet sich an den Besitzer, der rät ihm, sein gutes Stück in Milch zu baden. Gesagt getan, er badet ihn in Milch.

Zufällig kommt Frau M. vorbei und schaut sich die Sache interessiert an. Da meint der Herr H. zu ihr: ›Haben Sie so was noch nie gesehen?‹

Sagt die: ›Das schon, aber noch nie wie der wieder aufgetankt wird.‹

Gertrud knetete das Messer in der rechten Hand, mit der linken hieb sie die Gabel in das Stück Rinderfilet, aus dem das Blut seitlich hinauslief. Sie hatte keinen Bissen gegessen, stand auf und klopfte mit dem Gabelende an ihr Glas. Der klirrende Ton zerschnitt die nachfolgende Stille.

»Ich habe auch einen«, erhob sie schließlich ungewöhnlich ruhig das Wort: »Was ist der Unterschied zwischen einem Hochzeitsmahl und einem Leichenschmaus? Ein Gedeck weniger!«

Karl der Große Lüdemann hatte ganz offensichtlich ein ausgeprägtes Schlafdefizit. Ringe zierten seine Augen und ließen sie tief in den Höhlen liegen. Heribert nahm an, dass Gertrud ihm die Hölle heiß gemacht hatte.

Ihre Finger glitzerten vor Brillanten, sie konnte sie kaum knicken. Am Hals trug sie ebenfalls Tand ohne Ende. Sie hatte sich wohl mit dem gesamten Inhalt ihrer Schmuckkassette behängt. Bald würde sich ihr Gatte etwas einfallen lassen müssen, wenn er sie noch abfinden wollte, es war nicht mehr viel freie Haut übrig.

Heribert hatte nach Gertruds Angriff lange nachgedacht, wie er heute final vorgehen sollte. Er war doch ziemlich enttäuscht, Karl Lüdemann so unversehrt am Frühstückstisch sitzen zu sehen. Es war Eile geboten, sonst ging sein Kalkül nicht auf und er würde weitere Kegelabende mit dem Mann verbringen müssen, der sein Leben zerstört hatte.

Nach einem kleinen Rundgang durch Sande stand eine Funkhausführung auf dem Plan. Fernsehen ohne Schnickschnack im schönsten Land auf dieser Erde war der Slogan.

Zum Abschluss gab es das gemeinschaftliche Schnitzelessen. Heribert lief die Zeit weg, wenn nicht bald etwas passierte. Zwar hatte Jupp gestern am Küsteum ziemlich lange vor dem Fingerhut gestanden und Heribert war nicht sicher, ob er nicht ein paar Blätter in seiner Hosentasche versteckt hielt, um sie Karl kleingehackt über den Salat zu streuen. Sein Hass auf ihn war immens, war er doch von seiner Frau auch wegen mangelnder Stehkraft nach einer Liasion mit Karl verlassen worden. Er brauchte bestimmt nur noch den letzten Kick.

Auch Ilse hatte auffallend lange am Insektenhotel gestanden. Er war sich sicher, dass sie aus der Tasche ein Glas gefischt hatte. Vielleicht trug sie gerade eine Wildbiene spazieren. Jeder von ihnen wusste, dass Karl hochallergisch auf Bienenstiche reagierte. Es war jammerschade, dass das Tier sich gestern auf Maria und nicht auf Karl gestürzt hatte. Diese Wendung wäre einmalig gewesen, nur dafür hatten die Wünsche ans Universum offenbar nicht ausgereicht.

Horsts hochrotes Gesicht nach seinen gezielten Witzen war ihm ebenfalls nicht entgangen. Er litt unter Bluthochdruck. Wer wusste schon, was man mit diesen Pillen, falsch eingesetzt, so alles anrichten konnte?

»Mensch, Jungs und Mädels, ihr braucht es doch nur zu tun«, flüsterte er. »Ich gönne euch die Ruhe vor diesem Mann!« Heribert fand die Formulierung sehr gelungen, denn er hatte gelesen, dass man seinen Mitmenschen stets etwas gönnen sollte, weil dieses Wort positiv besetzt sei und man so nicht mit Repressalien aus dem Universum rechnen musste. Das hätte ihm gerade noch gefehlt!