Den Menschen verpflichtet - Josef Scheuring - E-Book

Den Menschen verpflichtet E-Book

Josef Scheuring

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Beschreibung

Die Bundespolizei ist heute, im Jahr 2022, personell und materiell so gut aufgestellt, wie noch nie seit ihrer Gründung als Bundesgrenzschutz im Jahr 1951. Und sie hat sich von einer paramilitärischen Organisation zu einer modernen Polizei des Bundes entwickelt. Dabei waren es immer einschneidende Ereignisse, die diese Organisation zu einer Weiterentwicklung drängten. Niemals ging Veränderungen ein kontinuierlicher, politischer Prozess voraus. Einen großen Teil dieser Entwicklungen habe ich selbst miterlebt. Ich war zunächst Grenzpolizist, später Vorsitzender des Bezirks Bundespolizei innerhalb der Gewerkschaft der Polizei. In dieser Funktion führte ich viele Gespräche mit Politikern auf Bundesebene und erhielt aufschlussreiche Einblicke. Zusammen mit Kollegen aus der Gewerkschaft und der Personalvertretung kämpfte ich in vielen politischen und ministeriellen Verhandlungen für die Beschäftigten.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Josef Scheuring

DEN MENSCHEN VERPFLICHTET

vom Bundesgrenzschutz zur Bundespolizei

Impressum

© 2022 Josef Scheuring

Umschlagfoto: Boris Roessler, DPA

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

ISBN

 

Softcover

978-3-347-76672-3

E-Book

978-3-347-76674-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Einleitung

1972 Raus aus meiner kleinen Welt

1973 Flugzeuge sichern

1974 Grenzschutz ̶ eine andere Welt

1976 Dienst am Flughafen Frankfurt

1979 Plötzlich Personalrat

1980 Asylsuche über den Luftweg

1986 Grenzschutzamt am Flughafen

1988 Ins Bundesministerium in Bonn

1989 Der BGS berät DDR-Truppen

1990 DDR-Grenzschutz übernommen

1992 BGS-Dienst für Luft und Bahn

1993 Kanther-Veränderungen

1997 Acht Abteilungen aufgelöst

1998 Polizisten für Schröder

2000 Deutliche Worte an Otto Schily

2001 Terror fordert den BGS

2002 Otto Schily hält Wort

2005 Aus BGS wird Bundespolizei

2006 Ein zentrales Präsidium

2007 Grenzkontrollen fallen

2008 Heimlich umorganisiert

2009 Neue Sparpolitik

2010 Studie belegt massive Belastung

2011 Kommission scheitert

EXKURS: Claudia Pechstein

2012 Friedrich wirft Führung raus

EXKURS: Flüchtlingsbewegung

2013 Abschied von der Bundespolizei

2015 Für die Polizei auf die Straße

2017 Endlich zusätzliche Kräfte

Meine Schlussbetrachtungen

Danke an meine Weggefährten

Ohne Euch gäbe es dieses Buch nicht

Über den Autor

VORWORT

Bertolt Brecht schreibt in „Fragen eines lesenden Arbeiters“: „Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?…“

Dieses Sinnbild lässt sich auch auf den Veränderungsprozess übertragen, den der frühere Bundesgrenzschutz zur heutigen Bundespolizei durchlaufen hat. Geschichte wird bekanntlich von Menschen gemacht. Oftmals sind es die handelnden Personen selbst, zufällige schicksalhafte Begegnungen, Ort, Zeit und Bedingungen, unter denen Entscheidungen getroffen werden, die dann den weiteren Lauf der Kugel der Entwicklung bestimmen. Erfolg oder Misserfolg der Polizei wird ganz entscheidend von den darin arbeitenden Menschen bestimmt, weshalb deren soziale und Arbeitsbedingungen von herausragender Bedeutung sind.

Die über mehrere Dekaden sich hinziehende schrittweise Metamorphose des vorwiegend paramilitärisch geprägten und an der Systemtrennlinie des Kalten Krieges eingesetzten Bundesgrenzschutz zu einer modernen, national nicht wegdenkbaren und internatonal geachteten Bundespolizei ist ein Beispiel dafür, wie der „Faktor Mensch“ Erfolg oder Misserfolg bestimmt. Und welchen Einfluss die Gewerkschaft der Polizei und die von ihr gestellten Personalvertreter auf sicherheitspolitische Entscheidungen und polizeiorganisatorische Konsequenzen nehmen konnten.

Josef Scheuring spielte darin über viele Jahre eine entscheidende Rolle, die beeindruckenden Ergebnisse seiner Arbeit wirkten sich auf tausende Polizeibeschäftigte aus. Mit dem vorliegenden Buch wird eine Lücke in der bisherigen Literatur zur BGS- und Bundespolizeigeschichte, welche Rolle und über welche Wege die größte Polizeigewerkschaft und ihre Personalvertreter Einfluss auf politische, organisatorische, personelle und soziale Entscheidungen nehmen konnten, unter welchen Bedingungen diese Einflussnahme groß oder sogar initiiert war, geschlossen. Und auch die Frage beantwortet, wer die Bundespolizei aufbaute.

Sven Hüber

Polizeihauptkommisar,

stellv. Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, Vorsitzender des Bundespolizei-Hauptpersonalrats im Bundesministerium des Innern

Berlin, im November 2022

EINLEITUNG

Zur Entwicklung gezwungen und den Menschen verpflichtet ̶ so lässt sich die Geschichte des Bundesgrenzschutzes (kurz BGS), der heutigen Bundespolizei, ganz gut beschreiben. Denn immer waren es einschneidende Ereignisse, die diese Organisation zu einer Weiterentwicklung drängten. Niemals ging Veränderungen ein kontinuierlicher, politischer Prozess voraus. Schon die Gründung des Bundesgrenzschutzes ging auf Forderungen der alliierten vereinigten Stabschefs nach einer Wiederbewaffnung Westdeutschlands im Jahr 1950 zurück. Da das Grundgesetz zu diesem Zeitpunkt die Wiederbewaffnung und damit die Schaffung militärischer Organisationen verbot, war der Bundesgrenzschutz als paramilitärische Organisation ein Stück weit Vorläufer der heutigen Bundeswehr. Der BGS wurde vor allem von ehemaligen Wehrmachtskräften aufgebaut. In den ersten Jahren war er auch aufgrund seiner Aufgabenstellung viel stärker paramilitärisch als polizeilich organisiert.

Mit der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) erlebte die Bundesrepublik Deutschland ab 1970 erstmals seit ihrer Gründung eine linksextremistische, terroristische Bedrohung. Die Polizei der Länder und auch das Bundeskriminalamt waren darauf überhaupt nicht vorbereitet. Die damalige SPD/FDP-Bundesregierung reagierte mit einer konsequenten Entwicklung des paramilitärischen Bundesgrenzschutzes zu einer Polizei des Bundes.

Nach dem Anschlag auf die Olympischen Spiele von München 1972 und der damit verbundenen, internationalen Terrorbedrohung wurde zudem die Antiterroreinheit des Bundesgrenzschutzes, die Grenzschutzgruppe 9, unter ihrem ersten Kommandeur Ulrich Wegner gegründet. Die Wiedervereinigung Deutschlands beinhaltete Sicherheitsaufgaben, die spontan aus nicht mehr vorhandenen Strukturen der ehemaligen DDR übernommen werden mussten. So übernahm der BGS 1990 geradezu zwangsläufig zuerst in den neuen Bundesländern und ab 1992 im gesamten Bundesgebiet die Aufgaben der Bahnpolizei und der Luftsicherheit.

Ein weiteres, drastisches Ereignis waren die Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten von Amerika am 11. September 2001. Die notwendigen Reaktionen der gesamten westlichen Welt und damit auch der rot-grünen Bundesregierung führten zu einer weiteren Stärkung und zum Ausbau des BGS. Die Namensänderung in Bundespolizei stellte schließlich auch in der Außenwirkung klar, dass der Bundesgrenzschutz uneingeschränkt Polizei war. Die massive und politisch einschneidende Flüchtlingsbewegung führte und führt immer noch zu einem weiteren, personellen Aufwachsen der Bundespolizei. Sie ist mit ihren bundespolizeilichen Sonderaufgaben zur größten und schlagkräftigsten Sicherheitsorganisation in Deutschland geworden. Einen großen Teil dieser Entwicklungen durfte ich hautnah erleben und mitgestalten.

Meine Handlungen und Entscheidungen waren dabei entscheidend geprägt von den praktischen, polizeilichen Erfahrungen, die ich als Grenzpolizist vor Ort gemacht habe. Meine Kollegen aus der Gewerkschaft der Polizei und der Personalvertretung und ich waren in den vielen politischen und ministeriellen Verhandlungsgruppen oft die Einzigen, die die Arbeit vor Ort in den Dienststellen und die Entscheidungsgrundlagen der Politik und des Ministeriums kannten. Wir wussten von den Nöten und Problemen unserer Kollegen vor Ort und sahen schwierige Entwicklungen deutlich früher, als sie von Ministerialbürokratie und Politik wahrgenommen wurden. Dieses Privileg nutzten wir konsequent, um den alten BGS zu einer modernen und zukunftsfähigen Bundespolizei zu entwickeln.

Bei der Arbeit und damit auch bei der Weiterentwicklung der Polizei geht es immer zuerst um einen besonders verantwortlichen Umgang mit der Würde des Menschen. Das war bei allen Entscheidungen für uns immer die zentrale Grundlage unseres Handelns. Deshalb ist es mir so wichtig, die über 50-jährige Geschichte der heutigen Bundespolizei besonders aus menschlicher Sicht darzustellen.

 RAUS AUS MEINER KLEINEN WELT

Ich wollte weg. Raus aus diesem kleinen Ort in den Haßbergen. Ganz oft habe ich davon geträumt, meine kleine Gemeinde zu verlassen und irgendwo, draußen in der großen Welt zu arbeiten und zu leben. Die Menschen aus unserem Ort, die das geschafft hatten, waren meine Helden. Sie waren nach Jahren im Bergbau im Ruhrgebiet in unsere Gemeinde zurückgekommen ̶ mit einem VW-Käfer und vielen, tollen Geschichten.

Ein älterer Schulkollege von mir arbeitete inzwischen beim Bundesgrenzschutz in Coburg. Er erzählte mir, dass dort ständig junge Leute gesucht würden und brachte mir die Bewerbungsunterlagen mit. Coburg: Das war immerhin schon mal eine Stadt. Natürlich bewarb ich mich. Im Alter von 19 Jahren traf ich im Sommer 1972 in Oerlenbach in der Nähe von Bad Kissingen auf viele junge Männer, die sich wie ich der Aufnahmeprüfung stellten. Frauen waren nicht dabei. Sie durften damals in Deutschland noch nicht als Grenzschützerinnen arbeiten.

Der BGS brauchte dringend viel neues Personal, so war auch die Aufnahmeprüfung ausgerichtet: Durchfallen war kaum möglich. Ein paar Wochen später hatte ich den Bescheid im Brieftasten, in dem ich aufgefordert wurde, im Oktober beim BGS in Oerlenbach anzutreten. Ich hatte mich eigentlich auf Coburg gefreut. Oerlenbach war ein Dorf, nicht viel größer als mein Heimatort. Mein Traum vom Arbeiten in der Stadt war erst einmal ausgeträumt, aber ich kam zumindest raus.

Am 2. Oktober 1972 um 12 Uhr hatte ich mich bei der neunten Hundertschaft in Oerlenbach zu melden. Der Termin fiel für mich denkbar ungünstig, denn am 3. Oktober wollte ich meine Autoführerschein-Prüfung ablegen. Nach meiner Ankunft sagte ich dem mich empfangenden Kollegen also sofort, dass ich den Chef sprechen müsse. Diese Absicht löste erkennbares Staunen bei ihm aus. Nachdem ich meinen neuen Chef, den Hauptmann der Hundertschaft, kennengelernt hatte, war mir auch klar warum. „Was glauben Sie, wo Sie hier sind?“, entgegnete er mir in barschem Ton, als ich meine Bitte vortrug, am nächsten Tag für die Prüfung arbeitsfrei zu bekommen. Mit einer Geste von Großzügigkeit gab er mir für den Vormittag frei, aber mit einer klaren Ansage: „Um 12 Uhr melden Sie sich bei mir zurück!“. Das war kein einfaches Unterfangen. Doch mit Hilfe meines Bruders, der mich mit dem Auto fuhr, schaffte ich sowohl den Führerschein als auch die zeitgerechte Rückkehr. Die Weisung, mich um 12 Uhr beim Hauptmann zu melden, konnte ich allerdings nicht umsetzen. Er war da schon beim Mittagessen.

Mein erstes Gefühl, dass es sich bei meinem neuen Arbeitsplatz mehr um Befehl und Gehorsam als um sinnvolle Arbeit handelte, wurde für mich in den nächsten Wochen schnell Gewissheit. War das vielleicht der Grund, warum meine neue Arbeitsstelle über so wenig Personal verfügte? Wir, die Neuen, waren auch deshalb willkommen, weil wir schon nach wenigen Tagen die Bewachung der Kaserne und ihrer Einrichtungen übernehmen konnten.

Der Terroranschlag auf die Olympischen Spiele im September 1972 in München zeigte Deutschland deutlich, dass mehr Sicherheitspersonal nötig war. Und die, durch die Ölkrise ausgelöste, erste Wirtschaftsflaute in Deutschland hatte bei jungen Männern den BGS wieder zu einem interessanten Arbeitgeber gemacht. Es dauerte aber noch Jahre, bis auch die inneren Strukturen und die Ausbildung des BGS auf diese neue Herausforderung umgestellt waren.

Ich wurde als „Grenzjäger“ in der Besoldungsgruppe A1 eingestellt und mit einer kaum durchschaubaren Kombination aus militärischer und ansatzweise auch polizeilicher Ausbildung auf eine Aufgabe vorbereitet, die so deutlich damals nicht zu erkennen war. Der Schutz der innerdeutschen Grenze, die sich wenige Kilometer von Oerlenbach entfernt durch die Rhön zog, war inzwischen auf reine Beobachtung reduziert. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) hatte diese Grenze mit einem Metallgitterzaun so abgesichert, dass es kein Durchkommen mehr gab. Gleichzeitig hatte der Terroranschlag in München zu einer intensiven Diskussion über die Sicherheitsstrukturen in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) geführt und noch Ende 1972 kamen Offiziere des BGS nach Oerlenbach, um dort Personal für eine neue Spezialeinheit, die GSG 9, anzuwerben. Ein Bundesgrenzschutz, der aus seiner historischen Entwicklung heraus noch stark militärisch ausgerichtet war, machte sich auf den mühsamen Weg hin zur Polizei.

1965 erst war der sogenannte Kombattantenstatus im BGS-Gesetz aufgenommen worden. Das bedeutete, dass der BGS auch zur Abwehr militärischer Angriffe von außen eingesetzt werden durfte. Damit konnten auch Wehrpflichtige im BGS ihren Dienst leisten. Die militärische Ausbildung war in dem, seit seiner Gründung 1951 paramilitärisch traditionell verankerten BGS auch bei meiner Einstellung noch stärker präsent als der polizeiliche Teil. Die Geländeausbildung mit dem häufig wiederkehrenden Kommando „Tiefflieger von links oder Tiefflieger von rechts“ war ein zentraler Teil meiner ersten Wochen beim BGS. Wir marschierten mit 30 Kollegen in Formation im Gleichschritt, mit Einsatzanzug und Stahlhelm ausgerüstet, über die Feldwege im Raum Oerlenbach. Diese Formation wurde Zug genannt und von einem Zugführer geleitet, der in der Hierarchie direkt unterhalb des Hauptmanns stand und den Dienstgrad „Meister“ im BGS trug. Mit dem Kommando „Tiefflieger von links oder rechts“ gab der Zugführer vor, es komme zu einem Fliegerangriff. Dann warfen wir uns in höchstmöglicher Geschwindigkeit in den frisch gepflügten Ackerboden, das Gesicht auf der Erde vom Stahlhelm geschützt. Die grüne (Filz)-Einsatzhose wurde jedes Mal schwerer und nur den breiten Hosenträgern war es zu verdanken, dass die Hose am Körper blieb. Mir war sehr bald klar, dass ich hier weg musste. Die Aufstellung eines Weihnachtschores mit Grenzjägern, die in Seniorenheimen und anderen Einrichtungen der Region sangen und dafür vorher üben mussten, war eine gute Chance, den „Tieffliegerangriffen“ zu entkommen. Und dann war auch schon Weihnachten.

 FLUGZEUGE SICHERN

Im Januar 1973 kam eine Aufgabe, die mich erstmals in die große Welt brachte. Arabische Terroristen hatten weltweit mehrere Flugzeuge entführt. Wir wurden in Zugstärke mit 30 Kollegen und fünf Vorgesetzten, dem Zugführer und vier Unterführern zum Flughafen Frankfurt/Main geschickt. Dort sollten wir, im Auftrag des Landes Hessen, zur Abwehr weiterer Flugzeugentführungen und zur Beruhigung der Fluggäste, Personen und Handgepäck kontrollieren. Ich freute mich riesig über diese neue Aufgabe.

Der BGS transportierte uns von Oerlenbach nach Frankfurt. Diejenigen, die durch Losverfahren im VW-Bus mitfahren durften, erlebten die lange Anreise angenehm. Für die größere Gruppe, die wie ich in einem Lastwagen auf Holzbänken unter einer Plane saßen, war die Fahrt etwas abenteuerlicher. Nachdem noch ein LKW ausfiel und auf Ersatz gewartet wurde, dauerte unser Transport über die 200 Kilometer lange Strecke insgesamt acht Stunden. Bei Temperaturen, die an diesem Tag deutlich unter null Grad lagen, wurden die Glieder immer kälter. Uns gegenseitig wärmend ergaben wir uns unserem Schicksal. Nach der Ankunft am Frankfurter Flughafen mussten die Männer, die auf den Lastwagen angereist waren, beim Absteigen von Kollegen gestützt werden. Die Glieder waren so kalt geworden, dass die Beine nicht mehr trugen.

In einem großen Raum im Terminal A des Flughafens waren für alle 30 Kollegen Stockbetten aufgestellt worden. Dort hielten wir uns in dem über mehrere Wochen dauernden Einsatz auf und verbrachten auch die Nächte gemeinsam. Zusammen mit vornehmlich pensionierten Polizeibeamten und Soldaten, aber auch im Schnelldurchgang ausgebildeten Frauen führten wir erstmals Luftsicherheitskontrollen am Flughafen Frankfurt/Main durch. Niemals wäre ich damals auf die Idee gekommen, dass mich diese Aufgabe noch einmal intensiv beschäftigen würde.

Als ich wieder zurück in Oerlenbach war, wurde in meiner Hundertschaft bekanntgegeben, dass Funker und Fernmelder zur Ausbildung gesucht werden. Besser als durch den Matsch marschieren, dachte ich mir und meldete mich. Die Fernmelde-Hundertschaft des Grenzschutzkommandos Süd, für Bayern und Baden-Württemberg zuständig, war ebenfalls in Oerlenbach. Dort legte ich auch die Aufnahmeprüfung ab, die aus dem Erkennen von Morsezeichen bestand. Als ausgebildeter Blasmusiker konnte ich konzentriert hören und damit problemlos die Auswahlprüfung bestehen. Die Funkausbildung war durchaus spannend und wir lernten durch intensives Üben relativ schnell das Geben und Hören aller Morsezeichen. Bei den Funkern war der Umgangston ziviler und die Aufgabe damit deutlich angenehmer.

Die Technik stammte aus Wehrmachtsbeständen, aber immerhin konnten wir mit den alten Empfängern den Sender Radio Luxemburg hören. Meine Aufgabe bestand darin, täglich vormittags die Stärkemeldung des Oerlenbacher Standortes an die nächste vorgesetzte Dienststelle nach Coburg durchzufunken. Wenn man die Funkstelle zum Dienstantritt erreichte ohne dem Kommandeur zu begegnen, der sein Zimmer über der Funkstelle hatte, war ein ruhiger, arbeitsloser Tag sicher. Für einen 20-Jährigen wie mich, der die Welt kennen lernen wollte, konnte das allerdings nicht alles sein. Als ich am Fernschreiber in der Funkstelle las, dass bei der Passkontrolle an Flughäfen und Landesgrenzen Grenzschützer gesucht werden, bewarb ich mich beim Grenzschutzeinzeldienst (GSE). Ganz egal wohin, ich wollte endlich weg.

 GRENZSCHUTZ ̶ EINE ANDERE WELT

Durch die Terroranschläge arabischer Terroristen, aber vor allem durch den aufkommenden Terror der RAF in Deutschland war ein großer Personalbedarf auch an den deutschen Grenzen entstanden. Ich wurde schnell zu einem Einweisungslehrgang für meine neue Aufgabe eingeladen und nach der kurzen Ausbildung dem GSE an der Grenzschutzstelle Aachen, Autobahn-Nord, einem Übergang zu den Niederlande zugewiesen. Der Grenzschutzeinzeldienst war die Organisation des BGS, die sich nach der Bildung der Bundesrepublik Deutschland aus dem Passkontrolldienst entwickelt hatte. Der Passkontrolldienst war nach Kriegsende durch die Alliierten in den jeweiligen Besetzungszonen an den Grenzübergängen zu den Nachbarstaaten eingerichtet worden. Nach der Gründung des BGS 1951 wurde der Passkontrolldienst diesem unterstellt. Leitende Behörde war die Grenzschutzdirektion Koblenz, ihr Leiter war 1974 Günter Romann, der Vater des heutigen Präsidenten der Bundespolizei, Dr. Dieter Romann.

Meine Entscheidung, zum Grenzschutzeinzeldienst zu gehen, war goldrichtig. Im April 1974 kam ich in einer anderen Welt an. Die Kollegen meiner neuen Dienststelle nahmen mich total nett und kollegial auf. Der Leiter der Dienststelle, Hartmut Trommer, war kein Hauptmann. Er war ein sehr angenehmer, fast väterlicher Typ. Ich durfte sofort, zusammen mit allen dort arbeitenden Kollegen grenzpolizeiliche Kontrollen übernehmen und war dadurch ständig in Kontakt mit vielen Menschen. Es gab keine sinnfreien Hierarchien und keine lauten Befehle mehr. Es gab verantwortliche Strukturen und gemeinsam arbeitende Menschen. Diese Wahrnehmung hat mich wie keine andere für meine weitere Arbeit im BGS geprägt.

Geprägt haben mich aber auch die Angst und die Unsicherheit, die die RAF-Terroristen in den Sicherheitsbehörden ausgelöst hatten. Bei normalen Polizeikontrollen waren damals bereits mehrfach Polizisten angegriffen und erschossen worden. Wir mussten davon ausgehen, dass sich die RAF auch im Raum Aachen grenzüberschreitend zwischen Deutschland, Belgien und der Niederlande bewegte. Ja, ich hatte Angst, wenn ich während der Nachtschicht in dem ungeschützten Kontrollhäuschen mitten auf der Autobahn saß. Die von den Niederlanden nach Deutschland einreisenden Autofahrer kamen durch die Nacht auf mich zu. Erst kurz vor meinem Häuschen konnte ich am erleuchteten Kontrollplatz erkennen, wer in dem jeweiligen Auto saß. Meine Bewaffnung: eine kleine Dienstpistole, Kaliber 7,62. Schutz gegen einen direkten Angriff aus dem Dunkel der Nacht gab es nicht.

Die Hoffnung, dass auch in dieser Nacht nichts passieren würde, trug mich durch viele Nächte. Mir ist die Anspannung noch gut in Erinnerung, als ich am 27. April 1975 zur Nachtschicht an den Grenzübergang kam und zeitgleich RAF-Terroristen die Deutsche Botschaft in Stockholm überfielen. Gerade in solchen Momenten war die Gefahr besonders groß, dass RAF-Zellen im Inland zeitgleich Angriffe durchführen. Wir hatten Glück und konnten am nächsten Morgen gesund nach Hause gehen. Jahre später habe ich am Flughafen Frankfurt/ Main mit einem in London gefassten und nach Deutschland ausgewiesenen RAF-Terroristen über diese Gefühle ganz offen gesprochen.

Aber es gab auch andere, spannende Ereignisse. 1974 stand ich mit meinen Kollegen an der Grenze der beiden Fußballnationen Deutschland und den Niederlanden, die bei der Weltmeisterschaft als Favoriten galten. Mehrere tausend Arbeitskräfte, die bei Ford in Köln und vielen anderen, großen Arbeitgebern im Rheinland arbeiteten, reisten jeden Tag über unseren Grenzübergang ein. Die Scheiben ihrer Kleinbusse waren zunehmend mit provozierenden Artikeln zugunsten der Holländer und ihres Superstars Johann Cruyff und negativer Bemerkungen über die Spieler der deutschen Nationalmannschaft beklebt. Gut, dass Deutschland das Endspiel in München mit 2:1 gewonnen hat, sonst hätten wir das sicher noch lange nach der WM aushalten müssen.

Etwa alle vier bis sechs Wochen fuhr ich mit dem Auto von Aachen nach Hause in die Haßberge. So gerne ich weg war, so gern fuhr ich auch immer wieder in die Heimat zurück. Heimat war für mich erstmals ein Begriff geworden. Tatsächlich war ich es jetzt, der viel zu erzählen hatte von der großen Welt. Die Beschlagnahme von Haschisch zum Beispiel gehörte an unserem Grenzübergang fast zum Tagesgeschäft. Zu diesem Zeitpunkt war der Kauf von Haschisch in den Niederlanden bereits straffrei möglich. Junge Menschen aus dem Aachener und Kölner Raum fuhren am Wochenende nach Heerlen und Maastricht in den Niederlanden, rauchten dort Haschisch und nahmen sich häufig eine Portion mit. Sehr schnell konnte auch ich das Rauschgift riechen und es war keine große Leistung, die Drogen bei der Einreisekontrolle einzusammeln und den Fund an das Zollkriminalamt zu melden.

Meine Schulkollegen in den Haßbergen und ich hatten vor meinem Einsatz in Aachen natürlich schon von Rauschgift gehört, aber niemand hatte es gesehen oder gar geraucht. Sie baten mich immer, ich solle doch mal ein wenig Haschisch von Aachen mitbringen. In meinem jugendlichen Leichtsinn brach ich eines Tages von einer beschlagnahmten Menge ein kleines Stück ab, steckte es in eine leere Streichholzschachtel und nahm es mit in die Haßberge. So konnten auch meine Freunde einmal daran riechen und es in der Hand halten. Geraucht haben wir es aber nicht, schon weil wir nicht wussten wie es wirkt. Ich vergrub es im Garten. Erst später wurde mir klar, dass dieses Verhalten schon das Ende meiner Arbeit beim BGS hätte bedeuten können. Wobei mir mein Dienststellenleiter Hartmut Trommer das vielleicht sogar verziehen hätte.

An einem Nachmittag im Sommer 1975 kam ein junger Mann, um die 20 Jahre alt, auf unsere Dienststelle. Er hatte als Anhalter den Grenzübergang erreicht und legte uns einen Zettel vor: „Ich bitte um Asyl in Deutschland“, stand darauf. Der junge Mann sprach kein Deutsch und auch auf Englisch konnte er uns nicht antworten. Seiner Aussprache nach musste er aus dem russischen Raum kommen. Wir informierten unsere Vorgesetzten und der stellvertretende Leiter begrüßte den jungen Mann persönlich. Wir hatten zwischenzeitlich einen Dolmetscher angerufen, der unseren Gast befragte. Der junge Mann war Bürger der Sowjetunion. Er war in Amsterdam von einem russischen Schiff gesprungen und suchte in Deutschland Schutz vor politischer Verfolgung. Ich bekam vom stellvertretenden Dienststellenleiter Geld und ging mit dem jungen Mann zur der im Grenzübergang integrierten Raststätte, um für ihn ein Essen und Getränke einzukaufen. Dann füllten wir einen sogenannten Schnellbrief aus. In diesem Dokument wurden die von dem jungen Mann angegebenen Personaldaten aufgenommen. Auf einem weiteren, freien Blatt des Briefes schrieb der junge Mann seine Asylgründe in seiner Muttersprache auf. Ausweispapiere hatte er nicht dabei. Die waren auf dem Schiff eingesammelt worden.

Nachdem unser Gast in Ruhe gegessen hatte, fuhren wir ihn zum Aachener Hauptbahnhof und kauften ihm eine Bahnfahrkarte nach Friedland. In Friedland bei Göttingen war damals die zentrale Aufnahmestelle von Flüchtlingen in Deutschland. Mit einer Kopie des Schnellbriefes, einer Fahrtbeschreibung und etwas Geld schickten wir ihn auf seine erste Reise durch sein neues Gastland. Der Schnellbrief wurde an die Bundesbehörde für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge nach Zirndorf geschickt. Ich hatte erstmals einen Asylsuchenden, der an der Grenze um Aufnahme in Deutschland bat, kennengelernt. Wir hatten ihn wie einen wirklichen Gast behandelt. Das sollte sich in meiner weiteren Dienstzeit noch deutlich ändern.

 DIENST AM FLUGHAFEN FRANKFURT

Bei einer meiner Heimreisen im Sommer 1975 lernte ich meine heutige Ehefrau Hiltrud kennen. Die Distanz zwischen meiner Heimatgemeinde und Aachen wurde dadurch spürbar größer. Die Grenzschutzstelle am Flughafen Frankfurt/Main lag viel näher und ich war mir schnell sicher, Aachen wieder zu verlassen ̶ den Ort, an dem ich erstmals Erfüllung bei der Arbeit im BGS gefunden hatte. Die Dienststelle am Frankfurter Flughafen hatte immer großen Personalbedarf. Kaum jemand wollte dort arbeiten, und das hatte auch seine Gründe. Ich bewarb mich bei der Grenzschutzdirektion Koblenz und trat am 1. März 1976 meinen Dienst bei der Grenzschutzstelle Flughafen Frankfurt/Main an.

Mitten in der besonders durch die Terrorbedrohung der RAF angespannten Sicherheitslage in Deutschland kam ich an eine Dienststelle, die sowohl mit ihren viel zu wenigen, beengten und ungeeigneten Diensträumen als auch ihrer materiellen und personellen Ausstattung für die herausfordernden Sicherheitsaufgaben einer Polizeidienststelle völlig ungeeignet war.

Dabei war die damalige, sozialliberale Bundesregierung gerade auf dem Weg, aus dem alten BGS eine, wenn auch mit nur wenigen Aufgaben ausgestattete, stärker polizeilich ausgerichtete Behörde zu machen. Die von mir beschriebene Ausbildung wurde zu einer echten Polizeiausbildung. Ein neues Gesetz änderte zudem die zeitliche Befristung des Dienstes. Verpflichtete man sich bisher für festgelegte Jahre, so galt fortan ein Lebenszeitmodell wie bei den Polizeien der Bundesländer. Was mir bei dieser wichtigen Entwicklung, die vom damaligen Bundesminister des Innern, Hans-Dietrich Genscher, seit 1976 vorangetrieben wurde, am besten gefiel, war die Umbenennung der Dienstgrade nach polizeilichem Vorbild. Mein alter Hauptmann in Oerlenbach war 1976 zu einem Polizeihauptkommissar geworden. Ich war ein Polizeioberwachtmeister. Doch nicht bei allen löste diese Entwicklung Begeisterung aus. Dazu war der alte Traditionsbetrieb BGS, der sich bei der Aufstellung aus vielen ehemaligen Wehrmachtsangehörigen rekrutiert hatte, zu konservativ.