Den Reichtum  des Lebens entdecken - Anselm Grün - E-Book

Den Reichtum des Lebens entdecken E-Book

Anselm Grün

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Beschreibung

Der Reichtum menschlichen Miteinanders ist unglaublich vielschichtig, liegt aber oft brach. (Biblische) Bilder wollen uns diesen Schatz ins Bewusstsein rufen und uns dazu einladen, vor dem Hintergrund dieser Darstellungen Neues zu wagen. Pater Anselm Grün entdeckt Bilder aus unserem Leben: Darstellungen von Wunden, Nöten, Heil und Gottes Liebe zu den Menschen. Er vereint Heilungsgeschichten, die uns zeigen, wie Jesus Seelsorge verstanden hat. In Begegnungsgeschichten und Gleichnissen zeigt Anselm Grün, wie Christus in uns Menschen wirkt.

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Seitenzahl: 143

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Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie. Detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Printausgabe

© Vier-Türme GmbH, Verlag, Münsterschwarzach 2019

ISBN 978-3-7365-9007-6

Neuausgabe des bis 2008 im Grünewald-Verlag erschienenen Titels.

E-Book-Ausgabe

© Vier-Türme GmbH, Verlag, Münsterschwarzach 2024

ISBN 978-3-7365-0596-4

Alle Rechte vorbehalten

E-Book-Erstellung: Sarah Östreicher

Covergestaltung: wunderlichundweigand

Portraitfoto Pater Anselm Grün: © Hsin-Ju Wu

www.vier-tuerme-verlag.de

Anselm Grün

Den Reichtum des Lebens entdecken

Biblische Bilder einer heilenden Seelsorge

Vier-Türme-Verlag

Inhalt
Einleitung
I. Die Aufgabe der Seelsorge
1. Von Bildern leben
2. Die Sehnsucht ansprechen
II. Bilder von Seelsorge
1. Heilungsgeschichten
a. Unterscheidung der Geister (Markus 1,23–28)
b. Hitzige Gemüter kühlen (Markus 1,29–31)
c. Annahme des Unannehmbaren (Markus 1,40–45)
d. Lahme stehen auf (Markus 2,1–12)
e. Löse, was in sich erstarrt (Markus 3,1–6)
f. Heile du, wo Krankheit quält (Markus 5,1–20)
g. Frieden für den, der sich verausgabt (Markus 5,21–43)
h. Reden und hören lernen (Markus 7,31–37)
i. Blinden die Augen öffnen (Markus 8,22–26)
j. Gebeugte aufrichten (Lukas 13,10–17)
2. Begegnungsgeschichten
a. Zum Engel für Andere werden (1 Könige 19,1–13)
b. Loslassen (Markus 10,17–22)
c. Einander begegnen (Lukas 1,39–47 )
d. Gastfreundschaft (Lukas 10,38–42)
e. An das Gute im Anderen glauben (Lukas 19,1–10)
f. Das Leben umdeuten (Lukas 24,13–35)
g. Es ist der Herr! (Johannes 21,1–14)
3. Gleichnisse
a. Einander barmherzig sein (Lukas 10, 30–35)
b. Wachsen lassen (Matthäus 13)
c. Seine Würde wieder finden (Lukas 15,8–10)
4. Gespräche mit Jesus
a. Gespräch in der Nacht (Johannes 3,1–13)
b. Über unsere Sehnsucht sprechen (Johannes 4,1–26)
5. Der verwundete Arzt (Johannes 19,31–37)
III. Bilder vom Reichtum menschlicher Begegnung
Literatur

Einleitung

Die Heilige Schrift beschreibt uns in vielen Bildern das Geheimnis unserer Erlösung. Es sind Bilder von unserem Leben, Bilder unserer Wunden und Nöte, Bilder des Heils und Bilder von Gottes Liebe zu uns Menschen. Diese Bilder könnten wir aber auch als Bilder von Seelsorge verstehen. Seelsorge meint dabei das Gesamt des pastoralen Dienstes, also die Feier der Sakramente, die Predigt, das seelsorgliche Gespräch und überhaupt den Umgang mit den Menschen, die Gott suchen.

Seelsorge ist nicht zuerst irgendein Tun, sondern eine Art zu leben und zu glauben. Es werden in diesem Buch keine Methoden von Seelsorge beschrieben und keine konkreten Seelsorgebereiche erörtert. Es geht vielmehr um die Grundvoraussetzung von Seelsorge. Was sind das für Menschen, die uns zum Gespräch aufsuchen oder die in unsere Gottesdienste kommen? Was ist ihre Situation, was ist ihr Geheimnis? Und wie können wir ihnen begegnen, wie sie ansprechen oder anrühren?

Die Idee zu diesem Buch kam mir, als ich einen Priester in Einzelexerzitien begleitete. Er hatte sich gerade ein paar Monate Zeit genommen, seine Theologie aufzufrischen, bevor er sein Amt als Regionaldekan antrat. Und er machte sich Gedanken, was Seelsorge heute meine, wie wir herauskommen aus dem bloßen Betrieb, aus dem Organisieren und Verwalten, wie die geistliche Dimension von Seelsorge möglich sei. Ich gab ihm zur Meditation jeweils Texte aus der Bibel. Und er sollte sie gerade unter dem Aspekt betrachten, dass sie Bilder von Seelsorge seien. Der Austausch über seinen Umgang mit den Texten regte mich an, selbst weiter in der Bibel nach Bildern zu suchen, die das beschreiben, was Seelsorge eigentlich meint. Es ist nur eine kleine Auswahl von biblischen Bildern. Ich habe die gewählt, die mich unmittelbar angesprochen haben. Man könnte die ganze Bibel als Bild von Seelsorge sehen und von ihr her eine Theologie der Seelsorge entwerfen. Doch die Bilder mögen genügen, um den Leser und die Leserin anzuregen, die Bibel selbst unter diesem Aspekt zu lesen und zu meditieren.

I. Die Aufgabe der Seelsorge

1. Von Bildern leben

Die Bilder der Bibel wollen uns keine konkreten Handlungsanweisungen geben und schon gar keine moralischen Appelle erteilen, was wir genau zu tun hätten. Bilder sind auch keine Ideale, wie Seelsorge sein sollte. Sie wollen keine utopische Lösung aufzeigen. Utopien und Ideale erzeugen oft ein schlechtes Gewissen. Man steigert sich in ideale Betrachtungen hinein, aber zugleich spürt man das Auseinanderklaffen des konkreten Lebens mit den idealen Forderungen.

Bilder wollen vielmehr ein Fenster öffnen, damit neues Licht in alle Vollzüge unseres Lebens hineinströmt. Wenn wir die Bilder der Bibel bei unseren Gesprächen oder bei unseren gottesdienstlichen Feiern im Hinterkopf haben, dann eröffnen sie uns ganz neue Möglichkeiten des Sprechens und Feierns.

Bilder bringen uns in Berührung mit den Möglichkeiten, die in uns bereit liegen, die aber oft genug verschüttet sind. Unser Leben ist vielfach reduziert auf die paar Fähigkeiten, die wir zur Bewältigung unseres Alltags benötigen. Aber der ganze Reichtum menschlichen Miteinanders liegt oft brach. Bilder wollen diesen Reichtum ins Bewusstsein rufen. Sie tun es nicht als Forderung, sondern indem sie uns einladen, auf dem Hintergrund des Bildes Neues zu wagen.

Rolf Zerfaß, der Würzburger Pastoraltheologe, schreibt in seinem Artikel über das Bild des Seelsorgers als verwundeter Arzt:

Bildung bedarf der Bilder. Besser als lange Qualifikationskataloge vermögen sie unserem Handeln im Alltag Orientierung zu geben.

Zerfaß, 107

In diesem Sinn sollen biblische Heilungs- und Begegnungsgeschichten, Gleichnisse und Gespräche mit Jesus als Bilder unseres seelsorglichen Handelns gesehen werden. Dabei ist klar, dass seelsorgliches Handeln und christliches Handeln weitgehend identisch sind.

Seelsorgliches Handeln, was immer es ist, ist nicht mehr als christliches Handeln, sondern steht im Dienste christlichen Handelns.

Zerfaß, 85

Die biblischen Texte gelten daher allen Menschen. Sie beschreiben das Heil, das Gott uns in Jesus Christus geschenkt hat. Aber es ist durchaus auch legitim, diese bewusst auf die Seelsorge hin auszulegen, sie als Bilder von Seelsorge zu verstehen.

Bilder wollen nicht in erster Linie ein neues Verhalten, sondern sie geben unserem Tun eine neue Tiefe, sie eröffnen neue Dimensionen unseres Tuns. Bilder deuten unser Tun und geben ihm so eine Bedeutung, die auch für Andere verständlich wird. Ohne Bilder wird unser Tun leer und sinnlos. Erst Bilder eröffnen die eigentliche Bedeutung unseres Tuns. Und erst Bilder lassen in unserem Tun etwas vom Geheimnis unseres Lebens und letztlich vom Geheimnis Gottes aufleuchten. Das bloß äußere Tun etwa in einer Eucharistiefeier wirkt leer, wenn es nicht vom Bild des Heiligen Mahles oder vom Bild von Tod und Auferstehung Jesu her durchdrungen ist. Die Riten bei der Taufe, das Übergießen mit Wasser und das Salben mit Öl, sind in sich ganz einfach. Ihre tiefe Bedeutung erhalten sie erst von den Bildern, wie sie uns die Bibel für diese Riten überliefert hat, vom Durchzug durch das Rote Meer, von der Salbung der Könige und von der Heilung durch Salbung mit Öl. Was für die Riten gilt, gilt aber auch für unser menschliches Miteinander. Ein Gespräch mit einem Menschen bekommt eine andere Dimension, wenn wir es auf dem Hintergrund einer biblischen Heilungs- oder Begegnungsgeschichte führen. Dann ist es nicht bloßes Sprechen, sondern im Gespräch wird etwas vom Geheimnis Gottes in unserem Miteinander sichtbar.

Wenn wir in unsere Gesellschaft schauen, so haben die Gruppen einen Einfluss, die mit Bildern arbeiten. Das gilt in erster Linie für die Politik. Wenn die Politik nur fleißiges Tagesgeschäft ist, geht von ihr nichts aus. Die Politik braucht nicht nur Fleiß und Sachlichkeit, sondern Phantasie und Visionen, Bilder, die etwas aufbrechen und Neues einbrechen lassen. Das Geheimnis großer Politiker ist, dass sie in Bildern denken. Ich denke da zum Beispiel an die Reden von Franz Josef Strauß, der seine Wirkung durch die vielen originellen Bilder erzielte. Und ich denke an beeindruckende Gesten, etwa dem Kniefall Willy Brandts in Warschau. Dass man Bilder braucht, haben auch die Unternehmen verstanden. Es genügt heute nicht mehr, nur mit Gewinnmaximierung zu arbeiten. Um erfolgreich zu sein und um gute Mitarbeiter anzuziehen, braucht es heute eine sogenannte »Unternehmenskultur«, zu der philosophische und theologische Gedanken gehören, aber gerade auch Bilder, nicht nur Bilder, mit denen man sich vermarktet, sondern Bilder nach innen, Bilder, die die Aufgabe und Bedeutung des Unternehmens für die Mitarbeiter plausibel machen.

Der Mensch lebt von Bildern. Ohne Bilder nehmen wir gar nicht wahr, was unser Leben ausmacht. Erst Bilder erschließen uns den Reichtum unseres Daseins. Das fängt bei den Traumbildern an. Wie wir unseren Alltag erleben, das hängt oft von den unbewussten Bildern ab, die im Traum in uns hochsteigen. Oft fragen wir uns in gewissen Situationen: Habe ich das nicht schon einmal gesehen, habe ich das nicht geträumt? Traumbilder nehmen unser Leben oft vorweg und lassen uns bestimmte Situationen erst ganz bewusst und wach erleben.

[Bilder]eröffnen neue Dimensionen der Wirklichkeit, die sonst verschlossen sind, und zwar sowohl Dimensionen unseres eigenen Seins, unserer Seele, als auch Dimensionen der außer uns liegenden objektiven Realität.

Lengsfeld, 214f

Bilder zeigen uns die wahre Bedeutung des Erlebten, sie führen in die Tiefendimension. Ohne Bilder bleiben wir oft an der Oberfläche hängen. Wir handeln, aber wir gestalten nicht. Wir arbeiten, aber es entsteht nichts. Wir reden, aber es bleibt nichts haften. Bilder geben unserm Handeln, Arbeiten und Reden erst die Tiefe. Sie lassen in allem etwas von der wahren Bedeutung aufblitzen und letztlich von Gott selbst. Im Bild leuchtet immer das Ganze auf, leuchtet immer Gott als das letzte Geheimnis auf. Was Erhart Kästner von den Bildern der Ikonen schreibt, das gilt auch für die Bilder von Seelsorge, die wir in der Bibel finden:

Wahrheit will wohnen. Und sie kann nicht anders wohnen als im Bild, im Wort, im Gedicht. Auch sie muss Fleisch werden. Erst dann ist sie der Erde verbunden, erst dann hat sie Schicksal, leidet, freut sich, wird in ihren großen Augenblicken verklärt; erst dann kann sie wachsen und blühen.

Kästner, 104f

Bilder sind Fenster ... In den Bildern liegt der Anruf aller Dinge von oben. Am Bild, am Gleichnis hängt alles mit goldenen Strahlenketten zusammen. Die Metapher, das ist die Liebe unter den Dingen, durchs Bildnis ist alles vereint.

Kästner, 105

Die Bilder – so meint Kästner – verändern die Dinge dieser Welt, sie lassen sie durchlässig werden für Gott. Die biblischen Bilder von Seelsorge lassen uns unsere Begegnungen und Gespräche in einem neuen Licht erleben. Bilder haben eine verwandelnde Kraft. Die Begegnung ist nicht mehr bloßer Kontakt, das Gespräch nicht mehr bloß eine Aufeinanderfolge von Worten. Durch die Bilder der Seelsorge geht uns erst auf, was in der Begegnung wirklich geschehen mag. Bilder verwandeln alles, was wir erleben. So sagt Kästner:

Wenn Ernte ein Mal für Erfüllung dastand und Heilung ein Mal für Heil, wenn die Dinge dieser Welt es denn wirklich aushielten, die Metaphern des Heils zu ertragen und nicht zu zerspringen dabei –: so kann das nicht ohne Folge, so kann das nicht bedeutungslos sein. Durchs Gleichnis muss eine sakramentale Erhöhung auf die gerufenen Dinge ausgehen, auf Weinstock und Rebe, reifende Felder, Hochzeit, Brot, Eckstein, Groschen und Knecht: eine Verwandlung, die in der Verwandlung von Brot und Wein wohl ihren höchsten, aber nicht einsamen Ausdruck besitzt.

Kästner, 107

Wenn wir die Bilder von Seelsorge immer wieder meditieren, dann werden sie unseren Gottesdiensten, unseren Gesprächen, unseren Festen eine andere Qualität geben. Dann wird etwas von Gott selbst durchscheinen, vom Geheimnis seiner Herrlichkeit, von Heil und Erlösung, von Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit. Unser Tun wird Gott selbst gegenwärtig setzen. Es wird sakramentales Tun, nicht nur in den sieben Sakramenten, sondern in all unserem seelsorglichen Handeln.

Bilder schließen nicht nur auf, sondern sie bewirken auch etwas. Das hat C. G. Jung in seiner Lehre von den Archetypen gezeigt. Archetypische Bilder setzen im Menschen einen Prozess in Gang. Wenn der Mensch durch äußere Bilder in Berührung kommt mit den in seinem Unbewussten bereitliegenden Archetypen, dann wird in ihm etwas ganz und heil, dann kommt der Prozess der Individuation, der Selbstwerdung in Bewegung.

Die biblischen Geschichten, die wir in diesem Buch als Bilder von Seelsorge beschreiben, haben als Urbilder etwas von der Wirkung an sich, die C. G. Jung den Archetypen zuschreibt. Sie sind nicht in erster Linie Vorbilder, die wir nachahmen müssten, sondern Urbilder, die sich in uns einbilden und die das in uns hervorlocken, was Gott uns an Möglichkeiten geschenkt hat. Wenn wir uns auf die biblischen Bilder einlassen, dann bewirken sie etwas in uns und verändern unser Sein und Verhalten, ohne dass wir uns konkrete Vorsätze machen müssten. Sie wirken über das Unbewusste. Sie verändern die Voraussetzungen für unser Handeln. Ohne dass wir es merken, prägen sie unser Denken, Reden und Tun. Sie geben uns eine neue Ausstrahlung. Denn sie lassen das Geheimnis Gottes selbst durchschimmern.

Die Wirkung unseres seelsorglichen Tuns wird in erster Linie von dieser Ausstrahlung bestimmt, nicht von den richtigen und falschen Methoden. Eine meiner Nichten – damals erst elf Jahre alt – meinte in einem Gespräch spontan: »Den Religionslehrer mag ich nicht. Der hat keine Ausstrahlung.« Offensichtlich hat sie ein Gespür dafür, was von einem Menschen ausgeht. Ausstrahlung kann man nicht einfach durch Techniken oder Methoden erzeugen, sie geschieht, wenn unser ganzes Sein durchlässig wird für das Geheimnis Gottes. Bilder sind ein Weg, uns durchlässig zu machen für Gottes Geist. Wenn wir sie lange genug meditieren, wird von uns eine Ausstrahlung ausgehen, die an der Ausstrahlung Jesu selbst teilhat. Von Jesus ging etwas aus, dass Menschen in seiner Nähe den Mut fanden, ja zu ihrem Leben zu sagen, dass Gebeugte sich aufrichteten, dass Kranke gesund wurden, und Verschlossene sich öffneten.

Eine Theologie, die in Bildern denkt, verrennt sich nicht in unnötige Streitereien um Worte und Begriffe. Eine bildhafte Theologie ist immer noch die offenste und aktuellste. Denn Bilder veralten nie. Sprache kann sich sehr schnell überleben. Die Sprache theologischer Bücher aus den sechziger Jahren kommt uns heute schon fremd vor. Bilder nutzen sich nicht so leicht ab. Denn Bilder sind immer ein Tor zum Geheimnis. Im Bild leuchtet immer die ganze Wahrheit auf. Ein Schleier lüftet sich und das Sein selbst wird sichtbar. Jedes Bild hat einen anderen Schlüssel zu dieser Wahrheit und lässt einen anderen Aspekt der Wahrheit erscheinen, aber es ist immer die ganze Wahrheit. Wenn ich tief genug in ein Bild hineinschaue, stoße ich immer auf Gott als den letzten Grund. Und die vielen Bilder lassen etwas vom Reichtum des unendlichen Gottes erahnen. Die Theologie der frühen Kirche dachte noch in Bildern. Und sie ist daher immer noch modern. Bilder legen nicht fest, sondern schließen auf. Irdisches wird zum Bild für Himmlisches. Das gilt aber nicht nur für unsere Gottesbegegnung, sondern auch für die Begegnung mit Menschen. Auch da könnten Bilder uns den Reichtum des Miteinanders aufschließen. Sie könnten uns den Blick öffnen für das Geheimnis menschlicher Begegnung, dass wir da im anderen Menschen immer auch dem Geheimnis Gottes selbst begegnen. Bilder wollen uns sensibel machen für das Geheimnis einer anderen Person. Methoden sind in Gefahr, zu verzwecken. Die Methoden der Seelsorge sind zwar entwickelt worden, um dem heutigen Menschen gerecht zu werden. Aber zu leicht werden die Methoden zum Selbstzweck. Und dann übersehen sie den Menschen. Bilder übersehen nie, sie sehen hindurch auf den Grund, sie sehen im Sichtbaren das Unsichtbare.

In diesem Sinn wollen wir biblische Bilder betrachten, die das seelsorgliche Tun erst in seiner wahren Bedeutung erkennen lassen. Sie wollen unserem Tun eine neue Tiefe geben, sie wollen in unserem Tun etwas von Gottes Seelsorge an uns aufleuchten lassen. Sie spüren der Tiefendimension von Seelsorge nach, um zu verhindern, dass sie zum Betrieb verkommt. Aktivitäten werden in der Seelsorge zur Zeit genügend gestartet, aber das eigentliche Geheimnis leuchtet kaum auf, die heilende und ganzmachende Wirkung von Seelsorge wird kaum erfahren und die tiefste Sehnsucht des Menschen wird nicht angesprochen. Doch darin besteht gerade Seelsorge, dass wir den Menschen in seiner Sehnsucht anrühren.

2. Die Sehnsucht ansprechen

Blickt umher und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte. Ich habe euch gesandt, zu ernten, wofür ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und ihr erntet die Frucht ihrer Arbeit

Johannes 4,35.38

Gott hat in den Menschen schon gesät, bevor wir mit unserer Seelsorge beginnen. Seelsorge heißt nicht, dass wir in den Menschen den Glauben und das Heil erarbeiten müssen, dass wir sie zu etwas hin erziehen sollen, dass wir sie von etwas zu überzeugen hätten. Seelsorge heißt vielmehr, daran zu glauben, dass Gott in den Menschen seinen Samen gesät hat. Wir brauchen nur zu ernten, was Gott vor uns ausgesät hat. Der Samen, den Gott in die Menschen hineingelegt hat, ist nach Augustinus die Sehnsucht.

In jedem Menschen steckt eine tiefe Sehnsucht nach Gott, nach Geborgenheit, nach Liebe, nach wahrer Heimat, nach Echtheit und Freiheit. Für Augustinus ist die Sehnsucht ein Grundexistenzial des Menschen. Nicht die Sorge, die für Heidegger das grundlegende Existenzial des Menschen darstellt, sondern die Sehnsucht prägt die menschliche Seele. Gott selbst hat dem Menschen die Sehnsucht nach ewiger Gemeinschaft mit ihm ins Herz gelegt.

Jeder Mensch sehnt sich – so Augustinus – in seinem Herzen nach Gott, nach Ruhe, nach Liebe, nach Gemeinschaft mit dem Schöpfer.