Denk mal! - anders - Utina Kiani - E-Book

Denk mal! - anders E-Book

Utina Kiani

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Beschreibung

Nach dem Polizeimord in Amerika steht die halbe Welt auf gegen Rassismus. Im Schlaglicht der Proteste dort werden auch bei uns der Umgang mit Denkmälern, der Rassebegriff im Grundgesetz und Rassismus im Alltag debattiert. Die Autorin möchte anregen, der Frage nachzugehen, warum wir denken, was wir denken. Das Buch versteht sich als ein Beitrag zur Einordnung der aktuellen Debatte. Dabei geht es darum, was überhaupt Rassismus ist, wie er wirkt und woher der Hass kommt. Es wird gezeigt, warum wir alle in Rassismus verstrickt und in Schubladendenken gefangen sind. Und es geht um Wege inmitten des Dilemmas und darum, wie die Debatte nachhaltig gelingen kann.

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Seitenzahl: 51

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Utina Kiani

Denk mal! - anders

Ein Beitrag zur aktuellen Debatte um Rassismus

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Denk mal! –anders: Über Proteste und Denkmäler

Endlich angekommen: Die Rassismusdebatte in Deutschland

Warum ich denke, was ich denke

Was ist Rassismus überhaupt?

Auf welchen Ebenen Rassismus wirkt

Warum wir alle darin verstrickt sind

Wie sich Rassismus in Unwissenheit und in Wissen spiegelt

Wie wir in Schubladen gefangen sind

Warum die Kolonialzeit Wiege modernen Rassismus ist

Wie das Arfrikanische Viertel in Berlin um sein Erbe ringt

Warum wir auf Sprache und Worte achten sollten

Wie die Debatte gelingen kann

Anmerkungen

Dank

Impressum neobooks

Denk mal! –anders: Über Proteste und Denkmäler

Nach einem Polizeimord in Amerika steht die halbe Welt auf gegen Rassismus. Im Schlaglicht der George-Floyd-Proteste versenkten Demonstranten in Bristol die Sklavenhändler-Statue Edward Colstons (1636 -1721). Als Teilhaber und Manager der Royal Africa Company hatte der abertausende Männer, Frauen und Kinder verschleppt, gebrandmarkt, in den Tod geschickt. Als vermeintlich tugendhaftem Politiker und Sohn der Stadt hatte man ihm Jahre nach seinem Tod ein Denkmal gesetzt (1895). Jetzt haben Demonstranten ihn vom Sockel geholt (2020). Endlich! Mutig, aber recht so, gut gemacht! - das waren meine ersten Gedanken. Wie konnte er überhaupt so lange weitgehend unbehelligt da stehen und als Held und Wohltäter erinnert werden? Er blieb dann nicht der einzige, der jetzt gefallen ist. Auch Kolumbus und etliche Generäle des amerikanischen Sezessionskriegs, den es ohne das Problem der Sklaverei nie gegeben hätte, waren Zielscheibe der Demonstranten und wurden vom Sockel gerissen und versenkt. Andere, wie etwa Churchill wurden als Mörder ‚markiert‘ oder vorsorglich entfernt, wie der Pfadfinder-Gründer Baden Powell.Ebenso erging es Königen von Belgien. Balduin, der bis 1993 regierte und in einer Fernsehumfrage (RTBF) schon einmal als „Belg der Belgen“, als einer der größten Belgier aller Zeiten gewählt wurde, wurde im Zuge der Proteste mit roter Farbe im Gesicht markiert, die an eine große Blutlache erinnert und von seinem Körper über den gesamten Platz verläuft. Vandalismus, ist nicht das richtige Wort dafür. Schließlich ist es keinesfalls eine Zerstörung, die blindwütig ist, sondern sehr gezielt, geschichtsbewusst und symbolträchtig. Es ist für alle viel mehr: Profanierung, also Entwürdigung eines quasi-sakralen Symbols mag das für die einen, die Konservativen sein; längst überfällige Mahnung und Richtigstellung für die anderen, die Protestierenden. Schließlich war König Balduin in die Ermordung des ersten kongolesischen Ministerpräsidenten Patrice Lumumba (1961) verwickelt. Es hatte zumindest von den Mordplänen gewusst, sie wahrscheinlich sogar in Auftrag gegeben und die Lumumba feindlich gesinnten Kräfte finanziell, logistisch und militärisch unterstützt. Seine ganz unmittelbare Schuld an der Ermordung hatte nicht zuletzt 2002 eine Fachkommission des belgischen Parlaments bestätigt.

Bei der Statue König Leopold II, nahe des königlichen Palastes in Brüssel waren es die Hände, die von Demonstrierenden rot gefärbt wurden. Leopold II (1835 – 1909), der „Baukönig“, wie Belgier ihn ob seiner vielen Bauprojekte bisweilen auch anerkennend nannten, ist die zentrale Gestalt des belgischen Kolonialismus, an dessen Hände tatsächlich besonders viel Blut klebt. Im Belgisch-Kongo, dem einstigen Privatbesitz des „Baukönigs“, wurden Millionen Menschen die Hände abgehackt, versklavt und ermordet: ein Verbrechen apokalyptischen Ausmaßes, so Historiker. Viele seiner Statuen wurden im Zuge der Proteste vorsorglich entfernt. Es soll Anklage erhoben werden und die Statuen sollen restauriert werden. Was danach mit ihnen passieren soll, ist derzeit noch unklar. Ob es eine offizielle Entschuldigung für die Verbrechen geben wird, wie Protestierende mit der Aufschrift „Pardon“ auf der Brust einiger Leopold-Statuen forderten, bleibt abzuwarten. Prinz Laurent von Belgien, der jüngere Bruder des heutigen Königs Philippe, der sich dazu als erster zu Wort gemeldet hatte, zeigte jedenfalls kein Verständnis für die Kritik an seinem Vorfahren: König Leopold II. sei schließlich nie in den Kongo gereist. Die Menschen dort hätten also nicht unter ihm leiden können, sagte er der Zeitung. (1) Warum fällt es offensichtlich so schwer, sich von einem postkolonialen, rassistischen Menschenbild zu lösen, Schuld anzuerkennen und um Entschuldigung zu bitten?

Was tun mit all den fragwürdigen Denkmälern in unseren Städten? Schnell weg damit? Das würde auch bedeuten, dass wir damit die rassistischen Verhältnisse unserer Vergangenheit kurzerhand auch unsichtbar machten. So blieben sie in der Öffentlichkeit ein für alle Mal unbenannt und unbekannt; sie würden „ent_Erwähnt“, wie das die deutsch-dominikanische Aktivistin und Autorin Alanna Lockward (2) einmal treffend in Sprache fasste. Genauso „ent_Erwähnt“ wie die Ressourcen, das viele Geld, das der belgische „Baukönig“ und alle anderen Kolonisatoren, in ihre Herkunftsländer verschifften, wo sie bis heute in aller Öffentlichkeit zur allgemeinen Bewunderung besichtigt werden können. Wir hätten da also so einiges abzuräumen, so viel, dass wir es gar nicht schaffen könnten. Unsere moderne Gesellschaft fußt leider auch auf vielen moralischen, wirtschaftlichen und politischen Skandalen von Rassismus und Kolonialisierung, bei denen Folge und Ursache sich jeweils gegenseitig bedingen: Wir sind reich, weil weiß, wir sind weiß, weil reich, klagte bereits in den 1960ern Frantz Fanon aus Martinique prominent an. Nicht nur damals, nicht nur im Amerika von heute ist dem nach wie vor oft so. Im meist Subtilen, aber doch sehr Wesentlichen wirkt Rassismus auch heute noch und auch bei uns so. Das macht die Rassismusdebatte im Kern zu einer Gerechtigkeitsdebatte, der wir uns als demokratische Gesellschaft immer wieder zu stellen haben und der wir uns gerade in Deutschland lange verweigert haben.

Was könnte sich daraus für die Statuen und Denkmäler in unseren Städten ergeben? Ich meine, wir sollten sie nicht schnell einfach vom Sockel stürzen. Wir sollten sie eher ‚brechen‘ und zum Denk-mal! machen, indem wir sie in ihr ‚rechtes‘ Licht rücken und Formen finden, ihre rassistischen, grausamen, menschenverachtenden Untaten klar und augenfällig zu zeigen. Die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit ihrem in Ruinen belassenen alten Turm und ihrem neuen Turm könnte uns da inspirieren. Der aus der Elfenbeinküste stammende Adiaffi sagte dazu einmal in einem Interview, das habe ihn „wirklich umgehauen“.