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Man kann nicht existieren und zugleich verstanden werden - mit diesem Satz eröffnete der neurodivergente Künstler, Forscher und Aktivist Timothy Speed das Forschungsfeld der Autistic Epistemology - eine neue Denkweise, in der Autismus nicht Objekt, sondern Ursprung von Wissen ist. Er verbindet Critical Autism Studies, Artistic Research und Systemtheorie zu einer einheitlichen Ontologie des Resonanten. Speed gehört zu den wenigen Denkern, die den Posthumanismus nicht theoretisch postulieren, sondern leben. Einer der übersehenen Systemdenker unserer Zeit - der lange vor Hartmut Rosa von "Resonanz" sprach, ein Verständnis von Wirklichkeit als zyklischer, verkörperter Wechselwirkung entfaltete, welches ökonomische, soziale und energetische Prozesse zusammenführt und damit - ähnlich wie die Wirtschaftsnobelpreisträger für Markt- und Verhaltensökonomik Mokyr, Aghion und Howitt - früh das Ende der linearen Rationalität und die Notwendigkeit einer relationalen Ökonomie antizipierte. Er liefert nicht nur einen Beitrag zur Autismusforschung, sondern eine grundsätzliche Theorie der Wahrnehmung, Arbeit und Existenz im Zeitalter der Überreizung. Sein Werk steht in der Reihe der paradigmatischen Wenden, die nicht "über" das Abweichende sprechen, sondern aus ihm heraus Wissen generieren - vergleichbar mit Fanon, Haraway, Deleuze oder Manning. Speed offenbart den ontologischen Spalt zwischen Neurodivergenten und Neurotypischen und transformiert nicht nur das Double Empathy Problem, sondern auch unser Verständnis von Masking und Realität selbst. Denn sie können nicht verstehen, zeigt, dass jede Existenz eine Verzerrung ist - und dass Neurodivergenz der Schlüssel sein könnte, diese Brechung als schöpferische Kraft zu begreifen
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Man kann nicht existieren und zugleich verstanden werden – mit diesem Satz eröffnete der neurodivergente Künstler, Forscher und Aktivist Ti-mothy Speed das Forschungsfeld der Autistic Epistemology – eine neue Denkweise, in der Autismus nicht Objekt, sondern Ursprung von Wissen ist. Er verbindet Critical Autism Studies, Artistic Research und Systemtheorie zu einer einheitlichen Ontologie des Resonanten. Speed gehört zu den wenigen Denkern, die den Posthumanismus nicht theoretisch postulieren, sondern leben. Einer der übersehenen Systemdenker unserer Zeit – der lange vor Hartmut Rosa von »Resonanz« sprach, ein Verständnis von Wirklichkeit als zyklischer, verkörperter Wechselwirkung entfaltete, welches ökonomische, soziale und energetische Prozesse zusammenführt und damit – ähnlich wie die Wirtschaftsnobelpreisträger für Markt- und Verhaltensökonomik Mokyr, Aghion und Howitt – früh das Ende der linearen Rationalität und die Notwendigkeit einer relationalen Ökonomie antizipierte. Er liefert nicht nur einen Beitrag zur Autismusforschung, sondern eine grundsätzliche Theorie der Wahrnehmung, Arbeit und Existenz im Zeitalter der Überreizung. Sein Werk steht in der Reihe der paradigma-tischen Wenden, die nicht »über« das Abweichende sprechen, sondern aus ihm heraus Wissen generieren – vergleichbar mit Fanon, Haraway, Deleuze oder Manning. Speed offenbart den ontologischen Spalt zwischen Neuro-divergenten und Neurotypischen und transformiert nicht nur das Double Empathy Problem, sondern auch unser Verständnis von Masking und Realität selbst. Denn sie können nicht verstehen, zeigt, dass jede Existenz eine Verzerrung ist – und dass Neurodivergenz der Schlüssel sein könnte, diese Brechung als schöpferische Kraft zu begreifen.
Haltung und Inkommensurabiltät
Die Härte gegen das Fremde
Das Normative als Versuch gegen die Ambiguität
Die Seinsverschiebung
Konsequenzen für die Wissenschaft
Fragen der Ko-Kreation und Autonomie
Konsequenzen
Von Realitätsverlust zu normalisierter Gewalt
NT und ND, zwei Modi als dissoziative Objektivierung vs. assoziative Verkörperung
Vom Spektrum zur Liminalität
Transformatives Masking – Die Kunst der Realitätsschöpfung
Was wäre, würde man ADHS und Autismus nicht als getrennte Störungen, sondern als Varianten desselben Maskings begreifen?
Die Diversitätsmarke und metastabile Diversität – Oder wie man ein Ökosystem baut
Feldexperimente und integrierte Spektren
Alles ist Dynamik und Synergie – Kreutzbrucks Ansatz
Das psychodynamische Feld und Double-Bind als Abwehr
Abwehrreaktionen in der NT-Psychologie
Die politische Dimension der Neurodivergenz
Die Anerkennung der Verschiebung – Die Befreiung des Neurodivergenten
Über die evolutionäre »Nützlichkeit«
Unterdrückung neurodivergenter Stimmen und die Arbeit von Melanie Yergeau
Mythologische Existenz - Das Offene und das Determinierte
Künstlerische Forschung nutzt ästhetische Verfahren – Montage, Performance, Materialexperiment – als eigenständige Erkenntnismethoden. Dabei schließt sich die Künstler:in nicht selbst vom Erkenntnisprozess aus. Wissen entsteht nicht erst in der nachträglichen Interpretation, sondern im Prozess des Gestaltens selbst: Gedanken werden sicht- und hörbar, Hypothesen lassen sich probeweise verkörpern. Statt Daten zu sammeln, erzeugt Artistic Research Situationen, die Theorie und Praxis ineinander falten. So überschreitet sie die klassische Disziplintrennung und macht Phänomene erfahrbar, bevor sie vermessen werden.
Die Inhalte dieses Buches beruhen auf Artistic Research.
Neurodivergente Forschung
ist die spezielle Forschungsmethode, die manche Autist:innen anwenden. – Dieser Ansatz bringt Wahrnehmungsprofile hervor, die von der »statistischen Norm« abweichen, aber gerade dadurch neue Muster erkennen lassen. Forschung aus einer neurodivergenten Position nutzt diesen atypischen Filter bewusst als methodischen Vorteil: Hyperfokus ersetzt Großgeräte; Musterempfindlichkeit entdeckt Korrelationen, die im Störrauschen verschwinden. Statt Defizite zu kompensieren, werden idiosynkratische Kognitionen als zusätzliche Messinstrumente begriffen. Das erzeugt unerwartete Fragen, radikale Querverbindungen und verdichtet Disziplinränder zu neuem Terrain.
Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zu den Critical Autism Studies (CAS), weil hier die besonderen Perspektiven autistischer Forscher:innen Bedeutung bekommen.
Haltung und Inkommensurabiltät
Neurodivergenz, unter der man nicht nur Autismus und ADHS versteht, impliziert heute im Westen nicht selten eine oberflächliche Diskussion über eine scheinbare Überempfindlichkeit gegenüber der modernen Welt. In Japan nennt man Autismus auch 自閉症 (jiheishō), was übersetzt Syndrom des Sich-Verschließens bedeutet.
In der Schülerzeitung schrieben sie vor Jahrzehnten über mich, als noch niemand wusste, dass ich Autist (AuDHD) bin: »Wir wünschen ihm eine andere Welt«, was von einem gewissen Bestreben zeugt, ohne Autist:innen auskommen zu wollen, weil wir Reibung erzeugen, weil wir eine lebende Infragestellung der Verhältnisse sind.
Anfang der 70er Jahre wurde ich in Middlesbrough/England als Sohn einer Österreicherin und eines Engländers geboren. Das macht mich zu einem Enkel und Urenkel des Industriezeitalters, also der Geburtsstätte des Kapitalismus. Mein Urgroßvater William Robert McMaster war Metallarbeiter bei Sir B. Samuelson & Co, sein Schwiegersohn, mein Großvater, als Vorarbeiter, wie dessen Vater als Maschinist vom selben Schlag. Der Großteil der Familie lebte auf die eine oder andere Art vom Eisen, in den Zeiten, als Stahl noch in den Kinderschuhen steckte, und nachdem man ihren Familien zuvor im Rahmen der Enclosures das Weiderecht entzog, um sie in die Fabriken des 19. Jahrhunderts zu zwingen. In meiner DNA steckt somit neben Neurodivergenz auch jener Gewaltakt, mit dem der Kapitalismus begann. Der Rauswurf aus dem Paradies, aus der selbstbestimmten Arbeit und Versorgung.
Mein Geburtsort, damals als Ironopolis (Middlesbrough) bekannt, inspirierte neben anderen Industriezentren jener Zeit auch Karl Marx und Friedrich Engels. Marx schrieb Das Kapital als Reaktion auf die nordengli-schen Städte mit ihrem Dreck des überfüllten Elends, in dem es keine Mittelschicht gab, sondern nur Industrielle und ausgebeutete Arbeiter:innen. Fritz Lang drehte in Deutschland den Film Metropolis, der ebenfalls von Erzählungen über diese dystopischen Städte geprägt war.
Eine Welt auf maximalem Profit begründet, mit Maschinenmenschen, die rund um die Uhr für eine grandiose Zukunft schufteten, während für sie 30 die durchschnittliche Lebenserwartung darstellte.
Irgendwann in dieser Zeit kam die Neurodivergenz in die Blutlinie meiner Vorfahren und führte bei ihnen, die sich dessen nie bewusst wurden, zu einer geradezu militanten Prinzipientreue und Härte, was typisch für Neurodivergente im 18. und 19. Jahrhundert ist. Es gab kein Verständnis, kein Verstehen, wie es auch keine Akademiker:innen, gar Kulturschaffende gab. Unter ihnen viele Selfmade-Ingenieure, Tüftler, Erfinder. Ironopolis war auch eine Hochburg der innovativen Gründer. So fanden viele Zuflucht in Nischen, in denen sie überwiegend allein Maschinen bedienten, oder monotrop an Innovationen forschten.
Mit Ende der Hochzeiten von Ironopolis wechselte meine Familie vom Eisen- ins Ölgeschäft. Mein Vater stieg in den 80er Jahren als Spengler schnell zum leitenden Chef einer Ölbohrinsel in der Nordsee auf.
Er war hart, sehr hart, fand, Hitler hätte gute Arbeit geleistet, ließ Männer mit Ohrringen als Bestrafung mit dem Feuerwehrschlauch auf dem Hubschrauberdeck abspritzen und war in jeder Hinsicht homophob. Die Boys aus Ironopolis verstanden diese Haltung als Teil ihrer Identität. Die Arbeitsbedingungen duldeten keinen Widerspruch. Sicherheit wurde durch Härte, aber nicht durch systemische Sorgfalt durchgesetzt, was schließlich zum Nährboden für viele Unfälle und Katastrophen wurde. Patriarchale Strukturen auf der einen, maximale Unterwürfigkeit auf der anderen und dazwischen jede Menge Alkohol.
1988, ich war damals 15, stand ich im Wohnzimmer meiner Eltern und hielt ein Stück Thermopapier in den Händen. Es stammt von einer Papierrolle, die Funksprüche aufzeichnete. Auf dem Papier stand: »Mayday May-day, Piper Alpha burning…«
Es war der 6. Juli, als es auf der Piper Alpha zur größten Offshore-Ka-tastrophe in der Geschichte der Ölförderung kam. 167 Menschen starben, nur 61 überlebten das Bohrinsel-Unglück.
In dem Untersuchungsbericht hieß es später, eine der Ursachen für das Eskalieren des Brandes, neben dem massiven Versagen der Sicherheitssysteme, habe auch darin gelegen, dass die anderen Plattformen, die mit Piper Alpha direkt verbunden waren, die Verbindungsleitungen nicht abstellten. Sie handelten nicht, weil ein Abstellen einen Schaden von mehreren Millionen Dollar verursacht hätte. Darum pumpten sie immer mehr Brennstoff zu Piper Alpha. Sie warteten teilweise 90 Minuten auf Rücksprache mit den Bossen vom Festland und verstrickten sich in neurotypischen Hierarchien, während ihre Kolleg:innen im Höllenfeuer verbrannten. Ein ganzer Container versank mit 80 Menschen auf dem Grund der Nordsee.
Mein autistisch geprägter Vater (nie diagnostiziert) aber stellte die Leitung zu Piper Alpha sofort ab. Es war ihm vollkommen gleichgültig, wie andere darüber dachten. Ein Millionenschaden kümmerte ihn nicht. Richtig oder falsch waren für ihn absolute Größen. Er war außerdem gut darin, Beziehungen plötzlich abzubrechen. An diesem Tag aber rettete er gemeinsam mit den wenigen, die es auch taten, vermutlich mehrere Menschenleben.
Er sprach später 20 Jahre lang kein Wort mit mir. Denn ich bin Künstler, Intellektueller, kein echter Kerl, sondern für ihn eine Schande. In Ironopo-lis hätten sie mich erschlagen.
Gewalt und Schmerz, Aushalten, Durchhalten, weitermachen, das ist mein Leben immer gewesen. Widersprüche, Verdrehungen, Entfremdung und Härte, so deute ich es heute, sind Konsequenzen des Haderns von Generationen, in einer Welt, die neurotypisches, weißes, patriarchales Funktionieren bis in die Selbstleugnung und Selbstvernichtung verlangt.
Das Gefühl der Entfremdung, der Verdrängung und Verzerrung erscheint mir daher in unserer Zeit prägend. Wir haben uns derart verengt, in kapitalistischem Irrsinn der Einseitigkeit, dass Angst und Gewalt jede Veränderung begleiten und jede Öffnung verhindern wollen. Den dunklen, schwarzen Fleck, die ethischen Verwerfungen zu leugnen, das ist mir als Autist und Nachfahre der Bewohner:innen von Ironopolis heute nicht mehr möglich. Das hat mich zu einem Aktivisten werden lassen, und es ist, als verfolge mich die Lebensrealität von Ironopolis wie ein Fluch. Was ist richtig? Was ist falsch? Fragen, die sich auch mir stellten.
Die Härte gegen das Fremde
In Deutschland, wo ich heute lebe, nimmt die Akzeptanz von Diversität rapide ab. Es ist wieder so weit.1 Die dunklen Zeiten sind zurück und mit ihnen derselbe Reflex der Besserverdienenden, die von Eigenverantwortung sprechen und dabei die nächste Welle der Ausbeutung und Diskriminierung derer meinen, die unter ihnen stehen, die existenziell permanent von ihnen verhindert werden.
Nur noch 45 Prozent der Bevölkerung sehen Vielfalt als Bereicherung. Sie stört die reibungslose Produktion und bedroht ihre Jobs, von denen sie kaum leben können. Dies sind die Vorboten neofaschistoider Tendenzen, von denen immer mehr Länder im Westen betroffen sind. Der Hass gegen die »anderen« steigt und politische Morde (Melissa Hortman & Ehemann bis Charlie Kirk) nehmen erschreckend zu. Das alles ist auch die Folge dessen, was ich in Gesellschaft ohne Vertrauen bereits vor 25 Jahren beschrieb, nämlich die Dominanz der materiellen Normen, über der Ambiguität, über dem Lebendigen selbst, welche die Komplexität zerstört und mit ihr die Wahrheit. Sie ist ein neurotypischer Schatten, in dem das Potenzial des anderen erstickt wird, um zu kontrollieren und die Position in der Gruppe zu festigen. Privileg entscheidet wieder über Lebenschancen. Das alte Monster ist zurück.
Die Engführung und Verfestigung ist das, was Identität im neuroty-pischen, patriarchalen ausmacht. Das führt zu zwei gegensätzlichen Existenzerfahrungen. Auf der einen Seite das Feste, Konkrete, das einzig Bestimmende, die harte Realität. Auf der anderen, also bei den Rändern, dort führt die Starre zur Verzerrung, zur einseitigen Referenz mit der Norm. Die Ränder werden verbogen, karikiert, maskenhaft überdehnt oder mar-ginalisiert.
Das eine tut so, als hätte es mit dem anderen nichts zu tun, als existiere die Wechselwirkung nicht.
In einem neurotypischen und materiellen Weltbild kann man Objekte nebeneinanderreihen und addieren. Wachstum ist eine unendliche Linie. Das eine hat keinerlei Wirkung auf das andere. Objekte gelten als isoliert, als abgespaltene Einheiten. Das ist Folge einer bestimmten Prägung von Gehirnen und neurologischen Vernetzungen, die wir Neurotypikalität nennen. Sie ist die Folge von Jahrhunderten der Organisation von Gesellschaft und Macht. Sie ist als dominantes Weltbild gebaut, um darin Herr-schaftsmodelle zu stabilisieren. Man kann somit sagen, dass die Politik sich in der Biologie eingeschrieben hat. Mit jedem Schlag, mit jeder gewaltvol-len Unterdrückung, übertrug man Verengung, Verschiebung und Verzerrung genetisch und evolutionär auf die nächste Generation.
Wird etwas definiert, dann verschwindet dessen Potenzial. Es wird begrenzt. Das Feste bildet einen Zerrfilter: Habitate, Welten, Realitäten, in denen was als fest definiert ist, alle anderen Anteile in Beziehung dazu verschiebt, weil die Begrenzung des einen Potenzials stets auch die Potenziale aller anderen Verbindungen verengt. Die Vorstellung eines unabhängigen, freien Raumes ist eine Illusion. Das bedeutet, so führe ich es in Die Physik der Armen umfassend aus, dass eine jede Existenz, mit Zunahme ihrer Verdichtung eine Verzerrung aller anderen Existenzen bedeutet, und je dominanter die eine Verfestigung, desto stärker werden die Ränder verschoben.
Weil wir eine Einheit sind, die sich nur dehnt, aber nicht in sich zu unabhängigen Objekten abreißt. Zunächst nur eine These, die wir im Laufe des Buches noch vertiefen werden.
Die Verengung drückt nicht nur andere hinaus, sie staut Energie, bis sich das ganze Gefüge verschiebt. Das Phänomen lässt sich – ich habe es in meinem Buch Die Physik der Armen sehr vertieft ausgeführt – als Seinsver-schiebung beschreiben. Damit meine ich, dass Unterdrückung mehr ist als Gewalt eines Objektes gegen das andere, sondern eben auch Verformung des Selbst. Es ist ein relationaler Prozess. Der Formende ist von der Verformung nicht getrennt, isoliert, sondern ist Teil davon.
Weil der Unterdrücker Teil desselben Körpers ist, den er zu beherrschen glaubt, steht er nicht außerhalb der Beziehung. Er presst nicht einfach auf einen fremden Körper, sondern auf die eigene Struktur, die er damit verzerrt. Unterdrückung ist keine einseitige Bewegung, sondern ein Rück-kopplungsprozess, der Täter und Opfer im selben Feld bindet. Wer den Fremden fortschiebt, der zerrt zugleich an sich selbst. Die Gewalt kehrt als Deformation zurück.
Weil das Potenzial, welches man dadurch verhindert, dem gesamten Raum die Komplexität und Vielfalt nimmt. Gewalt verengt uns alle, weil Verfestigung Potenzial entgegenwirkt.
Das verändert nicht nur den Einzelnen, sondern die Gestalt des Ganzen. Der Prozess der Existenz selbst wird so zu einem Phänomen der Dynamik – ohne feste Verortung, ohne objektbezogene Qualität. Das ist zentral zu verstehen. Wenn das Sein eine Verfestigung ist, als Prozess, dann ist sie zugleich ein Schwinden, ein Verlust an Raum und Dimension. Somit wird Existenz zur Implikation einer Abwesenheit, und diese führt zu einer prozessualen Antwort, in der die Differenz zwischen Objekt und Potenzial zum Raum des Seins selbst wird. Das Bewusstsein ist die Differenz, die Lücke, die sich als Raum stülpt. Diese Abwesenheit impliziert Existenz und folglich Erkenntnis als ein permanentes Danebenzielen – als das unaufhörliche Streben, sich selbst zu erreichen, ohne sich je ganz zu besitzen. Denn das absolute Ding, ist das Objekt minus allem anderen. Verliert das Ding auf diese Weise auch jede Beziehung zur Welt, wird es zu einem toten Nichts. Bewusstsein kann also weder Ding, noch alles, noch nichts sein, sondern das, was ist, wenn Potenzial und Objekt sich niemals stabilisieren können.
Masken, die um Authentizität kämpfen, die in diesem Kampf nur immerzu neue Masken hervorbringen können. Jeder sucht sich selbst und verstellt durch die eigene Existenz jeder neuen Generation den unabhängigen, den unverzerrten Blick auf sich.
Das Normative als Versuch gegen die Ambiguität
Für Gehirne scheint der Umstand, dass der Raum implizit die Lücke ist, etwas schwer Erträgliches, weil es sich nicht berechnen lässt. Die Neurot-ypikalität, die direkte Folge daraus, lebt von linearen Kausalitäten, also von der Vorstellung, etwas Großes, Machtvolles tue etwas und das habe dann eine lineare Wirkung auf alle anderen, jedoch niemals auf den Beobachter selbst. Dabei bliebe die Macht rein und unangetastet. Das hat zu einer neuronalen Vernetzung geführt, welche Details ausblendet und übergeordnete Wahrnehmungen festlegt, noch bevor sie als Wahrnehmung ins Bewusstsein geraten (Predictive Coding). Die Neurotypikalität führt zu einem Realitätsbezug, der bestehende Machtstrukturen vorauseilend simuliert, repliziert und unmittelbare Wechselwirkung, tatsächliches Erleben, Abweichungen und Widersprüche ausblendet. Somit hat alles seine äußere Ordnung und jeder hat darin einen extern zugewiesenen Platz. Die Lücke, der Widerspruch, sollen vermieden werden.
Wahrheit ist hier oft eine Frage des Status. Es wird etwas definiert, aber es wird nicht gelebt. Gelebt werden oft nur die daraus resultierenden Lügen.
Das Universum der Neurotypikalität geht von einem Urknall aus. Wirkung ist allein der Macht von wenigen zugeschrieben und Wertbemessung richtet sich nach abstrakten Behauptungen von Gerechtigkeit, die mehr Simulation als Wirklichkeit sind. Man hat der Menschheit diese Norm sprichwörtlich eingeprügelt. Das Problem ist nur, dass Neurodivergente aus diesem Weltbezug herausfallen und Autist:innen geradezu immun dagegen sind, also eben die Details, die Widersprüche, die Verlogenheit überall direkt sehen und darauf reagieren müssen. Weil sie in der Verkörperung leben, in der Verzerrung. Sie können sich davon nicht distanzieren, gar abstrahieren, weil ihre starken Sinne sie an den Körper binden, an ein verkörpertes Sein.
Man könnte sagen, wir sind im Potenzial geboren und leben mit dem Potenzial. Wir verkörpern es. Wir sind davon direkt berührt.
Im Neurotypischen ist die Welt hingegen als in sich geschlossener Globus, als Sphäre gebaut, die aus summierten Dingen besteht. Aus autisti-scher Sicht, erlebe ich den Ursprung des Universums nicht als Objekt, sondern als Unbegreiflichkeit, als eine Dynamik voller Lücken und Fragen. Die Existenz ist darin im Grunde ein Verhältnis zwischen Potenzial, einem Etwas und einem Nichts. Nur die unmittelbar gelebte Beziehung führt in der Verkörperung zu einer konkreten Realität. Denn sie ist Ausdruck der Dehnung und Verformung im gemeinsamen Feld. Die Objekte gehören darin niemandem, sind als Besitzstände nicht real. Macht erscheint mir daher wie ein unreifer Realitätsbezug. Wie der Versuch, die Masken von außen zu beherrschen, statt sich im Gefüge der Verzerrung selbst zu bewegen.
Potenzial beinhaltet die Möglichkeit von etwas und nichts gleichermaßen. Ich nenne diesen Zustand des instabilen Ganzen, das Potenzial und zugleich einzelnes Objekt ist, die Singularität. Das bedeutet, dass alles und nichts im Potenzial, in einer Singularität enthalten ist. Es wäre aber falsch, dies als statisches Alles zu verstehen. Wie ein Archiv beispielsweise. Nein, es ist zutiefst dynamisch, denn es bildet sich darin laufend das Etwas, in Spiegelungen von Gegensätzlichem. Wir nennen dies Dialektik. Hell oder dunkel, warm oder kalt, links oder rechts. Wie Feuer oder Wirbel, handelt es sich um zeitlich begrenzte Prozesse, die sich in der Dialektik selbst verzehren, denn die Antwort auf die immerzu präsente Lücke, Verschiebung oder Abweichung, ist das Werden, und das Werden stellt die feste Existenz stets infrage, hebt sie auf. Das instabile Verhältnis, welches die Existenz hervorbringt, bedingt jene Lücke, einen Freiraum, die jedem scheinbar festen Ding eigen ist und dessen Sterblichkeit determiniert. Existenz ist ein ewiger Fluss, und alles, was feststeht, verzerrt das, was wir als Existenz erachten, was wir als Anwachsen der Differenz, des Widerspruchs erleben.
Wenn wir unterscheiden, zwischen isolierter neurotypischer Existenz und autistischer, neurodivergenter und verkörperter Existenz, die in den Wellen der Verschiebung selbst steckt, als nicht lokales Momentum, eben kein Ding, sondern ein Existieren als Beziehungserleben, statt als Objekt, wird klar, dass Autist:innen ontologisch an einer anderen Stelle stehen.
Die Seinsverschiebung
Was bedeutet nun die Seinsverschiebung? Ich meine damit das grundsätzliche Verzerrt-Sein einer jeden Existenz. Die Autist:in stellt unser Verständnis von Original, von Authentizität fundamental infrage, weil ihre Seinsform, zumindest wie ich es erlebe, nicht alle Autist:innen stehen ontologisch am selben Punkt, in der Verzerrung nicht in erster Linie nach dem Original als Zustand strebt, was nicht selten als das Normale postuliert wird, sondern nach einem Werden in neuer, unmittelbarer, originärer Beziehung und Verkörperung. Das Authentische ist das Werdende, nicht das Gewesene. Es geht nicht um die Replikation, die Norm, die Simulation als Anker von Sein, sondern um das Wagnis des niemals völlig Ankommen Könnens.
In der Neurotypikalität könnte ein Paar in einem Doppelbett liegen und hätte getrennte Decken. Die eine Seite würde daran ziehen und die andere nichts bemerken. Die Singularität ist hingegen ein Weltbezug mit einer gemeinsamen Bettdecke. Der eine Partner bemerkt sofort, was mit dem anderen ist. Man kann im Sinne des Wachstums nicht an der einen Seite zerren, ohne auf der anderen jemanden in die Kälte, oder gar aus dem Bett zu werfen. Die Bettdecke ist die Singularität, die gemeinsame Grundlage der Existenz. Die Bettdecke ist kein Beziehungsbild, sondern ein ontolo-gisches: Niemand kann die eigene Existenz stabilisieren, ohne die Existenz aller anderen zu verschieben.
Gehen wir davon aus, die Bettdecke könnte sich an alle Nächte erinnern und würde alle Bewegungen speichern, und somit würde jede neue Nacht auf alle früheren Nächte reagieren. Es entstünde ein hochkomplexes Muster, welches alle weiteren Muster beeinflusst und mit formt. Zugleich existiert dieses »Muster« nicht wirklich, es ist nicht fest, sondern besteht nur in Beziehung, in Dynamik, die temporär ist.
Was aber bedeuten Sein, Resonanz und Identität in einer solchen Welt?
Denn es wären auch alle künftigen Bewegungen der Decke und der Menschen darunter ein Stück weit vorgeformt, determiniert (alles) und zugleich offenes Potenzial (nichts). In dieser Verbindung jedoch gäbe es kein direktes Erkennen oder Erleben der Bewegungen der anderen Person unter der Decke, weil es keine getrennten Einheiten mehr gibt. Jede Bewegung wäre Mensch (Potenzial) und Decke (Erinnerung) zugleich. Somit wäre jede Nacht die Geburt einer neuen Existenz, auf jeder Seite der Bettdecke, welche das Gegenüber durch die eigene Bewegung verzerrt. Durch die Sin-gularität gibt es keine Direktheit der Übertragung mehr, sondern nur ein Zerren am Potenziellen, an der Möglichkeit, die durch die Verschiebung zur konkreten Existenz wird.
Es zählt, was gelebt wird, weil nur das eine Verkörperung hat, ein Wellenmuster, eine Existenz. Es existiert keine übergeordnete Referenz einer Wahrheit oder einer Regel, sondern nur eine unscharf gewordene Singula-rität, aus der wir alle irgendwie hervorgehen.
In dieser Beziehung sehe ich das Verhältnis von Neurotypikalität und Neurodivergenz. In Denn sie können nicht verstehen, gehe ich der These nach, dass Existenz und Verstehen nicht gleichzeitig möglich sind. Weil Existenz ein verkörpertes Erleben ist und keine von außen beobachtbare Dimension. Es gibt den Beobachter nur als weitere Verzerrung der Gesamtverkörperung.
Denn wenn man Existenz als etwas Festes begreift, als das Zerren an der Decke, was, wie ich noch ausführen werde, im neurotypischen Modus zentral ist, wie auch in davon wesentlich geprägten Systemen wie dem Kapitalismus, schwindet mit dem Entwicklungspotenzial die Fähigkeit zur Integration von Komplexität und Bewusstsein, bei gleichzeitiger Kompensation in exorbitant einseitigem Wachstum, was, betrachtet man das Dominante und darin Relevante als Linse, nicht nur der Rest der Realität verschoben wird, sondern auch das Erkennen des eigenen Selbst verschwimmt. Denn Spiegelung oder Feedback kann in sich immer nur eine weitere Verzerrung sein, weil es keine von einer Bewegung unabhängige externalisier bare Position gibt.
Das Materielle, das starke Zerren an der Decke, als würde dadurch Wahrheit fixierbar, als würde dadurch die eigene Existenz konkret, lässt die Singularität in den Hintergrund fallen, samt der komplexeren Beziehungen. Der Gewinn der existenziellen Schärfung der isolierten Identität, geht stets mit dem Verlust des eigenen Potenzials einher, wodurch das Selbst ein Stück weit unsichtbar wird. Wer an der Decke zerrt, der glättet die Falten, welche von der »früheren«, komplexeren Ordnung zeugen. Der Zerrende stürzt in die neurotypische Subjektivität, aus, der es versucht, sich mit objektiver Konstruktion zu befreien. Dabei aber gelangt es nie zur Wiederherstellung des Potenzials, sondern verliert sich in Spiegelungen der eigenen Verfestigung. Erst wenn man im übertragenen Sinne die Decke immer weniger bewegt, wird die Differenzierung der Bewegungen feiner und bildet immer mehr von der Singularität ab, wodurch das Selbst und das Gegenüber erst in dessen vollem Potenzial und Sein erkennbar werden, auch wenn dies kein absoluter Vorgang ist, sondern ein ewiger Prozess.
Umgekehrt wird die Angst vor dem Fremden, oder die übermäßige materielle Festlegung und Begrenzung zugleich zur Reduktion jener Vielfalt, in der Realität erst differenzierbar ist. Jener neurotypische Filter des Bewusstseins trägt, so die Theorie dieses Buches, auf diese Weise einen Schatten, eine Realitätsverweigerung und Verengung, die sich erst im offenen Zusammenspiel mit Neurodivergenten auflösen oder öffnen kann.
Die Neurotypikalität glaubt an eine Authentizität, leitet davon Wert und Relevanz ab, die sich in Objektkategorien konstruiert, und dabei Beziehungskomplexität verliert. Das Neurodivergente vermag das Bestreben nach fester Identität zugunsten von Beziehungsfähigkeit zu erweitern. Zusammen können sie, wie ich später zeigen möchte, die Starre der Verzerrung lösen, zu einem gemeinsam erlebten Körper werden, zu einer reiferen Form des Seins finden.
Bewusstsein ist somit die Ebene, auf der dieses Phänomen, also die reale Beziehung zwischen NT und ND verortet ist, während Bewusstsein selbst sich der Lokalität entzieht, aber Neurotypikalität eine Antwort auf die Angst vor Ambiguität ist, die im Predictive Coding, in der Verengung eine eigene Realität, eine eigene in sich abgeschlossene Sphäre impliziert, die sie für alles, also für das Potenzial selbst hält und sich damit verwechselt. Die lineare Wachstumsexpansion des Kapitalismus beispielsweise ist auch ein Missverstehen des Wesens von Potenzial, nämlich die Ambiguität, mehr zu sein, nicht die Potenz, vom einen möglichst viel zu haben.
Dieses Phänomen des Bruchs mit der Realität durch Verengung und Verdichtung der Existenz, nenne ich also die Seinsverschiebung. Sie ist der Grund, weshalb NT (neurotypisch) und ND (neurodivergent), einander nicht versehen können, weil das Neurotypische als Verfestigung und Ver-engungsstrategie auf neuronaler Ebene paradoxerweise, eine »Störung« des Potenzials darstellt, in der Autist:innen in der Projektion als krank erscheinen und nicht in größerem Kontext sichtbar werden. Sie werden durch die Verfestigung physikalisch verzerrt. Diese Vorgänge sind, siehe mein Buch Die Physik der Armen, keine rein philosophische Betrachtung, sondern überwiegend eine physikalisch-ontologische, die das Bewusstsein selbst betrifft.
Die Neurotypikalität reißt ständig an der Bettdecke und baut damit eine feste Sphäre, durch die Autist:innen nur als extreme Verzerrung sichtbar werden können. Das liegt in der Natur der Neurotypikalität, aber nicht in der Natur des Autismus.
Das führt später auch zu einem fundamental anderen Verständnis von Masking. Nicht als Versuch, sich der Norm anzupassen, gar sich vor Stigma zu schützen, sondern als verkörperte Verschiebung innerhalb eines Feldes, in dem eine Seite strukturell dominiert.
Das bisher Gesagte betont vorwiegend den Aspekt der gemeinsamen Verbundenheit, die aus der Decke, also der Singularität, resultiert. Wie aber verhalten sich diese Verzerrung, dieses Maskieren genau? Was bedeutet die Verschiebung für den, der verschiebt, und für jenen, der verschoben wird?
Das möchte ich gerne mit einem anderen Beispiel verdeutlichen, bei dem wir uns ein Universum aus Buchstaben vorstellen. Alle erdenklichen Buchstaben ergeben die Singularität. Darin liegen sie aber als noch unbenannte, noch nicht herauskristallisierte Potenziale vor, die dynamisch aufeinander wirken. Jede Objektfestlegung, also jede Definition eines Buchstabens, wird zu einem Gewaltakt gegen das Potenzial. Denn was zuvor eine unendliche Möglichkeit an Kurven und Linien war, wird nun ganz konkret. Ein Muster tritt hervor und das Wesen eines Musters ist es, dass es freie Assoziationen bindet. Sobald etwas verengt wird – nennen wir es »G« –, fällt es aus der Singularität heraus, aus jenem Zustand, in dem alles und Nichts ununterscheidbar ineinander liegen. In dem Moment, in dem »G« zu einem fixierten Objekt wird, verschwindet es als offenes Potenzial. Es entsteht eine Existenz, welche der Singularität wie ein Filter vorgelagert ist, wie eine Sphäre, eine eigene Wirklichkeit. Eine G-Welt.
Es gibt also keine referenzlose Existenz. Das Potenzial ist immer noch in G impliziert, aber nicht verwirklicht. Alle anderen Buchstaben verschieben sich (Seinsverschiebung), um die Abwesenheit von G als Potenzial zu kompensieren.
Das Verschwinden von G als Potenzial bleibt nicht lokal. Denn im Hintergrund wirkt noch immer die Resonanz mit der Singularität. Die Verzerrung verursacht also diese weiteren Verschiebungen im System, weil die G-Welt auch andere Potenziale verfärbt. Um »G« als festes Objekt im System zu halten, muss die gesamte vernetzte Welt – müssen alle anderen »Buchstaben« – sich innerhalb des neuen Bezugssystems neu konfigurieren, um den Verlust des »G-Potenzials« auszugleichen, weil sie in Resonanz zur Singularität stehen, was eine Differenz impliziert, die in einem solchen System (eine gemeinsame Bettdecke) nie unbeantwortet bleibt. Resonanz bewirkt Angleichung in Richtung Singularität, angesichts der Differenz, welche die Verschiebung erzeugt. Man nennt das Synchronisation durch Resonanzkoppelung.
Resonanz bedeutet, dass ein System besonders stark auf Schwingungen einer bestimmten Frequenz reagiert – seiner Eigenfrequenz. Diese Eigenfrequenz steckt ja noch im Potenzial, somit in der Singularität. Es verstärken sich die Amplituden, welche von der Verschiebung berührt werden. Physikalisch heißt das: Resonanz erzwingt Annäherung, ein Schließen der Differenz, der Lücke, weil Resonanz Unterschiede glättet. Das heißt: Mit der Festlegung von »G« (als neuem Filter) verzerren sich A, B, C … bis Z (neu gefiltert) im gemeinsamen neuen Filter (G-Welt), weil sie nun in Relation zu einem fixierten, aber potenzialberaubten Element stehen. Dadurch kommt es zu den Verschiebungen auf allen Ebenen.
Daher neigt das Neurotypische zum Repräsentativen, zum Symbol, während Autist:innen häufig zur Verkörperung neigen. Denn Verfesti-gung erzeugt zugleich eine Existenz in Platzhaltern, die gelebt nie das sind, wofür sie stehen.
Existenz ist somit immer ein Prozess der Verzerrung. Das Original, was ja nur das Potenzial sein kann, wird ausgeschlossen, sprich, kann nie erreicht werden.
Existenz bedeutet also Abwesenheit von Potenzial, zugleich Anwesenheit von Verwandtschaft und Differenz. Verwandt, weil durch denselben Filter geprägt. Die G-Welt macht alle Buchstaben in der G-Verzerrung mit G verwandt.
Das alles strebt nach einer Abrundung, die dann zur Bildung einer Sphäre, einer in sich abgeschlossenen Welt führt, die einen Teil des Potenzials abblockt, somit weniger komplex wird, zugleich aber sich nicht völlig davon lösen kann, also in Resonanz bleibt, was zur Folge hat, dass alles innerhalb der Sphäre (Welt) letztlich auch von der Lücke, von der Differenz geprägt ist, die aus dem Abschied vom Potenzial resultiert. Dadurch bleibt diese Neuschöpfung als Feld instabil, erhält sich nur als Prozess, wie ein ins Wasser geworfener Stein, Wellen schlägt, die schließlich auslaufen, bis das Wasser wieder die restliche Welt spiegelt, nicht nur die vom Stein verursachte Krümmung. Das heißt, alles, was ist, bedeutet zugleich eine Verzerrung nicht nur der eigenen Existenz, sondern eben auch aller anderen Existenzformen in einer Welt (Sphäre). Die Verzerrung ist relational.
