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Erstaunlich viele Autoren waren und sind in Oberhavel, dem Landkreis nördlich von Berlin, zu Hause, wurden hier geboren, lebten hier, starben hier oder machten hier Station. Bekannte Namen wie Christian Morgenstern, Uwe Greßmann, Alfred O. Schwede, Manfred Krug, Elfriede Brüning, Jürgen Rennert, Friedrich Dieckmann und Volker Braun sind darunter, aber auch Autoren, die heute kaum noch jemand kennt. Roland Lampe hat sich auf ihre Spuren begeben.
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2017
Roland Lampe
© 2017 Roland Lampe
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7439-5033-7
Hardcover:
978-3-7439-5034-4
e-Book:
978-3-7439-5035-1
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Umschlagfotos: R. Lampe
„Dennoch, das Haus bezauberte mich …“, schrieb Elfriede Brüning in ihren Erinnerungen „Und außerdem war es mein Leben“ 1994 und meinte damit die Villa in der Friedensallee in Birkenwerder, im Ort auch „Glaspalast“ genannt, die sie mit ihren Eltern und ihrer Tochter von 1949 bis 1953 bewohnte.
In Zühlsdorf besaß die Schriftstellerin bis in die 1980er Jahre ein Grundstück, über ein Arbeiterstudentenwohnheim in Hohen Neuendorf schrieb sie 1948 für die Zeitschrift „Deutschlands Stimme“ eine Reportage und 1953 recherchierte sie in einem Betrieb in Hennigsdorf für ihren Roman „Regine Haberkorn“, der 1955 erschien und kontroverse Diskussionen auslöste.
Elfriede Brüning ist nicht die einzige Autorin, die in Oberhavel ihre Spuren hinterließ, auch wenn sie nicht immer so zahlreich und nachweisbar sind wie in ihrem Fall.
Viele Schriftsteller lebten oder leben hier, wurden hier geboren, starben hier oder machten für kurze Zeit Station.
Bekannte Namen wie Manfred Krug, der in Hennigsdorf aufwuchs, Uwe Greßmann und Alfred O. Schwede in Hohen Neuendorf und Christian Morgenstern, der in Birkenwerder eine Kur absolvierte, sind darunter, aber auch Namen, die heute kaum noch jemand kennt.
Gegenwartsautoren mit Oberhavel-Bezug sind u. a. Volker Braun, der in Schildow lebt, Jürgen Rennert, Friedrich Dieckmann, Kurt Drawert und Gert Neumann.
Im Anhang ist ein Brief von Franz Fühmann an den Hohen Neuendorfer Schriftsteller Wilm Weinstock abgedruckt, der hier zum ersten Mal veröffentlicht wird.
Auf Grund der Vielzahl von Autoren habe ich mich entschlossen, das Gebiet zweizuteilen: ein Teil („Da lag er vor uns, der buchtenreiche See …“) umfasst das nördliche Oberhavel, und der Teil, der hier vorliegt, das südliche mit Hennigsdorf, Hohen Neuendorf, Birkenwerder und dem Mühlenbecker Land, heutzutage auch „Speckgürtel“ von Berlin genannt.
Ein drittes Buch („‚… kehrte ich bei Hempel ein‘“) erscheint zeitgleich und stellt, in zweiter Auflage, die Autoren der Kreisstadt Oranienburg vor.
Manfred Krug (1937-2016), der populäre Sänger, Schauspieler („Spur der Steine“, Kinofilm 1966, „Der Blaue“ 1994) und Seriendarsteller („Daniel Druskat“ 1976, „Liebling Kreuzberg“, „Tatort“), schrieb auch Bücher und Liedtexte. Seine Kindheit verbrachte er – mit Unterbrechungen – sechs Jahre lang in Hennigsdorf.
Krug wurde in Duisburg im Ruhrgebiet geboren. Sein Vater war Eisenhütteningenieur und arbeitete bei der Firma Thyssen als Schmelzer im Stahlwerk. Nach einem Zwischenstopp in Osnabrück zog die Familie 1940 nach Hennigsdorf, wo der Vater eine Anstellung als Oberingenieur im Stahlwerk erhielt.
In seinem Erinnerungsbuch „Mein schönes Leben“ von 2003 kann sich Manfred Krug noch genau an diese Zeit erinnern, obwohl er damals erst vier Jahre alt war. „Wir ziehen ins Parterre eines dreistöckigen Hauses in einem neu gebauten Straßenzug. Alle Familien, die dort wohnen, bekommen zur Wohnung ein sandiges Gärtchen. Mein Vater baut einen Zaun drum herum, dahinter einen Hühnerstall, und für die Söhne einen neuen Sandkasten. Ein paar Schritte weiter fängt schon der Kiefernwald an.“ Die genaue Adresse lautete Marwitzer Straße 50, die Häuser waren für die Arbeiter und Angestellten des Stahlwerks gebaut worden und stehen heute noch.
Auch die Wohnung hat der Autobiograph noch vor Augen, in der es „die Küche, ein Schlafzimmer für die Eltern, ein Wohnzimmer, in dem nicht gewohnt wird und das mein Vater Herrenzimmer nennt, und ein Bad“ gab. Das Beste für die Kinder aber (Manfred Krug hatte einen zwei Jahre jüngeren Bruder): Sie besaßen ein Zimmer für sich.
In seinem Buch erzählt er „in hundert Geschichten“ (Klappentext) und mit dem für ihn typischen trockenen Humor u. a. von der Zeit im Kindergarten, wo er von Nonnen „erzogen“ wurde („Nonnen können sehr wütend werden. Sie haben nur besondere Kleider an, sonst sind sie so ähnlich wie andere Frauen.“), von der Einschulung („Alle, die schon sechs Jahre sind, freuen sich auf die Einschulung, bloß ich nicht, denn wir haben eine Schule für Jungen und eine für Mädchen.“), von den Streichen mit seinem Freund Udo Kuffel, der in der Hausnummer 51 gegenüber wohnte, und von seinen Eltern Alma und Rudolf Krug, „hinter dem die Frauen her waren, wie er hinter den Frauen.“
Seine wichtigste Bezugsperson aber war seine Oma Lisa aus Duisburg. „Ach, wenn sie doch in Hennigsdorf wohnen würde. Dann wäre sie in meiner Nähe, Oma Lisa, die schönste und zärtlichste Frau meines Lebens.“ Wenn sie nicht gewesen wäre, hätte es den Schauspieler Krug nicht gegeben, bekannte er 2003 in einem Interview.
Fasziniert war der Junge vom Arbeitsplatz des Vaters im Stahlwerk, an dem er ihn besuchen durfte. „Dort ist ein Kran, der über die ganze Halle reicht. An dem Kran hängt ein Eimer, so groß wie ein Haus, und der Eimer ist gefüllt mit flüssigem Eisen. Überall fliegen Funken, man klettert über Berge von Dreck, es raucht und stinkt, und alle Männer sind naß vom Schweiß, auch mein Vater.“
Der Siebenjährige bekam auch mit, dass Zwangsarbeiter in den Stahl- und Walzwerken und in der AEG arbeiten mussten: „Gefangene Russen und Polen und Franzosen haben wir schon gesehen, wie sie ins Stahlwerk marschiert sind, die meisten in gestreiften Jacken, es sah aus, als liefen sie im Schlafanzug die Straße entlang.“
Die 1917 gegründeten Mitteldeutschen Stahl- und Walzwerke, neben der AEG (Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft), in der Flugzeuge und Lokomotiven gebaut wurden, einer der beiden großen Betriebe in der Stadt, gehörten seit 1931 zum Flick-Konzern (Friedrich Flick KG). Hennigsdorf hatte 1940 ca. 13.000 Einwohner und war ein bedeutender Industriestandort vor den Toren Berlins. („Hennigsdorf heißt zwar Dorf, ist aber keins.“ M. Krug)
Oft gab es nun Fliegeralarm. („Manchmal ziehen am hellichten Tag ganze Verbände von feindlichen Flugzeugen über den Himmel.“) Von den Bombenabwürfen war nicht nur das nahe Berlin, sondern auch Hennigsdorf betroffen. 1944 lag das Stahlwerk in Trümmern.
Nachdem er in den ersten Kriegsjahren noch als kriegswichtig gegolten hatte, wurde der Vater eingezogen. „Es ist soweit, mein Vater muß in den Krieg ziehen. Er sieht grau aus, so grau wie die Winterjoppe und der große Koffer, den er mit einem Lederriemen umschnürt hat.“
Krug selbst wurde kurz vor Kriegsende „aus Furcht vor den Russen“ zu seiner Oma Lisa nach Duisburg geschickt.
Nach einem schweren Bombenangriff auf die Ruhrgebietsstadt ordnete seine Mutter die sofortige Rückkehr nach Hennigsdorf an. Er unternahm beide Zugreisen allein, trotz seines Alters und der kriegsbedingten chaotischen Verhältnisse. In Hennigsdorf erlebte er das Kriegsende. „Mit dem Fliegeralarm ist es vorbei. Keine Bomben mehr. Alle warten auf die Russen. In den Fenstern hängen weiße Tücher.“
Der Vater blieb im Krieg unverletzt, setzte sich jedoch in die britische Zone ab, wo er in Gefangenschaft geriet. „Mein Vater hatte Glück, ohne Verwundung ist er durchgekommen, Krieg und Gefangenschaft haben für ihn nur anderthalb Jahre gedauert.“
Aufgrund der „kargen Verhältnisse“ kam der Junge (und später sein Bruder Roger) erneut zur Oma nach Duisburg. Im Stadtteil Duissern verbrachte er die ersten Nachkriegsjahre und ging dort zur Volksschule.
Nach der Heimkehr aus der Gefangenschaft und erfolgloser Arbeitssuche beschloss Krugs Vater die Rückkehr mit beiden Söhnen nach Hennigsdorf. Seine Frau hatte aber inzwischen einen anderen Mann kennengelernt. Die Scheidung war die Folge, die Kinder wurden getrennt, der neunjährige Manfred blieb beim Vater.
Im Dezember 1949 zogen Vater und Sohn von Duisburg in die neu gegründete DDR, zunächst nach Leipzig. Ab 1951 absolvierte Krug eine Lehre zum Stahlschmelzer im Stahl- und Walzwerk in Brandenburg an der Havel, dessen Leiter der Vater geworden war. (Dort befindet sich heute ein Industriemuseum.) Während dieser Zeit erwarb er das Abitur an der Abendschule.
Anschließend bewarb er sich für ein Studium an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin.
„Mein schönes Leben“ endet mit seiner erfolgreich bestandenen Aufnahmeprüfung im Sommer 1954, da war er siebzehn Jahre alt. „Sofort stelle ich meinen Vater vor die Tatsache, daß die Ahnenreihe von Stahlkochern abreißt. Endgültig.“
Der geplante zweite Teil der Erinnerungen, in dem er von seiner „Karriere“ berichten wollte, ist nicht zustande gekommen – es sei denn, dass man das „MK Bilderbuch“, einen stattlichen Band mit Fotos und mit Texten von Manfred Krug, erschienen 2012, an seine Stelle setzt.
Ein Erinnerungsbuch anderer Art ist „Abgehauen“ (1996), das von einem nur kurzen, aber wichtigen, vielleicht dem wichtigsten Abschnitt in Krugs Biographie handelt, seiner Übersiedlung in die BRD 1977.
Nachdem er Ende 1976 neben anderen Künstlern den Protest gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterschrieben hatte, erhielt er ein Teilberufsverbot. Filmangebote blieben aus und Konzerte wurden abgesagt. Am 19. April 1977 stellte er einen Ausreiseantrag im Rathaus Pankow (das war der Stadtbezirk, in dem er wohnte), der ungewöhnlich schnell genehmigt wurde, so dass er bereits am 20. Juni 1977 nach West-Berlin ausreisen konnte.
„Abgehauen“ besteht aus drei Teilen, einem heimlichen Mitschnitt eines Gesprächs – man nannte das damals „Aussprache“ – zwischen elf DDR-Künstlern und dem SED-Politbüromitglied Werner Lamberz 1976 in Krugs Haus in Niederschönhausen, aus dem Tagebuch, das Manfred Krug in der Zeit zwischen dem Stellen des „Antrags auf Ausreise aus der DDR in die BRD“ und dem Tag der Genehmigung führte, und aus einer „Akte des Verrats“; das sind Berichte, in denen die Staatssicherheit seine letzten Stunden in der DDR dokumentierte.
„Abgehauen“ wurde 1998 unter der Regie von Frank Beyer unter dem gleichnamigen Titel verfilmt.
2008 erschien der schmale Band „Schweinegezadder“, Untertitel „Schöne Geschichten“. In den neun Kurzgeschichten, in denen sich Krug als handfester und pointierter Erzähler erweist, „geht es um Sachen, die in Deutschland Ost und West passiert sind oder hätten passiert sein können. Und wer sollte sich dort wie hier besser auskennen, als ein sowohl Hübiger wie auch Drübiger …“ Von allen drei Büchern – „Abgehauen“, „Mein schönes Leben“ und „Schweinegezadder“ – gibt es Hörbücher, die der Autor selbst besprach.
Manfred Krug war auch Lyriker, unter dem Pseudonym Clemens Kerber verfasste er in den 1960er und 70er Jahren die Texte für seine von Günther Fischer vertonten Lieder. Sie sind auf den Langspielplatten „Das war nur ein Moment“ (1971), „Ein Hauch von Frühling“ (1972) und „Du bist heute wie neu“ (1976) zu finden.
Eine besondere Freundschaft verband ihn mit dem Schriftsteller Jurek Becker, den er seit 1956 kannte. („Liebe auf den ersten Blick.“) Mit ihm lebte er von 1959 bis 1962 in einer Wohngemeinschaft in der Cantianstraße im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg.
Jurek Becker schrieb die Drehbücher zu den ersten drei Staffeln und der fünften Staffel der erfolgreichen Fernsehserie „Liebling Kreuzberg“ – sie lief von 1986 bis 1998 – mit Manfred Krug als Anwalt Robert Liebling in der Hauptrolle.
Ein Abbild dieser Freundschaft ist das Buch „Jurek Beckers Neuigkeiten an Manfred Krug & Otti“ (1997) mit Reproduktionen der Postkarten, die Becker an Krug und dessen Frau Ottilie sandte.
Ein anderes Buch, das Hennigsdorf zum Schauplatz hat, ist der Roman „Der Weg der Brüder Reber“ von Jakob Weber. Es schildert die Streikbewegung der Arbeiter in Berlin und Hennigsdorf von 1916 bis 1920.
Weber wurde 1892 in Köln-Mülheim geboren. Er wuchs in einer Kölner Arbeiterfamilie auf und absolvierte eine Schlosserlehre. 1910 wurde er Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes. 1914/15 war er Soldat im Ersten Weltkrieg.
1917 ging er nach Berlin und begann als Flugzeugmonteur in der AEG Hennigsdorf zu arbeiten. Im Januar 1918 nahm er in Berlin am Munitionsarbeiterstreik und anschließend aktiv an der Novemberrevolution teil. Er war im Dezember des gleichen Jahres Teilnehmer des Gründungsparteitages der KPD und im März 1920 Mitglied des Aktionsausschusses gegen den Kapp-Putsch. Weber wurde Funktionär der KPD und gehörte der Bezirksleitung Berlin-Brandenburg an. Er leitete seit 1926 die Arbeiterkorrespondenten-Bewegung der Parteizeitung „Die Rote Fahne“ und war seit 1928 Mitglied des Bundes proletarischrevolutionärer Schriftsteller.
Unter der Diktatur der Nationalsozialisten wurde er mehrfach festgenommen und im Mai 1936 vom Kammergericht Berlin zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Freilassung Ende 1937 arbeitete er unter Polizeiaufsicht bis zum Ende der NS-Zeit als Angestellter.
Am 22. April 1945, kurz vor Kriegsende, wurde er von der einmarschierenden Roten Armee zum Bürgermeister der Gemeinden Wilhelmshagen und Rahnsdorf östlich von Berlin ernannt. Nach seiner Absetzung Ende 1946 lebte er als freischaffender Schriftsteller in Wilhelmshagen. Er war auch Funktionär im Schriftstellerverband der DDR.
Bei seinem Ersterscheinen 1960 trug der Roman Jakob Webers noch den programmatischen Titel „Trotz alledem. Aus den Revolutionstagen 1918/19“, erst mit der zweiten überarbeiteten Auflage 1970 lautete er „Der Weg der Brüder Reber“. Vermutlich liegt der Grund für die Titeländerung darin, dass er zunächst als Dokumentation gedacht war und der Autor das Zeitgeschehen so historisch genau wie möglich – aus marxistisch-leninistischer Sicht – darstellen wollte.
Im Vorwort von 1960 liest sich das jedenfalls so: „Der Autor möchte erklären, dass es nicht seine Absicht war, ein wissenschaftliches Werk zu schreiben. Dennoch ist nur weniges in dieser Arbeit schriftstellerische Erfindung. Einen großen Teil des Aufgezeichneten hat er selbst erlebt. Für die wahrheitsgetreue Darstellung der Kämpfe innerhalb der AEG-Betriebe und vieler wesentlicher Einzelheiten hat er sich mit rund dreißig Kampfgefährten beraten. Für die Darstellung der allgemeinen historischen Zusammenhänge wurden sehr viele Dokumente, wie Zeitungszitate, Flugblätter, Aufrufe usw., verwendet. Die historisch getreue Darstellung aller wesentlichen wirtschaftlichen, politischen, militärischen und gewerkschaftlichen Fakten ist nach zweimaliger Beratung durch das Institut für Marxismus-Leninismus sehr sorgfältig geprüft worden.“
Bei der Umarbeitung konzentrierte er sich nun auf die lebendigere Zeichnung der Figuren, hauptsächlich die der beiden Hauptfiguren, der Brüder Heinrich und Josef Reber, die im AEG Hennigsdorf im Flugzeugbau arbeiten. Außerdem fand er für die vielen historischen Aktionen und Situationen erzählerische Lösungen, anstatt sie lediglich zu dokumentieren, für die große Antikriegsdemonstration vom 1. Mai 1916 auf dem Potsdamer Platz in Berlin zum Beispiel, für den Generalstreik im Januar/Februar 1918 („Januarstreiks“) und für die Tage der Novemberrevolution 1918 schließlich.
Geschlossen legten am 9. November 1918 die ca. 10.000 Arbeiter und Angestellten der AEG in Hennigsdorf die Arbeit nieder. Siebzig Prozent der Belegschaft marschierte zunächst nach Schulzendorf bei Berlin und von dort zur Berliner Innenstadt weiter. „An der Einmündung der Straße nach Heiligensee und Tegel vereinigte sich der Zug mit den Arbeitern des Stahlwerkes, dessen mächtige Schlote sich hinter dem Dorf hochreckten“, schildert Weber die Situation. „Nahe am Bahnhof Schulzendorf lag ein Gartenrestaurant. Die Einfriedung vermochte die vielen Tausende kaum zu fassen …“ In Berlin-Mitte erhielten die Hennigsdorfer Demonstranten Waffen und nahmen an der Massenkundgebung im Berliner Lustgarten teil, auf der Karl Liebknecht die sozialistische Republik ausrief.
Sehr anschaulich erzählt der Autor auch von den Folgen einer Explosion in der Munitionsfabrik in Hennigsdorf am 4.8.1917. „In den frühen Morgenstunden eines klaren Augusttages geschah etwas, das die Berliner Bevölkerung das Grauen des Krieges unmittelbar spüren ließ. Lang anhaltendes Donnern war in der Hauptstadt zu hören. Es kam von Norden her. Gerüchte wie ‚Explosion in Hennigsdorf!‘ – ‚Hundert Tote!‘ verursachten eine Panikstimmung. Die Telefonverbindung nach Hennigsdorf war unterbrochen.
Um sieben Uhr, in den Minuten des Schichtwechsels, war in der Munitionsfabrik, die in unmittelbarer Nähe des Stahlwerks und der Ortschaft lag, beim Verladen eine Kiste mit Munition zur Erde gefallen. Leicht entzündbares Material und die gefüllten Geschosse lagerten so dicht beieinander, daß die Explosion sich augenblicklich fortpflanzte.
In wilder Panik stob alles, was noch fliehen konnte, in Arbeitsoder Straßenkleidung davon. Die Schmerzensschreie der Getroffenen, die Schreckensrufe der entsetzten Frauen, das Stöhnen der Sterbenden mischte sich in das Getöse der Explosionen, das schnell anwuchs.
Schon nach Minuten standen die nächsten Lagerbaracken in hellem Brand. Hohe, von Pulverrauch umschwelte Stichflammen züngelten himmelan. Wie Trommelfeuer schwerer Artillerie übertönte das unheimliche Bersten der Stahlkörper und das dumpfe Grollen des nachhallenden Donners alles andere.
Die Belegschaft des Stahlwerkes hatte, durch die ersten stärkeren Detonationen gewarnt, gerade den Betrieb verlassen, da hob der Druck einer ungeheuren Explosion das Dach der zunächst liegenden hohen Halle aus den Angeln; die Trümmer stürzten in die Werkstatt hinab.
Die fortstürmenden Flüchtenden füllten die Straßen des Dorfes, strebten den Bahngleisen oder der Landstraße zu, die nach Spandau führte. Mit ihnen flohen die Einwohner der Gemeinde, halbbekleidete Kinder tragend oder mit sich zerrend. Denn die Häuser boten keinen Schutz; ganze Wände wurden eingedrückt, Türen und Fenster zerrissen; die Straßen waren mit Glassplittern bedeckt.
Plötzlich wurden die Fliehenden durch gellende Rufe gewarnt, nicht in Richtung Nieder Neuendorf weiterzulaufen. Dort befand sich nahe der Straße ein getarnter Pulverschuppen der Spandauer Munitionsfabriken, der durch Geschosse oder Splitter leicht in die Luft gejagt werden konnte. Viele sonderten sich ab, um querfeldein nach Schönwalde zu gelangen, das an der Straße nach Falkensee liegt. Die Mehrzahl achtete jedoch auf die Mahnungen nicht und eilte weiter geradeaus.“
