Depressionismus für Anfänger - Alexander Trierweiler - E-Book

Depressionismus für Anfänger E-Book

Alexander Trierweiler

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Beschreibung

Eine Depression ist eine behandlungsbedürftige, ernst zu nehmende Erkrankung, die mit viel Leidensdruck auf Seiten des Betroffenen verbunden ist und sogar zu einem Suizid führen kann. Leider wird das Thema in unserer heutigen Gesellschaft als ein Tabu totgeschwiegen. Ein Tabu, das in diesem Buch mit einem lauten Krachen gebrochen wird. Alexander Trierweiler ist nicht nur ein talentierter Musiker, sondern auch ein eloquenter und mitreißender Erzähler, der seine Geschichte mit Selbstironie, Mut und einem Humor, der mindestens so schwarz wie seine Lunge ist, erzählt. Er schreibt über das Altwerden, die Liebe, Therapeuten und Medikamente, Schuld, beschreibt, wie eine Couch das Zentrum eines Universums werden kann und lüftet Geheimnisse über Männer und Frauen, über die sich manche schon lange den Kopf zerbrochen haben. Dieses Buch beschreibt bildhaft, wie sich eine Depression anfühlen kann und warum man das bekannte Elend dem Unbekannten vorzieht. An anderen Stellen wiederum vergießt man Tränen vor Lachen. Wie der Autor sich an den kleinen Dingen des Lebens freut- oder es zumindest versucht, kontrastiert persönliche Erfahrungen, die betroffen machen. Fakten und philosophische Fragen untermauern die Tatsache, dass man, wenn man bis zum Hals in der Scheiße steckt, den Kopf lieber nicht hängen lassen sollte. Und heiraten muss man tatsächlich nicht gleich!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Alexander Trierweiler

Depressionismus für Anfänger

Gurken in der Auslegware

© 2017 Alexander Trierweiler

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7439-0601-3

Hardcover:

978-3-7439-0602-0

e-Book:

978-3-7439-0603-7

Wenn man kurz davor ist, seine literarischen Auswürfe einer etwas breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, dann steht man vor der unweigerlichen Tatsache, dass man noch den einen oder anderen Text braucht, der etwas über das Werk, und bestenfalls auch den Autor, aussagt, ohne den geneigten Leser gleich auf einer kilometerlangen Schleimspur ausrutschen zu lassen.

Aus diesem Grund bat ich meine liebe Freundin Catharine Buck, mit der ich längere Zeit auf musikalischer Ebene gearbeitet hatte, ein paar freundliche und informative Zeilen für meine erste Veröffentlichung zu verfassen.

An dieser Stelle also nochmals herzlichen Dank dafür.

 

Das Bundesministerium für Gesundheit schätzt, dass weltweit ungefähr 350 Millionen Menschen unter einer Depression leiden. Depressive Störungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen und werden hinsichtlich ihrer Schwere häufig unterschätzt. Eine depressive Erkrankung kann viele Gesichter haben. Alle sind hässlich. Neben Freude- und Interessenverlust können die Betroffenen sich nicht mehr leistungsfähig fühlen oder sich zu nichts mehr aufraffen. Es kann zu Angstgefühlen oder zu körperlichen Symptomen wie Schlaflosigkeit oder Appetitverlust kommen. Im schlimmsten Fall kommt es zur Selbsttötung. Laut statistischem Bundesamt gab es 2009 in Deutschland 9571 Suizide und 4152 tödliche Autounfälle. Mehr als doppelt so viele Menschen, wie im Straßenverkehr sterben, töten sich selbst! Schätzungen nach verursachen Depressionen ungefähr die Hälfte der Selbstmorde. Wenn jemand mit einem gebrochenen Bein mit Krücken in einen Bus einsteigt, sehen die anderen Menschen sofort seine Not und können ihn unterstützen, indem sie zum Beispiel ihren Sitzplatz anbieten. Betritt ein depressiver Mensch einen Bus, sieht ihm seine Krankheit niemand an. Dazu kommt, dass eine Depression häufig mit Schwäche konnotiert wird. Man war „nicht stark genug“ und ist krank geworden. Diese folgenschwere Fehleinschätzung führt dazu, dass Betroffene sich nicht trauen, über ihre Erkrankung zu sprechen und so keine notwendige Behandlung, beispielsweise psychotherapeutisch oder zunächst medikamentös, in Anspruch nehmen. Einer der Gründe, warum man vor Alexander Trierweiler den Hut ziehen muss, ist, dass er mit diesem Buch ein Tabu bricht und über seine Depression schreibt. Mutig und offen beschreibt er seine Gefühle und Erfahrungen, selbstironisch, wortgewandt, saukomisch. Ein anderer Grund ist, dass er niemals seinen Humor, sei er auch noch so schwarz, verloren hat. Und ich wünsche mir wirklich, dass er das niemals wird.

Catharine Buck

Catharine Buck

geb. 1985 im schönen Norddeutschland.

Machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin in Buxtehude, studierte anschließend Psychologie in Trier.

Momentan befindet sie sich in der Weiterbildung zur Psychotherapeutin. Sie arbeitet in einer Psychiatrie und beim Krisendienst, macht Musik und setzt sich für Tierrechte ein.

2015 erschien ihr LyrikbandWandlungen.

 

Ich widme dieses literarische Machwerk meiner geliebten Jacqueline.

Hätte es Dir nicht gefallen, wäre es nie geschrieben worden.

Vorwort

Die finstere Nacht ist unbeschadet überstanden, und nicht nur der neue Tag zeigt sein frisches und unverbrauchtes Gesicht, sondern auch die feurige Himmelskugel leuchtet hoch oben am Firmament, und wärmt mit ihren sommerlichen Strahlen die nach wohligen Temperaturen begierigen Menschen auf der Erdoberfläche - nur eben leider gerade irgendwo anders, denn ich habe hier eine satte Wolkenschicht vorm Fenster.

Also der perfekte Tag um das Vorwort für mein kleines, bescheidenes Buch zu schreiben, vor allem aber weil ich genau weiß, dass mir niemand diese Arbeit freiwillig und ohne Bezahlung abnehmen wird.

Warum schreibe ich also ein Buch, wenn es doch wesentlich zeitsparender wäre mir eins zu kaufen?

Ich schreibe dieses monumentale, literarische Meisterwerk, weil mir mein Psychotherapeut schon mehrere Male auf eindringlichste Art und Weise schriftstellerisches Talent attestiert hat, und er mich immer wieder drängte, meine Erlebnisse und Erfahrungen, die mich in seine psychologisch geschulten Arme trieben, auf stabiles Papier zu schreiben, und nicht immer nur in weiches Papier zu schluchzen.

Ob er wirklich von meinem Talent überzeugt ist, oder ob er nur verzweifelt eine Möglichkeit sucht, für mich einen Weg zu finden, mit dem ich mich eines Tages in der Lage befinden werde sein nicht ungerechtfertigtes Honorar bezahlen zu können, sei jetzt einfach mal dahin gestellt.

Was übrig bleibt ist die Frage: Für wen ist dieses Buch?

Es ist in erster Linie ein Buch für Menschen, die an Depressionen erkrankt sind. Allerdings auch für Menschen, deren Angehörige an Depressionen erkrankt sind. Und natürlich auch für Menschen, die schon immer gerne mal selbst so eine Depression haben wollten.

Bitte denken Sie einmal kurz über folgendes nach:

Die Chance auf sechs Richtige im Lotto, plus korrekter Superzahl, liegt bei unglaublichen 1 : 140 Millionen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch vom Blitz getroffen wird, liegt bei etwa1 : 20 Millionen. Es werden also eher 7 Menschen vom Blitz getroffen, bevor auch nur einer im Lotto gewinnt. Auch die Möglichkeit bei einem Autounfall zu sterben ist um einiges größer, und liegt bei unglaublichen 1 : 10.000. Es sterben also eher 10.000 Menschen bei einem Autounfall, als dass auch nur einer den Jackpot abräumt. Aber jetzt mal ganz ehrlich: Wer die von der Natur geblitzten Kollateralschäden, sowie die verkehrsverursachten Todesopfer billigend in Kauf nimmt, nur um sich leichtfertigerweise an einem schnöden Lottogewinn zu bereichern, dem würden Sie doch bestimmt auch wünschen, dass ihn der Blitz beim Scheißen trifft, oder?

Aber was bedeuten jetzt die ganzen Zahlen?

Mit abnehmenden positiven Erwartungen steigen also Ihre Gewinnchancen immens.

Salopp gesprochen: Es ist wahrscheinlicher, dass Ihnen etwas Schlimmes passiert, als etwas Gutes.

Und wenn man jetzt noch davon ausgeht, dass in Deutschland bereits über vier Millionen Menschen an einer Depression erkrankt sind, können Sie sich in etwa selbst ausrechnen wann es Sie trifft, sofern dieser Blitz bisher an Ihnen vorbei gegangen sein sollte.

Falls es Sie jedoch schon erwischt hat, und Sie stolzer Besitzer einer depressiven Erkrankung sind, so können Sie sich jetzt ganz entspannt zurücklehnen, und die folgenden Kapitel in aller Ruhe über sich ergehen lassen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass Sie während der Autofahrt zur Bank, um Ihren Lottogewinn abzuheben, von einem Blitz getroffen werden, noch bevor Sie dieses Buch zu Ende gelesen haben, ist unwahrscheinlich gering.

Kapitel 1

Zurück auf Anfang

Ich erblickte das Licht dieser Welt bereits in sehr jungen Jahren, und zwar in einer kleinen Ein-Familien-Blockhütte, die ich gemeinsam mit meinem Vater kurz vor meiner Geburt, in einem lauschigen Waldstück am Rande der Pfalz, errichtet hatte. Und bevor ich„Pterodactylus“ sagen konnte, war ich fünf Jahre alt.

Meine Kindheit verbrachte ich in einem traumhaft süßen, kleinen Ort an der Obermosel. Mittlerweile ist dieser Ort ein wenig größer geworden, aber das bin ich ja auch. Meine frühen Jahre verliefen dort eher ruhig und unspektakulär, womit wir dann auch den Abschnitt über meine Kindheit und Jugend getrost abschließen können, um uns dem daraus hervorgewachsenen Problemmensch in aller Gänze zuwenden zu können.

Also wer ist der Autor dieses Werkes? Was ist er für ein Mensch? Welche Motivation hat er? Und warum schreibt er gerade von sich selbst in der dritten Person?

Die altbekannte Sinnfrage nach dem „Wer bin ich?“ hat die Menschheit schon immer interessiert und beschäftigt, und das nicht erst seit Robert Lembke, der mit seinem Ratefuchs Guido Baumann einen brillanten Kopf in seiner Fernsehsendung hatte, der wahrscheinlich wie aus der Pistole geschossen gesäuselt hätte, dass die Sendung eigentlich „Was bin ich?“ heißt, aber das sind nur Haarspaltereien in der gestreuten Unendlichkeit des puren Seins, und der unbewussten Leichtigkeit des Universums, welche ein sinnvolles Ende dieses Satzes geradezu unmöglich machen.

Vielleicht sehen Sie die dramatisch ausufernde Komplexität der Frage in ihrer ganzen, vereinfachten Formulierung, wenn Sie einmal versuchen die gleiche Frage auf sich selbst zu beziehen, und für Ihre Person entsprechend zu beantworten.

Auf Grund der Pisa-Studien im vergangenen Jahrzehnt, und der unglaublichen volkstümlichen Intelligenz die zur Zeit bundesweit grassiert, und einen unwahrscheinlich hohen Intellekt assoziiert, müsste meine Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ so gesehen lauten: Ich bin der Alex.

Die Frage nach demWeroderWaswir sind, und was wir für eine Rolle in der Geschichte der Schöpfung spielen, ist genau so existentiell und grundlegend, wie die eigentliche Frage nach dem Sinn des Lebens. Diese Fragen sind, meines Erachtens nach, schon seit Anbeginn der Menschheit völlig überbewertet, und ich muss Sie leider enttäuschen, wenn ich Ihnen verkünde, dass die Antworten auf diese Fragen äußerst unspektakulär und ernüchternd sind, und wenn Sie die Antworten wüssten, würden Sie mir sofort und auf der Stelle Recht geben, das können Sie mir unbesehen glauben.

Die eigene Analyse, zu definieren wer man selbst ist, kann eine der schwersten und deprimierendsten Erfahrungen im Leben eines Menschen sein, die man nur durchleiden kann. Die meisten Leute scheren sich einen Dreck darum es herauszufinden. Und sie leben ihr unbeschwertes Leben in dem irrsinnigen Glauben, dass alles schon so seine Richtigkeit hat. Sehr viele Menschen leben auf diese Art glücklich in naiver Unwissenheit, bis ihnen eines Tages die Zeit davon läuft, und sie endlich merken, dass auch ihr Dasein auf Erden nicht wirklich unbegrenzt ist. Völlig panisch versuchen sie die verlorene Zeit wieder zurück zu holen, was allerdings ein ziemlich sinnloses Unterfangen ist.

Ich befinde mich in der zweiten Hälfte meines Lebens, und es ist nicht wirklich beruhigend zu wissen, dass es nur zwei Hälften gibt. Aber Jammern hilft jetzt auch nicht unbedingt weiter. Ich habe eben jetzt die Möglichkeit für mich den Sinn des Lebens in Angriff zu nehmen, und bestenfalls zu erreichen.

Denn wenn eines Tages der Sensenmann vor meiner Türe steht, hilft es wahrscheinlich wenig, wenn ich ihm sage, dass der Rasen links hinterm Haus ist.

Und falls es überraschender Weise doch etwas bringen sollte, dann habe ich zumindest endlich Gewissheit über die Richtigkeit der vergangenen Pisa-Studien, und der Sensenmann ist ein ehemaliger BWL-Student.

Ich schließe mich von der landläufigen Unterbildung allerdings ebenso nicht aus. Mit Mittlerer Reife und einer handwerklichen Ausbildung ist heutzutage eben auch kein Blumentopf mehr zu bewässern. Freimütig gebe ich zu Protokoll, dass ich nicht unbedingt die hellste Kerze im Leuchter bin, und meine Vermutung zeigt sich bekräftigt, wenn ich behaupte: Als Gott die Intelligenz verteilte, war ich gerade auf dem Klo.

Aber wenn ich mich dann draußen auf der Straße umsehe, muss ich sagen, wenn es denn so gewesen ist, könnte es auf dem Lokus ziemlich überfüllt gewesen sein.

Man stelle sich einfach eine Toilette vor, so groß wie Kanada. Das ist selbstverständlich nur ein Vergleich, den Sie bitte nicht fehl deuten dürfen. Ich sage nicht, dass Kanada ein Scheißhaus wäre. So etwas würde ich niemals tun, denn ich finde Kanada ist ein wunderschönes Land, und es ist eins meiner erklärten Ziele, dass ich dieses Land irgendwann einmal besuchen möchte, bevor ich meine irdische Hülle abstreife, dem Fährmann Charon zwei Kupfermünzen in die knochige Hand drücke, damit er mich sicher über den Styx geleitet, hinüber in das finstere Reich der Toten. Und wenn er mich fragen sollte, wofür die zweite Kupfermünze ist, so werde ich ihm aufrichtig antworten: Für die Rückfahrt!

Kapitel 2

Was kostet ein Lächeln?

Schon damals, vor vielen, vielen Jahren, in der teuren, verblassten Vergangenheit, als es noch die gute alte D-Mark gab, und ein Schokoriegel nur 25 Pfennige kostete, lernte ein junger Mann, wie ich einer war, recht schnell, dass man bei einem hübschen Mädchen mit einem Lächeln weiter kommen konnte, als mit einem bunten Strauß Tulpenzwiebeln. Natürlich kam man mit einem Lächelnundeinem Schokoriegel noch ein ganzes Stückchen weiter, aber da die Zeiten hart waren, und das Geld knapp, muss ich Ihnen heute schonungslos offen gestehen, dass ich in meiner Jugend verdammt viel gelächelt habe.

Ich hatte nun mal das Glück schon in sehr jungen Jahren geboren zu werden, und ich bin froh zu wissen, dass ich nicht mehr auf dieser Welt wandeln werde, wenn der Letzte hier das Licht ausmacht. Nach der derzeitigen Lage kann das zwar nicht mehr allzu lange dauern, aber ich bin frohen Mutes, dass die Menschheit ihr endgültiges Ende erst in etwa 93 Jahren einläuten wird. Obwohl natürlich fieberhaft in der Medizin weiter geforscht wird, um das menschliche Leben um ein Vielfaches in die Länge zu ziehen, damit auch so viele wie möglich den finalen Knall miterleben können.

Kennen Sie das auch? Dieses Phänomen, welches einen ereilt, sobald man eine gewisse Altersgrenze am Horizont erkennen kann, die winkend und jubilierend auf einen zu gelaufen kommt, und man sich einen Grenzposten der ehemaligen DDR herbei wünscht, der diese unter Androhung von Waffengewalt wieder zurückschickt, so dass einen niemals die grausame Dreißig erreicht?

Obwohl einigen Frauen dieses Wunder schon irgendwie geglückt zu sein scheint, denn sie gehen seit fast zehn Jahren auf die Dreißig zu, allerdings ist dabei die Richtung aus der sie kommen äußerst fraglich. Denn mit der modernen chirurgischen Medizin hat der Mensch ja heute auch ungeahnte Möglichkeiten.

Wir sind eine jugendliche Spaßgesellschaft, die sich Sorgen und Falten gleichermaßen wegspritzen lässt, und alle sind jung, dynamisch und gut aussehend, und zumindest noch beim weiblichen Geschlecht mit dicken Titten.

Es will doch heute kein Mensch alt sein. Die jungen Leute träumen zwar alle davon, dass sie irgendwann mal alt werden, aber niemand möchte doch auch wirklich alt sein?

Nein, es ist kein Spaß mehr, schon gar nicht für Menschen wie mich, die nicht mehr zur Jugend gehören, aber auch noch nicht richtig alt sind. Und ich fühle mich auch noch nicht alt, aber sagen Sie das mal einem jungen Menschen. Wenn ich eine junge Frau kennen lerne, und die Sprache auf das Alter kommt, dann ernte ich immer diesen merkwürdigen, mitleidigen Blick, als hätte sie gerade meine Krankenakte eingesehen, in der steht, dass es mit mir zu Ende geht.

Natürlich geht es mit mir nicht zu Ende, aber jedes Mal, wenn ich eine solche Mitleidsabfuhr von einer Frau erhalte, lasse ich mich zur Sicherheit von meinem Arzt untersuchen, um wenigstens dort eine Bestätigung zu bekommen. Ich habe auch schon mit dem Gedanken gespielt, die Sprechstundenhilfe mal zum Essen einzuladen, aber ich kann mir nicht vorstellen etwas mit einer Frau anzufangen, die weiß, wie meine Thrombozyten aussehen.

Mein Therapeut meinte in solchen Momenten immer: Sie müssen sie ja nicht gleich heiraten!

Ja, dieser Mann kannte das Fiasko mit meiner Ex-Frau, und konnte es nicht lassen mich auf diese lustige Art und Weise immer wieder daran zu erinnern. Das wurde schon zu einem richtigen Running-Gag zwischen uns beiden, wenn ich ihm von einer interessanten Frau erzählte, mich aber wie eine Jungfrau davor zierte, diese näher kennen zu lernen:

Sie müssen sie ja nicht gleich heiraten.

Über das Alter spricht man gewöhnlich nicht, aber für Menschen wie mich ist es nun mal eine durchaus willkommene Gelegenheit sich den Alterungsprozess schön zu reden. Dabei ist das Altern, so gesehen, keine große Sache. Man muss keine aufwändige Leistung erbringen, um ein gewisses Alter zu erreichen, sondern einfach nur lange genug leben.

Wo rennt die Zeit also hin? Auch wenn es einem manchmal so vorkommt, als würden die Tage nie vorübergehen, so ziehen dann doch die Wochen relativ schnell von dannen. Und ich habe immer das Gefühl, dass es schlimmer wird, je älter ich werde. Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, wundert man sich immer mehr, wie schnell die Zeit doch vergeht, wahrscheinlich auch, weil man ja immer wenigstens ein Auge auf die Zeit gerichtet haben sollte, die einem noch bleibt.

Die Jüngeren hier werden darüber wahrscheinlich nur lauthals lachen, aber ich kann euch sagen, es geht früher los, als ihr vielleicht glaubt. So mit etwa 25/26 Jahren läuft die Zeit ein klein wenig schneller, als normal. Es mag euch dann noch nicht so sehr auffallen, aber wenn ihr erst nochmal etwas älter seid, werdet ihr euch fragen, wann das wohl angefangen hat, mit dieser bösen, ständig davonlaufenden Zeit. Und dann erkennt auch ihr, dass der Verfall früher beginnt, als man vermutet hatte.

Der Tod gehört zu den wenigen Tabuthemen unserer Gesellschaft, und die Jugend ignoriert ihn auch dann noch, wenn sie nach der Disco mit 2,8 Promille im vollbesetzten Auto mit 180 Sachen durch die Ortschaft semmeln, um auch möglichst schnell nach Hause zu kommen, bevor ihnen etwas schlimmes passiert. Wer schneller fährt, kommt früher an. Und dann nutzen einem auch sämtliche Träume nichts mehr, die man vielleicht noch hatte, und von denen man sich wünschte, sie mögen eines Tages in Erfüllung gehen.

Denn was hatteichnicht alles für Träume in meiner Jugend? Zum Glück bin ich schon so alt, dass ich mich an die meisten gar nicht mehr erinnern kann. Aber die markantesten sind doch in meinen Hirnwindungen hängen geblieben, haben dort Wurzeln geschlagen, und einmal in der Woche werden sie abgestaubt und gegossen.

Meine Güte, ich wollte immer heiraten, und glaubte immer an die große Liebe, die auf jeden von uns wartet. Ich wollte ein Häuschen im Grünen, und einen guten Job haben, der mich erfüllt und fordert, und mit dem ich einen Haufen Geld verdienen würde, damit ich auch genug habe, um alles meiner Frau bei unserer Scheidung, auf Anraten meines Anwalts, kampflos überlassen zu dürfen.

Ich habe mir das Leben immer einfacher vorgestellt. Und wenn ich so zurück blicke, dann muss ich mir immer wieder selbst eingestehen, was für ein naiver Volltrottel ich doch gewesen bin. Man weiß etwas erst zu schätzen, wenn es nicht mehr da ist. Und weil ich eben nie besonders viel hatte, bin ich eigentlich ganz zufrieden mit meiner aktuellen Lage, und frage mich, warum ich eigentlich seit vierzehn Seiten nur am Jammern bin? Denn viele Menschen wünschen sich doch, dass sie die Zeit nochmal zurückdrehen könnten, um die Fehler zu vermeiden, die sie in der Vergangenheit gemacht haben. Aber würde das nicht dem gültigen Prinzip der modernen Gesellschaft widersprechen, sich selbst so zu mögen und zu akzeptieren, wie man ist?

Und ist nicht das, was wir sind, die Summe unserer Erfahrungen, Erlebnisse und Fehlentscheidungen unserer Vergangenheit? Wenn wir also die Möglichkeit hätten unsere Vergangenheit zu ändern, wären wir im Anschluss noch die gleichen Menschen? Und würden wir uns so mögen? Wie würde unser Umfeld aussehen? Würden wir immer noch die gleichen Menschen kennen, oder den gleichen Partner haben? Wäre es uns wirklich so wichtig das alles wegzuwerfen, nur für die eventuelle Möglichkeit ein "besseres" Leben zu bekommen?

Ich habe mir auch schon oft vorgestellt wie es wäre, wenn ich die Vergangenheit rückgängig machen könnte, und doch würde ich es nie wirklich tun, denn ich mag die Menschen in meinem Umfeld, und ich mag auch das, was ich erreicht habe, auch wenn das nicht wirklich viel ist.

Man darf ja ruhig krank sein, aber niemals dumm. Natürlich wäre ich gerne gesund im Kopf, und ich würde auch gerne auf Medikamente verzichten, die es mir zur Zeit erst ermöglichen, jeden Morgen aufzustehen. Mein Leben könnte soviel einfacher sein, wenn ich mir nicht tagtäglich den Kopf zerbrechen würde, über die wichtigen Fragen des Lebens, oder aber auch über so existentielle Dinge wie, ob ich jetzt das dreilagige oder doch das vierlagige Toilettenpapier kaufen soll, wobei das dreilagige doch nach Aloe Vera duftet.

Letztendlich interessiert es aber keinen Arsch, und es ist für unsere aufgeklärte Gesellschaft auch nicht zu verstehen, warumwiruns über alles mögliche tagtäglich das Hirn zermartern, wo es doch auch das fünflagige mit Kamille-Extrakt gibt.

Man kann also den Sinn des Lebens anhand eines Einkaufszentrums wirklich für jedermann verständlich erklären. Denn wir alle betreten es auf die gleiche Weise, wir nehmen hier und dort etwas für unser Leben mit, und am Ende müssen wir doch alle unsere Schuld bezahlen und gehen.

Der Tod ist unser ständiger Begleiter, und wenn man das mal begriffen und akzeptiert hat, lebt man einfach besser mit dem Gefühl nicht immer allein sein zu müssen. Auch wenn alle anderen dich verlassen haben, so bleibt dir einer treu, der nicht von deiner Seite weicht. Und wenn die Zeit dann wirklich einmal reif sein sollte, kann ich ihm immer noch sagen, dass der Rasen links hinterm Haus ist.

Leben und Tod gehören eben einfach zusammen, wie zwei räumlich getrennte Geliebte, wobei der eine sehnsüchtig die Ankunft des anderen erwartet.

Wenn Sie also aus meinem Buch unbedingt eine Botschaft für sich mitnehmen wollen, dann vielleicht, dass Sie dem Leben optimistisch entgegen lächeln sollten, anstatt erst im hohen Alter dem Tod.

Kapitel 3

Die Sache mit den Frauen

Ich weiß nicht, ob Sie meine damalige Situation nachvollziehen können, oder ob Sie eine ähnliche schon einmal selbst durchlebt haben, aber nach der Trennung von meiner Ex-Frau, und dem ganzen nachfolgenden Scheidungs-Krieg, befand ich mich in einem tiefen, schwarzen Loch, wobei dieser Zustand auch momentan noch eine unglaublich aufrechte Beständigkeit hat, denn von einer schweren Depression erholt man sich nur sehr langsam und mühselig.