Der Albenhof - Chris Amschler - E-Book

Der Albenhof E-Book

Chris Amschler

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Beschreibung

Dies ist die Geschichte um eine junge, moderne Frau, die mit etwas Unmöglichem konfrontiert wird. Wir kennen Elfen - auch Alben genannt - und Zwerge nur aus Büchern und Filmen, reine Fantasiewesen. Steffi, meine Hauptperson dieser Geschichte, muss sich aber plötzlich mit ihnen auseinandersetzen. Sie kommt nach Jahren im Ruhrgebiet, wohin sie es berufsmäßig verschlagen hatte, zurück auf den heimatlichen Hof in Bayern. Hier war sie bei ihrer Großtante aufgewachsen. Hatte sie in früheren Jahren nichts von der Anwesenheit der kleinen Völker mitbekommen, sind sie nun überaus präsent. Seit sie wieder zuhause ist, muss sie sich mit vielen Unwägbarkeiten und Problemen herumschlagen. Vorbei ist das ruhige und planbare Leben. Doch mit Hilfe von Freunden, ihrer Großtante und ihrem Bruder, schafft sie es, den Hof und damit auch das Zuhause zu erhalten. Nach großen Startschwierigkeiten, rauft sich Steffi letztlich auch mit den Alben und Zwergen zusammen.

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EPUB
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Seitenzahl: 525

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Chris Amschler

Der Albenhof

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Tante Margot

Das Kleine Volk

Viviane

4. Vivianes Heimkehr

5. Guron

6. Finn

7. Lukas und Noah

8. Der Honigdieb

9. Elfengold

10. Funkstille

11. Nicki

12. Hilfe

13. Im Reich der Elfen

14. Atempause

15. Gesiegt

16. Siegesfeier

17. Frohe Botschaft

18. Vicomte

19. Tristan

20. Auge um Auge

21. Lebe wohl

Impressum neobooks

Tante Margot

Tante Margot stand schon in der Einfahrt, als ich mit dem Wagen anhielt. Sie winkte mir lachend zu, ihr buntes Sommerkleid wehte im Septemberwind. „Hallo Tantchen, ich freu mich so, dass es jetzt endlich geklappt hat. Mein Chef wollte mich gar nicht gehen lassen.“ Die alte Frau streckt ihre Arme nach mir aus. Wir umarmten uns sehr lange. „Komm rein Kindchen. Ich hab dir eine Donauwelle gebacken und der Kaffee läuft auch gerade durch. Das Wetter ist herrlich, wir können uns auf die Terrasse setzen. Wo hast du denn deinen Hund?“ Chicco lag zusammengerollt im Kofferraum des Kombis. Er hatte die ganzen vier Stunden Fahrt verschlafen. „Der pennt. Aber ich hol ihn, im Auto kann er sowieso nicht bleiben.“ Ich ging um den Wagen herum und öffnete die Heckklappe: „Hey, komm raus. Du verschläfst immer das Beste!“ Der große Schäferhund sprang aus dem Auto, streckte sich und gähnte. Dann tappte er zu Tante Margot, lehnte sich an sie, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor und leckte ihr über die Hand. Margot lachte und schimpfte ihn: “Du alter Lauser. Anstand lernst du auch nicht mehr!“ In ihren Augen glitzerte der Schalk. Chicco genügte das als Begrüßung. Er trottete ins Haus und ließ sich im Wohnzimmer auf den großen, rotgemusterten Teppich fallen. „Ja Tantchen, Chicco wird immer gemütlicher. Zum Ausreiten mag er auch nicht mehr so gerne mit. Zumindest nicht, wenn es warm ist. Aber jetzt sag mal, wie geht es dir denn? Du hast wieder abgenommen. Wirst immer dünner. Es ist echt gut, dass ich nun da bin. Ich werde dich aufpäppeln müssen!“ Die Terrasse lag fast vollständig im Schatten. Eine riesige, uralte Kletterrose schwang sich an einem Spalier darüber. Ihre unzähligen gelben Blüten, verströmten einen zarten Duft nach Himbeeren und Zitrone. Margot zuckte mit den Schultern: „Ach Steffi, ich bin alt. Die Knochen mögen nicht mehr so wie ich will und vergesslich bin ich auch geworden. Schau, ich werde übermorgen neunzig Jahre alt. Es ist ein großer Segen für mich, dass ich immer noch in meinem Haus leben darf. Hier bin ich geboren, habe ich gelebt und möchte ich sterben. Dass du jetzt zu mir ziehst, macht mein Glück perfekt. Ich freue mich unendlich, dass du Chicco und die Pferde mitbringst, da kommt endlich wieder Leben auf den Hof. Es ist so herrlich!“ Margots faltiges Gesicht, strahlte eine tiefe Freude und Wärme aus. Eigentlich war sie ja meine Großtante. Wir hatten von Kind an ein sehr intensives Verhältnis gehabt. Meine Mutter war verunglückt, da war ich gerade zehn gewesen. Mein Vater, Tante Margots Neffe, starb ein halbes Jahr später an den Folgen einer verschleppten Grippe. Tante Margot hatte meinen Bruder und mich zu sich genommen und sich sehr liebevoll um uns gekümmert. So waren wir hier auf dem Hof großgeworden. Unsere Kindheit war wild, umsorgt und vor allem sehr frei. Lukas war nun schon seit Jahren auf einer Ölbohrinsel. Wir sahen uns nur äußerst selten. Meist hatten wir Kontakt per E-Mail oder schickten uns Nachrichten über das Handy. Er war mit vierunddreißig, drei Jahre älter als ich. Nachdem er seinen Ingenieur gemacht hatte, wollte er eigentlich in einer hier ansässigen Firma anfangen. Das Angebot war super gewesen. Doch auf dem Land wurde er mehr als nur schief angesehen, nachdem er mit seinem Freund zusammengezogen war. Ein Schwuler war einfach untragbar, ein Exot, sowas konnte man doch hier nicht dulden. Abartig nannten sie ihn. So nahm er das Jobangebot des Mineralölkonzerns an und die beiden flogen recht kurzfristig auf die Förderplattform. Er war immer so erdverbunden, darum konnte ich mir das kaum vorstellen. Auf diesem Monster aus Stahl, ohne Wiesen und Wald, hatte er doch eigentlich gar nichts zu suchen. Und er war so unendlich weit weg, man konnte ihn nicht mal eben besuchen. „Steffi, hörst du mir überhaupt zu?“ Die Stimme meiner Tante drang in die Erinnerungen. „Ich war gerade bei Lukas. Er fehlt mir so sehr. Und jetzt gerade besonders. Aber bitte sei mir nicht böse und erzähl noch mal. Ich bin jetzt ganz Ohr!“ Mein Kaffee war nur noch lauwarm. Tante Margot schien das zu ahnen. Sie schüttete den Rest ins Blumenbeet und goss frischen nach. „Steffi, wir haben morgen Vormittag einen Termin beim Notar. Ich hab dir das alles hier überschrieben. Mein Steuerberater meinte, es wäre besser, als wenn du es mal erbst. Dann musst du Erbschaftssteuer zahlen und deinen Bruder auch seinen Anteil geben. So erledige ich das alles und du bekommst einfach nur die Urkunde. Es ist, bis auf deine Unterschrift, alles schon erledigt, protestieren ist zwecklos. Morgen früh um halb zehn bist du die neue Herrin vom Albenhof!“ Ich saß da, mit offenem Mund. Sehr intelligent kann ich in diesem Augenblick nicht ausgesehen haben. „Davon war nie die Rede, Tantchen. Ich hab gesagt, ich komme her, weil ich dir hier zur Hand gehen will. Ja und weil ich so gerne hier bin, bei dir und auf dem Hof. Es war lange mein Zuhause und ich liebe das alles. Aber deshalb musst du es mir doch nicht gleich schenken.“ Tante Margot sah ich aus ihren wachen, unglaublich blauen Augen an: „Es gibt eine Bedingung, Steffi. Auf diesem Hof hier, darf nie ein Fremder wohnen. Er muss in der Familie bleiben. Auch du darfst ihn nicht einfach verkaufen, sondern nur vererben. Wem, außer dir, hätte ich ihn geben sollen? Du gehörst hier her, ich liebe dich und du bist wie mein eigenes Kind. Lukas wollte nicht auf den Albenhof ziehen, was ich gut verstehen kann. Sonst ist nur deine Cousine Martina da, die vehement abgelehnt hat. Sie wollte den Hof nicht und wäre auch nie hierhergezogen. Sie hat diesen komischen Schnösel geheiratet, der Geld wie Heu hat. Ein alter, vergammelter Bauernhof, hat sie gesagt, interessiert sie nicht die Bohne. Ich musste sie schon fragen, weil sie ja eigentlich vor dir gekommen wäre. Aber ich bin richtig happy damit, wie es jetzt ist. Es fühlt sich absolut richtig an.“ Vom Wald schallte das Zetern eines Eichelhähers herüber. Ansonsten war es still. „Was ist, wenn ich keine Kinder bekomme? Wem soll ich es dann vererben? Ich bin über dreißig und hab noch nicht mal einen Mann, geschweige denn, eine Familie. Es wird mit jedem Jahr unwahrscheinlicher, dass ich noch Nachwuchs bekomm.“ Ihre Augen ruhten auf mir. „Wenn du hierbleibst, wirst du Kinder bekommen, wenn du welche willst. Das verspreche ich dir. Glaub das deiner alten Tante.“ Jetzt musste ich doch lachen: „Genau, die wachsen hier an den Bäumen und ich pflück mir dann eines.“ Tante Margot lachte nicht. Ihr Blick war unergründlich und ernst. „Pflücken vielleicht nicht gerade. Aber du wirst schon sehen.“ Ich trug meine Sachen aus dem Auto hinauf in mein altes Zimmer. Chicco war nun doch endlich wach und inspizierte den Hof. Da alle Türen und Tore offen waren, machte er einen Rundgang durch die leeren Ställe und die Scheune. Irgendwo stöberte er den Hofkater Jason auf, der ihn mit einem unwilligen Fauchen zurechtwies. Chicco zog das Genick ein und ging schnell weiter. Tante Margot hatte sich auf einen Liegestuhl zurückgezogen und döste vor sich hin. Es war wirklich wie heimkommen. Ich hatte mein Zuhause so vermisst. Aber von irgendwas muss der Mensch ja leben und hier hatte ich keine Arbeit gefunden. Also bin ich nach Oberhausen gezogen, wo ich meine Ausbildung zum Pferdewirtschaftsmeister gemacht hatte. In den letzten Jahren hatte ich ziemlich viel gearbeitet und versucht mich in der Gesellschaft dort zu etablieren. Aber als nicht Einheimischer, der von außerhalb kam, war es sehr schwer. Zudem ich mich mit den Methoden nicht anfreunden konnte, wie dort die Pferde zu Höchstleistungen genötigt wurden. Ich liebte Pferde und würde sie nie auf so grausame Weise benutzen. Trotzdem war ich in meinem Job erfolgreich und er machte mir noch immer sehr viel Spaß. Als Tante Margot durchklingen ließ, dass es für sie langsam doch schwierig wurde, alleine auf dem Hof zu sein, schrieb ich meine Kündigung. Das war gar keine Frage, sondern absolut klar. Ich würde sie nie im Stich lassen! Mein Arbeitgeber war sauer. Er brauchte mich für die Ausbildung der jungen Pferde. Da aber die Bezahlung alles andere als toll war, zerbrach ich mir hierüber auch keinen Kopf. Also arbeitete ich noch solange, bis es mit meinem Jahresurlaub reichte und packte dann meine Sachen. Heute früh hatte ich mit meiner Lieblingskollegin noch gefrühstückt. Wir hatten uns versprochen in Kontakt zu bleiben, dann bin ich gefahren. Der Abschied fiel mir nicht wirklich schwer, mich hatte dort nichts gehalten. Ich wusste jetzt schon, dass ich mich bei keinem der Menschen aus der Vergangenheit melden würde und auch meine Kollegin wird mich schnell vergessen haben. Während meine Gedanken so schweiften, packte ich meine Kleider in den Schrank. Er war bunt mit Blumen und Rankenmustern bemalt und wahrscheinlich so alt wie das Haus. Es war alles so vertraut. In diesem Raum hatte ich die schlimmsten Wochen meines Lebens verbracht. Damals, als ich nach dem Tod meines Vaters hierhergekommen war. Aber ich hatte auch viele, sehr glückliche und unbeschwerte Jahre hier gelebt. Tante Margot war zwar immer konsequent gewesen, aber nie sehr streng. Sie gab uns Nestwärme, als wir so verloren waren und war unser Fels in der Brandung. Selbst als Lukas damals mit seinem Freund vor der Türe stand und erklärte, dass er mit Mädchen nicht konnte, war es für Margot selbstverständlich. Ich hatte mich oft gefragt, wie sie das alles schaffen konnte. Sie war ja damals schon fast im Rentenalter. Ich hörte Schritte auf der Treppe. Margot stand aufrecht in der Türe und sah herein: „Na, schon alles verstaut, wo es hingehört? Wir sollten noch etwas einkaufen. Ich hab ehrlich gesagt gehofft, dass ich dafür heute deine Hilfe hab und nicht alles alleine schleppen muss. Oder magst du dich erst fertig einrichten, dann nehmen wir das eben morgen nach dem Notar mit.“ Ich schüttelte den Kopf: „Nein, das können wir gleich machen. Ich bin fast fertig. Weißt du wo sich mein unnützer Hund schon wieder rumtreibt? Den möchte ich hier ungern draußen lassen, wenn wir wegfahren“ Sie lachte und meinte: „Na dreimal darfst du raten wo der ist. Natürlich im Wohnzimmer auf dem Sofa!“ Wir fuhren in die Stadt und kauften ordentlich Vorräte. Hier musste man jeden Weg mit dem Auto machen, weil es keinerlei öffentlichen Nahverkehr gab. Also wurde das immer gut geplant, um möglichst wenige Fahrten zu machen. Trotzdem war er bereits finster, als wir wieder auf den Hof fuhren. Wie wir nach Hause kamen, saß Chicco im Badezimmer. Er machte einen völlig verstörten Eindruck und kam erst winselnd heraus, als ich ihn rief. „Sag mal, was hat dich denn so erschreckt. Das bist doch nicht du. Hey, komm her, was ist denn los?“ Geduckt und mit eingezogener Rute drückte er sich fest an mich. An diesem Abend wich er keinen Zentimeter mehr von meiner Seite. Margot schaute den Hund an und meinte: „Ich muss mit ihnen reden. Die dürfen das arme Tier nicht so erschrecken.“ Ich wusste nicht, von wem sie sprach: „Wer hat ihn erschreckt? Du weißt es? Ich finde das absolut nicht nett. Chicco ist eine Seele von einem Hund. Er würde nie einem Lebewesen etwas zuleide tun. Dann kann man auch erwarten, dass man ihn in Frieden lässt!“ Margot nickte: „Du hast vollkommen Recht. Ich kümmere mich.“ Damit war das Thema beendet und auch auf weitere Nachfrage, sprach meine Tante nicht mehr davon. Nach einer ruhigen Nacht neben meinem Bett, war Chicco am Morgen wieder ganz der Alte. Da es auch in den nächsten Tagen keinen Vorfall mehr gab, vergaß ich das erst einmal. Nun gehörte der Albenhof mir. Meine Tante strahlte über das ganze Gesicht und lud mich zum Essen ein. Da wir beide keinen Alkohol tranken, stießen wir mit Apfelschorle an und alberten herum. Irgendwie schien Margot ein riesiger Fels von der Seele gepoltert zu sein. Sie ging aufrechter, beschwingter. Die nächsten Wochen waren sehr arbeitsintensiv. Ich musste den Transport der Pferde organisieren und überwachen. Es waren sehr wertvolle Zuchttiere, meine Zukunft auf dem Hof. Dazu musste ich die Stallungen renovieren lassen, die Koppeln abstecken und einzäunen und den Bau des Reitplatzes beauftragen. Ich hatte vor, mit den Stuten zu züchten, den Nachwuchs auszubilden und zu verkaufen, um davon meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Zusätzlich wollte ich meinen Abschluss als Pferdetherapeut machen. Mir schwebte vor allem die Arbeit mit behinderten Kindern vor. Das war natürlich alles zuviel für den Anfang. Aber ich kniete mich gleich richtig hinein. Margot stand oft lächelnd dabei und sah einfach nur zu. Sie liebte Tiere jeder Art und konnte sich für die wunderbaren Pferde begeistern. Als ich mit ihr telefonierte, um ihr zu sagen, dass ich nach Hause kommen würde, hatte ich den Vorschlag gemacht, den Betrieb auf Pferde umzustellen. Das hatte meine Tante so richtig gefreut. Nun war sie mit Feuereifer dabei, soweit ihre Kräfte es noch zuließen. Dann kam der Chef des Unternehmens, welches den Reitplatz und später auch die Halle bauen sollte. Wir berieten, wo der Platz am besten hinsollte. Plötzlich stand Margot mit einem sehr ernsten Gesicht da und meinte: „Da könnt ihr ihn nicht anlegen. Steffi, rück ihn etwa hundert Meter weiter vom Wald weg. Da hinten darfst du nichts bauen.“ Ich sah sie verständnislos an: „Aber ich hab doch die Pläne durchgesehen. Hier ist noch genehmigt. Auch der Untergrund passt und schön eben ist es auch. Was soll da falsch sein?“ Tante Margot legte mir die Hand auf den Unterarm und schaute mir ins Gesicht. „Bitte Steffi, glaub es mir einfach und lass es, ja?“ Ich wusste zwar nicht, was das nun sollte, aber plante mit dem Unternehmer um. Das war bestimmt eine ihrer Schrullen. Darf sie aber mit neunzig auch haben. Ich fragte sie, ob ich denn das Stück dann als Weide nutzen dürfte, oder ob das auch nicht möglich wäre. „ich sag dir das morgen Kindchen. Du wirst es hier immer guthaben und es wird dir auch nie an etwas fehlen. Aber es gibt ein paar Regeln, die du unbedingt einhalten solltest. Ich werde es dir in den nächsten Tagen erklären. Doch dafür brauchen wir etwas Zeit. Nun mach du das, was wichtig ist und dann setzen wir uns zusammen. Für den Anfang stecke ich dir die Orte ab, die du auf gar keinen Fall zubauen oder verändern darfst. Dann ist alles gut.“ Später sah ich meine Tante mit einer Schubkarre, auf welcher weiße Weidezaunpfosten aus Plastik lagen. Sie fuhr damit über das Grundstück und steckte ein großes Gebiet in Richtung Wald ab. Beim Abendbrot meinte sie: „Ich hab dir zur Orientierung ein paar Pfosten gesteckt. Das ist die Fläche, die bitte ursprünglich bleibt. Es wäre schön mein Schatz, wenn du das so lässt.“ Am nächsten Morgen war Tante Margot etwas unausgeschlafen. „Guten Morgen Tantchen. Du hattest keine so gute Nacht, oder? Hat dich etwas gestört?“ Sie sah mich an und meinte: „Nein, ich bin nur etwas müde, gar nicht schlimm. Du bist ja jetzt hier, da kann ich es mir später wieder in meinem Liegestuhl gemütlich machen. Aber wegen der Weide am Wald, die darfst du gerne nutzen. Die Pferde sollten aber nachts rein, oder auf eine andere Koppel. In den nächsten Wochen werden wir uns über einige Eigenheiten des Hofes unterhalten. Aber jetzt richte dich erstmal ein. Das kann noch warten. Den Felsen, der dort hinten liegt, zäunst du aber bitte nicht mit ein, der muss frei zugänglich bleiben. Ich war da als Kind schon gerne und möchte jederzeit hinkönnen. Ist das okay für dich? Den habe ich auch schon abgesteckt gestern.“ Das war natürlich in Ordnung und so wurde es dann auch gemacht. Ich hätte gerne nachgefragt, warum ich die Pferde nicht über Nacht auf der Waldwiese lassen durfte, aber ich merkte, dass Margot nicht in der Stimmung war zu diskutieren. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, über ihrem Kopf zu agieren, auch wenn der Albenhof nun mir gehörte. „Du, das ist natürlich in Okay. Irgendwann wirst du mir sicher auch die Hintergründe dazu erzählen. Bis dahin mach ich das einfach so. Aber kannst du mir sagen, woher der Hof eigentlich seinen Namen hat? Albenhof, ist schon ein sehr seltsamer Name. Die Höfe heißen sonst Bergmühle, Schattenhof, Sonnenhof oder irgendwie so. Woher kommt der, oder weißt du das nicht?“ Sie überlegte einen Moment: „Steffi, die Alben sind Elfen. Das ist nur ein anderer Name, weißt du. Das heißt also eigentlich Elfenhof. Den Namen muss ihm mein Urgroßvater gegeben haben. Er hat das alles hier gebaut. Später wurde renoviert und angebaut, aber die Grundlage ist noch immer da.“ Trotzdem ein seltsamer Name. Ob nun Alben oder Elfen, das passte hier einfach nicht hin. Sowas kann man in Island, oder Norwegen finden, aber doch nicht in Bayern. Trotzdem ließ ich das Thema nun auf sich beruhen und fragte nicht nach. Wobei es mich schon sehr interessierte. Aber ich merkte, dass Tante Margot gerade nicht mehr dazu sagen wollte. Sie war sowieso sehr schweigsam heute. Aber nicht nur heute. Wenn ich es mir recht überlegte, schwieg sie sich immer dann aus, wenn es um die seltsamen Umstände auf und um den Hof ging. Irgendwo lag da eine Leiche im Keller! Margots neunzigster Geburtstag war ein großes Ereignis in unserem Ort. Sogar der Bürgermeister persönlich kam vorbei, um ihr zu gratulieren. Im Gefolge hatte er einige Honoratioren und in der Hand trug er einen großen Geschenkkorb. Eine Flasche Wein lugte aus dem hübsch verpackten Korb und ich mochte mir nicht ausmalen, welche Delikatessen sich noch darin verbargen. Wir hatten den Tisch im Garten gedeckt und so saßen dann die Größen der kommunalen Politik in der Sonne und tranken Kaffee. Statt mit Tantchen, beschäftigten sie sich miteinander und diskutierten die aktuellen Aufreger der Verwaltung. Uns störte das nicht. Wir betrachteten es eher als eine Art Komödie und lächelten über ihre Wichtigkeit. Endlich kam der Reporter unserer regionalen Zeitung und machte seinen Bericht, inklusive Foto. Dazu durfte dann Tante Margot wieder neben den Herren sitzen, die sich sehr in Szene setzten. Zum Glück verabschiedeten sie sich danach recht zügig. Für uns begann nun der gemütliche Teil. Zu zweit gingen wir noch essen, dann machten wir es uns zuhause gemütlich und stöberten im Präsentkorb des Bürgermeisters. Der Himmel hatte sich zugezogen und es begann leicht zu regnen. Also verlegte ich meine Aktivitäten nach drinnen und räumte die Spülmaschine ein. Da läutete es an der Türe. Margot rief: „Ich geh schon. Das wird Simon sein, der wollte mir einen Eimer Zwetschgen bringen.“ Es dauerte etwas, dann hörte ich Stimmen. Mit Margot kam ein Mann in die Küche. Groß, dunkle Haare und dunkle Augen. Seine Jeans war ziemlich abgetragen und nicht mehr ganz taufrisch. Er kam mir bekannt vor, aber im ersten Augenblick wusste ich ihn nirgends unterzubringen. „Hi Steffi, schön dass du wieder da bist. Margot sagt du bleibst hier? Ich hab deine Pferde draußen gesehen, tolle Tiere. Lässt du dich wirklich hier nieder?“ Simon….in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er war ein ehemaliger Schulkamerad. Zwei Stufen über mir und ich hab ihn angehimmelt. Er war der Schwarm aller Mädchen und mich hatte er noch nicht mal wahrgenommen. In der Schule war ich ein Außenseiter. Viel zu dick, immer etwas abweisend und reserviert. Jetzt stand er hier in meiner Küche. Groß und sehr präsent. „Hallo Simon. Schön, dass du meiner Tante das Obst gebracht hast. Sie wollte einen Kuchen backen und Zwetschgenknödel zum Abendessen. Was sind wir dir schuldig?“ Er lachte, wobei sich in seinen Wangen kleine Grübchen bildeten. „Nichts, Steffi. Ich hab so viele, dass ich sowieso nicht weiß wohin damit. Wie geht es dir? Du schaust super aus! Die Jahre in der Fremde haben dir offensichtlich gutgetan. Aber jetzt bist du ja wieder hier, wo du hingehörst.“ Mir lag eine richtig bissige Bemerkung auf der Zunge. Früher hast du mich noch nicht einmal angesehen, weil ich nicht schön genug war. Jetzt grinst du mich an, stehst hier und tust, als wären wir schon immer beste Freunde gewesen. Aber da Margot ihn so begeistert ansah, sparte ich es mir und sagte nur knapp: „Ja, mir geht es gut. Danke der Nachfrage.“ Damit drehte ich mich um und begann die Zwetschgen in einen Korb umzufüllen. Den leeren Eimer spülte ich kurz aus und hielt ihm den roten Plastikeimer wieder hin. „Hier, bitte. Frisch gespült. Danke nochmal.“ Er grinste und fragte: „Habt ihr eigentlich Hühner?“ Ich schüttelte den Kopf. „Soweit bin ich noch nicht. Der Stall ist total vergammelt, den muss ich erst auf Vordermann bringen. Das wird gerade noch nichts. Aber sie sind geplant.“ „Ah, okay. Wo kauft ihr eure Eier? Ich kann die auch liefern. Ganz glückliche Hennen. Dürfen den ganzen Tag über die Wiesen und den Misthaufen rennen und haben sogar einen Gockel. Also wenn ihr braucht? Ich bin ja gleich um die Ecke.“ Ich musste nun doch lachen. „Ein Mann für alle Fälle also? Ja, das wär schön. Dann muss ich die Eier nicht im Supermarkt kaufen. Wenn du wieder vorbeikommst, bring uns bitte eine Schachtel mit. Das ist aber kein Abbo, nur eine Überbrückung, bis ich Zeit hab den Stall herzurichten!“ Simon verabschiedete sich und Margot ging mit einem sehr zufriedenen Gesicht aus der Küche. Draußen unterhielten sich die beiden noch, dann stieg Simon in seinen Transporter und fuhr los. Margot kam wieder herein: „Er fährt noch seine Bestellungen aus. Ich hab ihn zum Zwetschgenplootz eingeladen. Er kommt so gegen vier. Ist das für dich in Ordnung?“ Plootz, wie lange hatte ich diesen Ausdruck für einen Blechkuchen nicht mehr gehört. „Ja sicher Tantchen. Wenn du ihn eingeladen hast, ist er willkommen. Aber dann dürfen wir loslegen, sonst wird der Kuchen nicht rechtzeitig fertig.“ Chicco kam in die Küche und hob die Nase. Irgendwas schien gut zu riechen. Da aber nichts für ihn abfiel, schnappte er sich eine Zwetschge und tappte wieder hinaus. Zwischen Teig kneten und Zwetschgen entsteinen, erzählte Margot ein paar alte Episoden von früher. Ich fühlte mich wieder in die Kindheit zurückversetzt. Wir lachten und scherzten, während der Kuchen im Ofen buk. Sein verführerischer Duft verbreitete sich in der Küche. So war es früher auch gewesen. Wenn im Winter der große Küchenherd angeschürt war, löschte ich manchmal das Licht, setzte mich auf den Boden und betrachtete die flackernden Spiegelungen des Herdfeuers an der Decke. Wir saßen zu dritt am Tisch, tranken Kaffee und vertilgten dazu den Kuchen. Margot, Simon und ich. Chicco lag neben mir und Jason schnurrte auf Margots Schoß. Mein Gott, welch ein Idyll! Das ist ja schon beinahe kitschig, dachte ich bei mir. Aber es war herrlich friedlich und ich genoss es. Später musste der Hund vor die Türe. Simon sprang auf und sagte: „Bleibt hocken, ich geleite den Herren hinaus.“ Eine Minute später setzte er sich wieder auf seinen Stuhl. Wir erzählten uns, was in den vergangenen Jahren so geschehen war. Da hörten wir den Hund jaulen und gegen die Tür springen. Ich rannte los und lies ihn herein. Völlig verstört, zitternd, legte er sich unter den Tisch. „Mensch Tante Margot, irgendwas muss Chicco hier entsetzen. Stromert hier jemand rum? Das hatten wir doch schon einmal!“ Margot schaute ziemlich hilflos. „Kindchen ich kümmere mich. Jetzt lasst uns den herrlichen Abend nicht verderben, ja? Es ist nicht so schlimm wie es vielleicht erscheint. Da sind einfach welche, die sich einen Scherz mit Chicco erlauben. Aber sie tun ihm nicht weh und ich verspreche dir, dass es aufhört.“ Mehr sagte sie wieder einmal nicht dazu und ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, weiter in sie zu dringen. Aber sie war sich ihrer Sache ganz sicher, also glaubte ich es. Sie würde sich kümmern, hatte sie nun schon mehrmals gesagt, dann macht sie das sicher auch. Als Simon sich verabschiedete, war es schon nach neun. Es war finster, und regnete. Margot lieh ihm ihren Schirm und er versicherte, dass er ihn morgen wieder bringen würde. Dann käme auch die erste Lieferung der frischesten und besten Eier des ganzen Landes. Er zwinkerte Margot zu, gab mir artig die Hand und verschwand. Als ich ihm hinterher sah, leuchtete auf dem Felsen am Wald ein kleines Licht. „Tante Margot schau mal, dort leuchtet was. Meinst du das ist derjenige, der meinen armen Chicco so in Panik versetzt?“ Sie sah mich an und meinte: „Wir reden morgen Steffi. Ich bin müde.“ Verdammt, warum würgte sie mich jedes Mal ab, wenn ich sie fragte? Ich wachte auf, als irgendetwas an der Nase kitzelte. Im Halbschlaf wischte ich mir mit der Hand über das Gesicht. „Chicco hau ab. Ich will schlafen! Mann, kannst du dich nicht einfach irgendwo hinlegen und Ruhe geben.“ Ich drehte mich auf die andere Seite und atmete einmal tief durch. Kaum war ich wieder am Einschlafen, kitzelte es erneut. Dieses blöde Vieh, dachte ich und zog mir die Decke über den Kopf. Als ich wieder wach wurde, war es bereits fünf Uhr und ich musste aufstehen. Heute würden die Bodenplatten für den Reitplatz geliefert werden und ich hatte vorher noch einiges zu tun. Neben meinem Kopfkissen lag ein langer Grashalm. „Was ist das jetzt? Also Chicco war es jedenfalls nicht.“ Sehr nachdenklich saß ich dann am Tisch und hielt mich an meiner Kaffeetasse fest. Es war früh, es war dunkel und kalt. Auf dem Tisch stand eine Kerze, im Ofen knisterten die Holzscheite und allmählich sollte es wärmer werden. Chicco lag unter dem Tisch und schnarchte. Ich hörte Schritte auf der Treppe und Margot erschien. „Was machst du denn so früh auf Tantchen? Du kannst doch noch schlafen.“ Sie nahm eine Tasse aus dem Schrank und goss sich Kaffee ein. Dann saß sie mir gegenüber. „Du Tante Margot, ich muss dir was erzählen. Irgendwer hat mich heute Nacht mit einem Grashalm geärgert. Ich dachte es wäre der Hund. Der kam früher öfter ans Bett und hat mich mit dem Bart gekitzelt. Aber wie ich aufgestanden bin, lag neben dem Kopfkissen ein Grashalm. Hast du eine Idee, was das sollte?“ Tante Margot sah mich unergründlich an. „Darüber wollte ich mit dir heute noch reden. Wenn deine Lieferung da ist und du Zeit hast, sollten wir uns mal unterhalten. Das wäre sehr wichtig für dich als die neue Herrin des Albenhofes. „Na du machst es aber spannend. Okay, ich denke die werden so bis neun, halb zehn da sein. Abgeladen ist das dann schnell. Na da bin ich ja mal gespannt, was du mir eröffnen wirst.“ Die nächsten Stunden waren sehr vollgepackt, ich kam kaum zum Atmen. Als die Stapel dann endlich auf der Wiese lagen, fiel ich in der Küche auf den Stuhl. Nun musste ich doch mithelfen, die Pakete mit den Paddockplatten abzuladen. Sie lagen nicht auf Paletten, wie vermutet, sondern einzeln auf der Ladefläche. So stand ich nun auf dem Anhänger und warf die Pakete herunter. Meine Arme schmerzten und ich war ziemlich sauer auf den Spediteur. Margot war schon bei den Vorbereitungen für das Mittagessen. Sie wollte wissen, ob alles gut geklappt hatte und schnitt dabei Wurzelgemüse. „Ja, es ist alles gekommen und liegt genau da, wo ich es haben wollte. Allerdings hat der Spediteur Mist gebaut und ich hab das alles mit der Hand abgeladen. Morgen kann ich anfangen, die Platten zu verlegen. Jetzt geht es endlich aufwärts. Aber jetzt du! Was gibt es so Wichtiges?“ „Ach Kindchen, ich weiß gar nicht wie ich anfangen soll. Hast du schon einmal etwas von Elfen gehört? Ja, sicher, hast du bestimmt. Nach denen ist der Hof hier benannt. Alben, ein anderer Name für Elfen. Es gibt Lichtalben, die sind meistens am Tag unterwegs. Sie lieben die Sonne. Und es gibt Nachtalben, oder auch Finsteralben genannt. Die streifen in den Nächten umher und haben allerlei Unfug im Kopf. Aber ganz egal welche der Elfen, sie sind niemals bösartig. Sie haben zwar manchmal eine seltsame Art von Humor, aber man kann prima mit ihnen auskommen. Naja, wenn man ihre Regeln beachtet. Sie mögen zum Beispiel keine Schweine und man muss ihren Lebensbereich schützen. Alles was du hier verändern willst, muss mit ihnen abgestimmt werden. Sie helfen dir, wo sie können. Diese wunderbaren Wesen erfüllen Kinderwünsche, machen andererseits aber auch das Leben zur Hölle, wenn man sie nicht respektiert.“ Ich brach in lautes Lachen aus: „Ach Tantchen. Jetzt wirst du echt wunderlich. Du erzählst von Märchenfiguren, als wenn es sie wirklich gäbe. Das ist so herrlich! Hey, falls du es noch nicht gemerkt hast, ich bin inzwischen erwachsen.“ Das Gesicht meiner Tante blieb ernst. Nicht der leiseste Hauch von Lachen, nicht einmal eine Andeutung. Sie wird doch jetzt nicht noch senil, auf ihre alten Tage, dachte ich. „Stefanie, wenn du hier leben willst und glücklich werden, dann hör mir jetzt zu und mach dich nicht lustig. Sonst wird dir das Lachen nämlich bald vergehen. Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, dass es nicht witzig ist!“ Ups, wenn Tantchen mich bei meinem vollen Namen nannte, brannte die Luft. Ich verkniff mir also das Grinsen und sagte: „Okay, dann scheinst du das ernst zu meinen. Gut, ich lausche und will es mir zu Herzen nehmen. Aber du musst zugeben, dass es äußerst skurril klingt. Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Das sind Geschichten, die kennt man aus Skandinavien oder Island. Da richten sich sogar Bauprojekte nach dem Willen dieser Gnome. Und du willst mir erzählen, die würden existieren?“ Meine Tanta war immer noch ernst. Sie sah mich mit einem eigenartigen Blick an und sagte: „Nenn sie niemals Gnome, hörst du? Wir leben hier seit Generationen. Mein Urgroßvater scheint sich mit ihnen schon befasst zu haben. Warum sonst, hätte er den Hof so nennen sollen? Auch mein Vater hat dieses Gespräch einst mit mir geführt. Auch ich hab erst gelacht und gescherzt. Bis das kleine Volk mal mit mir gescherzt hat. Dann war ich geheilt. Mach du bitte nicht den gleichen Fehler und sei Freund mit ihnen. Sie verdienen deinen Respekt und deine Achtung. Sie haben schon lange vor uns hier gewohnt und wir leben auf ihrem Land. Das lassen sie zu, solange wir mit ihnen und nicht gegen sie agieren. Sie sind freundlich, wenn wir es sind. Aber sie können alles vernichten, wenn wir sie nicht für voll nehmen und ihre Wünsche ignorieren.“ „Du willst mir also sagen, dass wir uns hier nur nach dem Willen von ein paar Zwergen ausbreiten dürfen? Durfte ich deshalb den Reitplatz nicht am Wald bauen? Jetzt brauchst du mir nur noch erzählen, dass mir deine ach so netten Alben heute Nacht an der Nase gekitzelt haben. Dann geh ich runter ins Dorf und kauf mir eine Flasche Schnaps. Vielleicht glaube ich es besoffen!“ Ich war jetzt doch reichlich genervt. Meine Tante war immer ein klardenkender Mensch. Sie hatte nie einen Anflug von Alzheimer oder sonstige Gedächtnisprobleme. Jetzt kam sie mir mit ihrer Utopie. Das durfte doch wohl nicht wahr sein. Elfen, so ein absoluter Schmarrn! „Sorry, aber das muss ich erst einmal verdauen. Ich geh die Koppel abstecken und füttern.“ Ich ließ sie in der Küche zurück und ging zu den Pferden. Es gab noch eine Koppel abzustecken und zwar genau die am Wald. Ziemlich zornig warf ich die Pfosten über die Wiese und fing an, sie in den Boden zu stecken. Danach zog ich das Elektroband durch die Ösen und brummelte dabei vor mich hin. Die Koppel war fast fertig, da stellte ich mich an den Waldrand, stemmte die Hände in die Hüfte und rief: „Na ihr Zwerge, wo seid ihr. Ich kann es kaum erwarten euch zu sehen! Wir wollen hier doch miteinander leben, sagt meine Tante. Oder etwa nicht? Elfen, dass ich nicht lache. Demnächst haben wir noch Werwolf und Dracula als Nachbarn.“ Ich lachte drehte mich um und schritt wütend zurück in Richtung Wohnhaus. Hinter mir raschelte etwas im Gras. Ich dachte, es wäre Chicco und drehte mich nicht mehr um. Da hörte ich eine helle Stimme: „Nenn uns nie wieder Zwerge! Unser Volk hat einen Namen, benutze den gefälligst! Wenn du uns kennen lernen willst, dann sprich uns so an, dass wir dich ebenfalls kennen lernen mögen.“ Ich blieb stehen, wie vom Blitz getroffen. Dann drehte ich mich langsam um und sah zwei kleine, zarte Wesen im Gras sitzen. „Das glaub ich jetzt nicht. Wer bitteschön, seid ihr?“ Die Stimme klang nun schon recht ungehalten: „Na die, die du gerade gerufen hast! Ich bin übrigens Chiara und das ist meine Schwester Morgaine. Wenn du die Güte hättest, dich ebenfalls vorzustellen? Oder hat dir keiner Manieren beigebracht? Wie kann unsere liebe Margot uns nur so eine missratene Nachfolgerin hierhersetzen!“ In meinem Kopf drehte sich ein Karussell. Da sitzen zwei Winzlinge im Gras und pampen mich an. Das ist ja wohl die Höhe! „Jetzt mal halblang, ja. Ich bin Stefanie, genannt Steffi. Aber so nennen mich nur Freunde. Im Übrigen dachte ich, ihr kennt mich schon, nachdem ihr mich ja heute Nacht schon besucht habt. Ich fand das übrigens nicht so witzig. Außerdem komme ich aus einer Welt, in der ihr nicht existiert. Also lasst mir bitte erstmal etwas Zeit, euch in meinen Kopf zu kriegen.“ Die kleine Elfe, welche sich Chiara nannte, sah mich an und verzog das Gesicht, als hätte sie eine Zitrone gegessen. „Deine Tante hat es dir doch sicher schon erzählt. Gestern hat sie es zumindest versprochen und sie lügt nie. Aber ihr Menschen mit eurer Ignoranz glaubt ja immer nur, was ihr seht. Bitte, hier sind wir. Zufrieden jetzt? Dann schauen wir doch mal, ob du Stefanie bleibst und in ein paar Wochen das Weite suchst, oder ob wir irgendwann mal bei Steffi ankommen. Außerdem haben wir dich nicht besucht, das waren die Nachtalben.“ Damit waren sie verschwunden. Das Gras war etwas niedergedrückt, wo sie gesessen waren, aber die Damen waren nicht mehr zu sehen. Ich stand da, das Blut rauschte mir in den Ohren und ich war unfähig mich zu bewegen. Völlig absurd, unmöglich. Ich hab nicht ausgeschlafen und träume schon am hellen Tag. Langsam drehte ich mich um und versuchte das gerade Erlebte abzuschütteln. Tante Margot stand am Rand der Wiese und sah zu mir. Mit einem tiefen Atemzug ging ich zu ihr hin. „Ja okay, du hast Recht und weiter? Die können mich ja jetzt schon nicht leiden. Wie soll ich mit denen die nächsten dreißig oder mehr Jahre auskommen?“ Meine Tante legte ihre Hand auf meinen Arm und sah mich zärtlich an: „Steffi, mein Schatz. Die sind nicht nachtragend. Für die Mädels war das auch nicht wirklich schlimm, sonst wäre Königin Faye selbst gekommen und hätte nicht zwei vom Volk geschickt. Wir backen nachher einen leckeren Apfelkuchen und laden sie ein. Wir können uns alle am Waldrand treffen, das machen wir öfter. Dann unterhaltet ihr euch mal etwas netter und du wirst sehen, das klappt.“ Margot knetete den Teig, während ich die rotbackigen Äpfel schälte und in Spalten schnitt. Dann zog ein Duft nach Kindheit und Geborgenheit durch die alte Küche. Apfelkuchen hatte ich schon immer geliebt und mit Margots leckeren Boskopäpfeln, war er eine Delikatesse. Erinnerungen schossen mir durch den Kopf. Wir Kinder mit Margot am Kaffeetisch. Sie legte großen Wert darauf, dass am Sonntag dieses Ritual stattfand. Dazu legte sie meistens eine Schallplatte auf. Ich erinnerte mich an Vivaldis Frühling und an Smetanas Donau. Viel mehr war leider nicht hängen geblieben. Aber das warme und wohlige Gefühl war noch da und würde mich den Rest meines Lebens begleiten. Ein Klopfen an der Verandatüre, riss mich aus den Träumen. Simon stand in der Küche, hob schnuppernd den Kopf und meinte: „Margots Apfeltraum. Ich liebe ihn. Krieg ich ein Stück ab?“ Die alte Frau lachte: „Ja, klar doch. Aber du musst noch warten, wir wollen zum Felsen.“ Simon nickte: „Ah, Familienzusammenführung mit Königin Faye? Ich freu mich schon darauf. Soll ich Kaba kochen? Oder bin ich nicht eingeladen?“ Er also auch! Alle hatten es gewusst und niemand hatte mich vorgewarnt. „Vergiss die goldenen Tässlein nicht, Simon.“ Die Bemerkung war doof, aber irgendwie musste mein Frust heraus. Simon nahm es mir aber nicht übel. Er schaute mich nur an und meinte: „Ich kann dich verstehen. Sowas passt nicht in die heutige Zeit. Aber das wird im Laufe der nächsten Wochen und Monate einfacher. Sie sind ja wirklich sehr umgänglich. Versuche es doch positiv zu sehen. Solange du dich mit ihnen verträgst, wird es dir hier an nichts fehlen. Sie sind da, wenn du sie brauchst, aber erwarten das Gleiche von dir. Eine Win-win-Situation also.“ Chicco kam mit eingezogener Rute herein. Er trug einen Kranz aus buntem Laub um den Hals. Mit einem Seufzer ließ er sich unter den Tisch plumpsen und schaute recht bedrückt hervor. Ich deutete mit dem Finger auf den Hund: „Sehr umgänglich, ja? Chicco ist völlig von der Rolle seit wir hier sind. Warum müssen die ihre üblen Spielchen mit dem armen Kerl treiben? Das ist alles andere als freundlich. Wenn das nicht aufhört, pack ich meine Sachen und bin weg! Das ist ja nicht zum Aushalten. Da, der Hund. Er war immer für mich da, hat mich nie im Stich gelassen, getröstet, aufgemuntert. Er war bei mir in all den einsamen Jahren. Nun sind wie hier und er muss all das gemeine Treiben über sich ergehen lassen. Chicco ist alt, er sollte hier einen schönen Lebensabend haben, stattdessen wird er getratzt wo es nur geht. Ich werde das nicht mit ihm machen lassen!“ Tante Margot mischte sich nun ein: „Steffi, sag das doch nachher. Vielleicht kannst du ja auch mal einen Gang herunterschalten und das Ganze in nett sagen. Dann wird das auch enden und keiner piesackt deinen Hund mehr. Versuch dich mal in ihre Situation zu versetzen. Das Volk hat seit Urzeiten dort gelebt. Dann kommt der Mensch und lässt sich auf ihrem Land nieder. Sie versuchen natürlich, sich zu arrangieren. Aber wir müssen das eben auch. Sie wissen nicht, dass Chicco Angst hat. Wir hatten hier nie Hunde und der dicke Kater ärgert sich nicht. Den lassen sie schon längst in Frieden. Bitte, versuche es, wenn auch nur mir zuliebe, ja?“ Ihr Gesicht hatte einen flehenden Ausdruck bekommen, ich nahm sie in den Arm und atmete einmal tief durch. „Ja Tantchen, ich verspreche es dir, ich werde es versuchen. Komm, lass uns den Kuchen einpacken und rübergehen. Simon ist mit dem Kaba auch schon fertig. Machen wir also Kaffeekränzchen mit unseren lieben Nachbarn!“ Was da gerade in meinem Kopf herumirrte, war mit normalen Maßstäben nicht zu messen. Ich fühlte mich, als wäre ich in einen Film gefallen. Die beiden Menschen neben mir, sahen das als völlig normal an. Ich sollte nun aus meiner modernen Welt heraus, die Existenz von Elfen akzeptieren? Eher baute der Ami eine Stadt auf dem Mond! Aber sie waren da, unbestreitbar und sehr präsent! Frustessen. Das konnte ich früher schon gut, weshalb ich auch als Kind recht moppelig war. Immer wenn meine Seele schrie, stopfte ich ein Stück Schokolade der Kuchen hinein und sie gab wieder eine Weile Ruhe. Meine Eltern waren ziemlich sachlich und wenig liebevoll gewesen. Trotzdem vermisste ich sie unglaublich. Die ersten Monate bei Tante Margot wollte ich das alles nicht einsehen. Sie konnten nicht tot sein. Die waren nur mal wieder alleine weggefahren und noch immer nicht zurück. Doch die Zeit verging und irgendwann begriff ich, dass es die Realität war. Bis es wirklich angekommen war, verrann bestimmt ein Jahr. In dieser Phase hatte ich oft Heißhungerattacken und entsprechend war meine Figur. Auch jetzt stand ich am Küchenbuffet und hielt ein Stück Kuchen in der Hand. Aber im Gegensatz zu früher, beruhigte es mich nicht. Die Räder in meinem Kopf kamen nicht zum Stillstand. Ich nahm ein zweites Stück und merkte, dass ich im Begriff war, in ein altes Muster zurückzufallen. Ungehalten warf ich den Kuchen auf die Platte zurück. Die plötzliche Begegnung mit meinem Jugendschwarm, diese kleinen Wichte und Margots Selbstverständlichkeit, mit der sie darüber sprach – das alles war zu viel für mich. Chicco kam, schob seine warme Nase in meine Hand und schenkte mir Trost. So hatte er es schon immer getan und wie immer, wurde mir warm ums Herz. Der Zorn verrauchte, ich stand da uns streichelte meinen geliebten Hund.

Das Kleine Volk