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Nadine entdeckt beim Fotografieren durch Zufall einen alten, verlassenen Gutshof. Sie ist verzaubert von diesem Anwesen, besucht ihn sehr oft, im Sommer täglich und lernt später auch die Besitzerin kennen. Lina ist im Altenheim und erlaubt Nadine sich dort aufzuhalten. Nadine kümmert sich um die alte Frau, bis diese schließlich stirbt. Nach einem großen Lottogewinn kauft Nadine den Hof und zieht dort ein. Auf dem Hof leben eine sehr gesprächige Krähe mit vier sehr zurückhaltenden Freunden und drei herrenlose Katzen, um die sie sich nun kümmert. Zu Goldfederchen, der geschwätzigen Krähe, entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Doch schnell wird klar, dass hier einiges nicht so ist, wie es scheint…
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2025
Chris Amschler
Goldfederchen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
1. Träume
2. Paul
3. Nur eine Krähe?
4. Zusammenwachsen
5. Erkenntnis
6. Recherche
7. Eleana
8. Der Brand
9. Linda
10. Verschollen
11. Esyas Ende
12. Befreit
14. Über mich:
Bisher von Chris Amschler erschienen:
Erscheint in Kürze
Impressum neobooks
Chris Amschler
Goldfederchen
Chris Amschler
Fantasyroman
Goldfederchen
der vierte Roman von Chris Amschler
Nadine entdeckt beim Fotografieren durch Zufall einen alten, verlassenen Gutshof. Sie ist verzaubert von diesem Anwesen, besucht es sehr oft, im Sommer täglich und lernt später auch die Besitzerin kennen. Lina ist im Altenheim und erlaubt Nadine sich dort aufzuhalten. Nadine kümmert sich um die alte Frau, bis diese schließlich stirbt. Nach einem großen Lottogewinn kauft Nadine den Hof und zieht dort ein.
Auf dem Hof leben eine sehr gesprächige Krähe mit vier sehr zurückhaltenden Freunden und drei herrenlose Katzen, um die sie sich nun kümmert. Zu Goldfederchen, der geschwätzigen Krähe, entwickelt sich eine tiefe Freundschaft.
Doch schnell wird klar, dass hier einiges nicht so ist, wie es scheint…
Der Gutshof lag träumend in der Nachmittagssonne. Er war schon lange verwaist. Vor sieben Jahren hatte ihn die alte Lina mit 82 Jahren verlassen. Ihr war es zu beschwerlich, alleine hier draußen. Für jedes Essen musste man den Holzherd in der Küche anheizen, für jedes Bad und Duschen den großen, uralten Badeofen in Betrieb nehmen. Auch er verlangte nach Brennholz, passend zurechtgeschnitten. Lina war es zu viel. Sie mietete sich in einer Seniorenresidenz ein und verschwand von einem Tag auf den anderen.
Seitdem schlief der alte Hof einen Dornröschenschlaf. In der Scheune hatten sich ein paar heimatlose Katzen eingemietet und ein Marder stromerte durch den Garten. Fledermäuse hausten im Gebälk und teilten sich das mit einer griesgrämigen Eule.
Auf dem Küchentisch stand Linas verstaubte Tasse mit dem vertrockneten Rest des letzten Tees. Die Brotkrümel hatten längst die Mäuse gefressen.
Im Hof gab es eine Hundehütte. Die rostige Kette hing ordentlich über ihr Dach. Seit vielen Jahren hatte hier kein Hund mehr sein erbärmliches Leben gefristet. Der letzte Hasso war im Winter vor über zwanzig Jahren gestorben.
Ich kam gerne hierher. Es war ein Stück verborgene Welt. Niemanden interessierte es, wenn ich hier im Hof saß und mein Buch auspackte. In der warmen Jahreszeit war ich fast täglich hier. Zuhause war niemand, der mich vermissen würde. Die Wohnung bestand nur aus zwei Zimmern und lag an der Nordseite. Es schien nie ein Sonnenstrahl durch die Fenster und so trieb es mich ständig hinaus. Den Hof hatte ich vor zwei Jahren entdeckt. Mit der Kamera war ich einem hübschen Vogel hinterhergelaufen und war hier in diese vergessene Welt gestolpert. Manchmal stellte ich mir vor, ich würde hier leben. Ganz. Für immer. Aber mein Lohn genügte gerade für zwei Zimmer, Nordseite! Auch das wöchentliche Lottospiel war bislang nicht erfolgreich.
Seufzend ließ ich mich auf dem Plastikstuhl nieder, den ich mir in einem Anflug von Verschwendung gekauft und hier hergebracht hatte. Im Winter stellte ich ihn in die Scheune, denn in meiner Wohnung war kein Platz. Doch jetzt war gerade einmal April. Die ersten warmen Tage kündeten den kommenden Sommer an.
Ich lehnte mich im Stuhl zurück und streckte mich in der Sonne. Genießerisch schloss ich die Augen. Ein kleiner Schatten huschte in die Scheune. Eine der Katzen hatte in der Hecke nach Beute gesucht und wartete nun auf das mitgebrachte Futter.
„Gebt mir noch fünf Minuten, dann werde ich euch bedienen.“ Mein Blick wanderte in die Runde. Es war ein perfekter Viereckhof. Scheune, Stallungen, Wohnhaus und Maschinenhalle, die durch massive Mauern miteinander verbunden waren, gaben mir manchmal das Gefühl, in einem Burghof zu sein. Ich schloss wieder die Augen und hielt mein Gesicht in die Sonne.
„Es ist gar nicht so gut, wenn man dauernd in der Sonne sitzt. Ihr Katzen habt ja ein Fell, aber ich bekomme die ganze Ladung auf die Haut. Also gut, dann hol ich jetzt euer Fresschen und komm in die Scheune.“ Die drei Katzen saßen bereits vor den leeren Schüsseln. Fordernd blickten sie mich aus ihren gelben und grünen Augen an, als wollten sie sich beschweren.
„Ist ja schon gut ihr gierigen Monster. Hier, euer Schmackofatz!“ Erst als ich mich auf etwa drei Meter zurückgezogen hatte, begannen die Tiere zu essen. Ich ging wieder in den Hof. Als ich in die Sonne trat, musste ich für einen Moment die Augen schließen. Das Licht war grell und blendete.
„Die blöden Katzenviecher bekommen jeden Tag etwas zu fressen. Für mich bringst du nie etwas mit!“ Wer war das? Ich konnte niemanden sehen, aber irgendwer hatte mich ja gerade angesprochen.
„Wer bist du und vor allem, wo bist du? Ich kann dich gar nicht sehen!“
„Dann schau doch mal nach oben. Etwas über deinen Horizont hinaus, wenn du kannst!“ Ich sah mich um, doch außer einer einzelnen Krähe, konnte ich nichts sehen.
„Sorry, ich seh‘ nichts.“
„Bist du dumm? Ich sitze doch hier! Hallo, ich,
Goldfederchen!“
„Du meinst, diese Krähe da bist du?“
„DIESE KRÄHE bin ich. Ja, was dagegen? Ich hätte auch gerne etwas von deinem Katzenfutter. Also bitte, oder ist das für die hässlichen Krallenmonster reserviert?“
„Wer ist da? Jetzt zeig dich bitte und hör auf deinen Scherz mit mir zu treiben. Das ist wirklich nicht nett!“ Aber es war niemand da, außer den Katzen, dieser Krähe auf dem Dach und mir.
„Okay, es kann ja nicht schaden, dem Vogel etwas zu futtern anzubieten.“
Kopfschüttelnd zog ich noch eine der kleinen Schüsselchen aus meiner Tasche und füllte sie mit Katzenfutter auf. Dann stellte ich die Schüssel auf einen Mauersims und setzte mich wieder in meinen Gartenstuhl. Die Krähe ließ sich fallen und breitete erst kurz vor dem Sims die Flügel aus. Höchst elegant landete sie und begann, die Futterwürfel zu verschlingen. Danach plusterte sie sich kurz auf und schüttelte das Gefieder. Am linken Flügel blitzte etwas auf. Doch es war kaum zu erkennen und dann hatte sie die Federn wieder geordnet und angelegt. Hatte sie nicht vorhin etwas von Goldfederchen gesagt?
„Nein, jetzt gehe ich wirklich schon davon aus, dass du mich angequatscht hast. Aber das goldene Federchen würde mich schon interessieren.“ Ohne Scheu flog die Krähe auf meine Stuhllehne.
„Hier, schau sie dir an. Aber nicht hin fassen, das kann ich absolut nicht leiden! Ihr Menschen wollt immer gleich alles angrapschen.“
„Du sprichst wirklich, ich glaube es ja nicht. Dass Rabenvögel sprechen lernen können, hab‘ ich schon mal gelesen. Aber ich wusste nicht, dass ihr auch logische Sätze zustande bringt.“
„Es gibt noch mehr intelligentes Leben auf dieser Erde, als nur ihr. Aber das ist eine unendliche Geschichte.“ Das war mir jetzt wirklich zu viel. Dieser Vogel unterhielt sich mit mir, wie ein Mensch. War das normal? Mit Tieren hatte ich ja noch nicht viel zu tun gehabt. In München geboren und in unterschiedlichen Städten aufgewachsen, war mir alles aus Flora und Fauna unbekannt. Was nicht hieß, dass ich es nicht mochte. Es konnte also schon gut möglich sein, dass Krähen zu solch einer Leistung fähig waren und ich es nur einfach nicht wusste. Also würde ich nun so tun, als wäre es völlig normal.
„Hat dir das Futter geschmeckt?“
Die Stimme des Vogels verlor den vorwurfsvollen Ton und klang nun reichlich schmeichelnd.
„Oh ja, das war fein. Bekomme ich das nun öfter? So wie die Katzen?“
„Wenn du das willst, gerne. Aber ich bin nicht jeden Tag zur gleichen Zeit hier.“ Die Krähe lachte. Es klang rau und albern.
„Als wenn ich das nicht wüsste!“
Später, zuhause, las ich im Internet nach. Ja, Krähen konnten sprechen lernen. Aber keinesfalls so, wie Goldfederchen. Da stimmte etwas ganz gewaltig nicht!
***
„Frau Seufert, könnten sie heute etwas länger bleiben? Der Herr Paulin ist krank und wir müssen unbedingt heute noch den Plan für den Dachausbau fertigmachen. Es geht um die beiden Gauben. Sie sind da mit dran und könnten das schnell fertigschreiben.“ Seit Ich in diesem Büro angefangen hatte, übersah mich mein Chef geflissentlich. Er wusste genau, was ich konnte und dass er mich eigentlich viel besser bezahlen müsste. Doch noch immer war ich auf Anfangsgehalt. Nun sollte ich für ihn die Kohlen aus dem Feuer holen? Nöö, keine Lust!
„Es tut mir sehr leid, aber ich muss jetzt zu meinem Nebenjob. Sonst kann ich mir nämlich meine Miete nicht leisten. Da darf ich nicht unpünktlich sein.“ Er starrte mich an.
„Nebenjob? Sie verdienen hier doch genug.“ War das jetzt meine Chance? Ich würde sie nutzen!
„Genug? Seit acht Jahren bin ich hier in dieser Firma. Ich mach meine Arbeit gewissenhaft und bin immer zuverlässig gewesen. Bisher war ich noch keinen einzigen Tag krank. Als ich damals angefangen hatte, wurde mir zugesichert, dass ich alle zwei Jahre in der Gehaltsklasse aufsteigen würde. Aber immer noch robbe ich mit dem Einstiegsgehalt herum. Zweimal war ich in den vergangenen Jahren im Personalbüro und habe gefragt. Aber jedes Mal wurde es bedauernd abgelehnt. Die schlechte Wirtschaftslage, die Coronakrise, die zähe Situation in der Baubranche, weil die Rohstoffe so teuer sind und was weiß ich noch. Also musste ich mir einen Nebenjob suchen, damit ich irgendwie über die Runden komme. Nein, ich fahr jetzt und mach dort meine Arbeit, weil ich nicht riskieren will, die Stelle zu verlieren. Es tut mir leid Herr Weigant.“
Ich sah, wie er nach Luft schnappte. Trotzdem ich wirklich sehr höflich gewesen bin, hatte ich ihm widersprochen. Das kannte er nun mal gar nicht.
„Frau Seufert, ich verspreche ihnen, dass sie ab nächsten Ersten den vollen Lohn bekommen, der ihnen nach all den Jahren zusteht. Nur lassen sie mich jetzt nicht im Stich! Bitte! Von diesem Auftrag hängt mehr ab, als man auf den ersten Blick sieht. Da kommt ein ganzer Schwanz Aufträge hinterher, wenn es gut wird. Ich brauche sie!“ Unschlüssig stand ich da und in meinem Kopf kreiselten die Gedanken. Er merkte, dass ich mit mir kämpfte und er einen Fuß in der Tür hatte.
„Kommen sie mal mit ins Personalbüro. Wir machen das fix und dann wissen sie, dass ich es ernst meine.“
Er legte mir die Hand auf den Rücken und schob mich geradezu durch die Tür des Büros. Der Angestellte mit den guten Ausreden sah uns etwas verstört entgegen und klappte unter dem Schreibtisch das Handy zu. Offensichtlich hatte er sich damit beschäftigt, anstatt seine Arbeit zu machen. Auf Anweisung des Chefs, zog er eine Liste aus der Schublade. Mit dem Finger strich er auf den Zahlenreihen nach unten und landete bei einer Zeile ziemlich unten. Dann blickte er auf und zeigte seinem Chef die Zahl. Dieser war ganz Geschäftsmann und nickte.
„Dann ändern sie das jetzt umgehend in der Personalakte. Es kann nicht sein, dass so eine fähige Mitarbeiterin sich eine Putzstelle suchen muss, damit sie ihre Miete bezahlen kann!“ Von Putzstelle hatte ich ja mal gar nichts gesagt. Aber das spielte keine Rolle.
„Und nun, wo sie diese Nebenrolle nicht mehr spielen müssen, dürfte ich sie erneut bitten, die Berechnung fertig zu machen und auch gleich herauszuschicken. Das nächste Mal kommen sie bitte direkt zu mir, wenn es Probleme gibt.“ In der Hoffnung, dass ich endlich meinen zustehenden Lohn erhalten würde, begab ich mich wieder an meinen Schreibtisch und vollendete das Werk. Mit einem Tupfer auf die Entertaste, schickte ich die Mail auf ihre Reise durch das Internet. Dann streckte ich mich und ging aus dem Büro. Das Haus war leer, außer mir schien niemand mehr zu arbeiten. Also ging ich die Treppe hinunter und verließ das Haus.
Über der Häuserflucht zog ein kleiner Schwarm Krähen dahin. Mit lautem Geschrei, erinnerten sie mich schlagartig an Goldfederchen.
Ich würde nun Futter kaufen und anschließend hinausfahren, zu den Tieren. Wahrscheinlich hatte ich das gestern alles geträumt. Zulange in der Sonne gesessen. Ich beschloss, nie wieder länger als eine halbe Stunde in die Sonne zu gehen und dann den Stuhl in den Schatten zu rücken. Es war ja wirklich nicht gesund.
Als ich ankam und den weißen Plastikstuhl herausstellte, sah ich schon die Katzen. Entspannt putzten sie sich im warmen Schein und ließen mich nicht aus den Augen. Nach all der Zeit, die ich nun schon hierher kam, waren sie noch immer scheu und ließen mich nicht an sich heran. Es war schade.
Neidisch schaute ich auf ihr glänzendes Fell und wünschte, ich könnte sie streicheln. Wie sich das wohl anfühlen würde? Ich stellte es mir warm und sehr weich vor. Aber auch so waren sie mir sehr ans Herz gewachsen. Sie konnten ja nichts dazu, wie sie waren. Es hatte sich doch nie ein Mensch um sie gekümmert. Damals, als ich das erste Mal herkam, waren sie zerfleddert und schmuddelig.
Seit sie regelmäßig Futter bekamen und ich mit Hilfe eines Tierschutzvereines die drei eingefangen hatte und beim Tierarzt entmannen ließ, wurden sie schöner, sauberer, gepflegter. Einer der Katzen hatte nur ein Auge. Ich hatte ihnen auch Namen gegeben, der Einäugige hieß Peter. Nicht sehr einfallsreich, ich weiß.
Aber dafür hatten die anderen beiden sehr fantasievolle Namen abbekommen. Der Schwarze hieß Harry Potter und der Weißgescheckte Prinz Charles. Er hatte sehr große, abstehende Ohren und so erschien mir dieser Name doch passend. Damit Peter nicht irgendwann neidisch werden würde, auf die schöneren Namen, rief ich ihn oft mit Zar Peter. Vielleicht konnte ihn das versöhnen.
„Ich glaube, ich bin zu viel alleine. Ich führe Gespräche mit Katzen und Krähen, Selbstgespräche und sonst habe ich eigentlich niemanden. Früher hatte ich Freunde. Ja, Zar Peter, Freunde. Nicht nur drei Katzen, die mich Vorwurfsvoll anglotzen, bis endlich das Futter auf dem Tisch, oder besser auf dem Boden steht.“
„Du suchst dir eben die falschen Freunde. Katzen sind das undankbarste Volk, das unsere Erde besiedelt hat.“ Wieder dieser Vogel!
„Ach du wieder. Weißt du, ich habe gestern mal nachgelesen. Ihr Krähen könnt wirklich sprechen. Aber nicht so wie du. Wo ist also der Haken? Irgendwas stimmt mit dir nicht. Ich hab‘ sogar schon gedacht, dass es von einem Sonnenstich kommt.“
„Warum grübelst du über solche Sachen? Ich möchte gerne dein Freund sein. Du kannst meine Freundschaft erhalten, wenn du mir nun endlich das leckere Futter gibst, statt dich mit deinen Theorien zu beschäftigen.“
„Du bist unverschämt. Aber über die Katzen lästern!“ Trotzdem verteilte ich die Schüsseln und betrachtete das friedliche Bild. Die Stimme in meinem Hinterkopf versuchte ich auszublenden. Sie warnte mich ständig, dass mit dem Vogel etwas nicht stimmte.
„Mann, das weiß ich selber. Aber soll ich deshalb jetzt weglaufen? Vielleicht hat ihn ja jemand aufgezogen und deshalb hat er so gut zu sprechen gelernt.“
Die Tage dümpelten so dahin. Eine ungewohnte Leichtigkeit hatte mich erfasst. Nun, wo ich nicht mehr an zwei verschiedenen Stellen arbeiten musste, hatte ich ungeahnt viel freie Zeit. Da begann ich mir einen kleinen Garten anzulegen. Direkt an der Mauer war der Boden weich und dunkel. Wasser gab es gleich neben dem Hof in einem Bach. Mein Gemüse wuchs hervorragend und bald erntete ich die ersten eigenen Radieschen.
Am dritten Mai erhielt ich die neue Gehaltsabrechnung und rieb mir gründlich die Augen. Über die Hälfte mehr Lohn, das hätte mir schon lange zugestanden. Natürlich, ich freute mich. Aber ein kleiner Teufel in meinem linken Ohr flüsterte, ich solle eine Nachzahlung fordern gehen. Ich hätte nicht übel Lust dazu. Aber dann verwarf ich es.
***
„Guten Morgen, ich bin Paul Lohse. Ab heute soll ich das Team ergänzen.“ Ein Mann um die dreißig stand vor meiner Bürotüre. Er hatte an die offene Tür geklopft, trat aber nicht ein. Er wartete offensichtlich auf die Erlaubnis von mir.
„Kommen sie doch herein. Oder wollen wir uns auf dem Gang unterhalten? Mein Name ist übrigens Nadine. Nadine Seufert. Ich bin seit acht Jahren hier in der Firma. Was ist denn ihre Aufgabe?“ Paul blinzelte als er in mein Büro trat. Die Sonne schien herein und blendete ihn etwas.
„IT. Ich muss dafür sorgen, dass alle Rechner und Programme laufen. Der Mitarbeiter dessen Job ich übernehme, scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Jedenfalls sagt der Chef, er sei einfach verschwunden.“ Vor meinem geistigen Auge sah ich Bernd. Ein sehr korpulenter Mann, stets ein wenig ungepflegt, mit den unsäglichen Jesuslatschen an den Füßen und einer schwarzen, knappen Mütze auf den fettigen Haaren.
„Den wird keiner vermissen. Bernd war nicht sehr beliebt. Irgendwie immer schmuddelig, unfreundlich und sehr abweisend. Wenn etwas am Computer war und man musste ihn rufen, war das eher eine unerfreuliche Sache. Aber nicht wegen dem Rechner. Aber so einfach weg? Ist schon seltsam.“ Ich vermutete, dass er ihn entlassen hatte. Ohne etwas zu erzählen. Nun, wem hätte er auch etwas sagen sollen, er war schließlich der Boss.
„Kaffee?“ Ich hielt dem Neuen eine leere Tasse vors Gesicht und wartete auf Antwort. Er trat einen schnellen Schritt zurück und grinste.
„Bevor sie mich mit der Tasse erschlagen, will ich mich nicht sträuben. Also gerne!“ Meine Maschine brummte und füllte zwei Tassen. In der Schublade hatte ich noch eine halbe Rolle Doppelkekse, die ich nun zur Feier des Tages dazustellte. Paul bediente sich ohne große Bescheidenheit. Ich betrachtete fasziniert, wie er erst den schokofreien Rand abknabberte und dann die Kekse auseinandernahm. Schließlich aß er die beiden abgenagten Hälften im Ganzen. Bei dieser Aktion herabfallende Krümel wurden sehr sorgfältig zusammengeschoben und auf die Hand gewischt. Dann verschwanden sie ebenfalls im Mund. Paul hatte jedoch gute Manieren. Es war nett mit ihm dazusitzen und sich unterhalten.
Mein Telefon läutete. Ich meldete mich und beantwortete eine Weile die Fragen eines Kunden. Dann verabschiedete sich Paul. Irgendwo bedauerte ich es. Seine Gesellschaft war schön gewesen und ich hatte es genossen.
„Du musst an die Arbeit, das ist klar. Aber schade ist es schon. Na denn…“ Er legte mir eine seiner nagelneuen Visitenkarten auf den Schreibtisch, drehte sie um und schrieb eine Mobilnummer dazu.
„Ich würde mich freuen, wenn wir uns auch mal außerhalb der Firma treffen könnten!“ Ja, ich mich auch.
„Ich schreibe nachher mal eine Nachricht, dann haben sie meine Nummer auch.“ Damit fühlte er sich entlassen und schloss ganz leise die Tür. Eine seltsame Leere war im Raum. Ich schüttelte den Kopf.
„Der wird genau mit dir was anfangen. Dummes Weib.“ Meine Arbeit ging heute sehr zäh. Ständig sah ich Pauls grinsendes Gesicht vor mir. Sowas blödes aber auch. Als ich es nicht mehr aushielt, schrieb ich ihm eine Whatsapp-Nachricht.
„Huhu, hier meine Nummer“ und dazu ein lachendes Emoticon. Als hätte er nur darauf gewartet, kam Sekunden später eine Antwort.
„Vielen Dank!“ Dazu gab es eine Rose. Um kurz vor drei schaltete ich meinen PC aus und schaltete das Telefon um. Wer nun anrief, hörte nur meinen Pausentext.
„Feierabend! Das ist schön. Jetzt nix wie heim und umziehen. Dann schnapp ich mir meinen Krimi und fahre zum Hof. Es ist herrlich draußen.“ Auf dem Gang traf ich meinen Chef.
„Schönen Feierabend!“
„Danke, wünsch ich auch.“ Doch das hatte er schon nicht mehr gehört. Auf der Straße stieg er in seinen schwarzen Ferrari und sauste heulend davon. Ich öffnete meinen alten Escort, warf meine Tasche auf den Beifahrersitz und stieg ein.
„Würden sie mich ein Stück mitnehmen? Ich musste meinen Wagen gestern kurzfristig in die Werkstatt bringen und bin für jede Etappe dankbar.“ Paul! Also zog meine Tasche auf den Rücksitz um und er stieg ein. Seine Nähe machte mich völlig konfus.
„Was haben sie heute noch so vor?“ Sein Gesicht war schon etwas gebräunt, was mir sagte, dass er viel draußen war.
„Ich geh spazieren, dann habe ich ein paar wilde Katzen, denen ich ihr Dinner servieren muss. Nicht zu vergessen, eine verrückte Krähe, die ebenfalls auf meine Spende wartet.“ Nun lachte er.
„Dann will ich sie nicht abhalten. Falls sie mich aber mal ihren Katzen vorstellen wollen, bin ich nur zu gerne bereit. Ich liebe Katzen sehr!“
„Kommen sie doch einfach mit!“ Verdammt, welcher Teufel hatte mich da jetzt geritten? Mein Geheimnis teilen, mit einem Menschen, den ich gerade mal einen Tag kannte! Hoffentlich sagt er jetzt nein.
Doch Paul dachte gar nicht daran. Mit einem fröhlichen Lächeln sagte er zu. Nun war ich in einem großen Zwiespalt. Einerseits war mir in seiner Nähe wirklich sehr wohl. Aber andererseits wollte ich meinen herrlichen Freizeitplatz nicht verlieren. Wenn wir uns in vier Wochen streiten, sitzt er vielleicht auch jeden Tag dort und es ist vorbei mit meiner himmlischen Ruhe. Zurückrudern konnte ich aber nicht mehr. Also gute Miene zum bösen Spiel.
„Soll ich sie abholen? Ich muss mich noch umziehen und Futter einladen.“ Er nickte. An der von ihm gewünschten Stelle hielt ich an und ließ ihn aussteigen.
„Um vier bin ich wieder hier. Bitte pünktlich sein, ich kann hier nirgends länger halten.“
„Ich bin immer pünktlich und freue mich.“ Zuhause stellte ich einen Karton Katzenfutter ins Auto und einen Sixpack Wasser für mich. Nun noch das Buch und schon ging es los. Paul stand schon an der Straße, obwohl ich fast fünf Minuten zu früh war. Eilig stieg er ein, während die Autos hinter mir schon hupten. Dann ging es auf der Bundesstraße hinaus aus der Stadt. Nach etwa fünfzehn Minuten hatte ich das Ziel erreicht und fuhr in den malerischen Hof.
„Wow, das ist ja super romantisch hier. Wem gehört das?“
„Einer alten Frau, die ist im Altenheim. Ich besuche sie ab und zu. Sie hat ja auch niemanden mehr.“
„Jetzt schleppt sie noch mehr Menschen an. Muss das sein?“ Paul drehte sich um die eigene Achse und suchte den Sprecher.
„Wer wohnt hier denn noch?“
„Niemand. Nur die Katzen und die Krähe.“ Wie auf Stichwort kamen die Kater aus der Scheune und setzten sich in die Sonne. Dort würden sie nun sitzen, bis ich sie mit Futter versorgt hätte.
Ein Extra Schüsselchen füllte ich heute mit Rührei. Im Internet hatte ich gelesen, dass Rabenvögel ungesalzenes Rührei lieben würden. Warum ich dieser alten Krähe eine Freude machen wollte, war mir nicht so klar. Aber die Eier waren sowieso übrig gewesen und schon etwas älter.
„Komm Goldfederchen, heute gibt’s was Feines!“ Kaum stand die Schale auf dem Sims, schwebte der Vogel auch schon herab. Paul stand mit offenem Mund da und war verstummt. Fassungslos sah er zu, wie die Krähe das Rührei vertilgte. Anschließend verschwand der schwarze Vogel. Pauls Gesellschaft schien ihm nicht zuzusagen.
Anders die Katzen. Peter leckte seine Futterschüssel aus, bis sie in der Sonne blinkte. Dann kam er völlig selbstverständlich zu uns, strich Paul um die Beine und ließ ein dunkles Schnurren hören.
„Du undankbares Geschöpf. Seit Jahren füttere ich dich und du lässt mich eiskalt ablaufen. Wie habe ich gelockt und gerufen, bestochen und gebettelt. Kaum kommt ein Mann, schleimst du ihm um die Beine. Schäm dich!“
Peters Antwort war ein beherztes Fauchen. Dabei entblößte er seine weißen Zähne. Ich drehte mich um und sammelte die leeren Schalen ein.
„Pffft, das hab‘ ich ja gar nicht nötig. Blödes Vieh.“ Doch die Enttäuschung bohrte sich in meinen Kopf. Paul saß im Gras und der Kater auf seinem Schoß. Das Tier hatte das Auge auf mich gerichtet. Sein rotes Fell glänzte wie poliertes Kupfer. Paul streichelte ihn. Er schien gedankenverloren. Sein Streicheln war träge und schläfrig.
Ich setzte mich auf meinen Stuhl und klappte das Buch an der eingelegten Karte auf. Doch kaum hatte ich mich eingelesen, flatterte die Krähe auf meinen Oberschenkel. Sie sprach mit mir, aber leise flüsternd.
„Weißt du schon, dass der Hof abgerissen wird? Bald schon. Sie wird sterben. Noch ehe der Mond das nächste Mal voll ist, fliegt sie hinaus in die andere Welt. Dann gehört das alles dem Staat, weil es keine Erben gibt und die reißen das ab. Wenn du es retten willst, musst du dich kümmern und es kaufen.“ Es traf mich wie ein Schlag. Selbst wenn die Krähe das jetzt zusammengesponnen hatte, war eines Realität: Lina hatte in der Tat keine Erben. Irgendwann würde sie diese Welt verlassen und hier wäre Ende.
„Goldfederchen, ich kann das nicht kaufen. Das ist unbezahlbar! So sehr ich es auch bedauern werde, wenn es soweit ist, ich habe keine Möglichkeit. Klar, ich habe eine feste Arbeit und könnte einen Kredit aufnehmen. Aber das hier kostet schon unfassbar viel Geld zu kaufen und dann ist es noch nicht renoviert. Man könnte schon etwas damit anfangen. Mit dem nötigen Kleingeld hätte ich da Pläne genug. Aber das sind alles dumme Träumereien.“
Wieder flüsterte der Vogel. Anscheinend wollte sie nicht, dass Paul es hören konnte. Doch der war sowieso im Halbschlaf.
„Merk dir die Zahlen, die ich dir jetzt sage.“
„Stopp, ich kann mir nichts merken, ich muss das aufschreiben.“ Der Vogel legte den Kopf schief und musterte mich. Da ich keinen Stift dabei hatte, hob ich ein Hölzchen auf und drückte die Zahlen in die Seite meines Krimis.
„Sieben, zwölf, achtzehn, neunundzwanzig, sechsunddreißig, siebenunddreißig, vierzig und fünf. Mach was Vernünftiges damit. Ohne dich werden wir hier alle unser Zuhause verlieren.“ Mit dem ihr eigenen Lachen schwang sie sich hinauf in den Apfelbaum. Dort putzte sie sich, dann flog sie davon. Das waren Zahlen, die sich gut als Lottozahlen eignen würden. Es war Freitag, also müsste ich das heute noch erledigen.
Da ich schon seit vielen Jahren regelmäßig spielte, konnte ich das auch online machen. Im Smartphone suchte ich die Seite, tippte die Zahlen ein und schickte es ab. Dann vergaß ich es auch wieder.
Die Sonne stand bereits recht tief. Als ich von meinem Buch aufsah, merkte ich, dass Paul mich beobachtete.
„Na, ausgeschlafen?“
„Ich habe nicht geschlafen. Wollte dich aber nicht stören. Wenn du mich schon mitnimmst, sollst du wenigstens deine Ruhe hier haben. Es war trotzdem ein wirklich herrlicher Nachmittag. Ich würde mich gerne revanchieren. Gehst du mit mir Essen?“ Ganz selbstverständlich war er zum du übergegangen.
„Ich habe nichts Besseres vor. Zuhause habe ich zwei Zimmer. Da gibt es außer Fernsehen nicht viel. Also ja, gerne!“ Der Mann stand auf und wie ein Blitz huschte der Kater davon. Paul streckte und dehnte sich.
„Bin ganz steif vom Sitzen! Sag mal, hast du dich da vorhin mit der Krähe unterhalten? Die ist total zahm. Hat wohl jemand mit der Hand aufgezogen. Ich finde Raben toll.“ Ich antwortete nicht. Stattdessen packte ich meine Sachen ins Auto und setzte mich ans Steuer.
***
Der Abend war schön. Paul entpuppte sich als witzig und charmant, er gab Geschichten zum Besten, ohne dabei übertrieben zu wirken. Er war natürlich und herzlich. Als ich ihn zuhause ablieferte, stieg er fröhlich aus dem Auto.
„Gute Nacht Nadine. Träum was Schönes.“ Ich sah ihm nach, wie er im Haus verschwand, dann fädelte ich mich wieder in den fließenden Verkehr ein. Als ich später im Bett lag, fielen mir die Worte des Vogels wieder ein.
„Jetzt spinnst du komplett. Als wenn so ein Vogel wüsste, wann jemand stirbt und was dann aus dem Haus wird.“ Aber auch wenn ich es mir immer wieder einredete, blieb ein sehr schaler Geschmack übrig. Alleine dem Unglauben und der Lächerlichkeit meiner Gedanken, hatte ich es zu verdanken, dass ich die Lottozahlen nicht verglich. Sonst konnte ich es gar nicht abwarten, bis sie veröffentlich waren. Aber an diesem Wochenende ignorierte ich es.
Am Montag fuhr ich wie gewöhnlich ins Büro. Auf meinem Schreibtisch hatte sich etliches angesammelt und ich setzte mich seufzend auf den Drehstuhl. Total vertieft, holte mich das Klopfen an die Bürotüre aus dem Tunnel.
„Ja, bitte?“ Paul trat ein.
„Ich bin gerade im Nachbarzimmer gewesen. Dachte, wir könnten vielleicht einen Kaffee zusammen trinken?“
„Wo warst du das ganze Wochenende? Ich dachte du meldest dich nochmal. Aber hast dich ja in Schweigen gehüllt.“
„Nadine, du auch. Ich wollte nicht aufdringlich sein. Aber jetzt musste ich doch mal schauen, ob du Zeit für mich hast.“ Okay, also ein klassisches Missverständnis? Ich warte auf ihn, er wartet auf mich?
„Doch, habe ich. Magst du den Kaffee schon mal machen? Ich muss nur die Mail fertigschreiben und rausschicken. Dann hab‘ ich Luft.“ Mit monotonem Brummen lief der Kaffee in die Tassen. Paul warf sich zwei Süßstofftabletten hinein und schüttete ordentlich Milch dazu. Mein Faible für Hafermilch störte ihn dabei nicht. Im Gegensatz zu einigen Kollegen. Die brachten immer wieder doofe Sprüche.
Dann kamen im Radio die Lottozahlen vom Wochenende. Nach alter Gewohnheit zog ich das Handy heraus und klickte auf die Seite. Alle Zahlen, welche die Dame vorlas, verglich ich mit meinen, die ich am Freitag getippt hatte.
Ich stellte meine Tasse so heftig auf den Schreibtisch, dass der Kaffee herausschwappte. Alle Zahlen waren identisch. Auch die Superzahl. Mit hektischen Bewegungen suchte ich im Netz die Quote und konnte meinen Blick nicht mehr vom Display lösen.
„Das kann nicht sein. Da hab‘ ich was falsch gelesen. Siebenkommazwei Millionen. Da ist was schief gelaufen. Ich muss nachher in den Laden.“ Mein Murmeln wurde zu einem schrillen Monolog. Paul sah mich seltsam an und schüttelte den Kopf.
„Hey, was ist denn los? Ist was passiert?“ Ja, konnte man so sagen!
„Ich glaub ich hab‘ im Lotto gewonnen!“
Paul begleitete mich in den Laden. Dort bekam ich die Auskunft, dass alles mit rechten Dingen zugeht und ich wirklich gewonnen hatte. Es war eine unfassbar große Summe.
„Du solltest niemandem davon erzählen. Sonst hast du einen Schwarm an Geiern um dich herum, die wirst du nicht mehr los. Willst du weiterarbeiten?“
„Ich möchte jetzt zuallererst in die Seniorenresidenz zu Lina. Das ist mir das allerwichtigste.“
„Darf ich dich begleiten? Du musst dir keine Sorgen machen, ich will nichts davon abhaben. Ich würde dir nur gerne helfen, wenn ich kann.“ Ich sah ihn eine Weile an und überlegte. Warum eigentlich nicht, er wusste ja eh schon alles.
„Ja, wenn du magst, nehm‘ ich dich gerne mit. Aber ich fahre jetzt, gleich!“ Paul holte seine Sachen aus dem Büro, entschuldigte sich beim Chef und eilte die Treppe hinunter, zwei Stufen auf einmal nehmend. Dann saß er pustend im Auto neben mir und wir fuhren zu Lina.
