Jenjaris - Chris Amschler - E-Book

Jenjaris E-Book

Chris Amschler

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Beschreibung

Jenjaris ist eine eigene Welt. Nur durch einen dünnen Vorhang von unserer getrennt und doch unerreichbar. Wie sehr sie mit unserer Heimat dennoch verbunden ist, wird klar, als eine große Bedrohung in Jenjaris entsteht. Zwei Kinder aus Herrscherhäusern sind verlobt. Wegen familiärer Umstände möchte die Braut ihre Hochzeit um ein paar Wochen verschieben. Die Familie des Bräutigams fühlt sich dadurch beleidigt und es droht ein Krieg. Dieser Krieg würde auch unsere Welt in Mitleidenschaft ziehen und so suchen Druiden und Magier nach Hilfe aus der anderen Wirklichkeit. Ein Menschenpaar stolpert in den Konflikt, als sie Irland besuchen. Wird es mit Hilfe der Menschen, der Drachen und vieler mystischer Helfer gelingen, den furchtbaren Weltenbrand noch zu verhindern?

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Chris Amschler

Jenjaris

Die Gefährten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

JENJARIS

1. Die Ankunft

2. Der Graf

3. Caithlin

4. Menschenwelt

5. Aufbruch

6. Drachenfeuer

7. Myrddin

8. Das Thing

9. Dublin

10. Jaron und Coira

11. Die Reisenden

12. Brianna

13. Blutrache

14. Verzweiflung

15. Fiona und Patrick

16. Die Drachen

17. Eanraig

18. Sebastian

19. Drachenring

20. Aurin

21. Kenneth

22. Rhena

23. Die Suche

24. Die Vereinigung

25. Fal

26. Auf zum Weltentor!

27. Nach Hause

28. Abschiede

29. Neubeginn

30. Angekommen

Bisher von Chris Amschler erschienen:

Impressum neobooks

JENJARIS

Jenjaris

Ein Fantasyroman von Chris Amschler

1. Die Ankunft

Der Himmel färbte sich langsam rot. Wie aus dem Nichts stand der alte Mann am Ufer. Neben ihm saß ein großer, grauer Wolf und an der Hand hielt er einen zierlichen Schimmel. Sein Haar war lang, reichte weit über die Schulter und war eben so weiß wie das Pferd. Stumm blickte er über den See. Gewiss eine halbe Stunde stand er beinahe unbeweglich im Sand. Die Sonne stieg höher, wandelte sich zur alltäglichen, gleißend hellen Kugel. Erst als sie ganz aufgegangen war, bewegte sich der Alte. Sein Wolf stand auf, ging ein paar Schritte und streckte sich. Dann sah er den Mann erwartungsvoll an. Auch das Pferd wurde unruhig und trippelte neben dem Mann her. Doch dieser schien noch auf etwas zu warten. Immer wieder blickte er in Richtung Wald, wozu er sich umdrehen musste.

Ein junges Mädchen kam in vollem Galopp aus dem Wald gestürmt. Erst knapp vor dem Ufer zügelte sie ihr Pferd, wobei Fontänen von hellem Sand aufspritzten. Der Kontrast zwischen der Reiterin und dem Tier hätte größer nicht sein können. Es war ein riesengroßer, dunkelbrauner Hengst, massig und muskulös. Bei jeder Bewegung konnte man das Muskelspiel unter dem glänzenden Fell sehen. Sein Schritt war kraftvoll und raumgreifend. Nervös warf er den Kopf hin und her und peitschte mit dem Schweif.Es gab weder Sattel noch Trense. Völlig frei saß das Mädchen auf seinem Rücken. Sie selbst war klein, sehr zart gebaut, mit schmalem Gesicht. Langes, schwarzes Haar fiel glänzend bis zur Hüfte. Ihre Augen waren von einem unglaublichen Blau. „Myrddin, es tut mir leid, dass ich mich verspätet habe. Aber der ganze Wald wimmelt von Soldaten. Ich musste große Umwege gehen, damit ich nicht entdeckt wurde.“Während sie sprach, sprang sie vom Pferd und machte zwei schnelle Schritte, ehe sie den Mann erreichte. „Ich grüße dich, Coira.“ Sie umarmten sich.

Ein leichter Wind war aufgekommen. Der bisher völlig glatte Spiegel des Sees begann sich zu kräuseln. Myrddin stieg auf seinen Schimmel. Der Wolf sah das Signal zum Aufbruch, sprang um ihn herum und tobte dann ein Stück am Ufer entlang. Auch das Mädchen stieg auf den riesigen Braunen und holte den Alten ein. Nebeneinander ritten sie im Sonnenschein dem Wolf hinterher.

„Kennt Juna den Weg?“, fragte Coira. Myrddin drehte sich nicht um, als er antwortete: „Ja, sie weiß es.“Die Bäume waren sehr alt und sehr groß. Sie hatten ausreichend Abstand voneinander, dass sie sich entwickeln konnten und die Äste ragten ausladend über den Weg.Das Blätterdach spendete genügend Schatten, sodass es eine angenehme Reise war. Gegen Mittag hielt der alte Mann an und deutete auf einen großen, knorrigen Baum. „Wir machen Rast. Die Tiere brauchen Wasser und etwas zu fressen und auch ich habe Hunger.“Sie saßen im Schatten, während die Pferde grasten. „Wie lange werden wir noch brauchen?“ Die Stimme des Mädchens war leise. Myrddin sah auf: „Wir werden es heute nicht schaffen. Morgen etwa in der Mittagszeit sollten wir die Festung erreichen.“ Damit beendete der Mann die Rast und packte sein restliches Brot wieder in das grüne Tuch. Als er es verstaut hatte, ritten die beiden weiter. Erst als es zu dämmern begann, hielt Myrddin auf einem Hügel. „Schau, dort unten ist eine kleine Höhle. Wir werden dort übernachten. Lass uns die Pferde hinbringen und etwas Holz für ein Feuer sammeln.“ Müde stieg er von seinem Schimmel, selbst der Wolf Juna hatte seinen Übermut verloren und warf sich seufzend vor den Höhleneingang. Die beiden Menschen sammelten Brennholz, das sie auf einen Haufen vor die Höhle warfen. Kurz darauf flackerte ein helles Feuer.

Der nächste Morgen empfing sie mit Nebel und Kälte. Fröstelnd unter dem Umhang, sattelte Myrddin sein Pferd. Coira stieß einen grellen Pfiff aus, woraufhin ihr Hengst angaloppiert kam. Sie hatte sich ebenfalls in einen Umhang gewickelt und sprang auf das Pferd. So ritten sie schweigend nebeneinander her. Plötzlich blieb Juna stehen, stellte alle Rückenhaare auf und knurrte bedrohlich. Geistesgegenwärtig lenkten die Reiter ihre Pferde zwischen die Bäume und erstarrten. Auch Juna lag bewegungslos im hohen Farn. Auf dem Weg kam eine Horde Reiter angeprescht. Zehn, zwölf gepanzerte Reiter stoben an ihnen vorbei. Die Reisegefährten warteten noch eine Weile, lenkten ihre Tiere dann wieder auf den Weg und ritten jetzt sehr vorsichtig weiter. Juna war auf das Höchste gespannt. Dann wichen die Bäume zurück und auch der Nebel lichtete sich etwas. Coira blieb stehen und schaute in das Tal, welches sich vor ihnen auftat. Sanfte Hügel umspannten einen schroff wirkenden Felsen, auf dem eine Burg stand. Das Gras war saftig und überall weideten Schafe, Ziegen und Pferde.

Myrddin nahm ein Horn, das am Sattel baumelte und stieß mehrere laute Töne aus. Sie schallten vom Felsen wider und es hörte sich an, als würde ihnen jemand antworten. Der Alte schien auf etwas zuwarten. Minutenlang saß er still im Sattel, dann hörte er einen hellen, langgezogenen Ton. Nun ließ er das Pferd antraben und in weniger als einer Viertelstunde erreichten sie den Felsanstieg.

Aurin war auf das Hochplateau gebaut worden. Fast zweihundert Meter über dem Talboden erhob sich der schroffe Fels, auf dem sich die Festung festzukrallen schien. „Wie kommen wir dort hinauf, Myrddin? Ich sehe kein Tor, keinen Zugang?“ Der alte Mann schwieg und Coira wusste, dass es keinen Sinn hatte, zu drängen. Also versuchte sie geduldig zu warten, wenn sie auch nicht wusste worauf.Dann hörte man ein Schaben und Knarren. Mitten im Fels öffnete sich eine Tür und ein seltsam gekleideter Mann stand im Halbdunkel.

„Seid uns willkommen, Magier Myrddin. Wer ist eure Begleitung?“ Der Angesprochene verneigte sich kurz: „Das ist Coira, meine Schülerin. Sie bringt Botschaft von ihrem Volk am Meer. Für unseren Kampf werden wir jede Hilfe benötigen.“Nun wurden sie hereingebeten und hinter ihnen schloss sich sofort das Felsentor. Im Innern des Berges war es dämmrig und es roch nach Moder. Die Pferde schnaubten laut, ihnen war das nicht geheuer. Aber trotzdem ließen sie sich willig weiterführen. Es ging durch schmale, steil ansteigende Gänge, notdürftig beleuchtet mit Fackeln. Der dicke, schwarze Ruß an der Decke und den Wänden zeugte von den vielen Jahren, da diese Fackeln schon brannten. Niemand wusste so genau, wann die Feste Aurin gebaut wurde. Sie war einfach schon immer da und kein Krieg konnte sie bislang vernichten. Endlich waren sie am Ende des Ganges angekommen und das Tageslicht empfing sie. Coira zwickte die Augen zusammen, als sie aus dem Gang auf den Hof der Festung trat. Erstaunt sah sie sich um. Das hatte sie nicht erwartet. Blühende Gärten, Bäume voller Obst und ein kleiner Weiher, lagen idyllisch vor ihr. Vögel sangen und zwei Mädchen mit gelben Kleidern spielten mit einer Puppe. Dieser Friede passte nicht, denn es herrschten Unruhen und Krieg. Um diesen zu beenden, trafen sich nun die Herrscher und Magier.

Begonnen hatte alles mit einer Kleinigkeit. Wie so oft. Rhena war die Tochter Fals, dem Herrscher des Landes Ceallach. Sie hatte sich mit Kenneth, dem Sohn des Herrschers Eghan. Das Land Eanraig bereitete alles für den Empfang der Braut vor, da sandte sie einen Boten, der mitteilte, dass sie nicht kommen würde. Rhena wollte bei ihrer Mutter bleiben, die schwer erkrankt war. Erst wenn sie wieder wohlauf wäre, würde sie anreisen und ihrem Verlobten in sein Heimatland folgen.Kenneth hatte großes Verständnis für den Wunsch seiner Braut, doch die Berater seines Vaters verlangten die sofortige Hochzeit. So kam, was kommen musste. Rhena verweigerte es und Eanraig fühlte sich vorgeführt. Unter dem Einfluss der Berater löste Eghan die Verlobung, was wiederum Rhenas Vater zur Weißglut trieb.Seit ein paar Wochen rüsteten sich die Kämpfer beider Länder für den Krieg.

*Rhena und Kenneth wollten keinen Krieg. Sie wollten auch die Verlobung nicht lösen, hatten aber nicht die Macht das zu beenden. Der einzige Weg, eine blutige Auseinandersetzung zu verhindern, wäre die Erneuerung des Bündnisses, eine erneute Verlobung. Doch dazu müsste Kenneth seiner Zukünftigen den Ring anstecken. Die Väter verhinderten ein Treffen der beiden jungen Leute.

Kenneths Taube flog schnell wie der Wind. Erschöpft landete sie auf dem Fenstersims von Rhenas Gemach. Die junge Frau puhlte den kleinen Zettel vom Ring, dann trug sie den Vogel in den Taubenschlag, wo er sich durstig auf das Wasser stürzte. Als sie aus dem Schlag kam, stand ihr Vater vor ihr. „Was tust du hier? Hast du eine Nachricht bekommen? Von wem, zeige sie mir!“ Rhena war ein schlankes, großgewachsenes Mädchen. Sie war neunzehn Jahre alt. Ihr langes Haar fiel in weichen Wellen über die Schulter, golden schimmerte das Blond. „Neun Vater, es ist leider keine Nachricht gekommen. Ich habe gerade nach den Tauben gesehen, es ist keine Neue dabei. Wartest du auf etwas Bestimmtes? Ich sage es dir, wenn ich etwas finde.“ Der grobschlächtige Mann mit dem dichten, ungepflegten Bart sah sie forschend an. Doch er konnte nichts Auffälliges entdecken. Also schenkte er ihren Worten Glauben und antwortete: „Ich warte auf keine Nachricht. Aber in diesen Zeiten ist vieles nicht vorhersehbar.“„Vater, könnt ihr diesen Krieg nicht stoppen? Es wird so viel Blut fließen, Menschen werden sterben, ihr Zuhause verlieren, ihre Liebsten beerdigen, so wie überhaupt noch etwas von ihnen finden und nicht die Totenvögel über sie hergefallen sind. Es ist so unsinnig. Kenneth und ich lieben uns, wir wollen uns zusammentun. Warum versteht das niemand? Ich wollte doch nur noch ein paar Wochen bei Mutter bleiben, bis sie wieder auf den Beinen ist. Kenneth hat das verstanden, warum müssen nun die Väter sich bekämpfen?“Er sah sie lange an, dann antwortete er: „Rhena, es ist eine Sache der Ehre. Eghan hat uns den Fehdehandschuh hingeworfen. Ich kann ihn nicht liegenlassen, ohne dass wir hier alles verlieren. Wenn ich unser Land nicht verteidige, holt sich Eghan alles. Auch ich möchte lieber Frieden. Aber ich kann nicht, verstehst du?“Rhena schüttelte vehement den Kopf: „Nein Vater, ich verstehe das nicht. Lass mich doch einfach zu Kenneth reisen und die Verlobung erneuern. Dann ist doch wieder alles beim Alten!“ Fal stand wie ein Fels vor seiner Tochter. „Du kämst nicht lebend dort an, mein Kind. Eghan und seine Berater haben nun endlich einen Grund gefunden, in den Krieg gegen uns zu ziehen. Sie wollten unser Land schon seit langem. Das werden sie sich nun nicht zunichtemachen lassen. Ich kann dich nicht ziehen lassen, es tut mir leid.“Als er sah, wie es in Rhenas Kopf arbeitete, sagte er: „Rhena denke nicht darüber nach, einfach auf eigene Faust loszuziehen. Du würdest nicht bei deinem Liebsten ankommen. Die Späher sind inzwischen bis in unsere Wälder vorgedrungen. Sie sehen alles, was bei uns geschieht. Du kämst keinen Tagesritt weit, dann hätten sie dich abgefangen. Ich möchte mir nicht ausmalen, was sie mit dir tun.“

Rhena wandte sich ab und ging stumm in die Halle der Burg. *Kenneth war ein großer, sehniger Mann von einundzwanzig Jahren. Er hatte strubbeliges, schwarzes Haar, welches er mit einem Band im Nacken zusammengebunden hatte. Doch auch so ließ es sich kaum bändigen.Unruhig lief er in seinem Zimmer hin und her. Immer wieder ging er zur Türe, die nach wie vor verschlossen war. Dann blickte er zum Fenster hinaus, auf die steile Mauer. Es fiel etwa dreißig Meter ab, bis in den Graben. Das grünliche Wasser stank modrig. Es müsste dringend einmal regnen, dann würde der Bach den Graben neu speisen und der Geruch wäre wieder erträglicher. Mit einem lauten Kreischen öffnete sich der schwere Riegel an der Türe und eine kleine, zierliche Frau trat ein. Sie trug ein Tablett, mit Brot, Käse, einem Krug und einem Becher. „Guten Morgen mein Schatz. Setz dich zu mir, lass uns zusammen Frühstücken. Dein Vater ist im Stall, sie kontrollieren gerade das Sattelzeug.“ Ihre dunklen Augen waren warm und freundlich. Kenneth setzte sich auf den Stuhl, konnte sich aber kaum beherrschen. Jetzt war die Türe endlich offen, er könnte gehen. Doch er wusste ganz genau, dass er damit das Urteil über seine Mutter fällen würde. Doch, sein Vater liebte sie. Aber er stand inzwischen völlig unter dem Einfluss seiner Berater und hatte kaum noch eine eigene Meinung. Seine einstige Macht war dahingeflossen und er war nur noch eine Marionette. Schon sehr lange wollten die Berater das Land Ceallach und nun war das in greifbare Nähe gerückt. Das würden sie sich nicht zerstören lassen. Also blieb der junge Mann sitzen und aß mit seiner Mutter. Er brach sich ein großes Stück vom Brot an und nahm dazu etwas von dem gelben Käse. Im Krug war verdünnter Wein, von dem er sich einen großen Schluck gönnte. „Mutter, wie können wir das Schlachten noch verhindern? Wenn der Krieg nun wirklich ausbricht, gibt es keinen Weg mehr zu Rhena. Was sollen wir denn nun tun?“ In den Augen seiner Mutter standen Tränen. „Du weißt, dass wir nichts, aber auch gar nichts tun können. Die Männer wollen den Krieg und sie werden ihn führen.“Nach dem Frühstück legte die Frau alle Reste auf das Tablett. Den Wein ließ sie stehen. Dann gab sie ihrem Sohn einen Kuss auf die Stirn und verließ den Raum. Als Kenneth das laute Schließen des Riegels vernahm, schlug er mit der Faust auf den Tisch. *Coira stand an der Brüstung und sah auf das Land, welches sich weit unter ihnen ausbreitete. Saftige Wiesen, große Wälder und zwischendrin lagen überall kleine Dörfer und Weiler verstreut. Es war ein gutes Land, das seine Menschen ernährte. In jedem der Ansiedlungen brannten nun die Schmiedefeuer. Es wurde aufgerüstet. Hier, wie auch in den anderen Ländern, welche an Ceallach und Eanraig grenzten. Angst zog wie ein dunkler Schatten über die Welt. Der alte Magier war hinter sie getreten: „Es ist ein schöner Anblick. Ich genieße ihn jedes Mal, wenn ich hier bin. Doch heute liegt ein roter Schleier über allem. Ich spüre die Angst und den Schmerz, der sich dort unten ausbreitet.“

Ein Junge kam herangeeilt und verneigte sich tief vor Myrddin. „Magier Myrddin, es sind weitere Gäste angekommen. Sie wünschen euch zu sprechen. Bitte folgt mir doch in die Halle.“ Der alte Mann bedankte sich und ging hinter dem Knaben her in die große Halle. Auch Coira betrat den rauchgeschwängerten Raum, den größten der Festung. An einer Wand standen neun Männer und Frauen. Eine Krähe saß auf der Schulter eines recht jungen Mannes und krächzte vor sich hin. Juna, Myrddins Wolf, blickte den Vogel hungrig an. Der Magier sagte leise ein paar Worte und Juna setzte sich neben seinen Herrn. „Nun sind wir alle beieinander. Um keine Zeit zu verlieren, sollten wir uns gleich zu einer ersten Beratung zusammensetzen. Die Ereignisse lassen uns keine Pause. Unser Gastgeber hat uns die Halle überlassen, bitte nehmt Platz und lasst uns beginnen.“Es gab einen Moment der Unruhe, als sich jeder einen Stuhl zurechtrückte und sich niederließ. Dann war vollständiges Schweigen. Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können.Zuerst meldete sich eine ältere Frau zu Wort. Die hatte graue Haare und war mit einem ebenso grauen Gewand gekleidet. Ihre grauen Augen vervollständigten ihr Bild auf geradezu abstrakte Weise. „Mein Name ist Druidin Elina. Ich komme aus dem Land am Meer, so wie auch Coira. Wir haben unterwegs viele Soldaten und wilde Truppen gesehen. Es ist gefährlich, durch die Länder zu reisen.“Ein Mann, etwa vierzig, sprach als nächster: „Auch bei uns wird mobil gemacht. Die Herren rüsten ihre Kämpfer und die Schmieden arbeiten Tag und Nacht. Angst hat sich über unsere Welt gelegt!“

So, oder ähnlich waren auch die Berichte aller anderen in der Runde. Es schien sich ein Weltenbrand zu entwickeln, der über alle Länder dahinfegen würde.

Wieder ergriff Myrddin das Wort: „Lasst uns überlegen, wie wir das Schreckliche noch verhindern können. Kenneth und Rhena wollen den Krieg beenden, doch sie sind Gefangene ihrer eigenen Familien. Fal lässt Rhena nicht ziehen, weil er weiß, dass man sie fangen und wahrscheinlich auch töten wird. Eghan kann Kenneth nicht gehen lassen, weil seine Berater es ihm verbieten. Wenn er sich gegen sie stellt, werden sie mit ihm das Gleiche tun. Er ist nur noch Befehlsempfänger und versucht zu überleben. Von den Kontrahenten ist also keine Hilfe zu erwarten. Unsere Mission wird es sein, die Liebenden zu vereinen und damit den Hass beenden.“Coira stand auf: „Nun, das hört sich erst einmal sehr einfach an. Doch wir wissen alle, wie unmöglich es eigentlich ist. Beide Herrscher haben starke Magier bei sich, die ihnen dienen. Es sind Männer, die in vielen Auseinandersetzungen erprobt waren. Fal hat die Drachen, Eghan die Kriegshunde. Es wird ein unendliches Gemetzel werden, wenn wir versagen.“ Ein Raunen zog sich durch die Reihe. Coira setzte sich wieder und übergab das Wort an einen Rothaarigen. Er machte den Anschein eines Wilden. Mit zotteligem Fellumhang und dicken Lederbeinlingen, wirkte er hier beinahe etwas fehlplatziert. Doch als er zu sprechen begann, klang seine warme und wohltönende Stimme durch den Saal. „Wir dürfen nicht versagen. Sonst wird es kein Zurück mehr geben. Gewalt wird immer neue Gewalt hervorrufen. Welche Möglichkeiten haben wir, nach Eanraig oder Ceallach zu gelangen?“Wieder gab es Gemurmel, das erst endete, als eine Frau aufstand. „Ich denke, wir sollten nun etwas essen und in dieser Zeit kann sich jeder seine Gedanken dazu machen. Wir wissen nun alle, worum es geht. Wir wissen außerdem, welche Schwierigkeiten es uns bereiten wird. Denkt nach, wir müssen siegen!“

Nach diesen Worten trugen Bedienstete Speisen und Getränke heran. Schnell füllte sich die Tafel. Nun schwiegen alle, niemand sprach mehr. Doch man konnte sehen, wie schwer die Gedanken waren, die sie wälzten. An der Tür zur Halle lagen zwei riesige Hunde mit kurzem Fell. Ihre Augen blickten begehrlich in den Raum. Doch Junas Anwesenheit ließ es nicht zu, dass sie näher kamen.

Dann trat der Junge wieder neben Myrddin, der ihr vorhin schon über die Anreise der Magier und Druiden informiert hatte. Er beugte sich zum Ohr des alten Mannes und flüsterte etwas. Myrddin sprang so heftig auf, dass der Stuhl umkippte, auf dem er gesessen war.

2. Der Graf

Ich bin der Graf. Mein Leben währt nun schon seit mehr als vierhundert Jahren. Nein, eigentlich heiße ich Eljin. Ich bin vom Geschlecht der Eisdrachen. Meine Heimat liegt weit oberhalb der Menschenwelt, in den Gefilden des ewigen Eises. Ich besuche die Menschen nur, wenn es hier keine Beute gibt und wir hungern. Dann holen wir uns das Vieh und die Tiere der Wälder.

Meine Gefährtin ist Moira. Auch sie ist ein Eisdrache und seit zweihundert Jahren an meiner Seite. Eisdrachen sind friedliche Gesellen. Wir wollen keine Zerstörung, wir wollen keinen Kampf. Doch werden wir angegriffen, wissen wir uns wohl zu wehren. Die Vernichtung unserer Feinde mit Flammen, kostet sehr viel Energie. Darum setzen wir sie ungern ein. Doch nun wird eine neue Zeit anbrechen, in der wir uns entscheiden müssen. Die Welten der Magier und Druiden bricht in die Welt der Menschen ein. Es wird Krieg geben und wir Drachen sind den Magiern verpflichtet. Seit uns die Menschen vernichten wollten und die Magier uns bewahrt haben, gibt es einen Pakt. Wir Drachen werden zu unserem Wort stehen, auch wenn es heißt, in einen Krieg zu ziehen, der nicht unserer ist.

Moira hat zwei Eier gelegt. Es ist die Zukunft unseres Geschlechts und eine Vorsichtsmaßnahme, falls wir nicht mehr in unsere Wohnstatt zurückkehren werden.Heute Nacht werden die Drachen aller Geschlechter ein großes Thing abhalten. Es werden alle da sein: Die Eisdrachen, die Feuerdrachen, die Erddrachen und auch die aus den Tiefen der Ozeane werden auftauchen und zu uns kommen. Heute Nacht wird sich unsere Zukunft entscheiden. Ziehen wir aus, oder werden wir den Ruf verweigern? Nein, nicht ich, ich werde mein Wort halten, wie ich es immer gehalten habe.

Seht, die Sonne geht unter und von allen Seiten höre ich das Rauschen der Schwingen. Der Himmel ist voller Reisender.

Wir werden uns im Tal treffen, die weite Ebene ist groß genug um die vielen Ankömmlinge aufzunehmen. Komm Moira, lass uns dort auf unsere Brüder und Schwestern warten.

*

Ein Brausen erklang in der Nacht. Es war so unendlich finster und doch konnte man immer mehr der riesigen Leiber ausmachen. Dann wurde es langsam stiller und als die halbe Scheibe des Mondes aufging, beleuchtete er eine unfassbare Szenerie. Viele Hundert Drachen der verschiedenen Geschlechter waren in der Ebene gelandet. Einige schienen zart zu leuchten, andere waren so schwarz, dass sie alles Licht fraßen. Sie sahen mich landen und es wurde völlig still. Alle wandten sich mir zu und warteten, dass ich das Wort ergreifen würde.

Als ich dann sprach, schallte es dröhnend von den Eisbergen wider: „Meine Brüder und Schwestern. Mir wurde die Kunde überbracht, dass es zu einem Krieg in der Menschenwelt kommen wird. Die Magier und Druiden versuchen den Streit zu schlichten. Doch wenn sie versagen, werden wir ein altes Versprechen einlösen müssen. Ihr alle wisst, dass wir den Magiern verpflichtet sind. Heute haben wir uns hier versammelt, weil wir abstimmen wollen, wer an unserer Seite stehen wird und wer für immer in seine Heimat zurückkehren wird. Moira und ich werden dem Ruf folgen, wenn er kommt. Nun entscheidet ihr.“

Erst war es nur ein Raunen. Dann erhob sich ein Dröhnen und Grollen. Über viele Stunden erfüllten die Stimmen der Giganten das Tal. Als der Mond sich verabschiedete und die Sonne ihr erstes, zartes Rot über die Zinnen der Eisberge schickte, kehrte wieder Ruhe ein.

Ein großer, pechschwarzer Drache mit leuchtenden Augen trat einen Schritt vor. Er streckte kurz seine Flügel, klappte sie wieder zusammen und sah Eljin dann an. „Wir Wasserdrachen werden an eurer Seite stehen, wenn uns die Magier rufen. Solange werden wir in unser Reich zurückkehren und warten. Da auch wir Vorsorge treffen wollen, falls uns keine Heimkehr nach den Kämpfen beschieden ist.“

Der Nächste war ein unscheinbar brauner Drache. Er hatte lange Klauen, dicke Schildschuppen und einen stechenden Blick. „Die Erddrachen haben beraten, großer Graf. Auch wir werden nach Hause fliegen, unsere Nachkommen schaffen und warten. Wenn der Ruf kommt, sind wir da.“

Nun wurde es Totenstill. Ein sehr eleganter, schlanker, aber unglaublich großer Drache trat vor. Er hatte eine rötliche Farbe, flackernde Augen und einen langen Hals. „Auch wir Feuerdrachen haben lange beraten. Wir sind uns nicht einig. Etliche von uns werden euch folgen, sollte es nötig werden. Aber es sind auch Clans, die sich nicht mehr an die Verpflichtung halten wollen. So kann ich nur für mich und meine Gefährtin sprechen und wir werden da sein.“

Ich ließ einen röhrenden Schrei durch das Tal erschallen. „Ihr alle seid nur noch auf dieser Erde, weil uns die Magier bewahrt haben. Denkt über eure Ehre nach! Aber geht nun, ich werde Myrddin eure Entscheidung überbringen!“

Enttäuscht hob ich ab und kehrte in meine Höhle zurück. Meine Wut war grenzenlos und so Brüllte ich meinen Zorn heraus.Wie konnten sie es wagen! Erst nach langen Stunden konnte Moira mich wieder beruhigen.

Den folgenden Tag verschliefen wir in der Eishöhle. Als es finster wurde, zogen wir aus über die weiße Landschaft. Moira sah die Rentiere zuerst. Wir drehten drei Runden über ihnen. Sie spürten unsere Nähe, aber sie konnten nicht fliehen. Es hätte keinen Ort auf dieser Erde gegeben, wo sie sich vor uns hätten in Sicherheit bringen können. So fraßen wir uns satt.Beim Rückflug fanden wir noch einen Eisbären, der sich drohend auf die Hinterbeine stellte. Ich schnappte mir ihn, so hochaufgerichtet wie er dastand und trug ihn zwischen den Zähnen davon.

Die Nacht war gut, wir hatten reichlich Beute gemacht und könnten lange davon zehren. Nun würde ich zu Myrddin reisen, er sollte das Ergebnis unseres Things erfahren. *Der Weg war weit. Von den Eisfeldern bis in die grünen Täler der Festung flogen wir drei Nächte. Einmal fanden wir zwei Ochsen. Sie sättigten uns und gaben Energie zum Reisen.In der vierten Nacht landeten wir auf dem Hof der Festung. Myrddin hatte uns erwartete. Er stand regungslos und sah uns an. Wir warteten, dass er uns ansprechen würde und waren ebenso still.

Dann, endlich sprach der Magier: „Nun mein alter Freund? Wie haben die Drachen entschieden? Werden wir auf euch zählen können?“Etwas kitzelte an meinen Bein. Als ich hinsah, erblickte ich den Wolf des Magiers. Juna schnupperte an mir, ich möchte das nicht. Myrddin bemerkte meinen Unmut und rief das Tier zu sich. Widerwillig legte der Graue sich neben den alten Mann. Nun war ich an der Reihe, ihm das Ergebnis unseres großen Things zu berichten. „Magier Myrddin, die Drachen haben beraten. Nur bei den Feuerdrachen gibt es Unstimmigkeiten. Auf all die anderen Geschlechter könnt ihr zählen. Ich habe an ihre Ehre appelliert, doch sie wollen unabhängig sein und sich an keine Verpflichtung mehr gebunden sehen. Dennoch werden es mehr als vierhundert Drachen sein, wenn ihr uns ruft.“

Myrddin nickte und dachte eine Weile nach. „Dann danke ich euch. Wir wollen es gar nicht erst zu einem Krieg kommen lassen und werden im Morgengrauen starten. Wenn es uns gelingt, dass Rhena und Kenneth ihren Bund erneuern, bleibt uns der Friede erhalten. Gute Reise Graf Eljin.“

Ich konnte die Enttäuschung in des Magiers Gesicht wohl lesen. Er hatte sich die ungeteilte Unterstützung aller Geschlechter erhofft und er hätte sie auch verdient. Doch so war es nun. Meine Gefährtin und ich hoben mit lautem Flügelklatschen ab, drehten eine Runde über der Festung und wandten uns dann nach Norden. Nach Hause, in unsere Höhle, zu unseren Eiern. Ehe der Krieg ausbricht, müssen unsere Kinder geboren sein, damit wir ihnen noch die alten Legenden erzählen können. Sie sollen die Welt kennen, in die sie hineinwachsen.Werden wir sie noch aufwachsen sehen? Werden wir sie erleben, wenn sie einst ihre eigene Höhle beziehen, ihre Gefährten finden und sich verbinden? Zu viele Gedanken, zu viel, was nicht vorhersehbar ist.

3. Caithlin

Ihre grauen Haare hingen in langen Strähnen über den Rücken. Caithlin war jetzt schon fast achtzig, aber noch rege und sehr gut zu Fuß. Zwar hatte sie ein Pferd, aber meist ging sie nebenher. Ihr schien es nicht richtig, ein Tier zu unterwerfen und sich von ihm umhertragen zu lassen. Nur wenn es wirklich eilig war, nutzte sie die Schnelligkeit und Ausdauer ihres großen Fuchses. Heute war so ein Tag. Caithlin musste in zwei Tagen an den großen Bergen sein. Der Weg war weit und beschwerlich.Unterwegs traf sie immer wieder auf Menschen. Leibeigene, die sich auf den Feldern der Barone kaputtschufteten, Bergleute, welche schwarz und müde aus den Hügeln ans Tageslicht krochen. Natürlich die Barone und Landesfürsten, die auf ihren feurigen Rössern dahintrabten, oder ihre juwelengeschmückten Frauen in der Kutsche präsentierten.Das hier war die alte Welt, in der es nun begann zu rumoren. Hier zählte noch die Ehre, welche sich seit Urzeiten in den Köpfen verfestigt hatte. Blutehre. Hier wurde mit dem Tode bestraft, was sich nicht ausnahmslos an die Regeln hielt. In dieser Welt verlor man eine Hand, oder gar den Kopf, sollte man dem Baron ein Kaninchen aus dem Wald stehlen. Menschen waren nicht viel Wert und so war es auch selbstverständlich, die Männer gnadenlos in den Krieg zu führen. Familien wurden zerstört, verhungerten, wenn der Vater im Kampf fiel. Keinen der Herren würde das eine schlaflose Nacht bereiten. Zu unwichtig war ein einzelner Mensch, im Geflecht des Ganzen und wenn es um die eigenen Vorstellungen ging verschwendete niemand einen Gedanken an Bauern und Tagelöhner.

Als es Mittag wurde, machte sie Rast. Das Pferd graste und sammelte neue Kraft für die Weiterreise. Auch Caithlin packte ihr Essen aus und ließ sich mit dem Rücken an einem Baum nieder. Ihre Augen wanderten am Waldrand entlang über die bestellten Felder. Es könnte so herrlich sein, das Leben. Warum suchten die Manschen nur immer den Streit und konnten keinen Frieden genießen? Irgendwo in der Nähe hörte sie Wasser plätschern. Caithlin stand auf und blickte sich suchend um. Ihre Wasserflasche war fast leer, ein klares Bächlein käme ihr gerade recht. Da sie nichts fand, ging sie ein paar Schritte in den Wald und stand unmittelbar vor einer Quelle. Ein Reh sprang erschrocken auf und stürmte davon. Die Druidin rief nach ihrem Pferd, denn auch er sollte Gelegenheit haben, sich am klaren Wasser gütlich zu tun. Connor, der Fuchs, kam angetrottet, stellte sich neben seine Herrin und trank in tiefen Zügen. Dann prustete er und schüttelte sich. „Komm, wir müssen weiter. Ich möchte heute noch bis an die Vorberge, das sind noch mindestens vier Stunden.“ Der Fuchs folgte bis zum Waldrand, wo er sich brav den Sattel auflegen ließ. Caithlin kontrollierte noch die Hufeisen und saß dann auf. Sie strich einmal über das glänzende Fell am Hals des Tieres, dann trabte er los.

Nach zwei Stunden sah man in der Ferne die blauen Schatten der Berge. Es waren die Vorboten des Gebirges, noch nicht so schroff. Was würde sie erwarten? Caithlin wurde sehr nachdenklich. Ihr Zirkel bestand aus neunzehn Frauen. Alle hatten schon mehr oder weniger gute Fähigkeiten und Kenntnisse. Doch wären sie auch bereit, diese in den Dienst der Sache zu stellen? Oder würden sie sagen, es wäre nicht ihr Kampf und sie wollten sich heraushalten? Die Druidin war so voller Zweifel und in ihre Überlegungen versunken, dass sie beinahe den Bettler übersehen hätte. Zerlumpt, auf selbstgebastelten Krücken hinkte er am Rand der staubigen Straße entlang. „Ich grüße euch!“ sagte die Druidin. Sie betrachtete den dürren Körper des alten Mannes, der sich erstaunt zu ihr umdrehte. „Wer seid ihr, edle Dame, dass ihr einen Bettler grüßt?“ Caithlin antwortete: „Ein Mensch wie ihr.“ Sie stoppte Connor und zog das Bündel mit dem Brot und den Trockenfrüchten aus der Satteltasche. Mit einem Lächeln reichte sie es dem Mann und meinte: „Ihr seht aus, als hättet ihr heute noch nichts gegessen. Nehmt die Gabe einer alten Frau und lasst es euch schmecken.“ Ehe der Mann etwas antworten konnte, ritt sie in schnellem Trab weiter. Er wäre vielleicht verlegen und sie wollte keinen Dank. Der Fuchs fiel in einen leichten Galopp. Die Frau ließ ihn gewähren.

Langsam dämmerte es. Der Weg war in der letzten Stunde stetig angestiegen und nun erreichten sie ein kleines Plateau. An einem mächtigen Baum hielt sie an und sieg vom Pferd. „Ahhh, eine Wohltat die alten Knochen zu strecken. Ich werde langsam zu alt für solche Reisen. Wenn wir diese Krise beendet haben, werde ich mich zur Ruhe setzen. Keine Wanderungen mehr, keine Kriege und keine Ritte durch die Welt der Menschen. Ich werde in meiner Hütte am Meer bleiben und die jungen Druiden ausbilden. Nach einem langen und anstrengenden Leben habe ich das verdient. Oder was meinst du, Connor?“ Das Pferd schnaubte, als hätte es verstanden, was die alte Frau gesagt hatte. Sanft rieb er seine Stirn am Arm der Frau und ließ sich Sattel und Trense abnehmen. Dann tappte er ein paar Meter davon, warf sich auf den Boden und wälzte sich. Als er aufstand, schüttelte er den Staub aus dem Fell und begann die wenigen Grashalme abzuzupfen. Schließlich legte er sich unter der ausladenden Baumkrone nieder.

Auch die Druidin bereitete sich auf die Nacht vor. Sorgfältig zog sie einen Bannkreis um das Lager und sprach ein paar undeutliche Worte. Erst jetzt war sie zufrieden, legte sich hin und schlief sehr schnell ein.

Als sie erwachte begann die Sonne schon rot aufzugehen. Caithlin nahm ein paar Schlucke aus der Wasserflasche und überlegte, woher sie nun ein Frühstück bekäme. Der Hunger nagte nun schon sehr ausdauernd und sie sattelte den Fuchs. Nach etwa einer halben Stunde, traf sie auf eine kleine Herberge. „Na, das ist doch mal wieder eine Fügung!“ Sie lenkte das Pferd an das Haus, stieg ab und ging in die Schankstube. „Guten Morgen, ist hier jemand?“ Ein dicker Kerl mit fetten Haaren kam aus dem Hinterzimmer. „Wie kann ich der Dame dienlich sein?“ Caithlin erklärte ihm, dass sie gerne etwas essen würde, woraufhin er dienstbeflissen in die Küche verschwand. Nach kurzer Zeit kehrte er mit einem Teller voller Brotfladen und Schinken zurück. Auch einen Krug mit Dünnbier stellte er dazu. Erwartungsvoll blieb er neben der Druidin stehen und sah sie an. Ach, er wollte gleich bezahlt werden! Caithlin legte eine Silbermünze auf den schmuddeligen Tisch und fragte: „Genügt das?“ Der Wirt nickte und verzog sich grinsend hinter den Schanktisch.

Nach dem ungewöhnlich reichhaltigen Morgenmahl ging Caithlins Reise weiter. Der Weg stieg nun kontinuierlich aufwärts. Er wurde sehr steinig und Caithlin stieg aus dem Sattel. Langsam, mit bedächtigen Schritten stapfte sie neben Connor her, immer den Berg hinauf. Da hörte sie das raue Krächzen eines Raben. Keine zwei Meter vor ihnen, saß der große, schwarze Vogel in einer verkrüppelten Kiefer. „Sid, Neagh, was treibt ihr da? Warum seid ihr nicht bei eurer Familie?“ Ein Rabe hob ab, schwebte einen Moment im Wind und landete dann auf Caithlins Schulter. In einem leisen Zwiegespräch wurden nun Informationen ausgetauscht. Caithlin erfuhr, dass sie wieder umdrehen musste. Den ganzen langen Weg zurück, in die Ebenen von Aurin. Alle Clans versammelten sich dort und auch sie würde nun dorthin eilen. Die alte Frau seufzte, dann nahm sie Kontakt zu ihrem Zirkel auf und berichtete ihnen, dass sie abgerufen wurde und nicht zu ihnen kommen würde. Caithlin war nun fast schon an ihrem Ziel und war den ganzen Weg umsonst gegangen.

Vorsichtig stieg Connor den schmalen Pfad bergab. Immer wieder kamen Steine ins Rollen und er stolperte. Endlich hatten sie den breiten Weg erreicht und Caithlin stieg auf Connors Rücken.

Der Fuchs trabte an und wurde schneller. Schließlich fiel er in einen flotten Galopp. Erst die Mittagshitze zwang die Reisenden zur Rast. An einem Eichenhain fanden sie Schatten und einen kleinen Bach. Das Pferd trank und begann dann nach Fressbarem zu suchen. Die Druidin lehnte sich müde und zerschlagen an den Stamm einer der Eichen und schloss die Augen. Morgen in den Abendstunden wäre ich beim Zirkel gewesen, dachte sie. Nun muss ich auf eine Reise gehen, deren Ende nicht absehbar ist. Werde ich überhaupt noch einmal die Frauen, oder meine Heimat sehen?Über diese Gedanken döste sie ein. Erst die Stimme eines Mannes holte sie in die Realität zurück. *„Druidin Caithlin, ich bin überrascht, dass du noch hier bist. Wolltest du nicht auf dem schnellsten Wege zu deinem Zirkel und dann ans Meer, in deine Heimat zurückkehren? Hattest du es nicht eilig und nun träumst du hier in der Sonne? “ Die alte Frau öffnete die Augen und sah Jaron vor sich stehen. Jaron war der Sohn ihres Bruders. Ein umtriebiger junger Mann, der in den Tag hineinzuleben pflegte. Breitbeinig stand er vor ihr und grinse auf sie herab. „Jaron du hast Recht, das wollte ich. Aber wie so oft, musste ich meine Pläne ändern. Warum begleitest du mich nicht? Es würde dir sicher guttun, einmal etwas Ernsthaftes zu lernen, statt nur den Röcken hinterherzulaufen.“Jaron lachte laut: „Ach Tantchen, du bist doch noch immer die alte Weltverbesserin. Weißt du, ernsthaft ist so langweilig. Ich will jeden Tag genießen und dazu gehören nun mal Röcke und vor allem das was drinsteckt.“Noch immer lachend streckte er Caithlin die Hand hin um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein. Sie nahm das dankbar an und meinte bedauernd: „Schade, ich wüsste einen jungen, starken Begleiter schon zu schätzen. Nun denn, richte deinem Vater einen Gruß aus und lebe wohl. Ich muss mich schicken, mein Weg ist noch weit“ Sie bepackte Connor wieder und stieg auf. Dem jungen Mann winkte sie ein letztes Mal zu, dann ritten sie los.

Die Reisenden waren noch keine zwei Stunden unterwegs, da hörten sie ein schnelles Pferd von hinten heranstürmen. Erschrocken lenkte Caithlin den Fuchs an den Wegrand um den eiligen Reiter vorbei zu lassen. Doch der zügelte sein Pferd so scharf, dass er schließlich in einer Staubwolke verschwand. Hustend wartete die Druidin darauf, dass der Staub sich lichtete. Dann erblickte sie Jaron, der breit grinsend auf einem großen Rappen saß. „Ich hab es mir überlegt. Vielleicht springt ja ein Abenteuer dabei heraus, wenn ich dir meinen Geleitschutz anbiete. Ich erinnere mich gut an die Geschichten, welche du uns früher am Abend erzählt hast. Das war so spannend und ich glaube, jetzt wird es bei dir auch wieder spannend. Sonst wärest du nicht umgekehrt. Also hier bin ich!“ Er breitete die Arme aus und lachte sie an.Caithlin meinte: „Jaron, unsere Welt besteht leider nicht nur aus Abenteuer und Spaß. Dort, wo ich nun hingehe, kann es sehr gefährlich werden. Ich weiß nicht, ob ich wieder zurückkehre. Vielleicht gibt es keine Wiederkehr. Die Zeichen stehen auf Sturm. Es wird Krieg geben und keiner weiß, ob wir ihn noch verhindern können. Ein Bruder Leichtfuß vergisst schnell die Vorsicht. Dein Vater würde mir den Kopf abreißen, sollte dir etwas zustoßen. Trotzdem ich dir für dein Angebot danke, es war sehr großzügig von dir und hat mich überrascht! Doch nun kehre zurück zu deinen Leuten und wünsche mir Glück.“Der junge Mann saß völlig unbeteiligt auf seinem Ross und hörte gelangweilt zu. „Druidin Caithlin, ich habe meinen Eltern berichtet, wohin ich will und sie haben es äußerst zufrieden aufgenommen. Ich werde einen Teufel tun und nun wieder umkehren. Außerdem bin ich kein Kind mehr! So, nun sollten wir langsam los, wir vertrödeln hier wertvolle Zeit. Wo genau soll es denn nun hingehen?“Ohne auf ihre Antwort zu warten, gab er seinem Pferd die Sporen. Schulterzuckend trabte Caithlin ihm hinterher. *Die erste Nacht unter den Sternen war eine unbequeme Erfahrung für Jaron. Stöhnend wälze er sich die halbe Nacht herum. Irgendwann sagte Caithlin: „Du hörst dich an, als hättest du ein Weib in deinen Armen. Mir raubt das die Nachtruhe. Es wäre wirklich nett, wenn du etwas leiser träumst!“ Die jammernde Stimme Jarons antwortete: „ Weißt du eigentlich wie unbequem dieses Lager ist? Mir tun jetzt schon alle Knochen weh. Bitte, können wir die restlichen Nächte in eine Herberge? Mein Vater hat mir reichlich Wegegeld mitgegeben.“„Wenn du dann ruhig bist, verspreche ich es dir. Lass mich schlafen, ich bin eine alte Frau.“

Beim ersten Sonnenstrahl rollte die Druidin ihre Decken zusammen und band sie am Sattel fest. Sie nahm einen Schluck aus der Wasserflasche und weckte dann ihren Neffen. „Steh auf du jammerndes Bündel. Wir haben einen weiten Weg vor uns und wenn du ein Frühmahl willst, müssen wir uns beeilen.“ Mit rotgeränderten Augen blickte Jaron seine Tante an. „Ich kann nie wieder aufstehen. Alle meine Knochen sind heute Nacht geborsten. Warum habe ich mich nur darauf eingelassen!“ Caithlin lachte und meinte: „Steh auf. Vielleicht ist es wirklich besser, du reitest zurück. Wenn dir eine Nacht unter dem Sternenhimmel schon das Skelett zerbricht, bist du bei meinem Abenteuer tatsächlich fehl am Platze! Aber hier liegenbleiben kannst du keinesfalls, sonst verschmort dir die Sonne auch noch dein restliches Gehirn.“Jaron krabbelte jammernd aus der Decke: „Du bist ohne Gnade und Mitleid!“Nach einem Frühmahl in der Herberge, welche sie nach etwa einer Stunde erreichten, lenkten sie die Pferde auf die Straße. Jaron stritt ab, jemals ans Umdrehen gedacht zu haben. Pfeifend saß er auf dem Rappen und gab fröhliche Erlebnisse zum Besten.

Als die Sonne höherstieg, wurde auch Jaron ruhiger. Es war eine seltsame Stimmung. Dösig ließen sich die Reisenden von ihren Tieren über die staubige Straße tragen. Um die Mittagsstunde hielt Caithlin ihren Fuchs an und stieg ab. Etwas abseits vom Weg fanden sie ein schattiges Plätzchen für die Rast. Es gab alles, was sie benötigten. Wasser, Schatten und Sichtschutz. So konnten sie eine Mittagspause einlegen und die Pferde sich für die Weiterreise stärken. Kaum abgestiegen, fand sich auch Jarons gute Laune wieder. Er plapperte vor sich hin und fragte bestimmt zum zwanzigsten Male, wie lange sie noch unterwegs sein würden. Die Druidin antwortete nicht mehr. Dann stand sie plötzlich neben ihrem Neffen und hielt ihm die Hand auf den Mund. „Pssst, sei still!“ flüsterte sie. Jaron blickte sie erschrocken an, sagte aber nichts mehr. Dafür gestikulierte er nun herum, weil er nicht wusste, was los sei. Dann hörten sie Hufgetrappel. Es mussten viele Pferde sein und sie mussten Wagen, oder irgendwelche Gefährte mitführen. Jaron schlich vorsichtig durch das Gestrüpp zur Straße. Dort lag er flach am Boden und betrachtete die Menschen. Es waren Hunderte. Sie ritten auf gepanzerten Pferden, liefen zu Fuß, mit Waffen eingedeckt bis zum Kinn. Große, schwere Rösser zogen Belagerungskarren und Versorgungswagen. Als das Heer endlich vorübergezogen war, stand Jaron auf und drehte sich um. Caithlin stand direkt hinter ihm und sah ihn an. „Die machen ernst. Die Kriegsmaschinerie ist angelaufen! Wir müssen uns beeilen, wenn wir das Schlimmste noch verhindern wollen.“ Nun sagte Jaron etwas erstaunlich Vernünftiges: „Wir brauchen Pferde zum Wechseln. Dann sind wir schneller. Ich wusste nicht, dass es so dramatisch ist, sonst hätte ich sie aus unserem Stall mitgebracht! Lass uns aufbrechen Tante.“In der nächsten größeren Ortschaft fanden sie einen Stall, wo sie zwei gute Pferde erwarben. Der Betreiber zeigte ihnen drei braune Rösser, mit den Worten: „Nehmt sie, oder lasst es. Hier gibt es bald kein Pferd mehr zu kaufen. Die Heere ziehen durch und nehmen alles mit. Heute Morgen ist eines durchgezogen, die alles genommen haben, was sie fanden. Zum Glück waren diese drei noch im Wald.“Caithlin entschied sich für eine kräftige, ruhige Stute und Jaron nahm den großen Wallach. Als sie den horrenden Preis dafür bezahlt hatten, deckten sie sich noch mit Essen ein und stiegen dann auf die neuen Pferde. Ihre eigenen konnten sich ohne die Last der Reiter auch unterwegs erholen. Erst als es völlig dunkel war, hielten sie für eine kurze Nacht an. Vier Stunden für die Tiere zum Grasen und für die Knochen zum Ausruhen. Doch sie hatten trotzdem noch fünf Tagesritte vor sich. Jaron sprach nicht mehr davon, in einer Herberge übernachten zu wollen. Jetzt hatte auch er es verstanden, dass sie alleine im Wald größere Chancen hatten, den nächsten Sonnenaufgang zu erleben. Ohne zu murren, legte er sich in eine Decke gewickelt auf die Erde, verzichtete sogar auf ein Feuer und aß als Nachtmahl Brotfladen und Käse. Er, den seine Mutter ohne Ende verwöhnt hatte, die ihm alles hinterhertrug was er nur andeutungsweise wünschte und der, dem nie ein einziges Anliegen abgeschlagen wurde. Der verzogene Bengel war an einem einzigen Tag erwachsen geworden, ohne es selbst zu bemerken. Doch Caithlin merkte es und freute sich unendlich darüber. In der momentanen Lage, war es einfach lästig, sich um einen unvernünftigen, Halbwüchsigen kümmern zu müssen. Auch die alte Frau legte sich nieder. Das Kauen der Pferde beruhigte sie. Auf das feine Gespür der Tiere konnte man sich verlassen. Sie würden rechtzeitig vor jeder Gefahr warnen und Caithlin hatte einen sehr leichten Schlaf. Nichts würde ihr entgehen.Zum Glück blieb die Nacht ruhig und sie hatten am Morgen noch genügend Zeit, ihre Wasservorräte aufzufüllen und in Ruhe zu frühstücken. Danach ritten sie los, wobei sie sich tunlichst abseits der Straßen hielten und die schmalen Wildpfade in den Wäldern nutzten. Jaron erwies sich erstaunlich brauchbar. Nun war die alte Druidin doch froh, dass er so stur geblieben war und sie begleitete. Zu Mittag wechselten sie die Pferde, ließen die Tiere etwas fressen und machten selbst eine kurze Rast. Jaron alberte noch immer herum, doch es war deutlich zu merken, dass sich etwas verändert hatte.

4. Menschenwelt

Fiona stand an der Einfahrt und wartete auf Sebastian. Er wollte doch heute ausnahmsweise mal pünktlich nach Hause kommen! Aber es war schon wieder eine halbe Stunde später. So konnte es einfach nicht weitergehen! Er wusste doch genau, dass ihr Nissan die Grätsche gemacht hatte und sie dringend fort musste. Seit er den neuen Job hatte, konnte man sich auf ihn einfach nicht mehr verlassen.Endlich hörte sie seinen Diesel die Straße herauffahren. Sebastian hielt an und öffnete die Fahrertüre. „Sorry Fiona. Heute war es wirklich nicht so geplant. Aber am Ring war ein großer Unfall und die Polizei hat umgeleitet. Komm, steig ein, ich fahr dich schnell.“Fiona hatte schlechte Laune. Doch sie setzte sich in den Wagen und schnallte sich an. Auf dem Weg in die Stadt berichtete Sebastian von seiner Arbeit und seinen Kollegen. „Immer das Gleiche, du kannst dich auf nichts verlassen. Rolf hätte das Paket für die Kampagne längst fertig haben sollen. Heute war die Vorstellung geplant. Wer nicht da gewesen ist, war natürlich mal wieder Rolf. Jetzt haben wir den Termin nochmal um eine Woche verschoben. Es ist zum aus der Haut fahren!“Fiona blieb still, es interessierte sie einfach nicht. Er lebte doch nur noch in seinem Büro!Sebastian redete immer weiter. Irgendwann bemerkte aber auch er, dass von seiner Frau keine Reaktion kam. „Fiona? Alles okay bei dir? Du sagst ja gar nichts.“ „Was soll ich denn sagen? Du quasselst mir die ganze Zeit von deinem Bürokram die Ohren voll. Bist du überhaupt noch anwesend?“In diesem Moment waren sie am Ziel. Fiona stieg aus, warf die Autotür mit mehr Schwung als nötig zu und stieg die Treppe zum Institut hinauf. Ihr Mann schaute verdutzt hinterher. Das kannte er von Fiona nicht. Sie war immer ruhig, friedlich und nun das? Was hatte er denn Falsches gesagt? Kopfschüttelnd startete er den Wagen und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein. Ihre Arbeit war die Suche und Auswertung historischer Spuren. Als Archäologin hatte sie sich dem frühen Mittelalter verschrieben. Ja, das war ihre Welt, hier kannte sie sich aus und hier wusste sie, wovon sie sprach. Fiona war eine Koryphäe auf ihrem Gebiet, ihr machte so schnell keiner was vor. Da sie einen Gast aus Übersee hatten, gab es heute ausnahmsweise ein Treffen am Nachmittag.Heute nach dem Dienst würde sie am Autohaus vorbeigehen und sich einen guten Gebrauchten anschauen. Sie musste unbedingt wieder mobil sein. Auf ihren Gatten war ja nun mal kein Verlass mehr. Unfall, Umgeleitet, ja klar! Er hatte sich einfach wieder vertrödelt und war zu feige es zuzugeben.Später hörte sie in den Nachrichten, dass bei einem Unfall auf der Ringstraße zwei Schwerverletzte aus den Autos geborgen und in die Klinik gebracht werden mussten. Etwas kleinlaut vor sich selber, leistete sie ihrem Mann stille Abbitte.

Auf ihrem Schreibtisch lag ein Paket. Vorsicht, zerbrechlich stand auf einem roten Klebeband, mit dem es verschlossen war. Fiona nahm ein Cuttermesser und schnitt sehr vorsichtig das Band durch. Als sie den Karton geöffnet hatte, lag ein glänzendes Schwert vor ihr. Es hatte eine bläulich-silberne Farbe und schien neu zu sein. Was sollte das bei ihr? Sie nahm den leeren Karton in die Hand und drehte ihn hin und her. Aber nirgends war ein Hinweis darauf, woher es kam. Also wählte sie am Haustelefon die Nummer ihres Chefs und wartete, bis er sich meldete: „Sollfrank, guten Morgen?“ „Ich bin es, Fiona. Peter, hast du mir das Päckchen auf den Schreibtisch gelegt?“„Welches Päckchen? Entschuldige, ich weiß von nichts.“ Fiona war sehr nachdenklich: „Kannst du mal rüberkommen? Schau dir an was ichbekommen habe. Ich halte es für neu, aber will keine Fehleinschätzung abgeben.“Der Mann am anderen Ende antwortete: „Ich bin gleich da, muss nur noch eine Mail fertigschreiben.“

Nach etwas zehn Minuten klopfte es und ihr Chef kam herein. „So, dann lass mal sehen!“Er nahm das Schwert in die Hand und betrachtete es lange. „Ich hab sowas noch nie gesehen. Stimmt, es sieht aus wie neu, aber ich bin mir wirklich nicht sicher. Wir können den Griff über Radiocarbon datieren, der scheint aus Holz zu sein. Ich nehm es mal mit ins Labor. Magst du mitgehen?“ Das musste er nicht zweimal fragen! „Ja sicher, ich will mir das anschauen.“Fiona schloss das Büro ab und steckte den Schlüssel in die Hosentasche. Peter Sollfrank kratzte vorsichtig etwas Holz vom Griff des Schwertes. Hatte früher eine Messung etwa eine Woche gedauert und umfangreiche Vorbereitungen benötigt um eine Probe zu messen, gab es nun das schnellere „Speed Dating“. Es war zwar nicht ganz so exakt von der Datierung, aber wesentlich schneller. So lag nach etwa einer Stunde bereits das überraschende Ergebnis vor.Peter riss den kleinen Zettel ab, den der Apparat ausgedruckt hatte. Er sah und las. Dann reichte er ihn wortlos an seine Angestellte weiter. Fiona schaute ungläubig auf das Papier. „Zwölftausend Jahre? Nee Peter, da ist was schiefgelaufen. Das müssen wir mit der herkömmlichen Methode noch kontrollieren.“