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Woraus ist das Universum entstanden? Gibt es einen Gott? Was hat die Zellteilung oder auch das Streben nach Glück damit zu tun? Wieso ist es unter allen Lebewesen fast ausschließlich dem weiblichen Geschlecht vorbehalten, neues Leben hervorzubringen? In welcher Beziehung stehen Körper und Geist zueinander? Gibt es so etwas wie Unendlichkeit oder ein Leben nach dem Tod? Mithilfe einer Visualisierung, die er Gedanken-All nennt, erlangt Tim eine Fülle an Erkenntnissen, die sein Weltbild drastisch verändern.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2019
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für meine Kinder
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Was ein Allegonaut ist? Außer dass es sich hierbei um eine Wortschöpfung handelt, die sich aus den Begriffen Allegorist und Kosmonaut zusammensetzt, trifft eines ganz besonders zu: Es ist schwer zu sagen, was damit gemeint ist. Ja und wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll, bekanntlich am besten vorne und der Reihe nach.
Am Anfangspunkt, genau genommen am Verkehrsknotenpunkt Neumarkt, kreuzten sich, wie an jedem Werktag um diese Zeit, die Wege Vieler. Auf seinem Rückweg vom Büro in der Kölner Innenstadt nach Hause, einer gemieteten Doppelhaushälfte im Stadtteil Rodenkirchen, stieg Tim an der unterirdischen Station in die Straßenbahn der Linie 16 und setzte sich auf einen freien Fensterplatz. Ermüdet von der Arbeit und genervt von den Kollegen konnte er es kaum erwarten, diesem vorweihnachtlichen Feierabend-Getümmel zu entkommen und endlich wieder daheim bei seiner Frau Anna zu sein.
Auffallen um jeden Preis gehörte offensichtlich nicht zu seinen Leitsprüchen, auf den ersten flüchtigen Blick kam er eher unscheinbar daher. Dem Bild eines von Kopf bis Fuß gestylten Anzugträgers, wie man sich den Habitus eines kaufmännischen Angestellten vielleicht im ersten Moment vorstellt, entsprach er in keiner Weise. In seiner schlichten, in dezenten Erdfarben gehaltenen Kleidung, dem grauen Rucksack und seiner der Natur überlassenen Haarfrisur hätte er auch gut als Biologiestudent oder Ähnliches durchgehen können. Er war erst Anfang 30, durch die von Sorgenfalten durchzogene Stirn und die schon leicht ergrauten Haare an den Schläfen wirkte er aber schon ein paar Jährchen älter. Wie sein nachdenklicher Gesichtsausdruck, so ließ auch seine Körperhaltung bei genauerer Betrachtung erahnen, dass er nicht ganz unbeschwert durchs Leben ging. Die tiefen Augenringe und seine blasse Haut zeugten zudem von einer Lebensweise der ungesünderen Art.
Bevor die Türen sich wieder schlossen, kamen noch einige Fahrgäste hinzu, so blieb auch der Sitz neben ihm am Gang nicht lange unbesetzt. Obwohl er nur ungerne Bahn fuhr, war Tim ganz froh, nun im Warmen zu sitzen. Der im Fußraum gelegene Heizkörper ließ die Schneematschreste an den Schuhen der Insassen im Nu schmelzen, sodass sich kleine Pfützen Schmutzwasser auf dem Boden bildeten. Aus seinem Rucksack, den er sich vorsorglich zwischen die Knie geklemmt hatte, damit er sich auf dem nassen Boden nicht vollsaugte, kramte er die Tagesausgabe des Kölner Stadt-Anzeigers hervor, die er schon morgens bei einer Tasse Kaffee und nach vielen weiteren in seiner Mittagspause ausgiebig studiert hatte. Es war weniger die Ablenkung, die er sich von ihr versprach, vielmehr diente sie dem Zweck, ihn von seinen Sitznachbarn abzuschotten und Geschäftigkeit vorzutäuschen.
Ein ums andere Mal guckte er nachdenklich aus dem Fenster, vor dem die Lampen hypnotisierend gleichmäßig vorbeizogen, während die Bahn durch den Schacht schnellte. Seine Gedanken kreisten um die beiden Punkte, die sich kontrastreich gegenüberlagen und die Strecke der Linie 16 miteinander verband. Der eine, er stand für sein Berufsleben, erschien ihm dunkelgrau, überwiegend gefüllt mit negativen Attributen, der andere, helle Punkt für sein Privatleben. Hier saß er abermals in ihrem Zwischenraum und wie so oft, vermochte er geistig nicht zu vollbringen, was seinem Körper bereits gelungen war. Den düsteren Punkt konnte er einfach nicht hinter sich lassen. Allzu gerne wollte er nur nach vorne schauen, musste aber immer wieder zurückblicken.
Tim hatte nicht zu denen gehört, die schon von klein auf eine klare Vorstellung von dem hatten, was sie später einmal werden oder in wessen Fußstapfen sie treten wollten, deren Werdegang sich schon früh abzeichnete. Auch war da nichts gewesen, was er überragend gut beherrschte, für das er sich auf Lebenszeit hätte begeistern können. Anstatt hoch-, war er eher breitinteressiert wie breitbegabt und es fiel ihm oftmals schwer, sich einer Sache ungeteilt hinzugeben. Aus seiner Unentschlossenheit heraus hatte er nach bestandenem Abitur und geleistetem Zivildienst zunächst eine kaufmännische Ausbildung, die sich über „Vitamin B" angeboten hatte, mit minimalem Einsatz abgeschlossen. Doch was eigentlich nur als Übergangslösung fungieren sollte, hatte wider Erwarten zu einer festen und nun schon über zehn Jahre andauernden Anstellung geführt. Einerseits war ihm bewusst, dass er für seine Arbeitsstelle dankbar sein konnte und er genoss in der Firma ein hohes Ansehen, zwischenmenschlich wie fachlich, auch wenn er keine leitende Position bekleidete, andererseits hatte er sich mit dieser Tätigkeit und dem Unternehmen nie identifizieren können. In seinem Büro fühlte er sich fehl am Platz, unter seinen Kollegen wie ein Fremdkörper. Alles, was dieser Job mit sich brachte, mit Ausnahme des Lohns, ödete ihn regelrecht an. Dies vor seinen Kollegen und Vorgesetzten jeden Tag aufs Neue zu verbergen, bereitete ihm zunehmend psychische Qualen. Er konnte und wollte sich nicht damit abfinden, Erfüllung ausschließlich in seiner Freizeit zu spüren - sein Leben hatte er sich schlichtweg anders vorgestellt. Was hatte er denn schon groß geleistet heute, gestern oder vorgestern, fragte er sich und dachte an die zahlreichen Arbeitsstunden zurück, in denen er überwiegend vor dem Monitor mit der Datenerfassung in ein Warenwirtschaftssystem beschäftigt war.
Dank seines Multitalents gab es sicherlich diverse alternative Tätigkeiten, die er ohne Weiteres hätte ausüben können, doch die Überzeugung, etwas gefunden zu haben, das wirklich zu ihm passte und wert war, dafür notfalls nochmal von Neuem anzufangen, war bisher ausgeblieben. Es kam ihm so vor, als würde er seine Fähigkeiten vergeuden, und das wurmte ihn ungemein. Die Schlagzeilen wichtiger Ereignisse in der Zeitung, die er beiläufig überflog, die Bilder von Menschen, die im Gegensatz zu ihm Dinge bewegen, sich für etwas Höheres einsetzen, all das führte ihm seine berufliche Bedeutungsarmut nur noch schonungsloser vor Augen. Da war es wieder dieses ungute Gefühl, nur ein passiver Beobachter des Weltgeschehens zu sein und auf seinem Lebensweg eine wichtige Abzweigung verpasst zu haben, wodurch er sich selbstverschuldet scheinbar in eine Sackgasse hineinmanövriert und festgefahren hatte.
Diese tiefe berufliche Unzufriedenheit, die über die Jahre in ihm gewuchert hatte, trug mittlerweile schon einige ungenießbare Früchte. Antriebs-, Lust- und Freudlosigkeit drohten nach und nach sein Privatleben zu vergiften und wirkten sich unweigerlich lähmend auf die Freizeitgestaltung aus. War man früher häufiger ausgegangen, hatte Konzerte besucht und unbeschwert mit Freunden gefeiert, wurden die Feierabende und Wochenenden nun in der Regel daheim verbracht; eine Entwicklung, die seiner Frau ebenfalls Sorgen bereitete. Bis hierhin sah alles danach aus, als würde auch der heutige Tag diesem Abwärtstrend folgen, und nichts deutete darauf hin, dass sich dieser noch zu einem ganz besonderen in seinem Leben entwickeln sollte.
Derweil rauschte die Straßenbahn an die Oberfläche, drosselte die Geschwindigkeit und kam an der Haltestelle Barbarossaplatz zum Stehen. Hatte er das Büro noch in der Dämmerung verlassen, so war das Tageslicht mittlerweile vollends gewichen. Die Straßenlaternen beleuchteten den salzbestreuten Bahnsteig und brachten die noch nicht geschmolzenen Schneekristalle zum Glitzern. Als die Türen sich öffneten, strömte ein Schwall kühler, frischer Luft herein, der sich unter den warmen Mief im Wagon mischte. Hinter dem Schutzschild aus Zeitungspapier, versunken in seine Innenwelt, bemerkte er nicht, wie eine ältere Frau zustieg und sich auf Krücken näherte. Ihr schmächtiger Körper war in einen langen, dunkelblauen Mantel gehüllt, über den sie sich einen prall gefüllten Tragebeutel gehängt hatte. Tims aufmerksamerer Sitznachbar erhob sich prompt, um ihr seinen Platz am Gang zu überlassen, woraufhin sich die Dame freundlich lächelnd bedankte. Sie ließ sich vorsichtig nieder, legte die Gehhilfen zu ihrer Rechten ab und den Beutel auf ihren Schoß. Aus den Augenwinkeln bemerkte Tim, wie sie sich offenbar bestens gelaunt umschaute, als hielte sie nach einem geeigneten Gesprächspartner Ausschau. Kaum eine Minute war vergangen, da hörte er auf einem Ohr mit an, wie die Frau ein junges Mädchen neben ihr auf dem Gang auf das Leuchthalsband ihres Yorkshire Terriers ansprach. Anscheinend hatte sie dergleichen zuvor noch nie gesehen, so köstlich amüsierte sie dieser Anblick. Bei Tim schrillten die Alarmglocken, er dachte sich: Na super, das ist so eine Mitteilungsbedürftige. Die hat mir gerade noch gefehlt.
Eigentlich war er ein guter Zuhörer, sobald er aber auch nur annähernd witterte, dass diese Eigenschaft von Vielrednern mit endlosen Monologen ausgenutzt werden könnte, machte er innerlich dicht. Er hatte in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, diese Sorte Mensch wie ein Magnet förmlich anzuziehen. Er warf einen Blick aus dem Fenster, um zu sehen, wie weit er bis Rodenkirchen noch zu fahren hatte und hoffte, die Frau würde ihn nicht auch noch anquatschen, doch als hätte er es mit seinen Gedanken geradezu heraufbeschworen, vernahm er auch schon ihre Stimme.
„Haben Sie den Hund mit dem leuchtenden Halsband gesehen?", fragte sie ihn.
Tim versuchte eine höfliche Miene zu machen und schaute ihr über seine Zeitung hinweg kurz in die Augen. „Ja...Sachen gibt's...aber gut, so ein kleiner Hund wird ja leicht übersehen", stammelte er und wünschte sich insgeheim, sie würde es dabei belassen. Er hätte ergänzen können, dass zu Hause auch eine junge Hündin auf ihn wartete, für die seine Frau ein ähnliches Halsband besorgt hatte, aber er wollte ebenso wenig reden, wie ihr Interesse wecken. Doch die ältere Dame ließ ihn nicht in Ruhe und behauptete, dass es so viele Fahrradfahrer gäbe, die ganz ohne Licht fahren würden. Ein wenig irritiert von dieser Überleitung stimmte er ihr kurz angebunden zu und schaute schnell wieder in die Zeitung, um ihr damit zu signalisieren, dass er dieses Gespräch nicht weiter fortzusetzen gedachte.
Nur ein paar Sekunden später rutschte die Frau auf ihrem schmalen Platz hin und her, weil ihr das Sitzen Schmerzen bereitete. Vielleicht war es sein Respekt vor dem Alter oder auch nur seine gute Erziehung, nach einem Moment des Zögerns ließ Tim die Zeitung dann doch endlich sinken und erkundigte sich – trotz seiner momentanen Missstimmung – nach ihrem Befinden. Ihre Antwort fiel länger aus, als ihm lieb war und er erfuhr, dass sie unter einer Hüftdysplasie litt, 70 Jahre alt war, nicht rauchte, auf Alkohol verzichtete, kein Fleisch aß und dass sie noch immer freiberuflich arbeitete, unter anderem für einen lokalen Fernsehsender.
Ihr Alter überraschte ihn, ihre Selbstbeherrschung schien sich auszuzahlen. „Hut ab, ich hätte sie vielleicht auf Mitte 50, allerhöchstens 60 geschätzt, aber 70?", sagte er anerkennend und schüttelte dabei ungläubig den Kopf. Ihre Lebensweise hatte mit der seinen kaum etwas gemein. In der Regel war seine Ressource Disziplin mit der Bewältigung des Alltags fast restlos aufgebraucht. Die letzten Jahre hatte er sich gehen, oder besser gesagt „laufen" lassen. Sport, noch bis in seine Jugendzeit ein nicht wegzudenkender Lebensinhalt, war völlig aus seinem Freizeitprogramm gestrichen. Seine körperliche Ertüchtigung beschränkte sich lediglich auf kleine Wanderungen mit Anna und Momo, der bereits erwähnten Hündin. Die Ausgewogenheit seiner Ernährung ließ zu wünschen übrig. Er aß überwiegend Fertiggerichte, da war er nicht wählerisch. Und Raucher war er obendrein. Zwar trank er auch so gut wie keinen Tropfen Alkohol, dem Konsum von Cannabis hingegen war er dafür alles andere als abgeneigt.
Nun war es an ihr, auch sein Alter in Erfahrung zu bringen. „31? Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Verstehen sie mich bitte nicht falsch, aber ich hätte sie älter geschätzt. Sie wirken so gefestigt für jemanden ihrer Altersklasse." Wie die Heizung den Schnee, so ließen ihre Worte sein unterkühltes Auftreten augenblicklich auftauen. Bevor er sich für dieses Kompliment bedanken konnte, das seine anfangs aufgesetzte Freundlichkeit gebannt und ihm ein ehrliches und etwas verlegenes Lächeln ins Gesicht gezaubert hatte, lenkte sie die Unterhaltung erneut auf ihn. „Und was machen sie beruflich, wenn ich mal fragen darf?" In ein paar knappen Sätzen berichtete er ihr von seiner Tätigkeit, woraufhin sie ihn plötzlich mit großen Augen kritisch anschaute und mit einem merkwürdig bestimmenden Unterton sagte: „Nein, das sind sie nicht! Sie sind ein Künstlertyp, vielleicht sogar Schauspieler."
Das Eis war nun endgültig gebrochen und Tim wurde richtig warm ums Herz. Er fühlte sich zutiefst geschmeichelt und war zugleich verdutzt. Nach dieser so kurzen Konversation hatte sie seinen inneren Zwiespalt erkannt und in ihm etwas gesehen, wovon er nur kühn zu träumen wagte. Mit dem Schauspieler lag sie gar nicht mal so falsch. Das kam schon einer schauspielerischen Leistung gleich – wenn auch auf eine beschämende Art und Weise – was er da tagtäglich seinen Kollegen vormachte, doch es war das Wort Künstler, welches ihm besonders wohlklingend ins Ohr ging. Inspiriert durch Anna hatte er jüngst in der Malerei ein willkommenes Hobby gefunden. Zwar konnte er damit die Monotonie seiner Bürotätigkeit nicht vollkommen ausgleichen, aber es war immerhin ein kleines, abwechslungsreiches Gegengewicht. Hier brauchte er sich weder zu verstellen, noch Vorgesetzten zu gehorchen, konnte seiner phantasievollen und kreativen Seite freien Lauf lassen und sich über handfeste Ergebnisse freuen. Schon des Öfteren hatte er sich ein Leben als Künstler ausgemalt, aber Bilder für gutes Geld zu verkaufen, geschweige denn seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, davon war er weit entfernt, waren seine Pinseleien doch allenfalls autodidaktische Gehversuche.
„Jetzt haben Sie mich aber neugierig gemacht, wie kommen sie darauf, dass ich ein Künstler sein könnte?", fragte Tim.
„Ach...mit zunehmendem Alter entwickelt man ein ganz gutes Gespür für die Menschen", antwortete sie, als würde sie ahnen, dass sie einen Volltreffer gelandet hatte. Tim erzählte ihr sodann von seinem neuen Hobby, und schnell stellte sich heraus, Kunst war ihre Leidenschaft. „Welche Stilrichtung bevorzugen Sie denn?", wollte Sie von ihm wissen.
Tim überlegte einen Moment, was er bisher gemalt hatte und worunter man dies einordnen würde. „Das kann ich gar nicht genau sagen, ich befinde mich ja noch ganz am Anfang. Derzeit experimentiere ich mit der menschlichen Silhouette herum. Das finde ich irgendwie spannend, weil sie keine bestimmte Person zeigt. Der Betrachter darf von ihr ein eigenes Bild im Kopf haben, man könnte auch sagen, er füllt sie individuell aus."
Sie wusste, was er meinte und ihr fiel dazu der TV-Werbespot eines Juweliers ein, der vor längerer Zeit ausgestrahlt wurde, in dem eine Frau eine goldene Halskette geschenkt bekam. Die Personen selber wurden aber nur durch Schattenumrisse angedeutet, wodurch das Eigentliche, der Schmuck, viel deutlicher hervortrat. Doch die nur vage Andeutung der Darsteller hatte noch einen weiteren Effekt, der zum Erfolg der Werbung entscheidend beigetragen hatte. Mit etwas Phantasie konnten sich die Zuschauer in die Schatten der Darsteller und die Szene hineinprojizieren und fühlten sich dadurch besonders angesprochen.
„Ja und genau diesen Effekt möchte ich nutzen", sagte Tim. „Das hört sich jetzt vielleicht abgedreht an, ich würde gerne Bilder malen, die den Betrachter in das Thema miteinbeziehen. Gedanklich lande ich da immer wieder beim Thema Glauben, ich kann ihnen aber im Moment nicht sagen, warum mich gerade das so reizt."
„Also ich finde, das alles hört sich nicht abgedreht an, sondern sehr interessant." Wahrscheinlich hatte Tim ihr mit dem Thema ein Stichwort gegeben, denn nun erzählte sie ihm, während die Bahn schon am Rheinufer entlang fuhr, dass sie Jüdin sei und ihr verstorbener Mann, der auch ein Hobbymaler gewesen war, sogar das Konzentrationslager überlebt hatte. Tim dagegen gehörte zwar keiner Konfession an, zählte sich aber schon zu denen, die an eine höhere Macht glauben. Oder versuchte er sich das immer nur einzureden? Er wusste es selbst nicht so genau. Er stammte aus einer sehr frommen Familie mütterlicherseits. Von der väterlichen und zugleich atheistischen Seite hatte er, abgesehen von den Genen, nur sehr wenig mitbekommen, denn seine Eltern hatten sich scheiden lassen, als er gerade mal vier Jahre alt gewesen war. Da seine Mutter Klara in ihrer eigenen Kindheit die negativen, teils traumatischen Auswirkungen einer ultrastrengen, disziplinarischen Erziehung am eigenen Leib buchstäblich zu spüren bekommen hatte, war sie darauf aus gewesen, bei der Erziehung ihrer Kinder zwar einiges anders zu machen, dabei jedoch nicht auf die zentralen christlichen Werte, wie Ehrlichkeit, Nächstenliebe oder Vergebung zu verzichten. Die Entscheidung für oder gegen eine Taufe, sollten Tim und seine ältere Schwester Nele aber später einmal aus eigenen Stücken fällen dürfen.
Am Heinrich-Lübke-Ufer, eine Station früher als Tim, musste die Frau aussteigen und bot ihm an, die anregende Unterhaltung bei einem Kaffee fortzusetzen. Sie schlug dafür die Alte Liebe vor, ein in unmittelbarer Nähe zu der Haltestelle am Ortseingang von Rodenkirchen gelegenes und zum Restaurant umfunktioniertes Hausboot. Es wäre überhaupt kein Problem gewesen, etwas später heimzukommen, aber Tim gab vor, leider keine Zeit zu haben. So sehr er das Gespräch mit ihr auch genossen hatte, er wollte nach Hause. Als er ihr beim Aufstehen helfen wollte, lehnte sie dankend ab und griff nach ihrer Tasche und den Krücken. Er wünschte ihr noch gute Besserung und fügte hinzu: „Vielleicht sieht man sich ja bald mal wieder in der Bahn." Als er diese Worte aussprach, fiel ihm auf, dass sie sich gegenseitig noch gar nicht vorgestellt hatten. „Ach übrigens, ich bin der Tim." Sie lächelte ihn an und erwiderte: „Und ich heiße Renata."
Sein Spruch zum Abschied war keine Floskel, zu diesem Zeitpunkt ging er wirklich fest davon aus, sie würden sich nochmal in der Bahn treffen oder in Rodenkirchen über den Weg laufen. Um es aber vorweg zu nehmen, mit dieser Annahme lag er falsch, was ihn seine Entscheidung gegen den gemeinsamen Kaffee und die damit verpasste Chance, diese interessante Bekanntschaft weiter zu vertiefen, noch bereuen lassen sollte. Aber wer weiß, vielleicht wäre dann auch alles ganz anders gekommen.
Tim blieb mit gemischten Gefühlen in der Bahn zurück. Er freute und wunderte sich über diese unverhofft schöne Begegnung. Besonders die Einschätzung seiner Person von dieser lebenserfahrenen, gebildeten Frau, die Renata zweifelsohne verkörperte, hatte ihm ausgesprochen gut getan. Darüber hinaus verspürte er eine große Motivation, seine künstlerische Seite weiter auszuleben. Doch auch sein Gewissen meldete sich, denn er schämte sich für die Ausrede und sein anfangs verschlossenes und abweisendes Auftreten, welches Renata glücklicherweise nicht abgeschreckt hatte. Selbstkritisch gestand er sich ein, dass er sich von ihrer aufgeschlossenen Art eine dicke Scheibe abschneiden konnte und sollte. Hätte sie nicht so hartnäckig das Gespräch mit ihm gesucht, würde er wahrscheinlich immer noch Trübsal blasen.
Abgelenkt von diesen Gedanken entging ihm beinahe, dass die Straßenbahn die Haltestelle Rodenkirchen erreicht hatte. Er stopfte die Zeitung hastig in seinen Rucksack und stieg aus. Bis nach Hause hatte er es nicht mehr weit. Auf den restlichen Metern Fußweg entlang der Ringstraße zündete er sich eine Zigarette an und ließ das Erlebte noch einmal Revue passieren, seine üble Laune zu Beginn der Fahrt, die Begegnung mit Renata, wie banal das Gespräch angefangen hatte und wie es sich dann...weiter kam er nicht. Sein Gedankengang brach abrupt ab, und er blieb automatisch stehen.
Nur schwerlich lässt sich in Worte fassen, was in den folgenden Sekunden mit ihm geschah. Der Bürgersteig, die Straße, der Verkehr, die Häuser, alles was er soeben noch gesehen, gehört, gerochen oder gespürt hatte, entzog sich von jetzt auf gleich seiner Wahrnehmung. Sein Sinnesvermögen beschränkte sich nunmehr ausschließlich auf das, was sich vor seinem geistigen Auge zusammensetzte. Und so klar er es sehen konnte, als würde er es mit bloßem Auge betrachten, so deutlich verstand er, wie er es zu deuten hatte.
Er sah ein Labyrinth, ähnlich einem Kinderrätsel zweidimensional aus der Vogelperspektive, welches aber Zugangs- und ausweglos, völlig in sich geschlossen war. Statt einer geometrischen Grundfläche hatte es die Form eines Menschen, der ihm gegenüberstand. Es fühlte sich so an, als hielte man ihm gerade einen eigenartigen Spiegel vor, der anstelle seines körperlichen Äußeren ein Bild seines derzeitigen geistigen Zustands zeigte. Diese Symbiose aus Labyrinth und Mensch war eine stark vereinfachte Darstellung der vielen Irrungen und Wirrungen in seiner Innenwelt, in der er sich mehr und mehr verloren hatte. Plötzlich wie von Geisterhand gezogen, nahm im Kopf der Figur, in einer der Sackgassen des Labyrinths, ein Strich seinen Anfang und wurde länger und länger. Unaufhaltsam schlängelte er sich an den Abgrenzungen vorbei. Tim wusste, der Strich war ein Symbol für seinen Lebensweg, und die Strichführung sollte sein Wegweiser sein. Dieser navigierte sein inneres Auge zielsicher durch das Labyrinth und führte es zu einer ganz bestimmten Stelle, dem Sitz eines weiteren Bedeutungsträgers, dessen Symbolik wohl keiner Erklärung bedarf. Es war der Ort, an dem sich das menschliche Herz befindet. Hier fand der Strich seinen Endpunkt und setzte, wie auf Knopfdruck, eine tiefe, explosive Emotion vollkommener Glückseligkeit in ihm frei. Er fühlte sich überschüttet und durchströmt mit Liebe, als hätte man seine Seele in ihre Quelle getaucht. Dann löste sich das Labyrinth auf, und mit ihm verschwand auch die Gestalt.
Wieder Herr seiner Sinne, aber noch völlig ergriffen und überwältigt von diesem höchst sonderbaren Geschehen, kniff er die Augen kurz zusammen und hielt danach eine ganze Weile inne. So etwas oder auch nur annähernd Vergleichbares hatte er noch nie zuvor erlebt. Er spürte den Drang, dem erstbesten Menschen, der ihm über den Weg lief davon zu erzählen, als hätte er soeben einen Außerirdischen gesichtet. Nein, er würde jetzt schnell nach Hause gehen und Anna davon berichten, ihr alles haarklein schildern, er konnte es kaum erwarten.
