Der Alpha Spion - Lili B. Wilms - E-Book

Der Alpha Spion E-Book

Lili B. Wilms

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Beschreibung

Ren Das Leben auf den Straßen von Ejdon City hat Ren eines gelehrt: Jeder ist auf sich allein gestellt und die einzige Person, auf die er sich verlassen kann, ist er selbst. Sein Trumpf, um dort überleben zu können: Er hält Informationen über jede wichtige Person in Ejdon und weiß, wie er sie für sich ausspielen kann. Das alles kommt zu einem abrupten Ende durch seine Entführung. Diese bringt ihn nicht nur in ein anderes Land, sondern auch in ein Gefängnis, das komfortabler ist als alles, was er in seinem bisherigen Leben hatte. Shiro Als Kronprinz der Omegainseln ist Shiros Leben geprägt von Verpflichtungen. Allein verantwortlich für das Wohl seines Volkes hat er von Kindertagen an gelernt, seine eigenen Bedürfnisse zu ignorieren. Als die außenpolitische Bedrohung durch Ejdon gegen sein Land konkret wird, geht er auch den letzten Schritt für die Sicherheit seiner Inseln: Er wird eine politische Ehe mit einem Alliierten eingehen. Vorher muss er nur noch seine bereits bestehende Verbindung lösen, von der niemand etwas weiß, nicht mal sein Ehemann selbst. Dieser zeigt sich auch wenig beeindruckt von Shiros adeligem Stand und dessen Forderungen. Doch je näher sich die beiden kommen, desto klarer wird Shiro, auf was er sein Leben lang verzichtet hat. Er ist mehr als der Vertreter seines Volkes. Als der Palast selbst unerwartet in Gefahr gerät, muss Shiro eine Wahl treffen, die nicht nur sein Leben verändert.

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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lili B. Wilms

Der Alpha Spion

Omegas und Alphas in Ejdon Band 3

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2025

http://www.deadsoft.de

Für Fragen zur Produktsicherheit

[email protected]

Querenbergstr. 26

D-49497 Mettingen

© the author

Cover und Karte: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte: PhotoIris20221 – stock.adobe.com

Tiziano Cremonini – stock.adobe.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-843-6

ISBN 978-3-96089-844-3 (ebook)

Karte:

Vorwort

Siebzig Jahre nach dem Kriegsende in einer Welt, die der unseren gleicht, leben die Nachbarstaaten Ejdons, die nördlich davon hinter einem Gebirge ansässigen Wolfswandler und die östlichen Sitari-Inseln in einem angespannten Frieden.

Doch auch die Bewohner Ejdons, unter der Herrschaft einer Alphaoberklasse, leiden immer noch unter den Folgen.

In Geschichten erzählt man sich, dass es Seelengefährten waren, die unbeherrscht ihren eigenen Interessen nachgegangen sind, um bei ihren Omegas oder Alphas zu sein, und so den schrecklichen Krieg heraufbeschworen hatten.

Jedoch dienen diese Geschichten nur dazu, von den eigentlichen Gründen abzulenken. Orchestrierte digitale Berichterstattung und Geschichtsschreibung ließen die Leute einen eingeschränkten Blick auf die Vorkommnisse einnehmen.

Auch, wenn es immer wieder private Auseinandersetzungen über die Grenzen hinaus zwischen Seelengefährten, die unabhängig von Geschlecht oder Stand von den Göttinnen zusammengewürfelt worden waren, gab, lag der tatsächliche Grund des Beginns in der Gier der Ejdon-Alphas. Diese wollten sich einen wichtigen Teil des nördlich von Ejdon gelegenen Wandlerterritoriums einverleiben. Immer in der Hoffnung, von der Magie der Berge, die die beiden Völker auf dem Kontinent in der Mitte trennte und den Wandlern die Macht gab, ihre Form zu ändern, zu profitieren.

Doch auch die Verwicklung der Omegas auf den östlich gelegenen Sitari-Inseln brachte keine territorialen Veränderungen oder eine Entwicklung der Fähigkeiten der Bewohner Ejdons.

Das Resultat des Krieges waren unzählige Tote, Misstrauen auf allen Seiten, abgeriegelte Grenzen und das Gefühl in ständiger Bedrohung zu leben.

Nichts davon hielt die herrschenden Alphas in Ejdon davon ab, die Schuld für den Zustand, in dem sich die Region befand, den vermeintlich liebestollen und instabilen Omegas zuzuschreiben.

Nun sind alle Seelengefährten per Gesetz gezwungen, sich zu vermählen. Egal, wer die Parteien sind. Einmal verbunden, ist das Band unverrückbar. Wird es vernachlässigt, erleiden Omegas schwere physische und Alphas psychische Schäden. Doch dies wird in Kauf genommen, um die politische Stabilität in Ejdon zu garantieren. Individuelle Schicksale müssen hinter der Sicherheit des Landes zurückstehen.

Egal, ob Hofadel, Militäradel, Kämpfer für Omega-Rechte, Politiker oder Wohnungslose, alle müssen sich den Gesetzen beugen.

Trennungen werden von den Priestern nie durchgeführt.

Die Omegas, die über die östlich der Staatsgebiete Ejdons und der Wandler gelegenen Sitari-Inseln herrschen, haben sich von derartigen barbarischen Praktiken in Ejdon und den verfeindeten Nachbarn abgewandt. Sie leben isoliert auf ihrer Insel.

Die Wolfswandler und die Bewohner Ejdons, getrennt durch ein Gebirge, gehen aber nach wie vor einem Austauschprogramm nach, um den erkämpften wackligen Frieden zu halten. Wichtige Familien aus Ejdon schicken ausgewählte Omega-Kinder zu den Wandlern und diese im Gegenzug Alpha-Kinder als Bodyguards nach Ejdon, um sich gegenseitig zu erpressen und so den Frieden zu erzwingen.

Kontakt über die zugewiesenen Aufgaben hinausgehend oder gar Berührungen zwischen den Austauschmündeln und den Einwohnern Ejdons sind strengstens verboten. Freundschaftliche oder gar Seelenverbindungen sollen so strengstens unterbunden werden.

Doch auch in Ejdon kämpfen alle, die dort leben, um ihre Rechte und ihren Platz.

Der einst gewählte Präsident Kaneda, schwingt sich zum Alleinherrscher auf.

Die Omega-Rechte werden weiter beschnitten, Hof- und Militäradel kämpfen um ihre Stellung im Alpha-Rat, der schweren Eingriffen in die Verfassung Ejdons zustimmen muss, und Kaneda schafft innen- und außenpolitisch Bedrohungen, wo keine wirklichen sind, um seine Macht zu legitimieren.

Während in der Hauptstadt Ejdon City Omega-Rechtler um ihre Rechte kämpfen, versucht eine Gruppe von Traditionalisten in der adeligen ländlichen Gegend des Landes, das Volk in eine ganz alte Zeit zurückzuführen.

Die Fronten verhärten sich.

Die unterschiedlichen Gruppierungen verfangen sich in gegenseitigen Vorwürfen.

Das Pulverfass droht hochzugehen.

Was bisher geschah:

Band 1: Bei einem Angriff auf das Haus des Alpha-Ratsmitglieds Keke Nurmi werden verborgene Staatsgeheimnisse gestohlen. Anhand der zurückgebliebenen Datenreste wird dem eingeschworenen Kreis um Keke klar, dass es sich um Ergebnisse der verbotenen DNA-Forschung am Band von Seelengefährten handelt. Eine Gruppe von Betas hatte noch in Zeiten vor dem großen Krieg versucht, das Seelenband in der DNA von Betas einzusetzen.

Band 2: Der Investigativjournalist Aiden Minato entdeckt aufgrund eines geheimen Tipps Forschungsdokumente. Kyle Nezu, der ihn auf seiner Flucht rettet, hilft ihm bei der Entschlüsselung des Inhalts. Anders als vermutet, handelt es sich nicht um Medikamentenforschung, sondern Ergebnisse von DNA-Tests.

Wichtige Personen:

Ren Watanabe: Straßenganove und Informant zwischen den verschiedenen Gruppierungen

Shiro: Erbprinz von Sitari

Sini: Omega, Mitarbeiterin am Hofe Shiros, Mitglied eines Sondereinsatzkommandos

Furui: Hofzauberer seit hundert Jahren am Hofe Sitaris

Yuuto: Nachfolger Furuis, ausgebildeter Zauberer

Jalo: Clan-Oberhaupt, Wandler

Aiden Minato: Investigativjournalist, Social-Media-Person, Alpha, bester Freund Shiros, Seelengefährte Kyles

Kyle Nezu: Mitarbeiter im Omega-Haus, engagierter Aktivist für Omega-Rechte, Hundebesitzer, Seelengefährte Aidens

Keke Nurmi: Alpha-Ratsmitglied, Militäradel, Träger von Staatsgeheimnissen, Seelengefährte Ryos

Ryo Nakatsun: Omega-Prinz aus dem Hofadel, IT-Spezialist, zweiter Ehegatte Kekes, Seelengefährte Kekes

Heta: erste Ehefrau Kekes, Pilvis Partnerin

Kapitel 1

Ren

ἄλφα – Α

Meine Lungen brannten. Und meine Waden.

Die aber nicht annähernd so wie meine Lungen. Mit jedem Schritt, den ich die Straße entlang rannte, löste sich ein Bröckchen Teer aus meinem Atemorgan und versuchte, seinen Weg nach draußen zu finden. Ja. Mir war zum Kotzen.

Ich klammerte mich an den Beutel in meiner Hand.

Neben mir lief Loren, als wären wir auf einem Spaziergang unterwegs. Die beiden Hunde, die er dabei hatte, konnten mit ihm ebenfalls Schritt halten. Nur ich würde bald zusammenbrechen.

Himmel. Nie wieder würde ich rauchen. Zumindest nicht die ersten zehn Minuten, nachdem dieser Scheiß hier vorbei war.

Ich brauchte dringend eine Kippe.

»Wie weit?«, keuchte ich und Loren verstand sofort.

Sein Gehör war um Welten besser als meines und er musste sich auch nicht umdrehen, um festzustellen, wie weit unsere Verfolger von uns entfernt waren.

»Zu nah. Wir laufen in das Haus und wandeln uns im Hinterhof. Mir nach.«

Nicht zum ersten Mal beneidete ich Loren. Egal, was Kaneda und seine Schergen sagten, Wandler waren keine retardierten Monster. Sie waren uns in jeder Hinsicht überlegen.

Es war die Erkenntnis darüber und die damit verbundene Angst, die die Regierung zu den drastischen Gesetzen trieb.

Die Angst vor Alpha-Wandlern. Was sie zu Loren und seinen Freunden sagen würden, konnte ich mir nicht vorstellen. Omega-Wandler, die warum auch immer in Ejdon lebten und die Unterwelt aufmischten.

Wir bogen in einen Hauseingang ein und mit einem Scheppern stieß die Tür gegen die Wand. Ich lief als Letzter hindurch und stieß sie zu. Loren wusste anscheinend, wo es lang ging. So als wäre er hier zu Hause, flitzte er die Flure entlang und brach durch einen Hinterausgang auf einen Hinterhof. Ejdon City hatte die heruntergekommensten Ecken.

So wie in einer Videoinstallation lief in einer Sekunde noch ein Omega mit seinen beiden Hunden neben mir und in der nächsten ein Kätzchen mit zwei ausgewachsenen Männern.

»Aufteilen!« Wir auf zwei Beinen stoben in die drei Richtungen, die vom Hinterhof abgingen, und Loren lief mit mir durch die Mitte. Er sprang über einen Zaun in einen anderen Hinterhof und ich verfluchte ihn. Anscheinend hatte er vergessen, dass ich keine Katze war.

Mit Müh und Not krabbelte ich über das Hindernis meinem katzigen Begleiter hinterher. Schon wieder verschwand er in einem Gebäude. Himmel noch eins!

Ich folgte ihm, wobei meine Ankunft von einem Schrei begleitet wurde. Die arme Frau, der ich über die Füße lief, ließ die Flasche in ihrer Hand fallen.

Doch wir sprangen bereits durch ein offenes Fenster in eine weitere Gasse. Das Pochen meines Pulses zerbarst mir bald meine Ohren. Loren wandelte sich zurück und lief wieder als Omega neben mir. »Einfach weiter grade aus. Wenn du einen Zahn zulegst, kriegst du direkt die Bahn zum Labor. Falls du da wirklich hinwillst.«

»Ächm...«, war das Einzige, was ich hervorbrachte.

Loren lachte. »Ich werte das als ein Ja. Ich mache kehrt und laufe auf die Typen zu. Finde schon Wege, um sie aufzuhalten. Du solltest sicher sein.«

Meinen Katzenfreund zu hinterfragen, brachte gar nichts. Daher lief ich stur weiter geradeaus, auf die Straßenbahnhaltestelle zu. Wie Loren gesagt hatte, fuhr die Fünf in dem Moment ein und ohne zu zögern, sprang ich in den vordersten Wagen. Geduckt stellte ich mich hinter eine Gruppe von Arbeitern und lugte aus den Fenstern auf die Nebenstraße, aus der ich gerade gekommen war. Das heftige Heben und Senken meines Brustkorbs konnte ich nicht verstecken und hatte Mühe, möglichst unauffällig nach draußen zu sehen.

Ich traute mich nicht, zu hoffen, dass ich bereits davongekommen war.

Die Bahn schloss die Türen und setzte sich in Bewegung. Langsam atmete ich aus. Einer der Typen, die mich verfolgt hatten, der bullige mit den auffälligen Blumenkohlohren eines Ringers, lief aus dem Weg und eine rote Katze folgte ihm. Die feinen Anzugträger, die ihn begleitet hatten, waren verschwunden.

Vorsichtig sah ich mich um. Waren sie mir schon zuvorgekommen und ich mit ihnen gefangen in der Bahn?

Alle Mitfahrenden wirkten mit sich selbst beschäftigt. Keine Killer. Keine politischen Schläger.

Ein entspannter Nachmittag.

Quasi eine Stadtrundfahrt.

Himmel.

Mein Gepäck war ein bisschen außergewöhnlich. Aber wer wollte schon gewöhnlich?

Ich zündete mir endlich meine wohlverdiente Zigarette an und genoss das Gejammer der Mitfahrenden.

Kapitel 2

Ren

ἄλφα – Α

Mein Päckchen war wohlbehalten im Labor angekommen. Ich verließ die Räume des Klinikums, um etliche Yüen leichter. Aber auch mit der Gewissheit, dass ich bald ein zuverlässiges Ergebnis erhalten würde. Meine Kontakte in dem privaten Institut waren zuverlässig. Ich würde der Einzige sein, der das Ergebnis erhielt.

Bis dahin hatte ich endlich wieder Zeit, mich um meine Angelegenheiten zu kümmern.

Mit einer Kippe zwischen den Lippen drehte ich meine Runden, bis ich bei Haru ankam.

Ich umkreiste den Laden und checkte dabei die Umgebung ab.

Sicher konnte ich mir nie sein. Die Zeiten waren längst vorbei. Ich schnaubte, amüsiert über meine eigenen Gedanken. Sichere Zeiten hatte es für mich nie gegeben.

Ich betrat den Gemischtwarenladen durch den Haupteingang, und Haru sah von der Theke auf. Emotionen, kaum sichtbar auf seinem Gesicht, huschten über seine Augen, den Mund und waren wieder verschwunden. Sein Gesicht mit den zarten Falten deutete an, dass er die Lebensmitte wohl überschritten hatte, jedoch nicht, was er wirklich dachte. Aber seine langen grauen Haare, die wie immer zu einem Zopf geflochten waren, unterstrichen seine Ernsthaftigkeit.

Mit Getränken und ein paar Snacks bewaffnet, steuerte ich ihn wieder an und bezahlte.

Der Ladeninhaber würdigte mich keines weiteren Blickes. Ich drehte mich um und verschwand in den Hinterräumen.

Im Lager kletterte ich auf ein Regal, das als mein Bett diente, und verkroch mich darin. Einen Schritt davon entfernt war ein kleines Fenster, das ich im Notfall eintreten konnte, um darüber zu fliehen.

Noch nie hatte ich es nutzen müssen. Und auch dieses Mal würde es nicht so weit kommen. Niemand bekam Ren Watanabe in die Finger. Niemand.

Tage- und nächtelang hatte ich observiert, um meine Vermutung zu stützen. Und gebracht hatte es mir – einen Haufen Ärger und einen Beutel Kotze, den es zu analysieren galt.

Mit dem Gedanken fielen mir die Augen zu.

Und als sich der verdammte Traum anschlich, war der nächste Gedanke, nicht schon wieder!

Ich war gerannt. Wie immer. Seit ich denken kann, renne ich.

Jetzt verstecke ich mich. Meine Verfolger habe ich abgeschüttelt. Endlich.

Hier kann ich es aushalten. Ein Spielplatz, auf dem Eltern mit ihren Kindern sind. Mit so vielen Snacks, dass immer etwas für mich abfällt. In dem Park, der den Platz umgibt, kann ich untertauchen. Ich bin klein genug, um hier nicht aufzufallen. Und alt genug, um mich durchzuschlagen.

Da ist der Junge wieder.

Er zieht mich magisch an.

»Hey!« Ich spreche nie Leute an. Ich picke die Krümel auf, die abfallen. Niemals stelle ich mich in den Mittelpunkt. Das Risiko, sich den Zorn von irgendjemandem zuzuziehen, ist mir zu groß. Doch bei diesem Jungen vergesse ich jegliche Vorsicht.

Er schaut mich an. Direkt in mein Gesicht. Noch nie hat mich irgendwer so angesehen.

Er ist kleiner als ich. Aber er wirkt reifer. Nicht unbedingt älter. Ihn umgibt eine Aura, die mich einnimmt.

Seine Augen funkeln. Unter all der Würde verbirgt sich ein Witz, eine Energie, die weiter ist, als alles, was ich je gesehen habe.

»Was machst du hier?«, will er wissen.

»Ich bin weggelaufen.« Warum sage ich das? Warum fühlt es sich richtig an, ihm dies zu erzählen?

Seine Augen werden größer und das Funkeln darin übernimmt sein ganzes Gesicht. »Wir auch!«, flüstert er und dreht sich um.

Ein Junge von vielleicht elf, zwölf, kommt auf uns zu.

Sofort gehen meine Mauern hoch. Etwas Seltsames umgibt ihn. Etwas Unbekanntes. Bedrohliches.

Der Junge, der mich so anzieht, greift meine Hand und die Welt steht still. Alles fühlt sich richtig an. Alles findet seinen Platz in mir. Ein derartiges Gefühl hatte ich noch nie in meinem Leben. Ich habe meinen besten Freund gefunden.

Ich lache laut auf. Niemals will ich ihn loslassen.

»Was spielt ihr?«, frage ich ihn. Ich will dabei sein, bei allem, was er tut.

»Euer Hoheit, Masanao-sensei ist uns auf den Fersen«, sagt der bedrohliche Junge.

»Spielt ihr Prinz und Volk?«, frage ich. Dass mein Junge ein Prinz ist, ist klar. Ich kann hervorragend Volk spielen. Solange das Volk nicht geschlagen und in die Kammer gesteckt wird, bin ich sofort dabei.

Der Junge zögert, sieht seinen Freund an und nickt schließlich. »Ja, wir spielen Prinz. Ich bin Prinz ... Sitari.«

Ein kleines Beben geht durch meinen Magen. »Dann bin ich Ren, euer Schuhflicker.«

Er lacht wieder.

»Und ich bin der große Magier Yuuto!«

»Yuuto!«, faucht ihn mein Prinz an.

Dieser winkt ab. »Na kommt, laufen wir in den Wald.«

Den ganzen Nachmittag streifen wir durch die Bäume. Yuuto führt Kunststücke auf und langsam frage ich mich, ob er tatsächlich zaubern kann.

Prinz Sitari schimpft ihn anfangs noch aus. Irgendwann gibt er es auf.

Wir kommen zu dem Platz, an dem ich die Nacht verbringen will. Ein riesiger Felsüberhang, der den Eingang zu einer Höhle verdeckt.

Zu dritt richten wir sie ein, mit dem, was wir bei der Hand haben. Wir spielen, wir würden hier leben.

Ich bin auf der Hut. Aber trotzdem lasse ich das Gefühl zu. Eine Familie. Endlich.

Yuuto hat von irgendwoher ein Licht hergezaubert und Sitari wird langsam wirklich wütend.

»Ich muss üben«, belehrt ihn Yuuto. »Ich mache das nur für dich!«

»Pfff«, motzt Sitari. »Wenn du wenigstens etwas Richtiges könntest. Dass ich hierbleiben kann, zum Beispiel.«

»Das kann ich«, verteidigt sich unser Zauberer. »Nehmt euch an den Händen.«

Automatisch greifen Sitari und ich nach uns. »Dann vermähle ich euch und du musst für ewig bei deinem Ejdon-Alpha bleiben!«

Sitari zieht eine Grimasse. »Ha, ha!«

Yuuto hebt das Kinn und schreitet vor uns auf und ab. »Die Magie findet, die Magie bindet. Ich bin nur der Mittler, der euch kündet, ihr seid eins!« Pathetisch spricht er die Worte und fuchtelt mit seinen Händen rum.

Ein Prickeln krabbelt über meine Füße in meinen Kopf, so als hätte ich zu viel und zu schnell von der gestohlenen Brause genascht.

Wir alle lachen. Mein Prinz lässt meine Hand los und versetzt seinem Freund einen sehr unroyalen Stoß, sodass dieser nach hinten wankt. Doch auch er hält sich die Seite vor Lachen.

Die beiden kämpfen weiter und schieben sich so aus der Höhle.

Ich stehe am Eingang und beobachte sie. Fühlen sich so Geschwister an? Ist das Familie?

»Eure Hoheit!« Ein gellender Schrei dringt über die Waldlichtung vor uns. Ein ganzer Trupp an Menschen stürzt auf uns zu.

Im ersten Moment denke ich, sie haben mich! Doch die edel gekleideten Leute kümmern sich gar nicht um mich, sondern ergreifen meinen Prinzen und den Magier.

»Ich bin umgekommen vor Sorge!«

»Masanao-sensei!« Yuuto verbeugt sich tief und Sitaris Lachen verstummt. Er dreht sich zu mir um und Wehmut ist in sein Gesicht gezeichnet.

»Was hat er getan?« Der Ton des Sensei schneidet sich den Weg zu mir. Er mustert mich, als sei ich Abschaum. Den Blick kenne ich. Meine alten kaputten Klamotten sind mir so bewusst wie sonst nie.

Eine Frau und ein Mann treten auf mich zu. Wachen. Die Embleme auf ihren Jacken kann ich nicht anders deuten.

»Nichts! Nichts hat er getan.« Sitaris Blick jagt zu Masanao-sensei herum. »Wir haben uns verlaufen. Er hat uns geholfen.«

»Ein Alpha?« Die Verachtung des Sensei fließt aus jedem einzelnen Buchstaben. Vermutlich will er »so ein räudiger Straßenköter« sagen. Dabei ist der Umstand, dass ich als Alpha geboren bin, so ziemlich der einzige Grund, wieso ich noch am Leben bin.

Die Wachen haben mich mit ihren Blicken fixiert und Masanao funkelt mich bedrohlich an. Ich trete ganz aus der Höhle und presse mich an den Stein in meinem Rücken.

»Dort ist er!« Diese Stimme gilt aber mir. Sie ist mir so bekannt wie das Schwarze unter meinen Nägeln.

Ohne zurückzuschauen, drehe ich mich um und renne los. Ich renne. Und renne. Bis meine Fußsohlen bluten und meine Lungen brennen. Ich renne. Und renne.

Bis mich die eiserne Hand des Heimvorstehers packt und ich stolpere. Er legt seinen Arm um meinen Hals und drückt zu. »Hab ich dich, elende kleine Ratte.«

Ich kriege keine Luft mehr.

Ich schreckte aus dem Schlaf hoch und schlug mit der Stirn am Regalboden über mir an. Verfickte Fickscheiße, verfickte!

Den ganzen Tag rannte ich. Rannte vor irgendjemandem weg. Ein Ziel hatte ich nicht. Ich wollte wenigstens in meinen Träumen nicht mehr laufen müssen. Ich war ein ausgewachsener Alpha, der längst aus dem System gewachsen war. Und trotzdem verfolgten mich Kinderträume.

Mit zittrigen Fingern fummelte ich nach meiner Zigarettenschachtel in meiner Gesäßtasche und zog sie heraus.

Noch drei. Für den Dreck würde ich kein Geld bezahlen. Vielleicht sollte ich die nächste Schachtel von Haru klauen.

Ich zündete mir eine an und atmete den Rauch gegen die Decke über mir. Er presste sich dagegen und wich zu den Seiten aus. Sank mir leicht entgegen. Selbst mein Rauch kam nicht weiter. Steckte mit mir in diesem Loch fest.

In ein paar Tagen hatte sich der Rauch – ich lachte unamüsiert – gelegt und ich konnte in meine Wohnung zurück. Oder ich konnte mir ein neues Loch suchen, wo ich verrotten konnte.

Der Spionageauftrag Kekes hatte mir so viel Schotter eingebracht, dass ich mir eine Bude mit gewissen Sicherheitsvorkehrungen leisten konnte. Vielleicht war es Zeit, die Örtlichkeiten zu wechseln. In ein anderes Land zu gehen?

Aber dort war ich mit dem örtlichen Straßenverbrechen nicht vertraut. Hatte kein Netzwerk und keine Verbindungen. Und etwas anderes konnte ich nicht. Das hier – ich sah dem Rauch zu, wie er sich gegen das Regalbrett drückte – hatte ich mir seit Kindertagen erarbeitet.

Es aufzugeben, machte so viel Sinn, wie mir die Kippe im Auge auszudrücken.

Was für morbide Scheißgedanken. Ich wischte den Aschestaub von meinem Shirt und zerdrückte die letzten Glutflecken zwischen meinen nass geleckten Fingerspitzen. Wenn ich Harus Laden abfackelte, brachte er mich um.

Seufzend erhob ich mich, rollte aus meinem Fach. An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Wenn ich zumindest versuchen wollte, Zigaretten zu klauen, musste ich über den Laden raus. Gab mir die Gelegenheit, mich bei Haru für seine Gastfreundschaft zu bedanken.

Ich kletterte auf den Boden des Lagers und schlenderte in den Hauptraum.

Haru kramte unter der Theke in einer Box. Verzog sich in den Mitarbeiterraum daneben. Ich ging auf die nun leere Theke zu. Hinter meiner Hand ließ ich die Schachtel in meine Jackentasche gleiten.

Ein irrwitziger Adrenalinstoß jagte durch mich. Es musste mir irgendwann gelingen, Haru auszutricksen. Er kam aus dem Mitarbeiterraum und zählte offensichtlich mit seinem Finger Dosen in der Kiste, die er auf einer Hand balancierte.

»Hey!« Ich nickte ihm zu.

Seine Augen bohrten sich in mich.

Ob er jemals mit mir reden würde? Wie sich seine Stimme anhörte? Gab es irgendjemanden auf dieser Welt, mit dem Haru redete?

Er hob sein Kinn zum Gruß, stellte die Schachtel ab und griff unter die Theke. Ich ging mit beiden Händen in den Jackentaschen vergraben auf den Ausgang zu.

Der Schlag in die Kniekehlen hätte mich nicht annähernd so überraschen sollen, wie er es tat, als ich mit einem Schrei auf dem Rücken landete.

Über mir stand Haru, seinen Bambusstock wie ein Schwert auf meine Kehle gerichtet.

Unwillkürlich begann ich zu lachen. Wenn ich groß war, wollte ich so sein wie Haru.

Er streckte mir eine Hand hin und ich wollte sie nehmen. Mit einem Knurren schlug er meine Finger weg und hielt mir erneut seine offene Handfläche nach oben hin.

Ich kramte nach den Kippen und legte sie hinein.

»Komm! Du musst mir deine Tricks mal zeigen.«

Er schüttelte den Kopf und deutete mit seinem Stock auf das Schild an seiner Eingangstür. Prügelstrafe für Diebe. Die Tatsache war mir hinreichend bekannt.

Ich stellte die Hände hinter mir auf und wollte mich hochstemmen, als Haru mit dem Stock ausholte und auf mein Gesicht zielte.

Ich riss die Arme vors Gesicht, doch der Schlag blieb aus. Als ich zwischen meinen Fingern zu Haru lugte, tippte er mit dem Bambus meine andere Wange an, zog eine Augenbraue hoch und verzog seine Mundwinkel zu einer Art … Schmunzeln? Das bildete ich mir ein. Der Mann war sicher an die siebzig, und ich kannte niemanden, der ihn je lachen gesehen hatte.

Er stieg über mich hinweg und ging zurück an seine Kasse.

Drei Jugendliche standen mit offenen Mündern um uns rum und legten eilig ihre Sachen vor Haru auf die Theke.

Dieser beachtete mich gar nicht mehr. Ich trat vor den Laden.

Auch wenn nun mein gesamter Körper schmerzte, Harus Aufmerksamkeit tat gut. Sie war das Einzige, was an Interaktion mit Leuten geblieben war, die mich nicht beauftragen oder die beauftragt waren, mir den Garaus zu machen.

Die frühmorgendliche Luft jagte einen kühlen Schauer über meinen Körper. Ich zündete meine vorletzte Zigarette an, zog den Jackenaufschlag enger um mich und steuerte den abgeranzten Kaffee-Laden in der Parallelstraße an.

Mit einem Nicken begrüßte ich die Barista.

»Wie immer?«, fragte sie mich.

»Bitte!« Ich stellte mich an die Theke und sah ihr zu.

Der schwarze Kaffee wurde mir gereicht und ich legte ein paar Münzen auf die Theke.

Ich setzte mich auf meinen Stammplatz, den Sessel in der Ecke und mit freiem Blick aus der riesigen Fensterfront hinaus auf die Straße.

Mein Kontakt im Labor hatte die Ergebnisse bereits geschickt. Ich öffnete die Nachricht auf meinem Telefon. Wie erwartet. Dormotamin. Dasselbe Omega-Gift, das bei dem Anschlag während der Ratssitzung im Süden des Landes verwendet worden war. Sicher ein Zufall. Ich schnaubte.

Kurzentschlossen schickte ich das Ergebnis und eine kleine Zusammenfassung der Ereignisse an Keke. Würde ich das nicht tun, würde er es nie erfahren. Hielt ich mich streng an den Wortlaut meines Auftrags, war aber natürlich jede Info, die ich über irgendeinen Scheißomega auf dieser Welt erhielt, für ihn relevant und damit an ihn zu liefern.

Das Wichtigste war, er zahlte gut. Sehr gut. Und ich musste ihn nie erinnern oder auffordern.

Wenn nur alle Auftraggeber so zuverlässig wären.

Trotzdem stresste mich dieser Mist. Ich erledigte einen Auftrag und verpisste mich. Ich ließ mich nicht als Dauerhandlanger für irgendwelche Militäradelstypen einspannen.

Und das Wissen, das mir dieser Auftrag bescherte, beruhigte mich nicht gerade.

Irgendetwas lag in der Luft. Auch wenn Kaneda behauptete, nur die Omegas würden eingeschränkt werden, derartige Umstürze blieben für niemanden folgenlos.

Und den Bodensatz der Gesellschaft würde es immer härter treffen als alle anderen. Die Alphas darunter waren vielleicht ein bisschen später dran als die Omegas, aber wir würden genauso unser Fett wegkriegen.

Ich trank die Tasse leer und sah aus dem Fenster. Nichts Außergewöhnliches.

Den verdammten Tag würde ich also nutzen, um Aidens verdammter Spur nachzugehen. Solange dieser damit beschäftigt war, seinen Omega wieder aufzupäppeln, musste ich selbst ran. Keke würde es mir danken. Monetär.

Ich trat vor die Tür und eine Ruhe schlug mir entgegen. Eine zu ruhige Ruhe.

Verfickte Scheiße.

Der Straßenlauf war verlassen. Es war frühmorgens. Die Läden waren noch geschlossen. Aber es war eine einfache Gegend. Hier sollten Handwerker unterwegs sein. Schüler und Schülerinnen mussten eigentlich um die Uhrzeit aus dem Haus. Wieso war hier niemand?

Ich entschied mich, nach links zu gehen, und suchte die Gegend nach Zeichen von Yakas ab. Aber nichts stach auffällig hervor, was darauf hindeutete, dass sich kriminelle Banden herumtrieben.

Gar nichts ragte heraus. Denn es gab nichts, woraus man hervorragen konnte. Über eine Seitengasse bog ich in eine Parallelstraße ein.

Hier waren deutlich mehr Leute, aber irgendwas stimmte nicht. Das war gestellt.

Ich wurde verfolgt. Mein Gefühl betrog mich nicht. Aber von wem? Und wo waren die Typen? Ihre Augen bohrten sich in meinen Nacken.

Plötzlich füllte sich die Straße von beiden Seiten.

Viel zu dicht drängten sich alle möglichen Leute um mich. Betas, Omegas, Menschen. Alte, Junge. Frauen und Männer fluteten die Gehwege. Ich kam mir vor, als ginge ich in einer Flut von Musterbürgern unter.

Verfickte …

Ich rannte los. Duckte mich unter den Leuten hindurch, immer die Straße entlang. Nahm die Ampel vor mir in den Blick. Bei der nächsten Schalte würde ich mich in ein Auto absetzen.

Aber nichts passierte. Der Querverkehr lief unaufhaltsam weiter. Wie lange dauerte diese Ampelschaltung? Wenn ich jetzt loslief, kam ich aus meiner Deckung in der Masse. Auf der Straße wäre ich unter den Autos wie auf dem Präsentierteller. Solange diese fuhren, konnte ich die Sicherheitsverriegelung nicht so schnell aushebeln, um mir zu einem Zutritt zu verschaffen.

Die Längsseite – die Seite, die ich entlanglief – war verstopft mit unzähligen Fahrzeugen. Das war keine Lösung. Dort würde ich nur feststecken.

Ein Gebäude! Ich musste in ein Gebäude.

»Hey. Was … also was soll das?« Die Stimme hinter mir brach abrupt ab. Na toll. Sie waren hinter mir. Und anscheinend hatten sie mich nun endgültig ins Visier genommen. Ich kam nicht schnell genug vorwärts.

Geduckt sprintete ich weiter. Laufen, laufen, immer laufen.

Das Grunzen und die missmutigen Laute hinter mir wurden immer deutlicher.

Auf was hatte ich mich eingelassen, dass ich dieses Mal zum Gejagten wurde? Es gab schließlich immer noch eine Kleinkriminellenethik, die es verbot, sich gegenseitig das Handwerk zu vermiesen.

Aber das waren keine Straßengangster. Das Gefühl hatte sich seit Wochen verstärkt. Die Leute, die ich für Keke ausspionieren sollte, hatten Verbindungen bis in die höchsten Regierungskreise.

Jedoch hatten sie nicht mit Ren Watanabe gerechnet. Mich fing niemand. Keiner schaffte es. Meine Lungen brannten. Schon wieder. Ich bekam nur schwer Luft. Der Atem würde noch da sein, wenn ich in Sicherheit war. Erst mal musste ich hier weg. Ich erhöhte mein Tempo.

Hinter der Kreuzung sah ich eine Straßenbahnhaltestelle. Wenn ich nicht komplett falschlag, waren die Drei und die Sechzehn direkt nebeneinander und hatten in ein paar Sekunden beidseitig die Wagentüren geöffnet. Ich musste nur dort hindurch und dann in den Bus springen. Richtig getimt fuhren meine Verfolger mit der Straßenbahn an den Strand und ich in die Berge. Nur eine Haltestelle reichte mir. Dann hatte ich genügend Distanz hinter mich gebracht und würde wieder aussteigen.

Direkt vor mir sah ich die Bahnen einfahren. Die Autos vor mir waren ebenfalls in Bewegung. Dort hindurchzuschlängeln war ein Leichtes.

Perfektes Timing war es, was mich zu Fall brachte. Die Ladentür neben mir ging auf und eine Millisekunde später schlug ich ungebremst mit dem Gesicht gegen das Glas. Nur kurz durchatmen und …

Samt hüllte mein Gesicht ein. Dämpfte den Lärm der Straße um meine Ohren. Nahm mir jegliche Sicht.

Mein wildes Treten wurde mit wenigen kräftigen Handgriffen quittiert, meine Arme auf dem Rücken zusammengebunden und ich in das Geschäft geschleift.

»Wa…« Jeglicher Versuch einer Verhandlung wurde durch einen Stich in die fleischige Stelle zwischen Hals und Schulter unterbrochen.

Innerhalb von zwei Sekunden hatte es doch jemand geschafft. Ren Watanabe war an seinem Ziel angekommen.

Zumindest nicht mehr laufen…, dachte ich noch und verlor das Bewusstsein.

Kapitel 3

Ren

ἄλφα – Α

Das Gefühl von Samt hüllte mich noch immer ein. Aber mein Gesicht war frei davon. Meine Hände fühlten es.

Ich strich mit den Fingern darüber.

Ein Traum. Einer, den ich noch nie gehabt hatte. Öfter mal was Neues. Es passierte viel zu wenig wirklich Neues in meinem Leben.

Oh! Verfickt und zugenäht.

Ich riss die Augen auf. Versuchte mich aufzurichten, doch ich war auf einem Bett fixiert. Das gedimmte Licht nahm mit meinem Bewusstsein an Helligkeit zu. Wohin immer mein Blick in dem Raum ging, erhellte er sich. Oder die Lichter an der Wand erhellten sich. Erneut versuchte ich, mich zu bewegen. Aber sowohl der Bauchgurt wie auch die Fußfesseln hielten mich an das Bett gebunden.

Lediglich meine Finger konnte ich rühren. Meine Arme waren mit Riemen, die unter das Bett liefen, seitlich von mir festgebunden, sodass ich nicht an den verdammten Gurt über meinem Rumpf kam.

Lagecheck, Ren. Ich war nicht das erste Mal in meinem Leben in einer ausweglosen Situation.

Bevor ich aber überhaupt irgendwas checken konnte, klopfte es leise an der Tür.

Was erwarteten meine Besucher? Dass ich mich gerade umzog? Verfluchte Scheiße, ich war diesen ganzen Mist so leid.

»Macht mich los!«, brüllte ich.

Die Tür öffnete sich einen Spalt und hindurch trat eine zarte Omega. Wo war ich hier gelandet? Bis zu dem Moment war ich sicher gewesen, dass mich nur hirnlose Alphas hier gefangen hielten.

»Ren-san.« Sie verneigte sich leicht. »Die Umstände Ihres Besuchs bei uns bedaure ich sehr.«

»Ey! Du willst mich verarschen! Jetzt mach mich los, damit ich hier rauskomme.«

Vielleicht wirkte mein Charme? Hatte ich Charme?

Sie trat einen Schritt näher auf mich zu. »Mein Name ist Sini und ich stehe Ihnen während Ihres Aufenthalts immer zur Verfügung.«

Ich musterte sie. »Dann mach mich los.«

»Das habe ich vor. Allerdings unterliegt dies gewissen Bedingungen.«

Ach ne? So eine Überraschung. »Und die wären?«

»Sie dürfen sich im Palast frei bewegen. Zu den Räumen, zu denen Sie keine Berechtigung haben, wird Ihnen kein Zugang gewährt. Sie dürfen auch die königlichen Gärten aufsuchen. Jedoch müssen wir Sie bitten, das Gelände nicht zu verlassen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit müssen Sie für unser Personal zur Verfügung stehen.«

Das war doch ein Prank? Hier veräppelte mich doch jemand! Der Palast? »Sini!« Sie lächelte mich unverbindlich an. »Die Hälfte deiner Vorschläge hört sich nicht so schlecht an. Palast: gut.« Vermutete ich mal. Welche Paläste kannte ich? »Irgendjemanden rund um die Uhr zur Verfügung stehen: nein! Ganz sicher nicht. Für was auch?«

»Diese Informationen werden Sie zu gegebener Zeit erhalten.«

»Von wem?«

»Von dem, den der Kronprinz für richtig dafür erachtet.«

Ich blinzelte. Mir war ein Sack über den Kopf gezogen und irgendeine Scheiße injiziert worden. Das war ein Trip und die Drogen lähmten mich. Deshalb konnte ich nicht aufstehen, deshalb fabrizierte mein drogengeflutetes Hirn irgendwelchen Scheiß, um sich meine Lage zu erklären, der letztlich keinen Funken Sinn ergab.

Aber offensichtlich hatte ich auch nichts anderes vor und spielte mit meinem Hirn ein Spielchen.

»Und wenn ich mich dem widersetze?«

»Nun.« Sie ging bis an meine Bettkante. »Zunächst müsste ich wieder Gewalt anwenden und Sie wieder betäuben. Das wäre ungünstig. Sie haben dieses Mal keinerlei physische Schäden davongetragen. Ich weiß nicht, ob mir das ein weiteres Mal gelingt.«

Die Kleine verarschte mich. Hatte Haru das eingefädelt?

»Und dann würde ich Sie wieder an das Bett fesseln. Und dann wären wir so weit wie jetzt. Also für niemanden ein Gewinn. Der Palast würde sich wirklich sehr freuen, Sie als Gast aufzunehmen.«

»Als Gast, der bei Fuß gehen muss und faktisch eingesperrt ist.«

Sie nickte einmal kurz. »Man kann es so zusammenfassen.«

Ich musterte sie. Mit ihren kurzen schwarzen Locken, der dunkelbraunen Haut und zierlichen Figur reichte sie mir gerade bis zur Schulter. Sie wirkte nicht unvernünftig. Entschieden. Aber nicht per se gewalttätig. Und viel Gerede hat noch niemanden weitergebracht. »Weißt du was, Sini? Das scheint mir das beste Angebot zu sein, das ich heute kriege.«

Sie grinste mich breit an. »Davon können Sie ausgehen!«

Meine Gefängniswärterin war ein kleiner Spaßvogel.

Mit wenigen Handgriffen löste sie ein Bein, den Bauchgurt, das zweite Bein, eine Hand und die nächste. Sie arbeitete schnell, effektiv und ohne grob zu werden. Doch ihr Blick ließ mich keine Sekunde lang zweifeln, dass sie nicht handgreiflich werden würde, sollte es notwendig werden.

Einen Moment lang kickte mein Instinkt ein. Nach ihr treten und weglaufen.

Sie ging einen Schritt zurück und ließ mir Platz, um mich von meinen Fesseln zu lösen.

Es hatte aber wohl keinen Zweck. So konnte ich hoffentlich mein Umfeld kennenlernen und einen Fluchtplan entwerfen. Und mir steckte die Betäubung noch ziemlich in den Knochen, wenn ich mir gegenüber ehrlich war.

Ich schälte mich aus dem Bett und stellte meine Beine auf. Meine Beine, die in irgendwelchem weißen Leinen-Zeugs steckten. Ich sah an mir herab. Auch das Hemd war aus demselben Stoff.

»Hast du mich umgezogen, Sini?«

Sie lächelte. »Zusammen mit zwei Herrschaften aus der Kleiderkammer. Diese Grenzüberschreitung ist unentschuldbar, sodass ich nicht versuche, sie zu entschuldigen. Sie war aber auch zwingend notwendig, da Ihre Kleidung von Ungeziefer befallen war.«

Ja, scheiß mir einer einen Affen. Diese winzige Omega schaffte es bereits zum zweiten Mal, mich von den Füßen zu holen. Ich hielt den Kopf gesenkt. Weder ich noch meine Klamotten passten in diesen Scheißpalast. Das hatte sie mir ordentlich zu verstehen gegeben. »Hast du mir auch die Läuse entfernt, Sini? Oder waren das deine Kammerjäger?«

»Es waren hauptsächlich Milben, die es hier nicht gibt. Ein, zwei Flöhe waren vielleicht auch dabei. Nicht der Rede wert.« Ihre Stimme schwang immer noch sanft. Ohne Häme.

Ich schaute auf. Sie hatte nicht vorgehabt, mich zu beleidigen. Sini trug Fakten vor.