Beschreibung

Wer diesen Anhalter mitnimmt, sollte nichts Böses im Schilde führen ...

Jack Reacher bemühte sich, harmlos auszusehen, was ihm mit seiner großen, massigen Gestalt und der gebrochenen Nase nicht leicht fiel. Umso dankbarer war er, als endlich ein Auto hielt, um ihn mitzunehmen. Die Frau und die beiden Männer im Wagen waren offensichtlich Kollegen, zumindest schloss Reacher das aus ihrer einheitlichen Kleidung. Er wusste nichts von ihrer Verwicklung in den Mord, der nicht weit entfernt verübt worden war. Für die Insassen des Wagens war Reacher nur eine Möglichkeit, die Polizei von sich abzulenken. Sie ahnten nicht, wer bei ihnen im Auto saß. Schließlich sah Reacher aus wie ein harmloser Anhalter …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 528

Sammlungen



Lee Child

Der Anhalter

Ein Jack-Reacher-Roman

Aus dem Englischen von Wulf Bergner

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1. Auflage Copyright © der Originalausgabe 2012 by Lee Child Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by Blanvalet Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Published by Arrangement with Lee Child Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen. Umschlaggestaltung: www.buerosued.de Umschlagmotiv: Masterfile/Peter Lavery Redaktion: Irmgard Perkounigg

Für Jane, die neben der Major Oak stand

1

Der Augenzeuge sagte, er habe nicht wirklich gesehen, wie es passiert sei. Aber wie hätte es sich sonst abgespielt haben sollen? Kurz nach Mitternacht hatte ein Mann in einer grünen Winterjacke einen kleinen Betonbunker durch die einzige Tür dort betreten. Zwei Männer in schwarzen Anzügen waren ihm gefolgt, die nach einer kurzen Pause wieder herauskamen.

Der Mann in der grünen Winterjacke war nicht wieder erschienen.

Die beiden Männer in schwarzen Anzügen waren ungefähr zehn Meter weit gegangen und in ein auffällig rotes Auto gestiegen. Feuerwehrrot, hatte der Augenzeuge es bezeichnet. Ziemlich neu. Eine normale viertürige Limousine. Oder vielleicht ein fünftüriger Kombi. Oder ein Zweitürer mit Heckklappe. Aber bestimmt kein zweitüriges Coupé. Ein Toyota, meinte der Augenzeuge. Oder vielleicht ein Honda oder Hyundai. Vielleicht ein Kia.

Jedenfalls waren die beiden Männer in schwarzen Anzügen damit weggefahren.

Von dem Mann in der grünen Winterjacke war weiterhin nichts zu sehen.

Dann war unter der Bunkertür Blut hervorgequollen und hatte eine Lache gebildet.

Der Augenzeuge hatte die 911 angerufen.

Der County Sheriff war aufgekreuzt und hatte sich seine Aussage angehört. Er verstand sich darauf, Leute zur Eile anzutreiben, während er äußerlich geduldig wirkte. Das gehörte zu seinen vielen Talenten. Irgendwann war der Augenzeuge mit seinem Bericht fertig. Nun dachte der County Sheriff längere Zeit nach. Er befand sich in einem Teil des Landes, in dem gleich hinter dem dunklen Horizont Hunderte von Quadratkilometern Leere lagen. In dem die Straßen langen einsamen Bändern glichen.

Ideale Voraussetzungen für Straßensperren.

Also verständigte er die Highway Patrol und forderte dann einen Hubschrauber aus der Hauptstadt seines Bundesstaats an. Und er schickte einen dringenden Fahndungsaufruf an alle Dienststellen, damit sie Ausschau nach einem leuchtend roten Importwagen mit zwei Männern in schwarzen Anzügen hielten.

Jack Reacher fuhr neunzig Meilen weit und neunzig Minuten lang mit einer Frau in einem staubigen grauen Van. Dann sah er vor ihnen helle Natriumdampflampen an einem Highwaykleeblatt mit großen Wegweisern nach Osten und Westen. Die Frau fuhr langsamer und hielt. Reacher stieg aus, bedankte sich und winkte ihr zu, sie solle weiterfahren. Sie benutzte die erste Einfahrt nach Westen, in Richtung Denver und Salt Lake City. Er ging unter der Brücke hindurch und stellte sich an die Einfahrt nach Osten. Mit einem Fuß auf dem Seitenstreifen und dem anderen auf der Fahrbahn, reckte er den Daumen hoch, lächelte und versuchte, freundlich auszusehen.

Was nicht leicht war mit seinen ein Meter fünfundneunzig und seiner großen, kräftigen Statur. In dieser Nacht wirkte er wie immer etwas abgerissen und zerzaust. Autofahrer, die sich langweilten, wollten eine angenehme und keine angsteinflößende Gesellschaft, und Reacher wusste aus leidvoller Erfahrung, dass er auf den ersten Blick nicht die erste Wahl war. Zu einschüchternd. Und im Augenblick musste er mit einem weiteren Handicap fertigwerden: einer frisch gebrochenen Nase. Er hatte die Verletzung mit silbernem Gewebeband verpflastert, was ihn bestimmt noch grotesker aussehen ließ. Er wusste, dass das Silber im gelblichen Licht der Straßenbeleuchtung glitzerte und leuchtete. Aber weil er das Gefühl hatte, das Gewebeband tue ihm medizinisch gut, beschloss er, es in der ersten Stunde dranzulassen. Hielt binnen sechzig Minuten niemand an, würde er überlegen, ob er es abnehmen solle.

In sechzig Minuten hielt niemand an. Der Verkehr war schwach. Nebraska, nachts, im Winter. Obwohl das Kleeblatt die einzige wichtige Kreuzung in meilenweitem Umkreis war, verstrichen oft Minuten, bis irgendein Fahrzeug auftauchte. Oben auf der Brücke war der Durchgangsverkehr relativ stetig, aber nur wenige Leute schienen auf den Highway zu wollen. In der ersten Stunde kreuzten nur vierzig Fahrzeuge auf, die nach Osten wollten: Pkws, Lkws, SUVs, verschiedene Marken, verschiedene Modelle, verschiedene Farben. Dreißig rasten vorbei, ohne auch nur langsamer zu werden. Zehn Fahrer musterten Reacher, dann schauten sie weg und gaben wieder Gas.

Nicht ungewöhnlich. Reisen per Anhalter war mit den Jahren immer schwieriger geworden.

Wurde Zeit, seine Chancen zu verbessern.

Er wandte sich um und benutzte einen abgesplitterten Daumennagel, um den Rand des Gewebebands von seinem Gesicht zu lösen. Er zog anderthalb Zentimeter ab und nahm dieses Stück zwischen Daumen und Zeigefinger. Nun gab es zwei Methoden: schnelles Abreißen oder langsames Abziehen. Eine illusorische Wahl, fand Reacher, denn der Schmerz blieb gleich. Also wählte er den Mittelweg und entschied sich für rasches Abziehen. An der Backe war das nicht weiter schlimm. Im Nasenbereich sah die Sache schon anders aus. Schnittwunden klafften auf, die Schwellung kam in Bewegung und verformte sich, der Bruch selbst knackte und rieb sich.

Die andere Backe war auch nicht schlimm.

Er rollte das blutige Gewebeband zusammen und steckte es ein. Dann spuckte er auf seine Finger und wischte sich das Gesicht ab. Er hörte einen Hubschrauber dreihundert Meter über sich und sah den Strahl eines starken Suchscheinwerfers, der durchs Dunkel drang und mal hierhin, mal dorthin leuchtete, bevor er weiterhuschte. Er drehte sich wieder zur Straße um, stellte einen Fuß auf die Fahrbahn und reckte einen Daumen hoch. Der Hubschrauber blieb noch eine Weile in der Nähe, dann verlor er das Interesse und knatterte nach Westen davon, bis sein Rotorenlärm verhallte. Der auf der Landstraße nach Süden und Norden fließende Zubringerverkehr wurde weniger. Aber jetzt wollten die meisten Autos auf den Highway. Fast keines fuhr geradeaus weiter. Reacher blieb optimistisch.

Die Nacht war kalt, was seinem Gesicht guttat. Gefühllosigkeit dämpfte den Schmerz. Ein Pick-up mit Kennzeichen aus Kansas näherte sich von Süden her, bog nach Osten ab und wurde ziemlich langsam. Der Fahrer, ein schlaksiger Schwarzer, trug eine dicke Winterjacke. Vielleicht war seine Heizung ausgefallen. Er musterte Reacher lange und eindringlich. Fast hätte er angehalten. Aber dann sah er weg und fuhr vorbei.

Reacher hatte Geld in der Tasche. Würde er Lincoln oder Omaha erreichen, konnte er dort einen Bus nehmen. Doch nach Lincoln oder Omaha zu gelangen war nur per Anhalter möglich. Damit seine rechte Hand nicht erfror, ging er dazu über, sie unter die linke Achsel zu schieben, wenn gerade kein Auto kam. Sein Atem umgab seinen Kopf wie eine Wolke. Ein Streifenwagen raste mit Blinklicht, aber ohne Sirene vorbei. Darin zwei Cops, die Reacher keines Blickes würdigten. Sie waren zu einem weit vor ihnen liegenden Ziel unterwegs. Möglicherweise zu einem Unfall.

Zwei weitere Autos hielten beinahe, eines aus Süden, eines aus Norden kommend, im Abstand von wenigen Minuten. Beide Fahrer wurden langsamer, zögerten, starrten Reacher an, gaben dann wieder Gas und fuhren weiter. Schon besser, dachte Reacher. Bald ist’s so weit. Vielleicht trug die späte Stunde dazu bei. Um Mitternacht hatten die Leute mehr Mitleid als mittags. Und nächtliche Autofahrten fühlten sich ohnehin ein bisschen ungemütlich an. Bis zur Mitnahme eines Unbekannten war es dann kein allzu großer Schritt mehr.

Hoffentlich.

Ein weiterer Fahrer nahm ihn äußerst gründlich unter die Lupe, gab aber wieder Gas.

Ein anderer ebenfalls.

Reacher spuckte in die Hände und strich sich das Haar glatt nach hinten.

Er lächelte weiter.

Er blieb optimistisch.

Und nach dreiundneunzig Minuten an der Einfahrt hielt endlich doch ein Auto, um ihn mitzunehmen.

2

Der Wagen stoppte drei Meter vor ihm. Er hatte ein hiesiges Kennzeichen, war vernünftig groß, ein amerikanischer Wagen, dunkel lackiert. Ein Chevrolet, vermutete Reacher, wahrscheinlich dunkelblau, grau oder schwarz. Im gelblichen Licht der Natriumdampflampen war das schwer festzustellen. Dunkle Metalliclacke sahen nachts alle gleich aus.

Das Auto war mit drei Personen besetzt: vorn zwei Männer, auf dem Rücksitz eine Frau. Die beiden Männer saßen leicht nach hinten gedreht da, als fände zwischen den dreien eine lebhafte Diskussion statt. Wie in einer Demokratie. Sollen wir diesen Kerl mitnehmen oder nicht? Was Reacher vermuten ließ, dass sie einander nicht sehr gut kannten. Bei Freunden fielen solche Entscheidungen gewöhnlich intuitiv. Diese drei waren vielleicht Geschäftskollegen, ein vorübergehend zusammengewürfeltes Dreierteam mit einem gewissen Respekt vor der Stellung der jeweils anderen, vor allem der einzigen Frau unter ihnen.

Reacher sah die Frau nicken und las ihr das Wort ja von den Lippen ab. Dann drehten sich die Männer wieder nach vorn, und der Wagen rollte an. Er hielt so neben Reacher, dass das Beifahrerfenster sich auf Höhe seiner Hüfte befand. Die Scheibe wurde heruntergefahren. Reacher beugte sich hinunter und spürte Wärme auf dem Gesicht. Die Heizung dieses Autos funktionierte sehr gut. Das stand verdammt fest.

Der Kerl auf dem Beifahrersitz fragte: »Wohin sind Sie heute Nacht unterwegs, Sir?«

Nach dreizehn Jahren als Militärpolizist in der Army hatte Reacher sich anschließend fast ebenso lange allein durchs Leben geschlagen und beide Phasen unbeschadet überstanden, indem er angemessen vorsichtig, verhalten und wachsam geblieben war. Ob man eine angebotene Mitfahrgelegenheit nutzte oder nicht, hing in erster Linie vom Geruch ab. Konnte er Bier riechen? Gras? Bourbon? Doch diesmal roch er gar nichts. Er hatte sich gerade einen Nasenbeinbruch zugezogen, sodass die Nasengänge zugeschwollen und mit Blut verklumpt waren. Vielleicht würde die Nasenscheidewand verformt bleiben. Dass er niemals mehr etwas riechen würde, lag durchaus im Bereich des Möglichen.

In dieser Situation war der Tastsinn keine Option. Auch der Geschmackssinn nicht. Reacher konnte nichts erfahren, indem er wie ein Blinder herumgrapschte oder Dinge anleckte. Folglich blieben nur Hören und Sehen übrig. Er hörte die neutrale Stimme des Beifahrers, keinen ausgeprägten Regionalakzent, eine gebildete Stimme, aus der Autorität und Führungserfahrung sprachen. Bei allen dreien sah er gepflegte Hände ohne Schwielen, wenig ausgeprägte Muskeln, gut sitzende Frisuren, keine Sonnenbräune. Büromenschen. Nicht aus der Chefetage, aber weit über der untersten Ebene. Sie schienen so um die Mitte vierzig zu sein: ungefähr in der Lebensmitte angelangt, aber mit mehr als der Hälfte ihrer Berufslaufbahn hinter sich. In der Army wären sie vielleicht Oberstleutnante gewesen. Leistungsträger, aber keine Superstars.

Alle drei trugen eine schwarze Hose und ein Hemd aus blauem Jeansstoff. Wie eine Uniform. Die Hemden sahen neu und billig aus, noch mit Falten aus der Zellophanhülle. Sie sollten Teamgeist fördern, vermutete Reacher. Irgendein Scheiß, den sich die Personalabteilung ausgedacht hatte. Man fliegt kleine Gruppen aus der mittleren Führungsebene in die Wildnis der Great Plains, gibt ihnen Hemden und stellt ihnen Aufgaben. Vielleicht bewirkte das ganze Buhei, dass sie sich unternehmungslustig fühlten und ihn deshalb mitnahmen. Und weil es später vielleicht gegenseitige Kritik geben würde, hatte zuerst diese demokratische Diskussion zwischen ihnen stattgefunden. Teams brauchten Teamwork, und Teamwork brauchte Einigkeit, und Einigkeit musste freiwillig sein, und Genderthemen waren immer heikel. Tatsächlich war Reacher ein wenig überrascht, dass die Frau nicht fuhr oder vorn rechts saß. Allerdings hätte Fahren, wenn sich zwei Männer im Auto befanden, leicht als untergeordnete Tätigkeit gelten können. Wie Kaffeeholen.

Ein Minenfeld.

»Ich will nach Osten«, sagte Reacher.

»Nach Iowa?«, fragte der Beifahrer.

»Durch Iowa«, antwortete Reacher. »Bis nach Virginia.«

»Steigen Sie ein«, sagte der Mann. »Wir nehmen Sie ein Stück mit.«

Die Frau saß hinten rechts, deshalb ging Reacher um das Heck des Wagens herum und stieg auf der Fahrerseite ein. Er nahm auf der Rückbank Platz und schloss die Tür. Die Frau nickte ihm ein bisschen schüchtern zu. Vielleicht auch vorsichtig. Vielleicht wegen seiner gebrochenen Nase. Vielleicht machte dieser Anblick sie nervös.

Der Typ am Steuer blickte in den Außenspiegel und fuhr wieder an.

3

Der County Sheriff hieß Victor Goodman, was die meisten Leute sehr passend fanden. Er war ein guter Mann und blieb bei allem, was er sich vornahm, fast immer erfolgreich. Allerdings bestand keine notwendige Verbindung zwischen seinen Namenshälften. Er hatte nicht deshalb Erfolg, weil er gut, sondern weil er clever war. Clever genug, um seine früheren Entscheidungen noch einmal zu überprüfen, bevor er weitermachte. Zwei Schritte vor, einen zurück. Das war sein System. Es funktionierte gut. Das hatte es schon immer getan. Und in diesem Augenblick brachte es ihn zu der Überzeugung, sein allgemeiner Fahndungsaufruf sei voreilig gewesen.

Weil die Tat in dem Betonbunker gravierende Fragen aufwarf. Der Mann in der grünen Winterjacke war im Prinzip hingerichtet worden. Sogar einem Attentat zum Opfer gefallen. Den Tod hatte er durch eiskalt berechnete Messerstiche gefunden. Es hatte keinen Streit, keine Rangelei gegeben, die eskaliert war. Dies war professionelles Vorgehen, direkt aus der Major League. Was im ländlichen Nebraska selten vorkam. Genauer gesagt so gut wie nie.

Deshalb hatte Goodman als Erstes das FBI in Omaha angerufen, um es über den Fall zu informieren. Er war viel zu clever, um sich Sorgen wegen Revierkämpfen zu machen. Und zweitens hatte er nochmals über die zwei Männer in dem roten Auto nachgedacht. Feuerwehrrot, hatte der Augenzeuge es genannt. Leuchtend rot. Was keinen Sinn ergab. Es war viel zu auffällig, um von Profis als Fluchtfahrzeug benutzt zu werden. Zu schrill. Zu leicht zu merken. Also hatten die beiden Kerle vermutlich irgendwo in der Nähe ein zweites Fahrzeug versteckt gehabt. Vermutlich waren sie hingefahren und umgestiegen.

Und es dauerte nur Sekunden, zwei Jacketts auszuziehen. Was die Hemden betraf, war der Augenzeuge sich seiner Sache nicht so sicher. Weiß, glaubte er. Im Prinzip. Oder cremeweiß. Vielleicht gestreift. Oder kariert. Oder irgendwas. Keine Krawatten. Oder vielleicht hatte einer der beiden eine Krawatte getragen.

Also setzte Goodman sich wieder mit Highway Patrol und Hubschrauberstaffel in Verbindung und änderte seinen Fahndungsaufruf ab: Jetzt suchte er alle Männer, die zu zweit in irgendeinem Fahrzeug unterwegs waren.

Der Kerl auf dem Beifahrersitz drehte sich recht freundlich um und sagte: »Was ist mit Ihrem Gesicht passiert, wenn ich fragen darf?«

Reacher sagte: »Ich bin gegen eine Tür gelaufen.«

»Wirklich?«

»Nein, nicht wirklich. Ich bin gestolpert und hingeknallt. Nichts Aufregendes. Einfach nur Pech gehabt.«

»Wann?«

»Letzte Nacht.

»Tut es weh?«

»Nichts, wogegen ein Aspirin nicht helfen würde.«

Der Typ drehte sich noch etwas weiter um und sah die Frau an, dann den Fahrer. »Haben wir ein Aspirin dabei? Um diesem Mann zu helfen?«

Reacher lächelte. Ein Team, das bereitstand, um große oder kleine Probleme zu lösen. Er sagte: »Machen Sie sich deswegen keine Sorgen.«

Die Frau sagte: »Ich habe welche.« Sie beugte sich vor und nahm ihre Umhängetasche vom Wagenboden, wühlte darin herum. Der Kerl auf dem Beifahrersitz beobachtete sie aufmerksam. Er wirkte aufgeregt. Eine Aufgabe war gestellt worden und würde gelöst werden. Die Frau brachte eine flache Schachtel Aspirin zum Vorschein. Sie schüttelte eine Tablette heraus.

»Gib ihm zwei«, meinte der Kerl vor ihr. »Er sieht aus, als könnte er sie brauchen. Ach was, gib ihm drei.«

Was in Reachers Ohren wie ein Befehl klang. Es konnte in der Abschlussbesprechung übel vermerkt werden. Vielleicht benötigte die Frau die Tabletten für sich selbst. Vielleicht gegen Monatsbeschwerden, und es war ihr peinlich, das zuzugeben. Möglicherweise zog der Kerl auf dem Vordersitz einen doppelten Bluff ab. Vielleicht war er so unangreifbar, dass er damit durchkam, Beherrschung als Überschwang zu verkaufen.

Reacher sagte: »Eine reicht, danke.«

Die Frau ließ die kleine weiße Tablette von ihrer Hand in seine gleiten. Der Mann vor ihr reichte eine Flasche Wasser nach hinten. Ungeöffnet und noch gekühlt. Reacher warf die Tablette ein, öffnete den Flaschenverschluss, der laut knackte, und trank reichlich.

»Danke«, sagte er. »Ich bin Ihnen wirklich dankbar.«

Er gab die Flasche zurück. Der Kerl rechts vorn nahm sie entgegen und bot sie dem Fahrer an. Dieser schüttelte stumm den Kopf. Er konzentrierte sich auf die Straße, hielt die Geschwindigkeit zwischen siebzig und achtzig Meilen. Er war etwas über einen Meter achtzig groß, schätzte Reacher, hatte aber schmale Schultern und eine schlechte Haltung. An seinem dünnen Hals war kein Haarflaum zu erkennen. Ein frischer Haarschnitt herkömmlicher Art. Keine Ringe an den Fingern. Die Ärmel des billigen Jeanshemds waren zu kurz für ihn. Er trug eine Armbanduhr mit mehreren komplizierten Skalen.

Der Mann auf dem Beifahrersitz war kleiner, aber breiter. Nicht eigentlich fett, aber mehr als einmal Hamburger pro Woche konnte den Ausschlag geben. Sein Gesicht sah faltenlos rosa aus. Sein Haar war heller als das des Fahrers, aber ebenso kurz geschnitten und sauber gescheitelt wie das eines Schuljungen. Sein Hemd hatte zu lange Ärmel, spannte um den Bauch herum und saß an den Schultern locker. Der steife Kragen des noch nicht gewaschenen Hemds schnitt in seinen fleischigen Hals ein.

Aus der Nähe betrachtet, schätzte Reacher die Frau ein, zwei Jahre jünger als die Männer. Eher Anfang als Mitte vierzig. Ihr rabenschwarzes Haar war zu einem Nackenknoten geschlungen. Oder zu einem Chignon. Oder zu irgendwas anderem. Mit Frisuren kannte Reacher sich nicht aus. Sie schien mittelgroß und schlank zu sein. Ihre Jeansbluse, kleiner als die Jeanshemden der Männer, saß sehr locker. Die Frau sah attraktiv aus, aber auf eher nüchtern strenge Art. Blasses Gesicht, große Augen, reichlich Make-up. Sie wirkte müde und fühlte sich leicht unbehaglich. Vielleicht von dem Firmenscheiß nicht recht begeistert, was sie nach Reachers Auffassung zur sympathischsten der drei Personen machte.

Der Kerl auf dem Beifahrersitz drehte sich nochmals um, streckte ihm seine rundliche glatte Hand hin und sagte: »Übrigens, ich bin Alan King.«

Reacher schüttelte ihm die Hand und sagte: »Jack Reacher.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Reacher.«

»Ebenso, Mr. King.«

Der Fahrer sagte: »Don McQueen«, aber er versuchte nicht, ihm die Hand zu geben.

»Wie wahrscheinlich ist das denn?«, fragte Reacher. »King und McQueen.«

King sagte: »Geschenkt, okay?«

Die Frau streckte ihm ihre Hand hin, die kleiner, blasser und knochiger als die von King war.

Sie sagte: »Ich bin Karen Delfuenso.«

»Freut mich, Karen«, erwiderte Reacher und schüttelte ihr die Hand. Sie hielt sie einen Augenblick länger in ihrer als erwartet. Dann nahm McQueen plötzlich den Fuß vom Gas und bremste, sodass sie alle ein wenig nach vorn kippten. Vor ihnen leuchteten wie ein roter Wall Bremslichter auf.

Und weit voraus konnte man die roten und blauen Blinkleuchten mehrerer Streifenwagen ausmachen.

4

Zwei Schritte vor, einen zurück. Prüfen und noch mal prüfen. Sheriff Victor Goodman beschäftigte sich erneut mit dem zweiten Wagen, in den die beiden Männer seiner Ansicht nach umgestiegen waren. Er versuchte, so gut wie das für einen Mann in der Provinz möglich war, auf dem Laufenden zu bleiben, was nicht einfach war; denn vor ungefähr einem Jahr hatte er in einem Bulletin der Heimatschutzbehörde gelesen, bei Nacht sei Dunkelblau für Überwachungskameras am schlechtesten zu erkennen. Jacken, Mützen, Autos, was auch immer – Dunkelblau war kaum mehr als ein Loch in der Nachtluft. Schwer zu sehen, schwer zu definieren. Nicht dass es in Goodmans County irgendwelche Überwachungskameras gegeben hätte. Aber er rechnete sich aus, was für elektronische Objektive gelte, würde wohl auch für menschliche Augen zutreffen. Und er vermutete, die beiden Männer würden sich mit solchen Dingen auskennen. Deshalb konnte ihr versteckt gewesener zweiter Wagen dunkelblau sein.

Oder auch nicht.

Was sollte er also tun?

Letzten Endes tat er nichts. Was ihm als die klügste Wahl erschien. War seine Vermutung falsch, war es kontraproduktiv, an den Straßensperren besonders auf dunkelblaue Autos zu achten. Also ließ er seinen revidierten Fahndungsaufruf unverändert: zwei unbekannte Männer in einem unbekannten Wagen.

An dieser Stelle war die Interstate sechsspurig, und die drei nach Osten führenden Spuren waren voll mit Fahrzeugen. Limousinen, Lastwagen; SUVs krochen vorwärts, bremsten, hielten, warteten und krochen weiter. McQueen trommelte frustriert mit den Fingern aufs Lenkrad. King starrte geduldig durch die Frontscheibe nach vorn. Auch Delfuenso starrte nach vorn – allerdings sorgenvoll, als fürchtete sie, sich zu verspäten.

In die Stille hinein fragte Reacher: »Wohin seid ihr Leute eigentlich unterwegs?«

»Chicago«, antwortete King.

Womit Reacher insgeheim sehr zufrieden war. In Chicago gab es genug Busse. Massenhaft morgendliche Abfahrten. Nach Süden durch Illinois, nach Osten durch Kentucky, dann war man gleich in Virginia. Gute Neuigkeiten. Aber das sagte er nicht laut. Es war spätnachts, sodass vielleicht ein mitfühlender Tonfall angebracht war.

Er sagte: »Bis dorthin ist’s noch weit.«

»Sechshundert Meilen«, erklärte King.

»Und woher kommen Sie?«

Der Wagen hielt, fuhr ein kleines Stück weiter und hielt wieder.

»Wir waren in Kansas«, sagte King. »Bisher hatten wir keinen Verkehr, keine Verzögerungen. Dies hier ist unser erster Halt seit über drei Stunden.«

»Das ist ziemlich gut.«

»Allerdings! Auf der ganzen Strecke nie langsamer als sechzig. Ich glaube, dass Don hier buchstäblich zum ersten Mal gebremst hat. Hab ich recht, Don?«

McQueen sagte: »Außer als wir Mr. Reacher mitgenommen haben.«

»Stimmt«, erwiderte King. »Vielleicht hat das den Bann gebrochen.«

Reacher fragte: »Sind Sie geschäftlich unterwegs?«

»Immer.«

»In welcher Branche?«

»Software.«

»Tatsächlich?«, fragte Reacher, der höflich sein wollte.

»Wir sind keine Programmierer«, meinte King. »Die kennen nur Pizza und Skateboards. Wir arbeiten im Vertrieb.«

»Ihr Leute arbeitet schwer.«

»Immer«, widerholte King.

»Reise bisher erfolgreich?«

»Nicht allzu schlecht.«

»Ich dachte, Sie seien unterwegs, um das Team zusammenzuschweißen. Wie bei einer Übung. Oder Exerzitien.«

»Nein, bloß normale Geschäfte.«

»Wozu dann die Sache mit den Hemden?«

King lächelte.

»Die fallen auf, was?«, fragte er. »Der neue Stil unserer Firma. Die ganze Woche lang Freizeitkleidung – nicht nur freitags. Aber als Markenzeichen wie Spielertrikots. So funktioniert der Softwarevertrieb heutzutage. Der Wettbewerb ist brutal.«

»Leben Sie hier in Nebraska?«

King nickte. »Sogar nicht allzu weit von hier entfernt. In Omaha haben sich jetzt viele Hightechfirmen angesiedelt. Viel mehr, als man denken würde. Das dortige Geschäftsklima ist gut.«

Ihr Wagen rollte vorwärts, bremste, hielt, fuhr wieder ein Stück weiter. Dies war McQueens Privatauto, vermutete Reacher. Kein Mietwagen. Kein Firmenwagen. Zu abgenutzt, zu unordentlich. Der Kerl musste bei der Auslosung verloren haben. Als Fahrer für diesen Trip eingeteilt. Oder als Fahrer für alle Trips. Vielleicht war er das Mädchen für alles. Oder er fuhr nur gern. Ein Straßenkrieger. Ein Straßenkrieger auf einer Auszeit von seiner Familie. Weil er eindeutig ein Familienmensch und dies ein Familienauto war. Aber nur ein wenig. Es enthielt nur ein paar Kindersachen. Auf dem Wagenboden lag ein glitzerndes rosa Haarband. Nichts, was eine Frau tragen würde, vermutete Reacher. Und in der Mittelkonsole lag ein kleines Plüschtier mit abgewetztem Fell, an dem schon viel herumgekaut worden war. Eine Tochter, dachte Reacher. Irgendwo zwischen acht und zehn Jahren. Genauer konnte er ihr Alter nicht schätzen. Von Kindern verstand er sehr wenig.

Aber die Kleine hatte eine Mutter oder Stiefmutter, McQueen eine Frau oder Freundin. Das war klar. Überall lag feminines Zeug herum. Reacher sah eine mit Blumen bedruckte Kleenex-Schachtel, und in der Konsole lag gleich neben dem Plüschtier ein alter Lippenstift. Der Zündschlüssel hing sogar an einem Kristallanhänger. Hätte Reacher etwas riechen können, hätte er bestimmt einen Hauch von Parfüm in den Polstern wahrgenommen.

Reacher fragte sich, ob McQueen seine Familie fehlte. Vielleicht war der Kerl auch rundum zufrieden. Oder er mochte seine Familie nicht. Dann fragte McQueen: »Und was ist mit Ihnen, Mr. Reacher? In welcher Branche sind Sie tätig?«

»In gar keiner«, entgegnete Reacher.

»Sie sind Taglöhner, meinen Sie? Nehmen, was Ihnen angeboten wird?«

»Nicht mal das.«

»Soll das heißen, dass Sie arbeitslos sind?«

»Aber aus freien Stücken.«

»Seit wann?«

»Seit ich die Army verlassen habe.«

Darauf antwortete McQueen nicht, weil er nun abgelenkt wurde. Vor ihnen drängte der Verkehr sich auf der rechten Fahrspur zusammen. Diese Manöver in Zeitlupe kosteten die meiste Zeit. Ein Unfall, vermutete Reacher. Vielleicht war ein Wagen ins Schleudern geraten, von den Leitplanken abgeprallt und von anderen gerammt worden. Nur merkwürdig, dass es hier keine Feuerwehr gab. Keine Krankenwagen. Keine Abschleppwagen. Die Blinkleuchten befanden sich alle in gleicher Höhe auf den Autodächern. Sie waren so zahlreich und blinkten so eifrig, dass sie ein ständiges blau-rotes Leuchten erzeugten. Der Wagen kroch weiter. Anfahren, halten, anfahren, halten. Fünfzig Meter vor dem blau-roten Lichtermeer setzte McQueen seinen Blinker und quetschte sich in die rechte Spur. Nun konnte Reacher erkennen, woraus das Hindernis bestand.

Es war kein Unfallwagen.

Es war eine Straßensperre.

Der nächste Streifenwagen parkte schräg auf der linken Spur, und das wiederum nächste Polizeiauto im selben Winkel auf der mittleren Spur. Diese Schräge wies auf die rechte Spur, auf die nun alle Autofahrer wechseln mussten. Weitere Streifenwagen – insgesamt sechs – waren so aufgestellt, dass jeder Fahrer mühsam rechtwinklig abbiegen und durch eine lange Gasse zur linken der drei Fahrspuren der Interstate hinüberfahren musste, bevor er wieder Gas geben durfte.

Eine gut organisierte Straßensperre, fand Reacher. Der Stau garantierte, dass die Autos nur langsam herankamen, und die beiden rechten Winkel, die jeder Fahrer passieren musste, sorgten für langsames Tempo innerhalb der Sperre. Dass alle Fahrzeuge genau und gründlich durchsucht werden konnten, garantierte die lange schmale Durchfahrt zwischen den Cop Cars. Dies war nicht jemandes erstes Rodeo.

Aber wozu? Acht Streifenwagen bedeuteten eine Menge Aufwand. Und Reacher konnte schussbereite Schrotflinten sehen. Diese Straßensperre war keine Routineangelegenheit. Hier ging es nicht nur um Sicherheitsgurte oder Kennzeichen. Er fragte: »Haben Sie Nachrichten gehört? Ist irgendwas Schlimmes passiert?«

»Keine Aufregung«, antwortete King. »Das kommt gelegentlich vor. Wahrscheinlich ein ausgebrochener Häftling. Westlich von hier gibt’s ein paar große Strafanstalten, aus denen immer wieder Leute türmen. Verrückt, was? Kann doch nicht so schwer sein, die drinzubehalten. Da sind doch Schlösser an den Türen.«

McQueen stellte Blickkontakt im Spiegel her und sagte: »Der sind hoffentlich nicht Sie.«

»Wer soll ich nicht sein?«, fragte Reacher.

»Der ausgebrochene Häftling.«

Ein Lächeln in seiner Stimme.

»Nein«, sagte Reacher. »Eindeutig nicht ich.«

»Das ist gut«, sagte McQueen. »Weil wir sonst alle Schwierigkeiten bekämen.«

Sie schoben sich in der Warteschlange zentimeterweise vorwärts. Durch einen langen Tunnel aus Front- und Heckscheiben konnte Reacher die Troopers bei der Arbeit beobachten. Sie trugen ihre breitkrempigen Hüte, hatten Schrotflinten, die sie tief hielten, und große Maglites in der freien Hand. Mit den starken Stablampen leuchteten sie in die Fahrzeuge: vorn, hinten, oben, unten, zählten Köpfe, suchten Wagenböden ab und kontrollierten manchmal Kofferräume. Waren sie zufrieden, winkten sie das Auto durch und wandten sich dem nächsten zu.

»Keine Sorge, Karen«, sagte King, ohne nach hinten zu blicken. »Du bist bald wieder zu Hause.«

Delfuenso gab keine Antwort.

King sah sich nach Reacher um und fügte erklärend hinzu: »Sie hasst lange Autofahrten.«

Reacher sagte nichts.

Sie krochen weiter. Vor ihnen blieb die Routine unverändert, aber Reacher erkannte allmählich ein System. Kofferräume durchsuchten die Troopers nur, wenn ein Mann allein am Steuer saß, was Kings Theorie von einem ausgebrochenen Häftling widerlegte. Es gab keinen Grund, weshalb ein Ausbrecher nicht im Kofferraum eines Wagens versteckt sein sollte, in dem zwei, drei oder vier Personen saßen. Oder fünf, sechs oder eine ganze Busladung. Viel wahrscheinlicher war, dass die Troopers den Tipp bekommen hatten, ein einzelner Kerl transportiere etwas, das sperrig und gesetzwidrig war. Drogen, Waffen, Bomben, Diebesgut, was auch immer.

Langsam ging es weiter. Nun befanden sie sich an dritter Stelle. In den beiden Wagen vor ihnen saßen nur einzelne Fahrer. Beide mussten ihren Kofferraum öffnen. Beide wurden durchgewinkt. McQueen rollte vor und hielt dort, wo ein Trooper es ihm signalisierte. Ein Uniformierter trat vor den Wagen und ließ den Lichtstrahl seiner Stablampe über das Kennzeichen gleiten. Vier weitere Männer traten seitlich heran, leuchteten den ganzen Innenraum mit Maglites aus, zählten die Insassen. Dann trat der vordere Kerl beiseite, und der Mann neben McQueen winkte ihn durch, indem er eine rasche, drängende Handbewegung machte.

McQueen fuhr weiter, bog erst scharf links, dann rechts ab und hatte nun tausend Meilen sanft gewellte Leere vor sich. Er atmete aus und lehnte sich in seinen Sitz zurück. Neben ihm atmete King auf und ließ sich ebenfalls in seinen Sitz zurücksinken. McQueen gab Gas. Der Wagen beschleunigte und raste nach Osten davon, als dürfte er keine Zeit mehr verlieren.

Eine Minute später sah Reacher ein weiteres Fahrzeug ebenso schnell aus der Gegenrichtung herankommen. Ein dunkler Ford Crown Victoria mit blauen Blinkleuchten hinter dem Kühlergrill. Offenbar ein staatlicher Dienstwagen, der zu irgendeinem Notfall unterwegs war.

5

Der dunkle Crown Victoria war ein Dienstwagen der FBI-Außenstelle Omaha. Der Agent vom Dienst, der Sheriff Goodmans Anruf entgegennahm, hatte sofort reagiert. Goodman hatte von »Profis« gesprochen, was für das FBI »organisiertes Verbrechen« bedeutete – und organisiertes Verbrechen war die Lieblingsdiät des Bureaus, weil man damit einen Ruf begründen, sich Ruhm und Beförderungen verdienen konnte. Deshalb war sofort ein Special Agent in Marsch gesetzt worden: eine mehrfach ausgezeichnete FBI-Veteranin mit zwanzig Dienstjahren, hochqualifiziert, hocherfahren und hochgeachtet.

Sie hieß Julia Sorenson, war knapp siebenundvierzig Jahre alt und tat seit knapp siebenundvierzig sehr glücklichen Monaten in Omaha Dienst. Omaha war nicht New York oder Washington, D.C., aber es war auch nicht hinterste Provinz. Es war nicht Sibirien. Nicht mal andeutungsweise. Aus irgendeinem unbekannten historischen Grund folgte das Verbrechen den Bahnstrecken, und in Nebraska lagen einige der größten Güterbahnhöfe der Welt. Aus diesem Grund waren Sorensons Talente nicht vergeudet. Sie war nicht frustriert und nicht unausgefüllt.

Sie rief, während sie fuhr, Sheriff Goodman auf seinem Handy an und teilte ihm mit, sie sei unterwegs. Die beiden vereinbarten, sich in einer Stunde am Tatort zu treffen.

Goodman saß in seinem Dienstwagen, als er diesen Anruf entgegennahm. Er hatte einen Deputy abgeordnet, der den Tatort sicherte und auf den Augenzeugen aufpasste, während alle anderen die aus dem County hinausführenden Straßen blockierten. Auf diese Weise war er die einzige verfügbare mobile Einheit. Er fuhr Streife, hielt Ausschau nach dem roten Wagen.

Sein County war groß, aber geografisch unkompliziert. Vor hundert Jahren hatte jemand ein Quadrat auf eine Landkarte gezeichnet, und bei dieser Form war es geblieben. Das Quadrat wurde zweimal durchschnitten: durch eine gut ausgebaute Fernstraße, die von links nach rechts, von Osten nach Westen führte, und eine weitere Überlandstraße von unten nach oben, von Süden nach Norden. Die beiden Straßen kreuzten sich ziemlich genau in der Mitte des Quadrats, und um diese Kreuzung herum war eine Kleinstadt mit ungefähr achttausend Einwohnern entstanden. Der Ost-West- und West-Ost-Verkehr durchs County war gering, weil die fünfzig Meilen nördlicher parallel verlaufende Interstate Verkehr abzog. Aber der Nord-Süd- und Süd-Nord-Verkehr war deutlich stärker, weil die Interstate Verkehr anzog beziehungsweise abgab. Das hatte die hiesige Geschäftswelt rasch erkannt, sodass die Straße nach Norden auf einer Länge von drei Meilen mit Tankstellen und Schnellrestaurants, Motels, Minimärkten und Cocktail-Lounges gesäumt war. Unaufgeregte Bürger hielten diesen Streifen nur für einen weiteren Geschäftsbezirk, und verklemmte Bürger nannten ihn Sin City. Er unterlag denselben Gesetzen, Vorschriften und Bestimmungen wie der Rest des Countys, aber in den vergangenen fünfzig Jahren waren diese Gesetze, Vorschriften und Bestimmungen stillschweigend sehr lax angewendet worden. Das Ergebnis waren Keno- und Pokerautomaten in den Bars, Stripperinnen in den Cocktail-Lounges, vermutete Prostitution in den Motels und ein stetiger Strom von Steuerdollars in die Kasse des Countys.

Verkehr in beiden Richtungen, genau wie auf einer zweispurigen Straße.

Goodman war nach Sin City unterwegs. Nicht aus moralischen Gründen, sondern einfach deshalb, weil sie der letzte Stopp vor der fernen Interstate und mit unbebauten Grundstücken, lange aufgegebenen Geschäften und fensterlosen Mauern aus Hohlblocksteinen durchsetzt war. Wollte man ein Fluchtfahrzeug verstecken und unbeobachtet in einen anderen Wagen umsteigen, war dies in etwa der einzige geeignete Ort der Stadt.

Er fuhr über die Kreuzung und ließ die anständigen Viertel hinter sich. Als Nächstes kam ein Feld mit Sojabohnen, dann folgte eine Viertelmeile weit ein schmaler Streifen mit landwirtschaftlichen Maschinen aus vierter Hand. Alle standen zum Verkauf, aber die meisten warteten schon so lange auf einen Käufer, dass sie festgerostet waren. Dann schlossen sich weitere Sojabohnenfelder an, hinter denen in der Ferne die Lichter von Sin City sichtbar wurden. An beiden Enden des Strips stand je eine Tankstelle, eine auf der Westseite der Straße, die andere auf der Ostseite, beide mit riesigen Parkflächen für die großen Sattelschlepper, beide von Scheinwerfern auf hohen Masten taghell angeleuchtet, beide mit hoch angebrachter Leuchtreklame, die meilenweit zu sehen war. Zwischen ihnen befanden sich die Schnellrestaurants, Motels, Bars, Minimärkte und Cocktail-Lounges – scheinbar willkürlich auf beide Straßenseiten verteilt, die meisten beleuchtet, manche nicht, alle von Schotterparkplätzen umgeben. Einige überlebten seit fünfzig Jahren, während andere schon längst dem Verfall preisgegeben waren.

Goodman begann auf der Ostseite der zweispurigen Straße. Er fuhr langsam an dem Diner vorbei, in dem er manchmal aß, lenkte mit einer Hand, bediente mit der anderen den Griff des Suchscheinwerfers an der A-Säule des Streifenwagens und leuchtete die geparkten Wagen ab. Er fuhr nach hinten, wo die Müllbehälter standen, umrundete eine Cocktail-Lounge und kontrollierte die Autos vor einem Motel, ohne etwas zu entdecken. An der Tankstelle am Ende des Strips standen einige mehr oder weniger verbeulte Limousinen in der Nähe der Ölwechselstationen, aber keine von ihnen wies eine rote Lackierung auf, und die Schmutzschicht auf den Frontscheiben ließ darauf schließen, dass sie schon längere Zeit nicht bewegt worden waren.

Goodman ließ ein Auto passieren, dann wendete er und fuhr langsam die Westseite des Strips entlang nach Süden. Hier war das erste Etablissement eine Bar aus Hohlblocksteinen, die man vor ungefähr zwanzig Jahren cremeweiß gestrichen hatte. Sie besaß keine Fenster, sondern nur Dachventilatoren, die wie Pilze aussahen. Kein rotes Auto auf ihrem Parkplatz. Als Nächstes kam eine Cocktail-Lounge, relativ gepflegt, angeblich das beste Haus von Sin City. Goodman bog von der Straße ab, um die Parkflächen neben und hinter der Bar zu kontrollieren, und plötzlich erfasste sein Suchscheinwerfer etwas.

Einen leuchtend roten Importwagen, der ordentlich hinter dem Gebäude geparkt stand.

6

Reacher lehnte sich etwas nach rechts, um an Don McQueens Kopf vorbei durch die Windschutzscheibe auf die Fahrbahn schauen zu können, wodurch er mit der Schulter ein wenig in Karen Delfuensos Bereich geriet. Um Abstand zu wahren, lehnte sie sich entsprechend weit nach rechts gegen die Tür. Reacher sah den flachen Lichtkegel der Scheinwerfer und davor nichts als Dunkelheit, während weit vor ihnen in der Ferne rote Schlussleuchten zu erkennen waren. Der Tacho zeigte achtzig Meilen in der Stunde an. Der Tank war zu drei Vierteln voll, die Kühlwassertemperatur normal. Das Firmenzeichen auf der Airbag-Abdeckung wies darauf hin, dass es sich bei dem Wagen um einen Chevrolet handelte. Der Meilenzähler stand bei etwas über vierzigtausend. Kein Neuwagen, aber auch kein altes Auto. Das Tempo, das McQueen fuhr, schaffte er mühelos.

Reacher ließ sich zurücksinken, und Delfuenso folgte seiner Bewegung. Alan King drehte sich halb nach ihm um und sagte: »Mein Bruder war in der Army. Peter King. Vielleicht haben Sie ihn gekannt.«

»Sie ist ein ziemlich großer Verein«, entgegnete Reacher.

King lächelte ein wenig verlegen.

»Klar«, sagte er. »Eine dumme Idee.«

»Die aber häufig ist. Jedermann glaubt, dass wir uns alle kennen. Ich weiß nicht, weshalb. Ich meine, wie viele Einwohner hat die Stadt, in der Sie leben?«

»Ungefähr anderthalb Millionen.«

»Kennen Sie die alle?«

»Ich kenne nicht mal meine Nachbarn.«

»Da haben Sie’s. Bei welcher Einheit hat Ihr Bruder gedient?«

»Er war Artillerist und hat den ersten Golfkrieg mitgemacht.«

»Ich auch.«

»Dann hätten Sie ihn kennen können.«

»Wir waren eine halbe Million stark. Alle haben sich dafür gemeldet.«

»Wie war’s dort?«

»Hat Ihr Bruder Ihnen das nicht erzählt?«

»Wir reden nicht miteinander.«

»Es war heiß«, sagte Reacher. »Vor allem daran erinnere ich mich.«

»Bei welcher Truppe dienten Sie?«

»Bei den Cops«, antwortete Reacher. »Militärpolizei. Genauer gesagt bei der Kriminalpolizei.«

Das quittierte King halb schulterzuckend, halb nickend, aber ohne Kommentar. Er drehte sich wieder nach vorn und starrte in die Nacht hinaus.

Auf dem Bankett leuchtete ein großes Schild auf: Welcome to Iowa.

Sheriff Goodman lenkte seinen Wagen auf den rückwärtigen Parkplatz und blendete auf. Der geparkte Importwagen war kein Toyota, kein Honda, Hyundai oder Kia, sondern ein Mazda. Ein Mazda 6, um genau zu sein. Ein Hecktürmodell, dessen Fließheck so elegant aussah, dass der Wagen eine viertürige Limousine hätte sein können. Fast neu und feuerwehrrot. Er war leer, aber noch nicht mit Tau benetzt. Er stand noch nicht lange hier.

Auf beiden Seiten des Mazdas gab es reichlich freie Parkplätze. Hinter ihm lag ein von Unkraut überwucherter fünfzehn Meter breiter Schotterstreifen; danach kam im Prinzip nichts bis zu den siebenhundert Meilen weiter westlich liegenden Außenbezirken von Denver. Vor ihm befand sich der Hinterausgang der Lounge: ein schlichtes Rechteck aus Stahl in einer lehmfarben verputzten Mauer.

Ein guter Ort. Nicht einsehbar. Keine Zeugen. Goodman stellte sich vor, wie die beiden Männer aus dem Mazda stiegen, ihre Jacketts auszogen, zu dem neuen Fluchtwagen gingen und damit verschwanden.

Zu welchem neuen Wagen?

Keine Ahnung.

Um wohin zu fahren?

Bestimmt nicht nach Osten oder Westen, denn dazu hätten sie erst nach Süden, zurück zur Kreuzung, fahren müssen, und niemand lässt sich mit dem Fluchtfahrzeug noch mal in der Nähe des Tatorts blicken. Also waren sie offenbar nach Norden unterwegs. Weil in dieser Richtung die Interstate lag, die gleich jenseits des dunklen Horizonts auf sie wartete.

Folglich waren sie längst über alle Berge. Sie hatten das County bereits verlassen, bevor seine Deputys die Straßensperre errichten konnten, oder sie kurze Zeit später unentdeckt passiert, weil seine Deputys noch Ausschau nach einem leuchtend roten Wagen hielten.

Goodmans eigene Schuld, das wusste er recht gut.

Er meldete sich über Funk und wies seine Leute an, die Straßensperren aufzuheben. Erklärte ihnen auch genau, weshalb. Er teilte zwei dazu ein, den Parkplatz der Cocktail-Lounge zu bewachen, und wies die anderen an, wieder normal Dienst zu tun. Er rief den Dispatcher der Highway Patrol an, der ebenfalls keine guten Nachrichten für ihn hatte. Er sah auf seine Uhr, berechnete Zeit, Geschwindigkeit und Entfernung, atmete mehrmals tief durch, ließ den Motor seines Streifenwagens an und fuhr wieder an den Tatort zurück, um sich dort mit Special Agent Julia Sorenson zu treffen.

Seine Schuld.

Die beiden Männer hatten den Staat bereits verlassen.

Nun war das FBI für den Fall zuständig.

7

Julia Sorenson fand die Kreuzung ohne Schwierigkeiten, was nicht besonders überraschend war, weil ihr Navi sie als einzig wichtigen Punkt in meilenweitem Umkreis darstellte. Sie bog wie angewiesen rechts ab, fuhr ungefähr hundert Meter weit nach Westen auf helle Scheinwerfer und einen Betonbunker zu, neben dem der Wagen des Sheriffs und ein Streifenwagen parkten.

Der Tatort, genau wie beschrieben.

Die Fahrzeuge waren Crown Vics wie ihr Dienstwagen, aber in den Farben des Countys lackiert und mit Stoßstangen vorn und hinten sowie Blinkleuchten auf dem Dach nachgerüstet. Der Bunker war schwieriger zu erklären. Er war rechteckig, ungefähr sechs Meter lang, viereinhalb Meter breit und drei Meter hoch. Er hatte keine Fenster und ein flaches Betondach. Seine Stahltür sah verbogen, abgewetzt und verbeult aus. Das ganze Gebäude wirkte alt und unzeitgemäß. Dem Beton hatten Wind und Wetter zugesetzt: Er war rissig und angefressen, wies vereinzelt faustgroße Löcher auf. Braune Feuersteine waren freigelegt worden – manche glatt, andere gesprungen und zersplittert.

Sorenson parkte hinter dem zweiten Streifenwagen und stieg aus. Sie war eine große Frau, offensichtlich skandinavischer Herkunft, eher attraktiv als hübsch, mit langem aschblondem Haar, dessen Farbe ein wenig aufgehellt zu sein schien. Zu ihrer schwarzen Hose trug sie eine schwarze Jacke mit einer blauen Bluse darunter. Sie hatte feste schwarze Schuhe an den Füßen und eine birnenförmige Umhängetasche über der Schulter. Darin transportierte sie ihre ganzen Sachen außer ihrer Pistole, die an der linken Hüfte hing, und dem Lederetui mit ihrer Plakette, das in einer Hosentasche steckte.

Sie zog das Etui heraus, klappte es auf und ging damit auf den Sheriff zu. Er war etwa zwanzig Jahre älter als sie, ziemlich muskulös, aber nicht groß – ähnlich wie ein Footballspieler. Für einen alten Mann nicht schlecht. Über seinem Uniformhemd trug er eine Winterjacke. Keine Handschuhe, obwohl die Nacht kalt war. Sie gaben sich die Hand und standen dann sekundenlang schweigend vor dem Betonbunker, als überlegten sie, wo sie anfangen sollten.

»Erste Frage«, begann Sorenson. »Was ist das hier?«

Goodman sagte: »Eine alte Pumpstation. Sie hat Grundwasser gefördert.«

»Jetzt aufgegeben?«

Goodman nickte. »Der Grundwasserspiegel ist gefallen. Wir mussten tiefer bohren. Die neue Pumpstation befindet sich ungefähr eine Meile von hier.«

»Liegt der Tote noch dort drin?«

Goodman nickte. »Wir haben auf Sie gewartet.«

»Wer ist bisher drin gewesen?«

»Nur der Arzt und ich.«

»Ziemlich viel Blut.«

»Ja«, sagte Goodman, »das stimmt.«

»Sind Sie reingetreten?«

»Das konnten wir nicht vermeiden. Wir mussten uns davon überzeugen, dass der Mann tot war.«

»Was haben Sie angefasst?«

»Nur Handgelenk und Hals, um vielleicht seinen Puls zu fühlen.«

Sorenson ging in die Hocke und öffnete ihre birnenförmige Umhängetasche. Sie holte Überschuhe aus dünnem Kunststoff für ihre Füße, Latexhandschuhe für ihre Hände und eine Kamera heraus. Dann setzte sie einen Fuß in die klebrige Lache und zog die Bunkertür auf. Eine Angel quietschte, die andere kreischte. Gemeinsam klangen die beiden Geräusche wie der wilde Schrei einer Todesfee. Sie setzte den zweiten Fuß in die Blutlache.

»Drinnen gibt’s Licht«, sagte Goodman.

Sie fand den Lichtschalter, mit dem sich eine Glühbirne in einem Drahtkäfig an der Decke einschalten ließ. Alte Glühbirne, alter Drahtkäfig. Schätzungsweise zweihundert Watt. Klarglas. Die Birne gab helles, hartes, schattenloses Licht ab. Sie sah die Enden zweier großer alter Rohre, die mit ungefähr drei Meter Abstand aus dem Betonboden kamen. Beide Rohre hatten etwa dreißig Zentimeter Durchmesser; sie waren in industriellem Grün lackiert gewesen, das jetzt abgeblättert und rostfleckig war. Beide wiesen oben eine Öffnung auf und endeten mit breiten Kragen, an die weiterführende Leitungen angeflanscht gewesen waren. Ein städtisches Leitungssystem, lange außer Betrieb. Sorenson vermutete, durch ein Rohr sei viele Jahre lang Grundwasser heraufgekommen und durch die zweite Leitung unterirdisch in einen in der Nähe gelegenen Wasserturm gepumpt worden. Aber dann hatten die Pumpen immer weniger Wasser gefördert, und es war Zeit für eine neue Bohrung geworden. Bewässerung, Einwohnerzuwachs und Hauswasserversorgung. Sorenson hatte die Zahlen im Kopf. Neuneinhalb Billionen Liter Grundwasser pro Jahr – mehr als sonst wo außer Texas und Kalifornien.

Sie bewegte sich weiter.

Außer den Wasserrohren gab es alten Schmutz auf dem Boden, eine mehrere Generationen alte massive Schalttafel an einer Wand und an der Wand gegenüber einen verblassten Leitungsplan, der Art und Funktion der Pumpen erklärte, die früher ein Rohr mit dem anderen verbunden hatten. Und das war’s bereits, was permanente Infrastruktur betraf.

Die nichtpermanente Infrastruktur waren der tote Mann und sein Blut. Er lag auf dem Rücken, hatte Ellbogen und Knie angewinkelt wie eine Karikatur eines Mannes, der eine altmodische Nummer tanzt. Sein Gesicht war eine blutige Masse, sein Rumpf mit Blut bedeckt, und er lag in einer riesigen Blutlache. Er schien ungefähr vierzig zu sein, obwohl das schwer zu beurteilen war, trug eine grüne Winterjacke aus abgestepptem Leinen mit Isolierfutter, nicht alt, aber auch nicht neu. Die Jacke war nicht zugeknöpft oder mit einem Reißverschluss geschlossen. Sie stand offen und ließ einen grauen Pullover und ein cremeweißes Hemd sehen. Hemd und Pullover wirkten abgetragen und schmutzig. Beide Kleidungsstücke waren bis über den Brustkorb hochgezogen.

Der Tote wies zwei Verletzungen durch Messer auf. Eine war ein waagrechter Schnitt, der drei Zentimeter über den Augenbrauen quer über die Stirn verlief, die zweite ein Stich etwa in Nabelhöhe in die rechte Rumpfseite. Das meiste Blut stammte aus dieser Wunde. Der Nabel des Mannes glich einem Fingerhut voll Blut, das langsam antrocknete.

Sorenson fragte: »Wie sehen Sie die Sache, Sheriff?«

Von draußen antwortete Goodman: »Sie haben ihm die Stirnwunde beigebracht, um ihn zu blenden. Das Blut ist ihm in die Augen gelaufen. Ein alter Trick bei Messerkämpfen. Deshalb haben wir an Profis gedacht. Und der Rest war einfach. Sie haben das Hemd hochgezogen, das Messer unter den Rippen in den Körper gestoßen und es mehrmals herumgedreht. Aber nicht energisch genug. Er hat noch ein paar Minuten gelebt.«

Sorenson nickte. Daher das viele Blut. Das Herz des Kerls hatte weiterhin gepumpt – tapfer, aber vergeblich.

Sie fragte: »Wissen Sie, wer er ist?«

»Keine Ahnung.«

»Wieso haben sie sein Hemd hochgezogen?«

»Weil sie Profis sind. Die Klinge sollte sich nicht verfangen können.«

»Genau«, bestätigte Sorenson. »Die Klinge muss ziemlich lang gewesen sein, finden Sie nicht auch? Damit es bis in den Brustraum gereicht hat?«

»Zwanzig Zentimeter, vielleicht auch mehr.«

»Hat der Augenzeuge ein Messer gesehen?«

»Davon hat er nichts gesagt. Aber Sie können ihn selbst fragen. Er sitzt im Wagen meines Deputys. Damit er’s warm hat.«

Sorenson fragte: »Warum haben sie keine Pistole benutzt? Eine Kaliber .22 mit Schalldämpfer wäre typischer, wenn dies ein Auftragsmord war.«

»Trotzdem laut, in einem geschlossenen Raum.«

»Ziemlich weit von den nächsten Häusern entfernt.«

»Dann weiß ich nicht, warum sie’s nicht getan haben«, sagte Goodman.

Sorenson benutzte ihre Kamera und machte Fotos: mit Weitwinkel, um die Gesamtsituation zu zeigen, mit Zoom, um Details festzuhalten. Sie fragte: »Darf ich ihn anfassen? Ich möchte sehen, ob er einen Ausweis bei sich hat.«

Goodman sagte: »Dies ist Ihr Fall.«

»Wie das?«

»Die Täter haben den Staat inzwischen verlassen.«

»Stimmt, wenn sie nach Osten gefahren sind.«

»Und wenn sie nach Westen gefahren sind, ist’s nur eine Frage der Zeit. Sie sind anscheinend durch die Straßensperren gekommen.«

Sorenson schwieg.

»Sie sind hier in ein anderes Auto umgestiegen«, sagte Goodman.

»Oder Autos«, erklärte Sorenson. »Vielleicht haben sie sich getrennt und sind einzeln weitergefahren.«

Goodman dachte an die freien Plätze auf beiden Seiten des geparkten Mazdas. Dachte an seinen letzten Fahndungsaufruf: Zwei unbekannte Männer in einem unbekannten Wagen. Er sagte: »An diese Möglichkeit habe ich nicht gedacht. Schätze, ich hab Mist gebaut.«

Sorenson widersprach nicht, bewegte sich nur vorsichtig durch die Blutlache und ging an der trockensten Stelle, die sie finden konnte, in die Hocke. Sie streckte die linke Hand nach hinten, um das Gleichgewicht zu wahren, und benutzte die rechte Hand, um die Leiche abzutasten. Nichts in der Hemdtasche. Nichts in der Winterjacke, weder innen noch außen. Die Finger in den Latexhandschuhen färbten sich rot. Sie nahm sich die Hosentaschen vor. Wieder nichts.

Sie rief: »Sheriff? Sie müssen mir hier helfen.«

Goodman kam auf Zehenspitzen herein und machte lange Seitwärtsschritte, als bewegte er sich in großer Höhe auf einem Felsband. Sorenson sagte: »Schieben Sie einen Finger in eine Gürtelschlaufe. Wälzen Sie ihn auf den Bauch. Ich muss in seinen Hüfttaschen nachsehen.«

Goodman ging ihr gegenüber in die Hocke und schob einen Finger durch eine Gürtelschlaufe. Er sah weg, als er daran zog. Der tote Mann kam hoch, bis er auf einer Hüfte lag. Blut quoll hervor, aber sehr langsam, weil bereits die Gerinnung eingesetzt hatte, und vermengte sich mit dem Schmutz auf dem Boden zu einem roten Brei. Sorensons in Latex steckende Hand stieß wie die eines Taschendiebs zu, sondierte, stocherte und klopfte die Hüfttaschen ab.

Wieder nichts.

»Kein Ausweis«, sagte sie. »Also haben wir’s ab sofort mit einem nicht identifizierten Mordopfer zu tun. Ist das Leben nicht großartig?«

Goodman ließ den Kerl auf den Rücken zurückrollen.

8

Jack Reacher war natürlich kein Rechtsgelehrter, aber wie alle Cops im Einsatz hatte er sich gewisse Kenntnisse angeeignet – vor allem in Bezug auf die praktische Anwendung des Rechts in der wirklichen Welt, seine Finessen und seine Hintertürchen.

Und er kannte die Bereiche, die es nicht abdeckte.

Beispielsweise gab es kein Gesetz, das vorschrieb, wer Anhalter mitnahm, müsse die Wahrheit sagen.

Tatsächlich hatte Reacher die Erfahrung gemacht, dass harmlose Fantasien unwiderstehlich zu sein schienen. Vermutlich hielten viele Autofahrer nur deswegen an. Er war mit Zeitarbeitern gefahren, die sich als Manager ausgaben, mit Managern, die angeblich Unternehmer waren, mit Unternehmern, die angeblich erfolgreich waren, mit Angestellten, die sich als Firmeninhaber ausgaben, mit Krankenschwestern, die angeblich Ärztinnen waren, und mit Allgemeinärzten, die sich als Chirurgen bezeichneten. Die Leute schlugen gern ein kleines Rad. Sie genossen es, ein, zwei Stunden lang ein anderes Leben zu führen, es zu erproben, es zu schmecken, sich in falschem Glanz zu sonnen.

Kein Schaden, kein Foul.

Alles nur zum Spaß.

Aber Alan Kings Lügen waren anders.

In dem, was er sagte, lag kein Element der Selbstverherrlichung. Der Mann machte sich nicht größer oder besser, cleverer oder sexier. Ohne klar erkennbaren Grund erzählte er dumme, triviale, technische Lügen.

Zum Beispiel: die Sache mit den Jeanshemden. Sie waren kein Erkennungszeichen einer großen Firma. Sie waren keine gut sitzenden attraktiven Hemden mit eingestickten Logos über der Brusttasche. Sie waren noch nie getragen oder gewaschen worden. Sie waren billiger Schund vom Discounter, frisch aus dem Regal, frisch aus der Plastikhülle. Damit kannte Reacher sich aus, denn solche Hemden trug er selbst.

Zum Beispiel: King behauptete, sie seien drei Stunden lang durchgefahren, aber die Tankanzeige stand auf Dreiviertel. Was wiederum bedeutete, dass der Chevy mit einer Tankfüllung zwölf Stunden lang laufen konnte. Was auf Interstates fast tausend Meilen gewesen wären. Was unmöglich war.

Und: Das Wasser, das King ihm für Karen Delfuensos Aspirin gegeben hatte, war noch kühlschrankkalt gewesen. Was nach drei Stunden in einem Auto mit voll aufgedrehter Heizung nicht sein konnte.

Lügen.

Zum Beispiel: King hatte behauptet, er wohne irgendwo in Nebraska, aber dann gesagt, er lebe in einer Stadt mit anderthalb Millionen Einwohnern. Was unmöglich war. Anderthalb Millionen entsprachen ziemlich genau der Gesamtbevölkerung von Nebraska. Omaha hatte rund vierhunderttausend Einwohner, Lincoln etwa zweihundertfünfzig. Es gab nur neun US-Großstädte mit über einer Million Einwohnern, und acht davon waren deutlich größer oder kleiner als anderthalb Millionen. Nur Philadelphia kam ungefähr an diese Zahl heran.

Waren die Kerle also in Wirklichkeit aus Philly? Oder meinte King einen Großraum? Dann war Philadelphia zu groß, aber alle möglichen anderen Ballungsgebiete kämen infrage, etwa Columbia, vielleicht auch Las Vegas oder Milwaukee, San Antonio oder das Konglomerat Norfolk-Virginia Beach-Newport News.

Aber kein Ort in Nebraska.

Nicht mal entfernt.

Und warum sprach Karen Delfuenso nicht? Sie hatte Ich habe welche gesagt, als es um Aspirin ging, und bei der gegenseitigen Vorstellung ihren Namen genannt, aber seither nicht mehr den Mund aufgemacht. Reacher selbst konnte gut stundenlang schweigen, aber sogar er hatte versucht, höflich Konversation zu treiben. Delfuenso wirkte wie eine Frau, die darauf eingehen würde, um gesellschaftlichen Anstand zu wahren. Aber sie hatte es nicht getan.

Warum nicht?

Nicht mein Problem, dachte Reacher. Sein Problem war, einen Bus nach Virginia zu finden, und er näherte sich diesem Ziel mit achtzig Meilen in der Stunde und gut fünfunddreißig Metern in der Sekunde. Er lehnte sich auf seinem Sitz zurück und schloss die Augen.

Julia Sorenson streifte vor dem Bunker ihre Überschuhe ab, die sie zusammen mit den Latexhandschuhen in einen Asservatenbeutel steckte. Möglicherweise Beweismaterial, bestimmt umweltschädlich. Dann nahm sie ihr Smartphone und forderte komplette Teams von FBI-Pathologen und Spurensicherern an.

Ihr Fall.

Sie stieg zu dem Augenzeugen ein, der hinten im Streifenwagen des Deputys saß. Kein Grund, den Mann heraus in die Kälte zu bitten. Goodman nahm vorn Platz, während sich der Deputy am Steuer sitzend nach hinten umdrehte. Eine richtige kleine Konferenz, zwei und zwei, die durch kugelsicheres Glas voneinander getrennt waren.

Der Augenzeuge war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren mit Dreitagebart, nicht sehr gepflegt, in der Winterkleidung eines Farmers. Er leierte seine Story mit der Art Ungenauigkeit herunter, die Sorenson erwartet hatte. Sie war sich der Grenzen von Augenzeugenberichten sehr genau bewusst. Während der Ausbildung in Quantico hatte sie den Auftrag erhalten, einen Arzt zu befragen, der verdächtigt wurde, Abrechnungsbetrug begangen zu haben. Sie hatte in dem überfüllten Wartezimmer auf ihren Termin gewartet. Dann war ein Kerl hereingestürmt, um sich Drogen zu beschaffen, hatte Schüsse abgegeben, war hierhin und dorthin gerannt und wieder hinausgelaufen. Später hatte sie natürlich erfahren, dass der Überfall fingiert gewesen war. Der Arzt war ein Schauspieler, der Räuber war ein Schauspieler, der Platzpatronen verschoss, und die angeblichen Patienten befanden sich wie sie in der Ausbildung. Interessanterweise konnten die Augenzeugen sich nicht darauf einigen, wie der Räuber ausgesehen hatte. Klein, groß, dick, schlank, schwarz, weiß – niemand erinnerte sich genau. Seit damals nahm Sorenson alle Augenzeugenberichte mit einer gewissen Skepsis zur Kenntnis.

Sie fragte: »Haben Sie gesehen, wie der Mann in der grünen Winterjacke angekommen ist?«

Der Kerl antwortete: »Nein. Ich hab ihn auf dem Gehsteig gesehen, das ist alles. Er wollte hierher zur alten Pumpstation.«

»Konnten Sie sehen, wie das rote Auto vorgefahren ist?«

»Nein, es war schon da, als ich hingesehen habe.«

»Haben die beiden Männer in schwarzen Anzügen darin gesessen?«

»Nein, die waren auch auf dem Gehsteig.«

»Sie sind dem anderen Mann gefolgt?«

Der Kerl nickte. »Mit ungefähr drei Metern Abstand, vielleicht auch fünf oder sechs.«

»Können Sie sie beschreiben?«

»Es waren bloß zwei Kerle in Anzügen.«

»Alt? Jung?«

»Weder noch. Einfach bloß Kerle.«

»Groß? Klein?«

»Mittel.«

»Schwarz oder weiß?«

»Weiß.«

»Dick oder dünn?«

»Mittel.«

Sorenson fragte: »Besondere Kennzeichen?«

Der Kerl sagte: »Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Irgendwas Besonderes an ihren Gesichtern? Bärte, Narben, Piercings? Tätowierungen? Solche Sachen.«

»Es waren bloß Kerle.«

»Und ihr Haar? War es hell oder dunkel?«

»Ihr Haar?«, fragte der Mann. »Keine Ahnung. Wie Haare halt so sind.«

Sorenson fragte: »Haben Sie ein Messer gesehen, als sie reingegangen sind?«

»Nein«, sagte der Mann.

»Haben Sie ein Messer gesehen, als sie rausgekommen sind?«

»Nein«, sagte der Mann.

»Hatten sie Blut an der Kleidung?«

»Eines ihrer Jacketts sah an ein paar Stellen nass aus, glaub ich. Aber die Flecken waren schwarz, nicht rot. Wie von Wasser. Auf einem schwarzen Anzug, mein ich.«

Sorenson sagte: »Die Straßenbeleuchtung ist gelblich.«

Der Mann sah aus seinem Fenster, als wollte er das kontrollieren, dann sagte er: »Jo.«

»In gelbem Licht hätte Blut schwarz aussehen können.«

»Vermutlich.«

Sorenson fragte: »Hat der rote Wagen den beiden Männern gehört?«

Der Kerl antwortete: »Sie sind eingestiegen, Lady.«

»Aber wie haben sie sich dabei angestellt? Als wären sie völlig damit vertraut? Oder haben sie rumgefummelt?«

Goodman auf dem Beifahrersitz zog die Augenbrauen hoch. Sorenson sagte: »Der Tote hatte nichts in den Taschen. Auch keine Autoschlüssel. Wie ist er also hergekommen? Vielleicht hat der rote Wagen ihm gehört.«

Goodman fragte: »Wie sind dann die beiden Männer hergekommen? Bestimmt nicht zu Fuß. Es ist kalt, und sie haben keine Wintermäntel getragen.«

»Vielleicht sind die drei gemeinsam eingetroffen.«

Der Augenzeuge sagte: »Das weiß ich nicht, Lady. Sie sind ins Auto gestiegen und weggefahren. Mehr hab ich nicht gesehen.«

Also ließ Goodman den Augenzeugen nach Hause gehen und fuhr mit Sorenson nach Norden, damit sie den zurückgelassenen roten Mazda inspizieren konnten.

9

Reachers Augen waren geschlossen, und seine Nase funktionierte nicht, daher kompensierten Geschmackssinn, Tastsinn und Gehör die fehlenden Sinneseindrücke. Er hatte einen kupfrigen Geschmack im Mund, weil noch immer Blut in den Rachenraum sickerte. Unter den Fingerspitzen der rechten Hand konnte er den Plüschbezug der hinteren Sitzbank spüren: synthetisch, dicht und mikroskopisch rau. Die linke Hand lag in seinem Schoß und fühlte den groben Baumwollstoff seiner Hose. Er konnte die lauten Schläge von Fahrbahnstößen unter den Reifen, das Brummen des Motors, das Pfeifen seiner Treibriemen und die Windgeräusche an den A-Säulen und Außenspiegeln hören. Er konnte hören, wie Don McQueen ruhig und gleichmäßig atmete, während er sich konzentrierte, sah, dass Karen Delfuenso ein wenig besorgt wirkte und Alan Kings Atemrhythmus rascher, schärfer wurde. Der Typ dachte über irgendwas nach. Er stand kurz davor, eine Entscheidung zu treffen. Reacher hörte, wie ein Ärmel zurückgeschoben wurde. Der Kerl sah auf seine Uhr und drehte sich dann um. Reacher öffnete die Augen.

King sagte: »Ich möchte noch vor Tagesanbruch in Chicago sein.«

Mir gerade recht, dachte Reacher. Massenhaft morgendliche Abfahrten. Nach Süden durch Illinois, nach Osten durch Kentucky, dann ist man gleich in Virginia. Er sagte: »Das müsste zu schaffen sein. Wir fahren schnell. Es ist Winter. Die Sonne geht spät auf.«

King erklärte: »Der Plan war, dass Don die erste Hälfte fährt und ich die zweite. Jetzt denke ich, wir sollten die Aufgabe dritteln. Das mittlere Drittel könnten Sie übernehmen.«

»Nicht Karen?«, fragte Reacher.

Keine Reaktion von Delfuenso.

»Karen hat keinen Führerschein«, antwortete King.

»Okay«, sagte Reacher. »Ich helfe gern aus.«

»Das ist jedenfalls sicherer.«

»Sie haben mich noch nicht fahren sehen.«

»Die Interstate ist leer, breit und gerade.«

»Okay«, wiederholte Reacher.

»Wir tauschen beim nächsten Tankstopp.«

»Und der ist wann?«

»Bald.«

»Wozu?«, fragte Reacher. »Sie fahren seit drei Stunden, aber der Tank ist noch drei viertel voll. Bei diesem Verbrauch wären wir halb in New York, bevor wir tanken müssten. Vielleicht noch weiter.«

King machte eine kurze Pause, blinzelte, sagte: »Sie sind ein aufmerksamer Beobachter, Mr. Reacher.«

Reacher sagte: »Ich versuche, einer zu sein.«

»Dies ist mein Wagen«, sagte King. »Sie können sich darauf verlassen, dass ich seine Eigenheiten und Schwächen kenne. Die Treibstoffanzeige ist defekt. Sie funktioniert nur ganz zu Anfang. Später geht der Zeiger schlagartig zurück.«

Reacher schwieg.

King sagte: »Glauben Sie mir, wir müssen bald anhalten.«

Die beiden Deputys, die den Parkplatz hinter der Cocktail-Lounge bewachen sollten, hatten ihre Streifenwagen ziemlich weit von dem Mazda entfernt geparkt, als wäre er gefährlich. Als wäre er radioaktiv oder könnte jeden Augenblick explodieren. Goodman fuhr mit seinem Crown Vic in das angedeutete Sperrgebiet hinein und hielt sechs, sieben Meter von der roten Limousine entfernt. Sorenson fragte: »Hier haben sich wohl keine Zeugen gemeldet?«

»Heute ist nicht mein Geburtstag«, antwortete Goodman. »Und nicht dreimal Weihnachten auf einmal.«

»Ist diese Lounge auch geschlossen?«

»Nein, aber sie macht um Mitternacht zu. Dies ist ein anständiger Laden.«

»Im Vergleich wozu?«

»Zu anderen Lounges an dieser Straße.«

»Um welche Zeit kann der rote Wagen hier abgestellt worden sein?«

»Frühestens? Nicht vor zwanzig nach zwölf. Zu spät für Zeugen.«

»Vermute ich richtig, dass Sie nie in einer Bar gearbeitet haben?«, fragte Sorenson.

»Nein«, sagte Goodman. »Niemals. Warum?«

»Wenn die Gäste um Mitternacht das Lokal verlassen, hat das Personal noch aufzuräumen. Sie können also davon ausgehen, dass irgendeine arme Bedienung noch längere Zeit da war. Kennen Sie den Besitzer?«

»Klar.«

»Dann rufen Sie ihn an.«

»Sie«, korrigierte Goodman. »Missy Smith. Sie lebt schon ewig hier und ist überall bekannt. Sie wird böse sein, wenn ich sie wecke.«

Sorenson sagte: »Ich werde böse, wenn Sie’s nicht sofort tun.«

Also zog Goodman sein Handy heraus und stapfte damit neben seinem Wagen auf und ab, während Sorenson sich den Mazda vornahm. Er war in North Carolina zugelassen, hatte einen kleinen Strichcode am Heckfenster und sah innen ordentlich und sauber aus. Während sie das Kennzeichen und die Identifizierungsnummer an ihre Dienststelle in Omaha durchgab, sah sie, wie Sheriff Goodman, der sein Handy zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt hatte, sich etwas mit einem Kugelschreiber auf der Handfläche notierte. Er steckte den Kugelschreiber weg, beendete das Gespräch und sagte zu ihr: »Missy Smith ist um Punkt Mitternacht gegangen – mit den letzten Gästen.«

Aber in seiner Stimme lag kein Triumph. Kein Ich-hab’s-doch-gesagt-Tonfall.

»Und?«, fragte Sorenson.

»Eine Bedienung ist noch geblieben, um aufzuräumen. Anscheinend gibt’s ein rollierendes System. Jede Nacht wird eine Bedienung bis halb eins bezahlt.«

»Und das ist ihre Nummer, die Sie da haben?«

»Richtig. Ihre Handynummer.«

»Dieser Mazda ist ein Leihwagen«, erklärte Sorenson. »In einem anderen Staat zugelassen, Strichcode für den Scanner bei der Rückgabe, zweimal pro Woche gereinigt.«

»Die nächste Mietwagenstation ist am Flughafen Omaha. Ich könnte dort anrufen.«

»Das habe ich schon getan. Sie sollten mit der Bedienung sprechen.«

Also hielt Goodman die linke Handfläche ins Scheinwerferlicht und tippte die Nummer mit dem rechten Zeigefinger auf seinem Handy ein.

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In Iowa verengte die Interstate sich schon nach kurzer Zeit auf nur zwei Fahrspuren und wurde lang und langweilig. Die Ausfahrten lagen meilenweit auseinander, weshalb jede einzelne ein Ereignis darstellte. Vor jeder tauchten mit zweihundert Metern Abstand drei blaue Hinweistafeln auf, die in einem halb informativen, halb werbenden Stil erst Benzin und Diesel, dann Essen und zuletzt eine Unterkunft anpriesen. Auf einigen Tafeln stand nichts. An manchen Orten gab es Essen, aber keinen Sprit, Benzin, aber kein Motel, Unterkunft, aber kein Restaurant.

Damit kannte Reacher sich aus. Er war schon auf den meisten Interstates unterwegs gewesen. Diverse Hinweistafeln verleiteten Autofahrer zu fünfzehn oder zwanzig Meilen langen Umwegen auf dunklen Landstraßen, nur um zu Etablissements zu gelangen, die dann geschlossen waren. Andere standen vor einer Ansammlung von Betrieben, zwischen denen Reisende sich entscheiden mussten: Exxon, Texaco oder Sunoco; Subway, McDonald’s oder Cracker Barrel; Marriott, Red Roof oder Comfort Inn. Immer ging es um Lichter in der Ferne. Die zweifelhaften Ausfahrten waren dunkel, die vielversprechenden zeichneten sich durch einen rot-gelben Schimmer am Horizont aus.

Sie fuhren weiter – stumm und geduldig –, bis Alan King sich endlich für eine Ausfahrt kurz hinter Des Moines entschied.

Er sagte: »Wir nehmen diese hier, Don.«