Beschreibung

Stark, hart, actionreich. Vorsicht: Suchtgefahr!

Silvester 89/90: Statt Neujahrswünschen erhält Jack Reacher die Meldung, dass ein ranghoher General tot aufgefunden wurde. Bei seinen Ermittlungen wird Reacher bald klar: Nach dem Ende des Kalten Krieges haben sich die Machtkämpfe verlagert – nun finden sie innerhalb der Army statt. Und er nähert sich dem Machtzentrum …

Ein besonderer Leckerbissen für alle Jack-Reacher-Fans!

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Seitenzahl: 720

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Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Copyright
1
So schlimm wie ein Herzanfall, vielleicht war das Ken Kramers letzter Gedanke – wie eine abschließende Panikexplosion in seinem Gehirn, als er zu atmen aufhörte und im Abgrund versank. Er verhielt sich auf jede nur denkbare Weise falsch, das wusste er. Er war an einem Ort, an dem er nicht hätte sein sollen, war mit jemandem zusammen, mit dem er nicht hätte zusammen sein dürfen, und hatte etwas bei sich, das er an einem sichereren Platz hätte aufbewahren müssen. Aber er kam damit durch. Er spielte und gewann. Er hatte das Spiel im Griff. Vermutlich lächelte er. Bis das plötzliche dumpfe Hämmern tief in seiner Brust ihn austrickste. Damit war alles auf den Kopf gestellt. Sein Erfolg verwandelte sich augenblicklich in eine Katastrophe. Er hatte keine Zeit mehr, irgendwas in Ordnung zu bringen.
Niemand weiß, was man bei einem tödlichen Herzanfall empfindet. Es gibt keine Überlebenden, die ihn uns schildern könnten. Ärzte sprechen von Nekrose und Blutpfropfen, von Sauerstoffmangel und blockierten Arterien. Sie sagen schnelles Kammerflimmern oder aber überhaupt nichts voraus. Sie benutzen Fachausdrücke wie Infarktbildung und Fibrillation, aber diese Begriffe bedeuten uns nichts. Man fällt einfach tot um, sollten sie sagen. Genau das tat Ken Kramer jedenfalls. Er fiel einfach tot um, und er nahm seine Geheimnisse mit sich, und die Probleme, die er hinterließ, hätten auch mich beinahe das Leben gekostet.
Ich war in einem Dienstzimmer allein, das nicht mir gehörte. An der Wand hing eine Uhr. Sie hatte keinen Sekundenzeiger, bloß einen Stunden- und einen Minutenzeiger. Sie lief elektrisch. Sie tickte nicht. Sie war ebenso still wie der ganze Raum. Ich beobachtete gespannt den Minutenzeiger. Er bewegte sich nicht.
Ich wartete.
Er bewegte sich. Er sprang sechs Striche weiter. Seine Bewegung war mechanisch, gedämpft und präzise. Er machte diesen einen Sprung, zitterte leicht und kam zum Stehen.
Eine Minute.
Eine vorbei, bleibt noch eine.
Noch sechzig Sekunden.
Ich starrte weiter die Uhr an. Die Zeiger blieben lange, lange unbeweglich. Dann sprang der Minutenzeiger nochmals. Wieder sechs Striche, eine weitere Minute, senkrecht nach oben zu Mitternacht, und aus 1989 war 1990 geworden.
Ich schob meinen Stuhl zurück, stand vom Schreibtisch auf. Das Telefon klingelte. Ich vermutete, jemand rufe an, um mir ein gutes neues Jahr zu wünschen. Aber das stimmte nicht. Am Telefon meldete sich ein ziviler Polizeibeamter, der mich wissen ließ, dass in einem Motel dreißig Meilen vom Stützpunkt entfernt ein toter Soldat lag.
»Ich brauche den Offizier vom Dienst der Militärpolizei«, sagte er.
Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch.
»Am Apparat«, sagte ich.
»Wir haben einen von Ihren – tot.«
»Einen von meinen?«
»Einen Soldaten«, antwortete er.
»Wo?«
»Motel in der Stadt.«
»Wodurch tot?«, fragte ich.
»Herzanfall, schätze ich«, sagte der Mann.
Ich schwieg einen Moment, blätterte den dienstlich gelieferten Kalender auf dem Schreibtisch vom 31. Dezember auf den 1. Januar um.
»Nichts Verdächtiges?«, erkundigte ich mich.
»Ich sehe nichts.«
»Haben Sie schon Herztote gesehen?«
»Jede Menge.«
»Okay«, sagte ich. »Rufen Sie die Standortkommandantur an.«
Ich gab ihm die Nummer.
»Gutes neues Jahr«, sagte ich.
»Sie brauchen nicht rauszukommen?«, fragte er.
»Nein«, erwiderte ich und legte auf. Ich brauchte nicht hinauszufahren. Die U.S. Army ist eine große Einrichtung, etwas größer als Detroit, etwas kleiner als Dallas und ebenso unsentimental wie diese beiden Städte. Ihre gegenwärtige Iststärke beträgt neunhundertdreißigtausend Männer und Frauen, die für den Durchschnitt der amerikanischen Bevölkerung weitgehend repräsentativ sind. In den USA beträgt die Sterblichkeit je hunderttausend Einwohner etwa achthundertfünfundsechzig Personen pro Jahr, und in Friedenszeiten sterben Soldaten nicht häufiger oder seltener als gewöhnliche Bürger. Insgesamt sind sie jünger und in besserer körperlicher Verfassung als der Durchschnitt der Bevölkerung, aber sie rauchen und trinken mehr, essen ungesünder, haben mehr Stress und tun in der Ausbildung alle möglichen gefährlichen Dinge. Deshalb entspricht ihre Lebenserwartung ungefähr dem Durchschnitt. Sie sterben ebenso häufig wie andere Leute. Rechnet man die Sterblichkeit mit der gegenwärtigen Iststärke hoch, kommt man für jeden einzelnen Tag des Jahres auf zweiundzwanzig tote Soldaten: Unfälle, Selbstmorde, Herzinfarkt, Krebs, Gehirnschlag, Lungenleiden, Leberversagen, Nierenversagen. Wie die Todesfälle in Detroit oder Dallas. Also brauchte ich nicht hinauszufahren. Ich bin ein Cop, kein Leichenbeschauer.
Der Minutenzeiger bewegte sich wieder. Er sprang vor, zitterte ein wenig und kam zum Stehen. Drei Minuten nach Mitternacht. Das Telefon klingelte erneut. Diesmal wollte mir jemand ein gutes neues Jahr wünschen: die Sergeantin draußen im Vorzimmer.
»Gutes neues Jahr«, sagte sie.
»Gleichfalls«, sagte ich. »Sie konnten nicht aufstehen und den Kopf zur Tür reinstecken?«
»Sie konnten Ihren nicht zur Tür rausstrecken?«
»Ich war am Telefon.«
»Wer hat angerufen?«
»Niemand«, sagte ich. »Nur irgendein GI, der’s nicht bis ins neue Jahrzehnt geschafft hat.«
»Wollen Sie einen Kaffee?«
»Klar«, sagte ich. »Warum nicht?«
Ich legte wieder auf. Zu diesem Zeitpunkt war ich über sechs Jahre bei der Army, und der Kaffee, den es dort gab, war mit einer der Gründe, weshalb ich gern dabeiblieb. Er war der beste der Welt, keine Frage. Dasselbe galt für die Sergeanten. Die Sergeantin in meinem Vorzimmer stammte aus Nordgeorgia, irgendwo aus den Bergen. Ich kannte sie seit zwei Tagen. Sie wohnte außerhalb des Stützpunkts in einer Wohnwagensiedlung und hatte einen kleinen Jungen, der noch ein Baby war. Ich wusste alles über ihn. Einen Ehemann schien es nicht zu geben. Sie bestand nur aus Haut und Knochen und war zäh wie Büffelleder, aber sie mochte mich, denn sie brachte mir Kaffee. Mögen sie einen nicht, bekommt man keinen. Stattdessen fallen sie einem in den Rücken. Die Tür öffnete sich, und sie betrat mit zwei Kaffeebechern – einen für sie, einen für mich – den Raum.
»Gutes neues Jahr«, wiederholte ich.
Sie stellte beide Becher auf meinen Schreibtisch.
»Wird’s denn gut?«, wollte sie wissen.
»Sehe nichts, was dagegen spricht«, entgegnete ich.
»Die Berliner Mauer ist praktisch gefallen. Das haben sie im Fernsehen gezeigt. Dort drüben findet eine Riesenparty statt.«
»Freut mich, dass irgendwo gefeiert wird.«
»Massenhaft Menschen. Ein Volksauflauf. Alle haben gesungen und getanzt.«
»Ich hab keine Nachrichten gesehen.«
»Das war schon vor sechs Stunden. Wegen des Zeitunterschieds.«
»Wahrscheinlich feiern sie noch immer.«
»Sie hatten Vorschlaghämmer.«
»Die dürfen sie haben. Ihre Hälfte ist eine freie Stadt. Wir haben fünfundvierzig Jahre dafür gesorgt, dass sie das bleibt.«
»Wenn’s so weitergeht, haben wir bald keinen Feind mehr.«
Ich kostete den Kaffee. Heiß, schwarz, der beste Kaffee der Welt.
»Wir haben gesiegt«, sagte ich. »Ist das nicht eigentlich eine gute Sache?«
»Nicht wenn man auf Onkel Sams Gehaltsscheck angewiesen ist.«
Sie trug wie ich einen Kampfanzug mit dem Standard-Tarnmuster »Waldland«. Ihre Ärmel waren ordentlich aufgerollt. Ihre MP-Armbinde saß genau waagerecht. Ich vermutete, dass sie von hinten unsichtbar mit einer Sicherheitsnadel befestigt war. Ihre Stiefel glänzten.
»Haben Sie einen Wüstentarnanzug?«, fragte ich sie.
»Bin nie in der Wüste gewesen«, antwortete sie.
»Sie haben das Muster geändert. Jetzt hat es große braune Flecken. Fünf Jahre Forschungsarbeit. Bei der Infanterie heißen sie Schokoladenchips. Das neue Muster taugt nichts. Sie werden wieder das vorige einführen müssen. Aber es wird weitere fünf Jahre dauern, bis sie das kapieren.«
»Und?«
»Brauchen sie fünf Jahre, um ein Tarnmuster zu ändern, hat Ihr Junge sein Collegestudium abgeschlossen, bevor sie darauf kommen, die Streitkräfte zu verringern. Machen Sie sich also deswegen keine Sorgen.«
»Okay«, sagte sie, ohne mir zu glauben. »Finden Sie, dass er das Zeug fürs College hat?«
»Ich hab ihn nie gesehen.«
Sie schwieg.
»Die Army hasst Veränderungen«, sagte ich. »Und wir werden immer Feinde haben.«
Das Telefon klingelte wieder. Sie beugte sich nach vorn und nahm an meiner Stelle ab. Hörte eine Weile zu und hielt mir dann den Hörer hin.
»Oberst Garber, Sir«, sagte sie. »Er ist in Washington.«
Sie nahm ihren Kaffeebecher und ging hinaus. Oberst Garber war mein Boss, ein netter Kerl, aber dass er am Neujahrstag acht Minuten nach Mitternacht anrief, nur um Smalltalk zu machen, konnte ich mir nicht vorstellen. Das war nicht sein Stil. Manche Vorgesetzten machen das. Sie tun an hohen Feiertagen scheißfreundlich, als wären sie tatsächlich nur einer der Jungs. Aber Leon Garber wäre es nicht im Traum eingefallen, so etwas bei irgendjemandem zu versuchen – am allerwenigsten bei mir. Selbst wenn er gewusst hätte, dass ich am Telefon sein würde.
»Reacher«, meldete ich mich.
Eine lange Pause.
»Ich dachte, Sie sind in Panama«, sagte er.
»Bin versetzt worden«, erklärte ich.
»Von Panama nach Fort Bird? Weshalb?«
»Steht mir nicht zu, das zu fragen.«
»Wann war das?«
»Vor zwei Tagen.«
»Das ist ein Tritt in den Arsch«, sagte er. »Stimmt’s?«
»Ist es das?«
»Panama war vermutlich aufregender.«
»Es war okay.«
»Und Sie sind schon am Silvesterabend als Offizier vom Dienst eingeteilt?«
»Ich hab mich freiwillig gemeldet«, gab ich zur Antwort. »Damit die Leute mich hier mögen.«
»Ein hoffnungsloses Unterfangen«, sagte er.
»Eine Sergeantin hat mir gerade Kaffee gebracht.«
Er machte eine Pause. »Hat jemand Sie vorhin wegen eines toten Soldaten angerufen?«
»Vor acht Minuten«, sagte ich. »Ich hab ihn an die Kommandantur verwiesen.«
»Und die hat den Fall auch weitergeschoben, und ich bin gerade aus einer Party gerufen worden, um alles darüber zu erfahren.«
»Weshalb?«
»Weil der tote Soldat, um den’s hier geht, ein Zweisternegeneral ist.«
Wieder eine Pause.
»Ich hab nicht daran gedacht, danach zu fragen«, sagte ich.
Das Telefon blieb stumm.
»Auch Generale sind sterblich«, sagte ich. »Wie jedermann.«
Keine Antwort.
»Die Umstände waren nicht verdächtig«, fuhr ich fort. »Er ist abgekratzt, das war alles. Herzinfarkt. Wahrscheinlich hatte er Gicht. Ich hab keinen Grund gesehen, mich deswegen aufzuregen.«
»Hier geht’s um Würde«, sagte Garber. »Wir dürfen keinen Zweisternegeneral öffentlich mit dem Bauch nach oben liegen lassen, ohne zu reagieren. Wir müssen Präsenz zeigen.«
»Durch mich?«
»Jemand anders wäre mir lieber. Aber Sie sind heute Nacht vermutlich der höchstrangige nüchterne Militärpolizist der Welt. Deshalb sind Sie unser Mann.«
»Ich brauche eine Stunde, um hinzukommen.«
»Er geht nirgendwohin. Er ist tot. Und sie haben noch keinen nüchternen Leichenbeschauer gefunden.«
»Okay«, sagte ich.
»Seien Sie respektvoll.«
»Okay.«
»Seien Sie höflich. Außerhalb des Stützpunkts sind wir ihnen ausgeliefert. Dort gilt zivile Gerichtsbarkeit.«
»Mit Zivilisten kenne ich mich aus«, erklärte ich. »Ich hab schon mal einen kennen gelernt.«
»Aber kontrollieren Sie die Situation«, sagte er. »Sie wissen schon, wenn sie kontrolliert werden muss.«
»Er ist vermutlich im Bett gestorben«, bemerkte ich. »Wie’s die Leute tun.«
»Rufen Sie mich an«, sagte er. »Wenn’s nötig ist.«
»War’s eine gute Party?«
»Ausgezeichnet. Meine Tochter ist zu Besuch.«
Er legte auf, und ich rief den zivilen Dispatcher an und ließ mir Name und Adresse des Motels geben. Dann erzählte ich meiner Sergeantin, was passiert war, und ging in meine Unterkunft, um mich umzuziehen. Ich rechnete mir aus, dass eine Präsenz keinen Tarnanzug mit Tarnmuster, sondern meinen grünen Dienstanzug erforderte.
Ich holte mir bei der MP-Fahrbereitschaft ein Humvee und verließ den Stützpunkt durchs Haupttor. Das Motel fand ich binnen fünfzig Minuten. Es lag dreißig Meilen entfernt genau nördlich von Ford Bird, und die Fahrt dorthin führte durch dunkle, eintönige Landstriche von North Carolina, die zu gleichen Teilen aus Einkaufszentren, verkrüppeltem Wald und Feldern, auf denen vermutlich Süßkartoffeln wachsen würden, zu bestehen schienen – für mich eine neue Landschaft. Ich war noch nie hier stationiert gewesen. Auf den Straßen herrschte kaum Verkehr. Alle waren noch beim Feiern. Ich hoffte, dass ich wieder in Bird sein würde, bevor sie sich alle auf den Nachhauseweg machten. Andererseits gefiel mir die Vorstellung, wie ein Humvee bei einem Frontalzusammenstoß mit einem Personenwagen abschneiden würde.
Das Motel gehörte zu einer Ansammlung von niedrigen Gewerbebauten, die sich in der Nähe eines großen Highwaykreuzes in der Dunkelheit zusammendrängten. Ihren Mittelpunkt bildete eine Raststätte mit einem Tag und Nacht geöffneten Schnellrestaurant und einer Tankstelle, die den größten Sattelschleppern Platz bot. Dazu gehörte ein namenloses Striplokal mit viel Neonreklame, aber ohne Fenster. Es hatte eine rosa angestrahlte Werbetafel, die Exotic Dancers versprach, und einen Parkplatz von der Größe eines Footballfeldes. Überall auf dem Asphalt standen Pfützen, auf denen Dieselöl schillerte. Ich konnte wummernde Musik aus der Bar hören. Um das Gebäude herum parkten die Autos in Dreierreihen. Die gesamte Fläche lag im schwefelgelben Licht von Natriumdampflampen. Die Nachtluft war kalt, und dünne Nebelschwaden zogen über den Parkplatz. Das Motel selbst stand genau gegenüber der Tankstelle auf der anderen Straßenseite. Es war ein etwas von der Straße zurückgesetztes Gebäude, ziemlich heruntergekommen, ungefähr zwanzig Zimmer lang. Sein Anstrich war an vielen Stellen abgeblättert. Es schien leer zu sein. Am linken Ende des Gebäudes befand sich das Büro mit einem angedeuteten Vordach, unter dem kaum ein Wagen Platz fand, und einem summenden Colaautomaten.
Erste Frage: Weshalb hatte ein Zweisternegeneral sich in einer solchen Bruchbude einquartiert? Ich war mir ziemlich sicher, dass es keine Ermittlungen des Verteidigungsministeriums gegeben hätte, wenn es in einem Holiday Inn passiert wäre.
Vor dem vorletzten Zimmer des Motels parkten zwei Streifenwagen der hiesigen Polizei. Zwischen ihnen war eine unscheinbare kleine Limousine eingeklemmt. Der Wagen hatte beschlagene Scheiben. Ein roter Ford, das vierzylindrige Basismodell mit schmalen Reifen und Radkappen aus Kunststoff. Todsicher ein Leihwagen. Ich parkte das Humvee neben dem rechten Streifenwagen und stieg aus. Die Musik von der gegenüberliegenden Straßenseite war jetzt lauter zu hören. Im vorletzten Zimmer brannte kein Licht, und die Tür stand offen. Anscheinend versuchten die Cops, die Zimmertemperatur möglichst niedrig zu halten. Damit der Kerl nicht überreif wurde. Ich war begierig darauf, ihn mir anzusehen. Ich wusste ziemlich sicher, dass ich noch nie einen toten General gesehen hatte.
Drei Cops blieben in ihren Wagen, nur einer stieg aus, um mit mir zu reden. Er trug eine gelbbraune Uniform mit kurzer Lederjacke, deren Reißverschluss er bis unters Kinn gezogen hatte. Keine Mütze. Die Plaketten an seiner Jacke sagten mir, dass sein Name Stockton und sein Dienstgrad Deputy Chief war. Er war grauhaarig, ungefähr fünfzig, mittelgroß und etwas schwammig und dicklich, aber die Art, wie er die Abzeichen an meiner Jacke musterte, deutete darauf hin, dass er – wie so viele Cops – ein ehemaliger Soldat war.
»Major«, sagte er als Begrüßung.
Ich nickte. Ein Veteran, kein Zweifel. Als Major trägt man kleine goldene Eichenblätter mit ungefähr einem Zoll Durchmesser – auf beiden Schulterstücken je eins. Dieser Kerl sah sie von seitlich schräg unten, was nicht der beste Blickwinkel war. Aber er wusste, was sie bedeuteten. Also hatte er von Dienstgradabzeichen Ahnung. Und ich erkannte seine Stimme. Er war der Mann, der mich fünf Sekunden nach Mitternacht angerufen hatte.
»Ich bin Rick Stockton«, sagte er. »Deputy Chief.«
Er wirkte ruhig und gelassen. Er hatte schon früher Herztote gesehen.
»Ich bin Jack Reacher«, sagte ich. »Heute Nacht der MP-Offizier vom Dienst.«
Er erkannte seinerseits meine Stimme. Lächelte.
»Sie sind also doch rausgekommen.«
»Sie haben mir nicht gesagt, dass der Tote ein Zweisternegeneral ist.«
»Nun, das ist er.«
»Ich hab noch nie einen toten General gesehen«, meinte ich.
»Das haben noch nicht viele Leute«, sagte er, und sein Tonfall ließ mich vermuten, er komme aus dem Mannschaftsstand.
»Army?«, fragte ich.
»Marine Corps«, sagte er. »First Sergeant.«
»Mein Alter war auch Marineinfanterist«, erklärte ich. Das erwähne ich bei jedem Gespräch mit Marineinfanteristen. Es verleiht mir eine Art genetischer Legitimität. Hindert sie daran, mich für einen reinen Schreibtischhengst aus der Army zu halten. Aber ich drücke mich bewusst vage aus. Ich erzähle ihnen nicht, dass mein Alter zuletzt Hauptmann war. Die Ansichten von Mannschaften und Offizieren stimmen nicht automatisch überein.
»Humvee«, stellte er fest.
Er begutachtete mein Fahrzeug.
»Gefällt’s Ihnen?«
Er nickte. Humvee war die beste phonetische Umschreibung für HMMV, was High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle (hoch bewegliches Mehrzweck-Radfahrzeug) bedeutet, womit ziemlich alles gesagt ist. Bei der Army gilt im Allgemeinen, dass drin ist, was draufsteht.
»Funktioniert wie angepriesen«, sagte ich.
»Bisschen breit«, meinte er. »Ich würde damit nicht in einer Stadt rumfahren wollen.«
»Sie hätten Panzer vor sich«, sagte ich. »Die würden Ihnen den Weg frei machen. Das wäre im Prinzip der Plan, denke ich.«
Die Musik aus der Bar wummerte weiter. Stockton schwieg.
»Sehen wir uns den Toten mal an«, sagte ich.
Er ging voraus. Betätigte einen Schalter, der den Innenflur beleuchtete. Dann einen weiteren, der das ganze Zimmer erhellte. Ich sah einen Raum in der Standardaufteilung für Motelzimmer. Ein kaum einen Meter breiter Vorraum, links ein Einbauschrank, rechts das Bad. Dann ein dreieinhalb mal sechs Meter großes Rechteck mit einer eingebauten Ablage von der Breite des Kleiderschranks und einem französischen Brett, das ebenso breit wie das Bad war. Niedrige Zimmerdecke. An der Rückwand ein breites Fenster mit zugezogenen Vorhängen, darunter ein integriertes Heiz- und Kühlgerät installiert. Die meisten Dinge in diesem Raum waren abgenutzt, schäbig und braun. Die ganze Bude sah düster, feucht und schäbig aus.
Auf dem Bett lag ein Toter.
Er war nackt, lag auf dem Bauch: ein Weißer, knapp unter sechzig, ziemlich groß. Er hatte den Körperbau eines ehemaligen Leistungssportlers, setzte aber bereits Hüftspeck an, wie’s alte Männer tun, selbst wenn sie noch fit sind. Seine Beine waren blass und haarlos. Und es gab alte Narben. Das drahtige graue Haar trug er sehr kurz geschnitten, und der Nacken wies eine faltige, von Wind und Wetter gegerbte Haut auf. Insgesamt ein unverwechselbarer Typ. Hätten hundert willkürlich ausgewählte Leute ihn sich ansehen können, hätten alle hundert Armeeoffizier gesagt. Garantiert.
»Ist er so aufgefunden worden?«, fragte ich.
»Ja«, antwortete Stockton.
Zweite Frage: Wie? Nimmt ein Kerl sich ein Zimmer für eine Nacht, erwartet er zum Allermindesten, darin ungestört zu sein, bis am nächsten Morgen das Zimmermädchen kommt.
»Wie?«, sagte ich.
»Wie was?«
»Wie ist er aufgefunden worden? Hat jemand die neun-eins-eins angerufen?«
»Nein.«
»Also wie?«
»Sie werden’s sehen.«
Ich sah noch nichts.
»Haben Sie ihn umgedreht?«, fragte ich.
»Ja. Danach haben wir ihn zurückgewälzt.«
»Kann ich ihn mir mal ansehen?«
»Klar doch.«
Ich trat ans Bett und griff mit der linken Hand unter die Achsel des Toten und drehte ihn zu mir um. Er war kalt und ein bisschen steif. Die Totenstarre begann gerade einzusetzen. Ich wälzte ihn ganz auf den Rücken und stellte vier Dinge fest. Erstens: Seine Haut war auffällig graublass. Zweitens: Auf seinem Gesicht zeichneten sich Schock und Schmerzen ab. Drittens: Er hielt den linken Arm oberhalb des Bizeps mit der rechten Hand umklammert. Und viertens: Er trug ein Kondom. Sein Blutdruck war seit langem im Keller, seine Erektion deshalb verschwunden, und das leere Kondom hing wie ein durchsichtiger Hautlappen herab. Er war vor der Ejakulation gestorben. Das war offensichtlich.
»Herzanfall«, erklärte Stockton, der hinter mir stand.
Ich nickte. Die graue Haut war ein guter Indikator. Dafür sprachen auch der schockierte, schmerzliche Gesichtsausdruck und der wegen des jähen Schmerzes von der rechten Hand umklammerte linke Oberarm.
»Massiv«, stellte ich fest.
»Aber vor oder nach der Penetration?«, fragte Stockton mit einem Lächeln in der Stimme.
Ich sah mir den Kopfkissenbereich an. Das Bett war nicht aufgedeckt. Der Tote lag auf der Tagesdecke, die noch straff über die Kopfkissen gespannt war. Aber eine Vertiefung ließ erkennen, wo ein Kopf gelegen hatte, und ich sah Falten, wo Fersen und Ellbogen sich nach unten vorgearbeitet hatten.
»Sie lag unter ihm, als es passierte«, sagte ich. »Das ist eindeutig. Sie hat sich unter ihm rausschlängeln müssen.«
»Scheußlich, so abzutreten.«
Ich drehte mich um. »Ich kann mir schlimmere Todesarten vorstellen.«
Stockton lächelte nur.
»Was?«, sagte ich.
Er gab keine Antwort.
»Keine Spur von der Frau?«, fragte ich.
»Spurlos verschwunden«, sagte er. »Sie ist abgehauen.«
»Hat der Mann am Empfang sie gesehen?«
Stockton lächelte wieder.
Ich starrte ihn an. Dann verstand ich. Ein drittklassiges Motel in der Nähe eines Highwaykreuzes mit einer Raststätte und eine Stripteasebar, das Ganze dreißig Meilen nördlich eines Militärstützpunktes.
»Sie war eine Nutte«, sagte ich. »Der Kerl am Empfang hat sie gekannt. Hat sie viel zu früh aus dem Zimmer flüchten sehen, wurde neugierig und hat nachgeschaut.«
Stockton nickte. »Er hat uns sofort angerufen. Bis dahin war die Lady natürlich längst verschwunden. Und er leugnet, dass sie jemals da war. Er tut so, als sei dies kein Stundenhotel.«
»Ihr Department hat hier schon öfter zu tun gehabt?«
»Immer mal wieder«, antwortete er. »Glauben Sie mir, es ist ein Stundenhotel.«
Kontrollieren Sie die Situation, hatte Garber gesagt.
»Herzinfarkt, stimmt’s?«, fragte ich. »Sonst nichts.«
»Sieht so aus«, erwiderte Stockton. »Aber wir brauchen eine Autopsie, um sicherzugehen.«
Im Zimmer war es still. Ich hörte nur Funkverkehr aus den Streifenwagen und Musik aus der Bar auf der anderen Straßenseite. Ich wandte mich wieder dem Bett zu. Sah mir das Gesicht des Toten an. Ich kannte ihn nicht. Ich betrachtete seine Hände. Er trug einen West-Point-Ring an der rechten und einen Ehering an der linken Hand – breit, alt, vermutlich neun Karat. Ich sah mir den Brustkorb an. Seine Erkennungsmarken lagen unter dem rechten Arm, wo sie hingerutscht waren, als er sich an den linken Bizeps gegriffen hatte. Ich hob mit einiger Mühe seinen Arm an und zog die Marken heraus. Sie steckten in kleinen Klarsichthüllen, damit sie nicht klapperten. Ich zog sie zu mir heran, bis die Kette um seinen Hals spannte. Er hieß Kramer, war katholisch und hatte Blutgruppe 0.
»Wir könnten die Autopsie für Sie vornehmen«, sagte ich. »Im Walter Reed Army Medical Center in Washington.«
»Außerhalb des Staates?«
»Er ist ein General.«
»Sie wollen den Fall vertuschen.«
Ich nickte. »Klar will ich das. Würden Sie’s nicht auch versuchen?«
»Wahrscheinlich«, sagte er.
Ich ließ die Erkennungsmarken los und nahm die Nachttische und die eingebaute Ablage in Augenschein. Dort war nichts zu entdecken. Im Zimmer stand kein Telefon. In einem Billigmotel dieser Art gab es vermutlich ein Münztelefon am Empfang. Ich ging an Stockton vorbei und kontrollierte das Bad. Auf der Ablage über dem Waschbecken stand ein privat gekaufter Kulturbeutel von Dopp mit zugezogenem Reißverschluss. In das schwarze Leder waren die Initialen KRK eingeprägt. Ich öffnete ihn und fand eine Zahnbürste, einen Rasierapparat und kleine Tuben Zahncreme und Rasierseife für Reisende. Sonst nichts. Keine Medikamente. Kein Herzmittel. Keine Kondome.
Als Nächstes warf ich einen Blick in den Einbauschrank. Darin hing ein ordentlich auf drei Kleiderbügel verteilter Dienstanzug: die Hose über einem Bügel, das Jackett auf einem zweiten daneben, das Oberhemd auf einem dritten. In der Mitte der Ablage darüber lag die Dienstmütze eines Stabsoffiziers. Mit reichlich Goldbesatz. Links neben der Mütze sah ich ein zusammengelegtes weißes Unterhemd und auf der anderen Seite zusammengelegte weiße Boxershorts.
Auf dem Boden des Kleiderschranks stand ein Paar schwarze Halbschuhe vor einem Kleidersack aus verblasstem grünem Leinen, der ordentlich ausgerichtet an der Rückwand lehnte. In den auf Hochglanz polierten Schuhen steckte je eine eng zusammengerollte schwarze Socke. Der ebenfalls privat gekaufte Kleidersack hatte abgewetzte Lederverstärkungen an den am meisten beanspruchten Stellen. Er war nicht sehr voll.
»Sie würden die Ergebnisse bekommen«, sagte ich. »Unser Pathologe würde Ihnen den Untersuchungsbericht ohne Zusätze oder Streichungen übermitteln. Wären Sie mit irgendwas nicht zufrieden, bekämen Sie den Fall ohne Diskussion sofort wieder zurück.«
Stockton schwieg, aber ich spürte dabei keine Feindseligkeit. Die meisten Kleinstadtcops sind in Ordnung. Ein großer Stützpunkt wie Fort Bird hat vielfältige Auswirkungen auf sein ziviles Umfeld. Deshalb müssen Militärpolizisten häufig mit ihren zivilen Kollegen zusammenarbeiten, was manchmal ziemlich nervig, manchmal aber auch ganz okay ist. Ich hatte das Gefühl, Stockton würde sich nicht besonders quer stellen. Er wirkte unaufgeregt. Fazit: Er kam mir ein bisschen faul vor, und faule Leute sind immer froh, wenn sie lästige Aufgaben auf andere abwälzen können.
»Wie viel?«, sagte ich.
»Wie viel was?«
»Wie viel würde eine Nutte hier kosten?«
»Zwanzig Dollar«, sagte er. »Hierzulande gibt’s nichts besonders Exotisches.«
»Und das Zimmer?«
»Fünfzehn, schätze ich.«
Ich wälzte den Toten wieder auf den Bauch. Das war nicht leicht. Er wog mindestens neunzig Kilo.
»Was halten Sie davon?«, fragte ich.
»Wovon?«
»Dass das Walter Reed die Autopsie vornimmt.«
Danach herrschte einen Augenblick lang Schweigen. Stockton starrte die Wand über dem Bett an.
»Das wäre akzeptabel«, sagte er dann.
Jemand klopfte an die offene Tür. Einer der Cops aus den Streifenwagen.
»Der Leichenbeschauer hat gerade angerufen«, sagte er. »Er kann in frühestens zwei Stunden hier sein. Schließlich haben wir Neujahr.«
Ich lächelte. Aus akzeptabel würde bald höchst erwünscht werden. In zwei Stunden würde Stockton woanders sein müssen. Jede Menge Partys würden zu Ende gehen, und auf den Straßen würde Chaos herrschen. In zwei Stunden würde er mich anbetteln, den Typen fortzuschaffen. Ich sagte nichts. Der Cop verließ den Raum, und Stockton trat etwas weiter in das Zimmer, wo er mit dem Rücken zu dem Toten stehen blieb und das Fenster mit den zugezogenen Vorhängen anstarrte. Ich nahm den Kleiderbügel mit dem Uniformjackett aus dem Schrank und hängte ihn so an den Rahmen der Badezimmertür, dass die Flurlampe ihn beleuchtete.
Das Jackett eines Dienstanzugs zu betrachten ist nicht anders, als läse man ein Buch oder säße in einer Bar neben einem Kerl, der einem seine Lebensgeschichte erzählt. Dieses hier hatte die richtige Größe für den Toten auf dem Bett, und auf dem Namensschild stand Kramer, was dem Namen auf den Erkennungsmarken entsprach. Die Ordensspange begann mit einem Purple-Heart-Band mit zwei Eichenlaubkränzen in Bronze für die zweite und dritte Verleihung des Ordens, was zu den Narben passte. Auf den Schulterstücken glänzten je zwei Silbersterne, die bestätigten, dass er Generalleutnant war. Die Abzeichen auf dem Revers wiesen ihn als Angehörigen der Panzertruppe aus; der Ärmelaufnäher zeigte, dass er zum XII. Korps gehörte. Dazu kamen mehrere Auszeichnungen für Einheiten, in denen er gedient hatte, und ein buntes Sammelsurium von Orden, die bis zu den Kriegen in Korea und Vietnam zurückreichten. Manche dieser Auszeichnungen hatte er sich vermutlich ehrlich verdient, während ihm andere nachgeworfen worden waren. Bei einigen handelte es sich um ausländische Orden, die getragen werden durften, aber nicht getragen werden mussten. Vor mir hing ein ziemlich voll gepflastertes Uniformjackett, relativ alt, gut gepflegt, von der Stange gekauft, nicht etwa maßgeschneidert. Als Ganzes verriet es mir, dass er beruflich, aber nicht persönlich eitel war.
Ich durchsuchte die Taschen. Sie enthielten nichts außer dem Zündschlüssel des Leihwagens. Er hing an einem Schlüsselring in Form einer »Eins« aus durchsichtigem Kunststoff, in der ein länglicher Zettel steckte, der oben den gelben Aufdruck Hertz trug. Darunter hatte jemand mit schwarzem Kugelschreiber das Kennzeichen des Fords eingetragen.
Keine Geldbörse. Auch kein loses Kleingeld.
Ich hängte das Jackett in den Schrank zurück und inspizierte die Hose. Nichts in den Taschen. Ich sah in den Schuhen nach. Sie enthielten nur die Socken. Ich kontrollierte die Mütze. Unter ihr war nichts versteckt. Ich hob den Kleidersack heraus und öffnete ihn auf dem Fußboden. Er enthielt einen Kampfanzug und eine Feldmütze M43. Socken und Unterwäsche zum Wechseln und ein Paar Kampfstiefel aus glänzend geputztem schwarzem Leder. Der Kleidersack hatte ein leeres Fach, das vermutlich für den Kulturbeutel gedacht war. Sonst nichts. Absolut nichts. Ich zog den Reißverschluss wieder zu und stellte den Kleidersack zurück. Ging in die Hocke und sah unters Bett. Nichts.
»Irgendwas, das uns Sorgen machen müsste?«, fragte Stockton.
Ich stand auf. Schüttelte den Kopf.
»Nein«, log ich.
»Dann können Sie ihn haben«, sagte er. »Aber ich bekomme den Autopsiebericht.«
»Abgemacht«, sagte ich.
»Gutes neues Jahr«, sagte er.
Er ging zu seinem Wagen hinaus, und ich setzte mich wieder in mein Humvee. Nachdem ich mit Code 10-5 einen Sanka angefordert hatte, wies ich meine Sergeantin an, einen Zweimanntrupp mitzuschicken, der Kramers gesamtes persönliches Eigentum auflisten, verpacken und in mein Dienstzimmer schaffen sollte. Ich blieb am Steuer sitzen, bis Stockton und seine Leute im Nebel verschwunden waren. Dann ging ich ins Motelzimmer zurück und holte mir den Zündschlüssel aus Kramers Jackett, um den Ford aufzusperren.
Im Wageninnern gab es nichts außer dem Mief von Polsterreiniger und einer Kopie des Mietvertrags. Kramer hatte den Wagen am Vortag um 13.32 Uhr auf dem Dulles Airport bei Washington, D. C., in Empfang genommen, ihn mit einer privaten American-Express-Karte gemietet und einen Discountpreis erhalten. Bei Mietbeginn wies der Tacho einen Kilometerstand von 13 215 Meilen auf. Jetzt stand er auf 13 513, was meiner Rechnung nach bedeutete, dass er zweihundertachtundneunzig Meilen gefahren war, was für die kürzeste Strecke von dort nach hier ungefähr hinkam.
Nachdem ich die Kopie an mich genommen hatte, sperrte ich den Ford wieder ab. Sah in den Kofferraum, der gähnend leer war.
Ich steckte auch den Zündschlüssel ein und ging über die Straße zu der Bar. Die Musik wurde mit jedem Schritt lauter. Aus zehn Metern Entfernung konnte ich Bierdunst und Zigarettenqualm aus den Ventilatoren riechen. Ich schlängelte mich durch die geparkten Wagen und fand den Eingang: eine massive Holztür, die wegen der Kälte geschlossen war. Als ich sie aufzog, kam mir ein Schwall heißer, stickiger Luft entgegen. Drinnen war die Hölle los. Ich sah schwarz gestrichene Wände, purpurrote Spots und spiegelnde Diskokugeln. Auf der Bühne im Hintergrund erkannte ich eine Stripperin. Sie war nackt bis auf einen weißen Cowboyhut und kroch auf allen vieren am Boden herum, um Dollarscheine aufzulesen.
Hinter der Kasse gleich am Eingang saß ein großer Mann in einem schwarzen T-Shirt. Sein Gesicht lag in tiefem Schatten. Das Streulicht eines schwachen Spots zeigte mir, dass er einen Brustkorb wie ein Ölfass hatte. Die Musik war ohrenbetäubend, und die schätzungsweise fünfhundert Gäste füllten den Raum völlig aus. Ich trat wieder ins Freie, blieb einen Augenblick in der kalten Nachtluft stehen, überquerte dann die Straße und hielt auf den Empfang des Motels zu.
Die Rezeption war so erbärmlich wie das ganze Motel. Sie wurde von Leuchtstoffröhren erhellt, die grünliches Licht verbreiteten, und neben der Tür brummte ein Colaautomat vor sich hin. Es gab ein Münztelefon an der Wand, abgetretenes Linoleum auf dem Fußboden und eine hüfthohe, mit Holzimitat verkleidete Theke. Auf dem Hocker dahinter saß ein ungefähr zwanzig Jahre alter weißer Mann mit langen, ungewaschenen Haaren und fliehendem Kinn.
»Gutes neues Jahr«, sagte ich.
Er gab keine Antwort.
»Haben Sie was aus dem Zimmer des Toten mitgenommen?«, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Sagen Sie’s mir noch mal.«
»Ich hab nichts mitgenommen.«
Ich nickte. Ich glaubte ihm.
»Okay«, sagte ich. »Wann ist er angekommen?«
»Weiß ich nicht. Ich hatte erst um zehn Dienst. Da war er schon da.«
Ich nickte erneut. Kramer war um 13.32 Uhr auf dem Hertz-Parkplatz am Dulles Airport gewesen und nicht weit genug gefahren, um anderes zu tun, als geradewegs hierher zu kommen. Das bedeutete, dass er gegen halb acht im Motel eingetroffen war. Vielleicht um halb neun, wenn er unterwegs was gegessen hatte, oder auch gegen neun, wenn er ein ungewöhnlich vorsichtiger Fahrer gewesen war.
»Hat er das Münztelefon benutzt?«
»Das ist kaputt.«
»Wie hat er dann die Nutte erreicht?«
»Welche Nutte?«
»Die Nutte, die er gebumst hat, als er gestorben ist.«
»Hier gibt’s keine Nutten.«
»Ist er rübergegangen und hat sie sich aus dem Striplokal geholt?«
»Er war in einem Zimmer ganz hinten in der Reihe. Ich hab nicht gesehen, was er gemacht hat.«
»Haben Sie einen Führerschein?«
Der Kerl zögerte. »Warum?«
»Einfache Frage«, sagte ich. »Entweder haben Sie einen, oder Sie haben keinen.«
»Ich hab einen.«
»Herzeigen«, sagte ich.
Ich war größer als sein Colaautomat und behängt mit Orden und Abzeichen. Also tat er wie ihm geheißen, so wie’s die meisten mageren Zwanzigjährigen tun, wenn ich in diesem Ton mit ihnen spreche. Er hob seinen Arsch vom Hocker, griff nach hinten und zog seine Geldbörse aus der Hüfttasche. Klappte sie auf. Sein Führerschein steckte hinter einem milchigen Stück Klarsichtfolie. Ich sah sein Foto und las Namen und Adresse.
»Okay«, sagte ich. »Jetzt weiß ich, wo Sie wohnen. Ich muss Ihnen später noch ein paar Fragen stellen. Treffe ich Sie hier nicht an, komme ich zu Ihnen nach Hause.«
Er reagierte nicht darauf. Ich machte kehrt und ging zu meinem Humvee, um zu warten.
Vierzig Minuten später fuhren ein Sanka und ein zweites Humvee vor. Ich wies meine Jungs an, alles mitzunehmen – auch den Leihwagen -, blieb aber nicht da, um zu verfolgen, wie mein Befehl ausgeführt wurde. Stattdessen fuhr ich zum Stützpunkt zurück. Ich trug mich am Tor ein, marschierte in mein geliehenes Dienstzimmer und wies meine Sergeantin an, mich mit Oberst Garber zu verbinden. Dann wartete ich darauf, dass die Verbindung zustande kam. Das dauerte keine zwei Minuten.
»Was haben Sie herausgefunden?«, fragte er.
»Er hat Kramer geheißen«, antwortete ich.
»Das weiß ich«, sagte Garber. »Nach dem Gespräch mit Ihnen habe ich mit dem Dispatcher bei der Polizei gesprochen. Woran ist er gestorben?«
»Herzinfarkt«, sagte ich. »Bei einvernehmlichem Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten. In einem Motel, das ein wählerischer Kakerlak meiden würde.«
Eine lange Pause.
»Scheiße«, sagte Garber. »Er war verheiratet.«
»Ja, ich hab seinen Ehering gesehen. Und seinen West-Point-Ring.«
»Jahrgang zweiundfünfzig«, sagte Garber. »Ich hab’s kontrolliert.«
Wieder Schweigen.
»Scheiße«, wiederholte er. »Warum machen kluge Leute solche Dummheiten?«
Ich gab keine Antwort, weil ich’s nicht wusste.
»Wir müssen diskret sein«, meinte Garber.
»Keine Sorge«, sagte ich. »Das Vertuschungsmanöver läuft bereits. Die hiesige Polizei lässt mich ihn ins Walter Reed schicken.«
»Gut«, sagte er. »Das ist gut.« Dann machte er eine Pause. »Von Anfang an, okay?«
»Er hat den Ärmelaufnäher des XII. Korps getragen«, erklärte ich. »Folglich war er in Deutschland stationiert. Gestern Mittag ist er auf dem Dulles Airport angekommen. Vermutlich aus Frankfurt. Garantiert ein ziviler Flug, denn er hatte seinen Dienstanzug an, auf ein Upgrade gehofft. In einer Militärmaschine hätte er seinen Kampfanzug getragen. Er hat sich einen billigen Wagen gemietet, ist zweihundertachtundneunzig Meilen weit gefahren, hat sich ein Motelzimmer für fünfzehn Dollar genommen und sich eine Zwanzigdollarnutte geholt.«
»Ich weiß von diesem Flug«, sagte Garber. »Ich habe beim XII. Korps angerufen, mit seinem Stab gesprochen und ihnen mitgeteilt, dass er tot ist.«
»Wann?«
»Nachdem ich mit dem Dispatcher telefoniert hatte.«
»Wissen sie, wo und wie er gestorben ist?«
»Ich habe nur einen möglichen Herzinfarkt erwähnt, sonst nichts, keine Einzelheiten, keinen Ort, was mir nachträglich als sehr gute Entscheidung vorkommt.«
»Was war mit dem Flug?«, fragte ich.
»American Airlines, gestern, Rhein-Main nach Dulles, Ankunft dreizehn Uhr, Weiterflug heute um neun Uhr, Washington National nach Los Angeles. Er wollte zur Kommandeurstagung der Panzertruppe in Fort Irwin. Er war Kommandeur der Panzertruppe in Europa. Ein wichtiger General. Hätte in ein paar Jahren vielleicht stellvertretender Chef des Generalstabs werden können. Der nächste Mann kommt aus der Panzertruppe. Der jetzige Kerl ist Infanterist, und die Ernennung erfolgt nach dem Rotationsprinzip. Also hätte er eine Chance gehabt. Aber daraus wird jetzt wohl nichts, was?«
»Vermutlich nicht«, erwiderte ich. »Nachdem er jetzt tot ist und so.«
Garber äußerte sich nicht dazu.
»Wie lange war er zur Tagung hier?«, fragte ich.
»Er sollte innerhalb einer Woche wieder zurück in Deutschland sein.«
»Wie heißt er mit vollem Namen?«
»Kenneth Robert Kramer.«
»Ich wette, Sie wissen auch sein Geburtsdatum«, sagte ich. »Und seinen Geburtsort.«
»Wieso?«
»Und seine Flug- und Sitznummern. Und was der Staat für seine Tickets bezahlt hat. Und ob er vegetarisches Essen bestellt hat oder nicht. Und die Nummer des Zimmers, das er in Irwin im Gästeheim für Offiziere bekommen sollte.«
»Worauf wollen Sie hinaus?«
»Ganz einfach: Warum weiß ich das alles nicht auch?«
»Ja, wie denn?«, fragte Garber. »Ich war mit Telefonieren beschäftigt, und Sie haben in einem Motel herumgestöbert.«
»Wissen Sie was?«, sagte ich. »Wenn ich irgendwohin reise, habe ich immer ein Bündel Flugtickets, Reisegutscheine und Reservierungen dabei, und wenn ich aus dem Ausland einreise, einen Reisepass. Und falls ich zu einer Konferenz unterwegs bin, bin ich im Besitz eines Aktenkoffers, in dem ich diesen ganzen Scheiß transportieren kann.«
»Was soll das heißen?«
»Das soll heißen, dass aus dem Motelzimmer Gegenstände entwendet wurden. Tickets, Reservierungen, Reisepass, Reiseplan. Ganz allgemein Dinge, die jemand in einem Aktenkoffer mit sich herumtragen würde.«
Garber schwieg.
»Er hatte einen Kleidersack«, sagte ich. »Grünes Leinen, brauner Lederbesatz. Ich gehe jede Wette ein, dass er einen dazu passenden Aktenkoffer besaß. Wahrscheinlich hat seine Frau beide ausgesucht. Vermutlich aus dem Versandkatalog von L. L. Bean. Vielleicht vor zehn Jahren zu Weihnachten.«
»Und der Aktenkoffer war nicht da?«
»Wahrscheinlich befand sich darin auch seine Geldbörse, wenn er den Dienstanzug trug. Massenhaft Orden, wie der Mann sie hatte, machen die Innentasche unbequem eng.«
»Also?«
»Ich glaube, dass die Nutte beobachtet hat, wohin er nach dem Bezahlen die Geldbörse steckte. Dann sind sie zur Sache gekommen, und er ist abgekratzt. Sie hat einen kleinen Zusatzprofit für sich gesehen. Ich glaube, dass sie die Aktentasche geklaut hat.«
Garber überlegte einen Augenblick.
»Kann das ein Problem werden?«, fragte er.
»Hängt davon ab, was sich sonst noch in der Aktentasche befand«, antwortete ich.
2
Ich legte den Hörer auf und entdeckte einen Zettel, den meine Sergeantin mir hingelegt hatte: Ihr Bruder hat angerufen. Keine Nachricht. Ich faltete ihn einmal zusammen und ließ ihn in den Papierkorb fallen. Dann ging ich in meine Unterkunft zurück, um drei Stunden zu schlafen. Stand fünfzig Minuten vor dem Morgengrauen wieder auf. Das Motel erreichte ich genau bei Tagesanbruch. Auch im Morgenlicht sah die Gegend nicht besser aus. Sie wirkte heruntergekommen und verlassen. Nichts regte sich. Der Highway war leer. Es gab keinerlei Verkehr. Überhaupt keinen.
Das Schnellrestaurant der Raststätte war geöffnet, aber menschenleer, der Empfang des Motels nicht besetzt. Ich ging die Reihe entlang zum vorletzten Zimmer. Kramers Zimmer. Die Tür war abgesperrt. Ich kehrte ihr den Rücken zu und stellte mir vor, ich sei eine Nutte, deren Freier eben abgekratzt war. Ich hatte mich unter ihm hervorgewälzt, mich hastig angezogen, mir seinen Aktenkoffer geschnappt und wollte damit abhauen. Was würde ich tun? Der Aktenkoffer selbst interessierte mich nicht. Ich wollte das Bargeld aus der Geldbörse und vielleicht die American-Express-Karte. Also würde ich sie durchwühlen, das Geld und die Karte behalten und den Aktenkoffer irgendwo loswerden wollen. Aber wo?
Am besten hätte ich ihn im Zimmer gelassen. Aber das war aus irgendeinem Grund nicht geschehen. Vielleicht war ich in Panik geraten. Vielleicht stand ich unter Schock und wollte nur schnell weg von hier. Wo also sonst? Ich sah zu dem Striplokal hinüber. Dorthin würde ich wohl wollen. Von da war ich vermutlich gekommen. Aber dorthin konnte ich den Aktenkoffer nicht mitnehmen. Er würde meinen Kolleginnen auffallen, weil ich schon eine große Handtasche trug. Nutten tragen immer große Handtaschen. Sie haben viel zu transportieren: Kondome, Massageöle, vielleicht ein Messer oder einen Revolver, vielleicht ein Gerät für Kreditkartenquittungen. Daran erkennt man Nutten am sichersten. Man hält Ausschau nach einer Frau, die wie für einen Ball angezogen ist, aber eine Handtasche dabeihat, als wollte sie eine Urlaubsreise machen.
Ich sah nach links. Vielleicht war ich zur Rückseite des Motels gegangen. Dort wäre alles ruhig gewesen. Alle Fenster führten nach hinten hinaus, aber es war Nacht, und ich konnte damit rechnen, dass die Vorhänge zugezogen sein würden. Ich marschierte nach links, bog noch mal links ab und kam hinter den Zimmern auf ein mit verwilderten Sträuchern bewachsenes Rechteck, das etwa sechs Meter breit und so lang wie das Gebäude war. Ich stellte mir vor, wie ich rasch um die Ecke bog und dann im Dunkeln stehen blieb, um den Inhalt des Aktenkoffers durch Abtasten zu erkunden. Und ich stellte mir vor, wie ich fand, was ich suchte, und dann den Aktenkoffer wegschleuderte. Er konnte bis zu zehn Meter weit geflogen sein.
Ich stand, wo sie gestanden haben mochte, und legte einen Viertelkreis vor mir fest. Nun musste ich eine Fläche von ungefähr achtzig Quadratmetern absuchen. Der Boden war steinig und mit Raureif bedeckt. Ich fand jede Menge Zeug. Abfälle und gebrauchte Injektionsspritzen, aus Stanniol gedrehte Crackpfeifen und eine Buick-Radkappe, eine Rolle, die von einem Skateboard stammte, aber keinen Aktenkoffer.
Das Grundstück wurde durch einen fast zwei Meter hohen Holzzaun begrenzt. Ich zog mich daran hoch und schaute hinüber. Entdeckte ein weiteres Rechteck voller Unkraut und Steine. Keinen Aktenkoffer. Ich ging weiter und kam von hinten an den Empfang des Motels. Dort hatte ich ein schmutziges Milchglasfenster vor mir, das vermutlich zur Personaltoilette gehörte. Darunter lagen mindestens ein Dutzend ausrangierter Klimageräte. Sie waren so verrostet, als befänden sie sich schon seit Jahren dort. Ich bog um die Ecke und dann nach links auf eine mit Kies bestreute Fläche, auf der zwischen Unkraut ein Abfallbehälter auf Rädern stand. Ich öffnete den Deckel. Der Behälter war zu drei Vierteln mit Müll gefüllt. Wieder kein Aktenkoffer.
Ich überquerte die Straße und den leeren Parkplatz und sah mir das Striplokal an. Es war still und fest verriegelt. Alle Leuchtreklamen waren ausgeschaltet, und ihre kleinen gebogenen Glasröhren wirkten kalt und leblos. Ich entdeckte einen Abfallbehälter, der wie ein geparktes Auto auf dem Asphalt stand. Auch er enthielt keinen Aktenkoffer.
Als Nächstes suchte ich das Schnellrestaurant auf. Es war noch immer leer. Ich kontrollierte den Fußboden unter den Tischen und Sitzbänken in den Nischen. Ich inspizierte den Boden hinter der Kasse. Dort stand ein Karton, der einige vergessene Regenschirme, aber keinen Aktenkoffer enthielt. Ich warf einen Blick in die Damentoilette. Dort drinnen war niemand. Auch kein Aktenkoffer.
Ich sah auf meine Uhr und ging zurück zu dem Striplokal. Dort würde ich einige Leute befragen müssen. Aber die Bar hatte frühestens in acht Stunden wieder geöffnet. Ich drehte mich um und sah zum Motel auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Empfang war noch immer unbesetzt. Also machte ich mich auf den Weg zu meinem Humvee und erreichte es gerade rechtzeitig, um den Funkcode 10-17, Rückkehr zum Stützpunkt, zu hören. Ich bestätigte ihn, ließ den Dieselmotor an und fuhr nach Fort Bird zurück. Auf den leeren Straßen schaffte ich die Strecke in nicht mal einer Dreiviertelstunde. Auf dem Parkplatz der Fahrbereitschaft sah ich Kramers Leihwagen stehen. Am Schreibtisch in meinem Vorzimmer saß jetzt ein Korporal. Ein kleiner schwarzhaariger Mann, der aussah, als stammte er aus Louisiana. Er hatte bestimmt französisches Blut in den Adern. Mit französischem Blut kenne ich mich aus.
»Ihr Bruder hat noch mal angerufen«, sagte er.
»Weshalb?«
»Keine Nachricht.«
»Wozu war der 10-17 gut?«
»Oberst Garber verlangt einen 10-19.«
Ich lächelte. Man konnte sein ganzes Leben lang nur solche Zehnercodes verwenden. Manchmal kam es mir so vor, als hätte ich das schon getan. Der Code 10-19 bedeutete eine Verbindungsaufnahme per Funk oder Telefon. Harmloser als ein 10-16, der eine abhörsichere Verbindung erfordert hätte. Oberst Garber verlangt einen 10-19 bedeutete: Oberst Garber möchte, dass Sie ihn anrufen. Das war alles. Manche MP-Einheiten fingen schon wieder an, Englisch zu sprechen, aber diese gehörte offenbar nicht dazu.
Ich betrat mein Dienstzimmer und sah Kramers Kleidersack an eine Wand gelehnt. Daneben stand ein Pappkarton mit seinen Schuhen, seiner Unterwäsche und seiner Dienstmütze. Seine Uniform hing weiter auf drei Kleiderbügeln an meiner Garderobe. Ich ging zu meinem geliehenen Schreibtisch und wählte Garbers Nummer. Horchte auf das Summen des Wähltons und fragte mich, weshalb mein Bruder angerufen haben mochte. Fragte mich, wie er mich hier aufgespürt hatte. Vor sechzig Stunden hielt ich mich noch in Panama auf. Davor war ich ständig unterwegs gewesen. Also hatte er sich wirklich Mühe gegeben, mich zu finden. Vielleicht war die Sache also wichtig. Ich griff nach einem Bleistift und schrieb Joe auf einen Notizzettel. Dann unterstrich ich den Namen zweimal.
»Ja?«, sagte Leon Garber an meinem Ohr.
»Reacher«, meldete ich mich. Ich sah auf die Wanduhr. Sie zeigte kurz nach neun Uhr an. Kramers Maschine nach Los Angeles befand sich bereits in der Luft.
»Es war ein Herzinfarkt«, sagte Garber. »Ganz außer Zweifel.«
»Das Walter Reed hat schnell gearbeitet.«
»Er war ein General.«
»Aber ein General mit schwachem Herzen.«
»Tatsächlich waren’s die Arterien. Schwere Arteriosklerose hat zu tödlichem Kammerflimmern geführt. So steht’s im Autopsiebericht. Und das glaube ich. Wahrscheinlich hat es eingesetzt, als die Nutte ihren BH auszog.«
»Er hatte kein Herzmittel bei sich.«
»Vermutlich wusste er nichts davon. Solche Dinge kommen vor. Man fühlt sich wohl, dann fühlt man sich tot. Jedenfalls kann man das nicht vortäuschen. Kammerflimmern ließe sich mit einem Elektroschock simulieren, glaube ich, aber der Kalk, der sich in vierzig Jahren in den Arterien angesammelt hat, nicht.«
»Haben Sie befürchtet, sein Herztod könnte vorgetäuscht sein?«
»Der KGB hätte die Finger im Spiel haben können«, erklärte Garber. »Kramer und seine Panzer sind das größte taktische Einzelproblem, das die Rote Armee hat.«
»Im Augenblick ist die Rote Armee in Gegenrichtung orientiert.«
»Ob das so bleibt, lässt sich noch nicht abschätzen.«
Garber machte eine Pause.
»Ich darf keinen anderen an diese Sache ranlassen«, sagte er dann. »Vorläufig noch nicht. Wegen der Umstände. Das ist Ihnen doch klar, oder?«
»Also?«
»Also müssen Sie die Sache mit der Witwe übernehmen«, sagte Garber.
»Ich? Ist sie denn nicht in Deutschland?«
»Nein, in Virginia. Über die Feiertage daheim. Sie haben dort ein Haus.«
Ich notierte mir ihre Adresse auf dem Notizzettel, auf den ich den Namen Joe geschrieben und doppelt unterstrichen hatte.
»Irgendwer bei ihr?«, erkundigte ich mich.
»Sie haben keine Kinder. Also ist sie vermutlich allein.«
»Okay.«
»Sie weiß noch nichts«, sagte Garber. »War gar nicht einfach, sie dort aufzuspüren.«
»Soll ich einen Geistlichen mitnehmen?«
»Er ist nicht im Kampf gefallen. Sie sollten eine Kollegin mitnehmen, denke ich. Vielleicht braucht Mrs. Kramer jemanden, an den sie sich klammern kann.«
»Okay.«
»Natürlich ersparen Sie ihr die näheren Umstände. Er war nach Irwin unterwegs, sonst nichts. Ist bei einem Zwischenstopp im Hotel abgekratzt. Das muss die offizielle Version sein. Außer uns beiden weiß niemand, dass es anders war, und dabei muss es bleiben. Allerdings sollten Sie Ihre Kollegin vorsichtshalber einweihen. Falls Mrs. Kramer Fragen stellt, müssen Sie und Ihre Begleiterin auf demselben Stand sein. Was ist mit den dortigen Cops? Halten die dicht?«
»Der Mann, mit dem ich gesprochen habe, war ein ehemaliger Marineinfanterist. Er weiß, was Sache ist.«
»Semper fidelis«, bemerkte Garber.
»Den Aktenkoffer habe ich noch nicht gefunden«, sagte ich.
»Kümmern Sie sich erst um die Witwe«, erwiderte Garber. »Dann suchen Sie weiter.«
Ich wies den Korporal von der Tagschicht an, Kramers persönliches Eigentum in meine Unterkunft zu schaffen. Ich wollte, dass es sicher aufbewahrt wurde. Die Witwe würde es irgendwann verlangen. Auf einem so großen Stützpunkt wie Fort Bird können Dinge verschwinden. Anschließend ging ich in den O Club und sah mich nach Militärpolizisten um, die spät frühstückten oder früh zu Mittag aßen. Sie hocken meist in irgendeiner Ecke zusammen, weil alle anderen sie hassen. Ich fand eine Vierergruppe, zwei Männer und zwei Frauen. Alle trugen den auf Stützpunkten üblichen Kampfanzug in Tarnfarben. Eine der Frauen im Rang eines Hauptmanns, hatte den rechten Arm in einer Schlinge. Damit fiel ihr das Essen schwer und wohl auch das Fahren. Die zweite Frau, ich schätzte sie auf Mitte zwanzig, trug Leutnantsbalken am Kragen und ein Namensschild, auf dem Summer stand. Sie war klein und schlank. Ihr Teint hatte die gleiche Farbe wie der Mahagonitisch, an dem sie saß.
»Leutnant Summer«, sagte ich.
»Sir?«
»Gutes neues Jahr.«
»Sir, gleichfalls.«
»Sind Sie heute beschäftigt?«
»Sir, allgemeine Aufgaben.«
»Okay, in dreißig Minuten im Dienstanzug vor dem Stabsgebäude. Ich brauche Sie, damit Sie eine Witwe trösten.«
Ich schlüpfte ebenfalls wieder in meinen Dienstanzug und forderte von der Fahrbereitschaft eine Limousine an. Ich hatte keine Lust, mit einem Humvee bis nach Virginia zu fahren. Zu laut, zu unbequem. Ein Gefreiter brachte mir einen neuen, olivgrünen Chevrolet. Ich unterschrieb dafür, fuhr zum Stabsgebäude und wartete.
Leutnant Summer kam anderthalb Minuten vor Ablauf ihrer dreißig Minuten aus dem Gebäude. Sie blieb kurz stehen, bevor sie auf den Wagen zuging. Das sah gut aus. Sie war ziemlich klein, bewegte sich anmutig und wirkte wie ein auf Miniformat geschrumpftes ein Meter achtzig großes Model. Ich stieg aus und ließ die Fahrertür offen. Kam ihr auf dem Gehsteig entgegen. Summer trug ein Scharfschützenabzeichen, an dem Spangen für Gewehr, KK-Gewehr, Sturmgewehr, Pistole, KK-Pistole, Maschinengewehr und Maschinenpistole hingen. Sie bildeten eine ungefähr fünf Zentimeter lange Leiter. Länger als meine. Ich hatte nur Gewehr und Pistole. Sie baute sich vor mir auf, nahm Haltung an und grüßte zackig.
»Sir, Leutnant Summer meldet sich zur Stelle«, sagte sie.
»Schon gut«, entgegnete ich. »Lassen Sie den ›Sir‹ weg, okay? Nennen Sie mich Reacher oder gar nichts. Und keine Grüßerei mehr. Die mag ich nicht.«
Sie überlegte, entspannte sich.
»Okay«, sagte sie.
Ich öffnete die Beifahrertür und stieg ein.
»Ich fahre?«, fragte sie.
»Ich war die ganze Nacht auf den Beinen.«
»Wer ist gestorben?«
»General Kramer«, antwortete ich. »Großer Panzergeneral in Europa.«
»Was hat er dann hier gemacht? Bei uns gibt’s nur Infanterie.«
»Auf der Durchreise«, sagte ich.
Sie stieg auf der Fahrerseite ein und schob den Sitz ganz nach vorn. Stellte sich die Spiegel ein. Ich fuhr den Beifahrersitz ganz zurück und machte es mir so bequem wie möglich.
»Wohin?«, fragte sie.
»Green Valley, Virginia«, gab ich zur Antwort. »Ungefähr vier Stunden zu fahren, schätze ich.«
»Dort ist die Witwe?«
»Über die Feiertage zu Hause«, sagte ich.
»Und wir überbringen die traurige Nachricht? ›Gutes neues Jahr, Madam, und übrigens, Ihr Mann ist tot.‹ Ungefähr so?«
Ich nickte. »Toller Auftrag.« Aber ich machte mir keine großen Sorgen. Generalsfrauen sind eine verdammt zähe Rasse. Entweder haben sie dreißig Jahre damit verbracht, ihren Mann auf der Karriereleiter nach oben zu bugsieren, oder dreißig Jahre Fallout ertragen, während ihr Mann sie selbst erklommen hat. In beiden Fällen gibt’s wenig, was sie noch erschüttern kann. In den meisten Fällen sind sie taffer als ihre Männer.
Summer nahm ihre Mütze ab und warf sie auf den Rücksitz. Ihr Kopf war fast kahl geschoren. Sie hatte einen gut geformten Schädel mit hohen Wangenknochen. Glatte Haut. Mir gefiel ihr Aussehen. Und sie war eine rasante Fahrerin, das stand fest. Sie schnallte sich an und raste los wie beim Training für ein Nascar-Rennen.
»War’s ein Unfall?«, fragte sie.
»Herzinfarkt«, sagte ich. »Seine Arterien waren zu.«
»Wo? In unserer Unterkunft für durchreisende Offiziere?«
Ich schüttelte den Kopf. »In einem beschissenen kleinen Motel in der Stadt. Er ist mit einer Zwanzigdollarnutte unter sich gestorben.«
»Diesen Teil erzählen wir der Witwe nicht, stimmt’s?«
»Natürlich nicht. Davon erfährt niemand was.«
»Warum war er auf der Durchreise?«
»Er hielt sich keine Minute auf dem Stützpunkt selbst auf. Er ist von Frankfurt nach Washington geflogen, wollte zwanzig Stunden später nach Los Angeles weiterfliegen. Er war zu einer Tagung in Fort Irwin unterwegs.«
»Erlaubnis, offen zu sprechen?«, fragte sie.
»Bitte.«
»Ist dies ein Test?«
»Warum sollte es ein Test sein?«
»Sie sind vom 110th Special Unit, stimmt’s?«
»Ja«, sagte ich, »das bin ich.«
»Ich habe ein Versetzungsgesuch laufen.«
»Zum Hundertzehnten?«
»Genau. Ist dies also eine verdeckte Beurteilung?«
»Wessen?«
»Meiner Person«, antwortete sie. »Als Kandidatin.«
»Ich brauchte eine Kollegin. Für den Fall, dass die Witwe jemandem in die Arme sinken will. Sie habe ich aus logischen Gründen ausgewählt. Der Hauptmann mit dem Arm in der Schlinge hätte mich nicht fahren können. Und für uns wär’s irgendwie ineffizient, wenn wir immer darauf warten müssten, dass ein General stirbt, um eine persönliche Beurteilung vornehmen zu können.«
»Das mag wohl stimmen«, sagte sie. »Aber ich frage mich, ob Sie hier sitzen und darauf warten, dass ich die offenkundigen Fragen stelle.«
»Ich würde erwarten, dass jeder Militärpolizist, der einen Schuss Pulver wert ist, die offenkundigen Fragen stellt – unabhängig davon, ob er ein Versetzungsgesuch eingereicht hat oder nicht.«
»Okay, dann frage ich. General Kramer hatte zwanzig Stunden Aufenthalt in Washington, D. C.; er wollte mit einer Frau ins Bett und hatte nichts dagegen, dafür zu bezahlen. Wieso musste er zu diesem Zweck bis hierher fahren? Das sind … bestimmt dreihundert Meilen, oder?«
»Zweihundertachtundneunzig«, sagte ich.
»Und anschließend musste er wieder zurückfahren.«
»Anscheinend.«
»Weshalb also?«
»Das möchte ich von Ihnen hören«, sagte ich. »Erzählen Sie mir etwas, auf das ich noch nicht selbst gekommen bin, dann befürworte ich Ihre Versetzung.«
»Das können Sie nicht. Sie sind nicht mein Kommandeur.«
»Vielleicht doch«, entgegnete ich. »Zumindest diese Woche.«
»Weshalb sind Sie überhaupt hier? Passiert irgendwas, von dem ich wissen sollte?«
»Keine Ahnung, warum ich hier bin«, gab ich zur Antwort. »Ich bin abkommandiert worden. Mehr weiß ich nicht.«
»Sind Sie wirklich ein Major?«
»Ja, warum?«
»Ich dachte, Ermittler des Hundertzehnten seien im Allgemeinen Warrant Officers, die in Zivil oder verdeckt arbeiten.«
»Stimmt.«
»Warum hat man Sie also hierher kommandiert, wenn man einen Warrant Officer hätte nehmen und als Major ausstaffieren können?«
»Gute Frage«, sagte ich. »Vielleicht kriege ich das eines Tages raus.«
»Darf ich fragen, wozu Sie abkommandiert sind?«
»Zur zeitweiligen Dienstleistung als Exekutivoffizier des Kommandeurs der Militärpolizei in Fort Bird.«
»Der Kommandeur befindet sich nicht am Standort«, sagte sie.
»Ich weiß, das habe ich rausgekriegt. Er ist am Tag meiner Ankunft irgendwohin abkommandiert worden. Auf begrenzte Zeit.«
»Dann sind Sie sein Vertreter im Amt.«
»Wie ich bereits sagte.«
»Exekutivoffizier des Kommandeurs der Militärpolizei ist kein Job für jemanden aus einem Special Unit«, erklärte sie.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »The Enemy« bei Bantam Press, Transworld Publishers, The Random House Group Ltd., London.
1. Auflage
Copyright © der Originalausgabe 2004 by Lee Child Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006 by Blanvalet Verlag, in der
Verlagsgruppe Random House GmbH, München. (Published by arrangement with Lee Child) Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Umschlagmotiv: Getty Images/The Image Bank/Gary Yeowell
eISBN : 978-3-641-03815-1
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