Keine Kompromisse - Lee Child - E-Book
Beschreibung

Eine Kleinstadt im Nirgendwo. Ein unvorstellbares Verbrechen. Nur Jack Reacher nimmt den Kampf auf.

Jack Reacher folgt einem plötzlichen Impuls, als er in der Kleinstadt Mother's Rest irgendwo im Mittleren Westen aus dem Zug steigt. Die Privatermittlerin Michelle Chang wartete dort vergeblich auf ihren Partner und kommt mit Reacher ins Gespräch. Allein durch die wenigen beiläufig geäußerten Worte gerät dieser ins Visier einer skrupellosen Bande, die bereits Changs Partner auf dem Gewissen hat. Doch die Verbrecher unterschätzen, worauf sie sich einlassen, als sie auch Reacher ermorden wollen – denn niemand ist härter als Jack Reacher!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl:563


Buch

Jack Reacher folgt einem plötzlichen Impuls, als er in der Kleinstadt Mother’s Rest irgendwo im ländlichen Maine aus dem Zug steigt. Umso mehr verwundert es ihn, dass man ihn erwartet. Doch es handelt sich nur um eine Verwechslung. Die Privatermittlerin Michelle Chang hoffte, ihren Partner zu treffen, dem Reacher vage ähnlich sieht. Ein Zufall! Doch durch die paar beiläufig geäußerten Worte gerät Reacher ins Visier einer skrupellosen Bande, die vor nichts zurückschreckt, um ihre Interessen zu wahren. Doch die Verbrecher unterschätzen, worauf sie sich einlassen, als sie ihn ermorden wollen – denn niemand ist härter als Jack Reacher!

Autor

Lee Child wurde in den englischen Midlands geboren, studierte Jura und arbeitete dann zwanzig Jahre lang beim Fernsehen. 1995 kehrte er der TV-Welt und England den Rücken, zog in die USA und landete bereits mit seinem ersten Jack-Reacher-Thriller einen internationalen Bestseller. Er wurde mit mehreren hoch dotierten Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem »Anthony Award«, dem renommiertesten Preis für Spannungsliteratur.

Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvalet und ­www.twitter.com/BlanvaletVerlag

Lee Child

Keine Kompromisse

Ein Jack-Reacher-Roman

Deutsch von Wulf Bergner

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »Make Me (20 Reacher)« bei Bantam Press, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright der Originalausgabe © 2015 by Lee Child

Published by Agreement with Lee Child

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagabbildungen: Mann: Mark Owen / Trevillion Images /MON61756; Landschaft: mauritius images / Lorenz Britt /

Alamy / 9.A4YM34

HK · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-22107-2V002

www.blanvalet.de

Für Darley Anderson,seit zwanzig Jahren mein Agent,mit herzlichem Dank

1

Einen Mann von Keevers Größe und Gewicht zu transportieren war nicht einfach. Als versuchte man, die Kingsize-Matratze eines Wasserbetts zu bewältigen. Daher begruben sie ihn in der Nähe des Hauses. Was ohnehin vernünftig war. Die Weizenernte würde erst in zwei Wochen beginnen, und eine frisch aufgegrabene Stelle in einem Feld wäre aus der Luft sichtbar gewesen. Und nach einem Kerl wie Keever würden sie aus der Luft suchen. Mit Flugzeugen und Hubschraubern, vielleicht sogar mit Drohnen.

Mit der Arbeit begannen sie um Mitternacht, weil ihnen das am ungefährlichsten erschien. Sie befanden sich inmitten von zehntausend Hektar Leere, und das einzige Bauwerk von Menschenhand zwischen ihnen und dem Horizont stellte das Bahngleis östlich von ihnen dar, aber Mitternacht war fünf Stunden nach dem Abendzug und sieben Stunden vor dem Morgenzug. Also würde es keine Augenzeugen geben. Ihr Bagger hatte vier Zusatzscheinwerfer an einem Träger über der Fahrerkabine, ähnlich wie Kids ihre Pick-ups aufmotzten, und diese Scheinwerfer tauchten den Arbeitsbereich in gleißend helles Halogenlicht. So war auch die Dunkelheit kein Problem. Die Grube hoben sie im Schweinepferch aus, in dem das Erdreich ohnehin ständig aufgewühlt war. Jedes Mastschwein wog hundert bis hundertzehn Kilo, und jedes Schwein hatte vier kräftige Füße. Deshalb gab es hier keinen Quadratzentimeter nicht zerwühlter Erde. Aus der Luft würde nichts zu sehen sein, auch mit keiner Wärmebildkamera. Die dampfenden Tiere selbst und die dampfenden Haufen und Pfützen ihrer Ausscheidungen würden das Bild sofort weiß werden lassen.

Also gefahrlos.

Schweine wühlen gern die Erde auf, deshalb achteten sie darauf, die Grube tief genug auszuheben. Was auch kein Problem darstellte. Der Arm ihres Baggers war lang, griff mit rhythmischen, fließenden Bewegungen jeweils zwei Meter weit aus, wobei die verchromten Hydraulikzylinder im Scheinwerferlicht glitzerten, der Motor kurz aufheulte, bevor seine Drehzahl wieder abfiel, und die Fahrerkabine sich hob, senkte und drehte, während der Schürflöffel gefüllt, herausgehoben und entleert wurde. Als die Grube fertig war, setzte der Baggerfahrer zurück, wendete und benutzte seinen Planierschild, um Keever in sein Grab zu befördern. Die Maschine schob und wälzte ihn und bedeckte seinen Leichnam mit Erde, bis er endlich über den Rand fiel und auf dem im Schatten liegenden Boden der Grube aufschlug.

Nur eine Kleinigkeit ging schief – und das in genau dieser Minute.

Der Abendzug kam mit fünf Stunden Verspätung vorbei. Am folgenden Morgen hörten sie im Radio, eine defekte Diesel­lok habe hundert Meilen weiter südlich den Verkehr aufgehalten. Aber das wussten sie in diesem Augenblick nicht. Sie hörten lediglich das klagende Heulen der Lok an dem weit entfernten Bahnübergang, und dann konnten sie sich nur noch umdrehen und die lange Schlange beleuchteter Wagen anstarren, die in mittlerer Entfernung vorbeirumpelten: einer nach dem anderen, wie ein Traumbild, scheinbar endlos lange. Aber irgendwann war der Zug vorbeigefahren. Die Gleise summten noch etwa eine Minute lang, und dann wurden die Schlusslichter von dem mitternächtlichen Dunkel verschluckt, und die Männer machten sich wieder an die Arbeit.

Zwanzig Meilen weiter nördlich wurde der Zug immer langsamer, bis er endlich mit zischenden Druckluftbremsen hielt. Die Türen gingen automatisch auf, und Jack Reacher stieg die zwei Stufen zu dem betonierten Bahnsteig vor einem Getreide­heber von der Größe eines Apartmenthauses hinunter. Links vor sich sah er vier weitere Elevatoren, die noch größer als der erste waren, und rechts stand eine mit Wellblech beplankte riesige Lagerhalle so groß wie ein Flugzeughangar. Hier gab es in regel­mäßigen Abständen aufgestellte Lichtmasten mit Natriumdampflampen, deren gelbe Lichtkegel das Dunkel unterteilten. In der Nachtluft hing leichter Nebel. Das Ende des Sommers stand bevor. Der Herbst kündigte sich an.

Reacher blieb stehen. Hinter ihm fuhr der Zug weiter: mühsam, mit langsamem Rat-a-tat-Rhythmus, der allmählich schneller wurde, sodass der Fahrtwind an seiner Kleidung zerrte. Außer ihm war hier niemand ausgestiegen. Was nicht überraschte, denn dieser Ort war weiß Gott kein Pendlerzentrum, sondern rein landwirtschaftlich geprägt. Sein kümmerlicher Bahnhof lag zwischen Getreidehebern und der riesigen Lagerhalle eingezwängt; er bestand aus einem kompakten Gebäude, in dem es einen Fahrkartenschalter und zwei Bänke für Wartende gab. Der kleine Bau im traditionellen Eisenbahnstil mutete wie ein Spielzeug an, das jemand zwischen zwei glänzend polierte Ölfässer gestellt hatte.

Aber auf dem Schild, das quer über seine ganze Seite verlief, stand der Grund dafür, dass Reacher hier ausgestiegen war: Mother’s Rest. Als er diesen Ortsnamen auf einem Streckenplan entdeckt hatte, war ihm das als großartiger Name für einen Haltepunkt erschienen. Er stellte sich vor, die Bahnstrecke kreuze dort einen alten Planwagentrail an genau der Stelle, wo sich vor vielen Jahren etwas Bedeutsames ereignet hatte. Vielleicht hatten bei einer hochschwangeren jungen Frau die Wehen eingesetzt. Das Ruckeln und Schütteln der großen Fuhrwerke konnte nicht zuträglich gewesen sein. Oder die Planwagen hatten dort ein, zwei Wochen haltgemacht oder sogar einen Monat lang. Möglicherweise hatte jemand sich viele Jahre später daran erinnert. Irgendein Nachkomme. So war eine Familiensage entstanden. Vielleicht existierte auch ein aus einem einzigen Raum bestehendes kleines Museum.

Oder es gab eine traurigere Interpretation. Vielleicht hatten die Siedler hier eine Frau beigesetzt. Zu alt und zu schwach für die lange Reise. Dann würde es bestimmt irgendwo einen Gedenkstein geben.

So oder so hatte Reacher Lust, die Wahrheit herauszufinden. Er hatte kein bestimmtes Ziel und beliebig viel Zeit, um es zu erreichen, sodass Umwege ihn nichts kosteten. Deshalb war er hier ausgestiegen. Anfangs jedoch mit einer gewissen Enttäuschung. Seine Erwartungen waren viel zu hochgeschraubt gewesen. Er hatte sich ein paar staubige Häuser und eine Koppel mit einem einsamen Pferd vorgestellt. Und das aus einem einzigen Raum bestehende Museum, das ehrenamtlich betreut wurde. Vielleicht von einem alten Mann aus einem der Häuser. Oder den Gedenkstein, vielleicht aus Marmor, in einem Karree aus schmiedeeisernen Gitterstäben.

Nicht erwartet hatte er eine gigantische landwirtschaftliche Infrastruktur. Andererseits nur logisch. Hier trafen Weizen und Eisenbahn aufeinander. Millionen Tonnen Getreide, die jedes Jahr auf den Weg gebracht werden mussten. Er machte zwei Schritte nach links und schaute durch eine Lücke zwischen Gebäuden. Dahinter herrschte Halbdunkel, aber er konnte eine halbkreisförmige Bebauung erahnen. Natürlich Wohnhäuser fürs Bahnpersonal. Und er sah Lichter, die hoffentlich ein Motel oder ein Diner, ein Schnellrestaurant oder beides ankündigten.

Auf dem Weg zum Ausgang mied er gewohnheitsmäßig die Lichtkreise der Natriumdampflampen. Doch dem letzten Lichtkegel konnte er nicht entkommen, weil die Lampe direkt über dem Ausgang hing. Also sparte er sich die Mühe, die vorigen zu umgehen, indem er auch den vorletzten Lichtkreis durchquerte.

Im nächsten Augenblick trat eine Frau aus dem Schatten.

Sie kam regelrecht energiegeladen auf ihn zu, mit zwei, drei raschen Schritten, als freute sie sich, ihn zu sehen. Ihre Körpersprache signalisierte vor allem Erleichterung.

Dann plötzlich nicht mehr. Stattdessen war ihr Enttäuschung anzusehen. Sie blieb ruckartig stehen und sagte: »Oh.«

Sie war eine Asiatin. Aber nicht klein und zierlich. Einen Meter fünfundsiebzig, vielleicht sogar einen Meter achtzig. Und entsprechend gebaut. Nirgends ein Knochen zu sehen. Kein Magermodel. Er schätzte sie auf ungefähr vierzig. Sie trug ihre langen schwarzen Haare offen, hatte Jeans und ein schwarzes T-Shirt unter einer kurzen Lederjacke an, dazu elegante Schnürstiefeletten.

Er sagte: »Guten Abend, Ma’am.«

Sie blickte über seine Schulter.

Er sagte: »Ich bin der einzige Fahrgast.«

Sie erwiderte seinen Blick.

Er sagte: »Außer mir ist niemand ausgestiegen. Also kommt Ihr Freund wohl nicht mehr.«

»Mein Freund?«, fragte sie ohne erkennbaren Akzent. Sie sprach neutrales Alltagsamerikanisch, das man jetzt überall hörte.

Er sagte: »Wozu sollte jemand hier sein, außer um auf den Zug zu warten? Sonst gibt’s keinen Grund herzukommen. Um Mitternacht dürfte es hier wohl nichts zu sehen geben.«

Sie äußerte sich nicht dazu.

Er sagte: »Erzählen Sie mir bloß nicht, dass Sie seit sieben Uhr hier gewartet haben.«

»Ich wusste nicht, dass der Zug Verspätung hat«, erwiderte sie. »Hier gibt’s keinen Handyempfang. Und von der Bahn ist niemand da, der einem Auskunft geben könnte. Und der Pony Express fällt heute wegen Krankheit aus, glaube ich.«

»Er war nicht in meinem Wagen. Auch nicht in den beiden nächsten.«

»Wer?«

»Ihr Freund.«

»Sie wissen doch gar nicht, wie er aussieht.«

»Er muss ein großer Kerl sein«, sagte Reacher. »Deshalb sind Sie auf mich zugestürzt, als Sie mich entdeckt haben. Sie hielten mich für ihn. Zumindest eine Sekunde lang. Und in meinem Wagen saßen keine großen Männer. Auch nicht in den beiden anderen.«

»Wann kommt der nächste Zug?«

»Sieben Uhr morgens.«

Sie fragte: »Wer sind Sie? Und was führt Sie hierher?«

»Ich bin nur jemand auf der Durchreise.«

»Der Zug ist weitergefahren. Sie nicht. Sie sind ausgestiegen.«

»Wissen Sie irgendwas über diesen Ort?«

»Nichts, gar nichts.«

»Haben Sie ein Museum oder einen Gedenkstein gesehen?«

»Wozu sind Sie hier?«

»Wer fragt das?«

Sie zögerte kurz, dann antwortete sie: »Niemand.«

Reacher fragte: »Gibt es hier ein Motel?«

»Ich wohne dort.«

»Wie ist es?«

»Es ist ein Motel.«

»Das genügt mir«, meinte Reacher. »Sind Zimmer frei?«

»Alles andere würde mich wundern.«

»Okay, Sie können mir den Weg zeigen. Warten Sie nicht die ganze Nacht auf dem Bahnhof. Ich stehe bei Tagesanbruch auf und klopfe an Ihre Tür, wenn ich gehe. Hoffentlich kommt Ihr Freund mit dem Morgenzug.«

Die Frau schwieg. Sie warf lediglich einen letzten Blick auf die Gleise, wandte sich dann ab und ging durch die offene Gitter­tür des Ausgangs voraus.

2

Das Motel war größer, als Reacher erwartet hatte. Es bildete ein zweigeschossiges Hufeisen mit insgesamt dreißig Zimmern und reichlich Abstellflächen für Autos. Allerdings waren nicht sehr viele Parkbuchten besetzt und weniger als die Hälfte der Zimmer belegt. Das Gebäude bestand anscheinend aus verputzten und beige gestrichenen Hohlblocksteinen. Die eisernen Außentreppen und Geländer hatten einen braunen Anstrich. An sich nichts Besonderes, aber alles wirkte sauber und gepflegt. Nirgends auch nur eine durchgebrannte Glühbirne. Reacher hatte schon in viel schlechteren Motels die Nacht verbracht.

Die Rezeption befand sich im Erdgeschoss hinter der ersten Tür links. Der Angestellte dort war ein alter kleiner Mann mit gewaltigem Wanst und einem Glasauge. Er gab der Frau den Schlüssel von Zimmer 214, und sie ging wortlos davon. Als Reacher nach dem Zimmerpreis fragte, sagte der Kerl: »Sechzig Bucks.«

Reacher sagte: »Pro Woche?«

»Pro Nacht.«

»Ich bin nicht von gestern.«

»Was soll das heißen?«

»Ich war schon in vielen Motels.«

»Und?«

»Ich sehe hier nichts, was sechzig Bucks wert wäre. Vielleicht zwanzig.«

»Zwanzig geht nicht. Diese Zimmer sind teuer.«

»Welche Zimmer?«

»Oben.«

»Mir genügt ein unteres.«

»Wollen Sie denn nicht in ihrer Nähe sein?«

»In wessen Nähe?«

»In der Ihrer Freundin.«

»Nein«, sagte Reacher. »Ich muss nicht in ihrer Nähe sein.«

»Vierzig Dollar für unten.«

»Zwanzig. Ihr Haus ist nicht mal halb voll. Praktisch am Rand der Pleite. Lieber zwanzig Dollar einnehmen als überhaupt nichts.«

»Dreißig.«

»Zwanzig.«

»Fünfundzwanzig.«

»Abgemacht«, sagte Reacher. Er zog einen Packen zusammengerollter Geldscheine aus der Tasche und zählte einen Zehner, zwei Fünfer und fünf Eindollarscheine ab. Er legte sie auf die Theke, und der Einäugige tauschte sie triumphierend gegen einen Zimmerschlüssel mit hölzernem Anhänger, den er aus einer Schublade nahm.

»In der hinteren Ecke«, erklärte der Alte. »Gleich neben der Treppe.«

Die aus Stahl war und laut scheppern würde, wenn Gäste nach oben oder unten gingen. Nicht das beste Zimmer des Hauses. Eine kleinliche Rache. Aber Reacher machte sich nichts daraus. Seiner Einschätzung nach würde er in dieser Nacht als Letzter zu Bett gehen. Er rechnete nicht mit weiteren Ankünften, sondern vertraute darauf, dass er in der stillen Prärienacht ungestört würde durchschlafen können.

Er bedankte sich und ging mit seinem Schlüssel hinaus.

Der Einäugige wartete eine Minute, dann griff er nach dem Hörer seines Telefons und drückte eine Direktwahltaste. Als jemand sich meldete, sagte er: »Sie hat einen Kerl vom Zug abgeholt. Der hatte Verspätung. Sie hat fünf Stunden auf ihn gewartet und dann hierhergebracht. Und er hat sich ein Zimmer genommen.«

Aus dem Hörer drang das blecherne Knattern einer Frage, und der Einäugige antwortete: »Wieder ein großer Kerl. Ein verdammter Hundesohn. Hat den Zimmerpreis ganz schön runtergehandelt. Ich hab ihm 106 in der Ecke gegeben.«

Eine weitere Frage, eine weitere Antwort: »Nicht von hier aus. Ich bin im Büro.«

Noch ein Knattern, diesmal jedoch in anderer Tonart, in anderem Sprechtempo. Ein Befehl, keine Frage.

Der alte Mann sagte: »Okay.«

Er legte den Hörer auf, stemmte sich von seinem Stuhl hoch, ging ins Freie, nahm den Liegestuhl von Zimmer 102 mit, das nicht belegt war, und schleifte ihn zu einer Stelle auf dem Asphalt, von der aus er seine eigene Tür und die von Zimmer 106 sehen konnte. Kannst du sein Zimmer von deinem Platz aus im Auge behalten?, hatte die Frage gelautet. Dann war der Befehl gekommen: Beweg deinen Arsch und such dir einen Platz, von dem aus du ihn die ganze Nacht lang beobachten kannst. Der Einäugige führte immer alle Befehle aus, manchmal jedoch leicht widerstrebend wie jetzt, als er den Liegestuhl zurechtrückte und sich mit seinem gesamten Gewicht in die unbequeme Kunststoffschale fallen ließ. Im Freien, in der kühlen Nachtluft. Nichts, was er aus freien Stücken getan hätte.

In seinem Zimmer hörte Reacher den Liegestuhl über den Asphalt scharren, aber er achtete nicht darauf. Nur irgendein zufälliges Nachtgeräusch, nichts Gefährliches, keine Schrotflinte, die durchgeladen, kein Messer, das zischend aus der Scheide gezogen wurde, nichts, was sein Echsengehirn hätte beunruhigen müssen. Die einzige andere Möglichkeit wären das Klappern von Schnürstiefeletten auf dem Gehsteig draußen und ein Klopfen an seiner Zimmertür gewesen, weil die Unbekannte vom Bahnhof eine Frau zu sein schien, die viele Fragen hatte und in gewisser Weise zu erwarten schien, dass sie beantwortet würden. Wer sind Sie? Und was führt Sie hierher?

Aber dies war ein Scharren, kein Klappern oder Klopfen, deshalb achtete Reacher nicht weiter darauf. Er legte seine Hose sorgfältig glattgezogen unter die Matratze, spülte sich den Staub des Tages unter der Dusche ab und kroch unter die Bettdecke. Dann stellte er den Wecker in seinem Kopf auf sechs Uhr morgens, räkelte sich, gähnte und schlief sofort ein.

Der Morgen dämmerte ohne eine Spur von Rosa oder Purpur ganz golden herauf. Der Himmel leuchtete in dem blassen Blau eines hundertmal gewaschenen alten Jeanshemds. Reacher duschte erneut, zog sich an und trat ins Freie. Er sah den leeren Liegestuhl, der eigenartig platziert beinahe mitten auf der Fahrbahn stand, dachte sich aber nichts dabei. Er stieg die Stahltreppe so leise wie möglich hinauf, um das zu erwartende Scheppern auf ein dumpfes, nicht sehr lautes Dröhnen zu reduzieren. Er fand die Nummer 214 und klopfte an die Tür: nachdrücklich, aber diskret, wie er sich das Anklopfen eines Pagen in einem Luxushotel vorstellte. Sie wollten geweckt werden, Ma’am. So blieben ihr noch ungefähr vierzig Minuten. Zehn, um in Gang zu kommen, zehn fürs Duschen und Anziehen, zehn für den Spaziergang zum Bahnhof. Den würde sie mindestens fünf Minuten vor Ankunft des Zuges erreichen.

Reacher ging leise die Außentreppe hinunter und auf die Straße hinaus, die an dieser Stelle breit wie ein Platz war. Für Traktorengespanne, vermutete er, die hier langsam und schwerfällig rangierten, um sich vor den Brückenwaagen aufzureihen, denen die Einlieferungsstelle und die Getreideheber folgten. In den Asphalt waren dort Bahngleise eingelassen. Ein beachtlich großes Unternehmen. Wahrscheinlich eine Art Unterzentrum für die nähere Umgebung, die in diesem Teil Amerikas einen Radius von zweihundert Meilen haben konnte. Das erklärte auch das große Motel. Farmer würden aus weitem Umkreis zusammenkommen, um hier vor oder nach der Fahrt in eine entfernte Großstadt zu übernachten. Vielleicht tauchten sie zu gewissen Zeiten alle gleichzeitig auf, etwa wenn im fernen Chicago Verträge für zukünftige Weizenlieferungen abgeschlossen wurden.

Die breite Straße verlief in Nord-Süd-Richtung, wobei rechts das Bahngleis und die glänzenden Elevatoren sie im Osten begrenzten, während links die Main Street die westliche Grenze bildete.

Dort standen das Motel, ein Diner und ein General Store. Hinter diesen Etablissements bildete die kleine Stadt nach Westen hin einen Halbkreis. Aufgelockerte Bebauung im Countrystil. Etwa tausend Einwohner, vielleicht weniger.

Reacher lief auf der breiten Straße nach Norden und hielt Ausschau nach dem ehemaligen Planwagentrail. Bestimmt würde er die Straße rechtwinklig in Ost-West-Richtung kreuzen, denn schließlich war dies das Ziel der damaligen Trecks gewesen: Go west, young man. Pionierzeiten. Fünfzig Meter hinter dem letzten Getreideheber sah er einen Bahnübergang. Dort verlief eine Straße rechtwinklig zu den Gleisen genau in Ost-West-Richtung. Rechts lag sie in heller Morgensonne, links in langen Schatten.

Der Bahnübergang war unbeschrankt, nur durch rote Blinklichter gesichert. Auf den Gleis stehend blickte Reacher nach Süden, wo er hergekommen war. Soviel in dem blassen Morgenlicht zu erkennen war, gab es mindestens eine Meile weit keinen Bahnübergang mehr. Auch nach Norden hin nicht. Wenn Mother’s Rest eine eigene Ost-West-Fernstraße für sich beanspruchte, stand er also darauf.

Die Fahrbahn war ausreichend breit und leicht gewölbt, anscheinend mit Erdreich aus den beiden flachen Straßengräben aufgeschüttet. Bedeckt war sie mit einer altersgrauen dicken, vom Wetter rissigen Asphaltschicht, deren unregelmäßige Ränder wie erstarrte Lava wirkten. Die Überlandstraße verlief schnurgerade von einem Horizont bis zum anderen.

Dies konnte der alte Trail sein. Planwagen fuhren geradeaus, wo immer das möglich war. Wieso auch nicht? Niemand wollte nur so aus Spaß Umwege machen. Der Anführer des Trecks hielt auf irgendeinen Orientierungspunkt zu, und die anderen Wagen folgten ihm, und ein Jahr später richteten sich neue Siedler nach der alten Fahrspur, und im Jahr darauf zeichnete jemand sie auf eine Karte ein. Und hundert Jahre später kamen Straßenbauer mit Planierraupen und Muldenkippern voller Asphalt vorbei.

Im Osten gab es nichts zu sehen. Kein aus einem einzigen Raum bestehendes Museum, kein Gedenkstein aus Marmor. Nur die Straße zwischen scheinbar endlosen Weizenfeldern kurz vor der Ernte. Aber in Gegenrichtung, westlich der Gleise, führte die Straße zwischen lockerer Bebauung, die fünf bis sechs Blocks einnahm, mitten durch die kleine Stadt. Der rechte Eckpfeiler dieser Bebauung erstreckte sich wie ein Footballfeld noch hundert Meter weit nach Norden. Dies schien das Betriebsgelände eines Landmaschinenhändlers mit seltsamen Traktoren und riesigen Maschinen, alle fabrikneu und glänzend lackiert, zu sein. Links davon befand sich in einem kleinen Haus, offenbar ein ehemaliges Wohnhaus, eine Abgabestelle für Tiermedikamente.

In der Rezeption des Motels wählte der einäugige Angestellte eine Telefonnummer. Als der Angerufene sich meldete, sagte er: »Sie ist wieder zum Bahnhof gegangen. Jetzt wartet sie auch auf den Morgenzug. Wie viele Leute wollen diese Leute noch schicken?«

Diesmal antwortete ihm ein langes blechernes Knattern, aber es war keine Frage, auch kein Befehl. In sanfterem Ton. Vielleicht eine Ermutigung. Oder Beschwichtigung. Der Einäugige sagte: »Okay, klar«, und legte auf.

Auf seinem Weg die sechs Straßenblocks hinauf und hinunter entdeckte Reacher alles Mögliche. Er sah Häuser, die noch bewohnt waren, und ehemalige Wohnhäuser, die jetzt für Saatgut- oder Kunstdüngerhändler und eine Großtierpraxis zweckentfremdet waren. Er sah das Einzimmerbüro eines Rechtsanwalts, eine Tankstelle und eine Spielhalle sowie einen Getränkemarkt, der Bier und Eis verkaufte; auch ein Geschäft, in dem es nur Gummistiefel und -schürzen gab. Er sah einen Waschsalon, einen Reifendienst und einen Schuh- und Schlüsseldienst.

Er sah jedoch kein Museum, keinen Gedenkstein.

Was vermutlich in Ordnung war. Weder Museum noch Gedenkstein würden direkt an der tagsüber belebten Main Street stehen. Aus gewisser Ehrfurcht heraus eher in der zweiten Reihe, wo sie nicht so leicht beschädigt werden konnten.

Er verließ den Planwagentrail und ging auf einer Seitenstraße weiter. Die kleine Stadt war schachbrettartig angelegt, auch wenn sie sich später halbkreisförmig ausgedehnt hatte. Manche Grundstücke waren offenbar begehrenswerter als andere, als besäßen die riesigen Elevatoren eine ganz spezielle Anziehungskraft. Die Randbezirke wiesen keine Bebauung auf. Entlang der Parallelstraße zu dem Trail gab es viele Einzimmerwohnungen in ehemaligen Scheunen, Garagen oder Verkaufsständen von Farmern, die auf ein, zwei Hektar Land Obst und Gemüse angebaut hatten. Es existierte ein Shop für Überweisungen von Western Union oder MoneyGram, für Faxe und Fotokopien und für Sendungen mit FedEx, UPS oder DHL. Daneben hatte ein Steuerberater sein Büro, das aber verlassen wirkte.

Kein Museum und kein Gedenkstein.

Er suchte systematisch einen Block nach dem anderen ab, kam dabei an niedrigen Schuppen, einem Instandsetzungsbetrieb für Dieselmotoren und unbebauten Grundstücken vorbei, die mit haarfeinem Unkraut überwuchert waren. Zuletzt erreichte er das andere Ende der breiten Straße. Er hatte die Hälfte der Stadt abgesucht. Nirgends ein Museum, nirgends ein Gedenkstein.

Er sah den Morgenzug einfahren. Die Lok wirkte irritiert und ungeduldig, weil sie hier halten musste. Ob jemand ausstieg, ließ sich unmöglich feststellen. Dazu stand zu viel Infrastruktur im Weg.

Reacher war hungrig.

Er ging auf der breiten Straße weiter, fast wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück, vorbei an dem General Store und geradewegs in das Schnellrestaurant.

Im nächsten Augenblick huschte der zwölfjährige Enkel des Einäugigen im Motel in den General Store, in dem gleich neben dem Eingang ein Münztelefon an der Wand hing. Er warf seine Münzen ein und wählte eine Nummer. Als der Angerufene sich meldete, sagte er: »Er sucht die Stadt ab. Bin ihm überallhin nachgegangen. Er sieht sich alles ganz genau an. Block für Block.«

3

Der Diner war sauber und behaglich und hübsch eingerichtet, aber er war vor allem ein Geschäftsbetrieb mit dem Zweck, Kalorien so rasch wie möglich gegen Geld einzutauschen. Reacher entschied sich für eine Sitznische mit Zweierbänken in der hinteren rechten Ecke, in der er so Platz nahm, dass er den gesamten Raum überblicken konnte. Ungefähr die Hälfte der ­Tische war besetzt, die meisten von Leuten, die sich vor einem langen Tag mit körperlicher Arbeit zu stärken schienen. Eine Bedienung kam vorbei, gestresst, aber professionell geduldig, und Reacher bestellte sein gewohntes Frühstück: Pfannkuchen, Rührei und Bacon, aber vor allem Kaffee, zuerst und immer.

Die Bedienung teilte ihm mit, Kaffee könne er sich beliebig oft nachschenken lassen.

Reacher begrüßte diese Mitteilung.

Er war bei seinem zweiten Becher, als die Frau vom Bahnhof hereinkam. Allein.

Sie zögerte eine Sekunde lang, unsicher wirkend, dann schaute sie sich um, entdeckte ihn und ging geradewegs auf ihn zu. Sie setzte sich ihm gegenüber auf die freie Bank. Aus der Nähe und bei Tageslicht sah sie noch besser aus als bei Nacht. Dunkle, lebhafte Augen und ein Gesicht, aus dem Intelligenz und Willensstärke sprachen. Aber auch Sorge.

Sie sagte: »Danke, dass Sie bei mir angeklopft haben.«

Reacher sagte: »War mir ein Vergnügen.«

Sie sagte: »Mein Freund war auch nicht im Morgenzug.«

Er fragte: »Warum erzählen Sie mir das?«

»Sie wissen etwas.«

»Tatsächlich?«

»Wozu wären Sie sonst ausgestiegen?«

»Vielleicht wohne ich hier.«

»Wozu dann im Motel übernachten?«

»Vielleicht bin ich ein Farmer.«

»Das sind Sie nicht.«

»Ich könnte einer sein.

»Das glaube ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Sie sind ohne Gepäck aus dem Zug gestiegen. Das macht kein Mann, der seit Generationen mit der Farm seiner Familie verwurzelt ist.«

Reacher überlegte kurz, dann fragte er: »Wer sind Sie genau?«

»Wer ich bin, spielt keine Rolle. Wichtig ist allein, wer Sie sind.«

»Ich bin bloß ein Mann auf der Durchreise.«

»Ich werde mehr brauchen als nur das.«

»Und ich werde erfahren müssen, wer danach fragt.«

Die Frau gab keine Antwort. Die Bedienung brachte Reachers Frühstück. Pfannkuchen, Rührei und Bacon. Ahornsirup stand auf dem Tisch. Die Bedienung goss ihm Kaffee nach. Reacher griff nach seinem Besteck.

Die Frau vom Bahnhof legte eine Geschäftskarte auf den Tisch. Sie schob sie über das klebrige Holz. Aufgedruckt war das Siegel einer staatlichen Behörde. Blau und Gold.

Federal Bureau of Investigation. Special Agent Michelle Chang.

Reacher fragte: »Das sind Sie?«

»Ja«, sagte sie.

»Freut mich, Sie kennenzulernen.«

»Gleichfalls«, erwiderte sie. »Hoffentlich.«

»Wieso stellt das FBI mir Fragen?«

»Pensioniert«, sagte sie.

»Wer?«

»Ich. Ich bin keine FBI-Agentin mehr. Die Karte ist alt. Als ich ausgeschieden bin, habe ich einen Schwung mitgenommen.«

»Ist das zulässig?«

»Vermutlich nicht.«

»Trotzdem haben Sie sie mir gezeigt.«

»Um Ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Und um meine Glaubwürdigkeit zu untermauern. Ich arbeite jetzt als Privatdetektivin. Aber nicht von der Art, die Fotos in Hotels macht. Darüber müssen Sie sich bitte im Klaren sein.«

»Wieso?«

»Ich muss wissen, warum Sie hergekommen sind.«

»Damit vergeuden Sie Ihre Zeit. Unabhängig davon, welches Problem Sie haben, bin ich nur zufällig an diesem Ort gelandet.«

»Ich muss wissen, ob Sie gekommen sind, um hier zu arbeiten. Vielleicht stehen wir auf derselben Seite. Womöglich vergeuden wir beide unsere Zeit.«

»Ich bin nicht zum Arbeiten da. Und ich stehe auf niemandes Seite. Ich bin nur auf der Durchreise.«

»Bestimmt?«

»Hundert Pro.«

»Wieso sollte ich Ihnen glauben?«

»Mir ist’s egal, ob Sie mir glauben.«

»Versuchen Sie, die Sache aus meinem Blickwinkel zu sehen.«

Reacher fragte: »Was waren Sie, bevor Sie zum Bureau gegangen sind?«

Chang antwortete: »Ich war Polizeibeamtin in Connecticut. Eine Streifenpolizistin.«

»Das ist gut. Weil ich zufällig bei der Militärpolizei war. Also sind wir gewissermaßen Kameraden. Ich gebe Ihnen mein Wort als Gentleman. Ich bin zufällig hier.«

»Was für ein Militärpolizist?«

Reacher sagte: »Bei der Army.«

»Was haben Sie beruflich gemacht?«

»Alles, was die Army brauchte. Von allem etwas. Überwiegend kriminalpolizeiliche Ermittlungen. Betrug, Diebstahl, Mord und Landesverrat. Was die Leute so machen, wenn man’s ihnen durchgehen lässt.«

»Ihr Name?«

»Jack Reacher. Letzter Dienstgrad Major im 110th MP. Auch ich habe meinen Job verloren.«

Chang nickte und schien sich etwas zu entspannen. Aber nicht ganz. Ihre Stimme klang weicher, als sie fragte: »Sie wissen bestimmt, dass Sie nicht zum Arbeiten hier sind?«

Reacher sagte: »Absolut.«

»Was machen Sie heutzutage?«

»Nichts.«

»Was soll das heißen?«

»Was es heißt. Ich reise. Ich bin unterwegs. Ich sehe viel. Ich reise, wohin ich will.«

»Ständig?«

»Ich bin damit zufrieden.«

»Wo wohnen Sie?«

»Nirgends. Überall auf der Welt. Heute gerade mal hier.«

»Sie haben keine feste Adresse?«

»Wozu denn auch? Ich wäre nie dort.«

»Waren Sie schon mal in Mother’s Rest?«

»Noch nie.«

»Wozu dann also jetzt, wenn Sie nicht arbeiten?«

»Ich bin auf der Durchreise. Das war nur eine Laune – wegen des Ortsnamens.«

Chang machte eine kurze Pause, dann lächelte sie leicht wehmütig.

»Ja, ich weiß«, sagte sie. »Ich sehe den Film in meinem Kopf ablaufen. Das Schlussbild ist eine Nahaufnahme eines aus zwei Brettern zusammengenagelten windschiefen Grabkreuzes, in das mit einem glühenden Schüreisen ein Name eingebrannt ist. Dahinter rattern die Planwagen davon und verschwinden in der Ferne. Dann kommt der Abspann.«

»Sie glauben, dass hier eine alte Frau gestorben ist?«

»Das ist meine Erklärung.«

»Interessant«, sagte Reacher.

»Welche Story haben Sie sich zurechtgelegt?«

»Ach, ich weiß nicht recht. Ich dachte, eine jüngere Frau hätte hier haltgemacht, um ihr Baby zu bekommen. Hat vielleicht einen Monat gerastet, bevor sie weitergezogen ist. Vielleicht ist der Junge später Senator oder sonst was geworden.«

»Interessant«, sagte Chang.

Reacher spießte einen Eidotter auf und führte ihn triefend mit der Gabel zum Mund.

Keine zehn Meter von den beiden entfernt stand der Grillkoch hinter der Theke am Wandtelefon und sagte: »Sie ist allein vom Bahnhof zurückgekommen und hat sich gleich an den Tisch des Kerls von heute Nacht gesetzt. Jetzt stecken die beiden die Köpfe zusammen und hecken neue schmutzige Tricks aus, verlass dich drauf!«

4

Der Betrieb im Diner flaute ab. Großer Andrang zum Frühstück herrschte offenbar nur in den ersten Tagesstunden. Landwirtschaft, so schlimm wie das Militär. Die Bedienung kam vorbei, und Chang bestellte Kaffee und eine Apfeltasche. Reacher aß seinen Teller leer und fragte: »Womit verbringt eine Privatdetektivin wie Sie also ihre Zeit, wenn sie nicht in Hotels fotografieren darf?«

Chang antwortete: »Wir bemühen uns, ein breites Spektrum maßgeschneiderter Dienstleistungen anzubieten. Ermittlungen für Firmen, heutzutage natürlich oft wegen Cyberkriminalität, aber auch Personenschutz. Private Leibwächter. Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer, und das bedeutet einen Boom für die Personenschutzbranche. Und wir bieten Beratung für Objektschutz an. Dazu kommen Hintergrundchecks und Gefahrenanalysen sowie Ermittlungen allgemeiner Art.«

»Was hat Sie hergeführt?«

»Wir stellen hier Ermittlungen an.«

»Gegen wen?«

»Tut mir leid, das darf ich nicht sagen.«

»Wie umfangreich sind Ihre Ermittlungen?«

»Wir haben einen Mann vor Ort. Zumindest habe ich das angenommen. Man hat mich zu seiner Unterstützung hergeschickt.«

»Wann?«

»Gestern. Ich komme aus Seattle, bin so weit wie möglich geflogen und habe mir dann einen Mietwagen genommen. Die Fahrt war verdammt anstrengend. Diese Straßen sind endlos.«

»Und Ihr Kerl war nicht da.«

»Nein«, sagte Chang. »Er war nicht da.«

»Sie glauben, dass er vorübergehend irgendwo unterwegs ist und mit dem Zug zurückkommt?«

»Ich hoffe, dass nicht mehr dahintersteckt.«

»Was sollte sonst dahinterstecken? Dies ist nicht mehr der Wilde Westen.«

»Ja, ich weiß. Wahrscheinlich geht’s ihm gut. Er ist in Oklahoma City stationiert und musste vielleicht wegen einer anderen Sache dorthin zurück. Wegen der Straßen wäre er mit dem Zug gefahren. Also kommt er auch mit dem Zug zurück. Das muss er. Er hat mir selbst gesagt, dass er hier kein Auto hat.«

»Haben Sie versucht, ihn anzurufen?«

Sie nickte. »Im General Store gibt es ein Münztelefon. Aber bei ihm zu Hause meldet sich niemand, und sein Handy ist ausgeschaltet.«

»Oder es hat keinen Empfang. Dann ist er jedenfalls nicht in Oklahoma City.«

»Könnte er auswärts unterwegs sein? In der näheren Umgebung? Ohne Auto?«

»Das müssen Sie wissen«, erklärte Reacher. »Dies ist Ihr Fall, nicht meiner.«

Chang schwieg. Die Bedienung kam zurück, und Reacher nahm einen Vorschuss aufs Mittagessen, indem er ein Stück Pfirsichkuchen bestellte. Und noch mehr Kaffee. Die Bedienung wirkte resigniert. Die Großzügigkeit ihres Chefs in Bezug auf Kaffee wurde heute stark beansprucht.

Chang sagte: »Er sollte mich informieren.«

Reacher fragte: »Wer? Der Kerl, der nicht hier ist?«

»Natürlich.«

»Er sollte Sie auf den neuesten Stand bringen?«

»Mehr als nur das.«

»Was wissen Sie also?«

»Er heißt Keever und arbeitet bei der Außenstelle Oklahoma City. Aber wir sind alle durch unser Firmennetzwerk verbunden. Ich kann sehen, was er macht. Er hat ein paar große Fälle in Arbeit. Aber nichts hier draußen. Jedenfalls ist auf seinem Computer nichts zu finden.«

»Wie sind Sie zu dem Auftrag gekommen, ihn zu unterstützen?«

»Ich hatte gerade Zeit. Er hat mich selbst angerufen.«

»Von hier aus?«

»Eindeutig. Er hat mir genau beschrieben, wie man herkommt. Und sagte, dass er sich hier aufhält.«

»Klang das nach Routine?«

»So ziemlich. Er hat das vorgeschriebene Verfahren eingehalten.«

»Alles nach Vorschrift, nur ist der Fall leider nicht auf seinem Computer?«

»Korrekt.«

»Und das bedeutet was?«

»Die Sache dürfte nicht sehr wichtig sein. Vielleicht eine Gefälligkeit für einen Freund oder sonstige fast kostenlose Ermittlungen, von denen der Boss nichts erfahren darf. Jedenfalls nichts, was Geld bringt. Also muss es unter dem Radar bleiben. Aber daraus könnte dann eine größere Sache geworden sein. Groß genug, um die angeforderte Unterstützung zu rechtfertigen.«

»Eine kleine Sache, die an Dynamik zugenommen hat? Auf welchem Gebiet?«

»Keine Ahnung. Keever wollte mich noch informieren.«

»Auch keine Vermutung?«

»Was verstehen Sie daran nicht? Er hat in einer Hobbysache ermittelt, privat, heimlich, und wollte mir alles darüber erzählen, wenn wir uns hier treffen.«

»Wie hat er am Telefon geklungen?«

»Eigentlich ganz locker. Aber ich glaube nicht, dass es ihm hier gefällt.«

»Hat er das gesagt?«

»Das war mehr mein Eindruck. Als er mir erklärte, wie man nach Mother’s Rest kommt, hat er sich fast entschuldigt, als lockte er mich an einen finsteren, unheimlichen Ort.«

Reacher schwieg.

Chang sagte: »Ihr Leute vom Militär seid wahrscheinlich zu faktengläubig, um solche Überlegungen nachvollziehen zu können.«

Reacher sagte: »Nein, ich wollte Ihnen gerade zustimmen. Mir hat beispielsweise der Laden mit den Gummischürzen nicht gefallen. Und ich bin heute Morgen auf Schritt und Tritt von einem komischen Jungen verfolgt worden. Schätzungsweise zehn bis zwölf Jahre alt. Ein bisschen beschränkt, glaube ich, von dem Fremden fasziniert, aber sehr schüchtern. Jedes Mal wenn ich zu ihm hinübergesehen habe, hat er versucht, sich zu verstecken.«

»Ich weiß nicht, ob das komisch oder traurig ist.«

»Sie besitzen absolut keine Informationen?«

»Ich warte darauf, dass Keever mich informiert.«

»Was bedeutet, dass Sie auf Züge warten.«

»Zweimal täglich.«

»Wie lange dauert’s, bis Sie aufgeben?«

»Das ist eine sehr direkte Frage.«

»Die nicht ganz ernst gemeint war. Hier liegt schlicht und einfach eine Kommunikationsstörung vor. Eine Nachricht ist nicht angekommen. Das vermute ich jedenfalls. Weil es hier offenbar keinen Handyempfang gibt. Damit können die Leute nicht mehr umgehen.«

Chang sagte: »Ich gebe noch vierundzwanzig Stunden zu.«

»Bis dahin bin ich weg«, erklärte Reacher. »Ich denke, ich nehme den Abendzug.«

Reacher verabschiedete sich von Chang und ging zu dem ehemaligen Trail zurück, um den Rest der Stadt zu erkunden. Der komische Junge tauchte nicht wieder auf. Er bog an der Abgabestelle für Tiermedikamente ab und sah sich die sechs Blocks der linken Straßenseite nochmals an, ohne etwas Interessantes zu entdecken. Für den Fall, dass das Stadtzentrum sich wegen der Bahnlinie nach Osten verlagert hatte, ging er hundert, zweihundert Meter weit ins freie Gelände hinaus, um herauszufinden, ob sich dort Anzeichen früherer Bebauung finden ließen. Wenn Chang mit ihrer Vermutung recht hatte, dass hier eine alte Frau gestorben war, war ihr Gedenkstein vielleicht nicht aus der Ferne zu erkennen. Er konnte niedrig sein, vielleicht nur eine Grabplatte mit einer halbhohen Umzäunung inmitten des Weizenmeers, vielleicht mit einem gemähten Fußweg vom Bankett der Straße aus.

Aber er sah keinen Fußweg, keinen Gedenkstein und keinen dekorativen Zaun aus Eisenstäben. Auch kein größeres Bauwerk. Kein Museum. Keine amtliche Hinweistafel auf eine historisch interessante Gedenkstätte. Er trat den Rückweg an und machte sich daran, den Süden der kleinen Stadt auf der Ost-West-Straße, die hinter den Häusern an der Main Street verlief, Block für Block zu erkunden. Hier sah es ähnlich aus wie im Norden, nur gab es mehr Einzimmerwohnungen in ehemaligen Scheunen und Garagen und weniger in früheren Verkaufsständen. Aber keinen Gedenkstein und kein Museum. Jedenfalls nicht an einer logischen Stelle. Mother’s Rest hatte nicht immer an einer Kreuzung gelegen. Vor dem Bau der Eisenbahn war es irgendein zufälliger Punkt an der endlosen Fahrspur durch die Prärie gewesen. Der Stein oder die Legende hatten die Stadt erst entstehen lassen, wie eine Perle um ein Sandkorn herum wächst.

Aber er konnte nichts dergleichen finden. Weder den Stein noch das Museum. Nicht an der zu vermutenden Stelle, die in respektvoller Entfernung vom Bankett gelegen hätte. Weit genug entfernt, um an einen Ausflug oder eine Pilgerfahrt denken zu lassen. Ungefähr einen heutigen Straßenblock jenseits der alten Straße – aber dort war nichts zu finden.

Reacher schlenderte wie vor dem Frühstück Block für Block weiter. Er sah dieselben Dinge wie zuvor und begann sie zu verstehen. Die Kleinstadt erklärte sich ihm allmählich, Straße für Straße. Sie war ein Handelsposten für eine große und weit verstreute Gemeinschaft von Farmern. Sie importierte alle möglichen technischen Geräte und exportierte Unmengen von landwirtschaftlichen Produkten. Vor allem Getreide. Aber es musste hier auch Viehhaltung geben. Das bewiesen der Tierarzt und die Abgabestelle für Tiermedikamente. Und die Gummischürzen, vermutete er. Manche Farmer, denen es gut ging, kauften sich glänzende neue Traktoren; und andere, denen es weniger gut ging, ließen Dieselmotoren reparieren und ihre Stiefel neu besohlen.

Nur eine Kleinstadt wie jede andere.

Der Sommer neigte sich dem Ende zu, und die Sonne war bei klarem Wetter warm, aber nicht mehr heiß, also wanderte er weiter und genoss das Gefühl, im Freien unterwegs zu sein, bis er merkte, dass er jeden Block erneut abgeschritten und alles noch mal besichtigt hatte.

Kein Gedenkstein und kein Museum.

Kein komischer Junge mehr.

Aber es gab einen Kerl, der ihn merkwürdig ansah.

5

Reacher war zwei Blocks von dem alten Trail entfernt auf einer parallel verlaufenden Ost-West-Straße, die auf einer Seite fünf bebaute Blocks und auf der anderen Seite vier hatte. Die halbkreisförmige Bebauung franste allmählich aus. Hier gab es eine Bankfiliale und eine Genossenschaftsbank. Und mehrere kleine Betriebe, alle inhabergeführt, darunter ein Schärfdienst, eine Getriebewerkstatt und sogar ein Friseur. Vor allem aber ein Mann, der Ersatzteile für alle möglichen Bewässerungssysteme verkaufte. Ein großer Kerl, der in seinem übervollen Laden hinter der Registrierkasse hockte. Er schaute durch den Glaseinsatz der Ladentür, als Reacher vorbeiging, und sein Blick irrlichterte, während er rückwärts nach oben griff, um etwas hinter seiner Schulter zu erreichen. Reacher konnte nicht sehen, was das war. Sein Schwung trug ihn weiter. Sein Vorderhirn dachte sich nichts weiter dabei. Aber sein Echsengehirn ließ nicht so schnell locker. Wieso hat der Kerl reagiert?

Ganz einfach. Er hat ein neues Gesicht gesehen. Einen Fremden, den er sich nicht erklären konnte.

Wonach hat er gegriffen? Nach einer Waffe?

Vermutlich nicht. Ein zufälliger Passant war keine unmittelbare Bedrohung. Und niemand hatte einen Baseballschläger oder einen alten Colt Kaliber .45 gut sichtbar an der Wand hängen. Ein Platz unter der Theke war besser. Und wie gefährlich war das Bewässerungsgeschäft überhaupt? Waffen waren etwas für Bars und Bodegas, vielleicht auch für Apotheken.

Wonach hat der Kerl also gegriffen?

Wahrscheinlich nach dem Telefon. Nach dem Hörer eines altmodischen Wandtelefons. In Schulterhöhe angebracht, um das Wählen zu erleichtern. Der Kerl hatte den Hörer so abnehmen müssen, weil er sich in der Enge seines Ladens nicht umdrehen konnte.

Warum wollte er telefonieren? War der Anblick eines Fremden so außergewöhnlich, dass er sofort davon berichten musste?

Vielleicht war ihm plötzlich etwas eingefallen. Oder er hatte einem Kunden versprochen zurückzurufen. Vielleicht wollte er auch eine Lieferung ankündigen.

Oder er sollte Beobachtungen melden.

Was für Beobachtungen?

Von Fremden.

Auf wessen Veranlassung?

Vielleicht auch der komische Junge. Vielleicht war das in Wirklichkeit ein Versuch, ihn zu beschatten. Der Grat zwischen demons­trativer Schüchternheit und reiner Inkompetenz ist schmal.

Reacher stand auf der breiten Straße und drehte sich einmal um die eigene Achse.

Hinter ihm war niemand.

Inzwischen war es später Vormittag, und weil er fand, ein ­Kaffee wäre eine gute Idee, ging er in den Diner zurück. Chang saß noch immer am selben Tisch, hatte jedoch den Platz gewechselt, sodass sie jetzt wie zuvor Reacher die Wand im ­Rücken hatte. Er schlängelte sich durch das Restaurant, zog einen Stuhl heran und nahm so neben ihr Platz, dass auch er mit dem Rücken zur Wand saß. Aus alter Gewohnheit.

»Netter Vormittag?«, fragte er.

Sie erwiderte: »Kommt mir wie ein Sonntag als Erstsemester im College vor. Kein Handy und nichts zu tun.«

»Meldet Ihr Kerl sich nicht wenigstens mal bei seiner Außen­stelle?«

Sie schien etwas sagen zu wollen, ließ es dann aber doch bleiben. Stattdessen blickte sie sich im Raum um und schien die Leute zu zählen, die Ohrenzeugen einer peinlichen Enthüllung werden konnten. Dann bedachte sie ihn mit einem ausdrucksvollen Lächeln, teils offen, teils bedauernd, vielleicht sogar ein wenig verschwörerisch, und erklärte: »Könnte sein, dass ich unsere Situation etwas geschönt dargestellt habe.«

Reacher fragte: »In welcher Beziehung?«

»Unsere Außenstelle Oklahoma City ist Keevers Gästezimmer. Wie die Außenstelle Seattle mein Gästezimmer ist. Unsere Webseite verkündet, dass wir überall Büros haben. Das stimmt natürlich. Überall gibt es ehemalige FBI-Agenten, die ein Gästezimmer und unbezahlte Rechnungen haben. Wir sind keine Organisation mit vielen unterschiedlichen Ebenen. Mit anderen Worten: Wir verfügen über kein Büropersonal. Keever hat niemanden, bei dem er sich melden müsste.«

»Aber er ermittelt in wichtigen Fällen.«

Chang nickte. »Wir verstehen unsere Sache und leisten gute Arbeit. Aber wir sind eine Firma und niedrige Fixkosten der Schlüssel zu allem. Und eine gute Webseite. Kein Mensch weiß genau, wer man ist.«

»Welche Art Fall würde er unentgeltlich übernehmen?«

»Darüber habe ich natürlich auch schon nachgedacht. Keinen, der mit einer Firma zusammenhängt. Bei denen gibt es keine kleinen Fälle. Manche sind wie Gelddruckmaschinen. Die erscheinen im Computer, das können Sie mir glauben. Dies muss ein privater Klient sein, der cash oder mit Barschecks zahlt. Nicht unbedingt zwielichtig, aber vielleicht langweilig oder auch verrückt.«

»Trotzdem braucht Keever jetzt Unterstützung.«

»Die Sache hat wie gesagt klein angefangen und ist dann größer geworden.«

»Oder der verrückte Teil war plötzlich nicht mehr verrückt.«

»Oder er ist noch verrückter geworden.«

Die Bedienung kam an ihren Tisch und goss Reacher den ersten Becher einer neuen Runde Kaffee ein. Er zahlte im ­Voraus ungefähr das Vierfache des Rechnungsbetrags. Er mochte ­Kaffee, und er mochte Bedienungen.

Chang fragte: »Und wie war Ihr Vormittag?«

Er sagte: »Ich konnte weder das Grab der alten Frau noch irgendwelche Informationen über das Baby finden.«

»Glauben Sie, dass noch etwas zu finden sein müsste?«

»Bestimmt. Land gibt’s hier reichlich. Da verschwindet kein Grab unter einer Straße. Und Platz für eine historische Plakette ist immer. Die sieht man überall. Aus Metall gegossen, braun beschichtet. Wer sie herstellt, weiß ich nicht. Vielleicht das Innenministerium. Aber hier gibt es keine.«

»Haben Sie mit Einheimischen gesprochen?«

»Das ist der nächste Punkt auf meiner Liste.«

»Sie sollten mit der Bedienung anfangen.«

»Sie ist beruflich verpflichtet, mir die Showbusiness-Antwort zu geben. Damit die gute Nachricht die Runde macht und ihr Restaurant plötzlich eine Sehenswürdigkeit für Touristen ist.«

»Hat bisher aber nicht geklappt.«

»Glauben Sie, dass viele Leute fragen?«

»Bestimmt fünf von zehn«, antwortete sie. »Aber das ist die Besucherzahl von ungefähr elf Jahren. Hoher Prozentsatz, aber niedrige Frequenz. Kommt darauf an, was Sie unter ›viele‹ verstehen.«

In diesem Augenblick erschien die Bedienung mit ihrer Thermoskanne, um Reacher zum ersten Mal nachzuschenken, und Chang fragte sie sofort: »Wieso heißt diese Stadt Mother’s Rest?«

Die Bedienung lehnte sich etwas zurück, entlastete eine Hüfte, wie es müde Frauen tun, und hielt die Kaffeekanne in Taillenhöhe. Sie war blond wie der Weizen auf den Feldern, hatte ein gerötetes Gesicht und war irgendwo zwischen dreißig und fünfzig: eine schlanke Frau, die im Alter zulegte, oder ein Schwergewicht, das von der Arbeit abmagerte. Das ließ sich unmöglich sagen. Sie schien sehr gern eine Minute zu opfern, weil Reacher wegen des Trinkgelds bereits ihr bester Freund war und jemand ihr eine Frage gestellt hatte, die sie weder despektierlich noch langweilig fand.

Sie sagte: »Ich stelle mir gern vor, dass ein dankbarer Sohn in einer fernen Großstadt seiner Mama hier ein kleines Landhaus für ihren Lebensabend gebaut hat, und dann haben sich ein paar Geschäfte angesiedelt, um ihr zu verkaufen, was sie brauchte, und weitere Häuser, und so ist bald eine kleine Stadt entstanden.«

Reacher fragte: »Ist das die offizielle Version?«

Die Bedienung sagte: »Schätzchen, das weiß ich nicht. Ich komme aus Mississippi. Wie ich hier gestrandet bin, weiß ich nicht mehr. Sie sollten den Grillkoch fragen. Der ist wenigstens aus Oklahoma, glaub ich.«

Und dann hastete sie davon, wie es Bedienungen tun.

Chang fragte: »War das die Showbusiness-Antwort?«

Reacher nickte, dann sagte er: »Aber kreativ, nicht nur auf Marketing ausgerichtet. Sie muss sich an die hiesige Linie halten. Oder den Beruf wechseln und Drehbücher schreiben. Ich habe erst neulich einen Film dieser Art gesehen. In einem Motel­zimmer. Tagsüber.«

»Wollen wir den Grillkoch fragen?«

Reacher sah zu ihm hinüber und stellte fest, dass der Mann beschäftigt war. Er sagte: »Als Erstes möchte ich ein paar Einheimische befragen. Ich habe unterwegs etliche Kandidaten ausgemacht. Dann suche ich mir einen Ort für ein Mittagsschläfchen. Oder ich lasse mir die Haare schneiden. Vielleicht sehen wir uns um sieben Uhr am Bahnhof wieder. Dann steigt Ihr Kerl aus, und ich steige ein.«

»Auch wenn Sie noch nicht wissen, wie der Name entstanden ist?«

»Der ist nicht so wichtig. Keinen weiteren Aufenthalt wert. Ich glaube einfach meine eigene Version. Oder Ihre – je nach Lust und Laune.«

Als Chang keine Antwort gab, trank Reacher seinen Kaffee aus, stand auf und schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch zum Ausgang. Er trat ins Freie. Die Sonne schien noch immer warm. Der nächste Punkt: Einheimische befragen. Anfangen würde er mit dem Typen, der Ersatzteile für Bewässerungssysteme verkaufte.

6

Der Ersatzteilhändler hockte wie zuvor auf engstem Raum hinter der Registerkasse eingeklemmt. Er hatte gut einen halben Meter Platz, was aber kaum genügte. Er war fast so groß und schwer wie Reacher, aber schlaff und aufgedunsen, und trug ein Hemd von der Größe eines Zirkuszelts über einem Wanst wie eine Kesselpauke. Das Gesicht unter dem aschblonden, strähnigen Haar war auffällig blass.

An der Wand über seiner rechten Schulter hing ein Telefon. Keine veraltete Ausführung mit Wählscheibe und Spiralkabel, sondern ein modernes Schnurlostelefon, dessen an die Wand geschraubte Ladestation das senkrecht eingesteckte Telefon aufnahm. Der Mann musste nur hinter sich nach dem Gerät greifen und hatte dann alle Telefonnummern, die er brauchte, per Kurzwahl zur Verfügung. Oder per Direktwahl. An der Lade­station waren zehn Namensfelder angebracht, jedoch nur fünf ausgefüllt. Dabei schien es sich um Firmen zu handeln, deren Erzeugnisse der Kerl verkaufte. Vielleicht Hotlines für technische Probleme oder Vertriebs- und Servicenummern.

Der Mann fragte: »Was kann ich für Sie tun?«

Reacher fragte: »Sind wir uns schon mal begegnet?«

»Nein, das glaube ich nicht. Daran würde ich mich bestimmt erinnern.«

»Aber als ich zum ersten Mal vorbeigekommen bin, sind Sie so hochgefahren, dass Sie sich fast den Kopf an der Decke angestoßen haben. Wieso das?«

»Ich habe Sie nach alten Bildern erkannt.«

»Nach welchen alten Bildern?«

»Von der Penn State, Jahrgang 86.«

»Für die Penn State University war ich nicht clever genug.«

»Sie haben dort Football gespielt. Sie waren der Linebacker, von dem alle sprachen. Alle Sportzeitschriften haben über Sie berichtet. Ich hab mich damals sehr für Football interessiert. Das tu ich noch heute. Aber jetzt sehen Sie natürlich älter aus, wenn ich das sagen darf.«

»Haben Sie telefoniert?«

»Wann?«

»Als ich hier vorbeigegangen bin.«

»Wieso sollte ich das tun?«

»Ich habe gesehen, wie Sie nach dem Telefon gegriffen haben.«

»Vielleicht hat es geklingelt. Es klingelt verdammt oft. Leute wollen dieses, Leute wollen jenes.«

Reacher nickte. Hätte er das Klingeln hören müssen? Vielleicht nicht. Die Ladentür war geschlossen gewesen, und bei einem modernen Telefon ließ sich die Lautstärke des Klingeltons einstellen. Wahrscheinlich klingelte es ganz leise. Vor allem wenn viele Anrufe eingingen. Dicht neben dem Ohr des Kerls. Da konnte lautes Klingeln lästig sein.

Reacher sagte: »Welche Erklärung haben Sie für den Namen dieser Stadt?«

Der Kerl fragte: »Erklärung?«

»Wieso heißt sie Mother’s Rest?«

»Sir, ich hab echt keine Ahnung. Verrückte Ortsnamen gibt’s in ganz Amerika. Das trifft nicht bloß uns.«

»Ich werfe Ihnen nichts vor. Mich interessiert nur der geschichtliche Hintergrund.«

»Ich hab nie von einem gehört.«

Reacher nickte wieder.

Er sagte: »Schönen Tag noch.«

»Gleichfalls, Sir. Und Glückwunsch dafür, wie Sie sich gehalten haben. Wenn ich das mal sagen darf.«

Reacher suchte zwölf weitere Geschäftsleute auf, holte insgesamt dreizehn Meinungen ein und hatte somit vierzehn Leute befragt, wenn er die Bedienung mitrechnete. Es gab keinen Konsens. Acht der Meinungen waren eigentlich gar keine, sondern bestanden nur aus Schulterzucken und verständnislosen Blicken, aus denen eine gewisse gemeinsame Abwehrhaltung sprach. Verrückte Ortsnamen gibt’s in ganz Amerika. Wozu sich in einem Land, in dem es Kleinstädte wie Why und Whynot, Accident und Peculiar, Santa Claus und No Name, Boring und Cheesequake sowie Truth or Consequences, Monkeys Eyebrow und Okay und Ordinary, Pie Town, Toad Suck und Sweet Lips gab, auf Mother’s Rest einschießen?

Die anderen sechs Meinungen waren Variationen der Fantasiegeschichte der Bedienung. Oder seiner eigenen, vermutete Reacher. Und Changs. Die Leute benutzten den Namen als Ausgangspunkt und erfanden dazu passende romantische Szenarien. Handfeste Beweise gab es nicht. Niemand wusste von einem Gedenkstein oder einem Museum, einer historischen Plakette oder auch nur einer alten Überlieferung.

Reacher schlenderte die breite Straße entlang und überlegte: Haarschnitt oder Nickerchen?

Der Ersatzteilhändler meldete sich als Erster. Er sagte, er sei sich sicher, den Kerl mit dem alten Footballtrick abgewimmelt zu haben. Der war ihm vor vielen Jahren beigebracht worden. Wählte man ein gutes Collegeteam in einem guten Jahr, fühlten die meisten Kerle sich zu geschmeichelt, um misstrauisch zu werden. Binnen einer Stunde erstatteten drei weitere Geschäftsleute ähnliche Meldungen. Natürlich ohne die Sache mit dem Footballteam. Was den Kern ihrer Aussagen betraf, war das Bild jedoch eindeutig. Der einäugige Motelangestellte nahm alle eingehenden Anrufe entgegen, wertete die darin enthaltenen Informationen aus und wählte dann eine auswärtige Telefonnummer. Als der Angerufene sich meldete, berichtete er: »Sie arbeiten sich über den Ortsnamen ran. Der große Kerl ist in der ganzen Stadt unterwegs, stellt überall Fragen.«

Die Antwort bestand aus einem langen blechernen Knattern: gelassen, wortreich und beschwichtigend. Er sagte: »Okay, klar«, aber er schien sich seiner Sache keineswegs sicher zu sein, als er auflegte.

Bei dem Friseur handelte es sich um einen kleinen Laden mit zwei Stühlen, in dem ein einzelner Mann arbeitete. Er war alt, hatte aber keine sichtbar zitternden Hände, deshalb ließ Reacher sich rasieren und anschließend die Haare mit der Maschine schneiden: hinten und seitlich ziemlich kurz, oben etwas länger. Sein Haar hatte noch dieselbe Farbe wie früher. Vielleicht ein wenig dünner, aber noch immer voll. Der Schnitt des alten Mannes lieferte ein gutes Ergebnis. Reacher betrachtete sich im Spiegel und war mit seinem Spiegelbild zufrieden, das frisch, sauber und ordentlich wirkte. Die Rechnung machte elf Dollar, was er angemessen fand.

Dann schlenderte er über die breite Straße zurück und sah auf der Fahrbahn vor dem Motel den Liegestuhl stehen, der ihm schon einmal aufgefallen war. Weißer Kunststoff. Er nahm den Stuhl auf und stellte ihn auf dem Rasenstreifen zwischen Fahrbahn und Zaun ab. Unauffällig. Niemandem hinderlich. Er drehte ihn mit dem Fuß in Richtung Sonne. Dann ließ er sich hineinsinken, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er sog die Wärme auf. Und schlief irgendwann ein: im Sommer im Freien, was die zweitbeste Art war, die er kannte.

7

An diesem Abend kam Reacher eine volle Stunde zu früh am Bahnhof an, bereits um achtzehn Uhr, teils weil die Sonne schon so tief stand, dass er kein Sonnenbad mehr nehmen konnte, und teils weil er immer gern frühzeitig vor Ort war. Ihm gefiel es, genug Zeit zu haben, um alles auszukundschaften. Selbst etwas so Einfaches wie in einen Zug zu steigen.

Die Elevatoren standen still und schweigend da, waren vermutlich leer und warteten auf die Ernte. Das riesige dunkle Lagerh­aus war zugesperrt. Die Natriumdampflampen brannten schon, obwohl die Abenddämmerung erst anbrach. Im Westen sah der Himmel rötlich goldgelb aus, im Osten bereits dunkelgrau. Nicht mehr lange, dachte Reacher, dann ist es Nacht.

Das winzige Bahnhofsgebäude war offen, aber leer. Reacher trat ein. Der im Zuckerbäckerstil mit Holz verkleidete Raum schien schon viele Male cremeweiß gestrichen worden zu sein. Es roch wie in allen Holzgebäuden nach einem heißen Tag: nach abgestandener Luft, staubig und wie gebacken.

Das Schalterfenster war bogenförmig, aber nicht sehr breit. In der Scheibe befand sich ein rundes Loch, durch das man sprechen konnte. Doch hinter dem Glas hing eine primitive Jalou­sie aus braunem Vinyl. Sie war in goldenen Lettern mit dem Wort Closed bedruckt.

Am Ende eines kurzen Flurs gab es Toiletten. Und es gab einen Tisch, auf dem eine sechs Tage alte Zeitung lag. Von der Decke hingen Kugellampen mit matten Glühbirnen herab, aber es existierte kein Lichtschalter. Ein logischerweise neben der Tür an der Wand angebrachtes Schild besagte: Licht? Bitte am Schalter melden.

Die Bänke waren prachtvoll und hätten hundert Jahre alt sein können. Sie bestanden aus massivem Mahagoni, durch ständigen Gebrauch auf Hochglanz poliert und der menschlichen Gestalt nur widerstrebend angepasst. Reacher wählte einen Platz und setzte sich. Die Kontur fühlte sich weit besser an, als sie aussah. Die puritanisch strenge Form war überraschend bequem. Der damalige Schreiner hatte ausgezeichnet, sehr subtil gearbeitet. Oder das Holz hatte nach so vielen Jahren den Widerstand aufgegeben und sich stattdessen seinen menschlichen Benutzern angepasst. All ihren Formen und Größen, ihren unterschiedlichen Gewichten und Temperaturen. Aber war das bei so hartem Holz wie Mahagoni überhaupt möglich? Reacher wusste es nicht.

Er saß still da.

Draußen wurde es allmählich dunkel, folglich auch im Warteraum. Licht? Bitte am Schalter melden. Reacher schaute aus dem Fenster. Er vermutete, dass Chang dort draußen stand. Wie die Nacht zuvor irgendwo im Schatten. Er hätte sie natürlich finden können. Doch wozu? Er wollte keine lange Abschiedsrede halten. Weitere fünf Minuten Konversation würden keinen Unterschied machen. Er war als Reisender unterwegs. Leute kamen und gingen. Das war er gewöhnt. Keine große Sache. Ein freundliches Winken würde reichen, wenn er über den Bahnsteig zum Zug ging. Sie würde vermutlich ohnehin abgelenkt sein, weil sie mit Keever sprach, sich seine Story erzählen ließ und ihn fragte, wo, zum Teufel, er gesteckt habe.

Falls Keever mit diesem Zug kam.

Er wartete.

Eine Minute vor der Ankunft des Zuges hörte Reacher die Schottersteine des Gleisbetts leise klicken. Dann begannen die Schienen selbst zu summen, ein anschwellendes stählernes Murmeln, das dann zu einem lauteren, schrillen Giemen wurde. Er spürte den veränderten Luftdruck und sah den Lichtstrahl des Kopfscheinwerfers der Diesellok. Als Nächstes folgte der Lärm: das Zischen, Rattern und Klirren. Dann fuhr der Zug mit quietschenden Bremsen ein – und hielt erst, als die Lok schon außer Sicht war und alle Wagen an dem langen Bahnsteig standen.

Die Türen gingen nach innen auf.

Links von Reacher tauchte Chang aus dem Dunkel auf. Wie aus einem Reflex auf das Halten des Zuges heraus. Vor und wieder zurück wie auf einem Stroboskopbild.

Aus dem Zug stieg ein Mann.

Rechts von sich erkannte Reacher den Kerl, der Ersatzteile für Bewässerungssysteme verkaufte. Er kam aus dem Schatten, machte einen Schritt nach vorn und wartete.

Der Mann aus dem Zug trat in den gelblichen Lichtkreis einer Lampe.

Kein großer Kerl. Nicht Changs Kerl. Bestimmt nicht Keever. Dieser Mann war etwas größer als der Durchschnitt, wog aber zugleich weniger als der Durchschnitt. Er schien ungefähr fünfzig zu sein, und wenn er in seiner Jugend als überschlank gegolten haben mochte, sah er jetzt abgezehrt aus. Er hatte dunkles Haar, das vermutlich gefärbt war, und trug einen Anzug mit weißem Oberhemd, aber ohne Krawatte. In seiner Hand hielt er eine lederne Reisetasche, größer als eine Arzt­tasche, kleiner als eine Sporttasche.

Außer ihm stieg sonst niemand aus.

Die Türen standen noch offen.

Rechts von sich sah Reacher, wie der Ersatzteilverkäufer einen weiteren Schritt vortrat. Der Mann aus dem Zug entdeckte ihn. Der fette Kerl nannte einen Namen und streckte ihm dabei die Hand hin. Höflich, respektvoll, freundlich und bescheiden.

Der Mann aus dem Zug schüttelte ihm die Hand.

Die Türen standen weiter offen.

Aber Reacher blieb, wo er war, blieb im Dunkeln sitzen.

Der Ersatzteilverkäufer trug die lederne Reisetasche, als er den Mann im Anzug in Richtung Ausgang begleitete. Die Wagentüren schlossen sich knallend, und der Zug setzte sich ruckelnd in Bewegung, sodass ein Wagen nach dem anderen langsam an Reacher vorbeiglitt.

Der Ersatzteilverkäufer verschwand mit dem Mann im Anzug durch den Ausgang.

Aus dem Schatten sagte Chang: »Sie sind zum Motel unterwegs.«

Reacher fragte: »Wer?«

»Der Mann aus dem Zug und sein neuer Kumpel.«

Sie trat ins Licht.

Sie sagte: »Du bist nicht weggefahren.«

Er sagte: »Nein, das bin ich nicht.«

»Ich dachte, du wolltest.«

»Das dachte ich auch.«

»Ich halte mich für attraktiv, aber ich weiß, dass du nicht meinetwegen dageblieben bist.«

Reacher schwieg.

Chang sagte: »Sorry, das ist falsch rausgekommen. Nicht diese Art Grund, das wäre anmaßend. Ich meine, es gibt keinen Grund dafür, dass ich diese Art Grund sein sollte. Und jetzt mache ich alles noch schlimmer. Ich meine, du bist nicht einfach nur dageblieben, um mir zu helfen. Habe ich recht?«

»Hast du gesehen, wie die beiden sich die Hand geschüttelt haben?«

»Natürlich.«

»Deshalb bin ich geblieben.«

8

Reacher ging mit Chang in den stillen Warteraum, wo sie sich im Dunkeln nebeneinander auf eine Bank setzten. Er fragte: »Wie würdest du den Händedruck charakterisieren?«

Chang fragte: »In welcher Beziehung?«

»Ich meine die Aussage. Die Story. Die Körpersprache.«

»Für mich hat’s ausgesehen, als wäre jemand aus der unteren Führungsebene eines Konzerns hergeschickt worden, um einen wichtigen Kunden in Empfang zu nehmen.«

»Haben die beiden sich gekannt?«

»Das glaube ich nicht.«

»Ich auch nicht. Und der hiesige Kerl hat seine Rolle gut gespielt. Eine sehr subtile Vorstellung. Ehrerbietig, aber nicht servil. Bestimmt ganz anders, als wenn er einem Kumpel die Hand schüttelt. Oder seinem Schwiegervater. Oder einem alten Schulfreund, den er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat.«

»Also?«

»Also ist unser Einheimischer ein Mann, der alle möglichen Varianten des Händeschüttelns beherrscht, und wir können annehmen, dass er damit keinerlei Probleme hat. Händedrücke gehören zu seinem Repertoire.«

»Wie hilft uns das weiter?«

»Ich kenne diesen Kerl von heute Morgen. Er führt einen Laden mit Ersatzteilen für Bewässerungssysteme. Als ich daran vorbeigekommen bin, ist er zusammengezuckt und hat nach dem Telefon gegriffen.«

»Wieso sollte er das tun?«

»Das möchte ich von dir hören.«

»Wie paranoid soll ich sein?«

»Irgendwo zwischen gesundem Menschenverstand und leicht paranoid.«

Sie sagte: »Ich würde mir nichts dabei denken, wenn Keever nicht wäre.«

»Aber?«

»Du siehst Keever ähnlich. In großen Zügen. Vielleicht hat Keever hier herumgeschnüffelt, und die Leute sind aufgefordert worden, ihn – oder jemanden wie ihn – im Auge zu behalten.«

Reacher sagte: »Das habe ich mich auch schon gefragt. Ist mir nicht sehr wahrscheinlich vorgekommen, aber manchmal passieren unwahrscheinliche Dinge. Also bin ich noch mal hingegangen. Ich habe den Kerl gefragt, warum er so reagiert hat. Er behauptete, er hätte mich aus dem Collegefootball im Jahr 1986 wiedererkannt. Im Team der Penn State University. Anscheinend war ich in Sportzeitschriften abgebildet. Und er meinte, er habe niemanden angerufen. Er sagte, er habe vielleicht nach dem Hörer gegriffen, weil das Telefon klingelte. Offenbar klingelt es dauernd.«

»Hat es geklingelt?«

»Das konnte ich nicht hören.«

»Hast du im Team der Penn State gespielt?«

»Nein, ich war in West Point und habe nur einmal Football gespielt. Nicht sehr gut, fürchte ich. Und ich weiß ziemlich sicher, dass ich in keiner Zeitschrift abgebildet war.«

»Könnte ein harmloser Irrtum gewesen sein. 1986 liegt lange zurück. Dein Aussehen muss sich ziemlich verändert haben. Und du siehst aus, als könntest du Football für Penn State gespielt haben.«

»Das habe ich auch gedacht. Im ersten Augenblick.«

»Aber jetzt?«

»Jetzt glaube ich, dass er seinen Arsch retten wollte. Er hat sich hinter einer Bullshitstory versteckt. Vielleicht ist das ein Trick, den er gelernt hat. Vergeude keine Zeit mit unbeholfenen Erklärungsversuchen, sondern leg gleich mit einer plausiblen Ausrede los. Manche Kerle würden das vielleicht schmeichelhaft finden. Vielleicht wären sie gern Footballstars. Wem gefiele das nicht? Vielleicht lassen sie sich reinlegen, und schon ist das Problem gelöst. Außerdem hat er’s darauf angelegt, mich jünger zu machen, als ich bin. Auch das ist schmeichelhaft. Im Jahr 1986 war ich nach West Point schon drei Jahre in der Army. Der Mann hat eine großartige Vorstellung abgeliefert.«

»Das beweist aber nichts.«

»Als Erstes habe ich ihn gefragt, ob wir uns schon mal begegnet sind. Er hat Nein gesagt.«

»Und hatte damit recht, stimmt’s?«

»Aber hätte ich einem echten Fan, der sich an Collegespieler vor dreißig Jahren erinnert, diese Frage gestellt, hätte er garantiert gesagt: ›Nein, aber ich würde Ihnen sehr gern die Hand schütteln, Sir.‹ Irgendwann wäre es zu einem Händedruck gekommen. Dieser Kerl ist ein Händeschüttler. Manchen Leuten ist so was wichtig. Das habe ich schon früher erlebt. Besser als eine signierte Autogrammkarte. Weil es persönlich ist. Ein Körperkontakt. Ich möchte wetten, dass dieser Typ sich bei allen möglichen Leuten, die er im Fernsehen oder in der Zeitung sieht, sagen kann, dass er ihnen mal die Hand geschüttelt hat.«

»Aber deine hat er nicht geschüttelt.«