Der Artefakthändler - EA Vianden - E-Book

Der Artefakthändler E-Book

EA Vianden

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Beschreibung

Quinn Quäkmann beerbt seinen Onkel Burkard, der im magischen Süden als Artefakthändler tätig war. Quinn kommt aus dem Norden, in dem es keine Magie gibt. Er verachtet alles, was nicht einer genormten Ordnung entspricht, womit die Magie definitiv eingeschlossen ist. Er möchte die Erbschaftsangelegenheiten im Süden möglichst schnell beenden und zurückkehren in sein beschauliches Leben. Immerhin liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass einem im Süden spontan lange rote Haare angehext werden. Oder die Füße wären plötzlich Rollschuhe. Man hat im Norden zumindest bereits von solchen Fällen gehört. Nicht auszudenken, wenn Quinn mehr mit der Magie zu tun bekäme als nötig. Doch ein ehemaliger Rivale seines Onkels macht ihm dabei einen Strich durch die Rechnung. Zu seinem Entsetzen lernt er einige Magier sowie zahlreiche Werwesen kennen und muss sich schließlich dem Rivalen stellen. Er hätte allerdings nicht damit gerechnet, dass ihm die Wesen beim magischen Kampf wie selbstverständlich zur Seite stehen. Der Artefakthändler ist eine queere Urban-Fantasygeschichte mit einer ganz speziellen Art von Humor, die durch ihre feinsinnigen Momente besticht. Sie erzählt die Annäherung von zwei völlig unterschiedlichen Männern und deren Weltansichten. Es darf sehr viel gelacht werden – mit und über die sympathischen und teilweise äußerst schrulligen Protagonist*innen – doch auch die Spannung kommt nicht zu kurz.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der Artefakthändler

Quinns magische Reise    

von EA Vianden

 

© 2022 EA Vianden

c/o Rogue Books Impressum Service

Inh. Carolin Veiland

Franz-Mehring-Straße 70

08058 Zwickau

[email protected]

 

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Publikation darf ohne schriftliche Genehmigung in irgendeiner Form reproduziert und unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

 

Verlag: Independently published

Satz: Brachios Media

Umschlaggestaltung: Martin Gancarczyk mit lizenzierten Bildern von Adobe Stock

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Kapitel 1: Burkard und die Magie2

Kapitel 2: Die Erbschaft8

Kapitel 3: Das Anwesen20

Kapitel 4: Zen-Übungen37

Kapitel 5: Die Guten ins Töpfchen...54

Kapitel 6: Pudding in der Nacht65

Kapitel 7: Banditenbesuch76

Kapitel 8: Schnabelpost91

Kapitel 9: Das magische Licht102

Kapitel 10: Enthüllungen112

Kapitel 11: Erwachen127

Kapitel 12: Die Auktion142

Kapitel 13: Ansichtssachen156

Kapitel 14: Magiebaukasten166

Kapitel 15: Am Karussell176

Kapitel 16: Eiseskälte187

Kapitel 17: Viermal S193

Kapitel 18: Mut zum Handeln199

Kapitel 19: Restauration208

Kapitel 20: Die Abschiedsparty217

Kapitel 21: Ausweglos235

Kapitel 22: Buntes Treiben246

Kapitel 23: Grau in Grau256

Kapitel 24: Geständnis264

Epilog271

Wenn du dir ein möglichst genaues Bild von Langeweile machen müsstest, so würde früher oder später immer eine Beschreibung herauskommen, die Quinn bis aufs i-Tüpfelchen charakterisiert.

Quinn arbeitete als Buchhalter in einem Buchprüfungsbüro, in dem er den meisten der Belegschaft nur dadurch auffiel, dass er sie penetrant nach diesem oder jenem Beleg fragte, der erst in einem Monat fällig sein würde, was für Quinn aber bedeutete, dass er bereits jetzt zwei Monate zu spät war.

Sein Büro lag im Keller. Nicht, weil er dorthin verbannt worden wäre, sondern weil er es dort mochte. Da war es ruhig und unaufregend. Ganz so, wie Quinn es gerne hatte.

War er alleine mit seinen Zahlen und Abrechnungen, konnte man fast den Eindruck gewinnen, dass er so etwas wie Glück empfand. Größere Eskapaden in Sachen Emotionen waren von ihm nicht zu erwarten, und er vermied sie auch tunlichst in seinem Alltag. Nichts durfte die Ruhe und Ordnung stören, insbesondere nicht die Ordnung der Zahlen.

Sollte ihn einmal etwas völlig aus der Fassung bringen, wie beispielsweise ein nicht nummerierter Beleg, musste er sich möglichst schnell damit beruhigen, eine mathematische Formel im Kopf aufzusagen. Und mit einem starken Kamillentee.

Von außen sah das gewiss etwas befremdlich für seine Mitmenschen aus, wodurch sie ihm für gewöhnlich aus dem Weg gingen.

Quinns Onkel Burkard war eines ganz und gar nicht: langweilig. Ganz im Gegensatz zu seinem Neffen. Auch wenn Burkard nicht langweilig war, gehörte er doch nicht zu jener Kategorie Menschen, die ihr Leben aus dem Grund so aufregend gestalteten, damit sie jeden Tag etwas Neues erlebten. Er schlitterte eigentlich meist nur versehentlich in abenteuerliche Situationen hinein, ganz ohne Absicht und böse Gedanken, die - sagen wir es mal so - ungewöhnlich waren. Und das jeden Tag. Was ihn durchaus nicht zu den Langweilern zählen ließ.

So hatte er einmal im Supermarkt Eier kaufen wollen. Er erwischte nun aber genau jene Eierverpackung, die der Bauer eigentlich zum Ausbrüten behalten wollte. Und als Burkard im Laden nachsehen wollte, ob die Eier noch alle heil waren, knackste es plötzlich in einem Ei und ein Küken schlüpfte mir nichts, dir nichts aus. Burkard sah sich verdattert um und vermutete schon einen Scherz, als es wieder hier und da knackste und die Geschwister des Kükens ebenfalls fiepsend den Weg auf die Welt fanden. Nur wenige Minuten später stand Burkard im Laden und zehn winzige, flauschige Küken saßen auf seinem Kopf und seinen Schultern.

Der Besitzer des Supermarktes war nun seinerseits irritiert, weil er nicht wusste, ob er die zerbrochenen Eier berechnen sollte, Küken standen nämlich nicht auf der Preisliste.

Man hätte jetzt denken können, dass jemand Burkard einen Streich gespielt und die Eier verzaubert hätte, aber nein, solche Dinge und Begebenheiten wurden von Burkard magisch angezogen. Im Wortsinn. Er wollte diese Vermutung bereits einige Male untersuchen lassen, ihm kam aber immer ein ähnlicher Fall dazwischen.

Quinn mochte seinen Onkel Burkard sehr gerne, auch wenn es ihm oft viel zu aufregend war, ihn zu besuchen. Ruhe und Langeweile waren für ihn wichtiger. Ein- bis zweimal im Jahr fand Quinn es aber durchaus moderat, zu seinem Onkel in den Süden zu fahren, in jenen Teil des Landes, in dem es Magie gab.

Mit Magie konnte Quinn so gar nichts anfangen. Sie war viel zu unberechenbar für seinen Lebensstil. Wollte man einen simplen Abwasch hexen, konnte es durchaus sein, dass man selbst gleich mit abgewaschen wurde. Und das Auto. Und das Haus. Und die Katze.

Jedoch passte Magie perfekt in die Lebenswelt von Onkel Burkard. Wahrscheinlich suchte sich ein Zauber immer einen Partner, der genauso wild war wie er selbst.

Da lag es auch nah, dass Burkard mit magischen Gegenständen, den Artefakten, handelte. Was genau er damit machte, wusste Quinn nicht. Der Gedanke daran verstörte ihn aber auch schon so nachhaltig, dass er sich nicht weiter damit auseinandersetzen konnte, wollte er zähe Kopfschmerzen vermeiden.

 

Unsere Geschichte beginnt an jenem traurigen Tag, als Quinn vom Ableben seines Onkels Burkard erfuhr. Offenbar war er gestorben, wie er gelebt hatte. Aufregend. Er hatte sich einen tödlichen Stromschlag an einem magischen Teeservice geholt. Wie genau das möglich war, konnte Quinn nicht ganz nachvollziehen, denn unten im Süden gab es keinen elektrischen Strom wie bei ihnen hier im ruhigen und gesitteten Norden. Es wurde dort alles mit Magie betrieben. Äußerst praktisch, aber – wie gesagt – auch äußerst unwägbar.

Die Nachricht von Burkards Tod kam per Schnabelpost, die ab und an auch im Norden funktionierte. Man gab einen Brief einfach einem Vogel mit, der ihn dann von Vogel zu Vogel weitertransportierte, bis er im besten Fall irgendwann seinen Adressaten erreichte. Natürlich wurde das Briefgeheimnis immer gewahrt, denn die südlichen Vögel waren äußerst pflichtbewusst.

Quinn besah sich den Brief mit den vielen Schnabelspuren. Er kam von einem Rupert Ringelnatz, Anwalt und Notar. Er lud Quinn ein, der Testamentseröffnung beizuwohnen, da sein Onkel ihn wohl bedacht hatte.

Er setzte sich traurig auf seinen großen Ohrensessel mit dem Häkeldeckchen oben auf der Rückenlehne, von dem er nicht wusste, wie es jemals dahingekommen war und welchen Zweck es erfüllte.

Die Nachricht von Onkel Burkards Tod kam völlig unerwartet. Nicht einmal zu seiner Beerdigung hatte er fahren können, denn die war bereits vollzogen. Er hatte seinen Onkel sehr gern gehabt und trauerte um ihn. Quinn wünschte sich, dass er ihn noch einmal vor seinem Tod gesehen hätte, und dachte an den letzten Besuch. Man wusste nie, welcher Abschied der letzte sein würde.

Jetzt saß er hier in Erinnerungen an seinen lieben Onkel und wollte so gar nichts über Testamente und Erbschaften wissen. Er war drauf und dran, den Brief zu zerreißen. Ihm lag etwas an der Person seines Onkels, nicht an der Erbschaft.

Allerdings, so schoss es ihm im letzten Moment noch durch den Kopf, könnte das, was Burkard ihm vererbt hatte, eine schöne Erinnerung an seinen Onkel sein. Also behielt er den Brief mit der Einladung.

In diesem Moment hatte er die Entscheidung für sich getroffen. Er ging zum Telefon, rief seinen Arbeitgeber an und nahm sich bis einige Tage nach der Testamentseröffnung frei.

Nun galt es noch, Sachen zu packen und möglichst viele denkbare Vorkehrungen zu treffen. Buchstäblich alles konnte einem im magischen Süden geschehen.

Quinn hoffte, dass es ein schöner Gegenstand sein würde, den sein Onkel ihm vermacht hatte, mit dem im Gepäck er den Süden möglichst rasch wieder verlassen könnte.

Hätte Quinn auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt, was genau das Erbe seines Onkels sein würde, er wäre auf der Stelle noch weiter in den Norden gefahren, dorthin, wo kein Funken Magie jemals hinkam und es nur Eis und Schnee gab.

 

Tag 1

 

Als Quinn an diesem Vormittag durch den Bahnhof seiner Stadt hetzte, verspürte er noch weniger Lust, in den Süden zu fahren, als bisher. Der Tag stand bisher unter keinem guten Omen, denn irgendwie schien heute alles schiefzugehen. Als er seine Blumen im Garten noch einmal gießen wollte, platzte der Schlauch. Gut, dachte Quinn da noch von oben bis unten durchnässt, das kann mal passieren. Duschen wollte er zwar erst später, aber sei’s drum. Aber als daraufhin in der Dusche das Wasser ausfiel und im Garten gleichzeitig erneut munter plätscherte, wurde er langsam ein wenig ärgerlich.

Natürlich wurde das Frühstück auch nichts. Verbrannter Toast, zu starker Kaffee, laute Vögel von draußen, die störten. Fast hatte Quinn gedacht, dass die Magie schon auf ihn wartete und ihm bereits jetzt einen Streich spielen wollte.

Nach dem Frühstück ging er hinüber zu seinem Nachbarn Herrn Motzbach. Er hatte schon am Vorabend mit ihm gesprochen und wollte ihm nun den Schlüssel geben, damit er in seiner Abwesenheit nach dem Rechten sehen, und vor allem seine Blumen bewässern konnte. Denn seine Blumen waren ihm sein Ein und Alles. Seufzend klingelte er.

»Guten Morgen, Herr Motzbach, ich komme wegen...«

»Sie sind spät dran, Quäkmann«, erwiderte der Nachbar ungehalten mit Blick auf seine Armbanduhr.

»Ich weiß, das tut mir leid, heute Morgen ging alles...«

»In Ordnung, geben Sie schon die Schlüssel. Wie oft muss ich rüber?«

»Bei dem Wetter wäre einmal am Tag abends wässern ganz lieb und...«

»Jeden Tag? Sind Sie des Wahnsinns, Mann? Und das nur für diese albernen Blumen, die doch für nichts zu gebrauchen sind?«

»Ja, das wäre sehr freundlich.« Er versuchte, die Beleidigung seiner Blumen zu überhören.

»Sonst noch was?«

»Wenn Sie die Post reinholen und auf den Küchentisch...«

»Ja, ja, in Ordnung. Man ist ja gutmütig. Jetzt gehen Sie, mein Chef ist ungeduldig.«

Quinn bedankte sich noch einmal, doch Herr Motzbach hörte es schon nicht mehr, denn die Tür war bereits geschlossen. Also ging Quinn mit einem Gefühl des Unbehagens zurück in sein Haus, um ein Taxi zu rufen.

Natürlich hatte er bereits am Vorabend alles, was er mitnehmen wollte, sortiert und säuberlich in seinen Koffer gestapelt. Doch zu guter Letzt schaffte er es nicht, obwohl er bereits draufsaß, den Koffer zu schließen. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Schloss. Oder er war einfach zu voll. Die Wegzehrung in Form von Keksen und einer Limonade, die er gerade noch hinzugefügt hatte, waren wohl zu viel für das alte Modell. Fluchend und sich über sich selbst ärgernd, dass er es versäumt hatte, sich gestern noch zu vergewissern, ob das Schloss des Koffers intakt war, hüpfte er nun darauf herum.

Es half alles nichts, er musste mit einem Band, das er hektisch um den Koffer wickelte, nachhelfen. Im Nachgang machte ihm die Farbauswahl des Bandes noch gehörig zu schaffen, denn sie wollte so gar nicht zu dem Braun des Koffers passen, was sein Harmoniebedürfnis empfindlich störte. Doch er war viel zu gehetzt, und der Schweiß stand ihm bereits auf der Stirn, weswegen er einen Austausch der Bänder zähneknirschend unterlassen musste.

Das Taxi, das er gerufen hatte, wartete dadurch bereits lange und hupte nervös.

Derart genervt störte sich Quinn nun auch nur noch kaum daran, dass bei seiner Hetze durch die große Bahnhofshalle der Ärmel eines Hemdes zwischen den Kofferschlitzen baumelte und beim Hinterherziehen wehte wie die gehisste Flagge eines Kreuzfahrtschiffes.

Unter normalen Umständen ein unverzeihliches Unglück, aber gerade nicht zu ändern. Allerdings ging es Quinn durch diesen Umstand äußerst schlecht. Nein, dieser Tag hatte überhaupt nichts an sich, das ihm irgendwie gefallen konnte.

Das Fluchen hatte er nun ebenfalls eingestellt, nachdem er sich deshalb für sich selbst geschämt hatte. Eigentlich lag es gar nicht in seiner Natur, zu fluchen. In seinen 42 Jahren hatte er schon lange bemerkt, dass es ohnehin keinen Sinn machte. Ändern konnte er damit nichts und es ging ihm auch nicht besser, wenn er seinem Blutdruck dermaßen freien Lauf ließ.

Nein, als Buchhalter war es zudem äußerst unschicklich, sich in irgendeine Situation zu manövrieren, in der man sich aufregen musste. Wahrscheinlicher war es, würden für Buchhalter bald Beschränkungen des Blutdrucks unter Androhung von Strafzahlungen eingeführt werden. Es sollte schließlich immer gesittet und beschaulich zugehen.

Das lag ganz im Interesse von Quinn, denn sein bisheriges Leben verlief genau auf diese Weise. Und er liebte sein Leben.

Gut, schöner noch wäre es, wenn er einen Partner an seiner Seite hätte, aber er hatte noch nicht den Richtigen gefunden. Beziehungsweise war der Richtige noch nicht spontan durch seine Vordertür marschiert. Das wäre nämlich die einzige Möglichkeit, wie Männer ihm auffallen würden. So fristete er alleine, aber nicht unglücklich, sein ruhiges Dasein in Begleitung seiner Blumen, die er besonders liebte.

Am Bahnsteig angekommen, gruselte es ihn wieder einmal beim Anblick des Zuges. Es schauderte ihn und er schluckte hart, als er sich näherte. Züge, die in den Süden fuhren, waren leicht zu erkennen. Sie waren feuerrot und zusätzlich zu ihrer Normfunktion auch für den Einsatz auf magischen Strecken ausgerüstet.

Quinn musste jedoch zähneknirschend zugeben, dass Fahrten gleich viel leiser und sachter wurden, wenn sie die Grenze zum magischen Süden überfuhren. Die Schienen hörten dort auf und die Räder des Zuges drehten sich nicht mehr, weil sie sanft über den Boden schweben konnten. Der Nachteil von jenen Zügen war indes, dass es bei der unbeständigen Magie gut vorkommen konnte, den anvisierten Bahnhof um zwei bis vierhundert Kilometer zu verfehlen. Man sollte also beim Planen von Terminen diesen Umstand immer mit einbeziehen.

Quinn hoffte, an diesem Tag möglichst nah an den Bahnhof in der Stadt seines Onkels heranzukommen. Verzögerungen gehörten zu jenen Unwägbarkeiten, die Quinn so gar nicht leiden konnte.

Der Termin beim Notar sollte erst am nächsten Tag stattfinden, sodass Quinn noch genügend Zeit bliebe, alles auszubügeln, was die Magie zwischenzeitlich verbocken würde. Und das würde sie, da war er sich felsenfest sicher. Das war das Einzige, worauf im Süden Verlass war.

Er hatte ein Hotel in der Nähe des Bahnhofs gebucht und es graute ihm jetzt schon davor, dort einzukehren.

Man musste nämlich wissen, dass in magischen Hotels natürlich oft und viel von den Gästen gezaubert wurde. Die Magie wusste dadurch manchmal vor lauter Anrufung nicht mehr ein noch aus und entlud sich einfach spontan irgendwohin. Was im schlimmsten Fall dazu führen konnte, dass sich beim Duschen Kirschmarmelade aus der Brause quetschte, was den Duschvorgang an sich nicht eben beschleunigte.

Quinn saß nun schnaufend, aber alleine, in einem Abteil des Zuges, was ihm sehr gefiel. Eine erzwungene Konversation wäre in seiner Verfassung jetzt fatal gewesen. Oder vielleicht sogar mitten in einer Familie mit tobenden Kindern zu sitzen. Nicht auszudenken!

Um sich kurz zu beruhigen, ging er fix im Kopf alle Quadratwurzeln der geraden Zahlen bis 50 durch.

Hier alleine im Abteil, nachdem er einigermaßen durchgeatmet hatte, ergab sich für Quinn dann noch einmal die Gelegenheit, gedanklich alle Utensilien durchzugehen, die er vielleicht im Süden benötigen würde. Er hoffte, nichts vergessen zu haben. Zwar war das ein Ding der Unmöglichkeit, da er die Liste im Kopf bereits mehrere dutzendmal durchgegangen war, aber sicher war sicher.

Feuchte Waschtücher, um Flächen und Griffe vor der Benutzung abzuwaschen, ein Regenschirm, um entweder vor magischem oder regulärem Regen gefeit zu sein, ein Stoffkaninchen, das man plötzlich erscheinenden, magischen Manifestation kurzerhand zur Ablenkung hinwarf und jede Menge aufblasbare Rettungsringe, die man ohnehin immer gebrauchen konnte. Dazu noch etlicher anderer Kram, der zunächst fein säuberlich sortiert im Koffer gelandet war, um dann beim Versuch, ihn zu schließen, kreuz und quer durch die Gegend zu fliegen.

Beim Gedanken an das Tohuwabohu in seinem Koffer kam Quinn erneut kurz der Angstschweiß. Er konnte sich aber gerade noch beherrschen, nicht augenblicklich im Inneren seines Gepäckstückes für Ordnung zu sorgen. Nicht vorstellbar, wenn der Schaffner just in dem Moment die Türe öffnete, wenn Quinn seine Unterhosen glatt strich.

Er atmete schließlich tief durch, fühlte er sich doch nun gut vorbereitet. Bis auf die Unordnung im Koffer. Dann nahm er ein Buch und beschloss, den Rest der Fahrt in die spannende Lektüre von ›Wie man eine Gartenhecke richtig trimmt‹ einsteigen zu können.

 

Ein paar Stunden später schreckte Quinn aus einem Dämmerschlaf hoch, das Buch fiel von seinem Schoß.

Die Stimme des Zugführers dröhnte durch die Sprechanlage: »… Endstation! Näher kommen wir leider nicht ran, bitte aussteigen, ich hoffe, Sie hatten trotzdem eine angenehme Fahrt.«

Quinn seufzte, während er sein Gepäck nahm, und fragte sich, wohin es sie wohl verschlagen hatte.

Als er ausstieg, bemerkte er, dass der Zug mitten auf einer Straße stand. Vor und hinter ihm stauten sich die Autos und warteten geduldig darauf, dass die Passagiere ausstiegen. Züge auf der Fahrbahn kamen schließlich alle Nase lang vor, was die Autofahrer im Süden durchaus zu geduldigen Genossen machte. Es wäre für sie natürlich ein Leichtes, die magischen Autos um und über den Zug hinweg fahren zu lassen, doch so hatten sie Zeit für ein kleines Päuschen und einen Plausch mit dem Fahrzeugnachbarn. Die Leute im Süden sahen so etwas entspannt und pragmatisch. Für den Buchhalter mit dem geordneten Leben ein geradezu unerträglicher Zustand von Anarchie.

Wie Quinn erfuhr, befanden sie sich im Westen der richtigen Stadt. Glück im Unglück. Er musste nun nur noch ein Taxi ins Zentrum nehmen. Wobei das Wort ›nur‹ in diesem Zusammenhang in seinen Ohren schon wie Hohn klang.

Ihm war daher etwas mulmig zumute, denn Taxis waren auch nicht das, was man eigentlich von ihnen erwarten würde. Sie teleportierten sich gemeinsam mit dem Fahrgast an sein Ziel. Dabei musste natürlich Magie benutzt werden, die aber lediglich die Information hatte, dass es sich beim Taxi um ein Gefährt zur Beförderung von Menschen und gegebenenfalls Gepäck handelte. Es konnte also durchaus sein, dass sich das Taxi selbst am Ende oder zu Beginn der Fahrt in etwas gänzlich anderes verwandelte. Beispielsweise ein Schiff oder eine Rikscha. Oder man musste darauf gefasst sein, dass das Taxi plötzlich ein Tandem wurde, bei dem man noch an der Beförderung mitarbeiten musste.

Quinn pfiff laut auf den Fingern, was ihm an sich schon zuwider war. Er wollte Contenance wahren und nicht wie ein Hafenarbeiter auf den Fingern pfeifen. Das war aber nun mal der einzige Weg, ein Taxi zu rufen.

Während er auf das Gefährt wartete, blies er den Rettungsring auf, an dessen vorderem Ende eine Gummiente befestigt war, und streifte ihn sich über. Nicht, dass das Taxi plötzlich ein U-Boot wurde und die Abkürzung durch den Stadtsee nahm. Alles schon erlebt.

Das Taxi, das durch seine rot-gelb-grünen Streifen unschwer als ein solches erkennbar war, erschien direkt vor ihm. Wieder schüttelte Quinn ob der Farben den Kopf. Zu bunt. Außerdem sah das aus wie eine Ampel. Als ob die Menschen im Süden die Gefahr geradezu anziehen wollten.

Als das Taxi anhielt, gab er der Sache geduldig noch ein paar Sekunden, bevor er einstieg. Wie erwartet machte es plötzlich ›plopp‹ und das bereits stehende Taxi verwandelte sich in einen Linienbus. Äußerlich unbekümmert stieg er ein und nannte der Fahrerin sein Ziel. Doch innerlich tobte in ihm ein gewaltiger Sturm aus Angst, Panik und vielleicht ein wenig Hunger.

Er hielt den Atem an und sich am Rettungsring fest. Teleportiert zu werden, war für ihn nicht gerade eine genüssliche Sache. Es fühlte sich ein wenig an wie auf einer Schiffschaukel. Als würde man auf einem Skateboard, das man nicht lenken konnte, einen Abhang heruntersausen. Mit geschlossenen Augen. Nur, um dann irgendwo wieder aufzutauchen, was buchstäblich überall sein konnte. Ein Bungee-Sprung ins Ungewisse. Natürlich gewöhnte man sich rasch an das Gefühl; einige Menschen empfanden sogar Vergnügen dabei, anders konnte Quinn es sich nicht erklären, dass jemand freiwillig Taxifahrer werden würde. Aber Quinn war nicht oft genug im Süden, um auch nur den Hauch einer Gewohnheit aufkommen lassen zu können.

Als sich das Taxi vor der Tür des Hotels wieder materialisierte und in Quinn das Gefühl aufkam, jeden Moment seine verfrühstückten Toasts wieder hergeben zu müssen, sah er, dass er noch Glück gehabt hatte. Gerade, als sie zum Stehen gekommen waren, verwandelte das Linienbustaxi sich in einen Bürostuhl. Er mochte sich gar nicht ausmalen, wie er auf diesem die Fahrt hätte überstehen sollen, zumal es nicht mal Gurte gab.

Er bezahlte die Fahrerin, wischte sich den Schweiß von der Stirn, ließ aus dem Rettungsring die Luft aus und packte ihn in die Jackentasche.

Dann sortierte er sich erst einmal. »Die Wurzel aus 22 ist etwa 4,7...«

Er sah zu dem imposanten Protzbau mit seinen Türmchen und Erkern hinauf und fragte sich, ob das Gebäude tatsächlich so gebaut worden war oder ob mit einem Zauber nachgeholfen wurde. Womöglich war das Hotel lediglich eine mobile Toilette, die entsprechend verhext worden war. Er hoffte, sie würde sich nicht während seines Aufenthalts wegen der viel benutzten Magie zurückverwandeln. Unvorstellbar, wie viele Menschen sich dann wohl darin quetschen würden.

Nachdem sich an der Rezeption beim Eintragen in die Gästeliste der Kugelschreiber zweimal in eine Lakritzstange verwandelt und der Concierge sich tausendmal entschuldigt hatte, war Quinn nun auf dem Weg zu seinem Zimmer im dritten Stock.

Seine Wurzelreihe musste dabei stetig fortgeführt werden. Zu viel Magie überall! Misstrauisch beäugte er seinen Koffer, der in gebührendem Abstand hinter ihm her über den Boden schwebte.

Im Zimmer angekommen sah sich Quinn skeptisch um. Er sah vorsichtig hinter die Tür und die Vorhänge, drehte den Stuhl sicherheitshalber um und lugte langsam in alle Schubladen. Noch sah alles gut und regulär aus, doch er wusste, dass sich das innerhalb von Sekunden ändern konnte.

Aber bis auf einen kleinen Zwischenfall beim Abendessen, bei dem sein Steak plötzlich Angst vor dem Gegessenwerden entwickelt hatte und davonrannte - was Quinn dazu veranlasste, dann doch nichts mehr zu sich zu nehmen - ereignete sich nichts mehr, und so versuchte er, wenigstens ein wenig Ruhe in der Nacht zu finden. Der Tag war viel zu ereignisreich und wuselig gewesen, als dass er eine Chance verdient hätte noch länger zu dauern.

Zum Einschlafen wurden die Primzahlen bis 100 quadriert.

 

Das Büro des Notars befand sich in einem hübschen Backsteingebäude aus dem vorletzten Jahrhundert. Weiße Simse setzten sich farblich von dem Rostbraun der Fassade ab und gaben dem Haus einen noblen Anstrich. Der Name, der auf einem großen Messingschild neben der Tür angebracht war, verriet Quinn, dass er hier richtig war. ›Ringelnatz & Partner, Notare und Anwälte‹ stand darauf.

Er sammelte sich noch einmal und versuchte noch immer, den Schock zu vergessen, den er am Morgen erlitten hatte, als ein Hahn aus dem Wecker gekrochen war und ihn zur einprogrammierten Uhrzeit mit ohrenbetäubendem Gekrähe geweckt hatte. Er hatte Schwierigkeiten gehabt, das Federvieh einzufangen, und fand auch beim besten Willen keinen Weg, es wieder zurück in den Wecker zu bugsieren. So drückte er den Hahn einfach dem Zimmerkellner in die Hand, der das Frühstück brachte.

Mit festem Schritt stieg er nun die drei Treppen zur Tür der Anwaltskanzlei hinauf und klopfte - in Ermangelung einer Klingel – mit dem Türklopfer an. Dieser fragte sogleich nach seinem Begehr und glich die Termine sorgsam ab, um ihm anschließend den Eingang zu öffnen.

Eine Vorzimmerdame nahm Quinn in Empfang und Mantel und Regenschirm ab. Sie führte ihn in Richtung eines Besprechungszimmers. Er fragte sich einen Moment, wozu sie überhaupt da war, offenbar erledigte der Türklopfer ja bereits alle administrativen Aufgaben in bester Weise. Sich aber über solcherlei Dinge in einer magischen Welt Gedanken zu machen, dazu fehlte Quinn die Geduld.

»Ah, Herr Quäkmann!«, begrüßte ihn ein Mann in etwa seinem Alter und exakt sitzendem Dreiteiler, was Quinn überraschend erfreute und so über alle Ungemach hinwegsehen ließ. Das musste wohl der Notar sein. Ein kleiner, untersetzter Mann, dessen einzige Haarpracht sich offensichtlich über seinem Mund befand.

»Guten Tag! Sie sind Herr Ringelnatz?«

»Der bin ich«, sagte der Notar freudestrahlend und schüttelte Quinn überschwänglich die dargebotene Hand, bevor er ihm einen Platz vor seinem wuchtigen Eichenschreibtisch anbot.

So ganz wider jede Erwartung war der Schreibtisch vorbildlich aufgeräumt; nur ein Stift, ein merkwürdig anmutendes Telefon und eine Mappe waren darauf zu finden. Das war ganz nach Quinns Geschmack. So konnte er sich kaum dagegen wehren, dass ein leises, zufriedenes Lächeln den Weg auf seine Lippen fand. Auch das Duftgemisch von Kaffee, Papier in Hülle und Fülle und Kopierertoner war ein Bouquet, das er durchaus zu schätzen wusste. Es stand für aufrechten Arbeitseinsatz und beste Beschäftigung ohne jeden Schnörkel.

Die Vorzimmerdame brachte ein Kaffeeservice und schenkte den beiden Herren ein.

Das also war ihre Funktion, stellte Quinn nüchtern in Gedanken fest. Doch er schämte sich sogleich über diesen reaktionären Gedanken, zu vermuten, die Dame hätte nur diese eine Funktion. Sicherlich war ihre Unterstützung Gold wert.

»Nun, Herr Quäkmann, wir können auch direkt beginnen.«

»Kommt denn sonst niemand?«, wunderte sich Quinn.

»Nein. Es gibt zwar noch einen weiteren Erben, aber aus zeitlichen Gründen konnte er nicht an dieser Eröffnung teilnehmen. Ich stehe aber in ständigem Kontakt mit ihm und werde ihn auch sogleich nach unserer Unterredung über selbige informieren.«

Der Notar öffnete nun die Mappe und brachte daraus in einem gewissen würdigen Zeremoniell einen versiegelten Umschlag zum Vorschein. Er zerbrach das Siegel in eleganter Geste und fischte einen Brief heraus. Nach einem kurzen Räuspern begann er vorzulesen.

»Mein lieber Neffe! Wenn du dies hier liest oder hörst, hat mich das Schicksal des Todes ereilt. Ich kann von mir behaupten, dass ich jeden Tag gut gelebt habe und bedaure keinen von ihnen. Als mein einziger Verwandter wirst du den größten Teil meiner irdischen Besitztümer erben. Da ich weiß – obwohl du es wohl aus Respekt mir gegenüber nie wirklich zeigen mochtest – dass du dem Süden nicht gerade zugetan bist, vermache ich mein Anwesen in der Stadt meinem langjährigen Freund und Geschäftspartner Finnegan Foggs. Alles, was sich hingegen im Haus und den Anbauten befindet, wird in deinen Besitz übergehen. Sicher wirst du Finnegan treffen und sicher werdet ihr euch über alles Weitere einig werden. Es steht dir völlig frei, was du mit dem Inventar anfängst. Du wirst bestimmt das Richtige tun und deinen Weg finden.«

Der Notar las noch die Schlussworte, aber Quinn konnte schon nicht mehr zuhören. Er war schier entsetzt über das Erbe. Er hatte damit gerechnet, vielleicht einen kleinen Gegenstand zu erben, nicht aber alle.

Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie überfrachtet die Villa seines Onkels bei seinen Besuchen gewirkt hatte. Was sollte er denn nur damit anstellen? Es graute ihm schon allein bei dem Gedanken, herausfinden zu müssen, wozu die Gegenstände in der Lage waren.

Der Kaffee, den er daraufhin in einem Zug hinunterstürzte, half ihm auch nicht dabei, das alles zu begreifen und einzuordnen.

So fand er sich wenig später noch völlig benebelt und geschockt in einem Luftkissenboot, in das sich das zuvor gerufene Taxi verwandelt hatte, auf dem Weg zum Anwesen seines verstorbenen Onkels.

 

 

Quinn hatte die Jugendstilvilla seines Onkels nicht in so düsterer Erinnerung. Es waren aber vielleicht auch die Trauer und die Hilflosigkeit, die in ihm wühlten, die das Anwesen in einem fahlen Licht erscheinen ließen, als er davor stand und hinauf zu den Erkern, Verzierungen und dem Altan im Obergeschoss blickte.

Mühevoll, beinahe seufzend, öffnete er das Gartentor und schleppte sich durch den Vorgarten und den kleinen Treppenabsatz zur Tür hinauf. Die Last wog schwer, die er nun zu tragen hatte. Er wusste nicht genau, was sein Onkel im Laufe der Jahre alles in dem Haus angesammelt hatte, aber er war sich sicher, dass jedes Stück unter der von ihm verhassten Magie stand.

Damit sich die Artefakte, die sein Onkel dort aufbewahrte, nicht verselbstständigten oder sich unkontrolliert vermehrten - was bisweilen vorkam, wenn man magische Gegenstände über einen längeren Zeitraum unbeaufsichtigt beieinander ließ - lag ein Bann auf dem Anwesen, der alle Magie der Objekte blockierte. Das Praktische an dem Bann war aber auch, dass er ein Türschloss ersetzte. Man benötigte nur das Passwort, um – nun ja – zu passieren.

Mit einem nochmaligen tiefen Seufzer blieb Quinn einen Moment vor der doppelflügeligen Eingangstür aus dunklem Holz stehen. Die Mittagssonne reflektierte auf wunderschöne Weise in den Buntglasfenstern im oberen Teil der Tür, die ein Motiv mit Drachen und Elfen zeigten. Vorsichtig, beinahe andächtig, legte er eine Hand auf den Türknauf, sah sich um, ob er auch wirklich alleine war, und sprach dann mit belegter Stimme leise »Seegürkchen.« Man vernahm ein kurzes Klicken und die Tür ließ sich mühelos öffnen.

Die Eingangshalle mit ihren dunklen Holzvertäfelungen lag vor ihm. Es war alles noch so, wie er es in Erinnerung hatte. Doch dumpf dröhnte ihm nun die bleischwere Stille entgegen. Er schritt durch die Halle und in das links davon gelegene, geräumige Wohnzimmer. Oder den Salon, wie sein Onkel immer gesagt hatte.

Er musste schmunzeln. Es war so typisch für seinen Onkel eingerichtet. Nichts passte wirklich zusammen, überall lagen Bücher, Folianten und Listen mit Objekten. Es war nicht schmutzig oder chaotisch, es barg jedoch den Charme eines in Gebrauch stehenden Raumes.

Dort am Fenster stand ein Sofa, das wie aus den 70ern aussah, zusammen mit einem Beistelltisch in Nussbaum aus dem Jugendstil.

Quinn besah sich die Gemälde an den Wänden, strich in Erinnerung an bessere Tage über die Lehne des alten Ohrensessels, in dem sein Onkel gesessen und ihm vorgelesen hatte, als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Und all das sollte nun ihm gehören.

Er wusste nicht so recht, wie er damit umgehen sollte. Zum einen verband er mit dem Mobiliar hier glückliche Zeiten, dann war da noch das Grauen gegenüber der magischen Objekte, die sich beinahe bis zur Decke in einer absurden Anzahl von Schränken, Regalen und Vitrinen türmten. Und natürlich drückte ihn da noch die Trauer darüber, dass eben jene glücklichen Zeiten für immer vorüber waren. Er würde seinen Onkel nie wiedersehen. Ein ungewohnter Schwall an Emotionen schwappte über ihn hinweg.

Vor dem Kamin auf der rechten Seite lag ein ausgestopfter Fuchs wie hingemalt, eingerollt in seinen Schwanz. Quinn besah sich das tote Tier von weitem und schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, dass sein Onkel ein Faible für derlei makabre Dinge hatte. Für Quinn jedenfalls war so etwas gar nichts. Ob ausgestopft oder nicht. Tiere jeglicher Art bargen nur die Gefahr einer Infektion. Vögel mit ihrem hektischen Geflatter machten ihm dazu noch beinahe körperlich Angst. Hunde und Katzen waren ja vielleicht noch erträglich, wenn man sie nicht von Zeit zu Zeit anfassen müsste. Aber ein Fuchs? Um Gottes willen, wo kämen wir denn da hin?! Doch vielleicht handelte es sich bei dem Präparat auch um ein Artefakt, das er nur nicht als ein solches erkannte. Besser war es, dem Ding nicht zu nahe zu kommen.

Mit einem verächtlichen Schnauben wandte er sich einem Bücherregal zu. Ja, das war viel mehr sein Geschmack. Bücher flatterten in den allerwenigsten Fällen und waren auch sonst eher vom ruhigen Typ. Es sei denn natürlich, sie waren verhext. Misstrauisch beäugte Quinn die Werke bei dem Gedanken. Womöglich war es nicht gänzlich unwahrscheinlich, dass eines der Bücher plötzlich beschloss, auszubüxen und ihn an den Haaren zu ziehen.

Aber nein, dachte er, so ein Unfug. Genau gegen solche Fälle gab es ja den Bann.

Eine blaue Glaskugel, die vor einer Bücherreihe lag, fiel in seinen Blick. Glas war auch ganz passabel und ruhig. Etwas zögerlich, als ob es vielleicht gefährlich wäre, sie anzufassen, berührte er die Kugel mit dem ausgestreckten Zeigefinger. Als sie sich nicht wehrte, die drei bronzenen Beine, auf der sie ruhte, nicht spontan Reißaus nahmen, und auch sonst keine Magie in ihr zu stecken schien, nahm Quinn sie in die Hand. Sie war kalt und völlig glatt. Das hohe Gewicht wunderte ihn einen Moment lang. Ja, doch, mit etwas, das so eben und gleichmäßig und ganz ruhig war, konnte er sich anfreunden.

Dann, plötzlich, klingelte es an der Tür. Die alte Klingel schepperte geradezu in Quinns Gedanken, der vor Schreck einen spitzen Schrei ausstieß und prompt die Kugel fallen ließ, die mit einem hässlichen Geräusch am Boden zerbarst.

Quinn versuchte, durch eine kontrollierte Schnappatmung seinen Puls zu beruhigen, als es erneut klingelte.

»Ja, ja, ich komm ja schon!«, rief er mehr zu sich selbst.

Während er durch das Wohnzimmer eilte, sagte er sich, dass es ja nun ein Gegenstand weniger war, um den er sich Gedanken machen musste. Er fragte sich noch einen Moment, was wohl der Zweck der Kugel gewesen sein mochte, da war er auch schon an der Tür.

Als er sie öffnete, stand dort ein hochgewachsener, dürrer Mann mit gezwirbeltem Schnauzbart und einem Lächeln, das ihm von einer Seite des Mundes um den Kopf herum zur anderen Seite zu reichen schien. Der dicke schwarze Mantel, der so gar nicht zu den sommerlichen Temperaturen passen wollte, war das Einzige, das dem Mann irgendein Volumen gab. Hätte er den Mantel nicht getragen, da war sich Quinn ganz sicher, dann hätte er Schwierigkeiten dabei gehabt, nicht mit jedem Auge an jeweils einer Seite des Mannes vorbeizusehen.

Quinn sah ihn fragend an, als er seinen merkwürdigen Hut – eine Mischung aus Melone und Zylinder – in die Hand nahm und an der Krempe kreisen ließ.

»Guten Tag, Herr Quäkmann. Ich möchte zunächst mein allerherzlichstes Beileid zum Verlust Ihres geschätzten Onkels zum Ausdruck bringen.«

Das Lächeln des Mannes wurde nur für einen winzigen Moment kleiner.

»Danke, danke, Herr...?«

»Hiep ist mein Name. Hildebar Hiep.«

Der Mann, den Quinn auf etwa Ende 60 schätzte, streckte seine knöchrige Hand aus, wobei ihm der Ärmel, der offenbar zu kurz für seine langen, dünnen Arme war, ein Stück nach oben rutschte.

Quinn ergriff sie, nicht ohne den leisen Anflug von Ekel. Nun musste er sich wieder die Hände waschen. Wer wusste schon, wo der Mann seine Finger vorher überall drin gehabt hatte? Überhaupt waren ihm Händeschüttler seit jeher suspekt.

»Was kann ich für Sie tun, Herr Hiep?«

Quinn vermied es, auch wenn der Mann immer wieder sehnlichst ins Innere des Hauses blickte, ihn hereinzubitten.

»Nun, Herr Quäkmann, mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie der Alleinerbe Ihres Onkels sind. Da ich in der gleichen Branche wie er tätig bin, wollte ich mein Anliegen zum Ausdruck bringen, den ein oder anderen Gegenstand von Ihnen käuflich zu erwerben. Selbstverständlich mache ich Ihnen für jedes Objekt ein großzügiges Angebot.«

Den Kerl schickte der Himmel, dachte Quinn. Das wäre eine adäquate Möglichkeit, sich schnell der zahlreichen Objekte zu entledigen, bevor sie ihn angreifen würden.

Allerdings störte ihn irgendetwas an der Situation, das er nicht näher beziffern konnte. Vielleicht war es auch nur die Tatsache, dass der Besucher ausgesprochen gut informiert zu sein schien. Wobei die Sache mit dem Alleinerben ja nicht ganz den Tatsachen entsprach, aber das musste er ihm ja nicht direkt auf die Nase binden. Diskretion war wichtig für Quinn.

Daher erwiderte er freundlich: »Ich danke Ihnen für das Angebot, Herr Hiep. Ich werde mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gerne darauf zurückkommen. Allerdings bin ich eben erst zur Tür herein und würde mir gerne zunächst einmal einen Überblick über die Sammlung meines Onkels verschaffen.«

Das war natürlich gelogen. Zumindest teilweise. Er wollte so schnell wie möglich wieder weg und diese unsägliche, magische Gegend am besten nie wieder betreten. Zumal er ja auch das Haus nicht geerbt hatte und ihn somit nichts mehr im Süden hielt. Allerdings wollte er tatsächlich zunächst einmal sehen, ob nicht irgendetwas Nicht-Magisches im Haus war, das er als Andenken mitnehmen konnte. Einzig deswegen war er ja gekommen.

»Natürlich, Herr Quäkmann, das ist ja selbstverständlich. Wenn Sie eine Entscheidung getroffen haben, würde ich mich über einen Anruf von Ihnen freuen.«

Mit diesen Worten reichte er Quinn eine Visitenkarte, setzte seinen Hut wieder auf und verabschiedete sich mit dem gleichen breiten Lächeln, mit dem er angekommen war.

Merkwürdiger Kauz, dachte Quinn, als er die Türe schloss und die Visitenkarte in seine Tasche schob. Und wenn man im Süden jemanden als merkwürdig titulierte, dann musste mit ihm etwas ganz gewaltig nicht stimmen.

Während er noch über Hildebar Hiep nachdachte, ging Quinn in den Hauswirtschaftsraum, um Schaufel und Besen zu holen. Das Missgeschick von vorhin musste noch beseitigt werden.

Seufzend besah er sich den chaotischen Haufen Scherben, die ihr Blau auch durch den Sturz nicht verloren hatten. Er kehrte alle Bruchteile sorgsam zusammen und fragte sich wieder, welchen Zweck die Kugel wohl ursprünglich erfüllt hatte. Er hoffte darauf, dass sie nur als Deko gedient hatte, obwohl er selbst nicht recht daran glauben wollte.

»Bei dem musst du vorsichtig sein«, sagte da plötzlich eine Stimme neben ihm und mit völliger Selbstverständlichkeit.

Wieder stieß Quinn einen spitzen Schrei aus und pfefferte das Kehrblech samt Inhalt und Besen durch die Gegend.

Nach ein paar eiligen Zügen Schnappatmung sah er sich panisch um. Hatte er sich die Stimme eingebildet? Es war niemand da. Vielleicht hatte auch nur sein Unterbewusstsein ungewöhnlich laut zu ihm gesprochen, denn ein ungutes Gefühl hatte er ja ohnehin bereits bei dem Mann gehabt. Und bei dem ganzen magischen Hokuspokus in letzter Zeit hätte es ihn mehr gewundert, hätte er keine Halluzinationen entwickelt.

Ja, das wird es gewesen sein, sagte sich Quinn und machte sich daran, die Scherben erneut aufzufegen.

»Der Kerl ist ein Gauner. War er schon immer«, erklang da plötzlich wieder diese sanfte Stimme mit einem Tonfall, als wäre es völlig normal, Stimmen einfach so im Raum erklingen zu lassen.

Quinn fuhr erschrocken zusammen und sah sich unterdessen schon nahe einer Ohnmacht.

Hier half nur das schnelle Aufsagen des kleinen Einmaleins´. Als er bei der 4er-Reihe angekommen war und sich sein Puls geringfügig verlangsamt hatte, blickte er sich gehetzt im Raum um, doch es war niemand da.

»Ha... Hallo?«, hauchte Quinn mit zittriger Stimme und jeden Widerwillen bekämpfend, mit leeren Räumen zu sprechen.

»Ja, hallo auch«, antwortete die Stimme mit dem gleichen beiläufigen Tonfall.

Quinn, der es nicht geschafft hatte, aus der Hocke beim Aufkehren aufzustehen, sondern vor Entsetzen hinten herübergeplumpst war, wagte es kaum, sich zu bewegen.

»Wer sind Sie? Und wo sind Sie?«, kam es ihm nach einigen Schreckensmomenten über die bebenden Lippen.

»Ich bin direkt neben dir, du Rabauke.« Quinn meinte, Spott gehört zu haben, ignorierte ihn aber.

Er sah sich erneut panisch um, aber es war niemand da. Nur der alte Sessel, das Regal, der Kamin und der Fuchs.

Moment... Der Fuchs? Lag der ausgestopfte Fuchs nicht vorhin noch zusammengekauert auf dem kleinen Läufer vor dem Kamin? Jetzt machte er dort brav Sitz und – um Himmels willen! – er sah ihn direkt an!

Wäre Quinn nicht vorhin schon auf den Hosenboden gefallen, hätte es ihn in diesem Moment vollends gewürfelt.

---ENDE DER LESEPROBE---