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Die Länder Cyfandirs leben in großer Armut. Der 20-jährige Gennaia und seine beste Freundin Mara verdienen ihren Familien ein wenig was dazu, indem sie mit Hundeschlitten Waren ausliefern. Auf einer ihrer Fahrten werden sie von einem sprechenden Pferd angehalten, dessen Überheblichkeit nur durch seine obszöne Sprache übertroffen wird. Widrige Umstände und ein Fingerzeig der Götter führen dazu, dass sie einwilligen, das Pferd zu begleiten. Eine abenteuerliche Reise durch Cyfandir beginnt, auf der sie die Völker kennenlernen und Geheimnisse entdecken, von deren Existenz sie nie geträumt hätten. Doch wollen Sie den Weg hinaus aus Armut und Verzweiflung beschreiten, müssen sie jeder Menge Widrigkeiten und Aufgaben trotzen – zum Wohl aller Völker und der Zukunft Cyfandirs. Die Hüter Cyfandirs ist ein Fantasy-Roman mit vielerlei queerer Repräsentation, in dem alles zu finden ist, was Highfantasy ausmacht: Viele mythische Wesen, epische Schlachten, der Kampf gegen das Böse und … ein Pferd, das schmutzige Lieder singt.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Die Hüter Cyfandirs
Von geraubter Magie
Von EA Vianden
Die Hüter Cyfandirs
Von geraubter Magie
EA Vianden
© 2023 EA Vianden
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Satz: Brachios Media
Umschlaggestaltung: designed by Martin Gancarczyk
Inhaltsverzeichnis
Prolog4
Kapitel 1: Von Hundeeltern9
Kapitel 2: Von merkwürdigen Begegnungen14
Kapitel 3: Die Finstere Festung I25
Kapitel 4: Von Pferden31
Kapitel 5: Von Bergen und Tälern45
Kapitel 6: Die Finstere Festung II54
Kapitel 7: Von Zweifeln59
Kapitel 8: Von Bergriesen67
Kapitel 9: Die Finstere Festung III75
Kapitel 10: Von tiefen Wäldern78
Kapitel 11: Von magischen Städten93
Kapitel 12: Die Finstere Festung IV105
Kapitel 13: Von lauter Entdeckungen112
Kapitel 14: Von Palästen129
Kapitel 15: Von Angriff und Verteidigung141
Kapitel 16: Die Finstere Festung V155
Kapitel 17: Von ungleichen Strategien158
Kapitel 18: Von vorne168
Kapitel 19: Von Aufgaben173
Kapitel 20: Von Ängsten und Sorgen185
Kapitel 21: Die Finstere Festung VI193
Kapitel 22: Von der Wahrheit202
Kapitel 23: Von wilden Bäumen215
Kapitel 24: Von Bildern225
Kapitel 25: Von Plänen und Gedanken232
Kapitel 26: Die Finstere Festung VII241
Kapitel 27: Von festen Festen247
Kapitel 28: Von wundersamen Wesen266
Kapitel 29: Die Finstere Festung VIII278
Kapitel 30: Von Illusionen287
Kapitel 31: Von Feld- und Waldgeistern297
Kapitel 32: Von schlaflosen Nächten307
Kapitel 33: Vom Teilen und Singen317
Kapitel 34: Die Finstere Festung IX327
Kapitel 35: Von feurigen Begegnungen342
Kapitel 36: Von Reih und Glied352
Kapitel 37: Von gedachtem Zusammenhalt365
Kapitel 38: Von hilfreicher Nähe376
Kapitel 39: Von ungleichen Gegnern388
Kapitel 40: Von den Liedern der Revolution396
Kapitel 41: Von Trümmern416
Epilog425
»Erzählst du mir noch mal die Geschichte von den Perlen, Opa?«
Mit glänzenden Augen kletterte der kleine Junge auf den Schoß seines Großvaters, der seine Pfeife weglegte und ihm durch die rotblonde Mähne wuschelte. Einen Moment sah er aus, als grübelte er, immer neue Rauchschwaden waberten an die Decke der kleinen Bauernkate. Doch dann begann er, mit fesselnder Stimme zu erzählen.
»Es war einmal vor sehr, sehr langer Zeit, als noch nichts anderes da war, nicht einmal Cyfandir, unsere Welt, in der wir leben, eine junge Familie. Das waren der Boden und der Himmel, die sich dazu entschlossen hatten, einen Ort zum Leben und Nachwuchs zu zeugen.
So kamen der Wald und das Gewitter auf die neugeschaffene Welt.
Und als der junge Wald und das junge Gewitter in ihrer kindlichen Neugier herumtollten, zeigte sich, dass überall dort, wo der Wald seine Füße hinsetzte, ein neuer Baum oder eine neue Blume spross. Sein Geschwisterchen, das Gewitter, kam sogleich heran und goss die neuen Pflanzen. Ganz bald war die Welt über und über voller grüner Bäume und bunter Blumen.
Den Anblick fanden sie so schön, dass die kleine Familie beschloss, die Welt noch bunter zu bevölkern. Dazu brauchte es aber etwas mehr Anstrengung. Also ließen sie, jeder für sich, ihr gesamtes Wesen und ihr Sein in eine Perle fließen. Eine Perle so groß, dass sie gerade eben in deine Hand passen würde.
Der Boden hatte nun die braune Perle, der Himmel die blaue, der Wald die grüne und das Gewitter die gelbe. Das ist auch der Grund, warum die vier seit jeher als die Perlmächte bekannt sind.
Aber nun schlossen sie ihre Perlen zusammen, hielten sie gemeinsam ganz fest in den Händen und plötzlich sprang eine neue Perle aus ihrer Mitte heraus.
Sie war wunderschön und schillerte in allen Farben des Regenbogens. Und bestimmt sogar in noch mehr. Das war die Regenbogenperle. Sie war einzigartig. Mit ihr brachten sie die Tiere und die Menschen in die Welt.
Und die waren genauso wie die Perle selbst: wunderschön und strahlend in allen Farben. Plötzlich gab es jede Art von Tieren, die du dir nur vorstellen kannst, und alle Formen von Menschen. Die Welt war nun kunterbunt, genau wie die kleine Familie. Hier konnten sich die neuen Bewohner wohlfühlen. Ganz nach dem Geschmack, wie jeder sein wollte. In ganz Cyfandir herrschte Friede und Wohlstand. Dafür sorgten die Perlmächte.«
»Und was geschah mit den Perlen?«
»Nun, die hat die Familie in ihrem Zuhause aufbewahrt. Dem Palast der Ewigkeit. Dort waren sie sicher. Denn mit den Perlen hatte man die Macht, neue Pflanzen und auch neue Menschen und Tiere zu erschaffen. Doch man musste schon genau wissen, wie man mit den Perlen umzugehen hatte, sonst konnten die Folgen katastrophal sein. Deshalb ließen die Perlmächte die neuen Lebewesen nicht in deren Nähe. Es war einfach zu gefährlich.«
»Palast der Ewigkeit?«, fragte der Kleine mit großen, leuchtenden Augen und einem verschmitzten Grinsen, als ob er die Geschichte noch nie gehört hätte.
Sein Großvater schmunzelte und sein mächtiger Bart hob und senkte sich. »Ja, der Palast der Ewigkeit ist ein riesiges, atemberaubendes Schloss, das nur so funkelt. Es ist ganz aus Kristall gebaut, musst du wissen.«
»Und wo ist der Palast?«
»Das weiß niemand so genau. Er schwebt hoch über den Wolken auf einer Insel. Weit jenseits der Nachtberge. Keiner hat ihn je gefunden. Man kann ihn ja von unten nicht sehen. Selbst, wenn du darunter stehen würdest, hättest du keine Ahnung, was über dir ist.«
Der Kleine lachte auf, als er sich das vorstellte. Doch dann schien er nachzudenken und spielte mit der rauen Hand seines Großvaters, die im Vergleich zu seiner wie eine urige Pranke aussah.
»Warum machen die Perlmächte denn nichts dagegen?«, fragte er plötzlich traurig.
»Wogegen?«
»Gegen den Imperator. Und gegen all die Ungerechtigkeit. Die Perlmächte müssen doch sehen, wie schlecht es uns hier unten geht.«
Der Großvater seufzte lang und wiegte den Jungen sanft hin und her. »Wer weiß schon, ob es die Perlmächte überhaupt noch gibt. Und wenn, dann werden sie ihre Gründe haben, warum sie sich nicht einmischen. Schließlich ist auch der Imperator aus der Regenbogenperle entstanden, genau wie jeder andere Mensch. Vielleicht möchten sie ihre Geschöpfe ihren eigenen Weg finden lassen.«
»Aber der Weg ist nicht gut. Überall müssen die Menschen hungern. Nur in der Finsteren Festung nicht.«
Das Gesicht seines Großvaters verdunkelte sich. Er wusste nur zu gut, wovon sein Enkel da sprach. Bauern wie er hatten in diesen Zeiten nichts zu lachen und noch weniger zu beißen.
Doch es bekümmerte ihn, dass sein kleiner Enkel sich mit seinen sieben Jahren schon solche Gedanken machte. Als er selbst noch jung gewesen war, da waren die Zeiten anders. Da gab es noch die regenbogenfarbene Welt aus den Geschichten. Doch auch er konnte sich kaum noch daran erinnern. Er hatte diese Zeit und die damit einhergehende Schmach weit in seinen Kopf zurückgedrängt. Es war zu viel seit der Großen Furcht geschehen. Seit jenem Moment, als der Imperator die Macht an sich gerissen hatte, den Königshof abschlachtete und alle Gegner, die ihm widersprachen, inhaftieren oder töten ließ.
Er sperrte sie seitdem in eigens dafür vorgesehene Gefängnisse ein, die von schrecklichen Kreaturen bewacht wurden.
Man erzählte sich schlimme Dinge, sowohl über die Kreaturen, als auch über die Gefängnisse. Einmal drin, nie mehr raus. Folter bis zum Tod. Wem ein solches Instrumentarium zur Verfügung stand, um politische Gegner zu eliminieren, der konnte nur das Böse in Person sein.
Aber das alles waren erst recht keine Gedanken für seinen kleinen Enkel und er würde sicher nicht auf die Idee kommen, ihm auch davon zu erzählen. Der Tag, an dem der Kleine die Wahrheit erfahren würde, käme noch schnell genug. Und dann würde er die gesamte Wahrheit erfahren, da war er sich sicher. Jene Wahrheit, die auch er selbst versuchte, zu verdrängen.
»So, jetzt aber ab ins Bett. Deine Geschichte hast du ja bekommen.«
Er stellte seinen Enkel, der gerade protestieren wollte, auf den Boden und gab ihm einen liebevollen Klaps auf den Allerwertesten. Der fing an zu kichern und lief zu dem, was er als Bett bezeichnete. Ein alter Sack mit fauligem Stroh. Doch mehr gab es nicht.
»Sitz, Fides!«, befahl Gennaia seinem jungen Schlittenhund und näherte sich der niedrigen Böschung, die zum Bachlauf hinunterführte. Fides gehorchte zwar sofort, doch man merkte ihm sofort an, dass er viel lieber mit seinem Herrn zusammen in dem verlockenden Wasser herumplanschen wollte. Auch wenn das noch eiskalt war, denn der Schnee war gerade erst geschmolzen, so glitzerte es doch umso verlockender.
Gennaia sah nicht, dass sein Hund auf den Vorderpfoten hin- und hertippelte, als könnte er es kaum erwarten, in das verführerisch funkelnde Nass zu springen, denn er hockte schon am Rand des Baches und wusch sich leise fluchend die Hände.
Dieser mistige Ackergaul! Das war doch pure Absicht! Die ganze Zeit nichts, aber wenn ich gerade hinter ihm stehe und ihn abzäume, kackt mir dieses verrückte Vieh auf die Arme. Absicht. Garantiert...
Weiter kam Gennaia nicht mit dem Zetern in seinen Gedanken, denn, als ob ihn nicht ohnehin schon das Pech verfolgen würde, bekam er in diesem Moment einen kräftigen Schubs und tat das, was sein Hund schon die ganze Zeit selber vorhatte – auch wenn dieser dabei garantiert weniger unelegant ausgesehen hätte. Er segelte hilflos von einem unterdrückten Schrei begleitet in den Bach, der nicht einmal knöcheltief war. Sofort zog die Kälte des Wassers scharf durch seinen Körper.
Er drückte sich nach Luft schnappend von den glitschigen Steinen im Bachbett ab und sah zum Ufer. Zunächst vermutete er, dass das junge Gemüt Fides’ mit ihm durchgegangen war. Der Hund war zwar gelehrig, musste aber wegen des Übermuts seiner Jugend da und dort auf seine Gelehrigkeit hingewiesen werden. Noch war er kein ausgebildeter Schlittenhund, doch mit der Übung wuchs auch seine Zuverlässigkeit stetig.
Aber weit gefehlt: Nicht sein Hund war es gewesen, der ihm die unverhoffte Abkühlung an diesem Sommertag verschafft hatte, sondern seine beste Freundin, Mara.
Sie schlug sich – offenbar selbst überrascht über ihre Tat – eine Hand vor den Mund, konnte aber im nächsten Moment vor Lachen kaum gerade stehen und hielt sich auf die Oberschenkel gestützt selber fest. Gennaia dachte sogar, Tränen gesehen zu haben, die ihr über das knallrote Gesicht liefen.
»Du fiese, hinterhältige Kröte...«, knurrte er, während er sich hochrappelte, konnte sich aber selbst ein Grinsen nicht verkneifen.
»Sorry, Gen, aber das war einfach zu verführerisch. Dein Hintern in die Höhe und fast im Wasser...« Weiter kam Mara nicht, denn Gennaia preschte auf sie zu, hielt sie mit beiden Händen fest und schüttelte seine nassen, rotblonden Haare gegen ihr Gesicht.
Sie kreischte und lachte gleichzeitig, versuchte, aus dem Griff zu entkommen, doch Gennaia, der - obwohl selber nicht groß – sie überragte, kannte kein Erbarmen.
Einzig Fides, der wegen des Tumults nun endgültig die Fassung verloren hatte, drängte sich bellend zwischen die beiden. Er war sich offenbar nicht so ganz sicher, ob das Spaß oder Ernst war, entschied sich jedoch dazu, die beiden vorsichtshalber zu trennen.
Als sich alle drei beruhigt hatten, schaute er zwischen ihnen hin und her, als würde er sich vergewissern wollen, dass alles in Ordnung war.
Gennaia musste über seinen Hund lachen, dessen Blick einfach zu drollig war. Er und Mara knieten sich vor ihn und streichelten über sein dickes Fell, das sich noch nicht an den nahenden Sommer gewöhnt hatte.
»Ich finde seine Augen immer wieder bezaubernd«, schwärmte Mara. »Ein braunes, ein blaues Auge. Was sich die Perlmächte wohl dabei gedacht haben?«
Als hätte Fides sie verstanden, leckte er großzügig über ihre Wange und gab ein für Schlittenhunde so typisches Knurzen von sich. Mara lachte auf und hatte alle Mühe, den Hund fernzuhalten.
Nach einer Weile packten sie die herumliegenden Sachen zusammen, nahmen das Pferd an einen Führstrick und machten sich auf den Heimweg.
Kurze Zeit später kamen die drei bei Gennaias Elternhaus an. Eine kleine, windschiefe, mit Stroh gedeckte Hütte, die so aussah, als würde sie das nächste Unwetter nicht überstehen.
Gennaias Mutter stand bereits vor dem Haus und rieb sich ungeduldig die Hände an ihrer fadenscheinigen Schürze ab. Die Lippen aufeinandergepresst und mit missbilligendem Blick sah sie zu den jungen Leuten herüber.
»Da seid ihr ja endlich! Die Kundschaft wartet doch schon.«
Sie beeilten sich, die letzten Meter möglichst schnell zurückzulegen. Fides sprang um ihre Beine herum, was diesen Plan nicht gerade vereinfachte.
»Warum bist du denn so nass?«, wunderte sich die Mutter, als die drei endlich am Haus angelangt waren.
Gennaia zeigte nur zornig auf Mara, die einen möglichst unschuldigen Blick auflegte.
Ein Schmunzeln umzuckte den Mund der älteren Frau. »Na, eure Langeweile möchte ich mal haben.«
Gennaia wollte schon protestieren, als sie ihm schon mehrere Pakete auf die Arme legte. Mara nahm sich auch welche von dem großen Stapel und sie gingen damit zum Stall, der direkt neben dem Haus lag.
Fides begrüßte seine vier Artgenossen mit lautstarkem Heulen. Die Antwort erschallte ebenso prompt wie laut.
Gennaias Eltern, genau wie die Maras, waren Bauern, die vom kargen Ertrag der Felder und von der Schafzucht lebten, für die die beiden Sommermonate jedes Jahr viel zu kurz waren. Den Rest der Monate mussten sie mit den erwirtschafteten Vorräten überleben oder hungern.
Die beiden Sprösslinge verdienten sich und ihren Familien ein kleines Zubrot, indem sie die Waren der Bauernhöfe zusammen mit Kleinigkeiten des täglichen Bedarfs, die sie in der kleinen nahegelegenen Stadt besorgten, an die Siedlungen außerhalb lieferten. Mittel zum Zweck war hier der Hundeschlitten. Wie eigentlich jede Familie in Winterfest besaßen sie einen Schlitten, der von den Hunden gezogen wurde. Im Sommer mit Rädern, im Winter – der hier eigentlich den Hauptteil der Zeit ausmachte – mit Kufen.
Bei den hohen Steuern, die sie an den Imperator zahlen mussten, wussten die Familien kaum, wie sie sich, geschweige denn die Hunde durchfüttern sollten, was man sowohl den Menschen als auch den Tieren ansah. Wohlgenährt war man in dieser Zeit nur in der Finsteren Festung.
Aber ändern konnten sie an den Bedingungen nichts, da half es auch nicht, zu jammern. Also beließen sie es dabei. So handhabten es alle Einwohner in ganz Cyfandir seit der Großen Furcht.
Maras Schlitten war bereits eingezäumt, der von Gennaia folgte bald darauf.
Auch Fides bekam einen Platz, wenn auch nur in der hinteren Reihe. Das machte ihm aber augenscheinlich gar nichts aus, er strahlte geradezu mit vor Stolz geschwellter Brust.
Gens Leithund, Kanja, nahm schon wie von selbst den Platz an der Spitze des Rudels ein und strahlte dabei eine professionelle Ruhe aus, die sich schnell auch auf die übrigen Vierbeiner übertrug.
Die Pakete mit den sehnsüchtig erwarteten Gütern wurden auf den Schlitten vertäut und schon ging die Fahrt los. Unter lautem Bellen, den Rufen der Schlittenführer und dem Rattern der Räder begaben sie sich auf die Fahrt zu den verschiedenen Außenposten von Winterfest.
Neun Stationen standen heute auf dem Programm. Es hatte auch schon bessere Zeiten gegeben, doch die waren längst vorbei, und kaum jemand konnte sich noch extravagante Güter oder Essen außerhalb der spärlichen Mahlzeiten leisten.
Aber mit den Lieferungen konnten die beiden Freunde sich wenigstens ein paar Geldstücke zusätzlich verdienen. Manche bezahlten auch mit Lebensmitteln, was den Familien nur recht war.
Die Nacht war bereits angebrochen, als Gennaia seinen Hundeschlitten zurück in den heimatlichen Stall fuhr, die Tiere abschirrte und sie versorgte.
Er war stolz auf seine Hunde. Sie hatten heute wieder ihr Bestes gegeben, ohne zu murren oder zu zicken. Natürlich gebührte Kanja dabei auch ein großer Dank, den er jetzt in Form eines extra großen Stückes Schaffleisch bekam. Der Leitrüde hatte sein Rudel fest im Griff. Nur selten musste Gennaia selbst eingreifen, das erledigte der Kanja für ihn.
Mara war mit ihrem Hundeschlitten kurz vorher bereits auf die Straße zu ihrem Hof abgebogen. Mit einem Pfiff und einem Gruß hatte sie sich von ihrem besten Freund verabschiedet. Gennaia hatte grinsen müssen. Mara war noch nie eine Freundin großer Gefühlsszenen gewesen. Da passte so ein flüchtiger Abschied nach einem ganzen gemeinsam verbrachten Tag bestens zu ihr.
Seit er denken konnte, kannte er Mara vom Nachbarhof. Sie waren damals vor zwanzig Jahren sogar mit einem Abstand von nur einer Woche geboren worden, und auch ihre Familien waren seit jeher befreundet. So wie die Kinder heutzutage.
Gennaia wusste überhaupt nicht, wie er sich ein Leben ohne seine Freundin vorstellen sollte. Sie kannten die dunkelsten Geheimnisse voneinander und redeten oft bis tief in die Nacht.
Als zu jener Zeit vor einigen Jahren die Körper der beiden Kinder begannen, sich zu verändern, erwachsen wurden, nahmen natürlich auch die Hormone der Pubertät Besitz von ihnen. Gennaia wusste nicht genau, warum sie damals nicht übereinander hergefallen waren, es ergaben für ihn aber nur eine Handvoll Gründe einen Sinn. Vielleicht, weil sie aufgewachsen waren, wie Geschwister und sich deshalb keine sexuelle Regung auftun wollte. Doch - und er musste bei dem Gedanken wieder einmal schmunzeln – er war sich sicher, dass der triftigste Grund der war, dass er nun mal überhaupt nicht auf Mädchen stand.
Die rauen Kerle, mit denen sie zur Schule gegangen waren, die hatten stets sein Augenmerk auf sich gezogen. Doch wie das bei rauen Kerlen eben so ist, hatten die eher Blicke für Mara gehabt.
Was für eine Ironie?!
So hatte Gennaia sich bis zum heutigen Tag weder in die eine, noch in die andere Richtung austesten können.
Mara hatte allerdings für die Jungs in ihrer Schule, die ihr auf Schritt und Tritt hinterherschmachteten, nur wenig bis gar nichts übrig gehabt. Sie hatte sie immer veralbert und aufgezogen, wenn ihr die Avancen zu viel wurden.
Mit selbstbewusst auftretenden Mädchen konnten die jedoch überhaupt nicht umgehen. Frauen hatten in ihren Augen dem Mann zu gehorchen. Aber nicht mit Mara! Da kassierten die Jungs schon mal eher einen saftigen Tritt in den Hintern. Und so verliefen sich auch diese Flirtereien im Sande.
Schon oft hatte Gennaia sich gefragt, ob es Mara vielleicht genauso erging wie ihm. Dass sie eher ihrem eigenen Geschlecht zugeneigt war als dem anderen. Er hatte sie allerdings nie darauf angesprochen. Sie würde es ihm schon erzählen, wenn es so war, und vor allem, wenn sie bereit dazu war.
Heute war er allerdings heilfroh, dass sie zu der Zeit nicht hinter ihm hergewesen war. Das hätte ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Das lag ihm absolut fern.
Doch Mara hatte sich ihm diesbezüglich nicht geöffnet, als er ihr damals in einer lauen Frühlingsnacht, in der sie wieder einmal in der Scheune gelegen und durch das offene Dach die Sterne beobachtet hatten, gestand, wie es um seine Gefühle beschaffen war. Mara hatte nur gegrinst und gesagt: »Ach, merkst du es auch schon?«
Er hatte noch lange über diesen Satz nachgedacht. Zwar hatte es ihm ein gutes Gefühl gegeben, dass seine beste Freundin kein großes Aufheben um seine sexuelle Orientierung gemacht hatte, doch er fragte sich immer wieder, woher sie das gewusst haben mochte.
Hatte man ihm das etwa ansehen können? Panik ergriff ihn bei dem Gedanken. Doch er verwarf sie schnell wieder. Keiner der Jungs hatte ihn je darauf angesprochen. Und das hätten sie garantiert, hätten sie auch nur ein Fünkchen geahnt.
Es war zwar kein Verbrechen, wenn zwei Männer zusammen waren, es gab sogar einige männliche Paare, die er kannte und die gemeinsam lebten. Aber es fühlte sich trotzdem immer wieder so an, wenn die anderen im Dorf miteinander redeten, als wären solche Männer kein wirklich echter Teil der Gesellschaft. Keine wirklichen Männer. Das gehörte nicht ins männliche Winterfest.
Männlichkeit war wichtig für die Leute in der Gegend. Hier waren die Sommer kühl und rau und die Winter noch viel mehr. Jede Form von Weichlichkeit, wie sie es nannten, wurde nicht besonders wohlwollend aufgenommen. Schon früh mussten die Jungen sich als echte Männer beweisen. Mussten mit ihren Hunden und ohne weitere Hilfsmittel eine Woche lang eine Schafherde bei klirrender Kälte hüten. Schon mancher Junge hatte diesen Beweis der Männlichkeit abgebrochen und war daraufhin nicht mehr ernst genommen worden. Aus dem Dilemma entkam man nie.
Gennaia hatte von reisenden Kaufleuten, die ab und an durch das Dorf zogen, bereits mehrfach gehört, dass der beinahe krankhafte Wahn nach Maskulinität nur noch in Winterfest vollzogen wurde. In anderen Teilen von Cyfandir lebten die Menschen, wie es ihnen gefiel. Fast so wie in der Zeit vor der Großen Furcht.
Zwar konnten die Leute dort heiraten, wen sie wollten, doch litten sie gleichermaßen unter der Knute des Imperators und dem damit verbundenen allgegenwärtigen Hunger.
Trotzdem schien es für Gennaia sehr verlockend, in einem Teil der Welt zu leben, wo er ganz er selbst sein könnte. Doch fortzugehen kam ihm gar nicht erst in den Sinn. Was sollten seine Eltern ohne ihn machen? Der Hof und der Unterhalt hingen maßgeblich auch von seiner Arbeitskraft ab. Und wie sollte er ohne Mara überleben? Nein, das war kein Gedanke, der es wert war, fortgeführt zu werden.
Eines der hinteren Räder des Hundeschlittens riss ihn aus seinen Gedanken, die er ohnehin fortscheuchen wollte. Es schien so, als wäre eine Speiche kurz davor, zu brechen. Gut, dass er das hier im Stall bemerkt hatte. Wäre das bei der Fahrt irgendwo im Nirgendwo passiert, wäre er völlig aufgeschmissen gewesen.
Womöglich wäre sogar den Tieren etwas bei einem solchen Unfall passiert. Nicht auszudenken! Sie waren nicht nur sein Lebensunterhalt, sondern auch seine besten Freunde. Neben und mit Mara. Selbstverständlich.
Gennaia legte sich bäuchlings flach auf den Boden, um sich das Rad besser ansehen zu können. Ja, da half nichts. Das musste er auswechseln. Er rüttelte einmal kräftig an der Speiche, um zu testen, ob sie demnächst gebrochen wäre.
Als er sich gerade aufrappelte und wieder aufstehen wollte, bemerkte er aus dem Augenwinkel einen Schatten links neben sich. Er sah zu der Stelle und erschrak derart, dass er sofort wieder auf den Hosenboden fiel. Ein Aufschrei blieb ihm krächzend im Hals stecken.
Dort saß ein Junge in der Hocke neben ihm und beobachtete interessiert, aber ansonsten regungslos und mit geneigtem Kopf, was Gennaia mit dem Rad hantierte.
Wie lange saß er schon da? Warum hatte er ihn nicht reinkommen hören?
Der Junge neigte nun den Kopf zur anderen Seite und sah vom Rad zu Gennaia. Dieser erschrak bei dem Blick erneut und robbte rückwärts auf allen vieren von dem Jungen weg. Keine Miene rührte sich in dem Gesicht des Jungen, nur seine katzenartigen, gelben Augen sahen Gennaia ununterbrochen durchdringend an.
Moment... Gelbe Augen? Wo gab es denn so was? Gennaia wusste nicht, was er überhaupt gerade denken sollte. Zu sehr saß ihm der Schreck in den Gliedern.
Warum kauert der da einfach so? Sagt nichts, bewegt sich nicht, legt nur den Kopf schief. Wo ist der denn ausgebrochen?
Nun war doch eine Regung von dem merkwürdigen Jungen zu sehen. Er nahm – ohne hinzusehen – einen Strohhalm vom Boden auf und spielte damit herum. Die blitzenden gelben Augen noch immer stur auf Gennaia gerichtet.
»Wer...? Woher...?«, fand er endlich seine Sprache wieder. Nun ja, zumindest rudimentär. Sein Körper zitterte vor Schreck. An Aufstehen oder sich gerade hinzusetzen war nicht zu denken.
Langsam erhob sich der Junge aus der Hocke. Vielleicht war es der Anflug eines Lächelns, der seine Mundwinkel umspielte, Gennaia hätte es nicht genau sagen können, aber irgendwas ließ ihn unvermittelt ruhiger werden.
Doch dieser winzige Moment hielt nicht lange an. Denn jetzt hatte er weniger mit seiner Panik zu tun und daher mehr Zeit, den Jungen genauer zu betrachten.
Es schien so, als hätte der gar keine wirkliche Kleidung an. Blätter, Ranken und Zweige bildeten eine Hose und so etwas wie ein Hemd. In seinen wilden, braunen Locken tummelten sich ebenfalls mehrere Blätter, die aber auf eine eigentümliche Weise dorthin zu gehören schienen.
Und da - Gennaia keuchte, als er sie wahrnahm – waren die Ohren des Jungen. Das waren keine Ohren, sondern sie sahen eher aus wie die zackige Rückenflosse eines Fisches. Er hatte ja schon von den Dryaden im Bunten Wald gehört, die spitze Ohren haben sollten, aber doch nicht gleich mehrere Spitzen auf einmal!
Und... Bei den Perlmächten! Der Junge hatte einen Schwanz! EINEN SCHWANZ! Nicht ganz so fluffig wie die seiner Hunde, doch schon annähernd. Ein Schwanz! Mit dem er auch noch wie nebenbei herumwedelte.
Jede Farbe wich mehr und mehr aus Gennaias Gesicht, je detaillierter seine Betrachtung des Jungen wurde. Bei allen wundersamen Kreaturen, die in Cyfandir lebten, so etwas hatte er noch nie gesehen, nicht einmal davon gehört. Wie sollte er ihn jemandem beschreiben? Baumkatzenhundefisch-Junge? Mit Sicherheit hatte dieses Geschöpf nichts Gutes im Sinn.
Da von dem Wesen offenbar keine Antwort zu erwarten war, riss sich Gennaia zusammen und wiederholte seine Fragen. Diesmal jedoch etwas eloquenter als beim vorigen Versuch.
»Wer bist du? Was bist du? Wie kommst du hierher?«
»Es wird Zeit, Gennaia«, sagte der Junge mit einer ruhigen Stimme, die durchaus zu dem Erscheinungsbild eines 10-, vielleicht 12-Jährigen passte. Als er sprach, sah Gennaia die spitzen Eckzähne, die so gar nicht zu dem ansonsten sanften Bild des Jungen passen wollten. Ob er damit auch Tiere reißen konnte? Ganz gewiss sogar!
»Zeit?«, fragte Gennaia erstaunt. Mit allem hätte er gerechnet, nicht aber mit so einer lapidaren wie kontextlosen Aussage.
Der Junge nickte einmal knapp, aber entschieden.
Mit dem Wiedereinsetzen der sich langsam beruhigenden Körperfunktionen verlor Gennaia nun doch langsam die Geduld.
»Zeit? Ja, wofür denn bloß? Und wer bist du überhaupt, dass du hier uneingeladen reinkommst?«
Der Junge verdrehte jetzt leicht die Augen, als wären ihm diese ganzen Fragen lästig. »Ich bin Dari. Zeit zu kämpfen. Mach dich bereit.«
Jetzt brauchte es einen längeren Moment, bis die Schwere dieser Worte tatsächlich in ihrer Gänze in Gennaias Hirn gesickert war.
»Dari... Wie Dari, die Perlmacht, Vater des Waldes?« Ungläubig musterte er den kleinen Jungen.
Da haben wohl irgendwelche Eltern große Hoffnungen in ihr Kind gelegt, dass sie es gleich nach einem Gott benannt haben. Und nicht nur nach irgendeinem, sondern gleich nach einem der vier Weltenerschaffer.
Der Junge nickte nur wieder knapp.
»Wie jetzt?«
»Der bin ich«, antwortete der Junge, ohne eine Miene zu verziehen. Noch immer hockte er völlig teilnahmslos da und spielte mit dem Strohhalm.
Sprachlos. Darauf konnte Gennaia nun überhaupt nichts mehr antworten.
Klar, der Gott und Erschaffer des Waldes sieht mir abends dabei zu, wie ich ein Rad repariere. Gibt ja sonst nichts zu tun für solche Weltenerschaffer. Und, ja, ach, er ist zehn Jahre alt.
Er sah den Jungen weiterhin skeptisch und mit offenem Mund an. Weiterhin sprachlos.
Wieder rollte der Junge mit den Augen, als wäre er gerade von seiner Mutter ermahnt worden, endlich im Haushalt mitzuhelfen.
»Hat dein Großvater dir denn nicht gesagt, wie wir aussehen, als er dir so oft unsere Geschichte erzählt hat?«
Mit diesen Worten stand der Junge auf, breitete die Arme aus und im gleichen Moment sprossen aus den Fugen der Scheune, aus dem Boden, aus den Balken des Daches Blumen und Gewächse, die Gennaia noch nie gesehen hatte. Vor Schreck wäre er beinahe wieder auf den Hintern gefallen, hätte er nicht noch darauf gesessen. Stattdessen stand er nun sachte und langsam auf. Im Sitzen konnte er schließlich nicht die Flucht ergreifen.
Moment... Hat der Kerl eben von Großvater gesprochen? Woher weiß er, dass er mir immer die alten Geschichten erzählt hat? Und dann diese botanische Explosion...
Zweifel begannen, in ihm zu keimen. Größtenteils Zweifel an seinem Verstand. Er hatte keine logische Erklärung für das, was hier gerade stattfand. Daher musste er sich wohl oder übel mit dem Gedanken anfreunden, dass entweder der Junge die Wahrheit sagte, oder er selbst vorhin bei der Fahrt einen Unfall und dabei einen mächtigen Wumms auf den Schädel bekommen hatte. In dem Fall würde er noch dort draußen irgendwo liegen und sich dieses Schauspiel hier nur einbilden. Spontan konnte er sich nicht entscheiden, welche der beiden Möglichkeiten ihm lieber war.
Der Junge setzte sich nun mit gekreuzten Beinen direkt vor Gennaia hin und sah ihn unverdrossen an, als wartete er auf irgendetwas.
Gennaia blickte sich erstaunt in der plötzlich ergrünten Scheune um, betastete vorsichtig eines der gerade geborenen Gewächse und sank dann sprachlos ebenfalls wieder auf den Boden.
Es brauchte nicht nur einen, sondern vielmehr zwei oder viele Momente, bis Gennaia realisiert hatte, dass er wirklich und wahrhaftig mit Dari, dem Vater des Waldes sprach. Einem Kind. Und Gott. Gott-Kind.
Ein benommenes Krächzen drang aus seiner Kehle. Er räusperte sich und versuchte noch einmal, den Satz zu formen. »Ich dachte immer, das wären nur Geschichten. Sagen. Märchen.«
»Jedes Märchen hat einen wahren Kern.«
Dari schien nicht mehr sagen zu wollen, das die ganze Situation vielleicht etwas mehr erklärt hätte. Er wartete nur ab und beobachtete Gennaia mit zur Seite geneigtem Kopf, als wäre er ein seltenes Tier.
»Also gibt es die Perlmächte wirklich?«
Der Junge nickte.
»Und die Regenbogenperle, aus der die Tiere und alle Kreaturen entstanden sind?«
Wieder nickte der Junge bloß.
»Und du hast wirklich den Wald und die Pflanzen erschaffen?«
Statt eines Nickens zeigte er nun wortlos und mit ausladender Geste durch die Scheune.
»Stimmt«, sagte Gennaia, »da war ja was.«
Es schien fast so, als würde Dari geduldig abwarten, welche Fragen Gennaia noch an ihn stellen würde.
»Und deine Eltern sind...« Er zeigte abwechselnd mit dem Finger nach oben und unten. »Himmel und Boden? Spiri und Talani?«
Wieder nickte Dari nur.
Gennaia atmete pfeifend aus. Er wusste selbst nicht, wie er das so einfach verkraften sollte.
Doch in dem Moment kam in ihm der alte Zorn wieder hoch, den er damals schon verspürt hatte, als sein Großvater ihm die Geschichten der Perlmächte erzählt hatte. Zorn darüber, dass die Götter nicht auf der Welt waren und in die Machenschaften des Imperators eingriffen, um der Ungerechtigkeit ein Ende zu machen.
»Warum tut ihr nichts?«, schoss es wütend aus Gennaia heraus, während er erzürnt aufsprang. Gut, er hätte diese Frage auch mit etwas mehr Kontext unterfüttern können, doch schließlich sprach er mit einem Gott. Der würde ihn schon verstehen. Hoffte er.
»Wir tun etwas.«
»Und was?« Er klang unbeabsichtigt aggressiver, als es vorher angedacht gewesen war.
»Ich bin nun hier.«
Gennaia verengte die Augen zu Schlitzen und sah den Gott fragend an. »Du bist nicht der Gesprächigste. Kann das sein?«
»Du wirst kämpfen müssen, Menschenfürst Gennaia«, sagte Dari unbeeindruckt.
Gennaia schnappte nach Luft, wollte antworten, doch kein Wort verließ seinen Mund. Auch ein weiterer Versuch blieb erfolglos. Er bewegte nur völlig verdattert die Lippen und zog die Augenbrauen zusammen. Dari schien ruhig abzuwarten, bis sich Gennaias Gesichtseskalation gelegt hatte.
»Kann es sein, dass du mich verwechselst? Das ist die einzige Erklärung, die ich gerade parat habe.«
Dari schüttelte den Kopf.
»Aber ich bin kein Fürst. Und kämpfen kann ich auch nicht. Vielleicht ein wenig fechten mit der Mistgabel, das war’s dann aber auch.« Er konnte selbst nur freudlos über seinen schlechten Witz lachen.
»Du wirst der Kämpfer der Welt sein. Du wirst die verbündeten Heerscharen der Wesen anführen. Halte dich bereit, Gennaia.«
Nun konnte Gennaia doch lachen. Herzhaft. Er ein Anführer? Ein Kämpfer? Das war wirklich witzig und absolut absurd. Er war ein ganz passabler Hundeschlittenführer, da hörten seine Fähigkeiten aber auch abrupt auf. Selbst Mara sagte ihm oft, dass er zwei linke Hände hätte und zu nichts zu gebrauchen wäre. Wie sollte er da kämpfen? Und gegen wen überhaupt?
Er wollte gerade noch einen Tornado an Fragen auf den Gott loslassen, da... Tja, man kann es nicht anders sagen: Da war er weg. Einfach so. Weg. In Luft aufgelöst.
Gennaia stand herum, wie vom Donner gerührt. Die Fragen waren beinahe schon an seinem Mund angelangt gewesen, doch nun konnte er sie nicht loswerden und musste sie wieder hinunterschlucken.
Es dauerte nicht lange und er war sich nicht einmal mehr sicher, ob Dari wirklich dagewesen war. Vielleicht war es tatsächlich nur eine Halluzination nach einem langen Tag, ausgelöst durch die Trauer um seinen kürzlich verstorbenen Großvater, der ihm immer diese komischen Kindermärchen erzählt hatte. Den ergrünten Stall ignorierte er in dieser Argumentationskette geflissentlich.
Noch immer ganz verdattert nahm er die Lampe und ging ins Haus. Morgen würde alles ganz anders aussehen. Morgen war ein neuer Tag.
Der Dämon mit der dunkelroten Haut tat sich schwer daran, das Tablett geradezuhalten. Er ging vorsichtig und langsam. Nicht auszudenken, wenn etwas von dem frischen Tee überschwappen würde. Er würde den Morgen nicht überleben. Sein langer Schwanz half ihm dabei, einigermaßen das Gleichgewicht zu halten, während er die letzten Stufen der breiten, marmornen Treppe hinaufstieg. Jetzt folgte der heikle Teil, als er an der riesigen, mit Stahl verstärkten Holztür ankam. Er wagte es nicht, das Tablett mit nur einer Hand zu balancieren, sondern klopfte mit seinen spitzen Hörnern gegen die Tür. Sachte, damit nichts überschwappte.
Er wartete keine Antwort ab, denn es konnte gut sein, dass sein Herr noch schlief. Vorsichtig drückte er die Türklinke mit dem Ellbogen hinunter und ließ den Blick nicht von der Teetasse, in der das Getränk schon aufmüpfig hin- und herschwappte. Mit einem seiner großen, behaarten Hufe stieß er die Tür einen Spalt weit auf, so dass er mitsamt seiner wertvollen Fracht hindurchschlüpfen konnte.
Er hatte sich getäuscht. Sein Herr saß bereits an einem Tisch unter dem großen Sprossenfenster und las die Zeitung. Ein weiterer Dämon stand hinter ihm und kämmte die langen, blonden Haare seines Gebieters sorgsam durch, um sie später zu jener Frisur zusammenzubinden, mit der man seinen Herrn überall kannte. Die vorderen Haare wurden in zwei Strähnen grob an den Schläfen vorbeigeflochten und hielten die restlichen Haare am Hinterkopf zusammen.
Der Dämon mit dem Tablett fragte sich wieder einmal, was wohl in so einer Zeitung stehen konnte. Kein Dämon war dazu befähigt, die Buchstaben zu Wörtern zu verknüpfen, daher sah er den Sinn dahinter nicht.
Zwar war die Finstere Festung mit ihren umliegenden Städten nicht klein, aber welche Neuigkeiten mochten sich dort tagtäglich aufs Neue ergeben, die es wert waren, in einer Zeitung verewigt zu werden? Warum erzählte nicht einer der zahlreichen Dämonen dem Herrn morgens alle Neuigkeiten?
Dafür gab es viele Gründe. Sehr viele sogar. Aber die konnte der Dämon nicht verstehen, dazu war sein Hirn nicht ausgelegt. Was eben auch einer der Gründe war, warum er so viel nicht verstand.
Wie sollte auch ein strunzenddummer Dämon, dessen geistige Kapazität geradeso zum Luftholen reichte, dem Imperator von Cyfandir etwas Neues mitteilen?
Der rote Handlanger stellte das Tablett auf den Tisch vor den Imperator, der die Zeitung mit dem Zeigefinger am oberen Rand kurz umknickte, um einen Blick auf das Tablett zu werfen. Die linke Augenbraue in seinem fein geschnittenen Gesicht zog sich langsam nach oben, der fein gezwirbelte Schnurrbart nahm unterdessen die entgegengesetzte Richtung.
»Wie lange warst du unterwegs, Dämon?«, fragte der Imperator, ohne von der Tasse Tee aufzusehen.
Verwirrt sah der Dämon nach links und rechts, leckte nervös mit der gespaltenen Zunge über seine dünnen Lippen und die gefährlichen Zähne. »Seit ich aus der Küche gekommen bin, Majestät.«
Der Imperator rollte genervt mit den Augen. Er nahm sich fest vor, den Dämonen, die er in Zukunft erschaffen würde, ein wenig mehr Intellekt mitzugeben. Genug, um auf Fragen sinnvoll zu antworten, aber nicht ausreichend genug, um eine Rebellion zu starten. Es wäre kaum auszudenken, was passierte, wenn all die Millionen Dämonen sich solidarisieren würden. Lästiger Gedanke. Er führte die Tasse zum Mund und erschauderte.
»Wie ich es mir gedacht hab, Dämon, er ist kalt.« Seine Stimme klang tief und offenbar in derselben Temperatur wie sein Tee.
Würden Dämonen schwitzen, diesem Exemplar hier wäre in jenem Moment der Schweiß in Strömen hinabgelaufen. »Es tut mir leid, Majestät.«
»Warum trägst du das Zeug auch tassenweise durch die Gegend? Zwei Schlucke und sie ist leer. Es gibt dazu Kannen. KANNEN! Hörst du? Die halten auch warm. Geh zurück und... Ach, vergiss es.«
Der Imperator vollführte eine unwirsche Bewegung mit der Hand und im selben Moment machte es – und man musste schon ganz genau hinhören, um es wahrzunehmen – pffft. Mit diesem Geräusch zerplatzte die Gestalt des Dämons augenblicklich. Einen Moment lang blieb eine gallertartige Masse noch in der Dämonenform in der Luft stehen, dann plätscherte sie zu Boden.
Genervt zeigte der Imperator mit dem Zeigefinger auf den Haufen Glibber. »Mach das weg, dann kannst du gehen.«
Ohne die Miene zu verziehen oder zu verstehen, dass auch sein Leben am seidenen Faden hing, beendete der andere Dämon die Frisur und wischte dann eifrig die Überreste seines Kollegen mit einem Mopp auf, um sie schließlich teilnahmslos durch das Fenster zu entsorgen.
Der Imperator seufzte und spielte mit seinen Fingern in der Luft über einem braunen Kasten aus Holz, der auf dem Tisch nahe des Fensters stand, als überlegte er noch, welchen der vielen bunten Knöpfe er drücken sollte. Er entschied sich für den grünen. Im oberen Teil des Kastens saß ein kleiner Lautsprecher, der mit einem Ring aus Messing in das Holz eingefasst war. Aus diesem erklang sogleich ein schnarrender Ton, gefolgt von einer Stimme, die zweifelsfrei einem Dämon gehörte.
»Zu Diensten, Majestät.«
»Schick einen neuen Dämon mit neuem Tee hoch. Aber bitte: in einer Kanne. Denkt doch mal mit, ihr knallroten Pfeifen!«
Er hörte das untertänige »Jawohl, Majestät« nicht mehr, denn er drückte bereits erneut auf den Knopf und unterbrach damit die Verbindung mit der Küche.
Zeitgleich klopfte es an der Tür.
»Ja!«, rief der Imperator genervt.
Eintrat der Adjutant des Herrschers, ein kleiner, untersetzter Mensch mit gewaltiger Knollennase, unter der ein nicht minder gewaltiger, weißer Schnauzbart wuchs. Durch den Tonfall seines Herrn war er gleich schon vor dessen derzeitiger Laune gewarnt. Zum Glück war seine Position in der Festung weitaus gesicherter als die der Dämonen. Er hatte es in der ganzen Zeit im Dienst des Imperiums gut verstanden, sich unentbehrlich zu machen.
Mit einer tiefen Verbeugung ließ er die zahlreichen Orden auf seiner gepflegten, aber überladen wirkenden Uniform klimpern. Er wagte nicht, den hageren blonden Mann direkt anzusehen, der ein so sanftes und gutmütiges Erscheinungsbild abgab, dass die Realität blanker Hohn war.
»Majestät, es gibt Neuigkeiten.«
»Aus dem Kerker?« Der Imperator sah nun fast freudestrahlend von seiner Zeitung auf.
»Nein, Majestät...« Ein leichtes Zittern befiel den Adjutanten. Er wollte ungern den Imperator enttäuschen, da eine Enttäuschung unweigerlich mit Schmerzen einherging. Je nach Laune des Herrschers konnte einem Überbringer von schlechten Nachrichten schon mal das ein oder andere Körperglied abhandenkommen.
»Leider, Majestät, gibt es keine Fortschritte mit unserem Gefangenen. Er weigert sich strikt zu sterben.«»Irgendwie werden wir das schon schaffen. Was gibt es denn sonst zu berichten?«
»Unsere Sensoren haben einen deutlichen Anstieg von Hara ausgemacht.«
Der Imperator zog überrascht die Augenbrauen hoch und faltete die Zeitung zunächst sorgsam, um sie dann achtlos beiseitezulegen. Er fixierte seinen Adjutanten mit aufforderndem Blick.
»Ein Anstieg der Magie sagst du? Wo?«
»In der Gegend von Winterfest.«
»So weit entfernt? Merkwürdig.« Der Imperator kratzte sich nachdenklich das Kinn. »Schick einen Trupp hin, das zu überprüfen.«
»Mit Verlaub, Majestät, ich würde eher vorschlagen, einige wenige Kundschafter auszuschicken, die nicht so viel Aufsehen erregen. Zumal es wirklich nur ein winziger Anstieg über einen sehr kurzen Zeitraum war.«
»Da ist was dran. Muss ja keiner wissen, dass wir nicht wissen, was da vor sich geht. Gut gemacht, Rana, du machst das schon. Halte mich auf dem Laufenden.«
»Sehr wohl, Majestät.«
Rana verbeugte sich mit zufriedener Miene und verließ rückwärts die Kammer des Herrschers.
Der lehnte sich in seinem Sessel zurück und blickte nachdenklich aus dem Fenster.
Natürlich kam es immer mal wieder vor, dass sich das Hara, also die Magie Cyfandirs, das sich tief im Boden regenerierte, erhob. Die Magie wollte ganz natürlich das ihr eigene Reservoir auffüllen, das der Imperator komplett geleert und unter seiner Festung gelagert hatte. Doch das konnte sie nicht, weil jedes Bisschen von ihm sofort erbarmungslos abgezogen wurde.
So ein Aufbäumen veranstaltete das Hara selten von alleine, und alle Haralenker hatte der Imperator bereits hinrichten lassen. Er war der Einzige, das wusste er.
Das neuerliche Brodeln konnte durch einen Haralenker verursacht worden sein, der nicht wusste, dass er die Fähigkeit dazu hatte.
Es konnte aber auch etwas viel Schlimmeres sein. Nämlich ein Haralenker, der ganzgenau wusste, was er da tat, von dessen Existenz der Imperator aber seinerseits nichts wusste. Das wäre ein betrüblicher Umstand, den es zu beheben galt.
Das ausdrückliche Ziel des Imperators war es, das Hara so zu beherrschen, dass nur er es lenken konnte, und dass nur unter seiner Finsteren Festung das gesamte Vorkommen Cyfandirs lag. Er teilte ungern. Und sollte jemand das Bedürfnis haben, sein Hara zu lenken, dann würde er dies mit dem Leben bezahlen. Oder Schlimmeres. So wie der derzeitige Delinquent in seinem Kerker. Um den würde er sich wohl bald selbst kümmern müssen.
Gennaia erwachte aus einem unruhigen und kaum erholsamen Schlaf. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch er hatte schon früh seine Pflichten zu erfüllen, daher quälte er sich recht ungehalten und verschlafen aus dem mit Stroh gefüllten Bett.
Er schlurfte zum Brunnen im Hof und pumpte mehrere Eimer voll Wasser für die Familie.
Es war nicht einmal mehr zu beziffern, zum wievielten Mal er die Finstere Festung und das Land Armoran, in dem sie lag, verfluchte, dass die Einwohner dort dieses Problem überhaupt nicht kannten. Er wusste nicht, wie sie es anstellten, doch das Wasser sprudelte dort in den Wohnungen direkt munter aus der Wand.
Bei den Perlmächten, es war dabei sogar beliebig heiß oder kalt!
Doch mit dem schalen Geschmack der Ungerechtigkeit im Bauch, die erbarmungslos diese Welt beherrschte, ließ es sich umso leichter pumpen. Das rostige Quietschen des Schwengels drang gar nicht bis in seinen völlig überfüllten Kopf vor.
Eine weitere Verfluchung des Imperators und der Finsteren Festung kam dazu, als er sich im Haus mit dem eiskalten Wasser wusch. Die Bilder der feisten Bewohner Armorans krochen ihm schurkisch in den Sinn, die sich morgens einfach so in ein warmes Bad legen und sich danach mit allen erdenklichen Köstlichkeiten vollstopfen konnten. Beinahe war er geneigt, dem wirren Traum, den er in der letzten Nacht gehabt hatte, nachzugehen. Dort hatte ihn Dari, der Gott des Waldes, aufgesucht und ihn dazu gedrängt, gegen eben jene Ungerechtigkeit im Land zu kämpfen.
Bekloppt, dachte Gennaia. Womit sollte er wohl kämpfen? Einer Heugabel? Einem Hundeseil als Peitsche?
Aber hätte er die Möglichkeit und die Befähigung, er würde es ohne zu zögern tun. Da war er sich sicher.
Er musste gleich Mara von dem Traum erzählen, wenn er bei ihrer gemeinsamen Weide ankam. Dann könnten sie bei der Arbeit wieder so schön in Träumen schwelgen, wie das Land wohl aussähe, wenn der Imperator nicht alles Gute für sich selbst zusammenraffen würde.
Komisch, dass ihm gerade letzte Nacht dieser Traum erschienen war. Am Tag zuvor hatte er noch an seinen Großvater und seine ganzen Geschichten von Perlmächten und fliegenden Schlössern gedacht.
Obwohl... Wenn er es recht betrachtete, könnte genau das vielleicht der Grund für sein merkwürdiges Hirngespinst gewesen sein.
Gedankenverloren fütterte er die Tiere im Stall, der wie zum Beweis nichts Grünes mehr aufwies, was ihn erleichtert grinsen ließ. Er dachte zu viel darüber nach. Doch Träumen war noch nicht verboten. Solche heldenhaften Fantastereien hatten die Macht, die bittere Realität für einen Moment zu verscheuchen und eine bessere Welt zu erschaffen. Wenigstens im Kopf für eine kurze Zeit.
Als er heraustrat, winkte er seiner Mutter zu, die nun bereits in der Tür stand, ebenfalls bereit für die mühselige Arbeit auf dem Hof.
Ein Frühstück für die dreiköpfige Familie musste – wie immer öfter in letzter Zeit – ausfallen. Es reichte nur für eine Mahlzeit am Tag, die meistens aus undefinierbarem Getreidebrei bestand.
Kurz hinter dem Haus, wo sich die Wege zum Dorf und in Richtung der weiten, tundraähnlichen Felder abzweigten, kam ihm bereits Mara entgegen. Die Strahlen der noch jungen Sonne warfen aufregende Reflexe auf das pechschwarze, lange Haar des Mädchens, das in so einem starken Kontrast zu ihrer weißen Haut stand. Insgesamt wirkte die Gestalt Maras erhaben und würdevoll, obwohl sie so klein war. So ganz im Gegensatz zu den rissigen Lederhosen, die sie trug. Die strahlten alles andere als Würde aus.
»Hallo, Gen!«, begrüßte sie ihn schon von Weitem. »Du bist heute früh dran.«
»Du doch auch«, erwiderte er spitzbübisch.
Während sie nebeneinander den weiten Weg über den Trampelpfad zu den Feldern mit den Schafen gingen, erzählte Gennaia ihr von seinem Traum, der wohl auch dafür verantwortlich zeichnete, dass er früher als sonst zu den Weiden unterwegs war.
»Wie sah Dari denn aus?«, wollte Mara nach der ausführlichen Schilderung vergnügt wissen.
»Er war ein kleiner Junge, der statt Klamotten Blattwerk und Äste getragen hat.«
»Wie? Das ist ungewöhnlich speziell für einen Traum.«
»Was willst du damit sagen?« Gennaia lachte auf. »Meinst du etwa, der Traum war real?«
»Nö. Kein Traum.« Die Stimme kam von direkt hinter ihnen, bevor Mara überhaupt die Chance gehabt hatte, zu antworten.
Die beiden schraken zusammen und drehten sich auf dem Absatz um. Doch da war niemand. Nur ein einsames Pferd, das treu und behäbig hinter ihnen herging.
Mara hielt sich eine Hand aufs Herz. »Hast du das auch gehört?«
»Ja, wer war das? Hier ist doch weit und breit niemand. Und wem gehört dieses Pferd? Ich hab es bei den anderen Bauern noch nie gesehen.«
»Stimmt. Ich auch nicht. Die haben auch eher Ackergäule. Das hier scheint ein wirklich prächtiger Rappe zu sein. Bestimmt teuer.«
»Ich danke herzlich für das Kompliment, doch bin ich nicht käuflich zu erwerben. Somit sind Spekulationen über meinen Preis völlig obsolet.«
Die Unterkiefer der beiden klappten genauso langsam wie gleichzeitig herunter. Sie wollten und konnten nicht glauben, dass das Pferd gerade zu ihnen gesprochen hatte, doch es war nicht zu leugnen. Den eigenen Augen und Ohren konnten sie schwerlich widersprechen. Auch wenn sie es noch so sehr wollten.
Der Hengst hingegen plapperte munter und unbekümmert weiter, ließ sich von der Fassungslosigkeit, die ihm zweifelsohne geradezu entgegensprang, nicht bekümmern. »... Und prächtig bin ich in der Tat, nicht wahr? Besonders prächtig ist mein großer...«
»Stopp!«, rief Mara schnell und unterbrach den Rappen. Sie hielt sich eine Hand vor die Augen, eine andere weit ausgestreckt von sich. »Sag es nicht!«
»... Schweif«, beendete das Pferd unverdrossen seinen Satz.
Gennaia konnte indes nur danebenstehen und mit geweiteten Augen gaffen.
»Wieso kannst du reden?« Mara fand als Erste Worte. Gennaia war ihr sehr dankbar dafür, denn das war exakt, was er auch wissen wollte. Neben etwa einem Dutzend anderer Fragen.
»Wieso sollte ich es nicht können? Ist das ein Verbrechen? Verklagt mich!«
»Nun ja, es ist im Allgemeinen recht unüblich für Pferde. Oder andere Tiere.«
»Das hindert mich trotzdem nicht.«
»Wem gehörst du?«, mischte sich Gennaia ein.
Das Pferd reckte empört den Hals und sah auf die beiden hinab. »Ich gehöre niemandem. Ich bin ein freies Ross.«
»Aha«, entgegneten beide gemeinsam und taten so, als würde ihnen die Antwort irgendwie weiterhelfen.
»Aber trotz meiner freien Natur bin ich ein Diener der Perlmächte, wenn es das war, was ihr wissen wolltet.«
Klar, wollten sie das wissen, doch zeitgleich zog diese Information beiden fast den Boden unter den Füßen weg.
In Gennaias Kopf rumorte es. Mehrere Informationen schepperten geradezu dort drin gegeneinander, bis sich langsam daraus ein Bild ergab. »Das heißt«, er stockte einen Moment, weil er es selbst nicht fassen konnte, diese Frage laut auszusprechen, »der Traum letzte Nacht...«
»War kein Traum. Richtig. Aber das sagte ich ja vorhin bereits. Wenn wir miteinander arbeiten wollen, müsst ihr lernen, euch besser zu konzentrieren.« Der Unterton war unverhohlen ein Gemisch aus despektierlicher Arroganz und zickigem Genervtsein.
Mara konnte nur stumm und entgeistert nicken.
»Miteinander arbeiten?«, fragte daher Gennaia genauer nach.
Das Pferd verdrehte die Augen. »Du musst nicht alles wiederholen, was ich sage. Auch wenn meine Worte zweifellos stets weise sind.«
Mara machte eine sowohl enervierte wie auch auffordernde Handbewegung.
»Also, ich soll euch zu eurem Ausbildungsort bringen, wo ihr den Kampf erlernt.« Er sprach übertrieben langsam wie mit zwei Vorschulkindern.
»Den Kampf?«
»Ihr guten Geister...! Du sollst doch nicht alles wiederholen. Ja, den Kampf. Gegen das Böse. Hat dich Dari diesbezüglich nicht unterrichtet?«
»Er hat sich mit Kontext sehr zurückgehalten. War nicht gerade in Plapperlaune.«
Aus der Kehle des Pferdes kam eine Art Wiehern, das sich verdächtig nach Lachen anhörte.
»Das sieht ihm ähnlich. Also: Ihr sollt gegen das Böse im Land kämpfen und den Imperator stürzen.« Er sagte das ebenso selbstverständlich und beiläufig, als hätte er gerade jemanden nach dem Weg gefragt.
»Wie denkst du dir denn, sollen wir das anstellen?«, wollte Mara nun aufbrausend wissen.
»Da kann ich schon sprechen und doch hört mir niemand zu. Es ist ein Kreuz! Also dann nochmal: Ich bringe euch zu eurem Ausbildungsort, dort werdet ihr den Kampf erlernen. Ich bastel mir gleich Schilder, auf denen mein Text steht, wenn ich das erneut wiederholen muss.«
»Du kannst auch schreiben?«, mischte sich Gennaia neugierig ein.
Mit einer herrischen Geste hieß Mara ihm, zu schweigen. »Wann soll diese Ausbildung denn beginnen?«
Das Pferd sah aus, als würde es über die Frage nachgrübeln müssen. »Morgen in drei Jahren, aber nur, wenn Vollmond ist. In einer ungeraden Woche. Im Frühling bei Regen. NA, JETZT NATÜRLICH! Was glaubst du wohl, warum ich den weiten Weg gekommen bin und jetzt hier stehe? Bestimmt nicht, weil ihr beiden meine intellektuellen Teestunden profitabel ergänzen sollt.«
Gennaia war sich nicht sicher, ob er verstanden hatte, was der Gaul von sich gegeben hatte, daher ignorierte er das geflissentlich. »Wie stellst du dir das denn bitte vor? Wir haben eine Arbeit zu verrichten und unsere Familien zählen auf uns. Wir können nicht einfach so weg und verrückte Kampfausbildungen beginnen.«
»Nach dem, was gerade bei euch zuhause passiert, werdet ihr das anders sehen.«
Die beiden blickten sich stirnrunzelnd an. »Was geschieht denn da?«, fragte Gennaia.
»Ein Trupp Häscher des Imperators durchsucht den Hof deiner Familie, Gennaia. Sowie jeden im Umkreis. Und wie ich mir vorstellen kann, sind sie dabei nicht zimperlich.«
»Was zum... Warum...?« Noch während er die Fragen stellte, fiel ihm auf, dass es mühselig war, hier herumzustehen und Fragen zu stellen. Er sollte besser keine Zeit verlieren. Aus irgendeinem Grund glaubte er dem Pferd plötzlich jedes Wort. Ohne sich nochmal umzudrehen, rannten die beiden Freunde gleichzeitig und panisch los, den entgegengesetzten Weg zurück. Schlagartig hatten sie ein ganz ungutes Gefühl im Bauch.
Das Pferd trabte locker neben ihnen her und blickte sie von der Seite an. »Ihr habt schon bemerkt, dass ich ein Pferd bin? Hm? Ein... Transporttier...?«
Alle drei hielten an. Natürlich, es war der schnellste Weg, einfach auf dem Rücken des Pferdes nach Hause zu reiten. Das ließ daraufhin die beiden bereitwillig aufsitzen.
»Haltet euch gut fest!«
Noch ehe es den Rat ganz ausgesprochen hatte, stob das Tier auch schon los. Gennaia konnte gerade noch die Mähne erwischen. Mara indes hielt sich an ihrem besten Freund fest.
»Ich beeile mich, aber ihr werdet nichts mehr ausrichten können. Sie sind schon wieder weg.«
»Bist du etwa hellsichtig?«, fragte Gennaia, obwohl seine Gedanken eigentlich ganz bei dem dräuenden Unheil waren.
»Nein, aber meine Herren sind es. Ihr wisst schon... Götter und so...«
Das Herz in Gennaias Brust schlug mit jedem Schritt, mit dem sie sich der Siedlung näherten, heftiger. Sollte es wirklich wahr sein, was das Pferd ihnen gesagt hatte? So völlig unverständlich, grotesk und überrumpelnd die ganze Situation war, hatte er doch keinen Grund, daran zu zweifeln. Was ihm im Übrigen noch mehr Bauchschmerzen bereitete. Doch was wollten Häscher des Imperators von armen Bauern am anderen Ende der Welt?
Mara hinter ihm war ungewöhnlich still. Sie hatte wohl, ebenso wie er selbst, ungeheure Angst um die Familie.
Sie sahen die Rauchsäule bereits von Weitem.
Nein, nein, das hat eine ganz banale Ursache, versuchte sich Gennaia in Gedanken zu beruhigen. Er spürte, wie der Griff Maras um seinen Körper fester wurde. Sie hatte es wohl ebenfalls bereits gesehen.
Als sie in gestrecktem Galopp näher an den Hof kamen, musste er sich jedoch die grausame Wahrheit eingestehen, dass es – entgegen jeder Hoffnung – keinen banalen Grund für den Rauch gab.
Das Wohnhaus der Familie stand lichterloh in Flammen. Was war mit seinen Eltern? Was mit den Tieren im Stall?
Mara klopfte ihm auf die Schulter und zeigte auf die andere Seite des Hofes. Dort kauerten seine Eltern. Ein Stein fiel ihm zunächst vom Herzen, bis er sah, dass seine Mutter vor ihrem Mann kniete, der reglos am Boden lag. Gennaias Erleichterung währte nur den Bruchteil eines Wimpernschlags.
Noch ehe das Pferd angehalten hatte, sprang er ab.
»Reite zu deinem Haus«, rief er Mara zu. »Wir treffen uns wieder hier.«
Sie rutschte nach vorne bis zum Widerrist des Pferdes und presste ihre Beine an dessen Bauch. Mit einem energischen Wiehern galoppierten sie davon.
Den letzten Meter, bevor er seine Eltern erreichte, rutschte Gennaia bereits kniend auf dem staubtrockenen Boden. Der Kopf seines Vaters ruhte im Schoß seiner Mutter, deren Tränen eine weiße Spur auf dem von Ruß bedeckten Gesicht hinterließen.
»Oh, Gen, du bist unversehrt!«, rief sie erleichtert aus, als sie ihn sah.
Das Hunderudel saß brav neben den beiden. Fides löste sich aus der Gruppe und sprang Gennaia an, leckte ihm freudig über das Gesicht. Auch ihm war die Erleichterung über die Unversehrtheit seines Herrn anzumerken. Gennaia drückte seinen Hund kurz und fest an sich und befahl ihm dann, sich zu setzen.
»Vater...?« Er wagte nicht, weiterzusprechen.
»Er lebt. Gerade so. Doch er ist sehr verletzt.« Mit brüchiger Stimme flüsterte seine Mutter die Worte.
Doch genau in diesem Moment schlug sein Vater mühsam die Augen einen Spalt weit auf. Er versuchte, sich zu bewegen, doch Mutter und Sohn hielten ihn zurück und sagten ihm, er solle ruhig liegenbleiben.
»Was ist geschehen?«, wollte Gennaia wissen.
Bevor sein Vater sich mit Sprechen verausgabte, antwortete schnell die Mutter. »Die Männer des Imperators kamen, als du gerade weg warst. Sie sagten etwas von Aufkeimen von Hara und durchsuchten alles. Wo soll denn hier Magie keimen? Es gibt doch seit Ewigkeiten nichts mehr. Sie hatten allerlei Apparaturen in den Händen, bunte Lichter glühten darauf auf. Sind überall herumgelaufen mit den Dingern. Waren wohl so frustriert, dass sie nichts gefunden haben, da haben sie einfach das Haus in Brand gesteckt. Einfach so! Ohne Grund. Sagten, dass wir ja im Stall schlafen können, damit wir die Steuern pünktlich zahlen. Dein Vater versuchte, sie zu hindern, doch sie packten ihn und haben ihn gemeinsam verprügelt. Es hat ihnen richtig Spaß gemacht.« Sie brach ab und erneut traten ihr die Tränen in die Augen.
Unbändige Wut brannte in Gennaia auf. Erfasste seinen gesamten Körper.
Sie hatten ohnehin nichts, und das Bisschen wurde ihnen nun auch genommen. Mehr noch: Diese Banditen von Soldaten hatten seine Eltern angegriffen, seine Familie. Hatten die Tiere gefährdet. Er wollte schon erfüllt von Rachsucht aufspringen und hinter den Männern her, doch seine Mutter hielt ihn fest.
»Nicht, Gen, du kannst nichts tun. Du würdest nur auch noch verletzt, oder schlimmer...«
Er konnte nichts tun? Nichts? Ihm gingen die Worte von Dari und dem Pferd durch den Kopf. Er sollte ausgebildet werden, hatten sie gesagt. Zum Kampf gegen den Imperator. Hatte er dieses Vorhaben vor wenigen Minuten noch als etwas völlig Absurdes belächelt, schien es ihm nun der einzig verbliebene Ausweg zu sein, wenn er sich nicht erneut ängstlich verkriechen und jede Ungerechtigkeit still hinnehmen wollte, wie es seine und die anderen Familien seit so langer Zeit immer wieder getan hatten.
Ja, je mehr er darüber nachdachte, desto logischer klangen die Worte in seinem Kopf.
Sein Vater öffnete wieder die Augen und versuchte zu sprechen. Ein raues Krächzen kam aus seiner Kehle, und ein Tropfen Blut sammelte sich im Mundwinkel.
»Gen...«
»Pscht, Vater. Nicht sprechen. Das strengt zu sehr an. Du wirst ganz sicher wieder, aber du musst dich jetzt schonen.« Der junge Mann wusste nicht, wem er in diesem Moment mehr Mut zusprechen wollte: sich oder seinem Vater.
Doch der zog zornig die Augenbrauen zusammen und schüttelte den Kopf, was ihm höllische Schmerzen bereiten musste. Er griff nach Gennaias Jacke und krampfte sich fest. Mühselig formte er die nächsten Worte. Es tat Gennaia in der Seele weh, seinen Vater so zu sehen, und Tränen bildeten sich in seinen Augen.
»Dari... Geh! Hör auf... ihn!«
Die Augen seines Vaters fixierten seinen Sohn eindringlich. Gennaia lief ein Schauer über den Rücken. Hatte er das richtig gehört? Redete nun auch noch sein Vater von dem Waldgott? War das nur ein Delirium, verursacht durch die Verletzungen? Aber doch, er hatte ganz bestimmt von Dari geredet.
»Hast du... ihn gesehen?«, fragte Gennaia zögerlich.
Sein Vater nickte schwach. »Geh! Du wirst verstehen...«
War Gennaia vorher noch nicht gänzlich von dem Plan überzeugt, sah er nun kaum mehr eine Alternative. Mehr noch: Sein Vater gab ihm geradezu den Befehl. Er musste einfach zu Dari gelangen und sein Schicksal in die Hände des Gottes legen. Um das Land zu retten, um seine Familie zu retten. Entschlossen und mit zusammengekniffenen Lippen nickte er. Sein Vater schien sein gesamtes Vertrauen in ihn zu setzen, wobei ihm der Grund dafür gerade schleierhaft war. Aber er würde verstehen, sagte er. Was? Er wusste es nicht. Doch was er nun genau wusste, war die Richtung, in die sich sein Weg in naher Zukunft wenden würde.
Seine Mutter blickte die beiden Männer fragend an. »Was soll das Gerede? Was willst du uns sagen, Mann?«
Besänftigend legte er eine Hand auf den Arm seiner Mutter. »Ich weiß, was er sagen will Mutter.« Er seufzte tief und wollte gerade von seinem Traum berichten, der wohl tatsächlich keiner war, als sie Hufgetrappel hörten. Mara kam zurück.
Ihrem Aussehen nach zu urteilen, ging es ihrer Familie wie der seinen.
Mara schwang sich vom Pferd herunter und eilte zu den dreien.
»Sie leben«, brachte sie schluchzend hervor, »doch es sieht bei mir genauso aus wie hier.«
Gennaia griff nach Maras Hand und drückte sie.
»Seid ihr jetzt bereit?«, fragte das Pferd, das bedrückt auf die kleine Gruppe herabsah.
Der Mutter entfuhr ein kleiner Schrei, als sie das Pferd reden hörte, doch Gennaia hatte gerade nur Blicke für Mara und seinen Vater, der ihm leicht und aufmunternd zulächelte.
Mara und Gennaia blickten sich einen Moment in die Augen. Im Blick des jeweils anderen konnten sie lesen, dass die Frage des Pferdes bereits beantwortet war. Entschlossenheit trat von einem Moment zum anderen an die Stelle von Hilflosigkeit und Verzweiflung.
Sie nickten dem Pferd entschieden zu, das ein Wiehern zur Bestätigung von sich gab.
Mit knappen Worten setzten sie die ungläubig dreinblickende Mutter ins Bild, die mit jedem Wort fassungsloser wurde und ganz offensichtlich mit den auf sie einprasselnden Informationen in dieser Situation überfordert war.
Als er geendet hatte, umarmte Gennaia seinen Vater. »Danke«, flüsterte er ihm zu.
Doch die Zeit drängte nun. Sie mussten aufbrechen. Jetzt sofort.
Der Abschied fühlte sich viel zu kurz und viel zu unbedeutend an, dachte Gennaia. Immerhin war es nicht einmal sicher, dass sie sich wiedersehen würden. Doch was sollte noch mehr gesagt werden?
Gennaias Mutter hatte Schwierigkeiten, die Dringlichkeit dessen einzusehen, was gerade geschah und wollte die beiden nicht einfach so aufbrechen lassen.
