Vampirjagd - EA Vianden - E-Book
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EA Vianden

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Beschreibung

"Ein Mord erschüttert die Vampirgemeinschaft." Aha. Eigentlich nicht mein Problem. Morde kommen bei uns dauernd vor. Was gehen mich auch die Machenschaften der anderen Vampire an? Sie sind alle durchtrieben und egoistisch. Wären da nicht zwei Tatsachen, die außergewöhnlich sind, würde mir das ziemlich am Allerwertesten vorbeigehen. Aber zum einen war der Mord grausam und beinahe rituell und zum anderen bin ich Mitglied der Vampirregierung. Natürlich - wie sollte es anders sein - werde ich irgendwie in diesen Mordfall hineingezogen. Eigentlich habe ich gerade genug andere Dinge zu tun. Wie zum Beispiel ein neues Haus finden, nachdem ich halb Hamburg bei so einer Sache abgeschlachtet habe. Und dann ist da noch dieser Mensch, der mir den Kopf verdreht... Vergiss alles, was du glaubst, über Vampire zu wissen! Diese Geschichte führt dich in ein Abenteuer que(e)r durch die Welt - mit Abstechern ins alte Ägypten - und natürlich kommt sie nicht ohne eine Lovestory aus.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Table of Contents

Titelei

Triggerwarnung

1 – Geweckt

2 – Einblicke

3 – Zwischenspiel

4 – Das Haus

5 – Flirterei

6 – Zwischenspiel

7 – Unter Dach und Fach

8 – Zwischenspiel

9 – Annäherung

10 – Rückblicke

11 – Wiedersehen

12 – Über Hologramme

13 – Zwischenspiel

14 – Landung

15 – Zwischenspiel

16 – Der Dom

17 – Diplomatenparkett

18 – Das Groß-Konzil

19 – Abendgesellschaft

20 – Quälende Gedanken (Florian)

21 – Affront

22 - Zwischenspiel

23 – Untersuchungen

24 – Glücksgefühl (Florian)

25 – Briefing

26 – Zweifel (Florian)

27 – Teamarbeit

28 – Zwischenspiel

29 – Vorladung

30 – Recherche (Florian)

31 – Schockstarre

32 - Zwischenspiel

33 – Aufbruchstimmung

34 – Die Falkner

35 – Gemischte Gefühle (Florian)

36 – Die Zentrale

37 – Gedankenspiele

38 – Wiedersehen

39 – Zwischenspiel

40 – Erkenntnisse

41 – Zweisamkeit

42 – Durchbruch

43 – Zwischenspiel

44 – Beschwingt (Florian)

45 - Eichhörnchen mit Werkzeug

46 – Die Triade

47 – Monster

48 – Tumult im Kopf

49 – Gadgets

50 – Zwischenspiel

51 – Usurpatoren

52 – Angst (Florian)

53 – Abrechnung

54 – Es sind immer alte Lagerhallen

55 – Masken und Mummenschanz

56 – Die Verwandlung

57 – Irrational (Florian)

58 – Vermeintliche Sicherheit

59 – Zwischenspiel

60 – Doppelbefragung

61 – Neue Erfahrungen

62 – Unangenehme Begegnung

63 – Tribunal

64 – Gefahr

Epilog

Danksagung

Vampirjagd - Das Phantom mit der goldenen Maske

EA Vianden

 

1. Auflage

 

© 2022 EA Vianden

Rogue Books Impressum Service

Inh. Carolin Veiland

Franz-Mehring-Straße 70

08058 Zwickau

 

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Publikation darf ohne schriftliche Genehmigung in irgendeiner Form reproduziert und unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

 

Verlag: Independently published

Satz: Brachios Media

Umschlaggestaltung: Martin Gancarczyk

Vorwort

Triggerwarnung: Gewalt und Brutalität, Blut, Unsensibilität, Drogen-, Tabak- und Alkoholkonsum

 

Als ich 2015 das Manuskript zur Vampirjagd begonnen hatte, wusste ich noch nicht, wohin die Reise mal gehen würde. Fest stand, dass es ein Roman mit Vampiren werden würde, die sich (irgendwie) tatsächlich natürlich erklären lassen würden. Ehrlich gesagt, hatte ich nach zwei Kapiteln die Orientierung im Plot verloren, verspürte auch kein Interesse mehr daran, weiterzuschreiben. Und so wanderte die Vampirjagd in die Schublade. Dort lag sie bis zum Frühjahr 2021. Im Gespräch mit einigen Leser_innen und nach einer Umfrage auf Instagram, stand fest, dass Vampirromane gelesen werden wollen.

Ich habe mich mit jenen Leser_innen auch über Aufbau und Richtung unterhalten und mich dann ziemlich bald daran begeben, die Vampirjagd umzuarbeiten.

 

Der Roman richtet sich definitiv an Personen über 18 Jahren!

Nicht, weil es zu sexuellen Handlungen kommt - die gibt es nicht explizit - sondern weil die Handlung stellenweise extrem brutal ist. Es liegt bei Vampiren in der Natur der Sache, dass es blutig zugeht, doch es gibt noch mehrere gewalttätige Kampfszenen, die für Personen, die mit Blut und Brutalität nicht umgehen können, nicht geeignet sind.

 

Außerdem gibt es Szenen, in denen Folter explizit beschrieben wird. Keine Folter, wie man sie aus den BDSM-Büchern kennt, sondern wirkliche Folter, um an Informationen zu kommen.

 

Die Vampir-Protagonisten sprechen - besonders zu Beginn der Handlung - nicht wirklich politisch korrekt. Das ist beabsichtigt. Sie sehen Menschen als Objekte, als ihre Nahrung an, die nichts wert ist. Das äußert sich auch in ihrer Ausdrucksweise. Wer sensibel darauf reagiert, sollte gewarnt sein.

 

Außerdem werden im Roman Zigaretten, Alkohol und Drogen konsumiert. Wer hier Probleme sieht, sollte besser nicht weiterlesen.

 

Allen, die nun noch übrig sind, wünsche ich eine unterhaltsame Zeit, viel blutiges Vergnügen mit meiner Vampirjagd!

1 – Geweckt (Niketas)

Setz dich doch. Mach’s dir bequem. Es könnte ein wenig dauern, dir die ganze Geschichte zu erzählen.

Ich habe in meinem langen Leben ja schon viel erlebt, aber das, was sich in jenen Wochen und Monaten zugetragen hatte, war wirklich bemerkenswert. In jedem negativen Sinn, den das Wort bemerkenswert bereit ist, herzugeben. Tee? Scotch? Keks?

Nun ja, jetzt aber zur Geschichte.

 

 

Ich hatte mir diesen Morgen anders vorgestellt. Zumindest letzte Nacht, als ich sternhagelvoll ins Bett gegangen war. Ich hatte keinen Kater. Ich hatte nie einen Kater. Ich konnte keinen Kater kriegen. Aber dazu komme ich später. Mich nervte nur dieses elende Geklopfe an meiner Wohnungstür und dieses nervenzersetzende Gejaule einer Bohrmaschine irgendwo im Haus. Es war viel zu früh, ich war unausgeschlafen, ich hatte meinen Kaffee noch nicht und ich wurde genervt. Eine ziemlich tragische Kombination für den Nervenden an der Tür. Ich machte mir nicht die Mühe, etwas anzuziehen und ging nur in Boxershorts zur Tür, riss sie auf.

»Was??«

Ein kleines verhärmtes Weibchen, Mitte 40, mit Strickweste und einer 50er-Jahre-Dauerwelle stand vor der Tür. Es sah unbeeindruckt von meiner harschen Begrüßung auf sein Klemmbrett und schob eine viel zu große Brille, die an viel zu großen Ketten hing, auf der Nase höher.

»Herr Arpatzos, wir haben Sie ja davon in Kenntnis gesetzt, dass heute die Umbaumaßnahmen in den Badezimmern des Hauses stattfinden müssen.«

Ich war verwirrt. »So?«

»Aber natürlich! Sie wurden mehrfach schriftlich über den Termin informiert. Sie haben sicherlich die Post bekommen.«

Sie war entrüstet. Das arme Ding. Ich überlegte einen Moment, ob ich sie töten sollte. Hätte ich dann Ruhe?

»Muss mir entgangen sein. Was wollen Sie nun?« Ich rieb mir genervt durchs Gesicht.

»Die Bauarbeiter müssen innerhalb der nächsten Stunde mit den Arbeiten in Ihrer Wohnung beginnen.«

»Wie lange wird das dauern?«

»Etwa eine Woche. Aber das stand ja alles in…«

»Eine Woche? Ich glaub es hackt!«

Ich sollte mir angewöhnen, meine Post zu lesen. Ich ließ das Ding vor der offenen Tür stehen, ging in mein Schlafzimmer und zog mich an.

»Herr Arpatzos…?«

Ihre verwirrte Stimme drang gar nicht mehr an mein Ohr. Eine Woche. Da kann ich ja gleich ausziehen. Ich brauchte Ruhe. Und musste ungestört sein. Es wäre eine ziemliche Katastrophe, wenn eine Woche lang Bauarbeiter bei mir ein- und ausgingen. Sie würden viel zu viel mitkriegen und ich wäre außerdem viel zu sehr… Na ja… Abgelenkt. Man stelle sich vor, das wären auch noch junge, knackige Burschen in Blaumännern. Ich verharrte einen Moment in der Bewegung. Vielleicht sollte ich doch noch ein wenig warten und mir die Handwerker genauer ansehen.

Nichtsdestotrotz musste ich mir auf Dauer eine neue Bleibe suchen. So konnte es nicht weiter gehen. Nicht bei meinem… Nennen wir es… Hobby.

Ich war neu in der Stadt und eine Mietwohnung war für den Übergang besser gewesen als ein Hotel. Zumindest bis die gröbsten Dinge eines Umzugs in eine neue Stadt geregelt waren. Gleich heute würde ich mich auf die Suche nach einem Haus machen. Oder eine Eigentumswohnung? Nein, lieber ein Haus. Stadtrand. Möglichst wenig Nachbarn. Ruhig.

Gut nur, dass mein bester Freund, Adam, schon länger in dieser Stadt wohnte. Somit hatte ich einen Anlaufpunkt nach dieser ›Sache‹ damals in Hamburg, die nicht ganz so gut ausgegangen war.

Vielleicht habe ich später noch Zeit, davon zu berichten.

Ich würde gleich zu ihm fahren, eventuell konnte er mir beim Hauskauf helfen. Vielleicht hatte er auch heute nichts vor. Ach was, er hatte einfach nichts vorzuhaben. Bestimmt war er, genau wie ich gerade vorhin, noch quasi bewusstlos, schließlich war er der spendable Gastgeber der Party letzte Nacht gewesen.

Ich brüllte zu der Hausverwalterin, die noch immer brav an der Wohnungstür stand: »Die Handwerker sollen jetzt kommen. Ich verlasse dann die Wohnung und gebe denen die Schlüssel. Rufen Sie sie.«

»Aber die sind gerade in der Wohnung über…«

»Rufen! Jetzt!«

Ich hatte so eine freundliche und charmante Art und Weise an mir, der die Menschen nichts abschlagen konnten. Angst? Mag sein. Sie rief also nach den Handwerkern, die nur Momente später angetrabt kamen. Ich suchte mir schnell ein Hemd aus dem Kleiderschrank.

Gerade, als ich hineinschlüpfen wollte, kamen vier Männer in meine Wohnung. Unterschiedlicher hätten sie gar nicht sein können. Der eine wohl genährt, es wunderte mich, dass er durch die Tür passte, der andere spargeldünn. Stan und Olli. Der nächste eher Durchschnitt mit Schnauzer, aber der vierte war die Sahneschnitte, auf die ich gehofft hatte. Durchtrainiert, etwa Mitte 20, braun gebrannt, das T-Shirt unter dem Blaumann war bis zum Zerreißen gespannt. ›Hallo!‹, dachte ich. Ich fixierte ihn mit dem Blick. Er bemerkte ihn und sah mich etwas verlegen an. Eventuell zu viel fixiert. Der musste sich jetzt bestimmt komisch vorkommen. Perfekt.

»Das sind die Handwerker, die dann die kommende Woche bei Ihnen die Umbaumaßnahmen durchführen werden.«

»Ja, danke«, sprach ich zur Hausverwalterin, während ich noch immer den Adonis-Handwerker ansah. »Ich gebe Ihnen den Schlüssel. Ich werde die meiste Zeit nicht da sein.« Aber du kannst darauf wetten, dass ich dich im Auge behalten werde, dachte ich bei mir.

Der junge Handwerker war sichtlich verlegen, dass ich meinen Blick partout nicht von ihm abwandte. Vielleicht auch, weil ich mir jetzt erst mein Hemd langsam anzog. Ich lächelte ihm kurz zu und verließ meine Wohnung.

2 – Einblicke (Niketas)

Sonne. Viel zu grell. Ich hasse Sonne. Wir alle hassen Sonne. Warum? Keine Ahnung. Sie blendet und macht schwach. Meine Kraft ist nicht so da wie in der Nacht.

Ich fuhr mein schwarzes Porsche 911 Cabrio in die Tiefgarage von Adams Haus. Noch immer missmutig wegen der morgendlichen Störung, schlurfte ich in den Lift, drückte den Knopf zum Penthouse und gab den 7-stelligen Sicherheitscode ein, mit dem ich direkt in Adams Wohnung landete, ohne mich vorher beim Concierge anmelden zu müssen.

Mit einem ›Ping‹ öffnete sich die Aufzugtür und ich stand mitten im Chaos. Mich empfing ein Gestank wie in einem Pumakäfig. Das weiträumige Wohnzimmer war über und über mit Klamotten, leeren Flaschen, hier und da einem Aschenbecher und Unmengen an Gläsern bedeckt. Eine Palme stand im Flügel und ich war mir sicher, dass die riesige Ledercouch einst weiß war. Ich kramte in meiner Erinnerung, ob es letzte Nacht auch schon so ausgesehen hatte, als ich nach Hause gefahren war. Unsicher. Auf jeden Fall schienen wir es ordentlich krachen gelassen zu haben.

Auf der Schwelle zur Dachterrasse, die genau gegenüber des Fahrstuhls einen wunderbaren Blick über die Stadt bot, lag halb im Wohnzimmer, halb auf dem steinernen Terrassenboden, ein dunkelhäutiger Mann. Blutüberströmt. Ich ging zu ihm hin und fühlte den Puls. Tot. Fred. Glaubte ich. Die Erinnerungen waren noch zu undeutlich.

Ich sah mich um, die Hände in die Hüften gestützt. Links war die offene Pantryküche. Hinter dem Tresen lugten Beine hervor. Ich ging in die Hocke. An einem Fuß ein High-Heel. Lucy. Oder Rebecca? Ich erinnerte mich, dass Fred geschrien hatte wie ein japanisches Schulmädchen, als er bemerkte, dass sie tot war. Ich kicherte. Junkies. Witziges Völkchen. Dachten die ganze Zeit, sie wären auf irgendeinem abgefahrenen Trip.

Ich ging ins Schlafzimmer. Ich musste bei dem Anblick, der sich mir bot, als ich die Tür öffnete, laut lachen. Adam lag nackt auf seinem riesigen Himmelbett. Zusammen mit einem Mann und einer Frau. Ebenfalls unbekleidet. Ich bin mir nicht sicher, ob er in seinem Zustand den Akt noch hatte vollziehen können, geschweige denn mit Zweien gleichzeitig, aber das war typisch für ihn. Wozu sich für ein Geschlecht entscheiden?

Ich weiß nicht, was mich mehr amüsierte. Das monströse Gemächt, auf das jemand einen Smiley gemalt hatte, oder der Mädchenslip auf seinem Kopf. Waren die beiden tot oder hatte er sie zum Vögeln mit ins Bett genommen?

Ich griff nach einem eleganten Herrenschuh, der achtlos weggeworfen vor mir lag. Ich zielte - und traf. Mitten auf die Stirn. »Au! Scheiße, Mann! Bist du bescheuert?«, er schreckte hoch und sah sich verstört um, bevor er mich wirklich bemerkte, während er sich die Hand an die getroffene Stelle hielt.

Ich kugelte mich. Die beiden Grazien bewegten sich etwas. Also nicht tot. Noch nicht.

»Was soll das denn? Wie spät ist es? Was willst du hier?«

»Ich brauche deine Hilfe. Komm, zieh dich an. Es ist Viertel nach Mirdochegal.«

»Scheiße, Alter, ich hab zu tun, siehst du das nicht?«

»Dann mach das weg und komm mit«, sagte ich und deutete ungehalten auf die beiden Spielgefährten.

Irgendwas in meiner Stimme bewegte ihn wohl dazu, zu grummeln, aufzustehen und ins Wohnzimmer herüberzuschlurfen. Er dachte nicht einmal im Traum daran, sich etwas anzuziehen. Mit einer ausladenden Handbewegung wischte ich einigen Unrat von einem Sofa weg und wir setzten uns.

»Also, Majestät, was gibt es, dass ich zu dieser scheiß frühen Zeit antanzen darf?«

Ich erzählte von den Handwerkern und meinem Problem. Er war gleichermaßen entsetzt und versprach mir ernst, sich sofort mit mir auf die Suche zu begeben. Er kannte die Stadtteile besser als ich, daher war ich für seine Hilfe dankbar.

Ich gab ihm etwas Zeit für eine Dusche.

»Willst du auch? Du siehst reichlich zerknittert aus«, fragte er, als er erfrischt wie der junge Frühling herauskam. Ich willigte gerne ein. Wasser hat eine unglaublich regenerierende Wirkung auf uns.

»Rufst du die Cleaner an? Das Chaos hier sollte vielleicht noch beseitigt werden«, sagte ich, während ich mich auszog. Wir unterhielten uns weiter, als ich nun duschte. Scham kannten wir beide nicht. Zu viel hatten wir gemeinsam erlebt. Und nein, wir waren noch nie in der Kiste. Wir waren gegenseitig nicht unser Typ. Just best friends. Aber Sex? Yark! Never!

»Was geschieht mit deinen beiden Spielzeugen? Genug gespielt?«

»Ja. Das war langweilig geworden. Die sind so mächtig drauf, da ging nichts mehr. Willst du?«

»Nein, ich muss noch fahren und ein Haus kaufen.«

»Also einfach so töten?«

»Ausnüchtern und Doggy-Bag?«, schlug ich sarkastisch vor.

»Die fangen an zu schreien, wenn die Cleaner kommen.«

»Auch wieder wahr. Ist deine Wohnung nicht schalldicht?«

»Hmm… Es wäre eigentlich eine Schande, sie laufen zu lassen, wo sie schon hier sind. Ich geb den Cleanern Bescheid, sie sollen sie aufbewahren und ausnüchtern lassen.«

 

 

Kurzer Break… Du wunderst dich vielleicht über den Dialog. Ich sollte vermutlich ein paar Sachen aufklären. Zunächst einmal: Wir sind Vampire.

Nein, kein Scherz.

Jetzt nicht diese komischen Dracula-Viecher, die sich zu Fledermäusen verwandeln und in Särgen schlafen und auch nicht diese Twilight-Softies, die in der Sonne glitzern wie n Haufen rosa Strass. Nein, ganz normale. Wenn man das so sagen kann. Es gibt uns schon immer. Denk ich. Wir leben in unserer eigenen Gesellschaft neben der menschlichen. Der ganze Quatsch aus den Filmen und Büchern stimmt größtenteils gar nicht. Wen wundert’s? Wir sind eigentlich Menschen. Bis auf ein paar Kleinigkeiten, bei denen die Evolution eben ein bisschen anders abgelaufen ist. Wir sind Monophagen, das heißt, wir können theoretisch nur eine Art Essen zu uns nehmen. Du kannst dir wahrscheinlich denken, was unsere einzige Nahrungsquelle ist. Hier stimmen die Gerüchte. Wir können auch andere Nahrung zu uns nehmen, doch wir könnten davon nicht überleben. Ich persönlich lasse das auch bleiben, denn die Nahrung muss ja verdaut werden. Und nichts am menschlichen Dasein ist entwürdigender als die entsprechende Ausscheidung vorher erhaschter lukullischer Genüsse.

Wir nennen uns selber Upier. Manche bevorzugen den Namen Aschwang. Je nach Gusto. Ich persönlich mag die Bezeichnung Phagoi. So haben sie uns in der Antike genannt. Es bedeutet etwa: Die Fresser. Find ich passend und lustig. Ich bin da altmodisch.

Das Bestehen auf die richtige Benennung machen wir nicht, weil wir den Begriff Vampir vielleicht als unangebracht empfinden und alles political correct sein soll, sondern eher, weil er völlig negativ konnotiert ist. Eben durch die Kolportage von diesen Glitzer-Bitches in den Filmen. Mir ist es ziemlich Schnulli, wie man mich nennt. Meistens ist es eh ›Arschloch‹.

In unserer Gesellschaft gibt es natürlich auch Wissenschaftler. Die haben uns erforscht und sind dabei zu erstaunlichen Erkenntnissen gekommen. Ich werde sie dir im Laufe der Geschichte mitteilen.

Aber ich will eigentlich gar nicht unsere Spezies thematisieren, sondern viel mehr die Geschichte, die wir – und im Speziellen ich - im Laufe der Zeit erfahren mussten. Man könnte vielleicht von Ausgrenzung sprechen. Nicht bewusst, denn die Menschen wissen ja nichts von unserer Existenz. Wäre auch doof. Die Viecher im Schlachthaus wissen ja auch nicht, was gleich passiert, wenn ihnen plötzlich klassische Musik um die Ohren dudelt. Wüssten die Menschen, was Phase ist, kämen mit Sicherheit Leute wie Blade oder die Winchesters und würden unserem Dasein ein Ende bereiten.

Jeder will im Grunde genommen nur leben. Wir sind auch lediglich hier hineingeboren und machen das Beste daraus. Okay, dass ich hier hineingeboren wurde, ist schon ne Ecke länger her, denn theoretisch sind unsere Körper unsterblich.

Bisschen Bio? Die Telomere unserer Zellen können sich bei der Mitose beliebig oft teilen.Die Telomere, die bei Menschen dafür sorgen, dass die Zelle altert, können sich bei unserer Mitose beliebig oft teilen.

Wir haben also, anders als Menschen, in allen Zellen kontrollierte Telomeraseaktivität. Klartext: Während menschliche Zellen mit jeder Teilung altern und irgendwann sterben, erneuern sich unsere Zellen nach der Teilung automatisch wieder. Wir altern und sterben somit nicht. Wir haben sozusagen eine zweite Pubertät, in der wir ausgewachsen sind. Bei den meisten ist das so Ende 20. Wenn sie denn als Phagoi geboren wurden. Sollten sie später gewandelt werden, erleben sie währenddessen eine Verjüngung auf eben dieses Alter. Sollten sie vorher gewandelt werden... Nun ja, dann macht es ›plopp‹ und aus dem Kinde wird ein adultes Exemplar unserer Spezies.

Und wieder ein Fun-Fact zu den Mythen: Das ist der Grund, warum Vampire immer jung und hübsch dargestellt werden. Ich selbst bin 28. Seit 1426 Jahren.

Ich bin der Sohn eines Phagois, der zum Adel Kaiser Justinians in Konstantinopel gehörte. Ja, Phagoi können sich vermehren, tun es aber nur sehr selten. Sie tun es dann, wenn es nötig ist. Ansonsten sehen sie jeden anderen Phagoi als potenzielle Konkurrenz an. Unser ganzes Leben besteht aus territorialen Kämpfen um Macht.

Aber noch mal zum Töten: Es gibt zwei Wege, wie wir getötet werden könnten. Einer wäre, uns das Herz herauszuschneiden, ein anderer, wie die Herzkönigin sagen würde: ›Off his head‹. Da wir über sekundenschnelle Zellheilung verfügen, nutzt ein Schuss ins Herz oder Ähnliches nichts. Die Kugel würde ganz schnell absorbiert und wir würden fit dastehen wie der sprichwörtliche Turnschuh. Über etwaige Holzpflöcke rede ich gar nicht erst.

Genug Theorie. Später vielleicht mehr. Falls es sein muss. Doch vielleicht noch ein Wort zu den Cleanern: Du kennst vielleicht noch Dracula. Du musst dazu wissen, Bram Stoker war eine uns nahestehende Person mit sehr viel Fantasie. Im Buch hat Dracula einen menschlichen Diener namens Renfield. Der ist ihm hörig, macht alles für ihn und erhält durch ihn seinen Lebensunterhalt. Genau das sind Cleaner. Sie leben von uns und haben ein ziemlich gutes Leben. In jeder größeren Stadt gibt es ein zentrales Gebäude, in dem sie mit ihren Familien leben. Einige arbeiten alleine und unterscheiden sich nicht von anderen Menschen. Sie verdienen sehr gut dadurch, dass sie unseren Müll beseitigen. Wenn ich Müll sage, meine ich alles, was jetzt gerade bei Adam im Wohnzimmer liegt. Sie räumen hinter uns auf. Manche sind auch so was wie Privatsekretäre oder Butler. Jeder wie er will. Auf meinem Handy hab ich die zentrale Sammelnummer auf der 1 gespeichert.

3 – Zwischenspiel (Das Phantom)

Die dunkle Gestalt muss sich nicht an ihr Opfer heranschleichen. Es hätte ohnehin nichts genützt, denn das Opfer hat ausgesprochen gute Ohren und einen Siebten Sinn, wenn es um Angriffe geht. Es ist totenstill in dem kleinen Park in der City. Kaum jemand verirrt sich abends, nach Sonnenuntergang, hierher. Das Opfer schnellt herum, als es, durch seine Sinne gewarnt, den Angriff bemerkt.

Doch zu spät.

Völlig lautlos wirft sich jene dunkle Gestalt schon auf die junge Frau. Mit einem Hieb, der in einer fließenden Bewegung aus dem Angriff erwächst, trennt die lange Klinge mühelos den Kopf der Frau ab. Er fällt mit einem ekelhaften Geräusch auf den Boden des Parks. Es dauert einen Moment, der sich ewig zieht und in dem die Zeit stillzustehen scheint, bis der kopflose Körper in sich zusammensackt.

Der Angreifer setzt sich auf den leblosen Körper, dessen Beine in einem letzten Aufschrei des Lebens unkontrolliert zucken. Er holt aus und lässt seine Hand in die Brust seines Opfers schießen. Mit gekonntem Griff reißt er das leblose Herz aus dem erschlaffenden Leib und legt es auf dessen Bauch.

Er sieht sich nicht noch einmal um und verschwindet genauso lautlos, wie er gekommen ist. Er sieht nicht mehr, wie das Leben endgültig in den Augen der jungen Frau für immer erlischt. Er sieht auch nicht, wie ihre langen Zähne langsam wieder in den Kiefer fahren. Sie hat hier selbst auf ein Opfer gewartet, doch was kam, war ihr Tod. So wird der Jäger zur Beute.

4 – Das Haus (Niketas)

Eine halbe Stunde später saßen wir in meinem Porsche und fuhren durch die Stadt. Ich brauchte einen Kaffee. Ja, Vampire trinken Kaffee. Warum auch nicht? Er ist flüssig und schmeckt. Und macht wach. Aufgrund des erhöhten Stoffwechsels haben Alkohol, Drogen, Koffein und andere Substanzen nur eine ganz kurze Wirkung auf uns. Daher trinke ich Kaffee am Morgen in rauen Mengen, um nur annähernd auf den Tag vorbereitet und wach zu sein.

Der einzige Weg, wie man sich als Phagoi betrinken oder durch Drogen einen High bekommen kann, ist, einen Junkie oder Besoffenen zu trinken. Deswegen der Exzess der letzten Nacht. Party muss schließlich auch mal sein. Aber auch dieser Zustand ist schneller aus dem Blut heraus als bei Menschen. Und eben kein Kater. Lucky me.

Adam saß mit einer Tageszeitung auf dem Beifahrersitz und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr es ihn nervte, dass der Wind das Lesen beinahe unmöglich machte. Ich sah auf der linken Seite einen Starbucks und drehte den Porsche mit quietschenden Reifen, um direkt vor dem Laden zu halten. Gekonnt ignorierte ich das Gehupe des entgegenkommenden Verkehrs. Mir doch wumpe, was die denken.

Adam stieg aus, ohne von der Zeitung aufzusehen. Ich bestellte zwei große Vanilla Latte, wir setzten uns vor das Café und ich zündete mir eine Dunhill mit meinem Zippo an. Ein wenig Stil musste sein. Ich liebte den Geruch von Benzin aus dem Feuerzeug, der sich mit dem Rauch des ersten Zugs vermischt.

»Du weißt, dass das ungesund ist.« Adam sah mich ernst über die Zeitung hinweg an.

Einen Moment Stille, dann fingen wir beide kreischend an zu lachen. Ich reichte ihm auch eine.

Ich mochte Adams subtile und trockene Art. Wir hatten uns während des Ersten Kreuzzugs in Aleppo kennengelernt. Das Kreuzfahrerheer hatte lange Zeit in Konstantinopel vor dem Weiterzug gelagert. Da ich zu dieser Zeit dachte, es wäre sicherlich eine gute Gelegenheit, mich dem Trupp anzuschließen, zog ich mit. Was auch immer mich da geritten hatte.

In Aleppo hatte ich dann Adam kennengelernt, der eine Taverne besaß. Schlau, wie ich finde. Es fiel nie auf, wenn der ein oder andere Gast verschwand. Ich hatte in der Taverne geschlafen, machte wohl einen erbärmlichen Eindruck und Adam wollte mich des Nachts verspeisen.

Ich ihn auch.

Als wir unsere Natur gegenseitig erkannten, schmiedeten wir gemeinsam Pläne, wie wir die Gunst der Zeit ausnutzen konnten. Es gab so herrlich viel zum Ausnutzen in einem Kreuzfahrerheer!

Natürlich, wir ernähren uns von Menschen. Wir töten Mitglieder der Gesellschaft. C’est la vie. Wir sind keine harmlosen Ausgeburten der menschlichen Fantasie, die man gerne in Hollywoodstreifen oder diesen romantischen Twilight-Dingern sieht und liest. Ja, wir sind in euren Augen Monster. Wir töten keine Tiere und ernähren uns nicht von Blutkonserven. Sicher gibt es ein paar ›Vegetarier‹ unter uns, die moralische Bedenken haben. Ich muss gestehen, dass ich auch ab und an darüber nachdenke, wenn ich wieder meinen Moralischen habe.

Aber seid ihr Menschen besser? Ihr pfercht eure schutzbefohlenen, fühlenden Geschöpfe auf engstem Raum zusammen, spritzt ihnen prophylaktisch Medikamente, damit sie sich nicht gegenseitig infizieren, um sie dann zu töten und zu fressen. Die Viecher sind unschuldig, ihr züchtet sie sogar zum Essen. Warum? Weil ihr es könnt und euch überlegen fühlt. Also, warum sollen wir böser oder schlechter sein? Ihr macht euch noch nicht einmal mehr Gedanken, woher der Geschmack kommt, wenn ihr die Innereien eines Tieres in Form von Leberwurst jeden Morgen beim Frühstück auf euer Brot streicht. Wir müssen wenigstens noch auf die Jagd gehen und sehen ins Antlitz des Opfers, wenn wir es töten. Ein Mensch reicht uns dann aber auch für ein bis zwei Monate. Je nachdem, wie energieeffizient wir leben. Mehr Anstrengung bedeutet mehr Nahrungsbedarf. Wir können aber nach einer Mahlzeit bis zu drei Monate problemfrei überleben. Euer Nachschub wird in Brutkästen zu zig Milliarden jeden Tag herangezüchtet, weil ihr den Geschmack von toten Tieren täglich braucht.

Ich will nicht sagen, dass wir die bessere Spezies sind, sicher sind wir grausam. Aber urteilt nicht vorschnell, bevor ihr nicht in den Spiegel gesehen habt. Ist es ein Unterschied, ob eine Speisesorte zu rationalem Denken fähig ist oder nicht? Leben ist Leben.

»Hier ist ein Haus am Stadtrand. Zehn Zimmer, Pool mit Poolhaus, Sauna, großer Garage und Gästehaus im Garten. Interessant. Anrufen?« Adam hatte mir schon einige Annoncen vorgelesen, die aus verschiedenen Gründen nicht richtig degustierten. Die hier hörte sich aber recht vernünftig an.

Ich rief den Makler an und machte einen Termin in einer halben Stunde.

Wir trafen den aufgesetzt freundlichen Geschäftsmann mit dem ebenso breiten Lächeln wie breiter Körpermitte und passgenauem Armanianzug wartend vor dem Anwesen. Offenbar war er spezialisiert auf die Vermittlung von Objekten im höherpreisigen Segment.

Das Haus war kein Haus, sondern eine mittelgroße Villa. Neoklassizistisch, vorletztes Jahrhundert, aber alles neu aufgemotzt mit dem letzten technischen Schnickschnack. Dezenter Schick. So mag Papa das.

»Der Vorbesitzer war ein Dotcom-Millionär, der das Haus von Grund auf restauriert hat und mit den Spielereien, wie elektrischem Tor mit Videoüberwachung, Hausüberwachung per Handyapp und jeder Menge Schabernack im Inneren ausgestattet hat«, erklärte der Makler stolz.

Wir durchschritten das Gebäude. Besonders aber die Kellergewölbe, die er uns im Anschluss zeigte.

»Wollen Sie sich hier Hobbyräume anlegen?«

»Ja, kann man so sagen«, erwiderte ich geistesabwesend. »Könnte ich mich kurz mit meinem Freund alleine unterhalten?«, bat ich den Makler.

»Selbstverständlich!« Er zog sich diskret mit einer leichten Verbeugung zurück.

»Was meinst du?«, fragte Adam.

»Ich finds großartig. Hübsch geräumig, passend für unser kleines ›Hobby‹. Der Pool ist klasse. Hast du den gesehen?«

»Ja! Man kann ein Dach drüber fahren. Irre! Also ich würds kaufen. Was kostet der Spaß?«

»1,2 Millionen. Nicht wenig.«

»Scherzkeks. Gegen dich ist Donald Trump doch ein mittelloser Hartz IV-Empfänger ohne Ideenreichtum.«

»Ideen hat der viele! Witzige, wie ich finde. Aber ist der nicht pleite? Ich sollte ihn essen.«

»Iihh! Man sollte wählerisch mit seiner Nahrung umgehen.«

In der Tat musste ich mir aber keine Gedanken um Geld machen. Ich war alt. Uralt. Das alleine machte aber keinen Reichtum aus. Ich hatte unzählige unserer Art gesehen, die nicht wussten wohin, weil sie keine Ideen hatten, um zu überleben. Ich hatte immer die Gunst der Stunde zu nutzen gewusst. Hatte einen Riecher für Investitionen. Außerdem habe ich irgendwann damit angefangen, die Welt von ausgemachten Arschlöchern zu befreien. Die größten Ärsche haben meistens die größte Kohle. Und die hab ich mir vorher oder nachher unter den Nagel gerissen. Entweder durch Tricks, oder einfach, indem ich ihr Vermögen nach ihrem Tod mitgenommen hab. Sie brauchten es ja nicht mehr. Im 20. Jahrhundert wurde diese Masche etwas schwieriger, also hab ich mein Geld dann langsam angelegt. In Investmentfonds. Spießig, ich weiß. Aber ich lebe derzeit von den Renditen. Und die sind beachtlich.

Es war allerdings ziemlich schwierig, nach und nach die Reichtümer des Mittelalters an den Mann zu bringen. Es steht noch ein ganzer Container im Frachthafen mit Dingen, die zu verscherbeln sind. Daher wäre ein Haus ganz passend.

Ich hab mich damals mehrfach an große Herrscher gewagt, weswegen mein Trump-Gedanke nicht so wirklich von der Hand zu weisen war. Aber viel ist da nicht rausgesprungen. Die Nummer mit Iwan, dem Schrecklichen, war heikel. Ich musste schnell eine Quecksilbervergiftung vortäuschen, als ich ihn beim Schachspiel ausgesaugt hatte. Und im Endeffekt ist gar nicht viel dabei rumgekommen. Lieber hab ich mich dann an kleinere Ärsche gehalten. Ich steh auf kleine Ärsche. Die haben einfach mehr zu bieten. Reden wir noch vom Überleben?

Wie auch immer. So hatte sich im Laufe der Zeit ein Vermögen angehäuft, das recht beachtlich war. Besser gesagt: Ich bin schon obszön reich. Ich will nicht sagen, dass alles Geld nur von meinen Opfern stammte, aber ein großer Teil. Ich habe seinerseits wieder Investitionen betrieben, die mir lukrativ erschienen. Und, ehrlich gesagt, hab ich manchmal auch meine schwachen Momente. Warum nicht eine gute Sache unterstützen, die dann nachher richtig Kohle abwirft? Henri Dunant war einer meiner Protegés. Ich habe durch das Rote Kreuz etliche Vergünstigungen und Rendite bekommen. Und ja, ich habe bei der Gelegenheit auch die Nummer mit den Blutkonserven versucht. Klappt nicht. Das ist, als würdest du die ganze Zeit nur Dosenfutter essen. Es fehlt etwas, es ist unbefriedigend und ich werde mit der Zeit leidig. Dann bleib ich doch lieber bei meiner Arsch-Methode. Da steht natürlich Donald Trump ganz oben auf der Liste. Allerdings derzeit zu bekannt. Aber ich kann warten.

»Ja, ich denk, ich nehm die Hütte.«

»Vernünftig«, bestätigte mich Adam.

Ich rief den Makler zu mir, der hofierend angetrabt kam. »Ich werde den Schuppen kaufen. Wie schnell können Sie die Unterlagen fertig haben?«

Er sah mich mit großen Schweinsaugen an.

»Äh… Ich… Ich kann die Verträge gleich heute fertig machen und sie zum Notar geben. Wir können dann einen Termin machen. Die Grundbucheinträge werden dann allerdings etwas dauern.«

»Wie auch immer. Kriegen Sie das zum nächsten Ersten hin? Hier ist eine Karte meines Anwalts, der die Sache für mich regelt.« Ich gab ihm die Visitenkarte eines ›Familienanwalts‹. Salomon Rosenstein war ebenfalls ein Cleaner, der sich nach einem Jurastudium darauf spezialisiert hat, für uns höherwertige Geschäfte zu regeln.

Der Makler stotterte. »Si…Sicher. Das müsste machbar sein.«

»Hey, Niketas! Sieh dir das an!«, brüllte Adam vom anderen Ende des Kellergewölbes herüber. »Der Weinkeller ist noch voll. Hier steht ein 1925er Mouton-Rothschild. 25! Erinnerst du dich noch?«

Idiot. Jetzt müssen wir den Makler umbringen. Gerade, wo mir das Haus so gut gefiel. Er sah mich verwirrt an. Ausrede. Schnell eine Ausrede!

»Ja, du Trottel!«, brüllte ich zurück. »Ich erinnere mich, als wir das letzte Mal einen 25er Rothschild getrunken haben. Es war in New York, meine ich.«

Ich hörte ein gegrunztes, verständiges ›Oh‹ aus dem Weinkeller. Der Makler sah nicht mehr ganz so perplex drein. »Wie lange sind sie denn schon… Ein Paar?«

»Wir? Ein… Paar? Ohhh… Es fühlt sich wie Jahrhunderte an!«

Gegacker aus dem Weinkeller.

Wir verließen zusammen das Anwesen, und der Makler versprach mir mit gefühlten hundert Verbeugungen, dass er binnen zwei Wochen das Geschäft durchgeführt haben würde.

Schön, dann konnte ich endlich aus der Bruchbude ausziehen und hier Fuß fassen. Mal sehen, was dieser Abschnitt meines Lebens bot.

Bruchbude! Da fiel mir siedendheiß was ein: Ich musste zurück und nachsehen, was die Handwerker aus meinem Badezimmer gemacht hatten.

»Also Adam, danke für deine Beratung. Nettes Ding ist das. Ich gehe davon aus, dass du öfter mal hier sein wirst.«

»Ich bin eigentlich fest davon ausgegangen, dass eines der Zimmer für mich sein sollte! Und einen Schlüssel will ich auch!«

»Schlüssel? Schätzchen, guck dir die Anlage an. Schlüssel… Pah! Irisscanner oder Fingerabdruckleser, damit kriegst das Ding auf. Vielleicht noch mit Transpondern hinterm Ohr oder Ähnlichem, aber doch nicht mit nem banalen Schlüssel. Vielleicht muss man das Teil auch von unterwegs mit dem Batmobil entriegeln.«

»Dann eben so. Werf ich halt ein Auge drauf.« Wir lachten über den schlechten Wortwitz und ich ließ den Porsche aufheulen.

5 – Flirterei (Niketas)

Als ich am späten Nachmittag in meine Wohnung kam, waren die Handwerker gerade dabei, einzupacken. Was ein Glück, dachte ich. Dann musste ich den Lärm nicht ertragen. Ich grüßte, so freundlich es mir möglich war. Das Knäblein mit dem engen T-Shirt sah mich an und ich musste grinsen. So sexy in seinem Blaumann! Und so ein schüchterner, unschuldiger Blick! Das machte mich an. Seine dunklen Haare fielen ihm verführerisch über die ebenso dunklen, riesigen Augen. Er lächelte verlegen zurück. Es war ihm offenbar noch immer ein wenig unangenehm, dass ich ihn so offensiv angaffte. Aber das machte mich nur noch schärfer.

Offenbar stand er an unterster Stelle der Handwerkerhierarchie, denn der ältere Mann sprach ihn an: »Du wischst noch die Badewanne sauber, dann kommst du nach.« Aha, Bürschchen bleibt alleine. Dann kann ich ihm noch ein bisschen zusehen.

Die drei gingen. Ich schloss die Tür hinter ihnen. Der Junge hing über der Badewanne, als ich zurück zum Bad kam. Ich lehnte mich in den Türrahmen und verschränkte lässig die Arme.

»Na, wie weit seid ihr heute gekommen?«

Er hörte auf zu schrubben und drehte sich noch immer kniend um. Mit einem Handrücken wischte er sich den Schweiß von der Stirn. »Wir haben das Becken demontiert und angefangen, die Kacheln runterzuhauen. Daher der ganze Dreck, den ich jetzt wegmache.«

»Dann bist du ja ganz schmutzig«, säuselte ich kokett lächelnd. »Und wo wasche ich mich dann?«

Er deutete auf die Badewanne. »Das muss wohl erst mal hier passieren.«

»Wie heißt du?«

»Florian.«

»Ich bin Niketas.«

»Ich weiß«, sagte er, errötete und wischte schnell weiter.

Ich ging in die Küche und füllte ein Glas mit Eistee. Als ich zurück ins Badezimmer kam, war Florian fast fertig. Ich stellte mich hinter ihn. Absichtlich ein bisschen näher, als es sich für einen Fremden geziemen würde.

»Hier, ich dachte, bei dem Dreck ist eine Erfrischung vielleicht ganz nett.«

Er drehte sich um und stand auf.

»Oh, das ist wirklich nett!«

Ich reichte ihm das Glas.

»Warten die anderen auf dich?«

»Nein, ich habe das zweite Auto.«

Sehr gut. Ich trat einen Schritt näher auf ihn zu. Er sah mich verlegen an. Blinzelte nervös, wusste nicht, wohin mit seinem Blick, während ich meine Augen genau in seine gerichtet hielt. Ich weiß nicht wieso, aber Vampire haben etwas an sich, das auf Menschen hypnotisch wirkt. Sie können uns einfach nicht widerstehen. Dazu kommt, dass wir – und das soll jetzt wirklich nicht arrogant klingen – ab unserer zweiten Pubertät eigentlich nahezu perfekt für jeden Geschmack aussehen. So ziemlich jeder findet uns geil. Hat seine Vorteile. Das wollte wohl die Biologie so. Das perfekte Raubtier. Hinzu kamen Pheromone, die auf beiderlei Geschlechter anziehend wirkten.

Und das taten sie gerade in diesem Moment.

Eigentlich wollte er aus der unangenehmen Nähe weg, das sah man. Aber er fühlte sich angezogen, auch das merkte man. Ich roch seine Hormone, hörte sein Blut. Ich strich über seine muskulösen Arme.

»Du bist wirklich voller Dreck. Du kannst auch hier duschen.«

»Ich.. Ja.. Ich, aber…« Er stockte einen Moment und suchte nach Worten. »Ich steh nicht auf Jungs.«

»Na und? Ich steh auch nicht auf Eistee. Trotzdem hab ich welchen hier.« Ich trat noch näher an ihn heran. Nun hätte auch eine Zeitung nur noch schwer Platz zwischen uns finden können.

Ich war gut einen Kopf größer als er. Es trennten uns nur wenige Zentimeter. Ich roch jetzt seine Erregung, konnte seinen schneller werdenden Herzschlag hören, sein Blut regelrecht riechen. Ich streichelte seine Schulter und seinen Hals. Er bewegte sich keinen Millimeter. Sah nervös nach unten auf seine Füße, nestelte dabei mit seinem Lappen in den Händen.

»Ich werde dich jetzt ausziehen und dann wirst du hier duschen.«

»Ich… Aber ich habe eine Freundin. Ich kann nicht…«

Ich legte ihm einen Finger auf den Mund.

»Pscht. Vergiss das jetzt ein paar Minuten. Sieh mir in die Augen. Nach dem Duschen fährst du nach Hause, wenn du willst. Wenn du nicht willst, bleibst du hier. Aber jetzt müssen wir dich erst einmal sauber kriegen.«

Bei diesen Worten öffnete ich die oberen Knöpfe am Latz des Blaumanns und ließ keinen weiteren Protest zu, der aber ohnehin kaum zu hören war. Der Latz klappte nach unten.

Er sah mir nervös in die Augen. Ich küsste ihn. Einen winzigen Moment fühlte ich Widerstand in seinem Körper. Dann gab er sich dem Kuss hin, öffnete seinen Mund und ließ meine Zunge hinein. Er seufzte kurz, womit der Rest seines Widerstands brach, und erwiderte den Kuss leidenschaftlich. Er umarmte mich innig und drückte meinen Kopf fester zu sich heran.

Jetzt hatte ich ihn! Ich entkleidete ihn komplett und dann mich selbst. Ich genoss es, wie er mir dabei zusah. Ich stellte die Dusche an und wir liebten uns leidenschaftlich unter dem warmen Wasser.

Danach entschloss sich Florian tatsächlich, bei mir zu bleiben.

6 – Zwischenspiel (Das Phantom)

Die Lobby des großen Bürogebäudes quillt über vor geschäftigem Treiben. Selbst um diese Zeit. Mitten in der Nacht. Menschen, Vampire und andere Dinge irgendwo dazwischen, tummeln sich hier und gehen ihren jeweiligen Aktivitäten nach. Es scheint, als strömten sie unkontrolliert in die vier Aufzüge, um ebenso ziellos irgendwo wieder herauszuquellen.

Die dunkle Gestalt mischt sich unter die Geschäftigen. Steigt in den Aufzug und fährt in den 25. Stock. Dort ist wesentlich weniger los als in der Lobby. Niemand zu sehen. Die meisten haben schon lange Feierabend. Die Gestalt huscht von Ecke zu Ecke. Es wäre ungünstig, wenn sie gesehen werden würde. Dann endlich findet sie, was sie gesucht hat. Sie bleibt in einer Nische neben dem Raum stehen, in dem ein Meeting gerade zu Ende geht. Langsam zieht sie sich ihre goldene Maske über. Die Teilnehmer verlassen den Konferenzraum, um gleich wieder in die Aufzüge zu strömen. Wohin auch immer. Nur zwei Männer in eleganten Anzügen sind noch im Raum. Sie unterhalten sich angeregt, während sie Dokumente in ihre Aktentaschen packen.

Als sie heraustreten, schnellt die Gestalt hervor und stößt mit der Spitze ihrer Hand und mit voller Wucht in die Brust des einen. Das Geräusch von brechenden Rippen klagt durch die leeren Gänge. Der andere ist starr vor Schreck. Die Gestalt dreht die Hand herum und zieht das noch schlagende Herz des Mannes heraus.

»Denk nicht mal dran«, zischt die Gestalt dem anderen zu, der seine Hand schon unter dem Sakko hat, um eine Waffe zu ziehen. Er hält in der Bewegung inne. Der Schock in seinen Augen spiegelt sich in der goldenen Maske, die das Gesicht der Gestalt verhüllt.

»Flieg zu deinem Meister, Engel, und berichte ihm, was du gesehen hast«, sagt die Gestalt genauso ruhig wie zuvor. Sie wartet keine Antwort ab, sondern dreht sich um und huscht davon.

Der Engel will ihr hinterher eilen, doch sie ist nirgends mehr zu sehen. Wie vom Erdboden verschluckt.

Er zieht den toten Vampir zurück in den Konferenzraum und nimmt den Telefonhörer ab.

7 – Unter Dach und Fach (Niketas)

Am nächsten Morgen, nach einer Nacht, in der wir kaum ein Auge zugemacht hatten, wurde ich davon wach, dass Florian sich panisch anzog.

»Was ist los?«, grummelte ich.

»Verdammt! Hast du mal auf die Uhr geguckt?«

Ich sah verwirrt aus. »Uhr? Wieso?«

»Du hast echt die Ruhe weg! Meine Kollegen kommen gleich hier rein und machen dein Badezimmer. Es könnte ihnen komisch vorkommen, wenn ich nackt auf dir drauf sitze und dein Ding in mir steckt!«

»Ist es denen lieber, wenn wir die Rollen tauschen?«, grinste ich. Ich glaube, der Scherz kam nicht gut an. Ich nahm den Wecker in die Hand und blinzelte darauf. Es war gerade mal 7.30 Uhr. Ich konnte nicht verstehen, wie man so früh schon so voller Elan sein konnte.

Florian hatte gerade seinen Blaumann zugeknöpft und war mit einem Hechtsprung im Badezimmer verschwunden, als der Schlüssel im Schloss rasselte. Ich ließ mir nichts anmerken und blieb im Bett liegen. Die drei Handwerker begrüßten mich mit einem ungerührten »Morgen!« und gingen ins Bad. Ich lauschte amüsiert der Konversation aus skeptischen Fragen und stammelnden Antworten, warum der Firmenwagen heute Morgen nicht auf dem Hof war. Na, weil er sich schon Frühstück holen wollte. Wo das denn sei. Verputzt. Ob er verschlafen habe, er sehe so verwuschelt aus. Und die gleichen Klamotten trage er auch. Wie sehe das denn aus? Was solle denn der Kunde denken? Was für einen Eindruck machte das denn? Und wieso wartet er nicht auf die Kollegen mit Schlüssel und weckt den Kunden?

Das arme Purzel. Bekommt jetzt Ärger wegen einer Nacht, die er so schnell nicht vergessen wird. Wobei es mich wunderte, dass er überhaupt gerade stehen konnte.

Ich konnte nicht schlafen, wenn Fremde in der Wohnung waren. Ich wollte einen Kaffee und eine Dusche. Ich zog mich also an, packte Wechselklamotten zusammen, die ich in eine Sporttasche warf, und ging aus der Wohnung. Ich sah noch kurz ins Bad und fragte: »Sie kommen zurecht? Ich bin jetzt mal weg.«

»Ja, klar, keine Sorge. Schönen Tag noch«, antwortete der bierbäuchige Vorarbeiter, ohne mich anzusehen. Florian aber sah mich an. Und lächelte zuckersüß, vergewisserte sich dann schnell, dass die anderen das nicht bemerkten. Ich zwinkerte ihm zu und verschwand.

Ich war mir unsicher, ob ich die Nacht wiederholen wollte. Er war süß, aber nichts für öfter. Ich war mir jedoch sicher, dass er heute Abend auf mich warten würde. Würde ich ihm den Gefallen tun, in meine Wohnung fahren und ihn beglücken? Mal sehen.

Jetzt rief mich zunächst mal der ein oder andere Kaffee.

 

 

Die Fahrstuhltür von Adams Penthouse öffnete sich mit dem bekannten ›Ping‹. Natürlich war es für ihn wieder viel zu früh. Allerdings empfing mich nicht wie gestern ein Leichenberg. Kein Pumakäfig. Die Cleaner hatten ganze Arbeit geleistet. Es sah tatsächlich nach einer vernünftigen Wohnung aus. Es roch auch so. Die Cleaner hatten immer wieder meinen vollsten Respekt.

Ich fragte mich, was aus Adams beiden Spielzeugen geworden war, doch der Gedanke war nur flüchtig in meinem Hirn.

Ich sah in sein Schlafzimmer, aber dort lag nur Adam und schnarchte laut. Ich warf meine Sporttasche aufs Sofa und ging ins Bad, um erst einmal zu duschen und die letzte Nacht mit Florian abzuwaschen.

Ich musste lächeln. Der Kleine war schon ziemlich beeindruckend gewesen! Nachdem er seine Scheu und Nervosität angesichts seines ersten Mals mit einem Kerl abgeworfen hatte, ist er richtig abgegangen und war eine kleine, absurd versaute Stute im Bett gewesen. Wenn das seine Freundin gesehen hätte... Ich fragte mich, was gerade wohl in seinem hübschen Köpfchen vorging.

Mit einem riesigen, schwarzen Saunatuch trocknete ich mich ab und ging wieder ins Wohnzimmer.

»Ich dachte mir doch, dass ich etwas gehört hätte«, begrüßte mich Adam, der an der Kaffeemaschine werkelte und mir einen Latte macchiato entgegenhielt.

»Guten Morgen!«, entgegnete ich. »Oh, danke. Den kann ich gebrauchen! Die Handwerker sind heute wieder übertrieben früh bei mir aufgeschlagen. Ich hatte nicht mal Zeit, mir einen Kaffee zu machen.«

»Wie rücksichtslos! Und, wie sehen deine Pläne aus?«

Wir setzten uns an die Pantry, nachdem ich mir sporadisch eine Boxershorts übergestreift hatte.

»Ich glaube, ich werde den Makler nochmal aufsuchen. Es muss ja eine Möglichkeit geben, schon früher das Haus zu beziehen. Ich meine, es ist derzeit unbewohnt. Dafür ist meine Wohnung im gleichen Maße überbevölkert. Das nervt. Es müssen eh noch einige Dinge im Haus geregelt werden, bevor ich einziehen kann. Vielleicht lässt sich der gute Mann irgendwie ›überreden‹. Ich werde gleich Salomon anrufen und nachfragen, wie der Ablauf so steht.«

»Gute Idee. Es muss wirklich noch einiges getan werden, bevor wir zu IKEA fahren können.«

Wir lachten. Wir dachten beide an eine Art Partyraum. Oder besser: Partyräume. Alle paar Monate veranstaltete jemand aus unserem ›Freundeskreis‹ eine Party. Neulich nachts war eben Adam an der Reihe gewesen. Der Gastgeber wählte dann für seine Gäste eine entsprechende Anzahl an Nahrungsquellen aus, die in verschiedenen Formen konsumiert wurden. Je nach Geschmack der anwesenden Gäste. Wir beide bevorzugten Junkies. Eben wegen der im Blut gelösten Drogen. Und je nach Stimmung. Zu Anfang Ecstasy, zum Ende der Party jemand auf H.

Es gab unter den Phagoi verschiedene Geschmäcker und Vorzüge, was die Speisen anging. Aber die menschliche Speisekarte hielt genügend vor, um alle glücklich machen zu können. Manche standen eher auf Asiaten, manche auf POeople of Color, manche wollten es jung, manche alt, manche standen auf bestimmte Charakterzüge, wieder andere wollten zuvor durch verschiedene – nun ja – Praktiken angemacht werden. Eine Auswahl war immer etwas heikel und schwierig.

Phagoi selbst waren schwierig! Wenn jemand seit Jahrhunderten auf der Welt war, hatte er Ansprüche an das Leben. Und diese Ansprüche wollte er auch mit niemandem teilen. Freundschaften oder gar Liebe gibt es zwischen Upiern extrem selten. Allenfalls Partnerschaften oder Verbindungen geschäftlicher Natur. Adam und ich waren eine rare Ausnahme. Wir würden bedingungslos alles teilen und füreinander einstehen. Wir konnten uns immer aufeinander verlassen, auch wenn unser Umgang miteinander immer etwas flapsig und rüde war. Aber genau das mochten wir.

Die einzurichtenden Partyräume mussten also zweckmäßig für diese Festivitäten umgebaut werden. Es mussten bequeme Ruhemöglichkeiten vorhanden sein, genauso wie unauffällige Seilschaften zur Fixierung der Nahrung, falls sie sich mal wehrt, was zwar selten vorkommt, aber dann etwas unangenehm wird. Oft stellen sich Vampgroupies selber zur Verfügung, um gebissen zu werden. Teils, um vielleicht gewandelt zu werden, teils um den Kick zu erleben.

Das muss ich vielleicht doch genauer erklären. Wenn ein Vampir einen Menschen beißt, gelangt ein Enzym in die Blutbahn seines Opfers, das verschiedene Wirkungen hat. Vor allem aber, setzt es Dopamin und Serotonin frei, was zu einem Glücksgefühl bei dem Opfer führt, sodass der- oder diejenige keine Panik verspürt. Im Gegenteil, das Beißen wird so für das Opfer ein regelrechter Kick mit einem High-Gefühl. Manche werden sogar süchtig danach. Der Vampir wiederum bekommt die Hormone durch das Blut dann auch mit, was erneut bei jedem unterschiedliche Wirkungen hat. Ich werde dadurch immer aufgeregt und oft sogar geil. Das hängt von der Person ab. Es hat bei mir nicht selten eine gewisse sexuelle Komponente und ich will danach oder dabei vögeln. Was nicht heißt, dass ich beim Sex beißen will oder immer beim Beißen pimpern will. Aber beides zusammen kann schon sehr angenehm sein. Jedenfalls ist das der Grund, warum wir oft Groupies haben, die sich freiwillig beißen lassen, eben um high zu sein.

Die andere Sache: Einen neuen Vampir herzustellen funktioniert auf zweierlei Arten: zum einen durch natürliche Geburt. Dazu müssen beide Eltern Vampire sein. Ist es nur ein Elternteil, funktioniert es nicht. Das hat einen Vorteil: Wir brauchen keinerlei Empfängnisverhütung, wenn wir mit Menschen schlafen. Wir übertragen auch keine Krankheiten und können nicht krank werden. Praktisch.

Zum anderen können neue Phagoi durch Wandlung hergestellt werden. Der Prozess ist allerdings langwierig und für den Betreffenden äußerst schmerzhaft! Anders als im Film. Mal wieder. Er muss nämlich über einen längeren Zeitraum – der ist bei jedem unterschiedlich und hat verschiedene körperliche Faktoren – immer wieder gebissen und getrunken werden. Bis er irgendwann stirbt. Danach kommt es darauf an, ob der Mensch oft genug gebissen wurde und die Enzyme des Phagois in so großer Zahl im Organismus vorhanden sind, dass eine Kettenreaktion in Gang gesetzt wird, die schließlich zur Wandlung führt. Entweder ist der Mensch dann endgültig tot oder er fängt an, wieder aufzuwachen. Tut er das, beginnt eine Metamorphose. Dabei werden die Zellen des Körpers quasi runderneuert. Das muss ziemlich schmerzhaft sein. Ich habe schon Novizen tagelang ununterbrochen schreien hören. Sie haben gebettelt, sie zu töten. Grausam. Aber wenn sie dann durch sind, sind sie ein nagelneuer Phagoi mit allen Vor- und Nachteilen. Selbst schuld.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin gerne ein Vampir. Ich liebe mein Leben und genieße es in vollen Zügen. Ab und zu kommen die moralischen Bedenken, Menschen zu töten. Aber genauso wie sie kommen, gehen sie auch wieder. So ist eben die Natur.

Was mich wirklich anpisst, sind Gefühle! Darauf könnte ich manchmal echt verzichten. Unsere Art ist wohl noch zu nah am Menschsein. Ich bin da offenbar auch ein Weichei, wie Adam sagt. Viele unseres Volks haben im Laufe der Zeit gelernt, Gefühle zu verdrängen. Mehr oder minder. Ich kann und ich will es nicht. Ich verliebe mich einfach. Peng - verliebt. Und irgendwie habe ich mich noch nie in einen Phagoi verliebt. Ich wünschte, mir würde mal einer begegnen, der mich wirklich anmacht. Aber meistens sind die nun mal ebenso gefühlskalt und unnahbar, womit ich gar nichts anfangen kann. Ich bin, was das angeht, eben wirklich ein Softie. Also verliebe ich mich immer in Menschen. Und da liegt auch das Problem. Irgendwann kommt immer der Punkt, an dem ich bestimmte meiner Eigenschaften nicht mehr verbergen kann. ›Schatz, warum isst du denn nichts?‹, ist nur eins der harmloseren Probleme. ›Schatz, warum hast du den Nachbarn gegessen?‹ eins der größeren.

 

 

Ich breitete einen Grundrissplan der Villa vor uns aus, den ich gestern noch vom Makler bekommen hatte.

»Holst du deine Klamotten aus dem Container eigentlich ins Haus oder wirst du die noch verhökern?«

»Ich bin mir noch unschlüssig. Nicht jeder steht auf eine abgefahrene Sammlung von Antiquitäten.«

»Du bist selber eine Antiquität.«

»Eben. Darum hab ich mir überlegt, alles neu ausstatten zu lassen.«

»Bei zehn Zimmern eine kostspielige Angelegenheit.«

»Aber dann fühle ich mich wenigstens wohl.«

»Wenn du auch mal länger an einem Ort bleibst, wäre das ja wünschenswert.«

Ich war empört. »In den meisten Fällen war das nicht meine Schuld.«

»Dass du dich verliebst ist nicht deine Schuld?«

»Selten. Außerdem ist das zu viel gesagt. Ich war seit dem 15. Jahrhundert nicht mehr wirklich verliebt. Du erinnerst dich? Paris...« Ich süffelte möglichst unbeteiligt an meinem Kaffee. Adams Augen weiteten sich und er wurde aschfahl.

1460 habe ich in Paris Edmond kennengelernt. Er war wohl so was wie meine große Liebe. Ich werde ihn nie vergessen. Er wusste alles von mir. Es hat einige Zeit gedauert, bis er mit der Vampir-Nummer umgehen konnte, aber die Liebe zwischen uns war stärker als die Umstände. Ich habe alles für ihn getan und habe im Gegenzug eine bedingungslose Hingabe kennengelernt. Er wollte irgendwann, dass ich ihn wandle, aber das konnte ich ihm nicht antun. Ich wollte ihm ein solches Leben und vor allem den grausamen Schmerz ersparen. Aus meiner heutigen Warte war das eine Fehlentscheidung. Ich war bei seinem Tod 1501 dabei und habe seine Hand gehalten, als er hinüber gegangen ist. Ich zerbrach daran.

Er war 67 Jahre. Ich war noch immer 28. Noch heute bewahre ich eine Strähne seines Haares in meinem allerheiligsten Safe auf.

Ich habe viele Jahre gebraucht, um nur annähernd über seinen Tod hinweg zu kommen und andere Männer überhaupt ansehen zu können. Wäre Adam nicht gewesen, ich hätte mich umgebracht. Ich saß nach Edmonds Bestattung noch acht Monate völlig bewegungslos an dem Bett, das nach ihm roch. Mein Körper zerfiel langsam. Adam brachte mir immer wieder einige seiner Diener in das Haus in dem kleinen Dorf, in dem wir abseits von dem Trubel in Paris unser beschauliches Leben geführt hatten. Damit ich aß, doch ich konnte nicht. Ich konnte mich nicht einmal bewegen.

Nach diesen acht Monaten spürte ich, wie Zorn in mir aufstieg. Zorn und Hass auf mein Leben, auf mein Dasein, auf alles, was mich umgab. Mein Dasein, das dafür verantwortlich war, dass ich kein normales Leben mit dem Mann, den ich so sehr geliebt hatte, führen konnte. Ich packte einige Andenken an Edmond ein und brannte unser Haus nieder. Ich schlachtete das Dorf ab, fraß die Menschen.

Als Adam das Geschrei hörte, kam er angerannt und erstarrte vor Schreck bei dem Blutbad, das ich gerade anrichtete. Er erkannte mich nicht wieder. Ich erkannte mich nicht wieder. Ich war wie in Trance und metzelte nieder, was ich sah, was mir begegnete. Ich entwickelte, angefeuert durch die übermäßige Nahrungsaufnahme und durch die Trauer, ungeheure Kräfte und eine unglaubliche Schnelligkeit. Die Menschen hatten keine Chance, zu entkommen. Adam stand wie angewurzelt da. Er beobachtete entsetzt die Metamorphose zur unaufhaltsamen Bestie, die ich durchlief. Wir wussten beide nicht, dass Vampire offenbar dazu in der Lage waren. Meine Gliedmaßen schwollen an, ich merkte, wie Kraft meinen Körper durchströmte, Endorphin durchjagte meine Blutbahn und ich wollte töten. Immer weiter töten! Ich sprang einem Mann in etwa 15 Metern Entfernung entgegen. Er sah mit vor Schreck geweiteten Augen, wie ich auf ihn zuflog. Bevor er überhaupt reagieren und die Flucht ergreifen konnte, hatte ich die Distanz schon überwunden. Ich packte ihn am Kragen, riss ihn zu Boden, setzte mich auf ihn und haute meine Zähne unter seinen Kopf. Ich riss einen riesigen Fetzen Fleisch aus dem Hals. Blut schoss in einer Fontäne heraus. Ein letzter gurgelnder Laut drang aus seiner Kehle und im gleichen Moment wurden seine Augen leer. Ich bekam es gar nicht mit, sondern schmeckte nur das warme, metallische Blut, durchsetzt mit dem süßlichen Geschmack der Angst.

Die restlichen Bewohner rotteten sich in einer Ecke des Dorfes zusammen. Nahe der Kapelle. Sie suchten Schutz bei ihrem Gott. Der schien sie verlassen zu haben. Mit einer absurden Geschwindigkeit riss ich die Kehlen von mehreren Einwohnern auf und trank ihr Blut. Mein Körper war geschwollen, aufgebläht vor Kraft. Meine Muskeln traten hervor, die eigentlich feinen Linien meines Gesichtes, die sowohl Männer als auch Frauen gleichermaßen schmachten ließen, waren zu der Maske eines Monsters verzerrt. Die Zähne waren Hauer, begierig darauf, neue Beute zu reißen. Meine Kleidung war an einigen Stellen zerplatzt, durch die Kraft meiner Muskeln. Ich hörte die Schreie, die mich nur noch heißer werden ließen. Bis sich Adam mir in den Weg stellte.

»Du hast genug!«, brüllte er mich mit fester, doch leicht ängstlicher Stimme an.

Ich war perplex. Was wollte er? Ich fing doch gerade erst an!

»Aus dem Weg Adam, sonst geht es dir genauso.«

Die verbleibenden sechs Dorfbewohner kauerten sich hinter den ausgebreiteten Armen Adams zusammen und weinten. Sie wagten nicht, mich anzusehen. Adams wirre braune Locken wurden im Kampf von dem Zopf nicht mehr gehalten und hingen ihm ins Gesicht. Er war außer Atem.

»Niketas! Ich bitte dich! Du bist stärker als ich, das weiß ich. Aber hör auf! Meinst du, das bringt Edmond zurück? Meinst du, das hätte Edmond gewollt?«

Edmond. Sein Name fräste sich einen Weg in mein Gehirn. Er ließ mich einen Moment zögern. Er war tot. Warum war er tot? Ich wusste es nicht. Warum musste ich ewig leben und mein Geliebter musste sterben? Warum hab ich seinem jahrelangen Flehen nicht nachgegeben? Dann wäre er jetzt an meiner Seite. Ich sackte auf die Knie. Adam kam zu mir, nahm mich in den Arm und scheuchte mit einer Handbewegung die Dorfbewohner weg. Er raunzte ihnen zu: »Verschwindet hier, kommt nie wieder.« Sie taten, ohne zu zögern, was er ihnen sagte, und verließen ihre Heimat und ihre ermordeten Familien.

Ich hatte einen Massenmord begangen. Innerhalb von wenigen Minuten. Adam brachte mich nach Paris, wo ich langsam aber sicher zur Ruhe kam. Eine Schar von Cleanern kümmerte sich um mich und um das Dorf. Ich hatte innerhalb der paar Minuten 265 Menschen getötet. Bis heute versorge ich anonym die Familien der verbliebenen sechs Einwohner und kümmere mich um das Dorf. Eine schwache Buße für das, was ich angerichtet habe.

Ich weiß aber seither, dass das mit der Liebe so eine Sache ist. Ich verliebe mich nicht mehr. Jedenfalls nicht so innig wie in Edmond.

Natürlich hatte ich Beziehungen. Ich war oft verliebt. Ich habe viele sterben sehen. So viele sind im Laufe der Jahrhunderte gegangen. Aber nie hatte ich eine Liebe empfunden, die mit der zu Edmond vergleichbar war. Ich möchte es auch nicht mehr. Ich hätte wohl immer das Gefühl, dass ich ihn damit entehren würde.

Und doch fehlt mir dann und wann jemand an meiner Seite. Ich habe keine Lust mehr, die Ewigkeit alleine zu verbringen. Zwar habe ich Adam als meinen treuen Wegbegleiter, aber das ist nicht dasselbe.

Ich glaube, wenn ich heutzutage jemanden finden würde, der nahe an eine Edmond-Liebe heranreichen würde, ich würde ihm die Qual des Wandelns antun. Aber wäre das nicht viel zu egoistisch? Ich würde das nur meinetwegen tun, um nicht alleine zu sein. Ich würde ihm das gleiche Leben wie meines zumuten, nur um mein Leben nicht alleine verbringen zu müssen. Das wäre der Gipfel des Egoismus'. Und Liebe sollte genau damit nichts zu tun haben.

Ich verschob meine grauen Gedanken auf später und rief Salomon an.

»Hey, Sal!«, begrüßte ich meinen Anwalt. »Was macht mein neues Domizil?«

»Hallo, Niketas! Ich wollte dich auch eben anrufen. Es läuft alles. Mein Kompagnon, der Notar, sitzt bereits an den Unterlagen für das Grundbuchamt. Welche Identität wollen wir denn dieses Mal benutzen?«

Natürlich musste ich mir über die Jahre verschiedene Identitäten zulegen. Besonders in einem Deutschland des 21. Jahrhunderts wurde einem Phagoi das Leben durch Gesetze und Verordnungen extrem erschwert.

»Das überlasse ich dir. Am besten wäre doch, glaube ich, Antonio, der italienische Pizzabäcker. Der hat noch nicht so wirklich viel.«

Salomon lachte. »Klar, können wir machen. Aber ich sage es dir nochmal: Du siehst absolut nicht aus wie ein Italiener, auch wenn du es vielleicht gerne hättest. Ich weiß nicht mal, wo zum Teufel du die griechischen Gene versteckst. Ich meine, du bist blond, zum Kuckuck!«

»Dunkelblond«, korrigierte ich meinen Anwalt. »Ich bin Römer. Sozusagen. Und Römer sind Italiener. Sozusagen. Also so weit ist der Gedanke jetzt nicht entfernt. Antonio kommt aus Mailand. Da sind viele blond. Muss ich mich jetzt rechtfertigen, Herr Anwalt?« Meine Stimme schwoll zu einem gespielten Vorwurf an.

»Um Gottes Willen, nein!«, Salomon kicherte. »Ich möchte nur nicht, dass unsere Geschichten irgendwann bei den Gerichten auffallen. Du weißt, dann müssen wir wieder irgendwas da aufräumen, dann werden Personen vermisst, dann werden Fragen gestellt und der Papierkram wird lästig.«

»Ich weiß zumindest, dass du auf lästige Fragen immer passende Antworten hast, Sal. Darum mag ich dich so.«

»Ja, weil ich sonst aufgegessen werde«, hörte ich es grummeln.

Ich lachte und sprach mit einem italienischen Marlon-Brando-Akzent: »Aber nichte doch. Du biste Familia!«

Ich trug Salomon auf, dass er den Makler und damit auch den Vorbesitzer des Anwesens, einen jungen Millionär namens Yorick Kirchholz, kontaktieren sollte, um einen Termin zu vereinbaren. Ich wollte eine Geldübergabe und somit den Kauf des Hauses schon vor Eintragung ins Grundbuchamt durchführen. Sal sah die Notwendigkeit nach kurzer Erklärung ein und versprach, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um mich möglichst schnell in das Haus zu kriegen.

8 – Zwischenspiel (Das Phantom)

Die Sonne steht noch hell am Himmel, als sich die dunkle Gestalt unter das Volk in der Vampirbar mischt. Hier herrscht zu jeder Tages- und Nachtzeit eifriger Trubel. Das wird nun wohl eine heikle Aufgabe werden, denkt sie. Sie setzt sich mit dem Rücken zu einer der Vierersitzgruppen und bestellt einen A-positiv. On the rocks. Den Wirt wundert nicht, dass die Gestalt ihr Gesicht unter einer tiefen Kapuze verbirgt. Die meisten seiner Gäste haben etwas zu verbergen. Doch er bemerkt nicht die goldene Maske, die die Gestalt darunter trägt.

Die Stimmen hinter ihr gackern. Schreien kurz auf, als sie getrunken werden und gackern weiter. Diese unreinen Groupies. Die Gestalt hasst es, wenn sich Menschen anbiedern.

Als die Groupies verschwinden, kippt sie den Rest des Blutes mit einem Zug hinunter und legt einen Geldschein neben das leere Glas. Sie dreht sich behände beim Aufstehen um und sitzt mit der gleichen Bewegung auf der anderen Seite der Sitzgruppe, neben dem Mann mit den dunklen, nach hinten gegelten Haaren, der nun alleine und satt ist. Er blickt sie erschrocken an und bemerkt verwundert die Maske. Er runzelt die Stirn.

»Wer bist du?«

»Dein Alptraum.«

Der Mann sieht nur ein kurzes Aufblitzen in der Hand der Gestalt und fühlt den entsetzlichen, unaussprechlichen Schmerz, als ihre Hand beinahe mühelos seinen Brustkorb durchdringt. Genauso flink wie beim letzten Mal, reißt sie das Herz des Mannes heraus und legt es auf seinen Schoß. Sein geöffneter Mund ist nicht einmal mehr in der Lage, einen Laut entfliehen zu lassen, da rinnt schon das Leben aus seinen schreckensstarren Augen.

Die dunkle Gestalt lässt den Mann einfach so sitzen und verschwindet ungesehen.

9 – Annäherung (Niketas)

 

Es war schon Nacht, als ich nach Hause fuhr, um endlich wieder zu schlafen. Ich betrat meine Wohnung und ging in die Küche, um mir einen Drink zu holen. Ich ließ das Licht aus, Dunkelheit war so viel angenehmer als die kalten, weißen Elektrolichter dieses Jahrhunderts.

Ich hörte ein leises Geräusch aus dem Wohnzimmer. Meine inneren Alarmglocken fingen an zu läuten, ich ging in den Angriffsmodus. Ein Phagoi musste immer bereit sein, sein Leben zu verteidigen und darauf vorbereitet sein, jeden Moment ins Jenseits befördert zu werden. Sei es von Menschen, die herausbekommen hatten, was er war, sei es durch einen anderen Phagoi, der dachte, dass sein Jagdrevier gefährdet wäre.

Ich schlich also vorsichtig ins Wohnzimmer, wohl wissend, dass meine Waffen genau dort gebunkert waren. Shit. Wer ahnt denn auch so was?!