Der Aufstieg Roms - Kathryn Lomas - E-Book
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Der Aufstieg Roms E-Book

Kathryn Lomas

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Beschreibung

Souverän und facettenreich schildert Kathryn Lomas die römische Geschichte von den allerersten Anfängen bis zum Beginn der Punischen Kriege. Glänzend gelingt es ihr, diese Geschichte in ihrer Besonderheit verständlich zu machen, und sie gibt überraschende Antworten auf die historische Frage aller Fragen: Wie und warum gelang einer kleinen Stadt der erstaunliche, in keiner Weise vorgezeichnete Aufstieg zur Weltmacht? In der späten Eisenzeit war Rom eine kleine Ansammlung von Hütten auf einigen Hügeln am Tiber. Im 3. Jahrhundert v. Chr. war es bereits eine große and mächtige Stadt mit monumentalen Tempeln und öffentlichen Gebäuden. Rom hatte ganz Italien erobert, schickte sich an, ein Weltreich zu errichten. Aber wie und mit welchen Mitteln gelang den Römern diese weltgeschichtlich bedeutsame Leistung? Wie verwandelte sich eine Ansammlung von Dörfern in eine Weltstadt? Kathryn Lomas schildert die Geschichte und Entwicklung Roms von den mythischen Anfängen bis zu dem Beginn der Kriege mit Karthago, zeigt, wie die Römer ihre Herrschaft errichteten und wie sie Italien sich unterwarfen. Rom unterschied sich in wichtigen Punkten von seinen Nachbarn, zumal in den neuartigen Beziehungen zu anderen Staaten. Auf beeindruckende Weise gelingt es der Autorin, die Welt der Römer und ihrer Nachbarn in allen Facetten darzustellen (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Militär). Das ebenso differenzierte wie lebensnahe Panorama einer der aufregendsten Epochen der Weltgeschichte, die bis in unsere Gegenwart nachwirkt. »Lomas' klare Sprache und ihr brandaktuelles archäologisches Wissen sind genau die richtige Kombination, um die faszinierende Geschichte des Aufstiegs Roms zur Weltmacht zu beleuchten.« Christopher Smith, St Andrews

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Seitenzahl: 929

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dies ist der Umschlag des Buches »Der Aufstieg Roms« von Kathryn Lomas, Uwe Walter

Kathryn Lomas

Der Aufstieg Roms

Von Romulus bis Pyrrhus

Aus dem Englischen von Uwe Walter

Klett-Cotta

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Rise of Rome: From the Iron Age to the Punic Wars 1000 BC–264 BC« im Verlag Profile Books, London

© 2017 by Kathryn Lomas

Für die deutsche Ausgabe

© 2019 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

unter Verwendung eines Fotos von © akg-images / De Agostini Picture Lib. / A. De Gregorio

Gestetzt von Dörlemann Satz, Lemförde

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96433-2

E-Book: ISBN 978-3-608-19160-8

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Teil I

Das frühe Italien und die Gründung Roms

1. 

Das frühe Rom – ein erster Überblick

2. 

Die Bühne: Italien in der Eisenzeit

Italien in der späten Bronzezeit

Etrurien und die Villanova-Kultur

Latium in der Eisenzeit

Griechen und Phönizier in Italien

Griechische Siedlungen in Süditalien

3. 

Troianer, Latiner, Sabiner und Spitzbuben: Romulus, Aeneas und die ›Gründung‹ Roms

Die Archäologie des frühen Rom

Romulus, Remus, Euander und Aeneas

Geschichte und Archäologie

4. 

Der Aufstieg einer weltläufigen Aristokratie: Italien und die ›orientalisierende Revolution‹

Fürstengräber und demonstrativer Konsum

Siedlungen, Heiligtümer und Paläste

Der Aufstieg der Eliten

Schriftlichkeit: eine neue Technologie

Die Wirtschaft der orientalisierenden Zeit

Migration und Kolonisation

5. 

Rom in ›orientalisierender Zeit‹ und die frühen Könige

Macht und Status im Rom der orientalisierenden Zeit

Religion im frühen Rom

Roms urbane Entwicklung

Teil II

Krieg, Politik und Gesellschaft: Rom und Italien 660–400

6. 

Die urbane Revolution: Stadt und Staat im Italien des sechsten Jahrhunderts

Das ländliche Italien

Heiligtümer, Priester und Rituale

Politik und Gesellschaft

Die städtische Wirtschaft

Zwischenstaatliche Verbindungen

Die Etrusker jenseits der Grenzen

7. 

Tyrannen und böse Frauen: Rom, die Tarquinier-Dynastie und der Sturz der Monarchie

Servius Tullius und seine Reformen

Konflikt und Eroberung in Latium

Wirtschaft und Gesellschaft im archaischen Rom

›Das Mächtige Rom der Tarquinier‹

Etruskisch oder römisch?

Der Sturz der Tarquinier

8. 

Die ›Krise des fünften Jahrhunderts‹ und das neue Gesicht Italiens

Soziale Unruhe und politischer Konflikt

›Krise? Welche Krise?‹

Migration oder kultureller Wandel?

Die Samniten

Plündernde Horden oder friedliche Siedler?

9. 

Ein schwieriger Übergang: die frühe römische Republik

Patrizier und Plebeier, Patrone und Klienten

Römische Religion: Priester und Macht

Ein Zeitalter der Austerität

Der Ständekampf

Reformen im Rechtswesen

Die Stadt Rom macht sich

10. 

Rom auf dem Vormarsch: Krieg nicht nur in Latium 500–350

Teil III

Rom erobert Italien

11. 

Der Weg zur Macht: Italien und Rom 390–342

Wirtschaftlicher Wiederaufstieg

Noch einmal Ständekampf: politische Reformen und sozialer Wandel

Die Entwicklung der republikanischen Verfassung und das Aufkommen einer neuen Elite

Neuaufbau und Kontinuität: die Stadt Rom nach dem Galliersturm

12. 

›Sollen Samniten oder Römer Italien beherrschen?‹: Die Samnitenkriege und die Eroberung Italiens

Das außerrömische Italien im vierten Jahrhundert: sozialer Wandel und Stadtentwicklung

Römer, Latiner und Samniten, 343–338

Der Zweite Samnitenkrieg

Etrurien, Umbrien und der Dritte Samnitenkrieg

Der Pyrrhoskrieg: Rom greift auf die Griechen über

Rom hat die Kontrolle: Italien im Jahr 270

13. 

Mit der Wölfin heulen? Allianzen, Bürgerrecht, Kolonisation

Italien beherrschen: Bürger, Latiner, Kolonisten und Verbündete

Das römische Bürgerrecht und die Italiker

Latiner und latinischer Status

Alliierte und Allianzen

Die Eigenart der römischen Herrschaft über Italien

Römische Kolonisation

Teil IV

Vom Stadtstaat zum Herrscher über Italien

14. 

Die Folgen der Expansion: Rom 340–264

Priesterkollegien und die Entwicklung der Staatsreligion

Die römische Armee

Sozialer Wandel: der Aufstieg der Nobilität

Wirtschaftlicher und sozialer Wandel

Die Entwicklung der Stadt: Rom im dritten Jahrhundert

Die Kultur des dritten Jahrhunderts

15. 

Epilog: Rom, Italien und der Startschuss zur Welteroberung im Jahr 264

Nachwort von Uwe Walter

Von Livius bis Beloch –das Interesse am frühen Rom

Neue Disziplinen kommen hinzu

Eine Epoche des Experimentierens

Nicht ›römische‹, sondern italische Geschichte

Weichenstellungen für Roms Aufstieg

Appendix

Karten

Römische Jahresdaten und Chronologie

Zeittafel

Zur Quellenlage

1. Archäologie

2. Zeithorizonte der literarischen Zeugnisse

3. Die Eigenart früher offizieller Aufzeichnungen

4. Die frühesten Geschichtsschreiber Roms

5. Erhaltene Geschichtswerke und ihre Quellen

6. Antiquare und andere

7. Vom Umgang mit den antiken Zeugnissen

Anmerkungen

1. Das frühe Rom – ein erster Überblick

2. Die Bühne: Italien in der Eisenzeit

3. Troianer, Latiner, Sabiner und Spitzbuben: Romulus, Aeneas und die ›Gründung‹ Roms

4. Der Aufstieg einer weltläufigen Aristokratie: Italien und die ›orientalisierende Revolution‹

5. Rom in ›orientalisierender Zeit‹ und die frühen Könige

6. Die urbane Revolution: Stadt und Staat im Italien des sechsten Jahrhunderts

7. Tyrannen und böse Frauen: Rom, die Tarquinier-Dynastie und der Sturz der Monarchie

8. Die ›Krise des fünften Jahrhunderts‹ und das neue Gesicht Italiens

9. Ein schwieriger Übergang: die frühe römische Republik

10. Rom auf dem Vormarsch: Krieg nicht nur in Latium 500–350

11. Der Weg zur Macht: Italien und Rom 390–342

12. ›Sollen Samniten oder Römer Italien beherrschen?‹: Die Samnitenkriege und die Eroberung Italiens

13. Mit der Wölfin heulen? Allianzen, Bürgerrecht, Kolonisation

14. Die Folgen der Expansion: Rom 340–264

Zur quellenanlage

Hinweise zu Quellen und Literatur

1. Das frühe Rom – ein erster Überblick

2. Die Bühne: Italien in der Eisenzeit

3. Troianer, Latiner, Sabiner und Spitzbuben: Romulus, Aeneas und ›Gründung‹ Roms

4. Der Aufstieg einer weltläufigen Aristokratie: Italien und die ›orientalisierende Revolution‹

5. Rom in ›orientalisierender Zeit‹ und die frühen Könige

6: Die urbane Revolution: Stadt und Staat im Italien des sechsten Jahrhunderts

7. Tyrannen und böse Frauen: Rom, die Tarquinierdynastie und der Sturz der Monarchie

8. Die ›Krise des fünften Jahrhunderts‹ und das neue Gesicht Italiens

9. Ein schwieriger Übergang: die frühe römische Republik

10. Rom auf dem Vormarsch: Krieg nicht nur in Latium 500–350

11. Der Weg zur Macht: Italien und Rom 390–342

12. ›Sollen Samniten oder Römer Italien beherrschen?‹: die Samnitenkriege und die Eroberung Italiens

13. Mit der Wölfin heulen? Allianzen, Bürgerrecht, Kolonisation

14. Die Folgen der Expansion: Rom 340 – 264

15. Epilog: Rom, Italien und der Startschuss zur Welteroberung im Jahr 264

Hinweise zu Fundplätzen, Museen und Online-Ressourcen

Bibliographie

Verzeichnis der Abbildungen, Tabellen und Tafeln

Abbildungen

Tabellen

Tafeln

Abkürzungen antiker Autoren und Werke

Register

Bildteil

Vorwort

Das gängige Bild von Rom ist das einer imperialen(1) Macht: eine ausgedehnte Stadt glänzender Marmorbauten(1) als Haupt und Mittelpunkt eines Weltreiches. Bis dahin war es freilich ein langer Marsch. Rom begann als ein Dorf(1), doch am Ende der im vorliegenden Buch behandelten Epoche war die Siedlung am Ufer des Tiber(1) zum wichtigsten Staat in Italien geworden; dieser beherrschte die gesamte Halbinsel und war auf dem Sprung zur Weltmacht.

Warum wurde Rom so beherrschend? Diese Frage fasziniert nach wie vor – und sie gibt Rätsel auf. In den frühesten Entwicklungsstadien reden wir von einer durchaus beachtlichen Siedlung, die sich aber nicht mit ihren mächtigeren Nachbarn messen konnte. Rom war vom neunten bis zum sechsten Jahrhundert nur eine unter mehreren aufstrebenden Mächten in Mittelitalien, und in vielen Hinsichten wurde es sowohl von den etruskischen(1) Städten(1) nördlich des Tiber(2), die kulturell(1) und politisch zu einem früheren Zeitpunkt weiter als Rom waren, als auch von den kampanischen(1) und griechischen(1) Gemeinwesen in Süditalien in den Schatten gestellt. Im siebten Jahrhundert hätte ein weiser Blick in die Zukunft wohl nicht Rom als einen künftigen Kandidaten für die Herrschaft über Italien ausgemacht – und noch viel weniger das im zweiten Jahrhundert angesammelte Weltreich vorhergesehen.

Der Grundgedanke dieses Buches ist es, die Geschichte(1) Roms in den größeren Zusammenhang anderer Kulturen(2) in Italien und deren jeweiliger Entwicklung zu stellen. Dabei wird es auch um die außergewöhnlichen Merkmale Roms gehen, welche am Ende seinen Aufstieg ermöglichten.

Die vielleicht nächstliegende Frage, die einem mit Blick auf die älteste Geschichte(2) Roms und seiner Nachbarn in den Sinn kommt, lautet indes ganz einfach: Wie können wir wissen? Unsere Kenntnisse über diese Phase bestehen aus einem Dickicht von archäologischen Daten, vermehrt um ein ähnlich verwickeltes Konglomerat von Mythen(1) und Erzählungen, wie sie antike Schriftsteller überliefert(1) haben; dazu kommen noch Informationen aus Inschriften(1) und Münzen(1). Diese durchzusieben und daraus ein zusammenhängendes Bild vom frühen Rom zu schaffen ist ein kompliziertes Geschäft, und auf viele Fragen gibt es keine endgültigen Antworten, sondern nur eine Anzahl von spannenden Möglichkeiten. Wenn einige Gesichtspunkte des frühen Rom frustrierend vage bleiben, so liegt das überwiegend an dieser Quellenlage, die in sich widersprüchlich ist und uns dazu nötigt, zwischen den Zeilen zu lesen. Spezifische Probleme der Interpretation sind im Text erörtert, doch Leser, die mit dieser Epoche der Geschichte(3) weniger vertraut sind, mögen den Überblick zu den Quellen im Anhang nützlich finden; dort sind das historische Material und seine Probleme umrissen.

Ein neuer Überblick zur Geschichte(4) des frühen Rom kommt aus mehreren Gründen zur rechten Zeit. Es gibt eine ganze Anzahl von hervorragenden wissenschaftlichen Studien und Zusammenfassungen; zu nennen sind hier Tim Cornell, The Beginnings of Rome (1995), Gary Forsythe, A Critical History of Early Rome (2005), und Francesca Fulminantes archäologische Arbeit The Urbanisation of Rome and Latium(1) Vetus (2014). Aber keines dieser Bücher richtet sich an einen breiteren Leserkreis. Überdies liegen – mit Ausnahme von Fulminantes Buch – die Ergebnisse der jüngsten archäologischen Forschung(1), zumal die höchst kontroversen Arbeiten von Andrea Carandini, nur in Italienisch vor. Viele ältere Werke schließlich konzentrieren sich überwiegend auf Rom selbst. Ziel des vorliegenden Buches ist es im Gegensatz dazu, den Aufstieg Roms in den größeren italischen Zusammenhang einzubetten und dabei sowohl Ähnlichkeiten wie Unterschiede zwischen Rom und dem übrigen Italien herauszuarbeiten, und zwar so, dass diese faszinierende Geschichte(5) auch Nichtspezialisten zugänglich wird. Alle Angaben von Jahrhunderten der Antike sind ›vor Christus‹ zu verstehen, wenn nicht anders vermerkt.

Teil I

Das frühe Italien und die Gründung Roms

1.

Das frühe Rom – ein erster Überblick

Im neunten Jahrhundert war Rom lediglich eine von mehreren Siedlungen(1), die in Latium(2) emporwuchsen.[1] Es mag größer gewesen sein als viele seiner Nachbarn, doch einen besonderen Anspruch auf Prominenz konnte es nicht erheben, weder in der Region noch gar darüber hinaus. Die mächtigsten und dynamischsten Gemeinschaften im Mittelitalien dieser Zeit fanden sich in Etrurien(2), nördlich des Tiber(3). Doch im dritten Jahrhundert hatte sich Rom bereits zu einem machtvollen Stadtstaat(1) entwickelt, die Kontrolle über ganz Italien übernommen und war bereit, ein den gesamten Mittelmeerraum(1) umspannendes Imperium zu erobern. In diesem Buch gehe ich der Frage nach, wie sich Rom entwickelte, von seinen Ursprüngen bis in die Mitte des dritten Jahrhunderts, wie seine Herrschaft über Italien beschaffen war und warum es zu einem solchen Grad der Machtentfaltung befähigt war. Die früheste Geschichte(6) Italiens und Roms ist zeitlich weit entfernt, doch sie spricht in erstaunlichem Ausmaß Phänomene an, die auch unsere Moderne angehen. Die damaligen Gesellschaften waren mit den Belastungen und Spannungen in multi-ethnischen(1) Gemeinwesen konfrontiert; sie hatten mit großen sozialen, politischen und rechtlichen Ungleichheiten zu kämpfen, und neben breiten Bürgerschaften stand eine internationale Elite(1). Im dritten Jahrhundert hatte Rom ferner mit den ethischen und praktischen Fragen zu tun, die sich aus der schnellen imperialen(2) Expansion(1) ergaben.

Roms Entwicklung fand nicht im luftleeren Raum statt; sie kann nur in einem größeren italischen Zusammenhang verstanden werden. Dieses Buch verfolgt daher auch das Ziel, die weiter gespannte Geschichte(7) Italiens, seiner Völker und Kulturen(3) vorzustellen sowie deren Beziehungen zu Rom zu untersuchen. Die Überlieferung(2) ist selbstverständlich für Rom sehr viel komplexer als für andere italische Gemeinwesen, da wir sowohl ausführliche antike Berichte zur frühen Geschichte(8) der Stadt als auch reiches archäologisches Material haben; freilich stellen beide die Deutung vor Probleme. Die Kapitel dieses Buch wechseln daher die Perspektive: Kapitel über Italien entwickeln die größeren, übergreifenden Themen, jeweils gefolgt von Kapiteln über Rom im Besonderen. Den Schluss bilden die Beziehungen zwischen Rom und seinen Nachbarn.

Die Quellen für diese frühe Zeit sind hochproblematisch. Es gibt reiches archäologisches Material aus den meisten Regionen Italiens, doch die Grabungsbefunde aus Rom selbst sind fragmentarisch und schwierig zu deuten, da die Stadt seit der Antike kontinuierlich besiedelt ist. Die literarischen Quellen werfen ähnlich diffizile Probleme auf. Es gibt einige zeitgenössische Hinweise auf die italische und römische Geschichte(9) in griechischen(2) Quellen des fünften und vierten Jahrhunderts; die frühesten römischen Historiographen hingegen, deren Werke zudem nur fragmentarisch greifbar sind, schrieben im späten dritten und zweiten Jahrhundert.[2] Einige Autoren der (1)mittleren und (1)späten Republik(1), deren Werke überliefert(3) sind – unter ihnen Polybios(1) (zweites Jahrhundert) sowie Cicero(1) und Varro(1) (beide erstes Jahrhundert) –, haben in ihren Werken Nachrichten über das frühe Rom eingefügt, doch die frühesten Erzählungen für diesen Zeitraum bieten Livius(1) und Dionysios(1) von Halikarnassos, die beide im späten ersten Jahrhundert schrieben. Da zeitgenössische Textzeugnisse fehlten, hatten die Verfasser dieser überlieferten Werke bestenfalls begrenzte Kenntnisse der Zeit vom zwölften bis zum vierten Jahrhundert und schlimmstenfalls überhaupt keine authentischen Informationen. Die Römer pflegten zwar offizielle Aufzeichnungen und Archive(1), doch wann diese Praxis begann, ist unklar. Private oder öffentliche Dokumentationen waren in der Zeit vor der Gründung der Republik(2) höchstwahrscheinlich sehr begrenzt, oder sie existierten überhaupt nicht; überdies waren sie anfällig für Beschädigung. Eine Einführung in die antiken Berichte zum frühen Rom und eine Diskussion einiger der von ihnen aufgeworfenen Probleme findet sich im Anhang ›Zur Quellenlage‹.

Das antike Italien war ein sehr vielgestaltiger Raum, mit einer großen Bandbreite an klimatischen Bedingungen, natürlichen Ressourcen und Landschaftsformen, von den Hochgebirgsregionen des fernen Nordens über die Ebenen von Latium(3) und Kampanien(2) bis hin zu den trockenen Bergen Kalabriens(1). Fruchtbare Ebenen entlang der Küste und in einigen Flusstälern, namentlich des Po(1), wechseln sich mit eher gebirgigen Gegenden ab. Die Apenninen(1) bilden das Rückgrat Italiens: ein Kamm hochgelegenen und ungastlichen Geländes, der sich über die Länge der Halbinsel erstreckt und Italien in zwei getrennte Hälften scheidet. Die natürlichen Kommunikationsbarrieren zwischen den Küsten der Adria(1) und des Tyrrhenischen Meeres sorgten dafür, dass diese Regionen sich kulturell(4) und wirtschaftlich sehr unterschiedlich entwickelten.

Italien lag ansonsten günstig. Hier schnitten sich seit alters viel frequentierte Handelsrouten(1): zur See von Griechenland(3) und dem östlichen Mittelmeerraum(2) nach Spanien(1), Frankreich und Nordafrika(1), zu Land über die Alpen(1) ins nördlichere Europa. An der langen Küstenlinie gab es viele natürliche Häfen, und die Halbinsel bot einen nahegelegenen und praktischen Übergang für Menschen und Güter aus Westgriechenland und von der dalmatinischen Küste, ebenso für Leute, die sich um die Inseln im westlichen Mittelmeer herum bewegten. Italien und seine Bewohner waren durch ein weit gespanntes Netzwerk von Kontakten verbunden, das sich vom Nahen Osten und Ägypten(1) bis nach Mitteleuropa erstreckte. Dieser Umstand spiegelte sich nicht allein in Einfuhren aus Griechenland und dem Osten, sondern auch in beider Einfluss auf viele italische Kulturen(5), wie er sich aus diesen Kontakten ergab. Ein lebendiges Beispiel dafür ist Rom, das bereitwillig kulturelle Stile und Gebräuche aus ganz Italien und dem Mittelmeerraum entlehnte und adaptierte, ohne jedoch die eigene römische Kernidentität je aus dem Blick zu verlieren.

Die Küstenebenen waren dicht besiedelt. Schon früh bildete sich hier der Stadtstaat(2) als die hauptsächliche soziale und politische Organisationsform aus, wie man an der hohen Dichte städtischer Siedlungen(2) ablesen kann (Karte 1). Vom neunten bis zum siebten Jahrhundert etablierten sich zunächst proto-urbane(1) Siedlungen(1). Während jedoch in Griechenland(4) die natürlichen Grenzen des Gebietes einer jeden Stadt ziemlich klar gezogen waren, bildeten in Italien die Apenninen(2) die einzige größere Landschaftsbarriere. Einige niedriger gelegene Regionen sind zwar durch Ketten etwas bergigeren Landes gegliedert, doch es gibt ausgedehnte Gebiete ohne klare natürliche Grenzen – eine gute Voraussetzung für Gebietskonflikte und zwischenstaatlichen Hickhack. Die meisten Flachlandregionen waren reich an fruchtbarem Land und mineralischen Ressourcen; daher überrascht es nicht, dass der Krieg(1) in diesen Gebieten mehr oder minder zuhause war und die wachsenden Städte(2) miteinander um immer größere Anteile an Land und Reichtum konkurrierten.

Urbanisierung(2) bildet das Schlüsselkonzept zum Verständnis der Entwicklung Italiens, doch ist sie nicht leicht zu definieren, und so gibt es ein weites Spektrum an wissenschaftlichen Bemühungen darum. Bereits in der antiken Welt gab es nennenswerte Unterschiede: Im klassischen Griechenland(5) war die Eigenart einer Stadt durch ihre Bewohner sowie ihre physische Gestalt bestimmt, doch spätere griechische Autoren klassifizierten Städte(3) danach, ob sie bestimmte bauliche Eigenschaften aufwiesen, während die Römer sie nach rechtlichen Kategorien ansprachen: als Gemeinwesen mit einer von Rom gewährten Verfassung.[3] Moderne wissenschaftliche Ansätze liegen ähnlich weit auseinander, wobei der jüngste und umfassendste dem »Copenhagen Polis«(1)-Projekt zugrunde liegt: Dort werden antike Städte definiert als Siedlungen(3) mit mindestens 1000 Einwohnern und einem Gebiet von nicht weniger als 30 km2, die einen gemeinsamen Namen sowie gemeinsame rechtliche, soziale und politische Strukturen aufweisen. Die antike Stadt, darin sind sich alle Ansätze einig, war ein Stadtstaat(3), bestehend aus einer zentralen Siedlung und dem umgebenden Gebiet, welches von jener kontrolliert wurde und sie wirtschaftlich stützte. Damit sie als Stadt gelten konnte, musste eine Siedlung groß genug sein, um eine gewisse ökonomische Diversität und Spezialisierung entwickeln zu können, die ausreichte, um über das Subsistenzniveau hinauszukommen. Erforderlich waren ferner eine politische Organisation und soziale Differenzierung sowie ein Begriff des Bürgerseins, das über der Zugehörigkeit(1) zu einer Familie(1) oder Verwandtschaftsgruppe stand und weiter reichte als diese. Merkmale wie ein formalisiertes Stadtbild oder monumentale Bauten(2) bildeten keine essentiellen Merkmale von Städten, doch sie gingen oft mit der Stadtentwicklung einher. Für Historiker sind sie nützliche Diagnoseinstrumente, zeigen sie doch, dass es sowohl einen hinreichenden ökonomischen Überschuss wie eine politische Autorität und einen kollektiven Willen gab, der sich auf solche großen Projekte richtete. In vielen Regionen Italiens gingen der Urbanisierung Siedlungen voraus, die eindeutig größer und potenter waren als Dörfer(2), denen aber noch die Zentralisierung fehlte und deren Niveau an Komplexität noch nicht ausreichte, um sie als Stadt ansprechen zu können. Solche Siedlungen bestanden oft aus miteinander verbundenen Häuserclustern(1) mit einem gemeinsam genutzten Platz (oft für religiöse Zwecke); sie werden proto-urban(2) genannt und gelten als Vorläufer einer Entwicklung zur Stadt.

Aufgrund seiner zerklüfteten Landschaft entwickelte sich das apenninische Italien nach völlig anderen Mustern als das Italien der Ebenen. Hochtäler boten nicht genügend Ressourcen, um große Bevölkerungsballungen zu ermöglichen. Die Völker der Gebirgsregionen lebten in kleineren Gemeinwesen als die Flachlandbewohner; Lebensgrundlage war eine Mischung aus kleinräumigem Landbau und Weidewirtschaft(1). Die räumliche Isolierung trug zur Entwicklung einer besonderen sozialen und kulturellen(6) Identität bei, die unter Druck bemerkenswert stabil blieb. Obwohl das apenninische Italien durchaus dicht mit Kleinsiedlungen(4) bevölkert war, fand eine Urbanisierung(3) erst nach der römischen Eroberung statt. Seine angestammte politische und soziale Organisation gründete auf lose verbundenen föderalen Zusammenschlüssen kleiner Gemeinwesen, die bestens an die Landesnatur angepasst waren. Die Region entwickelte sich in einem anderen Tempo als das italische Tiefland, doch erwuchsen diese Unterschiede aus einer Anpassung an die lokalen Gegebenheiten, nicht aus Rückständigkeit oder Barbarei. Ihr durchaus effektiver Widerstand gegen die Expansion(2) Roms bezeugt dies hinreichend. Die Gemeinwesen im Apennin bildeten eine Form von Staatlichkeit aus, die in vielerlei Hinsicht der des Stadtstaates(4) ähnelte – nur eben ohne die großen Siedlungszentren.

Nicht weniger bemerkenswert als die geographische ist die ethnische(2) und kulturelle(7) Diversität Italiens. Die Halbinsel war bevölkert von vielen verschiedenen Gruppierungen, jede mit ihrer eigenen Sprache, religiösen Kultpraxis(1) und materiellen Kultur, meist einheimischen Ursprungs, mit Ausnahme der Griechen(6) in Süditalien und Kampanien(3) (Karten 5 und 6). Die beiden wichtigsten Gruppierungen in Mittelitalien, die von antiken Autoren identifiziert werden, kennen wir als Latiner(1)(Latini)(2) und Etrusker(3) (Etrusci im Lateinischen, Tyrrhenoi bei den Griechen und vielleicht Rasenna in ihrer eigenen Sprache). Die mit diesen Gruppierungen verbundenen Kulturen finden sich seit früher Zeit im zentralen Latium(4) beziehungsweise im Gebiet zwischen Tiber(4) und Arno. Es gibt zähe Debatten über die Ursprünge der Etrusker wegen ihrer besonderen Sprache, die nur wenig Ähnlichkeiten mit irgendeiner anderen italischen Sprache aufweist und wahrscheinlich nicht-indogermanisch ist. Nach Auskunft Herodots(1) waren sie Einwanderer aus Kleinasien(1); dem wird aber von anderen antiken Quellen widersprochen (Hdt. 1,93–96; Dion. Hal. ant. 1,30; Strab. geogr. 5,2,2–4).[4] Heute gelten sie allgemein als einheimisches Volk, obwohl Studien anhand von antikem DNA-Material einige irritierende Befunde zutage förderten: Diese zeigen Ähnlichkeiten zwischen der Bevölkerung des antiken Etrurien und der Zentralanatoliens, ebenso Unterschiede zwischen etruskischem Erbgut und dem von Bewohnern der mittelalterlichen und der modernen Toskana. Es wäre freilich vorschnell, das als Beweis für Herodots Kleinasien-Hypothese zu nehmen, und DNA-Studien an Etruskern bleiben kontrovers (um es zurückhaltend auszudrücken). Andere Studien zeigen nämlich, dass eine Diskontinuität im Erbgut zwischen verschiedenen Epochen in Europa verbreitet und den Bevölkerungsbewegungen über lange Zeiträume geschuldet ist, nicht einer kurzfristigen Immigration der Art, wie sie Herodot vorstellt.

In Süd- und Hochland-Italien waren die ethnischen(3) und kulturellen(8) Identitäten komplizierter. Die Quellenaussagen über die Lokalisierung der griechischen(7) Siedlungen(5) in Süditalien sowie über die Kultur und Ethnizität der Bewohner Kalabriens(2) sind weitgehend konsistent. Darüber hinaus jedoch ist es unmöglich, eine genaue ethnische Karte Italiens vor dem vierten Jahrhundert zu zeichnen. Die antiken Texte, meistens lange nach dem Erlöschen dieser Kulturen verfasst, sind sich nicht einig, wer dort lebte, ja, welche Teile der Halbinsel überhaupt als Italien bestimmt werden können.[5] Eine Periode von massenhafter Migration(1) im fünften Jahrhundert, in deren Verlauf einige Gruppierungen aus dem historischen und archäologischen Befund verschwinden und neue auftauchen, macht das Bild noch unübersichtlicher. Zwar ergibt sich aus dem archäologischen Befund und aus Inschriften(2) sehr klar, dass in Italien viele verschiedene Sprachen(1) und Kulturen koexistierten, doch es ist viel schwieriger, das Konzept ›Ethnizität‹ genauer zu fassen. Antike Autoren beschreiben Italien üblicherweise als Region von Stammesgesellschaften, an die sie entsprechende Bezeichnungen anheften; völlig unklar ist jedoch, ob die Italiker selbst sich jeweils genau definierten ethnischen Gruppen zuschrieben. Der archäologische Befund weist viel eher auf den Stadtstaat(5) als die primäre Form sozialer und politischer Organisation in der Region. Viele Menschen dürften sich mit ihrer Familie(2), ihrem Dorf(3) oder ihrem Staat identifiziert haben, weit mehr als mit einer übergreifenden Ethnizität, und kollektive Identitäten scheinen auch ziemlich fließend gewesen zu sein. Neue Gruppierungen erwuchsen aus den Wanderungen des fünften Jahrhunderts, während andere in neue Siedlungsgebiete expandierten. Die Volsker, Herniker(1) und Äquer(1), allesamt lästige Nachbarn der Römer, betraten zu dieser Zeit die Bühne, verschwanden aber ebenso rasch wieder nach den römischen Eroberungen im 4. Jahrhundert. Kelten(1) von jenseits der Alpen(2) ließen sich in Norditalien nieder, Etrusker(4) zogen ins Tal des Po(2), und Völker aus den zentralen Apenninen(3) wanderten massenhaft nach Kampanien(4) und Süditalien.[6] Gegen Ende des fünften Jahrhunderts hatte sich die kulturelle Landkarte Italiens merklich verändert, und im Laufe des vierten Jahrhunderts bildeten sich deutlichere ethnische Identitäten heraus, doch auch zu diesem Zeitpunkt dürften sich die meisten Leute in erster Linie einem bestimmten Staat oder einer Gemeinschaft zugehörig(2) gefühlt haben, weniger einer ethnischen Gruppierung – also eher als Bürger von Tarquinii oder Volaterra denn als Etrusker.

Während seines Aufstiegs zur Macht hatte Rom lediglich den administrativen Apparat eines Stadtstaates(6) zur Verfügung. Dieser wurde in der Zeit vom vierten bis zum zweiten Jahrhundert zwar differenzierter, doch seine Kapazität blieb begrenzt. Rom hielt seine Macht durch ein Netzwerk von Beziehungen auf Armeslänge aufrecht, durchmischt mit Regionen stärkerer Kontrolle, weniger durch direkte Herrschaft. Viele italische Gemeinwesen behielten ein gewisses Maß an Autonomie, wobei Rom auf deren Ressourcen zugreifen konnte, vor allem auf ihr Reservoir an Kriegern. Rom hatte im Jahr 270 zweifellos die Führung Italiens inne und verteidigte diese Position mit aller Macht gegen jeden Herausforderer, doch das römische Italien bildete kein direkt beherrschtes Reich. Regionale und ethnische(4) Identitäten blieben wichtig, waren aber auch fließend. Die Kulturen(9) der Griechen(8), Etrusker(5) und Römer hinterließen allesamt ihre Spuren bei den anderen Völkern Italiens, genauso wie die römische Kultur selbst von der griechischen und der etruskischen beeinflusst wurde. Die kulturelle Homogenisierung(1) der Halbinsel fand nicht vor dem späten zweiten und dem ersten Jahrhundert statt; bis dahin behielt das übrige Italien seine eigenen lokalen Sprachen(2) und Kulturen bei, und die kulturelle Konvergenz, die bisweilen als ›Romanisierung‹ bezeichnet wird, war nicht sehr ausgeprägt. Stellt man in Rechnung, dass unsere Quellen meistens sehr spät sind und zudem aus römischer Perspektive berichten, so kann man leicht vergessen, dass Rom eine ganz Italien umspannende Dominanz nicht vor dem frühen dritten Jahrhundert ausübte. Auch war diese Dominanz keineswegs eine von vornherein ausgemachte Sache. Noch während der Punischen Kriege(2) gab es ein lebendiges Bewusstsein dafür, dass die Handlungen der Italiker keineswegs allein von Rom bestimmt wurden – erst nach dem Sieg über Hannibal(1) konnten die Römer ihre Autorität und damit auch die volle Herrschaft über Italien wieder (und diesmal endgültig) befestigen. Während der in diesem Buch geschilderten Epoche entwickelte Rom sich von einem Akteur unter vielen italischen Gemeinwesen zu einer dominanten Stellung, doch ohne den weiteren italischen Hintergrund ist dieser Prozess nicht zu verstehen.

2.

Die Bühne: Italien in der Eisenzeit(1)

Das prähistorische Italien unterschied sich sehr vom Zustand in späterer Zeit. Um 1200 war es ein Gebiet mit kleinen Siedlungen(6), in denen auf schmalem Grundriss(1) Subsistenzlandwirtschaft(2) betrieben wurde. Zwischen der ausgehenden Bronzezeit(1) und der Eisenzeit(2) (ca. 1000–800) bildeten sich größere und differenziertere Siedlungen heraus, die oft als proto-urban(3) bezeichnet werden; dieser Prozess ging einher mit einer größeren ökonomischen und sozialen Differenzierung und der Ausbildung profilierter regionaler Kulturen(10). In diese Periode fallen auch die frühesten greifbaren Siedlungen auf dem Boden des späteren Rom.

Unsere Erkenntnisse sind insofern begrenzt, als wir keinerlei schriftliche(1) Überlieferung(4) für diese Zeit haben und daher ausschließlich auf archäologische Zeugnisse angewiesen sind. Es gibt kein italisches Gegenstück zu Homer(1) oder Hesiod(1), deren Dichtungen lebendige Bilder aus dem eisenzeitlichen Griechenland(9) bieten, und die frühesten Inschriften(3) stammen erst aus der Mitte des (1)achten Jahrhunderts; zudem sind sie gering an Zahl und in den meisten Fällen sehr kurz.[1] Die archäologischen Befunde aus der späten Bronzezeit(2) und der frühen Eisenzeit(3) werfen freilich – mit bestimmten Einschränkungen – einiges Licht auf Kultur(11) und Gesellschaft in Italien. Eine gewisse Einseitigkeit erwächst aus dem Umstand, dass ein großer Teil des Materials aus Gräbern stammt. Weil Bestattungen(1) rituelle Akte sind, sagen Funde aus Gräbern viel über soziale Beziehungen und soziale Organisation aus, ferner über die wirtschaftliche Entwicklung und die kulturellen Prioritäten einer Gemeinschaft, jedoch vergleichsweise wenig über das tägliche Leben. Die Publikation einiger Ausgrabungen von Bestattungsorten(2) – zumal dem von Osteria dell’Osa(1), in der Nähe von Rom, sowie von Quattro Fontanili, einem der frühesten Friedhöfe(1) von Veii(1) – hat das Verständnis der eisenzeitlichen Gesellschaftsverhältnisse und deren Zusammenhang mit den späteren Entwicklungen in Latium(5) und Etrurien(6) befördert. Siedlungen(7) sind weniger gut dokumentiert, doch jüngste Erkundungen im Feld haben neues Licht auf Siedlungsplätze und Lebensverhältnisse geworfen, ebenso auf die Art der Bestattungen(3) und Kommemoration.

Freilich gibt es Grenzen der Erkenntnis. Wir wissen zum Beispiel nicht, wie die Bewohner Italiens in der Bronzezeit(3) ihre Identität definierten oder ob sie sich unterschiedlichen ethnischen(5) Gruppen zugehörig(3) fühlten. Während der frühen Eisenzeit(4) kam es zu lokalen Ausdifferenzierungen in der Gestalt und im Stil handwerklich(1) hergestellter Güter sowie in kulturellen(12) Praktiken etwa beim Begräbnis, was auf das Aufkommen regionaler Kulturen hindeutet. Artefakte, die zur Villanova-Kultur(1) in Etrurien(7) gehören, unterscheiden sich stilistisch von solchen der Latial-Kultur(1) in der Gegend um das spätere Rom, und diese regionalen Unterschiede lassen sich auch auf anderen Feldern ablesen, doch wir wissen nicht, wie sich diese Gruppen selbst nannten oder ob sie eine gemeinsame ethnische Identität teilten. In diesem Buch beziehen sich Bezeichnungen wie ›Villanova-Kultur(2)‹ und ›Latial-Kultur(2)‹ auf die materielle Hinterlassenschaft, nicht auf ein Volk. Anders als bei den späteren Völkern, die sich als Latiner(3), Etrusker, Umbrer oder Kampaner(5) zu erkennen gaben, wissen wir nicht, ob die Träger der genannten älteren Kulturen irgendeine gemeinsame Identität pflegten oder ob sie bloß zufällig und aus ganz unterschiedlichen Gründen die gleichen Formen von Keramikgefäßen(1), Metallgegenständen und anderen Gütern der materiellen Kultur übernommen hatten. Die ethnische Entwicklung Italiens wird in diesem Buch an anderer Stelle erörtert; jedenfalls traten zu dieser ganz frühen Zeit ethnische Identitäten noch nicht in archäologisch greifbarer Form in Erscheinung.

Italien in der späten Bronzezeit(4)

Während der ausgehenden Bronzezeit(5), also im zwölften bis zehnten Jahrhundert, vollzog sich in ganz Italien ein Wandel des Wirtschaftens und der sozialen Organisation. Siedlungen(8) dehnten sich aus, freilich von Region zu Region mit markanten Variationen in Typus und Größe, und produzierte Güter nahmen in Menge und Verschiedenheit zu, was im Unterschied zu den häuslich hergestellten Produkten auf die Arbeit spezialisierter Handwerker(2) hindeutet. Viele (1)Bronzegegenstände wurden eindeutig von tüchtigen Handwerkern hergestellt und sind von bemerkenswert hoher Qualität. Um Metallobjekte in größerer Zahl herstellen zu können, bedurfte es eines Zugangs zu den entsprechenden Rohstoffen(1); demgegenüber deuten importierte Keramik (überwiegend griechischen(10) Ursprungs) und Metallgegenstände auf ein Netzwerk von Kontakten mit der weiteren Mittelmeerwelt. Es war dies also eine Phase von sozialem Wandel, wachsendem Handel(2), neuen Handwerkstechniken und einer intensiveren Landbewirtschaftung, die ein Wachstum zu größeren und ausdifferenzierteren Siedlungen ermöglichte. In der letzten Phase der Bronzezeit(6) waren die meisten Siedlungen in Italien Dörfer(4), oft von bescheidener Größe, aber mit Beginn der Eisenzeit(5) können wir Ansätze zu den ersten proto-urbanen(4)(4) Siedlungen ausmachen. Diese waren durch eine größere Ausdehnung, eine komplexere Anlage sowie ein höheres Maß an ökonomischer Differenzierung und sozialer Hierarchie gekennzeichnet. Sie konnten je nach Region durchaus unterschiedlich groß sein und waren nicht in jedem Fall eine verdichtete Kernsiedlung, doch sie weisen jedenfalls alle Zeichen einer größeren politischen und sozialen Differenzierung als die Dörfer der Bronzezeit(7) auf.

In Etrurien(8) können wir Entwicklungen des Siedlungswesens etwas genauer in den Blick nehmen. In der älteren Bronzezeit(8) orientierten sich die Siedlungen(9) an Pfaden, die als Herdenwege(1) dienten, und sie existierten jeweils nur begrenzte Zeit, was auf eine noch nicht völlig sesshafte Bevölkerung hindeutet, die ihren Herden von der Winter- zur Sommerweide folgte (transhumante Lebensweise). In der ausgehenden Bronzezeit(9) bildeten sich feste agrarische(3) Gemeinschaften heraus. Deren Siedlungsorte sollten gut zu verteidigen sein und Wasserquellen bieten. Diese Faktoren waren für die Erhaltung stabiler, langfristig bewohnter Ansiedlungen wichtiger als ein leichter Zugang zu Herdenwegen. Zwei intensiv erforschte Ausgrabungsstätten bei San Giovenale(1) und Luni sul Mignone(1), beide in der Nähe von Viterbo(1) (s. Karte 2), illustrieren diesen Wandel. Beide lagen jeweils auf einem Hügelplateau, geschützt durch steile Abhänge auf verschiedenen Seiten. Luni war außerdem mittels künstlich angelegter Terrassierung und Befestigungen(1) gesichert. Siedlungen der ausgehenden Bronzezeit(10) waren generell von begrenzter Ausdehnung und bestanden aus Ansammlungen von kleinen Fachwerkhütten(2), einige davon mehrräumig, mit einem überdachten Vorbau vor dem Eingang. An einigen Orten, darunter Luni, wurden größere und massivere Gebäude(1) gefunden, die 15 bis 17 mal 8 bis 9 Meter Grundfläche besaßen und auf Steinfundamenten errichtet waren. Ihr Zweck ist unbekannt, doch ihre Größe und die Verwendung von Steinen als Baumaterial – das teurer war und mehr Arbeitsaufwand erforderte als Holz oder Lehmziegel – deuten auf eine herausgehobene Bedeutung. Vielleicht handelte es sich um Häuser für die Obersten der Siedlungsgemeinschaft oder um Gebäude für religiöse Rituale.

In anderen Regionen Italiens gab es verschiedene Typen bronzezeitlicher(11) Siedlungen(10). In Kalabrien(3) wurden unverteidigte Dörfer(5) auf fruchtbaren Ebenen, umgeben von intensiv bewirtschaftetem Land, zwischen dem zwölften und zehnten Jahrhundert durch größere Dörfer mit etwa 500 bis 1000 Einwohnern ersetzt. Diese befanden sich auf Hochebenen mit besserem natürlichen Schutz, und in einigen, wie etwa Torre del Mordillo(1), konnte man sich sogar eine nennenswerte Zahl von Waffen und Rüstungen(1) leisten. In Norditalien entstanden in der ausgehenden Bronzezeit(12) einige sehr große Dörfer, etwa Frattesina(1) in der Po(3)-Ebene mit einer Größe von etwa 200 Hektar. Überall in Italien gab es in dieser Zeit einen Trend hin zu größeren Dörfern; an die Stelle semi-nomadischer Verweilplätze traten besser zu verteidigende Siedlungen, einige durch von Menschen angelegte Befestigungen(2) verstärkt. Wo Waffen zunahmen und Verteidigungsanlagen verstärkt wurden, dürfte es eine aggressivere Gesellschaft als zuvor gegeben haben.

Zur selben Zeit ist eine zunehmende soziale und wirtschaftliche Ungleichheit erkennbar. Das Aufkommen einer soziopolitischen Elite(2) spiegelt sich am deutlichsten in Veränderungen der Begräbnispraxis. Die vorherrschende Form war die (4)Brandbestattung; die Asche wurde dann zusammen mit nach Typ und Anzahl relativ bescheidenen Grabbeigaben(1) beigesetzt. Bei diesen handelte es sich um Tongefäße und Bronzefibeln(2)(1), einer Art Brosche oder Gewandnadel in ähnlicher Form wie eine Sicherheitsnadel.[2] Doch gegen Ende der Bronzezeit(13) gab es auf vielen Friedhöfen(1) eine kleine Zahl von Gräbern mit teureren und zahlreicheren Beigaben; dazu gehörten oft Waffen und Teile von Rüstungen(2), Geräte zum Spinnen und Weben(1) sowie Schmuck(1). All das deutet auf eine sozial, politisch und wirtschaftlich stärker differenzierte Gesellschaft; außerdem sind Frauen(1) in den Grabbefunden(1) nunmehr präsenter.

Etrurien(9) und die Villanova-Kultur(13)

Die Kultur(14) des eisenzeitlichen(6) Etruriens(10) wird als Villanova-Kultur(3) bezeichnet, benannt nach einer Hauptfundstätte, einem Friedhof(1) in dem gleichnamigen Ort nahe Bologna(1). Er gehört ins neunte Jahrhundert, eine Phase wichtiger Veränderungen in den Besiedlungsstrukturen in Etrurien. Die bereits in der ausgehenden Bronzezeit(14) wachsenden Siedlungen(11) wurden nun noch viel größer und begannen, zu größeren Konglomeraten zusammenzuwachsen, typischerweise an den Rändern von Hochplateaus oder entlang von Kämmen im höheren Gelände. Die frühesten Siedlungsphasen vieler etruskischer Städte(4) gehören in die frühe Villanova-Zeit, wenn sie auch ganz anders aussahen als die späteren Städte.

(4)Im südlichen Etrurien(11) schrumpften viele kleinere Dörfer(6) im neunten und achten Jahrhundert (2)oder wurden ganz aufgegeben, und die Besiedlung konzentrierte sich auf eine kleinere Zahl von ausgedehnten Standorten, die größere Teile des sie umgebenden Territoriums kontrollierten. Im zehnten Jahrhundert gab es in der Region etwa fünfzig Siedlungen(12), meist zwischen einem und 15 Hektar groß, mit einem Abstand von jeweils einigen Kilometern zueinander. Während des frühen neunten Jahrhunderts reduzierte sich die Zahl auf zehn größere Bevölkerungskonzentrationen, mit kleinen Siedlungen oder Einzelhöfen dazwischen, die vielleicht von jenen abhängig waren. Wie und warum sich dieser Prozess vollzog, ist unklar, nicht zuletzt, weil Grabungsbefunde aus dieser Zeit schwierig zu datieren sind, oft nicht genauer als in einen Horizont vom späten zehnten bis zum frühen (3)achten Jahrhundert. Vermutlich verschmolzen Siedlungsgemeinschaften, wenn nach einem Streit zwischen Nachbarn um Land und Ressourcen der stärkere den schwächeren zunehmend aufsaugte, bis nur noch das größere Zentrum übrigblieb. Das mag manchmal friedlich vonstattengegangen sein, in anderen Fällen dürfte aber auch Zwang eine Rolle gespielt haben, bis hin zur gewaltsamen Übernahme von Siedlungen durch andere. Im Norden der Region sind die Wandlungsprozesse weniger deutlich sichtbar. Während des neunten Jahrhunderts konzentrierte sich die Besiedlung auf das Gebiet der späteren Städte(5) Vetulonia(1) und Populonia(1) sowie auf die Küste gegenüber der Insel Elba(1), doch es überlebten auch mehr kleinere Siedlungen als weiter im Süden.

(5)Diese Siedlungen waren größer als ihre bronzezeitlichen(15) Vorgänger und bargen schätzungsweise bis zu 1000 Bewohner. Sie gruppierten sich zu Clustern, die nur einen bis zwei Kilometer voneinander entfernt lagen. Für Caere(1) sind zum Beispiel acht Siedlungsflecken bekannt, und in Veii(2) lagen fünf stattliche Siedlungen(13), jede mit einem eigenen Bestattungsplatz(5), um das Areal herum, das später die Stadt einnehmen sollte (Abb. 1). In Tarquinii(1) und Volsinii gab es mindestens zwei eng beieinander liegende Siedlungen. Das Calvario-Gebiet Tarquiniis war mit mindestens 25 Häusern(3) bebaut; diese bestanden aus Holz oder Lehmziegeln auf Steinfundamenten und waren mit Stroh gedeckt. Sie waren überwiegend klein; einige größere Bauten(3) mögen bereits einem gemeinschaftlichen Zweck wie dem Kult(2) vorbehalten gewesen sein, oder sie gehörten reichen Einzelpersonen. In jedem Fall deuten sie auf eine zunehmend stärker ausdifferenzierte soziale Hierarchie hin. (6)

(7)Die Friedhöfe(2) dieser Zeit sind archäologisch besser erforscht als die Siedlungen(14). Auf Quattro Fontanili, einer der Begräbnisstätten(3) Veiis(3), wurden etwa 650 Gräber(2) gefunden, die ins neunte bis siebte Jahrhundert gehören. Die frühesten liegen auf einem Hügelgipfel, während sich die späteren nach unten über die Hänge hin erstreckten. Zusammenballungen zu Gruppen deuten Forscher als Familiengrabbezirke(3). Als Bestattungsart(6) herrschte Kremation vor, was schon für sich auf einen höheren Rang des Verstorbenen hindeutet: Brennmaterial zu beschaffen und einen Scheiterhaufen zu errichten erforderte Arbeitskraft und Ressourcen; außerdem stellte eine Brandbestattung(7) immer auch einen spektakulären Akt dar.

Abb. 1: Veii(4): Areale mit Villanova-Siedlungen(15)

(8)Die Asche wurde in eine sogenannte bikonische Urne aus Ton gebettet (Tafel 1).[3] Diese wurde anschließend mit einer gewölbten Schüssel bedeckt, die vielleicht zunächst als Gefäß für Trankspenden beim Begräbnis und später umgestülpt als Deckel diente. Die Urne wurde dann in ein Loch im Boden gesenkt, das manchmal mit Steinplatten ausgekleidet war, zusammen mit einem bescheidenen Ensemble von Grabbeigaben(2) aus Fibeln(2) (Tafel 2) und Spinnwirteln oder aus Fibeln, Messern und Klingen. Die Unterschiede werden gern mit dem Geschlecht der bestatteten Person erklärt – Frauen(2) haben Spinngerätschaften, Männer Messer –, aber es gibt kaum Knochenfunde, um diese Hypothese zu bestätigen, und vereinfachende Annahmen über Geschlechteridentifizierungen anhand von Grabbeigaben(3) stehen zusehends in der Kritik.[4] Die Verteilung einiger Objekte innerhalb des Grabes könnte darauf hindeuten, dass die Urne als Repräsentation oder Symbol der verstorbenen Person angesehen wurde, ausgestattet mit Schmuck(2) und umgeben von persönlichem Besitz. Sie könnte sogar einst mit Stoff ›bekleidet‹ gewesen sein. Die Textilien haben sich selbstverständlich nicht erhalten ‒ die Vermutung ruht auf der Verteilung der Gewandnadeln, die dann den Stoff zusammengehalten hätten.

(9)Einige wenige Gräber(3) bargen merklich reichere Beigaben, darunter (3)Bronzewaffen, Rüstungen(3) und importierte griechische Keramik(1). Ab der Mitte des achten Jahrhunderts wurden solche Gräber(4) zahlreicher. So wurde in einem Grab(5) in Quattro Fontanili die Asche in ein (4)Bronzegefäß gefüllt, nicht in die übliche Tonurne. Hinzu kamen etwa fünfzig Grabbeigaben(4), darunter Keramik, Schmuck(3), ein (5)Bronzeschild, ein eindrucksvoller Helm mit einem hoch aufragenden Kamm, ferner Waffen und ein Pferdezaumzeug(1) (Abb. 2). Waffen und Pferdeausrüstung belegen allein schon einen hohen Rang des Grabinhabers, da Pferde im frühen Italien ausschließlich von Angehörigen der sozialen Elite(3) gehalten wurden.[5] Diese Bestattungsmuster(8) deuten also auf den Aufstieg einer sozialen Oberschicht, die aus Oberhäuptern von Familien(4) oder sogar Großfamilien beziehungsweise Clans bestand und durch Statussymbole wie Waffen ihren Reichtum demonstrierte. Natürlich war es bis zu den etruskischen(12) Stadtgesellschaften noch ein weiter Weg, doch das erkennbare Ausmaß des Wandels deutet auf eine rasche politische und soziale Entwicklung hin.  

(10)Einige der Villanova-Siedlungen(16) des achten Jahrhunderts waren groß genug, um nach der von Mogens Hansen formulierten Typologie als städtische Siedlungen angesprochen werden zu können; gleichwohl unterschieden sie sich noch sehr von zentrierten griechischen(11) oder römischen Städten(6). Vielmehr bestanden sie aus Siedlungsclustern, die sich später an Orten wie Veii(5), Vulci, Tarquinii(2) und anderen zu Städten entwickelten. Um als vollständig voneinander unabhängige Gemeinschaften gelten zu können, lagen diese Cluster zu nahe beieinander.[6] Archäologische Geländebegehungen (Surveys) der Britischen Schule in Rom in den 1960er- und 1970er-Jahren förderten als erste Stufe fünf getrennte Siedlungsareale auf dem Gebiet des späteren Veii zutage, die im siebten Jahrhundert zu einer einzigen verdichteten Siedlung zusammenwuchsen. Allerdings haben jüngere Forschungen(2) auch eine eisenzeitliche(7) Besiedlung auf dem Gelände zwischen den fünf Hauptzentren ans Licht gebracht, dazu eine Befestigungsanlage aus dem mittleren achten Jahrhundert. Das deutet darauf hin, dass sich Veii in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts(4) bereits zu einer größeren und komplexeren zusammengeschlossenen Siedlung entwickelt hatte. Ähnliche Anzeichen für das Zusammenwachsen von Siedlungsclustern zu größeren vereinigten Ansiedlungen fanden sich in Vulci, das überdies ungefähr zur selben Zeit wie Veii eine Befestigungsanlage erhielt, sowie in Tarquinii, wo ein gemeinsamer Kultplatz(3) der Siedlungscluster zum Zentrum der Stätte wurde.

Abb. 2: Villanovazeitliche Beigaben aus einem Grab(6) auf dem Friedhof(2) Quattro Fontanili

(11)Ein von Ulla Rajala und Simon Stoddart durchgeführter Survey von Nepi(1), dem antiken Nepet, könnte diese Entwicklungen weiter erhellen. Hier bildeten sich Villanova-Gemeinschaften auf Hügelplateaus, wobei Untergruppen innerhalb der Gemeinschaft jeweils einen Teil des Gebietes kontrollierten, das ein Dorf(7), einige verstreute Häuser(4) und eine Begräbnisstätte(4) beherbergte.[7] Eine attraktive Deutungsoption (freilich beileibe nicht die einzige) besagt, dass jeder Siedlungscluster zu einer einzelnen Familie(5) oder einem Clan gehörte; diese hätten die Hochflächen in getrennte Territorien aufgeteilt und den Untergruppen ihr eigenes Gebiet im Rahmen der größeren Gemeinschaft belassen. Gemeinsame Kultplätze(4) und Großprojekte wie Befestigungsanlagen(3) zeigen an, dass sich hier eine gemeinsame Identität und eine hinreichend effiziente soziopolitische Organisation entwickelten, die für solche Vorhaben nötig waren. Villanova-Siedlungen(17) wiesen noch nicht das erforderliche Niveau an wirtschaftlicher Entwicklung, sozialer Ausdifferenzierung oder politischer Zentralisierung auf, um per definitionem als Städte(7) angesprochen werden zu können. Man wird sie am besten als proto-urbane(5)(5) Gemeinschaften bezeichnen, in denen Untergruppen wie Clans oder Familienverbände ihre eigenen Gebiete innehatten. Diese Einheiten waren viel komplexer als die bronzezeitlichen(16) Dörfer, aber eben noch keine Städte.

(12)Wie aus reicheren Beigaben in einigen wenigen Gräbern abzulesen ist, begann sich ab der Mitte des (5)achten Jahrhunderts eine Elite(4) herauszubilden. Diese zeigte ihren Status durch zunehmenden demonstrativen Konsum, den wiederum eine blühende Wirtschaft möglich machte. Etrurien(13) lebte großteils von der Landwirtschaft(4), und die Veränderungen in der Siedlungsweise brachten eine intensivere Bewirtschaftung des Landes mit sich. Tierknochen und Pflanzenreste belegen den Anbau von Getreide(1) und Weintrauben(1) sowie die Zucht(1) einiger Nutztierarten, darunter Schafen, Schweinen und Ziegen. Es gibt auch Indizien für handwerkliche(3) Produktion und Rohstoffgewinnung(2). Bergbau spielte für die Wirtschaft Nordetruriens eine zentrale Rolle, zumal um Vetulonia(2) und Populonia(2). Etruskisches Eisenerz fand sich auf Elba(2) und Sardinien(1). Menge und Vielfalt von umlaufenden Gütern aus Metall, zum Beispiel Waffen, Klingen, Schmuck(4) und Fibeln(3), nahmen zu. In der spezialisierten handwerklichen (1)Herstellung qualitätiv hochwertiger Gegenstände herrschte Kontinuität. Die Fundorte der Erzeugnisse etruskischen Metallhandwerks – von Sardinien bis Bologna(2) – deuten auf einen bemerkenswerten Umlaufradius. Andere Zweige der Güterherstellung waren weniger spezialisiert. Bei der Keramik herrschte weiter die grobe, von Hand gefertigte Impasto(1)-Ware vor; sie wurde wohl in Heimarbeit, nicht von spezialisierten Töpfern hergestellt und diente dem lokalen Gebrauch, wurde also nicht gehandelt(3). Wie in vielen antiken Gesellschaften wurden Kleidungsstücke(1) auch hier im Haushalt hergestellt. Webgewichte(2) und Spinnwirtel finden sich verbreitet sowohl in häuslichen Zusammenhängen wie auch in Frauengräbern(1). Spinnen und Weben waren für die häusliche Wirtschaft wichtig, bildeten aber auch einen Teil des Status von Frauen(3) und ihrer Rolle im Haushalt. Die Objekte reichen daher von einfachen Terrakotta-Webgewichten und Spinnwirteln bis hin zu aufwendig verzierten Spinnrocken aus teuren und exklusiven Materialien wie Elfenbein. Stoffarbeiten wurden also eindeutig sowohl von wohlhabenden und privilegierten Frauen(4) als auch von solchen mit geringerem Status ausgeführt.[8]

(13)Villanova-Etrurien(14) war gut vernetzt und pflegte regelmäßigen Austausch mit der übrigen Mittelmeerwelt. Ab dem achten Jahrhundert gelangten importierte griechische Güter in reiche Bestattungen(9) in Südetrurien, dank der Verbindungen direkt zum östlichen Mittelmeerraum(3) sowie des Handels(4) mit den neu angelegten griechischen(12) Siedlungen(18) in Italien. Bei den griechischen Importen handelte es sich häufig um Keramikgefäße(2), wie sie zum Symposion(1) gehörten (Becher, Kannen, Mischkrüge). Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass damit auch griechische Geselligkeitsformen wie das Symposion übernommen wurden, legt aber die Annahme nahe, dass die etruskische Elite(5) einen Sinn für neue Arten von Konsumgütern entwickelte.[9] In ebendiesem Sinne wurden auch lokale Imitationen angefertigt. Diese auf der Töpferscheibe hergestellten Erzeugnisse erforderten mehr handwerkliches(4) Können als die handgefertigte Impasto(2)-Ware – ein zusätzliches Indiz für spezialisiertere Produzenten, die Verbreitung neuer Technologien und Kontakte zwischen einheimischen und griechischen Handwerkern. Der nördliche Teil Etruriens hatte weniger Kontakt zu den Griechen, pflegte aber weiterhin intensive Verbindungen mit Elba(3) und Sardinien(2) sowie über diese mit den Phöniziern(1); Letztere unterhielten seit dem achten Jahrhundert ein erprobtes Handelsnetzwerk mit vielen Teilen des westlichen Mittelmeers. Sie importierten Produkte aus Griechenland und dem Nahen Osten im Tausch gegen Metallerze und unterhielten gut etablierte Gemeinwesen auf den Inseln des westlichen Mittelmeeres. Phönizische Keramik(1) und Metallobjekte in nordetrurischen Gräbern belegen nicht nur die Zirkulation neuer Waren, sie zeigen auch, wie wichtig der Erzexport für die Ökonomie dort war, spielten die phönizischen Siedlungen auf Sardinien doch eine wichtige Rolle beim Handel mit Metallen im gesamten Mittelmeerraum (s. u. S. 36–41).

(14)Zusammengefasst: Etrurien(15) legte in der Villanova-Zeit ein dynamisches wirtschaftliches Wachstum an den Tag, die Gemeinwesen wurden neu strukturiert, Ressourcen ausgebeutet. Es hatten sich große und komplexe proto-urbane(6) Siedlungen(6)(19) herausgebildet, in denen Familien(6) und Verwandtschaftsgruppen die soziale Organisation bestimmten sowie eine immer stärkere soziale Ausdifferenzierung mit steileren Hierarchien stattfand. Die Villanova-Kultur(15)(15) erwies sich aber auch sonst als dynamisch: Spielarten von ihr sprangen schnell auf andere Teile Italiens über, zumal auf die Gegend um Bologna(3) und Teile Kampaniens(6). Das unterstreicht, wie weit das Kontaktnetzwerk zwischen Etrurien und der übrigen Halbinsel in der Eisenzeit(8) gespannt war; mit seiner Hilfe verbreiteten sich Güter ebenso wie kultureller Einfluss merklich(16).

Latium(6) in der Eisenzeit(9)

Latium(7) entwickelte sich in die gleiche Richtung wie Etrurien(16), nur langsamer. Es bildet den unmittelbaren Hintergrund für das frühe Rom. Mehreren Fassungen des römischen Gründungsmythos(2) zufolge war Romulus(1) Sohn einer Königstochter(1) aus Alba Longa(1), einer latinischen(4) Siedlung, die nach Ansicht der Römer in den Albaner Bergen(1) lag und mehrere andere Gemeinwesen in Zentrallatium gegründet haben soll. Es gibt nun keine archäologischen Belege für einen mächtigen Staat in den Albaner Bergen zu dieser Zeit, doch diese mythischen und ethnischen(6) Verbindungen waren für die römische Identität wichtig; latinische(5) Kultfeste unter römischer Beteiligung erinnerten an sie.[10] Wer die frühe Geschichte(10) Roms verstehen will, muss also tiefer in die Entwicklung Latiums(8) eintauchen.

Eine tragfähige Chronologie(1) ist der Grundstein für das Verständnis der italischen Prähistorie, doch die Latiale Kultur(3)(16) – die Kultur des eisenzeitlichen(10) Latium(9) – zu datieren, wirft besondere Probleme auf. Zwar können die meisten Artefakte relativ zu anderen zeitlich bestimmt werden, doch absolute Daten für diese Region zu ermitteln, erweist sich als schwierig, weswegen die Ansätze für die verschiedenen Phasen der Latial-Kultur(4) und damit auch für die früheste Besiedlung auf dem Gebiet der späteren Stadt Rom von Zeit zu Zeit revidiert werden. Wie ausgedehnt diese Revisionen sein können, zeigt Tabelle 1, in der die traditionelle und eine modifizierte Chronologie gegenübergestellt sind; Letztere basiert auf den von Marco Bettelli vorgelegten Baumwuchsanalysen (dendrochronologisches Verfahren).[11]

traditionelle Chronologie(3)

Phasen der Kulturentwicklung

revidierte Chronologie(4)

1100–1000

Spätbronzezeit(17)II

1150–1085

1000–900

Spätbronzezeit III

1085–1020

900–830

Latial II A

1020–950

830–770

Latial II B

950–880

770–750

Latial III A

880–810

750–725

Latial III B

810–750

Tabelle 1: Chronologien(2) der Latial-Kultur(5)(17) (nach Smith 2005)

Dieses Buch folgt der traditionellen Chronologie(5), aber die Zeitansätze für das frühe Rom und Latium(10) sind nicht fest und können sich im Licht neuer Befunde ändern.

Die Entwicklungsbahn Latiums(11) folgt, wie gesagt, der in Etrurien(17), doch die Besiedlungsmuster wandelten sich in der frühen Eisenzeit(11) weniger stark. Während der Bronzezeit(18) hatten sich die Siedlungen(20) kontinuierlich vermehrt; meist umfassten diese einen bis fünf Hektar und zählten nur einige Hundert Einwohner. Ab dem zehnten Jahrhundert wuchs auch die Größe der Flecken; das deutet auf ein Bevölkerungswachstum.

Wie in Etrurien(18) lassen sich auch hier die Entwicklungen besser an Grab(7)- denn an Siedlungsbefunden ablesen. Die frühesten latinischen(6) Begräbnisstätten(5) fanden sich in Rom – dazu das folgende Kapitel – sowie an verschiedenen Stellen in den Albaner Bergen(2) (Karte 3). Die latialen Begräbnispraktiken ähnelten denen im Villanova-Etrurien, doch einige Unterscheide erlauben es uns, die beiden Kulturen(18) auseinanderzuhalten. Brandgräber bargen eine Ascheurne, die zusammen mit den Grabbeigaben(5) in ein großes Gefäß gelegt wurde; dieses wurde dann zugeschüttet. Einige dieser Ascheurnen waren bikonische Gefäße wie in Etrurien, doch andere hatten die Form von Hütten(5), in ihrer Grundform ähnlich den Überresten von entsprechenden Bauten(4) in Rom, Fidenae(1) und Satricum(1). Auch die Grabbeigaben(6) unterschieden sich: In Latium(12) waren das meist Ton- und (6)Bronzegegenstände sowie verkleinerte Repliken von Objekten wie Messern und Klingen (Tafel 3). Daneben gab es Körperbestattungen(10), wobei der Leichnam in einen Grabenaushub gelegt wurde, zusammen mit einem ähnlichen Spektrum an Grabbeigaben(7).

Die stärksten Belege kommen aus der Begräbnisstätte(6) bei Osteria dell’Osa(2), 18 Kilometer östlich von Rom. Sie gehört zu den am besten systematisch ausgegrabenen Fundplätzen des frühen Italien. Der Gräberkomplex war Teil einer Siedlung, die den Vorläufer der archaischen Stadt Gabii(1) bildete. Freigelegt wurden über 600 Gräber(8) aus dem zehnten bis achten Jahrhundert. Zwar ist über die zugehörige Siedlung an einem Seeufer wenig bekannt,[12] aber die Befunde erlauben es doch, die sozialen und kulturellen(19) Veränderungen im eisenzeitlichen(12) Latium(13) zu umreißen. Das Verhältnis von Feuer- und Körperbestattungen deutet an, wie sich Begräbnispraktiken wandelten und neue soziale Distinktionen Einzug hielten. In den späteren Phasen von Osteria dell’Osa gab es viel weniger Brand- als Körpergräber; sie scheinen für herausragende Personen reserviert gewesen zu sein. Sie lagen in der Mitte von Clustern von Körpergräbern und bargen oft Überreste aus dem Kontext des Speisens. Allein die Verteilung hebt diese Gräber(9) heraus, abgesehen von der Tatsache, dass Brandbestattungen(11) an sich schon ein höheres Maß an Aufwand und Sichtbarkeit implizierten. Diese Gräbercluster scheinen die Begräbnisstätte(7) jeweils verschiedener Verwandtschaftsgruppen gewesen zu sein; das Brandgrab in der Mitte gehörte dem Haupt der Familie(7) oder Begründer des Clans. Die Überreste von Nahrungsmitteln weisen darauf hin, dass Speisen zu den Grabbeigaben(8) gehörten oder dass im Rahmen der Bestattung(12) oder eines um den Grabort vollzogenen Ahnenkultes rituelle Gastmähler(1)(1) gefeiert wurden. Wie in Etrurien(19) enthielten Untergruppen von Gräbern verschiedene Gegenstände – Messer und Klingen beziehungsweise Geräte zum Spinnen und Weben(3) –, die von den Ausgräbern als Indizien für Männer- beziehungsweise Frauengräber(2) gedeutet wurden. Alle Gräber(10) enthielten Tongefäße, besonders Trinkgeschirr, sowie Fibeln(4). In einigen Gräbern fand sich neben einfachen Gefäßen auch bemalte Keramik, vielleicht ein weiteres Mittel, zwischen verschiedenen sozialen Gruppen innerhalb der Gemeinschaft zu unterscheiden – oder zwischen Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften, falls die Begräbnisstätte(8) von mehreren Siedlungen(21) benutzt wurde.  

Ein besonders wichtiger und fesselnder Fund, nämlich der erste Beleg für den Umgang mit Schrift in Italien, trat aus dem Brandgrab einer Frau zutage, datiert ins achte Jahrhundert. Die kurze Inschrift(4) war auf einer Seite eines runden, einhenkligen, nach oben geöffneten Tongefäßes aus lokaler Produktion eingekratzt (Abb. 3 und Tafel 4).Die Buchstabenform wurde entweder einem sehr frühen griechischen(13) Alphabet(1) oder einer modifizierten phönizischen(2) Schrift zugewiesen und auf etwa 775 datiert.[13] Die Bedeutung der nur aus einem Wort bestehenden Inschrift(5), die entweder eulin oder euoin lautet, war Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Debatten. Das Wort wurde entweder als Eigenname verstanden (als Kurzform von eulinos), als Name eines Gottes(1) (euios war in weiten Teilen der griechischen Welt ein alternativer Name für Dionysos), als rituelle Anrufung des Dionysos (euoi) oder als ein Beiwort zum Namen des Gefäßbesitzers. Da es sich bei den meisten frühen italischen Inschriften tatsächlich um Eigennamen handelt, mit denen der Besitzer oder der Geber des Objektes bezeichnet wird, erscheint Letzteres als die wahrscheinlichste Deutung; hingegen könnte es sich angesichts der ungewöhnlichen Gefäßform auch um einen Ritualgegenstand gehandelt haben. Nimmt man an, die Inschrift(6) ist griechisch, nämlich eine abgekürzte Form von eulin[os], ergäbe sich ein griechisches Wort, das ›gut spinnend‹ oder ›eine gute Spinnerin‹ bedeutet; dies würde durchaus passen, denn (5)Spinnwirtel fanden sich in vielen Frauengräbern(3) in Osteria dell’Osa(3). Wie auch immer die Deutung sein mag: Es bleiben faszinierende Fragen, wie das Objekt dorthin kam. Das Gefäß selbst stammt aus lokaler Produktion und dürfte von einem griechischsprachigen Besucher der Gegend oder von jemandem, der bei einem Griechen das Schreiben erlernt hatte, beschriftet worden sein. Es ist dies ein bemerkenswerter Beleg für die Verbindungen zwischen Latium(14) und der griechischen Welt; diese liefen vielleicht über eine auf der Insel Ischia(1) gegründete griechische Siedlung. Für die Entwicklung von Literalität ist das Zeugnis ebenfalls sehr wichtig. Es ist älter als die Übernahme der Schrift in Etrurien(20), obwohl diese Region früher als Vorreiter der Schriftlichkeit(2) in Italien galt, und es gehört in denselben Zeithorizont wie die allerfrüheste griechische Inschrift(7) in Griechenland selbst. Unabhängig von der linguistischen Deutung belegt seine schiere Existenz, dass auch Latium seit dem frühen achten Jahrhundert(6) in Kontakt mit der größeren Mittelmeerwelt stand und dass neue Techniken wie die Schreibkunst seit dieser Zeit übernommen wurden.

Abb. 3: Tongefäß aus Osteria dell’Osa(4) (Latium(15)) mit Inschrift(8), 8. Jahrhundert

Während des achten Jahrhunderts nahm die Anzahl reich mit Beigaben ausgestatteter Latial-Gräber(1) zu. Ein auf ca. 800 bis 775 datiertes Frauengrab(4) in Castel di Decima(1) (heute am südlichen Stadtrand von Rom) barg eine Sammlung von Bronzefibeln(7)(5) und Ringen, Perlen aus Bernstein(1) und Glaspaste, ferner Tonbecher, Schüsseln und Kochtöpfe, und in vielen Männergräbern wurden Waffen oder Rüstungsteile(4) gefunden. Das deutet auf die Ausbildung einer sozio-ökonomischen Elite(6), für die der Status als Krieger eine große Rolle spielte. Die Gesellschaft wurde ungleicher; eine kleine Zahl von Familien(8) begann, einen großen Anteil von Reichtum und Macht zu kontrollieren.

Siedlungen(22) der Latialzeit sind viel schlechter dokumentiert als ihre Begräbnisstätten(9), aber die Entwicklung hin zu großen und differenzierten proto-urbanen(7)(7) Verdichtungen verlief in ähnlichen Bahnen wie im Villanova-Etrurien(21). Spuren von Fachwerkhütten(6) aus dem neunten und achten Jahrhundert(7) fanden sich in Rom, Fidenae(2) und Satricum(2). Sie ähneln den Villanova-Hütten(7) in Tarquinii(3), aus denen Koch- und Vorratsgefäße sowie Webereiausrüstung(4) geborgen wurden, was auf eine Wohnnutzung hindeutet. In Satricum bieten die 47 eisenzeitlichen(13) Hütten auf der Akropolis einen möglichen Einblick in die Nutzung solcher Wohnplätze. Die Hütten liegen in zwei verschiedenen Clustern auf beiden Seiten eines Wasserbassins. Die frühesten Hütten aus dem achten Jahrhundert(8) maßen nur etwa 10 m2, wurden aber gegen Ende dieses Jahrhunderts durch größere von etwa 30 m2 ersetzt. Wegen der genannten Funde kann von einer Wohnnutzung ausgegangen werden, doch zwischen ihnen lagen kleinere Gebäude(2), die nur eine Feuergrube enthielten und vielleicht ausschließlich zum Kochen bestimmt waren. Eine neuere Studie von Colantoni lässt auf der Basis eines Vergleichs der latinischen(7) und etruskischen Hütten mit ethnographischen(7) Daten Zweifel aufkommen, ob die Hütten – zumal die älteren und kleineren – überhaupt eine Kernfamilie beherbergen konnten.[14] Colantoni vertritt die These, zwei Gruppen von Hütten könnten die Behausung zweier erweiterter Familien(9) gewesen sein, die einige Gebäude als Kochstellen, Vorratsräume oder Schlafstellen für Einzelpersonen und Paare nutzten. Viele alltägliche Gemeinschaftsaktivitäten dürften ohnehin außerhalb der Hütten unter freiem Himmel stattgefunden haben.

Aus der wachsenden Zahl und Größe der Siedlungen(23) lässt sich ableiten, dass der Boden nun effizienter bebaut wurde; außerdem verweist die lokale, auf der Töpferscheibe hergestellte Keramik auf eine spezialisiertere Handwerksproduktion(5). Dennoch hinkte die Region in der Entwicklung hinter Kampanien(7) und Etrurien(22) her: Latium(16) war nicht so fruchtbar wie Kampanien und hatte auch nicht so viele Bodenschätze wie Etrurien, außerdem lag es eher am Rand der Haupthandelsrouten(5) des (9)achten Jahrhunderts. Hinsichtlich sozialer Praktiken und Organisation gab es Gemeinsamkeiten, doch das Entwicklungstempo war langsamer.

Griechen(14) und Phönizier(3) in Italien

Im neunten und achten Jahrhundert(10) blühten Handel(6) und Mobilität im ganzen Mittelmeerraum(4); dadurch wurden die wirtschaftlichen Kontakte und kulturellen(20) Beeinflussungen zwischen dem östlichen und dem westlichen Mittelmeerraum intensiver. Das Phänomen war nicht neu: Mykenische Keramik(1) bis hinauf ins sechzehnte Jahrhundert wurde in Küstenregionen Apuliens(1), Kampaniens(8) sowie auf einigen Inseln vor der Westküste Italiens gefunden – der Handel zwischen der Halbinsel und der ägäischen Welt hatte eine lange Tradition.[15] Gleichwohl erreichten die Verbindungen zwischen Griechen(15), Phöniziern(4) und dem westlichen Mittelmeerraum ein anderes Niveau. Die wachsende Präsenz von Griechen und Phöniziern brachte neue kommerzielle Möglichkeiten mit sich und beeinflusste den gesamten italischen Raum massiv.

Die Phönizier(5) sprachen eine semitische Sprache und kamen aus der Gegend um Tyros(1) und Sidon an der Ostküste des Mittelmeeres. Seit früher Zeit bildete der Handel(7) ein Kernstück ihrer Wirtschaft. Wie das Alte Testament berichtet, unternahmen Schiffe aus Tyros bereits im zehnten Jahrhundert lange Handelsexpeditionen von bis zu drei Jahren Dauer und kehrten mit reichen Frachten aus Elfenbein, wertvollen Metallen und exotischen Tieren zurück (2 Chroniken 9,21; 1 Könige(2) 10,22). Dies wird durch Funde phönizischer Güter aus dem zehnten Jahrhundert in Spanien(2) und Nordafrika(2) bestätigt. Ab dem neunten Jahrhundert wuchsen Handel und Siedlungstätigkeit dieses Volkes an und verbreiteten sich nach Südspanien, Sardinien(3) und Motya(1) in Westsizilien(1), wie eine fragmentarische phönizische Inschrift(9) aus Nora(1) in Sardinien bestätigt. Der Nora-Stein erwähnt eine Schlacht zwischen Sardiniern und Phöniziern sowie einen danach geschlossenen Friedensvertrag, datiert in die Regierungszeit des phönizischen Königs Pummay, der Tyros zwischen 831 und 785 regierte. In diesen Aktivitätsschub gehört auch die Gründung der Stadt Karthago(1), später eine der führenden Mächte im antiken Mittelmeerraum(5) – und ein unerbittlicher Gegner Roms. Ungeachtet dieses Interesses am Westen wurde auf der italienischen Halbinsel keine phönizische Siedlung gegründet. Thukydides(1) sagt, die Phönizier »besetzten Vorgebirge und kleine Inseln vor der Küste Siziliens und nutzten diese als Stützpunkte für den Handel mit den Sikelern(1)« (6,2); darin schwingt die Vermutung mit, dass sie sich bewusst nicht auf dem Festland ansiedelten.[16]

Die früheste dauerhafte Ansiedlung von Griechen(16) in Italien war Pithekussai(1) (Karte 1) auf der Insel Ischia(2) beim heutigen Lacco Ameno in der Mitte des (11)achten Jahrhunderts. Strabon(1) (geogr. 5,4,8) und Livius(2) (8,22) hielten sie für eine Gründung von Griechen aus Euboia(1), die vor dem Lelantischen Krieg(1)(3) zwischen Eretria(1) und Chalkis(1), den beiden Hauptorten der Insel, geflohen seien. Dieser Krieg fand irgendwann zwischen 710 und 650 statt; seine Authentizität und Datierung sind freilich umstritten. Archäologische Zeugnisse legen ein früheres Datum für die erste Siedlung auf Ischia nahe (um 750), aber euboische Keramik(1) im geometrischen Stil belegt, dass wenigstens ein Teil der Bevölkerung tatsächlich aus Euboia kam. Strabon behauptet, die Siedler hätten einen Platz für eine sich selbst versorgende Kolonie(1)(1) gesucht, doch das erscheint anachronistisch und geprägt von späteren Vorstellungen der Griechen über Städte(8) und Stadtgründungen. Ischia wäre nämlich eine seltsame Wahl für eine Siedlerkolonie gewesen: Die Insel ist felsig, beherrscht von dem erloschenen Vulkan Monte Epomeo(1), und landwirtschaftlich(5) nutzbare Flächen für den Anbau von Nahrungspflanzen(1) gibt es nur sehr begrenzt. Am besten gediehen noch Weinreben(2). Paläobotanische Überreste zeigen zwar, dass die Ernährung der Bevölkerung in der üblichen mediterranen Trias bestand (Getreide(2), d.h. Weizen und Gerste, Wein und Oliven(1)); die Bewohner waren also tatsächlich landwirtschaftlich autark. Aber verglichen mit dem nahegelegenen Kampanien(9) war Ischia kein besonders verheißungsvoller Ort für Bauern. Wer als Grieche in erster Linie an Landwirtschaft interessiert war, hätte sich wohl kaum dort angesiedelt, sondern den Weg auf das Festland gesucht.

Viel wahrscheinlicher wählten die frühesten griechischen(17) Siedler Ischia(3), weil die Insel an einer wichtigen und gut etablierten Handelsroute(8) für Metall und Erze lag, welche den östlichen Mittelmeerraum(6)