Der Ausbruch - A. Elfe D. - E-Book

Der Ausbruch E-Book

A. Elfe D.

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Beschreibung

Die Schattenelfen, in der alten Sprache Scatoelfen genannt, wurden vor zwei Jahrtausenden, nach den großen Elfenkriegen in das Tal der Vergessenen verbannt, welches durch den großen magischen Wall von der Außenwelt abgetrennt ist. Kirana die Scatoelfe wurde in die Außenwelt geschickt, um ihrem Volk beim Ausbruch zu helfen. Dort hat sie aber Freunde gefunden und nun will sie helfen den Ausbruch zu verhindern. Selbst von einer der schlimmsten Scatoelfen gefangen genommen muss sie aber nachdem sie befreit wurde, auch gegen ihre eigenen inneren Dämonen ankämpfen und erneut das Vertrauen ihrer Freunde gewinnen. Wird sie mit Hilfe ihrer neuen, aber auch alten Freunde einen erneuten Krieg zwischen den Licht- und Schattenelfen verhindern können? Begleite Kirana erneut auf ihrer Reise durch die fantastische Welt Krigir voller Gefahren, Kämpfen, Abenteuern und Leidenschaft. Erlebe mit ihr Momente mit wahren Freunden, Liebe, aber auch Schmerzen und Verlust. Ausgebildet zur gnadenlosen Kämpferin trotzt sie Foltern und Verletzungen und lernt dabei dennoch ihr Gewissen und Güte kennen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum:

1. Auflage 2023

Copyright: „Anita E. Dobes“

 

Covergestaltung, Buchsatz:

Stones, Books and Pictures Scatoelfen – Anita E. Dobes

Hauptstraße 14, A – 4802 Ebensee

 

Bilder und Illustrationen:

Anja C. Dobes und Anita E. Dobes

 

Herausgeber, Texte:

Anita E. Dobes

Hauptstraße 14, A – 4802 Ebensee

 

Korrektorat, Lektorat:

Anita E. Dobes; Anna Schachinger; Dagmar Zeintlinger

 

 

ISBN: 9783757978594

 

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Herausgeberin und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Widerrechtliches Handeln wird rechtlich verfolgt.

 

 

Der

Ausbruch

 

Scato Elfen Saga 2

 

von

A. Elfe D.

 

 

 

 

 

 

 

 

Danksagung

 

 

 

An dieser Stelle möchte ich mich bei all meinen Lesern, Freunden und Autorenkollegen bedanken, die mich immer so tatkräftig unterstützen. Ihr seid unglaublich.

 

Mein Dank an alle die mich schon seit Band 1 drängen, endlich weiterzuschreiben und Band 2 zu veröffentlichen. Diesmal müsst ihr nicht so lange warten. Band 3 ist bereits im Entstehen.

 

Natürlich gilt auch meinen Kindern mein größter Dank, für ihre Geduld, ihre Inspirationen, meinem Sohn mit seiner Musik und meiner Tochter mit ihren Bildern.

 

Danke meinen Korrektur-, Test-, Lektoratslesern für eure so unfassbare schnelle Arbeit, weil ich mir diesen kurzfristigen Veröffentlichungstermin in den Kopf gesetzt habe.

 

Danke Anna, meine liebe Mitwortelfin, für deine Inspiration, Motivation und vor allem die endlosen Stunden Co-working.

 

Leider kann ich nicht alle, die ich gerne namentlich erwähnen möchte hier mit hineinnehmen, da dies den Rahmen sprengen würde.

 

 

Eure

A. Elfe D.

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

Prolog4

Dumpfe Lethargie6

Der Ausbruch23

Die Flucht39

Spuren im Schnee56

Verlust72

Wiedersehen91

Der große Fluss der Magie103

Mondstadt120

Familienbande136

Vorbereitungen156

Die Vorhut168

Freche Gesellen182

Düstere Ebenen193

Getrennte Wege205

Drachen gibt es nicht220

Alte und neue Freunde247

Alarmbereitschaft265

Das Ende der Fehde278

Epilog291

Glossar295

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild von: Anja C. Dobes

Prolog

 

Das Land unter ihm zog in einer Schnelligkeit vorbei, dass es ein normales Auge kaum fassen konnte. Der Wind strich durch die feinen Gesichtszüge, zerzauste das dunkle Haar, ließ den dunklen Umhang flatternd nach hinten wehen. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Er genoss die Freiheit des Fliegens.

Wie so oft gingen ihm die Prophezeiungen durch den Kopf. Er hatte sie nun schon lange nicht mehr gesehen. Ob es ihr gut ging? Hoffentlich war alles in Ordnung. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass ihr schlimme Dinge zustießen.

Er war wieder einmal machtlos, konnte ... nein ... durfte nicht helfen, wenn er nicht für die Zerstörung und das Ende dieser Welt verantwortlich sein wollte. Die Worte der Alten, die er schon so oft gelesen hatte, waren ihm mehr als nur vertraut. Dennoch haderte er nach wie vor damit. Es zerriss ihm das Herz ihr nicht helfen zu können. Aber seine Zeit würde kommen. Er freute sich auf den Tag, an dem er ihr endlich gegenüberstand, an dem er ihr schluss- endlich zur Seite stehen konnte, nicht mehr Versteck spielen musste.

Wenn er an sie dachte, hatte er das Gefühl, sie schon seit langem zu kennen, obwohl er sie bisher nur von weitem gesehen hatte. Zu- mindest in diesem Leben. In den Prophezeiungen stand: „Alt be- kannte Liebe, neu in diesem Leben, wird sich finden. Das eine kann ohne den anderen nicht sein. Das Licht und die Dunkelheit verbinden sich zu einer Einheit, können gemeinsam brennen, den Weg zum Frieden erleuchten.“

Bereits als er das erste Mal von den Ältesten geholt worden war, wusste er, dass er das Licht war. Die Dunkelheit wurde in einem anderen Teil der Welt geboren. Als ihr Stern am Himmel erschien, schien er zu flackern, dann zu erlöschen, um im Anschluss noch heller zu leuchten.

Dumpfe Lethargie

 

Es war bereits das sechste Opfer, das Santora sie gezwungen hatte zu töten. Blutbespritzt kniete sie in sich zusammengesunken inmitten des Raumes, in dem sie seit Wochen, ohne jegliches Tageslicht eingesperrt war. Die Leiche war weggeschafft worden und eine Wanne mit heißem Wasser stand bereit, damit sie sich säubern konnte. Die ersten fünf Morde hatte sie an niedrigen Krea- turen, wie Quors und Lömpaks, dumme orkähnliche Kreaturen die in den Bergen leben, ausgeübt. Kirana hatte sie im Auftrag ihrer Tante foltern und verstümmeln müssen. Auch wenn sie nicht da- mit einverstanden war, hatte sie getan, was ihr gesagt worden war, da sie noch immer die Schmerzen in Gedanken mit sich trug, die sie hatte, als ihr die Oberin diesen elenden Staub ins Gesicht puste- te. Nur die Drohung, dass sie diese wieder erleiden würde, hatten gereicht, sie, Kirana al Taraan, gefügig zu machen.

Der Letzte jedoch war ein junger Schattenelf gewesen, dessen Namen Kirana zwar nicht kannte, den sie aber etliche Male in der Arena hatte kämpfen sehen. Er war ein vielversprechender junger Mann gewesen, hätte eines Tages vielleicht sogar seinen Weg in die Reihen der Kommandanten gefunden, wäre er nicht der Sohn des Hauses Heresir gewesen. Da die Oberin dieses Hauses Ränke gegen das Haus Taraanir geschmiedet hatte, mussten sie nun bluten. Mit Sicherheit war er nicht der Einzige, der sterben musste, doch dies- en Speziellen hatte Santora Kirana vorgesetzt in dem Wissen, dass sie ihn kannte. Sie hatte sie auf die Probe stellen wollen, wissen wollen, wie wirksam die Gstrienadeln tatsächlich waren, ob ihre Nichte nun endlich ganz ihrem, Santoras, Willen unterlag.

Erst hatte Kirana sich, wie erwartet, geweigert, war jedoch unmittelbar danach vor Schmerzen schreiend Zusammengebroch- en. Ihr Kopf fühlte sich an, als würden tausende Würmer darin herumbohren. Minuten später als nur noch ein dumpfes Pochen an die eben erlittene Pein erinnerte, hatte sie sich selbst auf dem Bod- en mitten in ihrem eigenen Erbrochenen gefunden. Dies alles war erst vor Stunden geschehen. Schnell hatte sie erkennen müssen, dass selbst der kleinste Gedanke gegen ihre Tante diese Attacken auslöste. Bisher war sie in Selbstmitleid, Gleichgültigkeit versunk- en gewesen, doch mit dem Wissen diesen sympathischen jungen Elfen töten zu müssen, ohne dass er wusste warum, ohne dass er selbst etwas verbrochen hatte, weckte ihren Kampfgeist. Schmer- zen hin oder her, sie wollte das nicht tun, doch blieb ihr letzt- endlich keine andere Wahl, wenn sie selbst überleben wollte. Sie hörte das Lachen ihrer Tante noch immer in ihrem Kopf nach- hallen. So viele Jahre waren vergangen, in denen Santora kein Mitt- el gegen diese hartnäckige Jägerin gefunden hatte. Nun hatte ihr Kiranas eigener heißgeliebter Zwillingsbruder, für den die junge Elfe so oft den Kopf hingehalten hatte, die Magie in die Hand ge- legt ihre Nichte zu brechen.

Es war Kirana selbst überlassen gewesen, wie sie ihm den Tod brachte. Doch mit nur einem Dolch bewaffnet gegen einen kampf- bereiten Jäger war es nicht so schnell gegangen wie von Kirana ge- hofft. Als sie endlich die Kehle des wehrhaften jungen Elfen hatte durchschneiden können, war sie in einen Blutrausch verfallen. Sie stieß den Dolch auch nach dessen Tod immer wieder in den vor ihr liegenden leblosen Körper, nur um ihre Wut, ihre Verzweiflung herauszulassen. Als sie sich weitgehend beruhigt hatte, hockte sie sich blutüberströmt in die Mitte des Raumes neben die Leiche und verfiel in dumpfes Brüten. Es gingen die verschiedensten Bediens- teten ein und aus, die den Leichnam wegbrachten, alles säuberten, eine Wanne mit heißem Wasser zum Waschen brachten und Essen bereitstellten. Kirana jedoch reagierte auf nichts und niemanden, rührte sich keinen Millimeter.

 

***

 

„Kirana wird Loriin töten! Ich bin mir ganz sicher, bisher sind alle meine Visionen so eingetreten, wie ich sie erfahren habe. Sie hat sich wieder in ihre Schattenelfengesellschaft integriert, alles was auf dieser Seite des Walls geschehen ist hinter sich gelassen.“ Tamra saß völlig aufgelöst am privaten Beratungstisch der könig- lichen Familie der Lichtelfen gegenüber von Astron, der mit ver- steinertem Gesicht dem Bericht der Bergmenschenfrau gelauscht hatte.

Torian lief ruhelos auf und ab, fuhr Tamra härter an, als er wollte. „Niemals! Sie hat Freunde in uns gefunden. Ich glaube nicht, dass sie einfach all das vergessen kann, was sie hier erlebt, empfunden hat. Niemals! Sie wurde gefangen genommen, ver- schleppt von ihrem eigenen Volk. Warum sollte sie nun wieder auf ihrer Seite sein?“

Auch Astron, der seine Hütte in der Abgeschiedenheit aufgegeben hatte und wieder im Palast in Mondstadt lebte, um die Aufgaben seines verstorbenen Neffen, an der Seite seiner Schwes- ter, der Elfenkönigin, als Elfenkommandant zu übernehmen, kon- nte nicht glauben, dass seine Enkelin sich nun wieder gegen sie gewandt haben sollte. Aber er dachte nüchtern darüber nach und kam zu dem Schluss, dass ein Druckmittel dahinterstecken konnte. Vielleicht ihr geliebter Zwillingsbruder? Oder war es doch die Loyalität zu ihrem Vater? Schließlich war er der Lord der Scato- elfen. Kirana trug einen ausgeprägten Sinn für Loyalität in sich.

„Ich glaube nicht, dass es klug ist den Wall zu durchschreiten. Wenn sie wirklich so etwas wie Freundschaft, Verbundenheit zu uns empfunden hat und nach wie vor auf unserer Seite steht, kommt sie von alleine wieder.“

Tamra nickte zustimmend. Sie ließ sich nicht von der Unschuld Kiranas überzeugen, war fest in dem Glauben, dass die Jägerin sie im Stich gelassen hatte. Schon immer war sie sich der Grauen nicht sicher gewesen, auch wenn sie die Kriegerin durchaus gut leiden konnte. Aber Tamras Visionen sprachen eindeutig gegen die Schattenelfe. Torian, der Halbelf, hielt im Gegensatz zu der Berg- menschenfrau fest zu der Scatoelfe. Er war nach wie vor fest ent- schlossen, sie aus den Fängen ihres Volkes zu befreien.

 

Nachdem die Freunde vor über einem Monat vor dem für sie undurchdringlichen Wall gestanden waren, hatte Torian keinen Tag ausgelassen Kiranas Befreiung zu planen. Auch Silis Filmon, der Luccilelf und Trimos, der neue Zwergenkönig unterstützten ihn in seinem Vorhaben. Zu ihrem Bedauern konnten sie sich dem Vorhaben nicht anschließen, da Trimos Feueraxt, der sich ent- schlossen hatte den Nachnamen seines Vaters weiterhin zu tragen, sein Volk führen musste und Silis vom Volk der Kleinelfen dazu auserkoren worden war, die beginnende Freundschaft zwischen den kleinen Völkern voranzutreiben. Die Zwerge, wie auch die Luccilelfen wollten endlich nach all dieser langen Zeit der Abge- schlossenheit wieder am Leben der Welt Krigirs teilhaben. Sie sahen eine Chance, sich so gegenseitig zu helfen. Trimos hatte einen Weg gefunden um die Vorliebe für Glitzerndes mit einem Abzeichen für Händler der Zwerge, der durch die verschiedensten Edelsteine in allen möglichen Farben erstrahlte, im Zaum zu halten. Die Kleinelfen, die als Händler fungierten, waren derart stolz darauf, diese Plakette tragen zu dürfen, dass sie für andere Kostbarkeiten keine Augen mehr hatten und sich somit voll und ganz auf den Handel konzentrieren konnten. Sie betrieben von diesem Zeitpunkt an den Handel mit anderen Völkern für die Zwerge. Im Gegenzug konnten sie auf diese Weise ihren schlechten Ruf als Diebe beseitigen. Das Zwergenvolk vertraute ihnen, also mussten alle anderen das auch, wenn sie die hervorragenden Arbeiten aus den Mittlandbergen erwerben wollten.

 

Torian ließ sich trotz all der Bedenken nicht von seinem Vor- haben abbringen, Kirana zu suchen. Wenn es sein musste, würde er dies alleine machen. Osomir, der Elfenmagier hatte sich von der Elfenkönigin die Erlaubnis geholt, seinen Freund bei seinem Vorhaben begleiten zu dürfen. Nicht, nur weil er Kirana gut leiden konnte und seinen Freund unterstützen wollte, sondern auch die Neugier und die Möglichkeit mehr über die Schattenelfen zu erfahren, trieben ihn dazu diese Reise antreten zu wollen. Außer- dem benötigte der Halbelf einen starken Lichtelfenmagier, um den magischen Wall überwinden zu können. Einen Durchgang für die Bewohner Krigirs konnte jeder einigermaßen in der Magie ausge- bildete Lichtelf erschaffen, aber um eine Schattenelfe durchzu- bringen, war etwas mehr Energie nötig, als Nichtmagier aufbring- en konnten. Schließlich wollten sie auch wieder zurück auf diese Seite des Walls mit der Jägerin. Es war ein gut gehütetes Geheimnis der Elfenmagier, welche Runen dafür benötigt wurden. Antaria, die Elfenkönigin, war nicht gerade begeistert, einen ihrer besten Magier gehen zu lassen, da sie Angst hatte, er könnte von den Grauen gefangen genommen und dazu benutzt werden, für deren gesamtes Volk einen Durchgang zu schaffen. Doch Silis hatte die zündende Idee. Er machte den Vorschlag Osomir mit einem Bann zu belegen, der es ihm nur möglich machte Kirana, als einzige Schattenelfe zu helfen. Alle nicht Grauen sollten davon nicht be- troffen sein. Da Trimos noch immer die Waffen der Jägerin hatte, war es ein Leichtes einen Solchen zu formulieren. Nur noch die Be- sitzerin des Schwertes sollte den Wall mit Hilfe des Lichtelfen- magiers übertreten können.

Alles war besprochen und geplant gewesen. Selbst die beiden menschlichen Waldläufer wollten mitkommen, doch dann hatte Tamra die verheerende Vision.

Die Diskussionen gingen von Neuem los. Torian war jedoch fest entschlossen loszuziehen und Osomir wollte ihn keinesfalls im Stich lassen. Der Magier konnte fühlen, dass sein Freund, der Halbelf nicht nur von Loyalität gegenüber Freunden, getrieben wurde. Schließlich ging es auch um die junge Lichtelfe Loriin, die dumm genug gewesen war, ihrer Lehrerin ins Schattenelfenreich zu folgen, von der außerdem jeder wusste, dass sie den Halbelfen vergötterte. Er mochte die kleine Lichtelfe, wollte auch sie nicht im Stich lassen. Allerdings empfand er mehr für die Schattenelfe, was er niemals zugeben würde. Natürlich wusste er, dass die Jägerin und der in der Orkschlacht gefallene Elfenprinzen Aramir mehr als nur Freundschaft verbunden hatte. Nach dessen Tod war heraus- gekommen, dass Aramir Kirana geliebt hatte. Was sie für ihn em- pfunden hatte, wusste keiner, aber sein Tod hatte sie stark mitge- nommen.

 

***

 

Mittlerweile mussten Stunden vergangen sein, in denen Kirana in der Mitte des kleinen Raumes hockte, sich nicht bewegte, vor sich hin brütete. Irgendetwas in ihr war gestorben. Sie hatte keine Kraft mehr, Widerstand zu leisten. Selbstverständlich war ihr klar, dass ihre Tante dies ausnützen würde. Vielleicht kam irgendwann eine Zeit, in der Kirana die Chance erhielt aus dieser Misere wieder herauszukommen, aber derzeit schien sie weit entfernt zu sein.

Kiranas Kopf pochte noch immer dumpf vor sich hin, erinnerte sie an die Schmerzen, die sie erlitt, wenn sie sich ihrer Tante widersetzte. Santora hatte sie vollkommen in der Hand. Schuld daran trug Kiranas eigener Bruder. Wut begann wieder in der Jägerin aufzusteigen. Auf Sorion, weil er sich mit der Oberin ihres Hauses verbündet hatte, auf ihre Tante, ihr Haus, aber auch auf sich selbst. Sie hatte ihren Bruder alleine zurückgelassen. Hatte ihr Zwillingsbruder all das absichtlich getan? Vielleicht aus Rache, weil er plötzlich alleine gewesen war? Aber hatte sie so eine Behandlung tatsächlich verdient? Von ihm? Sie waren immer unzertrennlich gewesen. Hatten alles füreinander getan. Dennoch hatte sie eine Veränderung an ihm durch ihre Verbindung gefühlt. Nichts Positives.

Es vergingen weitere Stunden, in denen Kirana versunken in ihren Gedanken und Gefühlen keine äußerlichen Regungen zeigte. Nur einmal musste sie kurz laut Auflachen, als sie daran dachte, wie sie vor wenigen Wochen noch damit geprahlt hatte, dass nichts und niemand sie brechen oder zum Reden bringen konnte. Nun offenbar war doch ein Mittel gefunden worden, einem so hart ge- sottenen Jäger wie sie es war, alles entlocken zu können. Sogar tief- ste Unterwürfigkeit. In ihrem Inneren jedoch wütete ein Feuer, das alles verbrannte. So wurde aus unbändigem Hass Verzweiflung! Aus dieser Verzweiflung Trotz! Schlussendlich aus Trotz dumpfe Lethargie.

Apathisch ließ sich die Jägerin baden, säubern, neu einkleiden, füttern wie ein kleines Kind. All das machten zwei unscheinbare Bedienstete des Hauses al Taraanir, deren Gesichter sie bereits seit vielen Jahren kannte, von denen sie wusste, dass sie absolut loyal ihrer Tante gegenüber waren. Kirana hatte nicht einmal mehr die Energie Informationen aus ihnen herauszulocken. Es schien auf einmal alles so weit entfernt, als würde sie sich selbst von außen beobachten. Nichts schien mehr wichtig. Sie selbst, ihr Leben, das Leben anderer, einfach alles. Sie hatte sogar schon mit dem Ge- danken gespielt ihr eigenes Leben zu beenden, um aus dieser Situa- tion herauszukommen, sich ihrer Tante nicht ausliefern zu müssen. Doch blieb es bei diesem einen Gedanken. Santora hatte alles ge- nau durchdacht und vorgesorgt. Als die Idee in Kirana aufkeimte, folgte sofort wieder ein Schub unerträglicher Schmerzen, die ihren Kopf fast explodieren ließen. So schnell wie die Gedanken gekom- men waren, so schnell verwarf sie diese wieder.

Es mussten mittlerweile viele Wochen vergangen sein, seit sie aus dem Wald hinter dem Lager der Lichtelfen entführt worden war. Kirana fühlte sich grauenhaft. Zu dieser elenden ausweglosen Situation kam auch noch hinzu, dass sie seit einiger Zeit diese unglaubliche Übelkeit verspürte, die sie immer wieder erbrechen ließ. Wahrscheinlich eine Nebenwirkung der Gstrienadeln.

 

***

 

Loriin war in einem kleinen komfortablen Zimmer einquartiert worden. Es fehlte ihr an nichts. Der kleine Raum war mit einem gemütlichen Bett, einer Kommode, einem Waschplatz, einem Sessel und einem kleinen Tisch ausgestattet. Sie bekam regelmäßig zu essen und zu trinken, frisches Wasser zum Waschen, Schreib- utensilien und Bücher zum Lesen als Zeitvertreib. Das Einzige das ihr fehlte, war Kontakt zu anderen. Gespräche, die sie mit jeman- den führen konnte. Die Bediensteten waren offenbar angewiesen in keiner Weise mit ihr zu kommunizieren, obwohl die junge Licht- elfe alles versuchte. Reden, betteln, schreiben, singen, schreien, wüten, drohen, sowie vieles mehr. Bei ihrer Gefangennahme hatte sie gedacht, gefoltert oder getötet zu werden, doch nichts der- gleichen geschah. Sie fragte sich zum wiederholten Male warum? Obwohl sie durchaus dankbar war, dass ihr Schmerzen erspart blieben.

Zu Beginn war sie einige Male der Oberin des Hauses, Santora al Taraanir, Kiranas Tante, vorgeführt worden, doch sie hatte auf alle Fragen der Schattenelfe nur mit Schweigen reagiert. Santora erkan- nte nach kürzester Zeit, dass Loriin gegen die Magie der Schatten- elfen geschützt war, dass man ihr auf diese Weise nichts anhaben konnte. Wahrscheinlich war dies das Werk ihrer Nichte. Also wur- de die Lichtelfe in diesen kleinen Raum gesperrt und ignoriert.

Hin und wieder wurde sie in den Kerker geführt, um gefesselt auf einen Sessel vor einer hölzernen, massiven Tür gesetzt zu werd- en, hinter der markerschütternde Schreie zu hören waren. Manch- mal wurden die Kadaver massakrierter Wesen herausgeschleppt. Beim letzten Mal, als sie hinuntergebracht worden war, war sogar ein Schattenelf dabei gewesen. Er war grauenhaft zugerichtet, so- dass Loriin würgte, damit kämpfen musste sich nicht zu über- geben, als sie ihn sah. Obwohl ihr niemand sagte, wer hinter dieser Tür weggesperrt war, wusste die Lichtelfe von Anfang an, dass es Kirana war, deren Schreie zu ihr nach draußen drangen. Es trieb ihr Tränen in die Augen, wenn sie die gequälte Stimme ihrer Lehrmeisterin hörte, doch hatte sie keine Chance, ihr zu helfen. Schnell war ihr klar geworden, dass kein Ton von außen in das Gefängnis der Jägerin dringen konnte, da ihre Versuche ihr zuzu- rufen, nicht unterbunden wurden. Man ließ sie gewähren. Sie er- kannte die Sinnlosigkeit ihrer Versuche und stoppte sie. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zuzuhören, mitzuleiden bei dem, was auch immer Kirana angetan wurde. Warum sie all dies mit anhören musste, verstand sie nicht, auch war sie sich nicht sicher, ob das nicht ihre eigene Folter war. Ihr war nur eines bewusst, Kirana würde es ihr nie verzeihen, wenn sie die Fragen der Oberin beant- wortete.

Es waren drei Tage vergangen, nachdem der zerstörte Leib des jungen Schattenelfen an ihr vorbeigetragen worden war. Drei Tage, an denen Essen und Wasser nur zur Tür hereingeschoben worden waren, sie niemanden zu Gesicht bekommen hatte. Loriin hatte sich diese drei Tage kaum aus dem Bett bewegt. Sie verzweifelte fast an ihrer ausweglosen Situation, aus der es scheinbar kein Ent- kommen gab, von der sie keine Ahnung hatte, wozu sie gut war. Langsam erschien ihr die Option gefoltert zu werden durchaus wünschenswert, nur um Aufmerksamkeit von irgendjemanden zu bekommen. Die einzigen Stimmen die sie, während der letzten Wochen gehört hatte, waren ihre eigene und die Schreie, die aus Kiranas Zelle drangen. Es war zermürbend. Sie war mittlerweile bereit alles dafür zu tun, nur um wieder einmal ein vernünftiges Gespräch führen zu können. Dennoch versuchte sie sich, mit allen Mitteln, zusammenzureißen um Kiranas Willen.

 

***

 

Sorion tigerte rastlos hin und her. Ein eigenartiges Gefühl hatte ihn schon vor Wochen befallen. Er konnte Kirana fühlen, aller- Dings war es ein eigenartig dumpfes Empfinden. Irgendeine Art Magie umhüllte sie. Es war ihm unmöglich zu lokalisieren, ob seine Schwester direkt neben ihm stand, oder meilenweit entfernt in einem unbekannten Land. Natürlich war es völlig unsinnig, zu denken, sie sei wieder auf dieser Seite des Walls. Wie hätte sie hindurchkommen sollen? Warum hätte sie ihn dann nicht schon längst besucht? Sie derart gut vor ihm zu verbergen, wenn sie in direkter Nähe wäre, könnte ausschließlich nur ein starker Scato- magier bewerkstelligen. Mehr oder minder war es also unmöglich. Nur eine Handvoll Magier waren dazu in der Lage, welche ihm sicher nicht in den Rücken fielen. Nicht nachdem er nun als die rechte Hand seines Vaters galt. Es war ihm deshalb ein völliges Rätsel, warum er sie so dumpf fühlte, aber er würde der Sache auf den Grund gehen. Er würde ihn finden. Auch denjenigen der dafür verantwortlich war.

 

***

 

Nach endlosen Diskussionen, ob nun ein Hilfstrupp für Kirana ausgeschickt werden sollte, oder nicht, hatte Torian heimlich seine Sachen gepackt und war alleine losgezogen. Er konnte nicht mehr warten. Es waren schon viel zu viele Wochen vergangen, ohne dass etwas getan worden war. So war außerdem gesichert, dass niemand anderer in Gefahr gebracht wurde. Er würde sie alleine zurück- bringen. Beide!

Seit einer ganzen Woche tigerte er nun in der Nähe des Walls auf und ab. Da ihn noch immer niemand eingeholt hatte, ging er davon aus, dass ihm niemand aus Mondstadt folgte. Er hatte seine Spuren gut verwischt. Wahrscheinlich konnte ihn niemand finden außer Osomir, dieser würde ihm aber zuerst ein Zeichen geben, dass sie in der Nähe waren. Nichts kam. Er war überzeugt gewesen, dass ihm jemand hinterhergeschickt worden war, um ihn zurück- zuholen. Die Königin musste toben. Eigentlich müsste er auf sein- em Posten sein.

Er schob die Gedanken beiseite, suchte nach Spuren der beiden Schneewölfe Hadra und Odron, Kiranas treue Begleiter. Sie hatten ihr vor langer Zeit einmal geholfen den Wall zu überwinden, als sie kurz vorm Tod stand. Vielleicht konnten sie auch ihm helfen. Dann am Weg zurück ihnen beiden. Für Loriin war er ohnehin keine Barriere, wie sie bewiesen hatte.

Dieses dumme kleine Mädchen ... Er hätte sich niemals auf sie einlassen dürfen. Aber er hatte Respekt vor ihrem Mut und ihrer Treue der Schattenelfe gegenüber. Wie hatte sie nur denken können fähig zu sein Kirana alleine zu befreien? Hoffentlich lebte sie noch!

 

***

 

Zum ersten Mal seit Wochen traf wieder Sonnenlicht auf Kiranas Gesicht. Sie fühlte kaum die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Unter ihren nackten Füßen spürte sie das kühle, frische grüne, im Frühling wachsende Gras. Aber es war ihr egal. Sie stand regungslos da, wartete. Ihre Tante hatte sie herbringen lassen. Warum wusste sie nicht. Auch das war ihr egal. Wahrscheinlich um sie wieder für irgendeine ihrer Bösartigkeiten zu missbrauchen. Vertrauen schenkte ihr die Oberin des Hauses Taraanir natürlich nicht, aber ganz schien sie sich auch auf die Gstrienadeln noch nicht zu verlassen. Die Jägerin war umringt von sechs der besten Krieger, die dieses Haus zu bieten hatte. Ohne Zweifel hatten sie die Aufgabe Kirana sofort zu töten, falls sie auf dumme Gedanken kommen sollte. Nun, es war unnötig. Sobald sie auch nur einen Funken von einem Plan zu schmieden versuchte, überkamen sie derartig qualvolle Schmerzen, sodass sie sich lieber einer dumpfen Lethargie hingab, als irgendetwas zu denken.

Nach geraumer Zeit erschien Santora al Taraanir, ihre Tante und stellte sich neben ihre Nichte. Sie sagte nichts. Nur ein gehässiges Lächeln huschte über ihre Lippen. Irgendwann gab sie den Kriegern, die nach wie vor in der Nähe standen, um die Jägerin zu bewachen, ein Zeichen, damit sie sich zurückzogen.

„Ich denke du bist nun soweit, um dich der Öffentlichkeit zu zeigen. Du wirst stets an meiner Seite bleiben, meine persönliche Waffe sein. Jeder soll mich fürchten. Mit deiner Hilfe werden sie das mit Sicherheit!“ Die Oberin lachte laut auf. Wieder ernst stellte sie jedoch fest: „Aber ich möchte, dass du dein Gesicht verhüllst nach Art der Jäger. Keiner soll wissen wer du wirklich bist. Es sei denn, ich befehle dir es zu enthüllen. Da hinten liegen übrigens deine Sachen.“

Sie deutete auf ein Bündel, das einige Meter hinter ihnen auf einer Bank lag, drehte sich um und ging. Ohne noch einmal nach ihr zu sehen sagte sie in befehlendem Ton: „Ich sehe dich in fünf Minuten im Thronsaal für deinen ersten Dienst!“

Mit schier endlos langsamen Bewegungen drehte sich Kirana um, ging auf ihre Kleidung und die für sie zurechtgelegten Waffen zu, um sie anzulegen. Nun hatte ihre Tante es doch geschafft, sie als ihre persönliche Meuchelmörderin zu rekrutieren. Sie hoffte, so bald wie möglich auf einen ebenbürtigen Gegner zu treffen, der diesem sinnlos gewordenen Leben ein Ende setzte, sie hinrichtete. Es stand außer Frage, dass die anderen Häuser, sobald sie vom neuen Handlanger ihrer Tante erfuhren, ihrerseits Assassinen ausschicken würden, um sie zu beseitigen. Der einzige kleine Lichtblick, den sie hatte, war, dass der Dolch von Sorion, vor allem aber der Ring, den ihr Aramir anvertraut hatte, bei ihren Sachen lagen. Offenbar hatte niemand den Wert des kleinen Schmuck- stückes erkannt.

 

***

 

Loriin beobachtete das Treffen ihrer Lehrmeisterin und der Oberin dieses Hauses vom Fenster ihres kleinen Zimmers aus. Ihr Herz zog sich zu einem schmerzenden Klumpen zusammen, als sie den leeren Blick Kiranas sah. Eine gebrochene Seele. Sie hatte keine Ahnung, was der Jägerin widerfahren war, aber es musste derart schrecklich gewesen sein, wie es sich niemand vorstellen konnte. Eine derart starke Persönlichkeit zu vernichten, zu brechen war ihr bisher unmöglich erschienen. Bis jetzt. Bis sie den Ausdruck in den Augen der Grauen sah.

 

***

 

„Wie kann er es wagen, sich meinen Anweisungen zu wider- setzten!“

Antaria war außer sich vor Wut, fegte tobend durch den Thron- saal. Ihr rotes Kleid wallte durch ihre abrupten Bewegungen um sie, dass es wirkte, als wäre sie ein Racheengel persönlich. Es war das erste Mal seit Aramirs Tod, dass sie Farbe trug. Ihr Sohn war in der Schlacht gegen diese elenden Orks gefallen.

Astron, der statt ihm wieder eingesetzte Befehlshaber der könig- lichen Truppen und Bruder der Lichtelfenkönigin, versuchte ver- geblich sie zu beruhigen: „Scheinbar haben ihm die endlosen Dis- kussionen mit den Bergmenschen, ob, beziehungsweise was nun geschieht zu lange gedauert!“

„Was ihm nicht das Recht gibt auf eigene Faust zu handeln!“, brüllte die Königin. „Er hat auch hier Verpflichtungen, vor allem Schwüre geleistet, die er zu befolgen hat!“

Mit stechendem Blick stand sie nun Osomir, dem mittlerweile königlichen Magier, gegenüber, schien ihn regelrecht mit ihren Augen aufzuspießen. Er hatte das Pech gehabt der Überbringer der Nachricht zu sein, dass Torian, sein Freund, aber auch seit Aramirs Tod, Hauptkommandant der Wächter, auf eigene Faust losgezogen war um die Scatoelfe, die Seite an Seite mit ihnen in der Schlacht gegen die Kru’sur gekämpft hatte, aus den Fängen ihrer Entführer zu befreien.

Leise flüsternd stellte er fest: „Er wollte nie Befehlshaber werden ... Aber vor allem ... er konnte nicht anders handeln. Er hat das impulsive Wesen seines Vaters, dem Bergmenschen, geerbt. Auch wenn er sich durch seine elfischen Wurzeln seiner Mutter uns zugehörig fühlt, kann er manchmal sein menschliches Erbe nicht leugnen.“

Antaria drehte sich um, senkte den Kopf, atmete tief durch, wirkte nun wieder gefasst. „Nun, dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als eine Truppe zusammen zu stellen, die ihm folgt. Die ihn von seinem Himmelfahrtskommando zurückbringt. Er hat schon Tage Vorsprung. Wir sollten also keine Zeit verlieren.“

Osomir warf zuerst zögernd, aber dann doch selbstsicher ein: „Eure Majestät, ich denke, das wäre sinnlos. Wenn er nicht ge- funden werden will, haben wir keine Chance seine Spuren, ge- schweige denn ihn zu finden. So, wie ich das sehe, wird er uns jede Möglichkeit verwehrt haben ihm zu folgen. Wenn er zu etwas ent- schlossen ist, kann ihn nichts davon abbringen. Er hat sich ent- schieden sie alleine zu suchen und zu befreien.“

Die Königin der Lichtelfen sah ihren Magier prüfend an. Nach einiger Zeit des Nachdenkens antwortete sie: „Gut, dann werde ich allerdings auch ein Urteil sprechen müssen. Er hat unerlaubter- weise seine Pflichten nicht wahrgenommen. Der Halbelf wird da- durch aus unserem Reich verbannt. Sollte er hier wieder auf- tauchen, werden wir ihn gefangen nehmen und einer gerechten Strafe zuführen!“

„Aber das könnt Ihr nicht machen. Er ist unser bester Wächter. Keiner kennt die Berge so wie er. Er hat für uns gekämpft ...“

„Ruhe! Meine Worte sind Gesetz! Ich bin Gesetz!“, herrschte die Königin Osomir an und entließ ihn mit diesen Worten.

Astron stand schweigend neben seiner Schwester. Er wusste, dass es keinen Sinn machte, sie jetzt umstimmen zu wollen. Torian würde sich ihr Vertrauen wohl oder übel wieder erarbeiten müssen.

 

***

 

Der Morgen des achten Tages hier in den Bergen war an- gebrochen. Torian saß auf einem Stein, starrte vor sich hin. Erste Zweifel fingen in ihm an zu keimen. Wie sollte er hier in dieser Einöde die Wölfe finden? Es war der absolute Wahnsinn, der ihn zu diesem Himmelfahrtskommando getrieben hatte. Völliger Irr- sinn. Die beiden konnten überall sein. Vielleicht sogar direkt in der Nähe ihrer Freundin Kirana. Wieso sollten sie zu ihm kommen? Er war so überzeugt gewesen sie zu finden, dass er nicht an die Mög- lichkeit gedacht hatte, dass die beiden durchaus auch auf der anderen Seite des Walls bei ihrer Gefährtin sein konnten. Oder, dass sie ihm nicht genug vertrauten, um sich ihm anzuschließen, um ihm zu helfen. Wie sollten sie auch verstehen, worum es ging? Ehrlich gesagt hatte er absolut keine Ahnung, was sie alles ver- standen, ob sie überhaupt Sprache verstanden. Wie sollte er ihnen zu verstehen geben, was er von ihnen wollte, falls er sie doch fand? Es war zum Verzweifeln!

Die Lichtelfenkönigin war bestimmt nicht gerade begeistert, dass er einfach losgezogen war. Auf Befehlsverweigerung standen allerlei Strafen. In seinem Fall wurde er wahrscheinlich aus Mond- stadt verstoßen. Zurück konnte er also mit Sicherheit nicht mehr, um Hilfe zu holen.

Er saß, seinen steifen Gliedern nach zu urteilen, sicher schon seit Stunden auf diesem Stein, als ihn plötzlich ein sanftes Stupsen unter seinem Arm aus der Lethargie, die ihn befallen hatte, riss. Erschrocken sprang er auf, riss seine Waffe aus dem Halfter. Wie hatte sich jemand an ihn heranschleichen können? Aber als ihm bewusst wurde, wer da vor ihm stand, machte sich unendlich tiefe, warme Erleichterung in ihm breit. Er war die Sache falsch angegangen. Er hätte die Schneewölfe nicht suchen müssen. Er hätte sich schlicht nur von ihnen finden lassen sollen. Dies hatten sie auch gemacht. Er kniete sich nieder, begrüßte die beiden herzlich mit allerlei Streicheleinheiten, bis sich Odron mit einem Mal umdrehte und begann in Richtung des Walls zu traben. Kurz blieb er stehen, sah zurück, signalisierte Hadra und Torian, dass es nun Zeit war aufzubrechen. Torian sammelte schnell seine Sachen zusammen, um laufend den beiden Wölfen zu folgen.

 

***

 

Damentorion saß mit versteinerter Miene hinter seinem Schreibtisch. Seine Augen schienen Frontor durchbohren zu woll- en. „Bist du sicher, dass sie es ist? Hätte ihr Bruder nicht schon lange ihre Anwesenheit spüren müssen?“

Der ehemalige Lehrmeister Kiranas hatte die Augen nach- denklich gesenkt. „Nein! Sicher bin ich mir nicht. Ich habe schlicht Gerüchte über eine neue todbringende Kriegerin im Hause Taraanirs gehört. Sie soll gewandt sein wie eine Katze und jeder kleinsten Regung Santoras gehorchen. Wenn sie in der Stadt ist, weilt sie stehts an der Seite der Oberin. Sie erledigt auf Santoras Geheiß allerdings auch Aufträge in den anderen Städten. Ein schneller Stich hinters Ohr, eine durchtrennte Hauptschlagader am Oberschenkel, ein Armbrustbolzen direkt zwischen die Augen oder mitten ins Herz. Meist wissen die Opfer nicht einmal wie ihnen geschieht. Alles spricht für deine Tochter. Kaum ein anderer Jäger hat dieselben Fertigkeiten wie sie.“

Er strich sich übers Kinn. „Allerdings würde Kirana ohne Magie niemals den Anweisungen ihrer Tante folgen. Sie ist eine Jägerin, eine Jägerin kann man nicht brechen. Es sei denn ...?!“

„Was? Was, es sei denn ...?!“ Langsam aber sicher verlor der Schattenlord die Geduld.

Frontor antwortete bedächtig: „Sorion hat mir vor einiger Zeit von einer neuen magischen Foltermethode erzählt, die er ent- wickelt hat. Seine Tante erprobt sie scheinbar im Verborgenen bereits seit einiger Zeit. Angeblich hat diese aber noch keiner über- lebt. Allerdings würde es auch erklären, warum der junge Magier seine Zwillingsschwester nur so unbestimmt fühlen kann. Viel- leicht ist sie tatsächlich näher, als wir alle dachten!“

Der Lord hatte sich von seinem Stuhl erhoben und war ans Fenster gegangen. Von seinem Arbeitszimmer in der Magierfeste hatte er einen guten Überblick über die ganze Stadt. Das Anwesen der Taraanirs lag relativ nahe an der Feste. Sein Blick haftete an den Mauern des fast wie eine Festung wirkenden Hauses. Was innerhalb des Gemäuers geschah, konnte man nur fern erahnen, so wie in all den anderen führenden Häusern der Stadt. Sicher, er hatte überall seine Spitzel, jedoch waren die Oberhäupter der Familien nicht dumm, gaben kaum etwas gegenüber Nicht- familienmitgliedern preis.

Abrupt machte Damentorion auf dem Absatz kehrt, ging zu seinem penibel aufgeräumten Schreibtisch zurück. „Ich möchte, dass du mehr über diese Kriegerin in Erfahrung bringst! Ich werde zu meinem verflucht nochmal so unglaublich talentierten Sohn gehen und versuchen etwas über diese Foltermethode zu erfahren. Vor allem aber warum er sie entwickelt und seiner Tante gegeben hat, ohne mir auch nur das geringste darüber zu sagen.“

Etwas sanfter lenkte er dann doch ein: „Vielleicht hat er aber auch endlich neue Informationen zu seiner Schwester.“

 

 

 

Der Ausbruch

 

Kirana stand wieder neben dem Thron ihrer Tante und säuberte ihr Schwert von dem Blut des armen Wichtes, den sie gerade im Auftrag Santoras geköpft hatte. Es war so schnell gegangen, dass der Körper des Botschafters des Hauses Heresirs ohne Kopf noch ewig an derselben Stelle gestanden war, bevor er dann doch in sich zusammengesackt war.

Ihre Tante hatte offenbar noch immer nicht vor das Kriegsbeil gegen dieses Haus zu begraben, obwohl sie bereits den ältesten Sohn der Heresirs von ihrer Nichte hatte massakrieren, sogar töten lassen. Sie war, nicht einmal gewillt gewesen sich das Friedens- angebot anzuhören. Nun war der Kopf des Botschafters als Ant- wort unterwegs zurück zu seinen Auftraggebern.

Bedienstete in schlichten schwarzen Roben entsorgten den Kör- per. Befreiten die Halle von dessen Blut, das in hohem Bogen quer durch den ganzen Raum gespritzt war. Mit versteinerter Miene beobachtete Kirana das Geschehen. Sie wartete. Noch war sie nicht von ihrer Tante entlassen worden, was so viel hieß wie, dass sie noch einen Auftrag für sie hatte. Ein gehässiges Lächeln stand im Gesicht von Santora, als sie ihre Nichte betrachtete, aber es kam kein Wort über ihre Lippen. Auch sie wartete.

 

***

 

Tagelang war Torian den beiden Wölfen durch die Berge des vergessenen Tals gefolgt. Geschickt waren sie jegliche Begegnung mit Scatoelfenjägern umgangen, hatten ihn sicher geführt, bis sie über verborgene Wege die Hauptstadt der Schattengeborenen be- treten hatten. Die beiden Schneewölfe waren offensichtlich schon oft hier gewesen. Jeder der ihnen entgegengekommen war, hielt respektvoll Abstand zu ihnen, schien aber ihren Anblick zu kenn- en und als normal abzutun.

Zielstrebig hatten sie ihn durch kaum besuchte Straßen bis zu einer gut gesicherten Festung geleitet. Auch hier kannten sie unterirdische Wege, die ihn ungehindert auf die innere Seite der Mauer gebracht hatten. Die beiden dort postierten Wächter hatten sofort den Weg freigegeben, als sie die beiden Wölfe erblickten. Bis jetzt war das Glück definitiv auf Seiten des Waldläufers. Versteckt unter der Kapuze eines schwarzen Umhangs, den Hadra ihm gebracht hatte, war er bis jetzt von niemanden als Nicht-Scato erkannt worden. Woher sie den Mantel hatte, konnte er nur er- ahnen.

Es fröstelte ihn. Alles hier war so kantig, kalt, geradlinig, funktionell, unfreundlich. Nichts in dieser Stadt erinnerte an die liebevoll, warme Verspieltheit der Lichtelfen. Mitten auf einem kleinen Hügel, etwas erhöht, prangte drohend ein schwarzer, furchteinflößender Turm. Torian vermutete, dass dies die Magier- feste aus Kiranas Erzählungen war.

Ab jetzt schien der Halbelf auf sich allein gestellt zu sein. Seine beiden Begleiter hatten ihn zu einer Nebentüre gebracht. Davor bezogen sie Stellung, indem sie sich links und rechts hinlegten, vorher jedoch den dort aufgestellten Wächter mit nur einem Blick verjagten. Die beiden schienen einen wohlverdienten Ruf, selbst hier in dieser Festung zu haben und ihren Begleiter durch ihre Anwesenheit zu schützen. Torian öffnete leise die Tür und schlich in das Innere des Hauses. Der metallene Geruch von Blut schlug ihm entgegen. Kürzlich dürfte hier irgendjemand in der Nähe sein Leben gelassen haben. Er fand eine Treppe, die nach oben führte. Den Mauern nach zu urteilen, befand sich dahinter ein sehr großer runder Raum. Vielleicht konnte er über diese Treppe auf eine Art Galerie gelangen. Er glaubte, sich zu erinnern, dass Kirana von einer solchen gesprochen hatte, die den Audienzsaal ihrer Tante umrundete.

Nachdem er unbehelligt die Stufen nach oben gestiegen war, erkannte er, dass er richtig kombiniert hatte. Er konnte im Schutz der dort stehenden Säulen eine große Halle überblicken. Die Galerie, auf der er sich befand, führte im Kreis darum herum. Auf der anderen Seite saß eine Scatoelfe, in einem wunderschön ver- zierten schwarzen Kleid, auf einem riesigen, mit schwarzen Dorn- en versehenen Thron. Ein selbstgefälliges Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie die Graue neben sich betrachtete.

Torian unterdrückte den Drang nach Luft zu schnappen, als er erkannte, dass die neben dem Thron stehende Frau keine andere als Kirana war. Er erkannte sie sofort, auch wenn ihr Gesicht bis auf die Augen verhüllt war. Diese Augen würde er überall erkenn- en, aber der tote Ausdruck darin erschreckte ihn zutiefst. Das war nicht die stolze Kriegerin, die er kennengelernt hatte. Was war mit ihr geschehen?

„Worauf warten wir noch? Da steht niemand mehr den du noch bestrafen oder töten lassen könntest vor den Toren!“ Mit kaltem Ausdruck in der Stimme wandte Kirana ihren Blick ihrer Tante zu, welche ihre Worte jedoch gelassen ab winkte.

„Geduld meine liebe Nichte. Geduld. Ich habe noch ein Geschenk für dich! Übrigens darfst du nun dein Gesicht enthüllen. Jeder soll sehen wer du bist.“

Die Jägerin tat wie ihr geheißen und nahm das Tuch von ihrem Gesicht. Das hämische Grinsen in der gehässigen Visage der Oberin machte Kirana Angst. Was hatte sie nun wieder vor? Wart- end blickte Santora zur gegenüberliegenden Tür.

„Gleich kommt es, dein Geschenk!“, sagte sie in diabolischem Tonfall, der in ihrer Nichte die Alarmglocken läuten ließ.

Kurz darauf öffneten sich die Tore zum Audienzsaal. Eine junge Elfe wurde hereingebracht. Eine junge Lichtelfe! Loriin! Kirana konnte nicht verhindern, dass sich kurz ihre Kiefermuskeln anspannten und sie so zu erkennen gab, dass sie diese Liuthaelfe kannte. Santoras Grinsen wurde breiter.

„Wusste ich doch, dass du sie sofort erkennst! Wie genau steht ihr zueinander? Ich habe darauf verzichtet sie zu befragen, da ich gespannt darauf war, wie du reagieren würdest. Nun, offenbar habt ihr durchaus ein enges Verhältnis zueinander. Lass mich raten ... Sie wurde als Gelehrte zu dir abgerufen? Du solltest sie die Ge- pflogenheiten unseres Volkes lehren? ... Nein? Du hast recht, zu einfach! Warte! Ja, genau! In den Augen unserer Vettern muss sie ja noch ein kleines Kind sein, das noch gar nichts darf. Ha! Jetzt weiß ich es. Sie sollte dir dienen!“

Santora überlegte weiter: „Aber du wirkst, als stände sie dir näher als nur eine einfache Bedienstete ... Jetzt hab ich es! Du hast sie als Schülerin angenommen! Liege ich richtig? Du bringst ihr die Fähigkeiten der Jäger bei! Das ist auch der Grund, warum dir sie dir ins Tal gefolgt ist.“

Die Oberin lachte triumphierend laut auf. Sie konnte in den Augen, in der Anspannung ihrer Nichte erkennen, dass sie richtig lag.

 

Torian konnte es kaum fassen. Er drückte sich selbst die Hand fest auf den Mund, um sich nicht durch einen unbedachten Laut zu verraten. Die Scatoelfen hielten Loriin gefangen. Na ja immerhin lebte sie noch. Allerdings war er sich nicht ganz sicher, was diese, wahrscheinlich Kiranas verhasste Tante, in ein schwarzes Spitzen- kleid gewandete Schattenelfe da unten mit ihr und Kirana vorhatte. Ihrem hämischen Grinsen zufolge konnte es nichts Gutes sein. Er hatte nicht das Gefühl, dass die Jägerin freiwillig hier war. Er konn- te ihre Anspannung förmlich fühlen. Aber sie gab nach wie vor keine Antwort auf die Fragen.

 

Loriin hatte beim Betreten des Saals die Augen gesenkt, aber nun, bei den Worten der Frau dort auf dem Thron, hob sie ihren Blick, fing den ihrer Lehrmeisterin auf.

„Kirana! Geht es dir gut? Ich habe so oft deine Schreie gehört!“

Tränen traten ihr in die Augen. Die Schattenelfe gab keine Ant- wort! Ihre Kiefer waren fest aufeinandergepresst, da sie angestrengt überlegte, wie sie ihre junge Schülerin befreien konnte. Santora hatte etwas Schlimmes mit ihr vor. Die Jägerin konnte sich zu ihrem Bedauern sehr gut vorstellen, was dies war. Noch war aber ein kleiner Hoffnungsschimmer in ihr, der sich bei den nächsten Worten ihrer Tante in Luft auflöste.

„Du kennst mich meine liebe Nichte. Möchtest du bei meinem kleinen Ratespiel mitmachen? Erraten was ich mit euch beiden vorhabe? … Nein? … Wirklich nicht? … Das ist schade. Es hätte so amüsant werden können, aber wahrscheinlich weißt du ohnehin, dass du diesen jämmerlichen Wurm da für mich töten sollst. Zeig mir wie sehr du mir treu und loyal ergeben bist!“

Laut auflachend lehnte sich die Oberin in ihrem Thron zurück. Von einer Sekunde auf die andere wurde ihre Miene wieder ernst.

„Jetzt! Sofort!“

Kirana fühlte schon wieder die Schmerzen in ihrem Kopf auf- wallen. Sie setzte sich widerwillig in Bewegung. Langsam zog sie ihr Schwert aus der Scheide, baute sich vor Loriin auf.

Diese sah sie an wie ein erschrecktes Reh. Ihre Stimme, ein leises zittriges Flüstern: „Bitte, nicht! Kirana! Ich wollte mich bei dir entschuldigen für mein ungebührliches Handeln. Ich habe Torian zu verstehen gegeben, dass du und meine Ausbildung mir wichtiger sind als er. Außerdem gehört sein Herz ohnehin einer anderen. Das weißt du!“

Sie ließ ihren Blick über ihre Lehrmeisterin wandern, ging keuchend einen Schritt zurück.

„Du bist schwanger!“

Nun kam zum ersten Mal doch eine Gefühlsregung von der Jägerin. Sie riss die Augen auf und sah an sich hinunter. Diese ständige Übelkeit seit Wochen, die sie auch begleitete, wenn die Gstrienadeln sie nicht gerade quälten, der Bauch, der anzu- schwellen begann, die Blutungen, die ausgeblieben waren. Sie hatte all dies der Folterung ihrer Tante zugeschrieben. Erst jetzt erkannte sie den Wahrheitsgehalt dieser Worte. Tief in sich drinnen hatte sie es gewusst, aber nicht wahrhaben wollen.

Santora wurde ungeduldig. Sie hatte die Worte nicht verstanden, so sagte sie forsch: „Wird’s nun endlich? Ich will hier nicht den ganzen Tag darauf warten, dass du deinen Verpflichtungen mir gegenüber nachkommst. Töte sie endlich!“

Die Jägerin war verzweifelt. Nun war dies auch deutlich in ihrem Gesicht zu sehen, doch je länger sie das Unvermeidliche hinaus- zögerte, desto stärker wurden die Schmerzen. Sie griff sich an den Kopf, ein leises Stöhnen entwich ihren Lippen. Sie wankte, schütt- elte den Kopf. Mit einem Mal sah sie Loriin fest in die Augen.

„Es tut mir so unendlich leid, aber ich kann nicht anders!“

Auf die Lippen ihrer Schülerin schlich sich ein warmes ver- stehendes Lächeln.

„Ich weiß, ich kann es sehen. Ich verstehe!“

Die junge Lichtelfe schloss die Augen. Sekunden später bohrte sich das Schwert ihrer Lehrmeisterin in ihr Herz. Kirana hatte sie in eine tödliche Umarmung genommen, hielt sie fest, während das Leben aus ihr heraus rann. Heiße Tränen bahnten sich einen Weg über das Gesicht der Jägerin, als sie das blutverschmierte Schwert aus dem Leib ihrer jungen Schülerin zog, die langsam auf die Flies- en unter ihr sackte.

 

Der, auf der Galerie, versteckte Waldläufer konnte nun nicht mehr an sich halten und rief laut: „Nein!“

Im selben Augenblick, als er das tat, wurde ihm seine Torheit bewusst. Wenige Sekunden später lag er mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden und wurde von Kriegern des Hauses Taraa- nirs gefangen genommen. Kurze Zeit später wurde er über die Treppen hinab in den Audienzsaal geführt, wo die Jägerin noch immer vor dem leblosen Körper, mit Tränen überströmtem Ge- sicht in der Mitte der Halle stand.

„Oh, wie rührend! Dieser Anblick war es wert dieses nutzlose Maul wochenlang durchzufüttern. Nie im Leben hätte ich gedacht, dich jemals weinen zu sehen Kirana! Die Lichtelfen haben dich offenbar verweichlicht!“

Sichtlich belustigt, genoss Santora das Schauspiel, das sich ihr bot, bevor sie sich endlich dem neuen Gefangenen widmete, der offensichtlich auch ein neuer Freund ihrer Nichte war.

„Wen haben wir denn nun da schon wieder? Heute muss mein Glückstag sein. Noch jemand an dem meine neue Leibwächterin mir die Wirksamkeit der Gstrienadeln beweisen kann. Kirana ich muss zugeben, dein Bruder hat hervorragende Arbeit geleistet.“

Unwillig schüttelte die Jägerin ihren Kopf. Torian sah die Oberin fest an. Er sagte hoch erhobenen Hauptes: „Was auch immer Sie mit dieser stolzen Frau getan haben, eines kann ich Ihnen ver- sichern, es wird Sie teuer zu stehen kommen!“

Die Worte des Waldläufers kosteten die Oberin ein müdes Lach- en. Dennoch antwortete sie ihm: „Was genau willst du in deiner jetzigen Position gegen mich unternehmen? Kirana kann sich mir nicht widersetzen und DU wirst den Abend dieses Tages nicht mehr erleben! … Nichte, das war übrigens dein Stichwort! Töte diesen überheblichen Halbelfen, der es gewagt hat sich in mein Anwesen zu schleichen.“

Nichts geschah. Die Jägerin rührte sich keinen Millimeter. Sie kniete neben Loriins Leichnam, den sie sanft auf dem Boden zu- rechtgelegt hatte. Hasserfüllt starrte sie ihre Tante an.

„Los jetzt! Töte ihn!“, brüllte Santora, die ungeduldig aufge- standen war und auf sie zuging. Kiranas Blick bohrte sich in den der Oberin.

Zwischen zusammengepressten Zähnen, um den Schmerz in ihrem Kopf besser ertragen zu können, zischte die Kämpferin: „NEIN!“

Santora blickte sie wütend an. „Du wagst es dich mir zu wider- setzen?“

Mit einem festen Schlag ins Gesicht ihrer neuen Leibwächterin unterstrich sie ihre Worte.

Die Jägerin erwiderte nur: „Nein, ich werde ihn nicht töten, auch wenn es meinen eigenen Tod bedeutet!“

Während sie den Satz beendete, griff sie sich an den Kopf, ging vor lauter Schmerzen in die Knie. Ein Wimmern stahl sich über ihre Lippen. Der Waldläufer wollte sich aus dem festen Griff der ihn festhaltenden Wächter befreien, um zu ihr zu gelangen. Doch er wurde erneut zu Boden gestoßen, noch fester gehalten und konnte sich nun überhaupt nicht mehr bewegen. Die Oberin des Hauses Taraanirs schäumte vor Wut.

„Dann muss ich es wohl selbst erledigen!“

Magische Worte vor sich hin murmelnd, die Hand nach dem Waldläufer ausstreckend ging sie auf diesen zu. Torian begann zu röcheln, nach Luft zu schnappen.

In diesem Augenblick hörte man plötzlich ein dumpfes Grollen durch die noch offenstehenden Tore. Kurz darauf erschienen zwei schwarze Schatten im Türrahmen. Hadra und Odron waren her- eingeschlichen. Kirana hob mit fest in die Haare gekrallten Fingern ihren Kopf. Mit neuem Mut, neuer Kraft erfüllt, ob dieses Anblicks, erinnerte sie sich an ihre neu gefundene Fähigkeit, sich in einen Wolf zu verwandeln und tat dies augenblicklich. Ihr Körper begann sich zu verformen, ihre Arme veränderten sich, ihre Beine schienen sich zu verbiegen, ihr Gesicht wurde verschwommen, Haare begannen am ganzen Körper zu wachsen. Kaum berührten ihre vier Pfoten den Boden, sprang sie auf ihre sie entsetzt an- starrende Tante los, die fassungslos nur ein: „Was ...?“, heraus- brachte, bevor ihr mit wildem Knurren von den scharfen Reiß- zähnen ihrer zum Wolf verwandelten Nichte die Kehle heraus- gerissen wurde.

Leblos sank der Körper der Oberin mit noch immer weit aufgerissenen Augen zu Boden.

Die sich noch im Raum befindlichen Bediensteten inklusive der Wächter nahmen die Beine in die Hand und verließen, so schnell sie konnten die Bildfläche. Zwei der gefürchteten Schneewölfe waren eine Sache, aber ein dritter, vor allem wütender, mit den anderen befreundeter Schneewolf war zu viel des Guten. Sie wusst- en um die Kampffähigkeiten dieser Raubtiere. Wenn diese auch noch gemeinsam kämpften, waren sie schier unbesiegbar.

Eine große Blutlache breitete sich auf dem hellen Marmorboden des Audienzsaals aus, was die beiden Schneewölfe dazu veranlasste hinzutrotten, um daran zu riechen.

---ENDE DER LESEPROBE---