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Mai 1897: Der große Brand von Paris bedeutet für viele den Tod. Für vier Frauen ist er die Rettung
Während einer Wohltätigkeitsveranstaltung, einem prächtigen Basar mitten in Paris, bricht ein Feuer aus, das schnell auf die Kleider und Hüte der vorwiegend weiblichen Besucherinnen überspringt. Die Türen, die sich nur nach innen öffnen lassen, werden von den Massen blockiert. Innerhalb weniger Minuten sterben mehr als 120 Menschen. Für Alice und Adrienne, zwei Frauen der Oberschicht, bedeutet diese Katastrophe auch die Chance, sich von den Fesseln, die ihnen die Gesellschaft auferlegt, zu befreien, ihren ungeliebten Männern zu entfliehen und ihrem Herzen zu folgen. Währenddessen gelingt es der jungen Émeline und der Journalistin Lucile, im Chaos des Geschehens über sich hinauszuwachsen und sich neu zu erfinden.
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Seitenzahl: 379
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das Buch
Paris, 1897: Mitten auf einem prächtigen Wohltätigkeitsbasar bricht ein verheerendes Feuer aus, das rasend schnell auf die Kleider und Hüte der Besucherinnen überspringt. Die Türen lassen sich nur nach innen öffnen und werden von den Massen blockiert. Innerhalb weniger schicksalhafter Minuten sterben mehr als 120 Menschen.
Für Alice und Adrienne, zwei Frauen der Oberschicht, birgt diese Katastrophe eine seltene Chance, sich von den Fesseln, die ihnen die Gesellschaft auferlegt, zu befreien, ihren ungeliebten Männern zu entfliehen und ihrem Herzen zu folgen. Auch der jungen Émeline und der Journalistin Lucile gelingt es, im Chaos des Geschehens über sich hinauszuwachsen und sich neu zu erfinden.
Die Autorin
Odile Bouhier ist eine renommierte französische Drehbuch- und Krimiautorin. Der Basar des Schicksals ist ihr erster in Deutschland veröffentlichter Roman.
Odile Bouhier
Der Basar des Schicksals
Roman
Aus dem Französischen von Antoinette Gittinger
WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN
Die Originalausgabe LE BAZAR DE LA CHARITÉ erschien erstmals 2019 bei Michel Lafon, Paris.
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Deutsche Erstausgabe 11/2020
Copyright © Èditions Michel Lafon, 2019, Le Bazar de la Charité
Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Marcus Jensen
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von
Shutterstock.com (Atelier Sommerland, De Viso, Serg Zastavkin)
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-26756-8V002
www.heyne.de
Für Pierrot und Louisette, für ihre unermüdliche Unterstützung.
Für meine liebe Véronique und unsere Happy Hours, die diesen heiteren Basar getragen haben.
Seit man entlang der Champs-Élysées auf beiden Straßenseiten schnurgerade Reihen von Kastanienbäumen angelegt und hübsche Häuser gebaut hatte, war es nicht mehr so wie früher, als die Bürger einen weiten Bogen um diese Gegend machten. Damals streunten noch Wildkaninchen über das freie Gelände und durch die Gemüsefelder, und man traf nur auf Gärtner und Boulespieler. Nachts huschten Angst einflößende dunkle Gestalten zwischen den kaum beleuchteten Nachtlokalen, die in Gartenlauben und Bruchbuden eingerichtet worden waren, hin und her.
Heutzutage spazierte dort der moderne Bürger mit seiner Gattin am Arm, voller Bewunderung für die Parade der mit Wappen verzierten Landauer. An diesem Nachmittag fiel das gelbliche Licht der Sonne auf den Rond-Point der Champs-Élysées, der kreisförmig gesäumt war von frisch gepflanzten Bäumchen und den erst kürzlich in gleichmäßigen Abständen errichteten Straßenlaternen. Es fiel auch auf die vereinzelten Gruppen, die vor dem Bazar de la Charité miteinander sprachen. In diesem Jahr hatte der Basar seinen Platz in der Rue Jean Goujon, auf einem der letzten unbebauten Gelände dieses inzwischen sehr vornehmen achten Arrondissements, nicht weit entfernt vom Rond-Point. Die jährliche Wohltätigkeitsveranstaltung hatte den Zweck, Geld für die Unterstützung der Bedürftigsten zu sammeln.
Émeline verabscheute den heuchlerischen Begriff »bedürftig«, den doch wohl bloß die Reichen benutzten. Die Bourgeoisie fürchtete sich, das viel deutlichere Wort »arm« direkt auszusprechen. Sie lebten demnach in einer Illusion und waren überzeugt davon, dass Dinge nicht existierten, wenn man sie nicht aussprach. Gerade so, als ob hinter dem Elend kein bisschen Licht mehr zu sehen wäre! Hingegen hatte Émeline kein Problem damit, eine Katze eine Katze zu nennen. Siebzehn Jahre alt und nicht auf den Mund gefallen, mischte sie sich unter die anderen jungen Mädchen ihres Alters, die hierherkamen, denn dieser Bazar de la Charité war der ideale Ort, um zu zeigen, dass man zur abgeschotteten Welt der Pariser Oberschicht gehörte.
Bazar de la Charité …
Nur Dummköpfe wagten es, schlichtweg unvereinbare Wörter derart zu paaren. Zu dieser karitativen Veranstaltung, die von der Presse bejubelt wurde, waren die Aristokraten aus ganz Frankreich herbeigeströmt und fühlten sich geläutert, wenn sie dem Elendsviertel ihrer Belle Époque ein paar Krümel zukommen ließen.
Die oberen Zehntausend von Paris nutzten die Gelegenheit, um sich zur Schau zu stellen, und demonstrierten eine geheuchelte Großzügigkeit, die Émeline auf die Palme brachte. Das junge Mädchen seufzte tief: Diese »Belle Époque«, die in der Welt Furore machte, war nichts anderes als ein Selbstbetrug und interessierte nur diejenigen, die das nötige Geld für Prunk und Eleganz besaßen. Die Armen dieser Gegend hatten nichts »Bedürftiges«; sie kamen vielmehr in ihren ungesunden, schäbigen Hütten, die auf der anderen Seite der ehemaligen Befestigungsanlagen errichtet worden waren, vor Hunger um. Émeline wusste, wovon sie sprach, denn die Tuberkulose und der Hunger hatten ihre gesamte Familie getötet.
Diese ganze Maskerade machte sie wütend. »Sollen sie doch alle verrecken …«, murmelte die junge Anarchistin. Sie hatte es geflüstert, aber bei dem ohrenbetäubenden Lärm hier bestand ohnehin keine Gefahr, dass jemand sie hörte.
Eines musste man anerkennen: Auguste de Jeansin, der Vorsitzende des Organisationskomitees dieser gesellschaftlich hoch angesiedelten Veranstaltung, hatte keine Kosten gescheut, um den Ort und die Besucher mittels einer Zeitreise in eine Atmosphäre des Mittelalters zu versetzen. Dank seiner Verbindungen – genauer gesagt, der seines Schwagers Marc-Antoine de Lenverpré, Abgeordneter der Konservativen – hatte Auguste de Jeansin das Bild Straße von Alt-Paris zu einem guten Preis erworben, um seinen alten Gebäudetrakt in ein Château de Contes, ein Märchenschloss, zu verwandeln. Das Werk des Malers und Raumausstatters Chaperon war eine der Hauptattraktionen der Theater- und Musikausstellung gewesen, die ein paar Monate zuvor stattgefunden hatte. Nach dieser Vorlage also wurde das Elendsquartier in ein Luxushotel verwandelt. De Jeansin kalkulierte richtig, indem er die Gänge, in die Licht einfiel, durch diesen meistbesuchten Wohltätigkeitsbasar der Stadt aufwertete. So konnte er künftige Gäste sowie weitere potenzielle einträgliche Verträge für die Zeitung, deren Chefredakteur er war, gewinnen – falls er bankrottging. Denn de Jeansin, ein Anhänger des Fortschritts, ruinierte sich durch Patente aller Art, er meldete jede seiner Erfindungen beim Patentamt an, so unbedeutend und sonderbar sie auch sein mochten. Die Qualitäten dieses Mannes verkehrten sich schnell ins Gegenteil: Er war faszinierend, wurde aber manipulierbar wegen seiner Verschuldung für die Sache des Fortschritts.
Die Dekorationen, die er für die Wohltätigkeitsveranstaltung erworben hatte, bestanden aus Pappmaschee und Leinwand, mit Ölfarben bemalt. Sie sollten eine mittelalterliche Straße darstellen: zweiundzwanzig überdachte Stände, kleine Läden mit anheimelnden Aushängeschildern und in Trompe-l’œil-Technik ausgeführte Stockwerke. Zwei Tage zuvor hatten sich bei der Aufstellung der Verkaufsstände die Schirmherrinnen des Basars über den starken Luftzug beklagt. Daraufhin wurden sofort fast alle Ausgänge sorgfältig abgeschottet, damit der heftige Wind keine Chance mehr hatte hindurchzuziehen.
Es gehörte zum guten Ton bei dieser Wohltätigkeitsveranstaltung, die von den und für die Damen der Oberschicht ausgerichtet wurde, gesehen zu werden. Wurde man dort beachtet, war es noch besser. Angesichts der vielen Aristokraten und vornehmen Bürger, die sich hier zeigten, konnte man sagen, dass die Rechnung aufging: Der Basar hatte das unbebaute Gelände in der Rue Jean Goujon eindeutig zu dem einzigen Ort gemacht, wo man einfach sein musste. Die Wände waren sorgfältig mit Efeu und Blattwerk verziert, was naturverbunden und abgehoben zugleich wirkte. Émeline fand das ganze Ensemble schwülstig geschmacklos. Über alldem war ein riesiges Segeltuch gespannt, das an diesem vorzeitig eingetretenen Sommertag die Hitze noch erdrückender erscheinen ließ.
Bei Regen konnte sich das Gelände in ein Schlammloch verwandeln. Deshalb hatte man den Boden mit Fichtenholzbrettern belegt, für alle Fälle. Darüber war ein roter Samtteppich ausgebreitet, und an den Seiten standen üppige Pflanzen und Gaslaternen, was einen Eindruck von Pracht vermittelte. Vor Nässe wären die Stiefeletten der Damen und Herren der Oberschicht geschützt gewesen. Eine unnötige Vorsichtsmaßnahme, denn die Sonne brannte an diesem Donnerstag der Eröffnung gnadenlos auf Paris herunter, hinzu kam die durch die Hitze ausgelöste Beklemmung und die Zusammenballung von einigen Tausend Menschen.
In der Menge erspähte Émeline eine auffallende Blondine mit offenem Blick, die sich im Mittelgang vorwärtsbewegte. In ihrem Kleid aus puderfarbenem Musselin, das zum Pfirsichton ihres Teints passte, wirkte sie recht hochmütig. Es war Alice de Jeansin, die älteste Tochter des Organisators des herrschenden Chaos. Sie unterhielt sich mit ihrer Freundin Odette de La Trémoille.
Seitdem Émeline sie kannte, wurde Odette von ihrem Ehemann betrogen. Jeder wusste, dass er eine Geliebte nach der anderen hatte und es nicht einmal zu verbergen suchte. Der ungehobelte, abscheuliche Kerl pflegte mit seinen Hausmädchen zu schlafen und ihnen, falls nötig, auch Gewalt anzutun. Man brauchte nicht das Pulver erfunden zu haben, um zu erkennen, wie eindeutig schwanzgesteuert er war. Émeline wusste es aus sicherer Quelle von einer der Küchenhilfen, die bei der Familie Huchon angestellt war, der Herkunftsfamilie von Odette mütterlicherseits. Diese berichtete wahrheitsgemäß, dass de La Trémoille in der Nacht, als seine Ehefrau ein Kind zur Welt brachte, das Hausmädchen seiner Schwiegermutter schwängerte. Die noch nicht fünfzehnjährige Zofe musste abtreiben und starb während des Eingriffs, da die Engelmacherin die durch das Entfernen des Fötus hervorgerufene Blutung nicht eindämmen konnte.
Odette hatte von ihrer Mutter das Vermögen, das de La Trémoille gierig belauerte. Mürrisch war die Witwe auf der Hut und verachtete ihren Schwiegersohn, der ihrer Tochter außer den vielen Scherereien aber immerhin einen Adelstitel eingebracht hatte sowie einen Nachkommen: Thomas, sieben Jahre alt. Dieser ließ gerade die Hand seiner Mutter los, um nach Alices Hand zu greifen und dem jungen Mädchen in Richtung des Kinos zu folgen. Émeline bemühte sich, die Erinnerung an ihren kleinen Bruder zu verscheuchen, der im selben Alter von der Tuberkulose dahingerafft worden war. Sie näherte sich Odette, die gerade auf einen der Verkaufsstände zusteuerte.
»La Trémoille, der Hurensohn …«, flüsterte die Anarchistin Odette ins Ohr, als diese an ihr vorüberging.
Sie hatte besonders darauf geachtet und es genossen, das Adelsprädikat »de« wegzulassen. Schockiert erstarrte Odette de La Trémoille, als sie das hübsche junge Mädchen bemerkte, das sie gerade angesprochen hatte.
»Schande über dich, die Frau eines solchen Hurensohns zu sein«, beschimpfte Émeline sie und spuckte vor die Stiefeletten der vornehmen Dame.
Dann verschwand sie, von der dichten Menge verschluckt. Sie hatte zwei Polizisten in Zivil entdeckt, die zur Sicherheit vor Ort waren. Bei der Polizei kursierte das Gerücht einer Attentatsdrohung. Polizeipräfekt Maurice Leblanc hatte einen anonymen Brief ernst genommen, der behauptete, dass im Basar ein Attentat geplant sei. Sofort setzte er seine beste Mannschaft ein, die von Kommissar Hennion, und versicherte der Pariser Prominenz, sie habe nichts zu befürchten. Doch Émeline stellte amüsiert fest, dass die Polizisten gerade nur herumschlenderten und den Mädchen nachschauten. Als Bürgerin zurechtgemacht, mit einem kleinen Schleier über dem Gesicht und in einem luftigen Kleid, das gar nicht ihrem Stil entsprach, war Émeline nicht zu erkennen. Ihr Aussehen glich in keiner Weise den Fotos auf ihrem Meldeschein. Sie ging kein Risiko ein, entdeckt zu werden, war es vielmehr von jeher gewohnt, vorsichtig zu sein und den Polizisten nicht in die Arme zu laufen.
Als Émeline die Herzogin von Alençon, Präsidentin des Komitees für die Schirmherrschaft, erblickte, starrte sie diese einen Moment lang an. Sie musste zugeben, dass diese Frau von Welt mit ihrem hochgereckten Kinn zu Recht einen gewissen schwärmerischen Ruf genoss. In ihrem Gesicht harmonierten Ernst und Milde perfekt. Sie trug ein einfarbiges dunkles Kleid aus Perkal, dazu weder Federn noch Bänder: Die Herzogin legte Wert auf ein schlichtes, fast strenges Aussehen. Einen kleinen Hang zur Koketterie bewiesen die Handschuhe, die zu ihrem Handtäschchen passten, und ein mit Elfenbein umrandeter Seidenfächer. Obwohl Émeline nicht wissen konnte, dass er aus Bayern stammte, dem Herkunftsland der Herzogin, erkannte sie doch, dass es sich um ein wunderschönes Accessoire handelte. Die Herzogin hatte das Glück, mit einem überaus reichen und dazu noch treuen Mann verheiratet zu sein.
»Kein Gott und kein Herr«, murmelte Émeline vor sich hin und fixierte »die« von Alençon: Auch wenn die Herzogin unbestechlich war, so blieb eine dreckige Aristokratin doch eine dreckige Aristokratin, das Gift ihrer Herkunft floss in ihren Adern, und Émeline duldete das nicht.
Ausgerechnet am Stand des Noviziats, den die Herzogin betreute, hatte Émeline ihre gebastelte Bombe versteckt. Die junge radikale Frau jubelte innerlich, hier zu sein, und fühlte sich wie eine hungrige Wölfin im Schafstall.
Über viele Monate hatte sie ihren Plan geschmiedet: Sie wollte die Urheberin des respektlosesten Attentats seit fünf Jahren sein. Kam nicht für denjenigen, der warten konnte, alles zur richtigen Zeit?
Erster Teil
»Ein Wolf im Schafstall …« Jedes Mal, wenn Lucile einen Geistesblitz hatte, kramte sie das Notizbuch und den Stift heraus, um ihn aufzuschreiben. Als ehrgeizige freie Journalistin von zweiundzwanzig Jahren grübelte sie über die Schlagzeile ihres nächsten Artikels nach. Er würde ihre verdeckte Investigation in der Frauen-Psychiatrie an der Klinik Sainte-Anne schildern, die schlimmen, ja missbräuchlichen Behandlungsmethoden, die die Patientinnen dort ertragen mussten. Um bei ihren Recherchen die gleichen Bedingungen wie die Patientinnen vorzufinden, hatte Lucile eine Geisteskrankheit simuliert und sich einweisen lassen. Ein gewagtes Vorhaben, das den Respekt mancher Kollegen ihr gegenüber noch vergrößerte, während andere aus Eifersucht ihre Methoden als Humbug abtaten.
Lucile de Mermet stellte bereits für sich allein einen Roman dar. 1892 wurde sie erst Assistentin, dann Schülerin von Séverine, der ersten Chefredakteurin von Le Cri du Peuple. Anschließend war sie »der« Sekretär von Séverine geworden.
Unter Séverine hatte Lucile den Journalismus gelernt, sich mit dem Sozialismus vertraut gemacht und ihre Leidenschaft für die Wahrheit entdeckt. Lucile hatte Séverine im Auftrag des Le Figaro nach Rom begleitet und sogar an der Audienz teilgenommen, die Papst Leo XIII. der »Päpstin« der französischen Presse gewährt hatte. Diese meisterhafte Lektion von Fragen und Antworten blieb Lucile noch lange in Erinnerung. Séverine leitete nun La Chouette und achtete darauf, dass es kein Blatt des Anstands und der Moral wurde, wofür ihr Lucile dankbar war.
Gerade als Lucile die Reportage über den Alltag der angesehenen Feuerwehrbrigade von Paris beenden wollte, lernte sie Mattéo kennen. Der Sergeant, sechsundzwanzig, der eine glänzende Karriere vor sich hatte, war nicht gerade ein Hüne, aber sehr kräftig: Da er täglich Sport und Gymnastik trieb, was sein Beruf erforderte, wirkte sein ohnehin schon athletischer Körper wie eine Skulptur von Rodin. Jedenfalls dachte Lucile an Rodin, wenn sie Mattéos Muskeln bestaunte. Die sanfte Geschmeidigkeit in Verbindung mit seiner kräftigen Umarmung machten diesen Liebhaber einmalig. Die beiden fanden echten Gefallen aneinander, das war nicht zu leugnen. Manchmal kann man nicht alles erklären.
Mattéo stellte sich keine Fragen. Lucile war für ihn sexuell die Erfüllung, er bewunderte ihre sinnliche Unbeschwertheit. Alle Frauen, die er bisher gekannt hatte, erschienen ihm blass und bedrückend mit ihren engstirnigen Wünschen nach Ehe, Familie und einem kleinen, geordneten Leben. Ihm selbst, der das Reisen und das Alleinsein liebte, bereiteten diese bürgerlichen Muster Unbehagen. Mit Lucile dagegen gab es kein Missverständnis: Sie wollte sich nicht binden, und noch weniger hatte sie Lust auf Kinder.
Am meisten aber liebte Mattéo ihre Fähigkeit zuzuhören, ohne zu urteilen. Vielleicht würde er ihr eines Tages sein Geheimnis anvertrauen … Manchmal fühlte er sich total hingezogen zu lodernden Flammen und war beherrscht von dem seltsamen Wunsch, mit ihnen zu kommunizieren. Aus Angst, seine Vorgesetzten und seinesgleichen könnten ihn für geisteskrank halten, hatte er nie ein Wort darüber verloren, dass er, wie eine Vorahnung, den Brand in der Oper gespürt hatte, noch bevor dieser ausgebrochen war. Dies hatte es ihm ermöglicht, als Erster vor Ort zu sein und das Schlimmste zu verhindern.
Außerdem kannte er Paris durch und durch, die Monumente der Stadt, die ihre Kulissen bildeten, und die nagelneuen Haussmann-Gebäude sowie die zahlreichen Projekte der Politik, die Großbauten, die nie fertig wurden. Mattéo liebte seine Stadt, und seine Zugehörigkeit zu deren Feuerwehr war gewissermaßen die schönste Liebeserklärung, die er Paris machen konnte. Paris retten oder für die Stadt und ihre Bewohner sterben – er verkörperte das Hohe Lied der Feuerwehrleute und ihrer dunklen Rauchsäulen aufs Beste.
Wenn es um das Meistern von Gefahren ging, zeichnete sich Mattéo ganz besonders aus: Eine Rettung erforderte das schnellste Handeln, und die Unmittelbarkeit war die herausragende Eigenschaft dieses glänzenden Brand- und Rettungstechnikers. Hinzu kam seine Leidenschaft für die Entwicklung neuer Einsatzgeräte. Alle glaubten, dass die Karriere dieses sportiven Mannes bemerkenswert sein würde.
Lucile und Mattéo trafen sich im Schlafsaal der Brigade. Es war ihm gelungen, sich vom Gymnastiktraining zu befreien, um sie zu sehen. Lucile durfte zwar den Schlafsaal nicht betreten, aber die Kollegen einigten sich untereinander, damit jeder seine Privatsphäre wahren konnte. In dieser Welt von Männern und Dramen spielte Leichtigkeit eine besondere Rolle. Die Soldaten des Feuers, die täglich mit dem Tod konfrontiert wurden, fanden es fast schon notwendig, dass der Körper ab und zu sein Verlangen stillen konnte. Die Vorgesetzten drückten großzügig die Augen zu angesichts der Schäferstündchen der Rekruten, solange diese nicht die Stärke der Gruppe gefährdeten. Auf jeden Fall war Mattéo mit seinem Sachverstand unentbehrlich. Auch wenn er diesen hohen Status nicht missbrauchte, verstand er es, ihn zu nutzen. Schließlich war es bisher ein ruhiger Tag gewesen. Er hatte morgens ein Kind vor dem Ertrinken gerettet: eine Routinesache. Mit Lucile setzte er nun das Sprichwort »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen« in die Tat um.
Der Sex mit ihr war völlig unbefangen. Sie bemühte sich, seinen Wunsch zu erfahren – sei er intellektuell oder sexuell –, und dieses Leitmotiv hatte sie zur Lebenskunst erhoben. Sie hatte immer zwei oder drei Liebhaber gleichzeitig, ohne sie sammeln zu wollen. »Setz nicht alles auf eine Karte«, wiederholte ihr Séverine ständig. Höchst diskret betrieb sie ohne Scham Vielmännerei, was sie jedoch nicht daran hinderte, sofern ihre Konzentration es erforderte, auch mal mehrere Monate lang keusch zu bleiben.
Lucile zog die Blicke auf sich. Vor allem die Männer waren fasziniert von ihren feinen Zügen, ihrem frischen Teint und ihren großen Augen, grün wie Gebirgsseen. Ihr natürlich geschwungener Mund erinnerte an bestimmte Ikonen. Doch trotz ihres Aussehens war sie keineswegs ein Unschuldsengel.
»Wenn du einen Monat weg bist, könnte ich dich besuchen …«
Mattéo streichelte ihren Hintern, während er mit ihr sprach. Er war gut aussehend und glatt rasiert, aber vor allem hatte er es deshalb in ihre sehr anspruchsvolle Rangliste der Besten geschafft, weil er sich, was selten bei einem Mann vorkam, für die weibliche Lust interessierte. Lucile lächelte ihn an und wölbte genießerisch ihren Leib. Niemals würden Mattéos Vorgesetzte es ihm erlauben, vier Wochen fortzubleiben, das wussten sie beide. Und sie wussten auch, dass Lucile, die aus beruflichen Gründen verreiste – sie legte zu einer Zeit, da die Selbstständigkeit des »schwachen Geschlechts« auf ein Mindestmaß reduziert war, großen Wert darauf –, mit ihrem Thema allein sein wollte. Beide Liebenden hatten die Leidenschaft für ihren Beruf gemeinsam: die Sorge um das Leben der anderen.
Lucile, die aus dem vornehmen Passy stammte und dessen Privilegien genoss, hatte Geld von ihrer Familie geerbt. Statt sich ein schönes Leben zu machen, legte sie es gewinnbringend an und gönnte sich den Luxus, umfangreiche Reportagen für angesehene nationale Tageszeitungen zu schreiben. Als Feministin, Demokratin und Sozialistin setzte sie ihre provozierenden Vorstellungen unverfroren gegen die ihres Vaters, eines eingefleischten Republikaners. Er empfand aber zu viel Liebe und auch Stolz für dieses Mädchen (das einzige unter sechs Jungen), um ihr die unerhörten anarchistischen Ansichten übel zu nehmen. Sie war kultiviert und rebellisch, die idealen Voraussetzungen für Erfolg …
Mattéo war im Viertel Saint-Médard aufgewachsen. Er war der Sohn von Ramon, einem Gerber vom Fluss Bièvre, Nachkömmling eines spanischen Seemanns, und von Valeria, einer Italienerin. Er war der einzige Sohn. Sein karamellfarbener Teint war das Ergebnis einer glücklichen Mischung: Ramons Vater hatte auf der Gewürzroute bei einem Zwischenstopp in Sansibar Zelia kennengelernt. Sie war schwarz wie Ebenholz und starb leider bei Ramons Geburt. Laut der Familiengeschichte hatte Mattéos Großmutter vom anderen Ende der Welt ihm die langen Wimpern vererbt und seine italienische Mutter die lustigen Augen. Von seinem Vater hatte er die breiten Schultern und die bernsteinfarbene Haut, die Lucile so gern streichelte. Sie hatte ihm verschwiegen, dass es das erste Mal war, dass sie einen aufreizenden Körper nackt sah, das erste Mal, dass sie einen so attraktiven Mann berührte, und das erste Mal, dass sie so viel Sinnlichkeit und Wollust erlebte. Denn sie gehörte nicht zu denen, die ihr Herz auf der Zunge tragen. Lucile zog Taten großen Worten vor. Sie hatte Probleme mit Versprechungen und gab auch keine. Das traf sich gut, denn Mattéo war genauso eingestellt. Es kam recht selten vor, dass die beiden Liebenden aneinanderklebten, doch in den letzten Wochen sahen sie sich bemerkenswert regelmäßig.
»Lass dich fallen«, säuselte sie ins Ohr ihres Geliebten, während sie sich in den Armen lagen.
Er knabberte am Nacken der hübschen Journalistin, konnte spüren, wie sehr sie das genoss. Bei jeder Berührung erbebte ihr Körper. Das Mädchen verwöhnte ihn mit ihren Liebkosungen und erregte ihn. In ihren Armen fühlte er sich lebendig und vergaß die Bilder von Flammen und Leichen, die seine Tage und Nächte als Feuerwehrmann füllten. Natürlich wusste er nicht, dass sie noch andere Liebhaber hatte, er war überzeugt, der Einzige zu sein, wenn er mit ihr schlief. Sie umarmten sich, um ihr Stöhnen und unkontrollierbares Zittern zurückzuhalten.
Die Tiefe ihres strahlenden Blickes steigerte sich noch, wenn sie den Höhepunkt erreichte. In ihren Augen blitzten dann einen Moment lang goldene Funken auf, als wenn sie ein Feuer entzünden könnten. Weil er seinen Beruf ernst nahm, beunruhigte Mattéo diese schlichte Tatsache mehr, als er sich eingestehen wollte.
Der Gesandte des Vatikans, der gekommen war, um den päpstlichen Segen zu überbringen und den Basar zu eröffnen, wollte gerade aufbrechen. Er wurde innerhalb von zweiundsiebzig Stunden im Vatikan zu einem Fest zurückerwartet und hatte daher nicht vor, ewig zu bleiben. Fast zweitausend Gäste schlenderten durch den Mittelgang zwischen den Verkaufsständen und dem heiß ersehnten Kinematografenapparat.
Da Émeline sich ausgerechnet hatte, dass ihre Bombe während der Erteilung des religiösen Segens hochgehen würde, machte sie sich nun Sorgen. Der Zeitpunkt der Explosion sollte mit der für diese frömmlerische Aristokratie bedeutsamen Handlung zusammentreffen, die Émeline genauso ärgerte wie die Kirche an sich. Émeline liebte die Symbole. Deshalb war die Kirche der Auslöser für das Attentat gewesen, und deshalb hatte sie sowohl diesen Ort als auch dieses Datum dafür gewählt. Die Mitglieder ihrer anarchistischen Zelle hatten ihre Wahl nicht gebilligt, denn sie lehnten Gewalt eher ab. Durch Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft war es Émeline jedoch insgeheim gelungen, zwei Kameraden zu bewegen, ihr zu helfen. Seit Monaten hatte ihre Gruppe diese Aktion vorbereitet. Sie konnte nicht verstehen, warum das Dynamit, das sie sorgfältig im Sockel einer Heiligenstatue, die die Herzogin zum Verkauf anbot, versteckt hatte, nicht detoniert war. Gab es einen Fehler bei der Einstellung des Zeitpunkts der Zündung? Was hatten die Kameraden, die ihr geholfen hatten, die Bombe zu basteln, übersehen? Wut tobte in ihr. Was nutzte es, sich mit diesen verdammten Bürgern anzulegen, wenn der Anschlag misslang? Es wurde Zeit, dass die Bombe explodierte!
Sie versuchte, sich einen Weg bis zum Verkaufsstand zu bahnen, um die Ladung ein letztes Mal zu überprüfen, doch vergeblich. Um sechzehn Uhr siebzehn strömte der Großteil des Publikums zum Kinematografensaal und riss Émeline mit sich, in die entgegengesetzte Richtung. Die Hitze war drückend, die Stoffe der Kleider waren gestärkt, und die Schleppen, so lang wie Tischläufer, berührten sich ständig in diesem viel zu kleinen Raum. Auf einmal spielte ihr Puls verrückt. Émeline bewegte sich langsamer, nahm sich Zeit, wieder Atem zu schöpfen; ihr Herz schlug zum Zerspringen. Das Rascheln all der Kleider rauschte ohrenbetäubend in ihrem Kopf.
Das junge Mädchen stöhnte und lehnte sich gegen eine Kulissenwand. Sie hatte Durst, fühlte sich nicht wohl und musste zweimal hinschauen, bis sie den jungen Mann erkannte, der von rechts auf sie zukam: Victor Minville. Er trug ein Tablett mit appetitlich aussehenden Petit Fours. Émeline wandte den Kopf ab, damit er sie nicht bemerkte. Der hübsche Bengel war Hilfskoch im Palais, dem Hotel, das an den hinteren Teil des Basars angrenzte. Émeline konnte sich den Luxus eines solchen Restaurants nicht leisten, und wenn sie mit Victor in Kontakt kam, geschah es anlässlich von Anarchistentreffen im Boucan, einem politisierten Schuppen, der allgemein bekannt war. Bei einigen Treffen hatte Émeline Victors Charme entdeckt, doch nach ihrem Geschmack war er viel zu pazifistisch und theoretisch. Sie hatten nicht dieselbe Vision von einer Revolution. Victor war nicht über das geheime Attentat informiert. Und es war undenkbar, sich so kurz vor dem Ziel zu verraten.
»Meine Damen, meine Herren, die Vorführung bewegter Bilder beginnt jetzt«, verkündete plötzlich die Stimme eines eleganten, livrierten Herrn, der eine Kupferglocke schwenkte.
Es würde ihr nie und nimmer gelingen, den Stand der Herzogin zu erreichen; sie müsste bis zum Ende der Schau warten, um dorthin zu gelangen. Die allgemeine Aufregung überzeugte Émeline schließlich davon, die Vorstellung zu nutzen, bevor sie nach ihrer Bombe sehen würde. Da die Plätze sehr knapp waren, hatte sich der Rest der Menge vor der Drehtür zusammengedrängt und genoss das Programm kostenlos.
Immerhin war es eine Chance, an dieser Vorführung beweglicher Bilder teilzunehmen, auch wenn sie etwas experimentell war. De Jeansin, der Organisator, war besessen davon, und die Schau trug sein Markenzeichen, war seinem Eifer zu verdanken. Er freute sich über die Anzahl der Leute und schätzte, dass die Warteschlange sich über zweihundert Meter erstreckte. Hätte er diesen Erfolg vorausgeahnt, hätte er die Eintrittskarten zu einem hohen Preis verkauft. Ansonsten war er sehr stolz auf seine Organisation: Damit ihn niemand übers Ohr hauen konnte, hatte er den Eingang zum Kinematografensaal verengt und eine Drehtür installiert, was es nach einem von ihm erfundenen System möglich machte, jeden der Besucher zu erfassen.
Émeline erblickte Alice de Jeansin. Rose, das Hausmädchen von Alice, eine zurückhaltende hübsche Brünette, hatte den kleinen Thomas de La Trémoille in ihre Obhut genommen und somit einem jungen Mann die Chance eingeräumt, Alice den Hof zu machen: Julien de La Ferté. Dieser reiche elternlose Mann, der in Paris wegen seiner konservativen und reaktionären Ideen bekannt war, strebte eine politische Karriere an. Genauso hässlich wie dumm, machte sich Émeline innerlich über ihn lustig und stellte fest, dass Alice sich schon zu Tode langweilte.
Émeline fiel es schwer, den Blick von Alice zu lösen. Sie fühlte sich wie ein Liebender angezogen. Sie hatte bereits die Gelegenheit gehabt, der Mademoiselle de Jeansin im Bois de Boulogne zu begegnen, als diese vorbeiritt. Immer wenn sie die junge Frau traf, spürte Émeline ein Prickeln und eine Hitze in ihrem Unterleib, wurde überwältigt von unbändigem Verlangen. Sie war wütend auf sich selbst, weil sie ein Mädchen begehrte, noch dazu eine vornehme Bürgerin. Émeline befand sich in ständigem Kampf gegen alles und jedes, sogar gegen ihre eigene Begierde. Nie hatte sie die Bedeutung von Milde erfahren, das Leben hatte ihr dafür nicht die Zeit gelassen.
Plötzlich hörte man eine Verpuffung, kurz und fast geräuschlos. Gleichzeitig wurde es dunkel im Vorführraum. »Ein Böller hätte mehr Krach gemacht«, fluchte Émeline gedemütigt. Sie begriff nicht, was die Kameraden und sie mit dem Dynamit angestellt hatten, da es wohl nur kurz aufgeflackert war. Die Zuschauer zeigten keinerlei Unruhe, sie zuckten lediglich ein wenig zusammen. Émeline vernahm sogar hinter sich, wie ein junges Mädchen sich begeisterte, überzeugt davon, dass der Knall den Auftakt der Festivitäten bedeutete. Sollen sie doch alle verrecken …
Als knapp dreißig Sekunden später Flammen an den Vorhängen hochzüngelten und den Raum in glutrotes Licht tauchten, brach Panik aus. Es war etwa sechzehn Uhr zwanzig. Die Rebellin trampelte vor Genugtuung, weil die Flammen sich blitzschnell in einer Kulisse ausbreiteten, die einem Dekor der komischen Oper La Basoche glich. Endlich kam ihre ruhmreiche Stunde. »Wie viel kosten Lügen?«, war die letzte Frage, die Émeline vernahm, bevor sie in Ohnmacht fiel. Es war die Stimme eines Kindes.
Einheitspreis, nicht verhandelbar, niemals umsonst. Das war Luciles Philosophie. Wenn sie ihre Artikel an den Meistbietenden verkaufte, zog sie keinen großen Profit daraus. Sie musste nach wie vor die Recherchen selbst finanzieren und sie auch lange, gründlich und gesellschaftsverträglich durchführen. Dann bot sie diese den Lesern an, von denen immer mehr ihre kritische Feder schätzten, was allein für sie zählte. Da sie Humanistin war, beanspruchte die Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit ihre ganze Zeit. Noch nie hatte ein Journalist, schon gar nicht eine Frau, die Erlaubnis erhalten, den Offizier Dreyfus zu treffen, den man wegen angeblichen Landesverrats ins Gefängnis gesteckt hatte. Er war nun auf der Île du Diable vor der Küste von Französisch-Guayana in Südamerika inhaftiert. Mit diesem Interview hätte Lucile die Reportage des Jahres ergattert! Als ihre Eltern von ihrem Projekt, auf der Teufelsinsel zu recherchieren, erfahren hatten, schlugen sie spontan vor, einen Freund der Eltern, den Polizeipräfekten Leblanc, zu bitten, ihr Gesuch zu prüfen. Sie wollte sich mit Dreyfus in einer Zeit treffen, in der sich dessen Unschuld immer mehr abzeichnete und alles auf einen anderen Schuldigen und zahlreiche involvierte Funktionäre hindeutete. Einer ihrer Verehrer, ein Abgeordneter, hatte ihr ebenfalls angeboten, mit Leblanc darüber zu sprechen. Lucile wusste nicht, dass der Polizeipräfekt ihren Eltern sowie ihrem Liebhaber noch mehrere Gefälligkeiten schuldig war, darunter einige Tausend Francs.
Jedenfalls hatte Leblanc Luciles Vorhaben genehmigt. Es war der jungen Reporterin egal, wer von diesen – ob ihre Mutter, ihr Vater oder ihr Liebhaber – den Präfekten überzeugt hatte: Nur dieses »Sesam, öffne dich« zählte. Sie würde eine anstrengende, zweiwöchige Hinreise überstehen müssen, zwei Wochen vor Ort verbringen, dabei unter denselben Bedingungen wie Dreyfus leben und wiederum zwei Wochen für die Rückfahrt nach Hause benötigen, eine Zeit, die sie nutzen würde, um ihre Artikel auszufeilen.
Sie rechnete sich aus, dass sie spätestens zum Ball am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli, zurück in Paris sein könnte. Ein ideales Datum, um ihren Feuerwehrmann wiederzusehen, überlegte sie und beobachtete dabei Mattéo. Er hing mit seinem schlanken, muskulösen und schweißbedeckten Körper an einer Querstange und machte Klimmzüge. Die Energie dieses Mannes faszinierte sie. Sie hatten gerade miteinander geschlafen, aber er war nicht erschöpft, blieb immer in Bewegung. Es stellte sich überhaupt die Frage, ob er wohl manchmal schlief. Zwei Papageien in einem Käfig, der auf einer Kommode stand, fingen an zu kreischen. Lucile lächelte insgeheim. Ihre Reise zur Teufelsinsel sollte nächste Woche beginnen. Sie musste ihre Recherchen bei der Feuerwehrbrigade BSPP beenden und schnellstens ihren Artikel abliefern. Sie räkelte sich nackt in den Laken und genoss den Moment.
Bei den Feuerwehrchefs hatte sie darauf bestanden, während ihrer Zeit bei der Brigade des sapeurs-pompiers de Passy (BSPP) eine Feuerwehr-Uniform zu erhalten. Um sich dadurch besser in die Lage der Personen zu versetzen, genau wie bei Studienobjekten. Wenn sie sich unauffällig in ihr Umfeld einfügte und sich diesem anpasste, wäre es leichter, an die Männer heranzukommen. Sie erwähnte nicht, dass sie einfach jede Gelegenheit nutzte, um kein Korsett zu tragen. Sie schätzte den Komfort und die Bewegungsfreiheit, die ihr die Männerkleidung bot.
Lucile knöpfte ihre Uniformhose zu, die überaus gut an ihre Größe angepasst war. Sie war marineblau und wurde unten durch ein Gummiband festgehalten. Dann zupfte sie ihren gestreiften Pullover zurecht, glättete ihre vom Liebesspiel zerzausten Haare und griff nach ihrem Fotoapparat. Ein Magnesiumblitz zuckte auf und verewigte Mattéo, der mit nacktem Oberkörper Klimmzüge machte. Ein Rinnsal aus Schweiß lief seine Wange herunter. Lucile musste unwillkürlich an die allegorische Figur der weinenden Madonna denken.
»Hast du niemals Angst?«
»Wovor?«
Lucile fand nicht die Zeit, ihm zu antworten: »… diesen Beruf auszuüben«, denn er sprang auf die Füße, stellte sich vor sie und umarmte sie.
»Zu sterben oder zu leben?«, wollte er wissen und küsste Lucile zärtlich auf den Hals.
Plötzlich sah er zum halb offenen Fenster, als ob ein Phantom erschienen wäre. Sie befanden sich hier im fünften Stock. Der Blick über die Seine war majestätisch, das Sonnenlicht strahlte auf den Arc de Triomphe. Lucile konnte nicht nachvollziehen, warum Mattéo plötzlich so ernst war.
»Spürst du es nicht?«, fragte er besorgt.
Lucile schnupperte in die Luft: kein Geruch wahrnehmbar.
»Nein. Was ist denn?«
»Das Feuer, der Rauch, spürst du es nicht?«, wiederholte er und trat ans Fenster.
Er blickte auf Paris hinunter, schloss die Augen, wie um sich den Anblick einzuprägen. Dann wurde er ohne einen sichtbaren Grund unruhig und geschäftig, was Lucile einen Moment lang die Sprache verschlug. Sie begriff aber, dass Mattéo nicht scherzte, als er in seine schwarzen Lederstiefel schlüpfte und, ohne diese zuzubinden, nach seiner Schutzweste griff und schrie:
»Es geht los!«
Lucile schenkte sich einen Kommentar und folgte ihm.
Sie glitten an einer senkrechten Stange hinunter und purzelten in den Flur, an dessen anderem Ende, im Baderaum der Kaserne, ein Soldat gerade seine Rasur beendete. Der Mann trocknete schnell das Gesicht ab und rannte aus dem Raum.
»Feuer! Feuer!«, rief Mattéo, obwohl noch niemand Alarm geschlagen hatte.
Im Ruheraum, der an die Einsatzzentrale grenzte, trank Arthur Krebs, Ingenieur und diensthabender Branddirektor, gerade Tee mit etwa zehn Feuerwehrleuten, die von einer Schwimmübung zurückgekehrt waren. Sie unterhielten sich lebhaft, als sie Mattéo hörten.
Dieser platzte herein, Lucile dicht dahinter.
»In die Stiefel, in die Stiefel!«
Major Krebs war froh, diesen hervorragenden Mann in sein Team aufgenommen zu haben. Mattéos Fähigkeit, eine Katastrophe, welcher Art sie auch sein mochte, zu spüren, noch bevor sie eintrat, war von großem Nutzen. Krebs sah darin keinerlei schwarze Magie oder ein Geschenk des Himmels, eher einen realen Vorteil, um die Einsatzstatistik seiner Brigade aufzuwerten.
Es kam vor, dass seine Leute dank Mattéo schon am Unfallort waren, wenn der Unfall sich gerade eben ereignet hatte – was die Rettungschancen erhöhte. Auch nicht zu verachten war es dann, wenn Krebs seinen Vorgesetzten gegenüber Rechenschaft ablegen sollte, um den Erfolg seiner Brigade zu verteidigen und ein Budget zu sichern. Das war die Triebfeder für diesen Ingenieur, der wusste, was gute Ausrüstung und die bessere Betreuung der Unfallopfer kosteten.
Zehn Jahre zuvor hatte Krebs größte Mühe gehabt, die Einstellung des jungen dunkelhäutigen Mannes durchzusetzen. Der kaum verhüllte Rassismus seiner Vorgesetzten hatte ihn empört. Dieser Mattéo war ein Spitzenmann – und allein das zählte! Letztlich hatte es Krebs geschafft, und niemand sollte seine Entscheidung bereuen. Der junge Mann repräsentierte voller Stolz die Farben der Feuerwehr, vor allem aber die Wertvorstellungen der Brigade; seine Arbeit und sein Engagement waren beispielhaft, wenn nicht gar visionär.
In der Einsatzzentrale warf Mattéo einen flüchtigen Blick auf die Wandtafel und lud sich seinen Interventionsbeutel auf die Schulter. Sekundenschnell verbreitete sich der Alarm in der gesamten Kaserne, Feuerwehrleute rannten die Treppen hinunter.
Lucile begriff, dass sie jetzt unmittelbar an einem Einsatz der BSPP teilnahm. Noch nie hatte sich einem Journalisten die Gelegenheit geboten, diese Elitebrigade hautnah mitzuerleben. In der Laufbahn eines Reporters war dies ein seltenes Privileg, und das durfte man sich nicht entgehen lassen.
»Kann ich mitkommen?«, fragte Lucile, die sich, von der Hektik angesteckt, den Fotoapparat bereits umgehängt hatte.
Mattéo warf ihr einen prüfenden Blick zu: Sie hatte ihre Sachen zusammen und war bereit. Als Antwort reichte er ihr einen Schutzhelm aus Messing.
»Du bleibst dicht hinter mir und tust, was ich dir sage, kapiert?«
»Ja.«
Lucile hatte das Gefühl, dass ihr Flügel wuchsen; sie vertraute ihrem guten Stern … denn wer sonst würde ihr erlauben, immer zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein?
»Steig hoch!«
Lucile kletterte auf das dreirädrige Hippomobil und richtete sich hinten ein. Mattéo sprang ebenfalls hinein, und der Wagen fuhr aus dem Kasernengelände hinaus, gefolgt von einem Löschfahrzeug. Der für die Dampfpumpe zuständige Feuerwehrmann stand hinten auf dem Trittbrett. Alles hatte man erst vor knapp zwei Stunden genauestens überprüft. Die Ausrüstung musste bis ins kleinste Detail ständig einsatzbereit sein. Wie immer war Mattéos Team das schnellste. Die umfassenden Übungen, zu denen Krebs seine Männer täglich anhielt, zahlten sich aus.
»Los, los! Ça décale!«
Lucile lächelte. Sie hatte diesen Ausdruck, der den Start zu jedem Einsatz signalisierte, während ihrer Zeit bei den Feuerwehrleuten noch nie gehört.
»Hm … ja … Aber wohin geht es denn, Sergeant?«
Krebs warf Mattéo einen fragenden Blick zu, der an seiner Stelle antwortete:
»Zu den Champs, und zwar schnellstens.«
Auf der Straße war immer noch kein Feuermelder zu hören, aber Mattéo schien sich sicher zu sein. Deshalb trieb der Kutscher die Pferde an, die in Richtung Pont de l’Alma lospreschten.
Lucile machte sich im Hippomobil ganz klein. Zwei Feuerwehrleute schlüpften noch schnell in ihre Hose, drei weitere schnürten ihre Stiefel und lauschten dabei den Anweisungen ihres Teamchefs: Mattéo erinnerte sie an die Besonderheiten der Haussmann-Gebäude, die erst vor Kurzem erbaut worden waren. Vermutlich würde ihr Einsatz in einem dieser Gebäude stattfinden, einem wahren Kriegsschauplatz für die Feuerwehrleute von Paris.
Mattéo suchte den Horizont mit dem Fernglas ab und fragte sich, wo sich seine Eingebung materialisieren würde. Noch immer sah niemand Anzeichen eines Brandes, nicht einmal Rauch.
Doch plötzlich ertönte ein Knall, und sehr bald darauf schoss ein Funkenregen in die Höhe. Es war wie schon so oft kaum zu begreifen, dass Mattéo sich nicht geirrt hatte! Einen kurzen Moment lang fragte sich Lucile, warum man zu dieser Zeit und an diesem Tag des Jahres ein Feuerwerk hochgehen ließ.
»Zwischen den Champs-Élysées und der Place de la Concorde!«, schrie Mattéo.
Machtlos beobachteten sie, wie sich vor ihren Augen die Funken in eine lodernde Flamme verwandelten. Als ob sie nach langem Eingeschlossensein aus der Büchse der Pandora entwichen und jetzt entfesselt wären.
Das Feuer. Lucile beobachtete Mattéo, der gebannt hinhörte. Er kannte nur allzu gut die Geräusche, die bei einem Brand auftraten: die am Anfang und die, wenn er sich entfachte … Jede Phase verursachte ein anderes Geräusch, und Mattéo besaß die Gabe – sofern es nicht ein Fluch war –, dies zu erkennen.
Als ein Prasseln erklang, wusste er, dass die Feuersbrunst sich jetzt mit voller Wucht ankündigte und schnelles Handeln erforderlich war.
»Verdammt, es ist der Bazar de la Charité, Rue Jean Goujon siebzehn!«, schrie er dem Kutscher zu.
Weit und breit war kein Haus zu sehen. Zum Glück hatte Mattéo, der ständig sein Wissen über diese Stadt erweiterte, auch Informationen über die Struktur des Basars eingeholt.
»Ein freies Gelände inmitten von vornehmen Wohnungen. Das Gebäude selbst besteht aus Holz, ich glaube, aus Tannenholz«, fügte er mit ernster Miene hinzu.
Die Feuerwehrleute zogen sich ihre Schutzanzüge über, während das Hippomobil am Quai Debilly vorbei in Richtung des Basars fuhr. Wenige, doch mächtige Flammen stiegen dort, wo die Explosion stattgefunden hatte, säulenförmig empor.
»Es gibt nicht einmal Rauch, nur Flammen … Das sieht nicht normal aus …«, bemerkte ein Feuerwehrmann, stutzig geworden.
»Ein Anschlag?«, fragte Lucile.
»Ich weiß es auch nicht, aber es brennt gewaltig«, erwiderte Mattéo.
Der Kutscher trieb seine Pferde immer wieder mit der Peitsche an. Hinten auf dem Trittbrett versuchte der für die Pumpe zuständige Feuerwehrmann, das Gleichgewicht zu halten. Währenddessen warf er Holzscheite ins offene Feuer, um den notwendigen Dampfdruck der Wasserspritzen zu erzeugen. Je mehr sie sich dem Basar näherten, desto dichter wurde die Menschenmenge. Sie überholten eine Gruppe von Geistlichen. Der Kutscher lenkte seine Pferde mit Entschlossenheit und Geschick durch das Gedränge.
»Das Problem ist das Dach«, meinte Mattéo. »Es besteht aus geteerter Leinwand, und im Inneren hängt unter der Decke ein Sonnensegel.«
»Verdammt, diese Idioten!«
Kaum hatte der Wagen angehalten, sprangen zwei Männer herunter, um den Feuerwehrschlauch auszurollen.
»Bleibt ruhig, ja?«, befahl Mattéo und strahlte Zuversicht und Kompetenz aus. Er hatte seine Männer gut im Griff. Einer der beiden hatte schon seinen Schutzhelm übergestülpt, während der zweite die Sauerstoffmaske anlegte. Die ständigen Trainingsübungen ermöglichten es ihnen, im gleichen Rhythmus wie eine einzige Person vorzugehen.
Plötzlich erstarrte Lucile, als ihr einfiel:
»Dieses Jahr gibt es ja den Kinematografen …«
Mattéo zog eine Grimasse.
»Ist er leicht entflammbar?«, fragte der Kutscher.
»Sehr …«, betonte Mattéo.
Zwei Jahre nach seiner Erfindung war der richtige Einsatz des Kinematografen immer noch eher unklar. Doch da Mattéo sich näher damit befasst hatte, glaubte er, verstanden zu haben, dass das Filmmaterial tatsächlich leicht entzündbar war und daher ein großes Risiko bestand.
»Bald werden wir es wissen«, meinte der Kutscher, der keine Antwort erwartete. Angesichts der stärker werdenden Flammen verdüsterte sich seine Miene zunehmend.
Lucile achtete darauf, Mattéo nicht abzulenken. Kaum hatte dieser den Boden berührt, rannte er auf dem Trottoir an dem Gebäude entlang. Er fand den städtischen Wasserhydranten, schloss den Feuerwehrschlauch an und kehrte dann wieder zu seinen Mannschaftskameraden zurück. Verärgert und entsetzt stellten diese gerade fest, dass alle Türen und Fenster fest verriegelt waren.
Sie liefen um das Gebäude herum. Der einzige Eingang war gleichzeitig auch der einzige Ausgang: zwei Türen, deren Flügel sich nur nach innen öffneten. Unvorstellbar! Eine richtige Mausefalle! Die Türen waren blockiert, vermutlich durch Körper, die wegen des Drucks der Menschenmenge gestürzt waren.
»Es brennt! Lasst uns raus! Hilfe!«
Aus dem Gebäude drangen Schreie. Einige Gaffer und Kutscher waren zum Eingang gestürzt, um zu versuchen, die Türen mit Gewalt aufzubrechen. Nichts zu machen. Irgendetwas blockierte von innen das Öffnen der Flügel, wodurch jeglicher Zugang unmöglich wurde. In Windeseile war eine wahre Feuersbrunst entstanden.
Mattéo, der trotz der Panikschreie aus dem Inneren ruhig blieb, entdeckte auf der anderen Straßenseite Balken, an die sich ein Stallbursche lehnte. Der Kerl, überrumpelt durch den plötzlichen Ausbruch des Feuers – da es kein Vorzeichen oder Rauch gegeben hatte –, rührte sich nicht von der Stelle. Mattéo gab seinen Kollegen ein Zeichen, und zu sechst, jeweils drei auf einer Seite, ergriffen sie geschickt einen der Balken. Sie benutzten ihn wie einen Rammbock, nahmen Anlauf und zertrümmerten die Tür des Basars. Die Öffnung war nicht groß, aber Menschen voller Panik streckten die Arme heraus, und die Schreie der Eingesperrten wurden noch durchdringender. Die Feuerwehrleute verzichteten darauf, ihre Axt zu benutzen, aus Angst, die Überlebenden zu verletzen. Mattéo rief Lucile etwas zu und klappte das Visier seines Schutzhelms herunter.
»Benachrichtige den Kommandanten, dass es ernst ist.«
Lucile sah zu, wie er sich mit seinen Kameraden auf die Tür stürzte. Erst jetzt vernahm sie das Geheul der Feuermelder.
»Bald trifft Verstärkung ein«, überlegte Lucile. Sie hatte die Dramatik der Lage noch nicht richtig erkannt, hatte noch nicht begriffen, dass das nackte Grauen ausgebrochen war und die Flammen sich wie ein Dämon auf das Holz des Basars gestürzt hatten. Im Inneren des Gebäudes dienten die Stoffe und Spitzen der Kleider und venezianischen Schleppen nur noch dazu, das rasende Feuer zu schüren. Und im Dachstuhl, der aus einem alten Flechtwerk aus Tannenholz bestand und in dem sich Dreck und Reisig, die von Vögeln hierhergetragen worden waren, angesammelt hatten, verbreiteten sich die Flammen unglaublich schnell.
Noch hatte niemand richtig begriffen, was vor sich ging, denn es war schlichtweg unfassbar – das Feuer war erst wenige Augenblicke zuvor ausgebrochen.
»Ihr drei räumt weiter den Eingang. Wir müssen um jeden Preis rein. Wenn das Feuer das Dach erreicht … Kommt!«
Mattéo wollte nicht nur die Verletzten evakuieren, sondern auch das Feuer selbst eindämmen. Die Mannschaft hatte keine Zeit, auf den Zustand der im Basar eingeschlossenen Menschen zu achten und sich um sie zu kümmern, denn die lodernden Flammen breiteten sich in Windeseile aus. Es gab sicher nichts, das noch schneller entflammte als ein aus frisch lackiertem Tannenholz errichtetes Behelfsgebäude. Die Feuerwehrleute hatten es geschafft, die rechte Tür an der Seite unten aufzubrechen. Mattéo stieß einen Körper, der an der Tür lehnte, zurück und zwängte sich durch die Öffnung, gefolgt von seinen Kameraden, denen man die Spritzdüse mit dem Wasserschlauch nachreichte. Das weitere Vordringen im Innern des Gebäudes wurde zu einer heiklen Sache, da die von Panik erfassten Menschen auf den Körpern derjenigen herumtrampelten, die als Erste versucht hatten, die Türen zu öffnen.
»Männer, es wird gefährlich, wenn die Flammen das Zeltdach erreichen, aber wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen.«
Obwohl Mattéo seine Anweisungen laut rief, achtete niemand darauf, sie waren wie Gespenster in einem Flammenmeer. Die schreiende Menschenmeute hatte nur Augen und Ohren für die immer noch verschlossenen Türen.
In dem undurchsichtigen Rauch – kein Lufthauch war zu spüren – rückte Mattéos Team vorsichtig und entschlossen vorwärts, ganz auf die Aufgabe konzentriert, näher an den Feuerherd heranzukommen. Sie missachteten die Schmerzensschreie, das panische Gebrüll, die Leute, die erschöpft und rußbedeckt auf dem Boden saßen. Sie mussten auch die Frauen ignorieren, die wie gelähmt waren angesichts der nicht zu bändigenden Flammen, die immer gieriger nach ihren modischen, bauschigen Kleidern züngelten. Die Menschen, zusammengedrängt, vor Entsetzen erstarrt und von der roten Glut geblendet, sahen nicht, dass die Feuerwehrleute an ihnen vorbeirannten, getarnt in ihren Atemschutzausrüstungen (ARI), die Taucheranzügen ähnelten. Selbst Victor, Mattéos Freund aus Kindheitstagen, nahm sie nicht wahr, so sehr hatte auch ihn die Panik erfasst. Dieser junge Mann, engagiert und mutig, erstickte mit den Händen einen Funken, der das Musselinkleid eines jungen Mädchens erfasst hatte. Die Flammen fraßen sich von der linken Seite nach rechts, verschlangen das Dekor aus Pappmaschee und bedienten sich an den Holzbrettern des Behelfsbaus. Ein Behelf … Wie das Leben … Das Attribut schien für diese Situation erfunden worden zu sein.
Die Feuerwehrleute konnten schließlich ihre Spritzdüse mit dem Wasserschlauch in Position bringen, und das Wasser sprudelte heraus. Mattéo leitete das Manöver.
»Vorwärts, los, dreht die Spritzdüse voll auf, das muss funktionieren!«
Alles ging so schnell … Die Flammen hatten sich zuerst entlang der Wände geschlängelt, breiteten sich jetzt nach oben aus und würden sehr bald die Decke erreichen.
Die Feuerwehrleute, geschützt durch ihre Atemgeräte, arbeiteten sich in diesem giftigen und erstickenden Umfeld weiter voran.
»Achtung!«, brüllte Mattéo, eine mächtige Flamme im Blick, die als erste am Zeltdach züngelte.
Er erkannte sofort, dass sich die Situation einer Katastrophe näherte. Da es ihnen nicht gelungen war, den Brand einzudämmen, blieb ihnen jetzt nur, unter allen Umständen das Unheil so weit wie möglich zu begrenzen. Er hoffte, dass die Kollegen außerhalb des Gebäudes die Türen freibekamen, damit die Eingeschlossenen dieser Hölle entfliehen konnten, bevor diese zu ihrem Grab wurde.
Mattéo griff nach der Spritzdüse, in deren Schlauch sich ein Kamerad verheddert hatte. Er beherrschte die Einstellung des Wasserdurchflusses wie kein anderer, und eine mächtige Fontäne ergoss sich in den brennenden Gang, um zehn Meter hohe Flammen zu bekämpfen.
Plötzlich ließ eine Verpuffung die Menschen erstarren.
