Der Beginn der Vergangenheit - Adolf Frisé - E-Book

Der Beginn der Vergangenheit E-Book

Adolf Frisé

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Beschreibung

Eine schmerzhafte Liebesgeschichte. Sie beginnt mit der Nachricht vom einsamen Tod der Frau auf einem Operationstisch. Der Abschied von ihr ruft im Ich-Erzähler die Erinnerung wach an gemeinsame Jahre, glückliche wie leidvolle. Die Liebe zu dieser Frau, der Frau eines anderen, ist überschattet von ihrer Krankheit, für ihn «der zu frühe Beginn der Vergangenheit». Aber der Roman ist nicht nur die Geschichte einer Liebe, die sich gegen alle Gefährdungen behauptete, sondern auch ein realitätsnaher Bericht über die sich verdunkelnde deutsche Geschichte in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

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Seitenzahl: 643

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Adolf Frisé

Der Beginn der Vergangenheit

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Über dieses Buch

Über Adolf Frisé

Adolf Frisé, geboren 1910, gestorben 2003, ist Autor von Theaterstücken und Romanen. Nach 1945 Zeitungsredakteur (Politik und Feuilleton) in Hamburg, zuletzt Kulturredakteur beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt als Leiter der Literaturredaktion.

Inhaltsübersicht

Für MariaGRAUES, schmutzig-graues Packpapier, ...

Für Maria

GRAUES, schmutzig-graues Packpapier, sagte er. Graues rauhes Packpapier. Es war nicht ihre Schrift. Bleistift. Akkurat. Sie krakelte. Sie schrieb nie akkurat. Die Schrift einer braven Schülerin. Bin Krankenhaus, stand da. Krankenhaus Bonn. Keine Sorge. Bitte Geld. Dringend. St. St. = Stieps. Darunter: Universitätsklinik. Kaiser Karl-Ring. II. Klasse. Klasse abgekürzt: Kl. Das Blatt lag bei einem Brief der Leute unter uns. Er kam erst am übernächsten Tag. Sie hatten ihn nicht expreß geschickt. Gegen neun. Ich gab sofort, an die Klinik, ein Telegramm auf. Halte die Ohren steif, oder so. Bin bei Dir. Irgendsowas. Sie war da schon tot. Das Telegramm, sie ist tot, kam zehn Minuten später. Gestern abend 21.40 Uhr. Kann sein, sie hatten angerufen. Ich war – – Wo war ich? Ihre Gattin wurde heute mittag, gegen 1 Uhr, mit einem Krankenwagen in die Universitätsklinik gebracht. Die Anschrift steht, von Dr. Hohlbark diktiert, auf dem beigelegten Zettel. Ihre Frau gab ihn unserer Putzfrau. Die Worte darüber hat sie selbst diktiert (schreiben kann sie nicht mehr) mit der Bitte, sie Ihnen zu telegrafieren und hinzuzufügen, Sie möchten das Geld an uns überweisen. Für die Reinigung der Wohnung, das arg verschmutzte Bett (sie war seit Montag nicht mehr Herr über ihre Funktionen), für die Wäsche. Sie nahm kaum was mit. Was sie benötigt, will sie hier abrufen. Sie nahm nur etwa 40,– Mark mit. Das Krankenauto ist bezahlt (11,30 DM). Eine Vinzentiner-Gemeinde-Schwester, die sie seit Sonntag betreute, 2 x täglich, fuhr mit nach Bonn. Sie gab uns gerade Bescheid, daß sie gut angekommen sei. Ihre Frau war in einem erbärmlichen Zustand, aber geistig völlig klar, sprach auch ganz klar. Meine Frau hatte leider nicht länger warten können; sie wollte beim Abtransport dabei sein. Der Wagen verspätete sich, aber die Schwester, unsere Putzfrau und die zwei Automänner waren ja genug Hilfe. Über den ärztlichen Befund, und was er bei der Klinik erfuhr, wird Dr. Hohlbark Ihnen berichten. Hoffentlich findet Ihre Frau in Bonn Genesung. Mit freundlichen Grüßen von uns allen Ihr Dr. Jansen.

Bonn, sagte er, kurz nach 23 Uhr. Die Tram nach Godesberg. Dr. Hohlbark stand schon vor der Tür. Er wohnte schräg gegenüber, ein Stück stadtwärts, Nr. 11. Wir hatten Nr. 24. Er erwartete mich. Sah ich ihn an? Ich weiß es nicht. Ich hatte ihn am Donnerstag aus Hamburg angerufen. Am Samstag. Soeben habe ich, schrieb ich ihm, da ich Sie leider nicht erreichte, mit Ihrer Gattin telefoniert. Ich erhielt heute vormittag einen alarmierenden Brief von Frau Jansen. Alarm wegen meines Sorgenkindes. Ich nahm daraufhin sogleich Kontakt mit Herrn Dr. Mattlick auf, der die Kleine schon zweimal, zuletzt 1951, mit Erfolg in Behandlung hatte. Er empfiehlt, notfalls einen Spezialisten (am besten wohl Neurologen wie ihn) hinzuzuziehen. Falls ambulante Hilfe nicht möglich sein sollte, rät auch er dringend zur Einweisung in eine Klinik. Nur wohin? Dr. M. nannte Professor Podechtel in Düsseldorf, Professor Zülch in Köln oder Professor Scheidt oder Professor Laubenthal in Bonn. Ich bin eher für Bonn, oder würden Sie zu einer Klinik in Godesberg raten? Der Name meines Sorgenkindes ist, wie ich bereits andeutete, Frau Ruth Vanderath. Sie ist durch Heirat holländischer Nationalität. Bei der Krankenhauseinweisung wäre es ja unumgänglich, mit offenen Karten zu spielen. Dr. M. schickt auf Anforderung die Krankenbildunterlagen. Seine Adresse: Hamburg-Rissen, Allgemeines Krankenhaus, Chef der Neurologischen Abteilung. Ich wäre natürlich glücklich, wenn der Kleinen das Krankenhaus erspart werden könnte. Sie hat im ganzen schon mehr als drei Jahre in Hospitälern zugebracht. Sie wird sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben. Was dann zu tun bleibt, übersehe ich nicht. Vielleicht finden Sie mit Hilfe eines Spezialisten ein Allheilmittel.

Abgesehen davon, daß ich hier bis über beide Ohren in Arbeitsverpflichtungen stecke, hält Dr. M. es für sinnlos, wenn ich jetzt für einen Tag nach Bad Godesberg fahre. Im Gegenteil, meinte er, mein Besuch würde die Situation psychologisch nur verschlimmern. Bitte, sagen Sie mir dazu Ihre Meinung. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Ärmste nur wieder so entsetzlich krank geworden sein soll, weil sie mich von hier zurückzwingen will.

Wie war das möglich? Komplikationen. Was heißt Komplikationen? Dr. Hohlbark war stabil, solide, der Fall war abgeschlossen, er hatte ihn vor zwei Tagen aus der Hand gegeben, er hatte nichts mehr tun können. Es war nicht vorauszusehen. Niemand hat es vorausgesehen. Die Neurologie gab sie an die Chirurgie. Gestern, 18 Uhr. Ileus. Ganz plötzlich Ileus. Keine Chance. Sie versuchten es. Sie war zu geschwächt. Sie hatten es versuchen wollen. Gleich am Anfang der Narkose. Sie war sicher, sie helfen ihr. Das Herz setzte aus. Sie hatten nichts mehr machen können.

Die von der Nacht eingeschläferte Stadt. Später, schon milder Februar. Haus für Haus eine noch schlanke junge Akazie. Eine Miniaturallee. Niemand außer uns. Der Hausarzt, sein Nachbar, der nicht begriff, was da geschehen war. Ich stellte den Koffer auf die kleine Treppe, vier, fünf Stufen, ein Haus, in dem eine Beamtenfamilie, zwei, maximal drei noch halbwüchsige Kinder, auch ein Zweiterweltkriegoberst i.R., auch ein mittelständischer Wirtschaftsprüfer denkbar wäre. Da, dort noch verhängtes Zimmerlicht, die Frau liest, wartet, der Mann gurgelt, spült das Mundwasser gegen die Zähne. Eine rosa abgedunkelte Lampe, die Träume abwehrt. Dr. Hohlbark fiel, schien mir, nicht mehr ein, was er mir hatte sagen wollen. Er wußte, ich käme mit dem erstbesten, es war der letzte Zug. Er wußte es von Jansens. Er war, das lag nahe, auf einen Sturm von Fragen, auf Vorwürfe, Wut, Zorn gefaßt. Er sagte sich, so sah ich es, ich muß das auf mich nehmen. Ein Arzt wie ein Viehdoktor. Die spröde Liebe zur Kreatur. Das ist so. Sie haben sie aufgeschnitten. Ja, das ist so. Sie schrieben mir, Sie sind nicht miteinander verwandt. Sie selbst wollte es so. Sie hatte den Paß obenauf gelegt. Sie sollten wissen, daß sie jemand anders ist. Sie müssen das medizinisch sehen. Es war niemand da. Nicht nur Sie nicht. Niemand. Eine sehr seltene Krankheit. Welche Krankheit? Ja, ich wurde gefragt. Natürlich wurde ich gefragt. Sie hätten es auch nicht verhindern können. Es war ziemlich kompliziert.

Die von ihr verlassene Wohnung. Dr. Hohlbark hatte nicht mitkommen wollen. Wie sollte er? Sie haben sie wieder zugenäht. Sie zeigen sie Ihnen morgen. Zehn Uhr. Dr. Biß. Ich habe Sie angesagt. Sie sehen nichts. Ich hätte es Ihnen nicht sagen sollen. Sie war für die wie eine Unbekannte. Schwierig. Sie dürfen das nicht tragisch nehmen. Sie haben sie aufgeschnitten, sie haben sie zugenäht. Kein Geheimnis. Sie haben sich alles angesehen. Zurückdenken. Du mußt zurückdenken. Sie hätte wiederkommen können, aber sie haben sie aufgeschnitten. Sie werden das Herz, wer weiß was sie alles herausgeschnitten haben. Nicht daran denken, daß sie tot ist. Sie war schon tot, als du weggingst. Ihre Kleider, die Schuhe, die Wäsche. Fünf, sechs, sieben, die von ihr wie verrückt geliebten Puppen. Zigaretten, eine Puppe. Ich konnte ihr keine größere Freude machen. Sie geistert herum. Ich schlage das Bett auf. Warum liegt sie nicht mehr da?

Die Tote, wem gehört sie? Tief gefroren, unerwartet nah. Das Leben scheint nur angehalten, noch nicht davongezogen. Das zur Ruhe gekommene Gesicht. Nicht wehrlos. Eher gelassen, eher mutig still. Sie wäre, wüßte man den Schlüssel zu ihr, gewiß ansprechbar. Stärker als der, der da nun vor ihr steht, der über sie hinblickt. Kein Wort, nicht einmal ein Gedanke würde sie verletzen können. Die erstaunliche Kraft, daß sie niemanden mehr braucht. Aber es gab doch wieder die Unterhaltung mit ihr. Ihre Virtuosität, zuzuhören. Sie ließ mich ausreden, fiel mir nicht ins Wort. Sie war sicher, ich würde sie nicht belügen. Ich hatte sie nie belügen können. Ich belog sie. Sie ließ mir die Illusion, sie fühle nicht, daß ich sie belog.

Könnte es sein, daß jemand sie für sich beansprucht? Der Papi, ihr Mann? Er lebte in Amsterdam. Er hatte uns gelegentlich besucht. Die Omi, ihre Mutter? Meine liebe kleine Omi. Sie lebte in Lübeck. Die Schwester in Hamburg? Wie sie Hamburgerin. Sie alle waren Hamburgerinnen. Die Schwester in Köln? War sie noch in Köln? Carmelita? Von ihr träumte sie. Meine liebe Carmelita. Lange, lange haben wir nichts voneinander gehört. Meine Seele läßt mich nicht mehr in Ruhe. Ich brauche ein Lebenszeichen von Dir. Sie war all die Jahre fern von Hitler. New York, Brooklyn. Sie war mit ihrem Mann vor ihm geflohen. Carmelita. Ich weiß so wenig von Deinem Leben. Ich würde so gerne daran teilnehmen. Ende September war unsere Omi bei mir in Blankenese. Sie nahm die letzten Möbel, den Rest des Elternhauses, mit. Seit Jahren hütete ich ihn. Es ist nun endgültig vorbei. Es gibt kein Elternhaus mehr.

Das war nach den noch einmal glücklichen Monaten im Tessin, Morcote, Monte Brè, den zwei Wochen danach in Pésaro, im Albergo Dolcini, in Cérvia, Albergo Allegri, zurück nach Ravenna, Bologna, Parma, La Spézia, Lévanto, im Albergo Palace, Turin, Albergo Ferrovia, nördlich über Cuorgnè mit dem Bus bis Castelnuovo Nigra, Albergo della Rosa, und wieder Turin. Mai–Juli, Anfang August 53. Der direkte Zug Arona, Stresa, Domodossola, Simplon, Brig, Kandersteg, Thun, Bern. Die bescheidene Pension in der Marktgasse. Irgend etwas mit Ruths Paß. Der Gang zu ihrem Konsulat. Sie wollte noch viele Reisen machen. Per Bahn, per Bus. Sie liebte es, unterwegs zu sein. Die Fahrt trug sie aus der Zeit hinaus. Zeit schien für sie etwas, woran sie nicht denken mochte. Sie hatte es zu oft, in ihren Hospitälern, schwer damit gehabt.

Der Superintendent hätte mir einen Fragebogen vorlegen sollen. Es hätte die Sache vereinfacht. Worauf kam es an? Ich spürte, ich holte zu weit aus. War es ein Fall besonderer Art? Wie ordnete er ihn ein? Ihre Frau? Nicht Ihre Frau? Ich verstehe. Glück, gab es das? Der Tod frißt so was weg. Also nur Sorgen, Leid? Wohin gehörte sie? Er erwartete nicht gerade eine Standortbestimmung. Er müßte nur erkennen können, woran er sich, wollte er die passenden Worte finden, halten kann. Ob der Mann kommt? Die Familie ist informiert? Selbstverständlich, die Familie ist informiert. Ihr Arzt, er war schon, während des Krieges, in Berlin ihr Arzt, ist benachrichtigt. Er benachrichtigte die Familie. Achtzehn Jahre? Achtzehn Jahre. 1936.

Es war dann nicht sie. Der Superintendent sprach von einem Menschen, den ich nicht kannte. Ich hätte ihm ein Foto zeigen sollen. Die junge Frau. Achtundzwanzig. Das Bild, das ich immer, noch zuletzt, vor mir hatte. Es überstand Angst, Schmerzen, so oft auch sie über ihr Gesicht hergefallen waren. Das Leben lag vor ihr. Sie erwartete noch, was ihr, bis dahin, versagt geblieben war. Was ihr noch möglich erschien, begeisterte sie. Noch wie sie im Sarg lag, sah ich, sie gab sich auch, als sie starb, nicht auf. Kein Anblick für den Mann der Kirche? Es war eine Fiktion, von der er, für uns, Abschied nahm. Wir waren zu acht. Die eine der Schwestern, irgendeine Tante, Dr. Jansen, der mir nach Hamburg geschrieben hatte, die Vinzentinerin, ich glaube, die Vinzentinerin, Freunde, meine Schwester war aus Frankfurt angereist. Carmelita, war unter den Brief nach Brooklyn gesetzt, nenn mich bitte nur Tr., Ruth. Auch das hat mich krank gemacht. Für die Leute bin ich die Frau von Peter Trossenberg.

Sie trägt ihre Lieblingshose. Schwarz, Kammgarn, mit dem, als wir sie kauften, gerade modischen breiten Umschlag. Dazu die matt gelackten Pumps. Ich dachte, das schützt sie, gibt ihr auch eine gewisse Fasson. Womöglich widerstrebte es mir auch nur, daß wer sie so sähe sie wirklich für tot hielte. Nein, ich dachte dabei an nichts. Sie war die (der) erste Tote, die (den) ich zu bestatten hatte. Sie, wenigstens sie, sollte die zwei, drei Meter in der Erde korrekt gekleidet, gesellschaftsfähig sein. Nichts mit Symbolik. Die schöne Legende von der weiten Reise? Nein, nein. Aber auch Tote haben Anspruch darauf, in aller Form davonzugehen. Das heißt, was ich ihr mitgab, sollte sie festhalten, sie noch mit dem, was sie verließ, verbinden. Und wiederum, sie sollte mitnehmen, wovon sie sich, hätte sie es zu entscheiden, keinesfalls, auch nicht schweren Herzens, trennen würde. Ich wollte niemandem sein Erbe vorenthalten. Wäre indes dies oder das als Erbe anzusehen, so war besser, sie behielt es. Im Mai kam, aus Amsterdam, womit zu rechnen war, die Frage nach den «mir so teuer gewordenen Schmucksachen meiner Frau». Die Antwort des Anwalts: «Von den gewünschten Schmuckstücken hat mein Mandant der Verstorbenen in den Sarg mitgegeben: 1. den goldenen Ehering mit Gravur 22.2.27 J.V., 2. den goldenen Ring mit Skarabäus, 3. den silbernen Armreif, den die Verstorbene ständig trug, 4. außerdem einen Briefumschlag mit Familienfotos, darunter auch eines von Ihnen. Dieser Vorgang wird bestätigt durch den Friedhofsverwalter Friedrich Bieber, Bad Godesberg, Zentralfriedhof. Ein Ring mit Perle war beim Tod der Verstorbenen nicht mehr vorhanden. Heute befindet sich lediglich noch ein Siegelring im Besitz meines Mandanten. Bei einer abschließenden Regelung wird dieser Siegelring selbstredend an Sie ausgehändigt werden.»

Es sollte, in der Rückpost, von «ihrem Talisman» die Rede sein. Der Anwalt machte mir das nicht mal streitig; er ignorierte es. Das Ganze gefiel ihm nicht. Das Blatt mit der Bestätigung war weder beglaubigt noch auch nur gestempelt. Und dann die zwei weiteren Posten. Es war für ihn gewiß der bare Fetischismus. 5) Ein Paar schwarze Wildlederschuhe, 6) ein Paar weiße Lederhandschuhe. Herr Bieber hatte keine Miene verzogen. Er schien mit derlei Ritual vertraut.

So oft schon traten diese Tage damals mir wieder vor Augen. Noch unlängst erst, nach über dreißig Jahren, mit einer Episode in einem Film. Ein jüngerer Mann, Formel-1-Fahrer aus Utah/USA, er konnte aber auch ein durch die Welt bummelnder Maler oder Fotograf sein. Der Schluß zeigt ihn auf dem Autotransport durch den Kanderstegtunnel vom schweizerischen Kanton Wallis in den Kanton Bern. Die Fahrt bereits berührte mich. Sie rief in mir die Erinnerung wach an unsere Rückkehr aus Italien. Sie führte uns, auch durch diesen Tunnel, gerade nur ein halbes Jahr vor Ruths Tod, schließlich an den Rhein, nach Godesberg. Es ist auch für den Mann aus den Staaten das Ende einer Reise. Er kommt, noch in der Stimmung des Abschieds, von Leukerbad, summt ein paar Fetzen aus einem Song. Mit der kleinen banalen Melodie hatte er, an ihrem Bett im Hotel des Alpes, einer unheilbar erkrankten, bis zuletzt lebensfrohen jungen Schweizerin die Furcht vor dem Tod genommen, es ihr leichtgemacht, sich ihm, als er kam, zu stellen. Er war der von ihr für die letzte Stunde über Jahre herbeigewünschte Partner. Ich ertappte mich dabei, daß ich ihn, wie ich ihn so sah, beneidete. Melancholisch, entspannt, er hatte wohl ein gutes Gewissen. Sein Alibi. Ich beneidete ihn um sein Alibi. Ja, ich hatte, als das Telegramm kam, Ruth ist tot, auch noch im Zug nach Bonn, Mühe, mir zu vergegenwärtigen, wo ich, als sie starb, gewesen war. 21.40 Uhr. Ich sah mich da vis-à-vis der Oper im Café L’Arronge. Ich war da verabredet. Mit wem? Redete ich mir ein, ich könnte mich nicht erinnern? Ich wollte mich so genau nicht erinnern.

 

*

 

DER Bus war schon angefahren, ein nächster, ein dritter Bus schoben sich heran. Sie war, ehe ich es begriff, an ein paar Männern, Frauen, die nicht zustiegen, nicht zur Seite traten, vorbeigeglitten, schnell, leicht aufgesprungen, sie huschte die Treppe zum Oberdeck hoch. Hell, schlank. Ich sah noch die Beine. Möglich, sie hatte einen Moment zu mir hinübergelacht. Kann sein, sie winkte. Heißer, strahlender Mittag. Sie hatte gesagt, sie nehme den Bus. Sie hatte nicht gesagt, welchen Bus. Es war der Stopp bei der U-Bahn. Wittenbergplatz–Tauentzienstraße. Ich hatte gesagt, ich bringe Sie ein Stück. Sie hatte es eilig, wich aus. Sie wollte nicht, daß ich sie begleitete. Ich hatte auf der B.Z. meinen Namen, das Telefon notiert. Sie warf einen Blick darauf. Anrufen? Ich soll Sie anrufen? Sie nahm das Blatt, gab es, es schien versehentlich, nicht zurück. Ich wußte nichts von ihr. Ihr Glencheck-Kostüm. Das Haar war in eine knapp sitzende Kappe gepackt. Heitere offene Augen. Selbstverständlich. Arglos. Eine wie sorglose Unabhängigkeit. Wir hatten beide, ich halb neben ihr, im KaDeWe nach Karten angestanden. In zwei Tagen begannen die Spiele. Berlin, sein Olympiade-Fieber. War es nicht immer im Fieber? Es hatte mich angesteckt.

Ihr war gleich, was sie bekam. Leichtathletik? So gut wie ausverkauft. Nur noch teure Plätze. Wenige teure Plätze. Sie zögerte nicht, nahm sie. Basketball? Ich hatte auch Sprints, einen Mittelstreckenzwischenlauf, die fünftausend, die zehntausend Meter sehen wollen. Ich sagte, Sie haben Glück gehabt. Sie sagte, es tut mir leid. Ich habe noch nie Basketball gesehen. Basketball? Warum nicht? Ich wollte ja nur mal, wenigstens ein Mal, dabeisein. Gut, Basketball. Und Hockey? Ich nahm auch Hockey. 14. August, 15. August. Vorvorletzter, vorletzter Tag. So sah ich Holland–Frankreich, Indien–Deutschland. Dieses Hockey hätte sie auch, mehr als mich, interessiert. Aber da wußte ich noch nicht, daß sie Holländerin, daß ihr Mann Holländer ist, und wie hätten wir ahnen können, daß das «gesetzte» Holland nicht ganz so weit wie Deutschland kommen würde. Übrigens, ich hatte nur die Karte für den 14. gekauft. Ein Wolkenbruch teilte das Finale. Zwei Tage Hockey hatte ich mir nicht vorgestellt.

 

*

 

JOSEF Pichler saß, eingekeilt und nicht allein, an einem Tisch in der Mitte. Ich hatte ihn vorne, links vom Eingang, Blick zur Tauentzien, gesucht. Er saß auch gerne mit dem Rücken zur Wand. Seine Lieblingsplätze waren besetzt. Ich war indes sicher, er würde dort sein. Der Löwenbräu war mittags, fürs Essen, sein Stammlokal. Preiswert, das Tellergericht für noch nicht eine Mark, das Menü, Suppe, Nachtisch, einsfünfunddreißig. Und es gab Semmelknödel, ein für den halben Österreicher, aus Teplitz, passables Gulasch. Es war zudem die Lage, die ihn herzog. Er brauchte den Weg von seinem Hofzimmer in einer Straße vorm Tiergarten über den ihn fern an München erinnernden, für ihn auch in Wien vorstellbaren Lützowplatz, weiter durch die schmale eingeschattete Schill-, die die U-Bahn wieder einschluckende Kleiststraße, dann Wittenbergplatz. Zumindest das eine Mal täglich heraus aus seiner Klause. Es war auch sein Bewegungsweg. Er brachte ihn überdies mit der Welt, was er als Welt verstand, in Kontakt.

Er hatte mich sofort gesehen, er freute sich. Eng hier, sagte er. Es hieß: Schade. Gehen wir? Was meinst du? Wir, er vor allem, waren aufs lose, für Dritte unergiebige Palavern trainiert. Die Fremden, sagte er. Es hieß: Es ist auf einmal anders. Kein Alltag, sagte ich. Eine wirklich schöne Stadt, sagte er. Er lebte seit gut zwei Jahren in Berlin. Wir kannten uns von Heidelberg: er, ein Mann, der Musik machte; ich studierte. Er war einem Ehepaar gefolgt, mit dem er befreundet war. Es klang: Ich bin das erstemal hier. Berlin ist schöner als ich dachte. Ich: Ja, es ist was los. Er: Hast du die Kioske gesehen? Ich: Ich habe mir gestern die Times, den Pester Lloyd gekauft. Wir waren uns einig: Die paar Tage. Man könnte glauben, sie halten die Zeit, die nur zwei Wochen an. Sie haben die Spannung, was noch alles möglich ist, aus ihr herausgenommen. P. war vorsichtig, von Natur vorsichtig. Er war gegen sich selbst vorsichtig, ließ sich auf keine Spekulationen ein. Er sah sich neben die Zeit gestellt. Er traute sich nicht zu, jemand zu sein, der ihr Schwierigkeiten machen, ihr in den Arm fallen könnte. Er ertrug sie, setzte darauf, auch sie werde ablaufen, sah ihr zu. Seine Musik, Klavierstücke, Entwürfe, Fragmente zu einer Oper, war für mich, der ich nichts davon verstand, Musik, die aus der Zeit herausfiel; ihre Stunde würde kommen.

Kein Wort von ihr. Ich dachte daran. Nur, was hätte ich ihm sagen sollen? Sie ruft an, sie ruft nicht an? Ohne Zweifel, er hätte Rat gewußt. Er sprach gerne über Frauen. Aber wie will man wissen, wie wichtig etwas ist, was noch gar nicht wichtig ist.

Wir sprachen über alles, was uns beschäftigte. Es waren mehr die anderen Dinge. Es gab täglich andere Dinge. Wir hatten wieder von jemandem gehört, daß man gar nichts mehr von ihm hörte. Eine Rede hatte uns zugesetzt. Ein Selbstmord, vermutlich ein Selbstmord. Er rief abends an, es konnte schon zehn, auch elf sein, oder ich rief an. Ich wohnte auch am Tiergarten, direkt am Tiergarten. Trat ich aus dem Haus, lag er vor mir. Distanziert, zeitlos, Park einer verblichenen Gesellschaft. Wir gingen ein Stück in ihn hinein oder wir gingen ums Viereck. Mal um sein, mal um mein Viereck. Wir hatten keine Angst, daß die Wände Ohren hatten, aber es war doch denkbar, daß sie Ohren hatten. Es war, für uns, wir gestanden es uns nicht ein, ein bißchen auch so etwas wie ein Sicherheitspakt. Es konnte nicht irgendwer unvermutet ins Zimmer treten. Man mußte nicht abbrechen, verstummen. Es ging niemand hinter uns, niemand vor uns. Es war der Freiheitsanspruch. Die Gerüchte, die es immer wieder gab. Hoffnungen, falsche Hoffnungen. An den Litfaßsäulen war über Nacht, böse, blutrot, plakatiert, wer – als elendes Subjekt und im Namen des Volkes zum Tode verurteilt – ohne Verzug hingerichtet worden war. Mit dem Fallbeil, so stand da, hingerichtet. Man mußte mit irgend jemandem darüber reden können. Es mußte jemand sein, der man selbst sein könnte. Und wer war sicher, ich wäre wie er? Für Pichler, für mich stellte sich diese Frage nicht. Der eine konnte damals für den anderen ein Juwel sein. Mit Vertrauen, Mißtrauen hatte das nichts zu tun. Doch, es hatte damit zu tun. Auch damit. Wer sich dem anderen anvertraute, lieferte sich ihm aus. Wer da ein Risiko sah, schwieg. Er schützte sich vor sich selbst.

 

*

 

DREI Tage zurück, 26. Juli, sonntags, ein seltsamer Nachmittag bei Otto R. Seltsam für Pichler, nicht so sehr für mich. Eine Souterrainwohnung auch am Tiergarten. Selbst halb im Keller waren das noch «feine» Häuser. Bei mir ging es von der Toreinfahrt über den einstigen Hof für die Kalesche die Wendeltreppe fürs Personal drei Stockwerke hoch, Hinterhaus, Gartenhaus, Blick in den Garten der niederländischen Gesandtschaft. Für R. war das Appartement in der ehemaligen Hausmeisterwohnung das Paradies, eine Luxushöhle. Das erstemal sahen wir uns Mitte Februar 1934. Auch an einem Sonntag, auch am Nachmittag. Irgendwer brachte mich mit ihm zusammen. Dabei jedenfalls, oder es ging sogar über sie, Grete v.U. Ich sehe uns noch. Sie, Journalistin, Wienerin, Anfang Vierzig, irgendein Dritter, vielleicht irgendein Vierter, und R., ich. Tee in der Kaiserhof-Halle. Das Grand-Hotel in der Wilhelmstraße, etwa auf der Höhe der Reichskanzlei. Eine Kontaktbörse. Für R. der Vorhof zu unabsehbaren Möglichkeiten. Er hatte, konnte man glauben, davon geträumt. Sein erstes Buch, er setzte voraus, es sei in aller Munde; ich kannte es noch nicht. Tarascon, der Montségur, Ussat-les-Bains, seine Grotten, die Sgraffiti, die Kathedrale von Lombrives, die Katharer, immer wieder die Katharer, sein Hotel dort, ja, er hatte dort ein Hotel, seine drei Jahre am Fuß der Pyrenäen. Die Halle war endlich die ersehnte Bühne, das Sprungbrett, die große Welt. Er logierte, zum Minimaltarif, in einer Kammer unter dem Dach. Eine Adresse erster Klasse. Auch eine politisch exzellente Adresse. Er gab sich wie ein Mann, der bevorzugte Gäste in die Fürstensuite bittet.

Gut fünf Monate danach, Anfang August, eine unerwartete Wiederbegegnung. Gerade erst ein paar Tage, oberhalb Brixen, auf zweitausend Meter, in einem vom nächsten Dorf weit abgesetzten Berggasthof, sehe ich seinen Namen in der dem Regime daheim notorisch fernen großen Zeitung in Frankfurt. Ein über eine halbe Seite gehender Bericht über einen, zu Beginn des 13. Jahrhunderts, als Manichäer verbrannten Zisterzienserprobst. «Wir veröffentlichen diesen sehr bemerkenswerten Aufsatz …», das übliche, sie drucken das, aber sie identifizieren sich nicht damit. Ich sah R., quasi verklärt, wieder vor mir: alert, schillernd, aufs eleganteste eloquent, Kettenraucher, ein monomanischer Narziß mit lässig behender Gestik, schlank, fast hager, entzückt von sich, entzückt von dem durch ihn geweckten Interesse seines Gegenüber, von seiner sich im anderen spiegelnden Faszination. Wie hatte ich ihn eingeschätzt? Ich war irritiert. Ich schickte ihm, auch wie um mich zu korrigieren, über die Redaktion der Zeitung einen Kartengruß. Nach zwei Wochen von ihm eine Ansichtskarte aus Genf, tags darauf ein Telegramm aus Mailand. Noch spät am Abend war ich, tief unten, am Bahnhof, begrüßte ihn. Die weite Reise galt mir. Ich war für ihn auf einmal mehr als ein Zufallsbekannter. Schluß mit der von mir gesuchten Einsamkeit. Er fuhr, unwiderstehlich, früh am Morgen mit mir auf meinen Berg.

Arm, abgebrannt, auf der Flucht. Politisch, wie er beteuerte, ein unbeschriebenes Blatt, hatte er gleichwohl, warum auch immer, damit rechnen zu müssen geglaubt, er könne in den Sog des 30. Juni hineingerissen werden. Die große Säuberung in den Reihen der bis dahin favorisierten Prätorianer, das Massaker am Wiessee. Was nur hatte R. damit zu tun? Falsche Freunde? Gönner, die in Ungnade gefallen waren? Oder war alles, so sah er es, ein Mißverständnis? Was auch, die bare Angst hatte ihn, wie auf einer Irrfahrt, außer Landes getrieben. Mein so gut gemeintes Kompliment zu seinem Aufsatz. Nun suchte er bei mir Unterschlupf. Es war seine zweite Flucht. Doch das wußte ich da noch nicht. Aus dem Pyrenäen-Departement Ariège hatte er sich, als Pächter des Hotels zu den Kastanienbäumen hochverschuldet, Mitte September 32, noch bevor das Gericht am Verwaltungssitz Foix ihn zitieren konnte, Hals über Kopf, mit unbekanntem Ziel, davongemacht. Nun stand er, ganz aufs Ungewisse, vor sich flugs ansammelnden neuen Schulden. Zu Hilfe kam ihm dabei die Solidarität der bedrängten Minderheit. Da war ein Mann zwischen die Fronten geraten. Ein verirrter Einzelkämpfer? Die Südtiroler, selbst damals zwischen den Fronten (Italien–Deutschland, Mussolini–Hitler), nahmen ihn wie einen Freund bei sich auf. Hinzu kam, es gab fürs Ausland keine Devisen mehr. Auch für ihn, durch wen immer, verfügbar gewordenes Geld hätte ihm nicht überwiesen werden können. Ich brach, es betraf ja auch mich, Anfang Dezember, die Klausur auf der Höhe ab. R. blieb. Freunde, sagte er, hätten ihn gewarnt. So sah er nicht, wo anders er ungefährdet und ähnlich sorglos leben könne.

Das nächste Wiedersehen, wieder unvermutet, nicht für möglich gehalten, Mitte April 35 in Freiburg. Eine Nachricht von ihm hatte mich, auf Umwegen, wieder in einer Klausur, in einem Forsthaus im Schwarzwald, erreicht. Noch, immer noch, abgebrannt, mittellos. Eine Freundin nahm ihm die gröbsten Sorgen für den Alltag ab. Im Tabakladen bei ihrer Pension lagen schon etliche Exemplare seines Buchs: großmütig angenommenes Pfand für seine täglich sechzig, achtzig, hundert Zigaretten. Aber kein Gedanke, er sei gestrandet. Er baute, unbeirrt, auf seine Chance. Da war ein katalanischer Grande. Mit seinem Besitz in den Pyrenäen der Traummäzen für den Weitergang seiner Forschungen. Und da war, er redete sich ein väterlich, verständnisvoll, irgendein auch an eben diesen Forschungen interessierter SS-Oberer. Fata Morganas? Signale der Ausweglosigkeit?

Ich hatte Pichler freilich so ausführlich nicht auf R. vorbereitet. Anfang Mai hatte dessen Bild sich für mich, und wohl nicht nur für mich, jäh verändert. Ich war Berlin den Winter über ferngeblieben, auf einem Bauernhof im Lippischen, auf Sylt. Ich brach von Mal zu Mal die Brücken hinter mir ab, meine Adressen in Berlin wechselten. Bereits nach drei, vier Tagen notierte ich: Anruf von R. Auch er wieder in Berlin. Woher wußte er, wo ich nun wohnte, wie ich zu erreichen war? Zum Wochenende war ich, als Zwischenstation, in eine Pension in der Lietzenburgerstraße eingezogen; seit Beginn dieser Woche trug er, gleich Unteroffizier, die Uniform seines SS-Oberen. Er hatte es eilig, sich mir in ihr zu präsentieren.

Aber nun, in seinem Souterrain, war es R., wie er mir vertraut war. Was heißt vertraut? Ich nehme an, ich hatte ihm zu verstehen gegeben, der Freund, der mit mir kommt, ist ein ziviles Nichts wie ich, so anonym wie Sie selbst gestern, nein, anonymer, ich habe ihm von Ihren Katharern erzählt, er war noch nie in Südfrankreich, überhaupt noch nie in Frankreich, er hat noch kaum was von der Welt gesehen, ich habe ihn neugierig auf Sie gemacht. Anzunehmen auch, ich suchte diesen Test. Pichler, der in sich eingesponnene stille Beobachter, R., in seiner Selbstliebe jedem, der ihn nicht zurückstieß, unbedenklich zugetan, blind für die Blößen, die er sich gab. Wir alle seinerzeit gingen, wie aufeinander angewiesen, behutsam miteinander um. Ich wehrte mich dagegen, es war eine instinktive Sperre, R. in der ihn von uns so brutal distanzierenden Kluft plötzlich so anders zu sehen, wie nun er sich zu sehen sich mühte. Ja, wie sah er sich? Jedes Wort, das ihn von sich wegriß, schmerzte, erschreckte. Noch, so schien es, erschrak er selbst. Er probte eine Rolle, die ihn, für sie nicht disponiert, entstellte. Oder traute er sich zu, sie auf seine Art zu spielen, sie mit seinen Mitteln zu variieren? Vor uns saß ein Hasardeur, der seine Karten bis zum Es-geht-nicht-mehr auszureizen trachtete. Wie routiniert, doch nur harmlos listig steckte er seine 10, Pik 10, hinter die 7, die 8, die nichts brachten, seinen Kreuz-König, wo er hingehörte, vor Karo-As. Neue Karten? Er schob die Hand schon vor, zögerte, zog sie zurück. Ein Royal Flush? Er tat, als ließe er sich zaubern. Er verschenkte ihn, verschenkte seinen Bluff.

Er war auch wieder der bei uns längst glücklos anachronistische Bohemien. Die schnellen schmalen Hände. Die mokantamüsiert hochgezogene rechte Braue. Der spöttisch anspringende Blick. Er setzte zu Sätzen an, wie er sie gewohnt war. Die Dépêche de Toulouse fiel ihm ein. Sie habe einmal, so hatte ich es schon in den Dolomiten von ihm gehört, ja, es war die Dépêche, eine ihn voll ins Licht setzende Reportage über ihn gebracht. Über den exzentrischen Deutschen, seine mysteriöse Höhlenexpedition. Einer der Brüder Sarraut, denen sie gehörte, war wieder, das zweitemal, der französische Ministerpräsident. Radikalsozialist. Im Frühjahr hatte Hitler das Militär in das ihm über siebzehn Jahre versperrt gewesene Rheinland geschickt, Paris das geräuschlos quittiert. R. spürte, hier war Glatteis. Er hatte sich des Wohlwollens der Sarrauts gerühmt, auch der Freundschaft der Baker, der Dietrich, auch aus unserer Sicht noch unbestritten attraktive Gäste in seinem kleinen Hotel des Marronniers, aber das lag nun schon eine Weile zurück. Und er war nicht allein mit uns. Da war auch ein robuster junger Mann. Er saß an einem mit Papieren, Büchern überhäuften Tisch, sichtete, ordnete sie. Mein Sekretär, hatte R. ihn uns, uns ihm vorgestellt. Mein Adjutant, hatte er mir am Telefon gesagt. Er trug wie er Zivil. Adjutant, das war augenscheinlich deplaziert.

R. ließ das Thema fallen. Er ließ noch einige Male das Thema fallen. Man konnte mit ihm über Joyce, über Gide, über Matisse, sogar schon über Julien Green sprechen. Er rezitierte, in für mich bestem Französisch, Villon wie Mallarmé. Doch nun: Worüber sollten wir reden? Pichler hernach: Dieser Kerl, was soll das? Sein Aufpasser? Wer immer, er hatte umsichtig, so viele wie eventuell erforderlich, Kinokarten reserviert. Im UFA-Palast am Zoo gab es eine Uraufführung: Der Kaiser von Kalifornien. Drehbuch, Regie, der Hauptdarsteller: Luis Trenker. Johann August Suter, Bankrotteur aus Kandern auf halbem Weg zwischen Badenweiler und Lörrach, Gründer der Riesenfarm Neu-Helvetia am Sacramento. Mit ihr hatte er sich um ein Haar seinen Traum erfüllt: Reichster Mann der Welt. Das Gold, das sich 1848 auf seinem ihm verbrieften Besitz fand, machte ihn zum Bettler. Schon Blaise Cendrars, nach ihm auch Stefan Zweig hatten diese Geschichte erzählt. Eine Geschichte nach dem Geschmack der Zeit. Sie hatte auf einmal ihre zwei Seiten.

 

*

 

DU sagtest noch keine fünf Worte, sagte ich, ich hatte dich sofort erkannt. Egal, was du sagtest, ich erkannte dich an der Stimme. Was sagte ich? Keine Ahnung. Wie war’s beim Hockey? Stimmt. Das war’s. Du sagtest: Sie?! Wie schön! Was sollte ich sagen? Ich wußte ja nicht mal, wie du heißt. Hättest du gefragt: Wer? Wer sind Sie – –? Ich hätte aufgelegt. Du hättest eher anrufen können. Ich wollte anrufen. Ich wollte nicht anrufen. So was geht nicht so schnell.

Sie hatte sich aufs Sofa gelegt. Unverfänglich, wie man sich auf den Stuhl mitten im Zimmer setzt. Hätte er auch nur angedeutet, er wolle oder er glaube gar er müsse sich neben sie legen, er hätte sich lächerlich gemacht. Zutraulich, die sich ihm verbunden fühlende Schwester. Nicht mal einstige Geliebte, die ihm noch freundschaftlich gesonnen ist. Sie lag da, als habe sie schon viele Male dagelegen. Er am Schreibtisch, oder er liest, ihr halb zugewandt, die Zeitung, sie will nichts als ihre Ruhe haben. Schwer zu sagen, ob ihm durch den Kopf ging, wie wenig fremd, ja, wie nicht im mindesten fremd sie sich seien. Sie hatten sich am Wittenbergplatz getroffen. Da, von wo sie mit dem Bus weggefahren war. Sie hielt ein Taxi an, sie fuhren zum Tiergarten. Ich bin sehr müde, sagte sie. Ich bin den ganzen Tag herumgelaufen. Und unvermittelt: Küß mich. Willst du mich nicht küssen? Es war Nachmittag. Das Fenster stand offen. Warme, noch vom Mittag schwere Luft. Es war sie, die am Telefon sagte: 4 Uhr. Sie wissen ja. Es war sie, die die Initiative ergriff. Sie nahm ihre Kappe ab, zwängte sich, ohne sich aufzurichten, aus der Jacke, legte sie neben sich. Sie schlug die Arme um ihn, als er sie, noch auf Abstand bedacht, fast verlegen zu sich hochzog. Sie küssen sehr schön, sagte sie. Sein Eindruck: Das genügte ihr.

Es war der Montag nach den Spielen. Tags vorher die Schlußapotheose. Nun wieder Alltag. Kein Wort über das, was sie gesehen hatten. Sie sagte später, viel später: Es war auf einmal alles anders. Ich dachte, ich dachte es schon in der ersten halben Stunde, die Geschichte, die hier beginnt, betrifft dich, sie betrifft dich nicht. Ich wußte, sagte es aber nicht, das wird eine völlig neue Geschichte sein. Ich sagte mir, anmaßend: Ich sehe ihr zu. Ich kann sie nur begreifen, wenn ich sie von außen sehe. Ich ging, wie nach Plan, zu mir selbst auf Distanz. Ich hätte mich, fühlte ich, sonst fragen müssen, ob ich ihr gewachsen wäre. Ich bin «er», ich bin «ich». Keine Frage: er, ich – sie lassen sich nicht auseinanderhalten. Es lag an ihr. Sie spielte mit mir, sie spielte mit sich selbst. Sie erkannte nicht, daß sie mit mir, daß sie sogar mit sich spielte. Es waren Spiegelungen, ein Spiel der Spiegelungen.

Sie sagte: Du, Sie, Du, Sie. Sie versteckte sich vor sich selbst, lief sich selber nach, schickte sich von sich selber fort. Wir können uns nur heute sehen, sagte sie. Nur heute. Wir können uns unmöglich noch mal sehen. Sie baten mich, Sie anzurufen, so blieb mir nur, Sie anzurufen. Es wäre nicht korrekt gewesen, Sie nicht anzurufen. Nicht korrekt? Sie meinte: Nicht fair. Und bitte: Frag nicht. Nichts fragen. Dabei sprach sie bereits von ihrem Kind, das sie noch nie gesehen habe. Ihr Kind? Sie insistierte, als hätte ich es ihr streitig machen wollen: Mein Kind! Aber wie sie es sagte, war es, was es ja auch wäre, die natürlichste Sache der Welt. Sie behaupten, es ist tot, sagte sie. Sie hätte auch sagen können: Scheußlich. Warum regnet es soviel? Sie sagen, es habe nicht einen Augenblick gelebt. Wie sollte es tot sein? Ich müßte es wohl wissen.

Ich sah keinen Anlaß, etwas dagegen zu sagen. Eine für mich anonyme, freilich mir nicht mehr unbekannte Frau. Mädchenhaft? Noch neugierig auf sich. Verwöhnt? Wohlbehütet? Wie sie sich anzog, sich pflegte, materiell vermutlich unbedrängt. Ein Mann, der zu ihrem Leben gehörte. Älter, anscheinend einiges älter. Nicht vital, eher abstrakt zärtlich. Kein Hinweis, sie seien uneins. Was sollte ihr, fragte ich mich, wichtiger sein als das Kind, das sie, mir unbegreiflich, nie sah, das sie mir aber so nahe vor die Augen rückte, daß ich es so sah, wie sie wollte, daß ich es sah. Es ergab sich beiläufig, und es kam mir nicht der Gedanke, es sei nicht so: Das Kind war ihr Sohn, fünf, er konnte sechs Jahre sein, kein gefährdetes, schutzloses, geschweige schutzbedürftiges Kind, sie war, im Gegenteil, sicher, er war, da sie es anders nicht ertragen hätte, weit hinaus über sein Alter schon der zu erahnende junge Mann, der ihr, so die Umstände es geböten, zur Seite stehen würde. Mal, wie nebenbei, bemerkte sie, sie wünschte sich, ich könnte ihr helfen, ihn zu suchen. Sie kam noch einmal darauf zurück. Ich sicherte ihr zu, ich hülfe ihr. Sie reagierte so gut wie nicht darauf, sie hatte es nicht anders erwartet. Sie sprach unangestrengt, wie zu sich selbst, nahezu tonlos. Es gab Momente, da genierte ich mich, ungehindert zu hören, was in ihr vorging, und ich genierte mich noch mehr, daß ich, wie gegen meinen Willen, und ohne mich ausdrücklich dazu zu bekennen, zu verstehen vorgab, was ernsthaft, sagte ich mir, jedenfalls ohne weiteres nicht zu verstehen war. Er hieß Dicky, hörte ich heraus. Mit i, mit y? Ich fragte nicht. Sie ließ mich daran teilhaben, daß er ihr fehlte, und es zeichnete mich aus, daß sie mir nicht erst erklärte, was es mit dem ihr – von wem nur? – zugemuteten Verlust auf sich habe, wie es dazu gekommen war. Unzweifelhaft, dies und das, was sie sagte, auch was sie fürs erste beiseite, noch ungesagt ließ, was mich zu so oder so gewagten Schlüssen verführte, zog mich in ein Geflecht von Widersprüchen, die zu entwirren, auch nur festzustellen ich mir, weil das alles nur noch kompliziert hätte, versagte. Ich dachte, sagte es nicht: Wir werden uns, sagtest du, nicht nochmals, auch nicht nur ein zweites Mal sehen können, und wir wissen doch beide, wir werden noch oft, kann sein unentwegt, über das, was ich nun hörte, wir werden wieder und wieder darüber reden müssen.

Die zwei Zimmer, die ich bewohnte, waren einem verschrobenen hochbetagten Original mit drei Katzen und dem dicken Geruch von Katzen abgemietet, einer seelenguten verrunzelten Frau, schwerhörig bis mehr oder minder taub, mit nur noch drei, vier Zahnruinen, ein dem Mitbewohner fürsorglich verbundener Cerberus. Tee, ein paar Biskuits. Wer mich besuchte, war, sei es für drei Minuten, auch bei ihr zu Besuch. Ruth wurde, weil es mir so gefiel, Fräulein Besenbinder. Vanderath, der Name war noch nicht gefallen, ich kannte ihn noch nicht. Fräulein Besenbinder war ihr, sie war Fräulein Besenbinder sympathisch. Ich kredenzte ihr, wie üblich, einen Likör. Sie liebte solche Formen, brauchte sie. Sie wies die Katzen, die ihr nachgeschlichen waren, hinaus.

Für Ruth war das wie die Aufnahme in eine Familie. Sie war, trotz des Tees, auf einmal müde geworden. Sie legte sich wieder hin, schlief ein.

 

*

 

DER Knick Stülerstraße Lichtensteinallee, über den Kanal aufs Lützow-, auch schlicht Gartenufer, auf seiner Rückseite vorbei am Zoo die Viertelstunde bis Bahnhof Zoo. Ein kleiner Umweg statt durch die lange gerade Budapester. Er war mir von den Zimmern bei den Katzen Richtung S-Bahn zur Gewohnheit geworden. Ich schlug ihn gedankenlos, planlos ein. Drei Tage kein Anruf, nichts. Es gab auch die Möglichkeit eines Rohrpostbriefs; ein Rohrpostbrief war immer wieder eine Sensation. Es mußte kein Telegramm sein, und was war in einem Telegramm schon unterzubringen? Warum hast Du mich nicht schlafen lassen? Ich hatte bei Dir bleiben wollen. Du wirst nie mehr von mir hören. Warum gab ich ihr nicht, je Situation, je Gemütslage, einen Katalog verdeckter, für Dritte nicht zu entschlüsselnder Botschaften? Sie war gegen neun wach geworden. Ich hatte noch nicht Licht gemacht. Sie schien verwundert, fand sich nicht zurecht. Ich sah was nur alles in sie hinein. Sie fragt sich, wo sie hingehen soll. Sie sagt sich, ich habe das und das, was habe ich nicht bedacht. Aber sie war dann sofort wieder da, nannte die Nummer für ein Taxi, sie hatte sie im Kopf. Telefon? Adresse? Ich hatte diesmal darauf bestehen wollen, doch sie wieder nicht damit zu bedrängen vermocht. Sie kühl, plötzlich eilig: Ich rufe an.

Es war wie wiederholt auf der kurzen Strecke Zoo–Savignyplatz–Charlottenburg–Westkreuz, von dort die Linie Richtung Spandau bis Eichkamp, die erste Station danach. Die Fahrt, die nur vier Halts entspannten mich. Sie löste, was gerade mir zu schaffen machte, auf. Die Tenstrups, Familie Tenstrup. Ich wußte, bei ihnen war immer für mich Platz. Zwei, drei Mittagsstunden. Mal nachmittags. Mal abends. Sagte ich mich an, sagte ich mich nicht an, ich war jederzeit willkommen. Eine Freundin der Tochter, sie studierte auch in Heidelberg, wie lange war das her. Sie sagte: Besuch sie mal. Wer sprach noch von ihr? Die so esoterische Germanistin. Das strapaziöse permanente Hochgefühl. Stürmte es, schien die Sonne, sie schlug ihren George auf, trug daraus das für sie dazu passende Gedicht vor. Sie war, auch von ihrer Familie nicht verstanden, über Nacht ins andere Lager gegangen. Die Menschen, die sie liebten, die auch ihr lieb waren, die auch sie liebte, begriff es wer? Es gab nicht einmal eine Diskussion. Die Tochter Tenstrup war ihrem Lehrer ins Exil nach London gefolgt. Von da zurück aggressiv anglophil, Soziologin ohne Portefeuille. So las sie, mit ihr der Vater, den Guardian, selbstredend die Times, den Observer, den Spectator. Was BBC durchgab, war Tischgespräch. Mildes, zurückgezogenes Bürgertum. Das intensive quadratische Gesicht der Mutter. Unermüdlich gütige Augen. War sie nicht da, erstarrten Güte, Gastlichkeit zu einer eingeübten Konvention, auf die freilich Verlaß war. Sie, wie er, kam aus Westpreußen. Sie dort womöglich einst Lehrerin auf einem durch sie weltoffenen Dorf. Seine kleine, vormals auch bei unseren Nachbarn reputierte Tuchfabrik, für die er viele Jahre gereist war, hatten seine jüdischen «Partner», wie er sie nannte, ihm, für künftig seinem Sohn anvertraut. Sie lebten nun in Manchester; die Tochter hatte sie besucht. Gelegentlich Anspielungen auf da, dort getroffene stille Arrangements, auf deren Risiko.

Bei Tisch zwei damals sozusagen interessante Gäste. Ich traf sie das erstemal. Mr. Harrison, aus Oxford, aus London, vor den Spielen teils geschäftlich, teils zur Erkundung in Estland, Lettland, nutzte die Nach-Olympia-Tage, um sich unsere neue Zeit noch ein wenig näher anzusehen. Gloria Rochecamp, eine polyglotte Beauté aus Basel. Ihr Hintergrund: Die Schweizer Chemie. Wer von draußen kam, dazu mit Bond-Street-Flair, mit dem Valutamythos der Züricher Bahnhofstraße, brachte noch einmal den Abglanz der von uns mehr und mehr wegrückenden Welt ins Haus. Wer von uns, vor vier, vor fünf Jahren, hatte sie gekannt? Italien? Hatte da die neue Zeit nicht eine Ewigkeit früher begonnen? War das die Welt? Unser Märchen von der Welt. Mit Mr. Harrison wäre nicht darüber zu reden gewesen. Er sah uns als das ihm offiziell präsentierte Fertigfabrikat. Was ihm nicht entsprach, was davon abwich, er war doch nicht deshalb gekommen. Die Normalität, der diese, jene nachtrauerten, auch unsere ungelebten Träume waren kein Objekt für ihn. Unsere neue Realität, nicht zuletzt ihre makabren Symptome, sie vielmehr besonders, faszinierten ihn. Auch Gloria sah, und verabscheute, was bereits deformiert war. Aber es gefiel ihr in der Welt unzweideutig tief unter ihrer Welt. Die obszöne Lust der Makellosigkeit: Verachten, wen man fühlen läßt, daß man ihn verachtet.

Vater Tenstrup, immun gegen die dezenten, wie absichtslosen Zwischentöne der Gäste, nicht so sehr gegen die schärferen seiner Tochter, die ihre Freunde der Familie schenkte, hatte, ich nehme an, unser aller Mitgefühl: Der Biedermann, wie er nicht im Buche steht, der so leicht nicht überbietbare gute Deutsche, gelassen schlitzohrig, uns unisono anrührender Untertan seiner Frau, die wiederum sich mütterlich, voller Nachsicht, in dem Bewußtsein, dies, ja, dies ist das Leben, seinen ihm unentbehrlichen Launen unterwarf.

 

*

 

SIE auch? Natürlich, Sie auch. Jean Lecœur überblinzelte die Skizze des alten Mannes drei Tische weiter, schmiß noch einen Strich ans Kinn, einen in die Stirn, klappte den Zeichenblock zu. Ein sogenannter guter Kopf: Schauspieler, Orchestermusiker, pensionierter Studienrat. Ein Gast bei seinem Kaffee. Er hatte nicht bemerkt, daß Lecœur ihn, nicht die Spur verfratzt, karikierte. Mein Onkel hier in Berlin sieht ähnlich aus. Nein, er sieht wie mein Onkel aus. Sie auch? Er meinte, ob ich auch, wie er, Menschen sammele. Ich brauche Menschen. Es ist immer auch ein bißchen Jagd. Der Onkel, die Tante wohnten in Schöneberg. Genfer wie er. Bescheidene Genfer, sagte Lecœur. Sie sind sehr nett. Otto mag sie. Sie mögen ihn auch. Sie wissen, er kann charmant sein. Was sage ich? Er ist charmant. Was er so treibt, ich habe es ihnen selbstverständlich nicht gesagt. Schriftsteller. Sein Buch ist nichts für sie.

Otto R. war ans Telefon gerufen worden. Es war sein Vorschlag, daß wir uns am Nollendorfplatz, vor dem Café mit der breiten offenen Terrasse, treffen, dazu, als vierter, Raoul Ferraud, er studierte noch, aus einer Stadt bei Genf, auch am See, Anwaltssohn. Ich hatte 1935, nach der Forsthaus-Klausur im Schwarzwald, einige Monate, kaum weniger abgeschieden, gleich um die Ecke gewohnt. Ab und an zog es mich wieder da hin. So war es mir nur recht, oder fürchtete ich, wir treffen jemanden, der sich wundern würde, mich mit R. zu sehen? Könnte sich irgendwer wundern? Wer aus meiner Welt, ich sehe von Pichler ab, kannte ihn? Er war, wie in seinem Souterrain, in Zivil, nun ohne den «Sekretär». Bei ihm Begegnungsangst? Von mir darauf angesprochen, R. hätte mich nicht verstanden. Er schien, nun, da was er täglich brauchte für ihn kein Problem mehr war, überhaupt – oder täuschte das? – frei von Angst. Jean ist einer meiner besten Freunde. Ein alter Freund. Sie können über alles mit ihm reden. Journalist. Ein scharfer Journalist. Und Karikaturist. Ein brillanter Journalist. Auch Raoul ist ein guter Freund. Ich kenne seinen Vater. Auch mit ihm können Sie über alles reden. Sie hatten mittags opulent diniert. Ich war leider verhindert, kokettierte Lecœur. Leider. Otto R., naiv: Ja, leider. Und glücklich: Bei Horcher. Sie kennen Horcher? Was sollte ich sagen? Das Feinste vom Teuren. Eine der Nobelküchen Berlins. Gefeierte Tenöre, Leinwandköniginnen, mag sein auch Avus-Asse frequentierten sie. Soviel Geld im Überfluß, wer hatte das? Eine mir völlig gleichgültige Werteskala. Aber für R. war es der Aufstieg. Er versuchte, vor sich selbst zu ignorieren, daß es offensichtlich auch dem Freund aus Genf nicht wichtig, wenn nicht wie mir herzlich gleichgültig war. Lecœur amüsiert: Otto war immer ein Gourmet. Und zu Ferraud: Wie war’s? War’s gut?

Das von anderer Seite, das große Essen so leichthin abgetan, R. hätte es sich gewiß verbeten. Aber ihm lag daran, vor einem Freund wie Jean, nicht allein vor dem jungen Ferraud, zudem vor dem Schweizer mit dem Anspruch Genfs, zu bestehen, sein Gesicht, wie es ihm vertraut war, nicht zu verlieren. Sein Kalkül, wenn es denn ein Kalkül sein konnte, sich treu zu bleiben und doch denen, die ihn in Dienst genommen hatten, nichts schuldig zu bleiben oder sich ihnen wenigstens nicht suspekt zu machen, konnte nicht aufgehen. R. war, er sprach nicht bloß freimütig, vertrauensvoll, er sprach mit sich selbst applaudierendem Stolz davon, Mitglied eines Klubs geworden, dem einmal heil zu entkommen als aussichtslos absehbar war. Er wähnte sich im Besitz eines einzigartigen Privilegs. Der Chef, sein Chef, der Herr der schwarzen Uniformen, hatte ihn in den innersten Kreis seiner Trabanten geholt; niemand stand dazwischen. Ein Paladin der Macht – es war so simpel für ihn. Erlag er ihr, um an ihr teilzuhaben? Hatte er sie gesucht, strebte er sie für sich selbst an? Wie er so dasaß, gelöst, mit seinen guten Manieren, nicht auf Wirkung erpicht, wenn auch ihrer in jedem Augenblick sicher, nach wie vor auch der Bohemien in einem Café in Montparnasse, in Toulouse, liebenswürdiger Kumpan dieses witzigen Genfer Journalisten, repräsentierte er allein sich selbst, nicht etwa das die ganze Welt attackierende Programm schrankenloser Herrschaft, dem er sich, in die sich selbst so verstehende Überelite aufgenommen, mit allem, was er war, verschrieben hatte. Was war er? Jean Lecœur nutzte es, daß er keine Rücksicht zu nehmen hatte. Er sah, kaum anders als Mr. Harrison, als Gloria Rochecamp, einem ihn nicht mal peripher berührenden Spektakel zu. Dir macht das Spaß, sagte er. Ich sehe, es macht dir Spaß. Ja, R. war ein Kind. Er hätte, schien es, um ein Haar gesagt: Ja, es macht mir Spaß. Aber er witterte, es könnte ein Gespött werden, in das er, selbst wenn es ihn gereizt hätte, um keinen Preis einstimmen durfte. Macht, Herrschaft indes waren nicht wirklich seine Kategorien. Ich mochte nicht glauben, daß sie es wären. Seine, wiewohl gefährlich ungebremste, Selbsteinschätzung signalisierte ihm womöglich, sie könnten, würde er sich auf die Verführung durch sie einlassen, ihn ramponieren, ihn sich entfremden, ihn zugrunde richten. Sein Dilemma war, der Größenwahn, den er, wohl mit seinem aus Südfrankreich mitgebrachten Bild vom Gang der Geschichte, abzusichern, gar zu legitimieren hatte, blendete ihn. Oder war er schon von ihm infiziert? Oder hatte es der Infektion nicht erst bedurft? Keine Frage, er erkannte die ihm zugeteilte Rolle, akzeptierte sie. Wiederbeschwörer der Erinnerung an die Katharer, an deren die Kirche anklagende Tragödie, stand er voran in der Front des Kampfs gegen Rom, dessen Positionen wiederum machtintern umkämpft waren. Der eine Größenwahn rivalisierte mit dem der anderen. Es war ja auch die Konjunktur der Schwarmgeister. Europa, das Abendland, der ganze Erdball: das alles, mein Gott, das alles ist schon sündhaft lange nicht in Ordnung.

Das Diner bei Horcher. War Ferraud eigens dazu vom Genfer See angereist? Und Lecoeur, etwa auch nur deshalb? Er war zu den Spielen da gewesen, danach zurückgefahren. Nun war er aufs neue da. Ein besonderer Anlaß? Ich komme öfters her. Otto R. brachte es auf den Punkt. Er hatte Ferraud seinem Protektor vorgestellt, und da der Weg zu ihm, sprich: zu dessen Vater, so kombinierte ich, über Lecoeur gelaufen war, sollte doch auch er dabei sein. Dem Protektor samt dem Stab, soweit er in Berlin war. Dem Protektor inmitten seines Stabes. R. fiel es schwer, er mühte sich erkennbar damit, diese absonderliche Szene vor sich selbst herunterzuspielen. Aber wir sollten doch auch sehen, eine wie große Sache das war. Und was sollte ich dabei? Nur auch den Freund und seinen jungen Landsmann kennenlernen? Das Essen für sie, der Aufwand, er suggerierte sich, er habe alles in allem eine gute Hand dabei gehabt. Seine erste diplomatische Mission. Er sagte es nicht, aber es stand auf seinem Gesicht. Junge Menschen aus seiner Welt, er hatte nichts zu verstecken, gleich in einem Zentrum der neuen Welt. Wollte er sich selbst beweisen, daß das Unvereinbare vereinbar sei? Oder die Brücke, über die es vielleicht einmal ein Zurück geben müßte, nicht hinter sich abbrechen? Suchte er sich, vor den Freunden, vor mir zu bestätigen, daß die Gesellschaft, in die er sich da wagte, schon gewagt hatte, auch für die anderen doch nicht gänzlich unannehmbar sei? Ein Ereignis? spottete Lecoeur. Und wieder zu Ferraud: War es so, wie du es dir vorgestellt hattest? Ferraud: Oh, die kenne ich doch. Er sagte: «die». R. lächelte. Man konnte glauben, er verstand es als Kompliment.

R. nahm mich, bevor wir uns trennten, kurz beiseite. Er verriet mir ein Geheimnis, niemand sollte uns hören: Ferrauds Vater spürt, auf des Protektors Bitte, einer Verästelung seiner Familie, die ins Savoyische führe, nach und diese Recherche, die wohl nicht so recht sein Fall war, hatte er seinem Sohn übertragen. In der Tat, der Weg zu ihm, ich hatte richtig kombiniert, hatte über Lecœur geführt. Er rief nach ein paar Tagen an. Kommen Sie mal nach Genf? Er gab mir seine Adresse. Was ich ihn noch fragen wollte: Hatte irgendwer mit ihm gerechnet? Rechnete man mit ihm? Ich dachte an sein «Sie auch?», sein «Ich brauche Menschen», aber das Diner hatte er verschmäht. Das war die Antwort. Ein Monster in Diner-Nähe, und niemand sonst an der Tafel außer R. und dem Sohn des Anwalts hätte erfahren, wie es dazu kam. Nun haben Sie keine Karikatur machen können, sagte ich. Das würde ich nicht sagen, sagte er.

 

*

 

SIE sind ein Einzelgänger. Ich bin ein Einzelgänger. Bela tat, als sei ihm der Muskateller zu Kopf gestiegen. Er gab sich gerne wie ein Landsknecht, dem es nichts ausmachen würde, seinem Hauptmann den nackten Hintern entgegenzustrecken. Sie, ich, wir sind alle Einzelgänger. Ich kenne nur Einzelgänger. Athletisch, der strahlend sarkastische Übermut. Wir kannten uns seit einem Sommer auf Hiddensee. Er hatte alle Hiddenseer damals eingeladen. Es kamen aber, nach mir, nur Borgmanns, die Frau des Generals Borgmann (Luftfahrtministerium), die Tochter Borgmann, und der Mann, der dazu gehörte, Begleiter, Freund, Import-, Exportmann, fester Bestandteil der Familie. Belas Vater war auch General, aber der Vater hatte sich von ihm oder er sich von seinem Vater losgesagt, er hatte dessen Erwartungen nicht erfüllt, er ließ nichts auf seinen Vater kommen. Was bei ihm Dichtung war, hatte immer eine kräftige, in die Augen springende Farbe. Was Wahrheit war, danach wurde besser nicht gefragt; es wurde nur schlicht für wahr gehalten. Der Propeller auf seinem Kaminsims, der Rest von einem zersplitterten Propeller, aber immer noch eindrucksvoll, dramatisch, weil er sich eindrucksvoll, dramatisch daran erinnerte, wie er zersplitterte, wie er es überlebte, als er zersplitterte. Das blaue Glas seiner Brille, das von ihm verdeckte erloschene rechte Auge, die da versilberte Schläfe. Er sprach nicht davon, man brauchte nicht mehr davon zu sprechen, man sah, man wußte es. Der ganze Mann war Protest, Hohn, Verachtung. Er war alles das, was gefragt, gepriesen wurde. Er pfiff darauf. Geschrei, Jubel, der Kult der starken Männer, es widerte ihn an. Er war Testpilot. Flog er noch? Natürlich flog er noch. Nicht vorzustellen, daß er nicht mehr flöge.

Er sagte: Schluß. Ich gehe fort. Er sagte es nicht das erstemal, aber es war schwierig für ihn, fortzugehen. Wohin, warum? Kneifen, das Feld räumen? Er hieß Bela, wirklich. Der eine, der andere nannte ihn Bela Kun; sie waren keineswegs seine Feinde. Er hätte gerne, was geschah, großartig gefunden; er konnte es nicht. Konservativ, ja, konservativ und anarchisch, voller Wut. Wir fühlten uns wohl bei ihm, es war wunderbar seltsam, unerklärlich. Es lag – nur? – auch an Rick. Rick von Marika, Erika, Ricarda? Rick, Bela, das waren für die Freunde je eine Chiffre, ein Kodewort. Sie Inbild der sinnlichen, blitzgescheiten, in jeder Sekunde präsenten, nicht eine Sekunde mißdeutbar die Frau des Mannes, dem sie sich verbunden hatte. Ihr Freund davor, renommierter Schriftsteller, war einst ähnlich anarchisch wie Bela, hatte für den Exzeß, zu dem er sich hatte hinreißen lassen, bezahlt. Bela ein wenig ihr Produkt? Ist nicht, wer mit dem anderen harmoniert, auch sein Produkt?

Rick, Frau Borgmann verband, was für den, den es betraf, zu einem existentiellen Problem geworden war. Die Mutter der Frau des Generals war Asiatin. Japanerin? Frau Borgmann ließ es offen. Es kränkte sie schon, daß sich diese Frage stellte. Ricks Vater oder Mutter stammte aus Galizien. Sie war nicht gekränkt. Sie fühlte sich bedroht. Der letzte akute Anlaß lag erst ein paar Tage zurück. Bela war, auf dem Kurfürstendamm, spät abends bei einem Kiosk stehen geblieben, Rick allein weitergegangen. Ein Bursche in brauner Uniform, der zuviel getrunken haben sollte, lallte sie an. Was er sagte, Rick sagte, sie habe es nicht verstanden. Wie Bela davon berichtete, schlug er den Mann zusammen, verlud ihn in ein Taxi, brachte ihn zum nächsten Revier. Eine Szene, wie er sie sich wünschte, wie er sie von sich verlangte und die er, käme es dazu, bravourös bestehen würde? Rick gab keinen Kommentar. Er wurde auch nicht von ihr erwartet. Sie nahm diese kleine Geschichte von dem Mann, der sie schmähte, ihr zu nahe trat, und von dem Mann, der das auf der Stelle ahndete, diese uns allen einen Ruck gebende Geschichte, über die selbstverständlich nichts in der Zeitung stand, als das, was sich darin ausdrückte. Ohnmacht, Zorn. Der Wille, zu tun, was man nicht tat, was niemand tat. Doch wiederum, warum sollte die Geschichte nicht wahr sein? Eine anziehende, eine auffallend anziehende Frau. Ein Rüpel bedrängt sie. Der Mann bei ihr ist sich bewußt, wie sehr der Staat, für den dieser Rüpel steht, sie gefährdet, wie ohne Gnade er ihre Existenzberechtigung in Frage stellt. Seine Traumreaktion: Der Kurzschluß, die rückhaltlose Affektbereinigung. Wo gab es das noch, daß der, dem ein Exponent der neuen Gesellschaft verbal, tätlich auf den Leib rückte, den ein solcher Exponent bedrohte, schlug, oder der, der sah, wie jemand derart bedroht, geschlagen wurde, sich den Schimpf verbat, hart, furchtlos zurückschlug, sich dazwischenwarf?

Vor den Hiddenseetagen hätten wir Nachbarn sein können. Mein Domizil damals auch beim Hohenzollernplatz, keine fünf Minuten hätten uns getrennt. Die brauchbare Stadtbücherei war in der Nähe. Diese, jene Zeitung im Lesesaal wurde nicht mehr ausgehängt, die ersten, dann mehr und mehr Bücher kamen unter Verschluß, es gab sie nicht mehr. Dieses, jenes Gesicht war nicht mehr zu sehen. Es war Frühjahr geworden, vielleicht war dieser, jener schon verreist. Mein Zimmer lag am Treppenhaus, an der Tür hing ein kleiner grauer Blechkasten allein für meine Post. In die Wohnung nebenan trat ich nur, um ins Bad zu gehen, auch ans Telefon. Ein schon älteres Ehepaar. Sie bleich, verhärmt, eine in ihr Schicksal ergebene Frau wie in einem Sozialdrama der neunziger Jahre, doch das Gesicht wie von milder Erwartung nach jahrelanger vergeblicher Geduld überglänzt. Er ein Maler für alle Gelegenheiten, der zu hoffen begann, nun endlich käme die Zeit, die auch ihm eine Chance gäbe. Seine neuen Bilder: Lichtgestalten, irisierende heftige Farben. Es brachte ihn nicht auf, daß der Mitbenutzer seines Telefons seine Zuversicht, nun werde alles besser, alles anders, nicht teilte, aber er bedauerte ihn, weil er die Größe der Stunde nicht erkennen wollte. Er gab dem, der in seinen Augen kleinmütig zögerte oder nur, wo er sich hell begeisterte, betreten schwieg, eine Schonfrist. Er hätte ihr irgendwann, mit einemmal, möglicherweise gegen seinen Willen, zu dem Schluß gekommen, es sich schuldig zu sein, eine Grenze gesetzt. Es kam der Punkt, wo es nicht mehr half, die Worte abzuwägen, sie auch nur zurückzuhalten, wo er nicht mehr bloß den Kopf schüttelte. Schließlich bestand er darauf, daß der andere so dachte, und sich dazu bekannte, wie er. Den Anlaß, das Zimmer gleich an der Treppe aufzugeben, gab die Fahrt zuerst nach Swinemünde, von da nach Hiddensee.

 

*

 

VON wo sprichst du? Ich bin zu Hause. Allein? Ist das so wichtig? Ich dachte, wir sollten ein bißchen spazierengehen. Natürlich. Ich hole dich ab. Wo kann ich dich abholen? Ruth: Ich nehme ein Taxi. Warte unten. Ich bin in zehn Minuten da.