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Der Erzähler lernt Johanna auf einem Fest bei Hamburg kennen, und es geschieht, womit keiner von ihnen gerechnet hatte – von der ersten Stunde an ist der eine ohne den anderen nicht mehr zu denken. Ihr wird durch ihn bewußt, daß sie nach einem neuen Weg für sich sucht; eine verheiratete junge Frau, zwei von ihr geliebte Kinder. Joachim, Johannas Mann, sie nennt ihn Jochen: seiner selbst eindrucksvoll sicher, «ein Mann, der immer das Sagen hatte». Eine geordnete traditionsgebundene Welt. Dagegen der Erzähler: Journalist, Junggeselle, ein wechselvolles Leben zwischen Bonn, Düsseldorf, Hamburg, Genf, Wien, Rom. Möglichkeitsspiele, Machtspiele, Verletzungen. Johanna ist dem nicht gewachsen, sie bricht den Kontakt ab. Der Freund verkriecht sich, probt eine andere Beziehung, sie hören monatelang nichts voneinander. Ein neuer Versuch. Sie ziehen sich in den Taunus zurück, mieten ein Refugium, die Hütte, von der sie träumen. Doch auch das mißlingt, Johanna kehrt zu den Kindern zurück. Mutlosigkeit, Resignation. «Vergiß mich so, daß ich es nicht merke.» Es bleibt indes, mit nächtlicher Raserei zueinander über die Autobahn, eine dem Wahnsinn nahe Liebe. Am Ende zeichnet sich ohne Katastrophe eine Lösung ab. Johannas Resümee: «Ich möchte frei sein. Frei für ein Leben mit dir.» Adolf Frisé spricht unter denen, die erzählende Prosa schreiben, mit einer ganz eigenen, präzise artikulierenden Stimme. Sie ist angenehm unaufgeregt, berichtet in kurzen, klaren Sätzen. Der Erzähler psychologisiert nicht. Er sagt nur, was er weiß und was er empfindet.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Adolf Frisé
Johanna
Ihr Verlagsname
Der Erzähler lernt Johanna auf einem Fest bei Hamburg kennen, und es geschieht, womit keiner von ihnen gerechnet hatte – von der ersten Stunde an ist der eine ohne den anderen nicht mehr zu denken. Ihr wird durch ihn bewußt, daß sie nach einem neuen Weg für sich sucht; eine verheiratete junge Frau, zwei von ihr geliebte Kinder. Joachim, Johannas Mann, sie nennt ihn Jochen: seiner selbst eindrucksvoll sicher, «ein Mann, der immer das Sagen hatte». Eine geordnete traditionsgebundene Welt. Dagegen der Erzähler: Journalist, Junggeselle, ein wechselvolles Leben zwischen Bonn, Düsseldorf, Hamburg, Genf, Wien, Rom.
Möglichkeitsspiele, Machtspiele, Verletzungen. Johanna ist dem nicht gewachsen, sie bricht den Kontakt ab. Der Freund verkriecht sich, probt eine andere Beziehung, sie hören monatelang nichts voneinander. Ein neuer Versuch. Sie ziehen sich in den Taunus zurück, mieten ein Refugium, die Hütte, von der sie träumen. Doch auch das mißlingt, Johanna kehrt zu den Kindern zurück. Mutlosigkeit, Resignation. «Vergiß mich so, daß ich es nicht merke.» Es bleibt indes, mit nächtlicher Raserei zueinander über die Autobahn, eine dem Wahnsinn nahe Liebe. Am Ende zeichnet sich ohne Katastrophe eine Lösung ab. Johannas Resümee: «Ich möchte frei sein. Frei für ein Leben mit dir.»
Adolf Frisé, geboren 1910, gestorben 2003, ist Autor von Theaterstücken und Romanen. Nach 1945 Zeitungsredakteur (Politik und Feuilleton) in Hamburg, zuletzt Kulturredakteur beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt als Leiter der Literaturredaktion.
Tausend Mal hast du gesagt:
Ich liebe dich.
Und jedesmal war es,
als schenktest du mir
eine Rose.
Ein Lächeln als Echo
war dir genug, vage und ein wenig
verlegen.
Woher nahmst du die Sicherheit?
Wie konntest du wissen,
was war und ist
und immer noch dauert?
Johanna
MEINE Schwester, sagte sie. Ich hatte sie nicht danach gefragt. Mag sein, ich sah sie so an, als wollte ich sie fragen, ob sie ihre Schwester sei. Sie hätte es mir nicht zu sagen brauchen. Es mußte ihre Schwester sein. Jünger als sie, um einiges jünger, fast noch ein Teenager. Quirlig. Ein Irrwisch. Sie hockte sich nur für Sekunden zu ihr hin, wirbelte im Nu wieder fort. Sie trugen das gleiche Kostüm: schwarze, straff anliegende Trikots. Page. Tänzerin. Die gleichen sanften Konturen der Schultern, ihrer Busen, der Hüften. Ich war ähnlich schlicht kostümiert: grob gerippte, beigefarbene Cordhose, weißer Rollkragenpullover, nein, nein, offenes weißes Hemd. Daisy, sie hieß Dagmar, sie ließ sich Daisy nennen, entschied, als ich sie abholte, wir waren, ich ihr Galan, zusammen hergekommen, das reiche nicht. Sie war, wir saßen schon im Taxi, noch einmal ins Haus gestürzt, sie drängte mir noch einen Schal, lila, türkis, eine marineblaue Schlägermütze auf. Für mich? Ich behalte den Mantel an, ich schlage den Kragen hoch. Sie schlang mir den Schal um den Hals, setzte mir die Mütze auf. Du gehst zuviel ins Kino, sagte sie. Ihr Geschmack. Ich kannte ihn noch nicht. Sie hatte sich auf Wirkung kostümiert: flammend rot, das schwere schwarze Haar, die Mutter war Peruanerin, lose aufgeschüttelt. Carmen? Sie lachte. Cancan! Wir hatten uns, es lag zwei Monate zurück, nacheinander an zwei Tagen viermal, fünfmal gesehen, ich war wieder zu mir an den Rhein gefahren, wir hatten Tag für Tag, meist spät in der Nacht, miteinander telefoniert. Ihr Kosmetikgesicht. Ich hatte es nicht so glatt, so ohne Ausdruck, nur eine schöne Maske, in Erinnerung gehabt. Ich war wie darauf fixiert gewesen, sie wiederzusehen. Denk daran, wir kennen uns erst ein paar Tage. Du bist nur zum Fasching hier. Ich langweilte mich. Ich hatte nichts Besseres vor. In Hamburg langweilt man sich nicht. Gut, ich langweile mich nicht. Ich sage gar nichts, sagte ich. Die Gastgeber. Daisy setzte mich noch einmal ins Bild. Sie ist meine beste Freundin. Ich weiß. Er die Güte selbst. Er ist uninteressant. Oder sie sagte: Er ist die Güte selbst. Ich darauf: Interessant. Ich hatte mir was nur von dem Abend versprochen. Ein Fest. Ein Traumhaus. Menschen, die ich nicht kannte. Die Alster ist immer wieder schön, sagte ich. Ringsum Lichter. Sie tanzten über sie hin. Es war bald neun, schon Nacht. Hier irgendwo, das gefiele mir, aber wir fuhren schon über die Lombardsbrücke, passierten die Kunsthalle, den Hauptbahnhof, die Stadt hinter uns dunkelte ein, sie blieb mehr und mehr zurück. Wir siezen uns. Du bist irgend jemand aus Bonn. Ich habe mit Bonn nichts zu tun. Du wohnst doch in Bonn. Bei Bonn. Die beste Freundin hatte sich wunders wen vorgestellt. Der neue Favorit? Der wievielte war ich? Ich kam ihr, mein Eindruck, wie hergelaufen vor. Daisy hatte vorgebaut. Amüsier dich. Damit, wir waren da noch nicht angekommen, entließ sie mich. Ich werde mich nicht viel um dich kümmern können. Ich, auch sie, es war ja ihre Idee, wir hatten uns da in etwas hineingesteigert. Ich verstand mich nicht. Ich war ihretwegen hergekommen. Eigens ihretwegen. Das sich hinziehende, sie, mich nun schon quälende Ende eines Flirts, der in der Sylvesternacht begonnen hatte. Die einstige Patriziervilla. Nun Nachtbar, ihre bis nach Mitternacht offene Küche. So nah für mich, keine achthundert Meter. Boheme im Smoking, im Abendkleid. Der volltrunkene legendäre Maler aus New York, vormals in Berlin. Auch im Alkohol besinnungslos erstarrt war er noch ein Denkmal. Ich sehe ihn noch zuletzt: Zwei von unserem Tisch, als hätten sie ihn für die paar Stunden engagiert und nun brauchten sie ihn nicht mehr, postierten ihn vor die Tür ihres Autos, ließen ihn da, er fiel nicht um, fürs erste einmal stehen. Turbulenz, doch nicht wirklich Turbulenz. Nur Gewühl, Durcheinander. Gegen Morgen, halb sieben, sah ich mich mit meiner Carmen in ihrem Haus in der Fontenay am Frühstückstisch. Ihr Mann, er kam von der Reeperbahn, ihre oder seine Schwester, Freunde des Mannes, der Schwester hatten sich, eine sich selbst nicht geheuere Familie, von ihren Feten zum Kaffee, zu einer Flasche Fachinger, zu einer Prairieauster einträchtig wieder zusammengefunden. Wir nahmen uns da erst zur Kenntnis. Sie führte mich durch die Zimmer unten, die im oberen Stock. Hier schlafe ich, da schläft er. Je ein Alkoven in der einen, in der anderen Längswand. Dazwischen Platz wie für einen Billardtisch. Wir tun uns nichts, sagte sie. Ich sehe, sagte ich. Weihnachten hatte ich, am Nachmittag, die Tante in Bonn, die Kusine der Mutter, besucht, für den Abend war ich Gast bei Freunden hinter Godesberg, der einsame Junggeselle hatte ihnen leid getan. Über die Feiertage in Bremen, auch bei Freunden. Von da hatte es mich wieder nach Hamburg gezogen. Ja, ich habe hier gelebt, sagte ich. Nicht hier. Am anderen Ende. Hier war ich nie. Hier, das hieß: hier draußen. Draußen, das war zweimal über die Elbe. Beinahe wie in Holland, sagte ich. Rotterdam, von da zur Küste. Nein, ich kenne niemanden hier. Ich bin hier so hereingeschneit. Ich hatte sie nicht angesprochen, oder doch? Hi! So locker waren wir noch nicht. Okay, ja. Auch: Bye-bye! Aber das war nicht der Stil des Abends. Wir haben es geschafft. So gaben sie sich. Ich habe meiner Frau einen Trakehner gekauft. Zwei Pferde. Ja, zwei Pferde. Sie braucht das. Der Borgward? Zufrieden? Staben – Sie haben recht. Es geht nichts über Staben. Wer ist Staben? fragte ich. Ich hätte es wissen müssen. Die Büros, eines davon zwei Jahre auch mein Büro, lagen zwei Stockwerke darüber. Wir betraten unseren Block am Rathausmarkt. Mein Fenster über der Ecke Reesendamm/Jungfernstieg. Rundblick über die Binnen-, die Außenalster. Staben, Ausstatter, Herrenschneider, Plan Ecke Rathausmarkt, diagonal zu unserer Ecke, hatte ich vergessen. Ich hatte mir mal im zweiten Stock, bei Durst, Georg Durst, einen Anzug, nein, zweimal einen Anzug machen lassen. Verrückt. Wer ist Staben? Ja, so hatte es angefangen. Ich war lustlos, wie angeödet durch die Räume geschlendert. Siebzig, achtzig Gäste, es schien, sie alle kannten sich. Ich blieb bei vier, fünf Männern, vier, fünf Frauen stehen, sie lachten und lachten, ich bekam nicht mit, worüber sie lachten. Der Trakehner, der Borgward – Ein hochgewachsener, seiner selbst eindrucksvoll sicherer Mann. Um ihn drei, vier Frauen, zwei, drei Männer. Ich stellte mich nicht dazu, ich blieb nur stehen. Es stimmte, ich langweilte mich. Ich sah Daisy, ich sah ihre beste Freundin, ich wäre ihnen beinahe in die Arme gelaufen. Möglich, ich blieb nur deshalb stehen, wich ihnen aus. Eine harte metallische Stimme. Ein Mann Ende Dreißig, um die Vierzig. Blauer Blazer, weinrotes Halstuch, blaues Hemd. Ich sah ihn vor mir beim Rennen im Führring mit dem Trainer der Pferde. Ein Mann, der wo immer das Sagen hatte. Die Frau zu dem Trakehner. Kann sein, ich stellte sie mir auch vor. Ja, mein Mann ist auch hier. Wir sprachen da bereits von ihrer Schwester. Sie ist noch ein Kind, sagte sie. Sie war, nach den paar Sekunden mit ihr, wieder allein. Kein Wort, warum sie so allein dasaß. Sie hatte sich, mit dem Rücken zur Wand, die Knie angezogen, flach auf den Boden gesetzt. Still. Melancholisch. Eine Tänzerin vor der Probe, nach der Probe, eine kurze Pause. Staben? fragte sie. Ja, ich weiß, sagte ich. Vis-à-vis vom Rathaus. Keine Reaktion, daß ich nun doch wußte, wer Staben sei. Sie blieb nicht zu greifen ernst. Ich sagte mir, irgend etwas beschäftigt sie. Ich studierte an ihr herum. Ein ebenmäßiges klares Gesicht. Mittelblondes weiches seidiges Haar. Blickte sie auf, war es, als staunte sie, oder sie wartete. Ich war versucht, zu sagen, ich habe Sie schon mal gesehen. Ernstlich das Gefühl, ich sah sie schon mal. Die Augen, der Mund, ein Ausdruck, der nicht mir nichts dir nichts zu definieren war, aber ich war auf die Augen, den Mund, den Ausdruck um Augen, Mund vorbereitet. Keine Erinnerung, worüber wir sprachen. Sie tanzen nicht? Sie wohnen auch hier draußen? Nein, ich bin nicht verheiratet. Nicht mehr. So, Sie lesen viel? Was lesen Sie? Ja, bei Bonn. Zwei Jahre – Schon zehn Jahre? Ich weiß nicht, wie das ist, nicht verheiratet zu sein. Sie sagen das so – Wie? Ach, nichts. Ich kann nicht mitreden. Ich war verheiratet, nicht verheiratet. Wie verheiratet. Ich sagte nicht die Hälfte von dem, was ich dachte. Nicht ein Fünftel, nicht ein Zehntel. Was dachte ich? Ihr Mann? Es lag an ihr, daß ich ihn nicht in das, woran ich dachte, einbezog. Sah ich ihn? Gott ja, dann sah ich ihn. Daisy? Unwahrscheinlich, daß sie mich mit ihr gesehen hatte. Und wenn – Sie schloß ihn aus, ich sie. Ich konnte nicht ahnen, was sie wegschob oder was sie, ohne Vorsatz, in sie vielleicht überraschender Emotion, von sich abgleiten ließ, eine Last, die sich von ihr löste, was sie, ohne daß sie es wollte, es entzog sich ihrem Einfluß, ungeschehen machte. Warum sind Sie hier? Unsinn. So fragte sie nicht. Sie fragte überhaupt nicht. Ich hatte mich, ich konnte nicht gut linkisch oder gelassen, wie immer, länger hoch über ihr stehen, schräg zu ihr auf ein Kissen, das ich heranzog, gesetzt. Hätte sie ihre Beine ausgestreckt, hätte ich beiseite rücken müssen. Geht es Ihnen auch so? Ich sagte es nicht, aber ich wollte es sagen. Man weiß nichts voneinander, es ist alles möglich. Ich redete drum herum, aber darauf lief es hinaus. Oder ich sagte: Wenn wir von hier weggingen, was meinen Sie? Und auf einmal sagte ich: Mir kommt vor, ich kam Ihretwegen her. Wir saßen, wie in einem toten Winkel, in einem kleinen Durchgang mit einer Bücherecke. Auch wie unter einer nur nach außen durchsichtigen Glocke. Wer vorbeiging, sah uns nicht oder er sah weg. So ein Fest, sagte sie. Aber sie sagte auch: Ich mag Feste. Ich hätte raten müssen, wie sie es empfand, mit mir so dazusitzen. Ich sagte mir, es wird ihr wie mir gehen. Sie war es, die sich, wozu nur, isoliert hatte; ich isolierte mich mit ihr. Es konnte mehr, es konnte weniger sein, was uns verband. Es ließ sich nicht verkennen, irgend etwas verband uns. Was machen Sie morgen? fragte ich. Morgen ist Sonntag. Ich weiß. Wann? fragte sie. Ich sah ihre Schwester. Kein Zweifel, sie suchte sie. Ihre Schwester, sagte ich. Um vier? fragte sie. Sie nannte das weiße, breit hingelagerte Hotel auf der anderen Seite der Alster. Vier, sagte sie. Halb fünf. Eine halbe Stunde. Es kann sein, wir blieben noch sitzen. Es kann sein, sie stand auf, winkte ihrer Schwester zu. Auf einmal sah ich, ich war allein. Ich wunderte mich. Das Fest war noch voll im Gange. Es berührte mich noch weniger als vorher. Ich hätte nicht sagen können, was sich verändert hatte. Es war etwas geschehen, womit ich nicht gerechnet hatte.
NICHT hier, sagte sie. Nein, nicht hier. Ich hatte sie nicht kommen sehen. Ich saß, den Eingang ständig im Auge, mitten in der Halle. Ich hatte gerade noch einmal die Zeit verglichen. Die Uhr über der Rezeption ging einige Minuten vor, ich hatte Punkt vier. Seitwärts, eher hinter mir, ein Boy des Hotels. Auf der Tafel, die er herumtrug, wurde jemand ans Telefon gerufen. Ich drehte mich zu ihm hin, ich war es nicht. Vier. Ich hatte es noch im Ohr. Vier. Halb fünf. Ich gehe ihr, sobald sie durch die Drehtür eintritt, unauffällig, als ergebe es sich gerade so, entgegen, sie soll sich nicht nach mir umsehen müssen. Doch da stand sie schon vor mir. Sportlich, in einem Raglan, Kaschmir, ein weiches warmes Beige, kein Vergleich mit dem meiner Cordhose letzte Nacht, darunter ein graues, leger tailliertes Kostüm. Vertraut, fremd. Die Freundin, oder die Geliebte, die Frau, es ist Teezeit, sie hat mich nicht warten lassen. Nur eine vage Erinnerung, wie sie mich ansah. Ihr Blick irrte ab, glitt an mir vorbei. Ich wußte nicht mal, wie sie hieß. Wir hatten nicht daran gedacht. Sie nicht, ich nicht. Wir hatten so getan, als wüßte ich es. Wie ich hieß, es schien, es interessierte sie nicht. Ich hätte Daisy fragen können. Daisy. Die Rückfahrt mit ihr. Zwei Partygäste. Sie hatten, wie vor den paar Stunden, denselben Weg. So fuhren wir wieder zusammen. Müde? Es geht. Ich sah, du hast dich gut unterhalten. Doch, ja. Ihr kanntet euch – Schon, ja. Nicht direkt. Geplänkel um zwei Worte. Nicht direkt. Indirekt. Schwer zu sagen. Blieben Sie noch lange? Sie zögerte, ob sie sich setzen, nicht setzen solle, kehrte sich ab, zog mich, sie sagte nichts dazu, von meinem Sessel fort, ging hinüber zur Bar, ich folgte ihr, von da in die Passage mit den Auslagen, Blusen, Schmuck, Krawatten, Hemden. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Sie waren schon fort. Ein Flurbummel. Es sah aus, als sei sie in dem Hotel zu Hause, der sich anschließende Flur führte von Zimmer zu Zimmer, danach noch ein Flur und noch ein Flur, wir kamen wieder in die Halle, an der Rückwand wurden, um einen niedrigen runden Tisch, das Sofa, zwei Sessel frei. Fritz? Sie heißen wirklich Fritz? Wir hatten also doch darüber gesprochen. Es war ein Scherz. Sie sagten, ich habe so viele Namen. Clotilde, Johanna, Amalie, Beatrice, Sie hörten gar nicht mehr auf. Da sagte ich: Ich heiße Fritz. Nur Fritz. Ich heiße Sebastian. Nein, laut Taufschein: Peter. Ich würde lieber Willi heißen. Nicht flunkern, sagte sie. Ich flunkere nicht. Ich kann nicht flunkern. Ich denke mir etwas aus. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt, ihren Mantel mit den angeschnittenen Ärmeln abgelegt. Es war eine andere Frau. Sie verwandelte sich von Minute zu Minute. Wieder die Frau, die auf irgend etwas wartete. Dann ihrer sicher, unabhängig. Oder anrührend naiv, zutraulich. Belustigt, skeptisch. Kühl, nüchtern, im nächsten Moment sanft, voller Gefühl. Ich war schon kurz nach drei hier. Es konnte ja sein, Sie rufen an. Herr Fritz? Sie lächelte. Bitte Herrn Fritz? Nein, ich war noch eher hier. Nicht hier. In St. Georg. Kennen Sie St. Georg? Ich kenne Eppendorf. Auch Rissen. Das Krankenhaus in Rissen. Ich weiß. Ihre kleine Frau. Ich erschrak. So dahinzureden. Ich hatte es nicht gemerkt. Von mir zu reden und nicht zu wissen, mit wem ich rede. Wie kam das? Ich hatte doch kaum etwas gesagt. Ich sah, es entging ihr nicht, wie irritiert ich war. Es ist ganz in der Nähe, sagte sie. Ein Stück weiter bei der Alster. Die dritte, vierte Straße rechts. Sonntags, sagte ich. Die Familienbesuche. Da ist Großbetrieb. Es ging, sagte sie. Eine Freundin meiner Mutter. Sie war überrascht. Die Mutter lebte nicht mehr. Das hatte sie erzählt. Auch der Vater lebte nicht mehr. Ich hatte von meiner Mutter gesprochen. Sie lebte auch nicht mehr. Es war noch kein Jahr her. Ja, so war ich auf die kleine Frau gekommen. Sie starb zuerst. Die Mutter sechs Wochen danach. Sie mußte glauben, ich bedauere mich. Sie hatte wissen wollen, wie ich lebe, wo ich lebe. Wir fragten uns nicht ab, aber das eine, das andere sollte man schon voneinander wissen. Ja, ich lebe allein. Die kleinen Alltäglichkeiten. Hier ein Versuch, da ein Versuch. Das hatte sie nicht hören wollen. Zudem, ich bin sicher, wir schwiegen. Schwiegen uns an. Wir schwiegen mehr als wir redeten. Etwas war uns gemeinsam. Ich hätte es nicht ausdrücken können. Es dauerte Wochen, bis ich darauf kam, oder sie kam darauf. Sie, ja. Sie war mir von Anfang an überlegen, wenn es darum ging, eine Sache auf den Punkt zu bringen. Eine Sache. Das war ihr Wort. Und: Ich bin Realist. Es war eine Art seelischer Gleichstand, sagte sie.
Ihre Familie. Der Mann, die Kinder. Wie sie von ihnen sprach, sah ich sie links von ihr, rechts von ihr, oder sie trat hinter ihnen zurück. Wir hätten uns auch im Theater treffen können, sagte ich. Ich sitze neben Ihnen, Sie neben mir. Sie lachen. Sie lachen über irgendwas. Ich lache. Ich achte nie darauf, wer neben mir sitzt. Oder im Kino. Im Kino erst recht nicht. Ich bin noch nie allein ins Kino gegangen. Ich ging auch noch nie allein ins Theater. Aber gestern waren Sie allein. Ich hatte gar nicht hingehen wollen. Ich ging nur hin, weil meine Schwester hingehen wollte. Ich wußte nicht mal, warum ich hinging. Ich bin froh, daß ich hinging. Ich sagte mir, ich sollte ihre Hand fassen, mich zu ihr setzen. Wie Sie sich anziehen, sagte ich. Ich hätte ihr sagen sollen: Ihre Augen, Ihr Mund – Sie sagte irgendwann, nach Jahren: Du warst nicht angenehm. Nein, das warst du nicht. Du warst unausstehlich. Blasiert, arrogant. Weiß der Teufel, was sie darauf brachte. Ich dachte, legen Sie auch die Kostümjacke ab, knöpfen Sie Ihre Bluse auf, ich streifte, rührte sie aber nicht an, ihren Rock über die Hüften, von den Hüften über die Knie, zog sie mit den Augen zu mir. Was machen Sie heute abend? fragte sie. Irgendwas. Morgen? Irgendwas, irgendwas, sagte ich. Und übermorgen? Dienstag? Dienstag fahre ich zurück. Sie erhob sich. Eine halbe Stunde, sagte sie. Ich habe eine halbe Stunde gesagt. Ihren «Käfer» hatte sie hinter dem Hotel, in der Alstertwiete, abgestellt. Sie schloß zuerst die Tür rechts auf. Kommen Sie, sagte sie. Ich habe gesagt, ich bin um fünf zu Hause. Meine Tochter ist sehr genau. Wo warst du? Mit wem hast du gesprochen? Worüber habt ihr gesprochen? Es war wieder der Weg vorbei an der Kunsthalle, am Hauptbahnhof, wieder über die Elbe, die Strecke war mir nun schon halb vertraut, am S-Bahnhof Wilhelmsburg setzte sie mich ab. Das ging schnell, sagte ich. Sehen wir uns noch? Um eins. Wie heute. Morgen um eins. Sie schoß, kaum daß ich ausgestiegen war, davon, ließ mich, als sei sie froh, mich los zu sein, verdutzt am Bordstein zurück, sie hätte mich auch mitreißen, mich zwanzig, dreißig Meter hinter sich herschleifen können, mir blieb nur, mich zu fragen, wie anders ich es hätte anstellen sollen.
JA, HENRI. Mit i, nicht mit Ypsilon, aber englisch, nicht französisch. Ein Onkel rief sie mal so. Ein Bruder meines Vaters. Er war schon vor dem Krieg nach England gegangen. Henriette! Wie kann man Henriette heißen? Sie ist ein halber Junge. Auf Henriette hört sie nicht. Ihre Tochter. Zehn. Sie wird im Mai elf. Ich hatte als erstes nach ihr gefragt. Doch, ich war pünktlich. Ein Glück. Sie leidet, wenn ich nicht da bin. Wo warst du? Sie fragt mir die Seele aus dem Leib. Ich hatte mich wieder in die Halle gesetzt, war ihr wieder, als sie aus der Drehtür heraustrat, wie beiläufig entgegengegangen. Kommen Sie. Wieder dieses bestimmende: Kommen Sie. Sie ging gar nicht erst mit mir an meinen Platz zurück. Ich muß noch etwas besorgen. Was, es schien, sie vergaß es. Ihr «Käfer» stand diesmal ein Stück weiter weg, beim St. Georgs-Kirchhof. Wohin fahren wir? Wohin Sie wollen. Sie fuhr routiniert wie ein Taxifahrer Richtung Hauptbahnhof, um ihn herum zurück über die Alster im weiten Bogen um die Innenstadt, blieb, als sei es ihr täglicher Weg, im damals noch gemächlichen Verkehrsstrom über die Reeperbahn, nach noch nicht fünfzehn Minuten lag rechts Altonas Rathaus, wir bogen ab zur Klopstockstraße in die Flottbeker Chaussee, sie hieß noch nicht auch hier schon Elbchaussee. Ich kannte die Stadt vorweg aus der S-Bahn-, der U-Bahnperspektive, es war die Zeit, als noch nicht alle Welt Auto fuhr, der Verzicht aufs eigene Fahrzeug, sogar mit Führerschein, fiel mir nicht schwer, im Gegenteil. Wir wohnen so weit draußen, sagte sie. Ich wüßte nicht, was ich ohne Auto machte. Ein Haus seitab der Landstraße. Ich malte es mir aus. Der Bus nur alle halbe Stunden, abends nur jede Stunde. Ich bin kein Stadtmensch. Nur Häuser. Da könnte ich nicht leben. Ich lebe gerne in der Stadt. Ich kann auch auf dem Lande leben. Wir mußten uns nicht ansehen. Sie hatte uns wohl deshalb wieder in ihr kleines enges Auto gesetzt. Meine paar Jahre mehr strich ich ab. Sie bestimmte, wie wir uns verhielten. Alexander ist sechs. Er fragt nie: Wo warst du? Er hockt am liebsten da, beobachtet. Seine Amsel. Die Ameisen. Sie krabbeln im Sand herum. Oder er strolcht herum. Plötzlich ist er wieder da. Keiner weiß, wo er war. Überall. Ich frage ihn schon nicht mehr. Er lächelt nur. Ich könnte ihm nie böse sein.
Es kann sein, ich bemerkte es, wir fuhren nicht mehr, aber es fiel mir nicht auf. Sie war, als hätten wir es so vorgesehen, in eine Straße nach rechts abgebogen, ließ den Wagen ausrollen, bremste erst, als er schon stand, stellte den Motor ab. Ich habe Hunger, sagte sie. Ich bin seit sechs auf. Sie stand immer früh auf, sie hatte es mir schon gesagt. Neben ihr der Mann. Sie hatte angesetzt, es mir zu schildern. Sie sprach von ihm, als sei sie selbst ihr Mann. Nicht jemand, der ihr einmal, auch nur für ein paar Tage, fremd gewesen war. Seine Mutter und ihre Mutter. Irgendwann, irgendwo kamen sie aus dem gleichen Nest. Ich bemühte mich, es mir vorzustellen, es war nicht einfach, interessierte mich auch nicht. Ein Brötchen, eine Tasse Kaffee. Ein Brötchen mit Butter, ohne Butter. Mal mit, mal ohne. Es wird Zeit, sagte sie. Das renommierte Restaurant über der Elbe, gerade noch 18. Jahrhundert. Dreißig Minuten weiter, zwischen Blankeneses S-Bahnhof und Baurs Park über dem Strandweg, hatten wir gewohnt, aber diese Ecke kannte ich nicht, es waren die Hungerjahre, wir waren, ohne Auto, nie bis hier gekommen. Der Dienstag nach dem Wochenende. Zwei Tage. Es schienen Wochen dazwischenzuliegen. Sie empfahl mir die Scholle, dazu Salzkartoffeln, Salat. Oder nur Salat. Johanna. Anna. Wie soll ich Sie nennen? Mathilde, wenn Sie wollen. Martha, sagte ich. Sie lachte. Nein, dann Anna. Kein Mensch nennt mich Anna. Für Sie also Anna. Es paßt ganz und gar nicht zu Ihnen. Um so besser. Wieder den Macon? fragte der Ober. Jetzt? Anna sah zu mir hinüber. Lieber einen Frascati, sagte ich. Einen leichten Frascati. Sie hatten keinen Frascati. Dann Wasser, entschied sie und zu mir: Man ißt nicht schlecht hier. Mir fiel nichts anderes ein. Ihre kräftigen, eher schweren Hände. Ihre Haare fielen über ihre Schläfe links, wohl ihre Profilseite, zum Kinn hinunter. Sie strich sie übers Ohr nach hinten. Nun fielen sie auch rechts über Schläfe, Wange bis hinunter ans Kinn. Wie nun? fragte sie. Fritz? Willi? Peter, sagte ich. Sebastian. Karl, sagte sie. Ja, Karl. Karl und Anna. Mir fiel ein, ein Stück. Ich hatte es vor Jahren gesehen. Ein Mann und eine Frau. Sie gehört nicht ihm, sie gehört einem anderen. Sie glaubt, er ist der andere. Karl wie Anna. Gut. Warum nicht? Es war eine einst vielgelesene Erzählung. Der Autor hatte ein Stück aus ihr gemacht. Wenn schon. Ich hatte keine Lust, davon zu reden. Ich entsann mich nicht so genau. Ich müßte es ihr erklären. Ich muß nächste Woche nach Rom. Kennen Sie Rom? Sie überhörte es, oder es sagte ihr nichts. Ihr Haar, sagte ich. Ich wollte sagen: Ich könnte Sie immer ansehen. Der Ober brachte das Wasser, dazu Toastbrote, Butter. Es ist dünn, sagte sie. Als Mädchen träumte ich von einem dicken langen Zopf. Oben um den Kopf herum. Es ging nicht. Es ist zu dünn. Dickes Haar, dünnes Haar, es fällt schön. Nicht doch etwas Wein? fragte sie. Ein anderer Kellner tischte den Fisch, die Kartoffeln, den Salat auf. Scholle war nicht mein Fall. Ich sah zu, wie sie die Haut abhob, das weiße Fleisch bloßlegte, machte es ihr nach. Ich bin nicht verwöhnt, sagte ich. Von mir aus brauchte es nur Eintopf zu geben. Linsensuppe mit Würstchen. Ein Topf Milchreis, Preiselbeeren. Schlesisches Himmelreich. Sie lächelte, wie verwundert, mit wem sie da zusammensaß. Sie sind bescheiden. Sehr bescheiden, sagte ich. Keine Wünsche? Wünsche? Das weiß man immer erst, wenn sie sich erfüllen. Wir saßen, Blick über den Fluß, beim Fenster. Drüben Montagehallen, das Gerippe einer Werft. Zwei Schlepper zogen einen tiefliegenden, schwerbeladenen Frachter elbeabwärts. Ein Polizeiboot schoß flußauf vorbei. Nein, ich kenne Rom nicht. Wir kamen nur bis Florenz. Florenz, da war ich auch. Die Abende waren trostlos. Ich lief stundenlang allein herum.
Sie hatte gesagt: Ich muß noch etwas gehen. Oder ich sagte: Gehen wir noch was? Die Stufen hinunter an den Strand. Zweimal rechts, zweimal links, noch einmal rechts. Fünf Treppen aus brüchigen, teils schon weggebrochenen Steinen. Der Gasthof über uns stieg höher und höher. Wie auf Rügen, sagte ich. Ich habe noch nicht viel gesehen, sagte sie. Rügen. Wie kamen Sie nach Rügen? Von Berlin aus. Ich war nur einmal dort. Vor dem Krieg. Lange vor dem Krieg. Allein? Ja, da war ich auch allein. Sie bewegte sich anders. Wir waren noch keine fünfhundert Meter zusammen über die Straße gegangen. Vom Hotel zu ihrem Auto, und vorhin die paar Schritte. Mich rührte, wie sie ging. Wie zaghaft, als bedenke sie jeden Schritt oder als ziehe es sie vom geraden Weg nach links hinüber, und sie müsse gegenhalten. Oder als wolle sie nicht wahrhaben, daß ich oder wer immer ihr zusehe, ihren Gang nicht aus den Augen lasse, sich Gedanken über sie mache. Sie sagen nichts, sagte sie. Ich sage immer etwas. Was? So vieles. Wieder eine nur vage Erinnerung. So ungefähr. Wir waren das erste Mal allein mit uns. Weit voraus ein paar Kinder, eine anscheinend junge Frau. Schön hier, sagte ich. Ich weiß nicht, sagte sie. Sie hielt an, blickte übers Wasser, als suche sie etwas, drehte sich von mir weg. Ich ging um sie herum, stellte mich vor sie. Wenn ich bliebe, sagte ich. Ich weiß nicht, sagte sie. Ich faßte sie bei den Armen, trat nahe an sie heran. Johanna – Sie sah mich erstaunt an, es schien, sie prüfte, was ich dächte. Anna, sagte sie. Es war wie ein Versuch. Ich wollte nichts verderben. Ist das so wichtig? fragte ich mich. Was sprach dafür, daß es ihr wichtig war? Wir ließen es, denke ich, beide darauf ankommen. Ihr Mund verschloß sich nicht, aber ich mußte ihn öffnen, ihre Lippen befeuchteten sich.
SIE rauchen nicht mehr. Ja, ja, schon lange nicht mehr. Er war in Hannover zugestiegen, ich hätte ihn nicht wahrgenommen, er schob, als hätte er mich gesucht, brüsk die Abteiltür auf, setzte sich neben mich. Wieder im Zug. Er lachte. Er hatte mir irgendwann geschrieben, mich besucht, wir waren uns nicht, ähnlich zufällig, auf irgendeiner Fahrt begegnet, er verwechselte das, irgend jemand hatte uns zusammengebracht. Ein Mann der schnellen Entschlüsse. Er hatte mich nach Zürich eingeladen, seine Wohnung stank drei, vier Tage, er schrieb es mir hernach, nach meiner Pfeife. Verheiratet? fragte er. Sie? fragte ich. Oh. Gott, sagte er. Ein Spieler. Ich entsann mich. Eine glückliche Natur. Ja, ich hatte ihn für eine glückliche Natur gehalten. Er saß draußen, sah von draußen zu, wie das bei uns ablief. Noch in Hamburg? Ich erinnerte mich, er war auch einmal bei uns in Blankenese, und danach sahen wir uns noch mal in Zürich, doch da nicht bei ihm, nur für eine Stunde irgendwo am See. Ruth damals: Er tut mir leid. Wofür lebt er? Drei, vier Jahre schienen wie nie gewesen. Ab und zu, sagte ich. Hamburg war mir nun wieder nahe gerückt. Ich war am Abend zu «unserem» Hotel hinübergegangen, stellte mir vor, sie käme durch die Drehtür, nein, sie stünde wieder unversehens vor mir, zöge mich durch die Drehtür auf die Straße hinaus, wir führen hinaus an die Elbe, äßen dort, gingen ans Ufer hinunter. Ich hatte mich, es war unnötig, darüber zu sprechen, in ihr Leben hineingedrängt, sie war aus dem meinen nicht mehr wegzudenken. Die noch nicht halbe Stunde in ihrem Auto zurück immer parallel zur Elbe, Landungsbrücken, Binnenhafen, eine Wand, die zu übersteigen ich mich, sicher auch sie sich fürchtete, schob sich zwischen uns. Ich könnte ein Stück mitfahren, sagte sie. Hannover, Celle, wir haben überall Verwandte. Ja, fahr mit. Es war so einfach. Ich weiß nicht, was ich sagte. Ich sagte: Ich muß am Nachmittag in Düsseldorf sein. Auch nach Düsseldorf? fragte er. Ja, es war in Düsseldorf. Auf einem Empfang. Was heißt Empfang? Er ging hin, wo man hinging. Informationen. Für mich gibt es nur Informationen. Für wen arbeitete er? An so was dachte man nicht. Ich dachte nicht daran. Das durchsichtige helle Haar, die leicht gerötete Haut, die wie verwundert freundlichen Augen: ohne Arg, harmlos, verschwiegen wohlgestimmt, aufmerksam bereit, zuzuhören, ich hatte keine Lust zu reden. Viel unterwegs? Es geht. Daisy hatte am Abend in der Pension angerufen. Ich rief zurück. Es geht mich nichts an. Du mußt wissen, was du tust. Du wirst in Schwierigkeiten kommen. Ich sagte, ich wisse, was ich tue. Ich wußte es nicht. Das Gefühl, Johanna fahre mit. Wir hatten keinen Schwur getan. So weit waren wir noch nicht. Ja, ich fahre nach Rom, hatte ich zuletzt gesagt. Fahr doch mit, sagte ich auch da. Ihr Gesicht verriet nicht, was sie dachte, was sie dabei empfand. Ich rückte es mir vor Augen. Ich hatte nicht gerade damit gerechnet, es werde sich mir schon im Zug, schon mit der Fahrt entziehen, aber ich war darauf gefaßt, daß es sich verwische, daß ich es, wollte ich es wiedererkennen, mir neu erfinden müsse. Ich suchte in ihm, was ich von ihr erwartete. Was wohl sie von mir erwartete? Es war eine der besten Adressen. Der Freund aus Zürich schrieb sie auf seine Visitenkarte, Christoph Zelters, der Name war mir entfallen, etwas wie Christian war in meinem Gedächtnis hängengeblieben, irgendwas mit Z. Er notierte auch die Durchwahl zu seinem Zimmer. Sie erreichen mich da bis Freitag. Ich hätte auch heute abend Zeit. Tut mir leid, ich bin in Eile. Ich muß noch heute wieder in Bonn sein. Mein kleines Stadthotel, eine Straße und ein paar Schritte rechts, Richtung Hofgarten, von der Kö, ich war da, wie ein Vertreter in Damenunterwäsche, fast schon Stammgast, der jederzeit sein Bett fand. Vordem wenig Glück mit den Düsseldorfer Quartieren. Mal, bei einem Kollegen, der, als ich ankam, in Urlaub fuhr, schmiß mich die Kreissäge, die er mir verschwiegen hatte, in einer Werkstatt unten im Hof, schon um sechs von der Gästecouch. Mal war es, im einmal feinen Oberkassel, eine Geistervilla für Mieter ohne jeglichen individuellen Anspruch. Mal nahm ich ein Mädchen aus der Bar, in der sich nachts bis zwei, bis drei so herrlich ungestört arbeiten ließ, in mein noch nicht ausprobiertes neues Quartier in der Altstadt mit; ich mochte die erste Nacht dort nicht allein sein. Als ich aufwachte, war sie nicht mehr da. Das Geld, die Uhr hatte sie, grußlos, mitgenommen. Mein Termin mit Petruschek, mit Sonnengürtel, Dr. Marek P., Wilfried S. Ihretwegen hatte ich den Neun-Uhr-Zug genommen. Projektschmiede. Ich war gewarnt. Doch es hieß auch: Hören Sie sich das ruhig einmal an. Es war wie mit Johanna. Die Hotelhalle. Sie erkannten mich, noch ehe ich sie sah, vielmehr, ich hätte sie nicht sehen können, ich kannte sie ja noch nicht. Also, die Sache ist so – Ich hörte kaum hin. Ich spürte, sie lügen, sie machen sogar sich selbst etwas vor. Ein internationales Blatt. So etwas gab es bei uns noch nicht. Ein Konsortium. Kontakte in den USA, London natürlich, Mailand, Paris. Ich hatte noch nie Lotterie gespielt. Möglich, es war das, was mich gereizt hatte. Dieser Sekundenreiz. Er war im Nu verflogen. Immerhin, ich hatte A gesagt, es war eines meiner wenigen Prinzipien, ich gab mir durchweg Mühe, Wort zu halten. Keine unsympathischen Leute, verschwenderische Optimisten, es war nicht ihr Geld, was sie aufs Spiel setzten, Geld spielte keine Rolle. Es verstand sich, sie kannten Gott und die Welt, und Gott und die Welt vertrauten ihnen. Ich sagte zweimal, dreimal: Ich denke darüber nach. Sie hätten auf dem Gymnasium meine Mitschüler sein können, stets auf dem laufenden, den Studienräten an Welterfahrung haushoch überlegen, sie blufften wie mit siebzehn, achtzehn, wer sollte ihnen auf die Schliche kommen. Meine Generation, Ende Dreißig, Anfang Vierzig. Auch Petruscheks Haare lichteten sich schon, ein von vermutlich unzähligen ins Leere gegangenen Ansätzen mitgenommenes Gesicht, kein Zweifel, ich würde es nach noch nicht einer Woche, noch schneller, vergessen. Nur wenige Häuser weiter die angesehene Fotografin. Sie öffnete selbst. Keine Allüren. So ihre Devise. Lassen Sie weg, was Sie von sich halten. Sie hatte bei mir einen halben Nachmittag gebraucht, bis sie meinte, nun wisse ich nicht mehr, wer ich sei, gar ob ich wer sei. Benötigte ich ein Foto, ich griff nie auf eines von ihr zurück. Sie haben sich nicht verändert. Doch, Sie sind es, nur anders. Wem sagte sie das nicht? Ihr großflächiges Gesicht, gewiß einmal schlichtes Kind vom Lande, ein Zufall verschlug sie in die Stadt. Ich war alsbald, was es so gab, im Bilde. Ich sollte in New York sein, sagte sie. Kennen Sie New York? Ich ließ es offen, ob ich schon mal dort war. Ja, New York, sagte ich. Sie mochte sich fragen, was ich von ihr wollte, sie fragte nicht. Ein Glück, daß ich Sie antraf, sagte ich. Ja, Sie haben Glück gehabt. Petruschek? Nie gehört. Ich ließ den Namen noch da, dort beiläufig fallen. Petruschek? Sind Sie noch bei Trost? Theo Schmitz war bei seinem Pils, Pils und Korn, geblieben. Ich hatte noch keinen seiner Romane gelesen, nur das Drehbuch nach seiner Geschichte eines jungen Tramps vom Niederrhein, er wuchs mit Schafen und Ziegen, die er zu hüten hatte, auf, ging auf den Bau, schlug sich einige Jahre in Frankreich, in Italien durch; es war schon durch mehrere Hände gegangen. Wir trafen uns gegen elf. So um diese Zeit, auch unweit der Kö, hatte er mich hin und wieder, wenn die Arbeit fürs Blatt getan war, zu einer seiner Kneipen abgeholt. Der junggesellige Kumpelton hatte sich verbraucht. Ich konnte nicht mal mit ihm über Johanna sprechen.
SIND Sie es? Ich sah sie nur selten, so gut wie nie. Die Stimme hoch über mir, es fiel mir nun erst auf, war mir noch nicht wirklich vertraut. Sie und ich die einzigen Bewohner ihres Hauses. Wir hatten nur den Eingang links, drei Stufen hoch, gemeinsam. Gleich bei der Treppe, die zu ihr hinaufführte, die zweiflügelige Tür allein zu mir. Zwei Zimmer, das zum Garten mit Schreibtisch, Bücherregal, Sofa, zwei Sesseln, im vorderen, dem zur Straße, schlief ich. Ein pompöses, mich stets neu beängstigendes weiß-gelb gelacktes Doppelbett, ein nicht minder monströser, auch gelblich-weißer Schlafzimmerschrank. Sie gehörten nach oben zu ihr, sie hatte sie wohl, für ihren Bereich, loswerden wollen. Eine selbstbewußte kühle, dabei noch wie mädchenhafte spiegelverliebte Frau; sie genoß es, schien es, sich abzukapseln, sich nach niemandem richten zu müssen. Wo ich, nun schon seit auf den Tag sieben Monaten, hauste, hatte ihr Mann, Internist, Psychiater, eines von beiden oder beides, seine Praxis gehabt. Morphinist, Selbstmord. So die Lesart, oder sie selbst deutete es einmal an. Hier sind Blumen für Sie. Wunderbare Blumen. Ich sah sie nicht gleich. Sie wartete über der zweiten kürzeren Treppe; die Hände aufs Geländer gestützt, beugte sie sich, so sah ich sie schließlich, ein wenig vor. Im Morgenmantel, ihr sonst aufgestecktes Haar bereits für die Nacht gelöst, von unten gesehen hochgewachsen, schlank. Ich habe sie in eine Vase gestellt. Die bei Ihnen wird zu klein sein. Kommen Sie. Drei Türen, die mittlere stand offen. Geburtstag? fragte sie. Sie ging voraus. Ein anheimelnder, hell, heiter erleuchteter Salon. Mein erster Besuch bei ihr. Die von mir unten bezogenen Räume hatte ein Makler vermittelt. Sie war, als ich sie besichtigte, nur auf einen Augenblick dazugekommen. Ich verstehe nichts von Geschäften. Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl. Ein üppiger Strauß: Iris, Anemonen, Tulpen, Narzissen, weiß, rot, rosa, blau. Sie wurden schon gegen Mittag gebracht. Ich wollte gerade weggehen. Ich habe lange keine Blumen bekommen. Ich bekomme nie Blumen. Um so schöner, sagte sie. Es war, als sehe sie mich mit anderen Augen. Nicht neugierig? Ich sah den zwischen die Tulpen geschobenen Umschlag, tat als wüßte ich, von wem das käme. Wenn Sie einen Moment Zeit haben, sagte sie. Ein Glas Wein? Einen Cognac? Nehmen wir an, Sie haben Geburtstag. Ich erwarte einen Anruf, sagte ich, sah auf meine Uhr. Ich bin schon etwas spät. Sie hatte es sichtlich nicht so ernst gemeint. Nun, vielleicht ein andermal, sagte sie. Vorsicht, sagte sie noch. Ich versuchte, den Strauß aus der Vase herauszuziehen. Nein, nicht so. Mit der Vase. Behalten Sie sie.
Ich war ausgerückt, nichts als ausgerückt, das war mir nun klar. Daisys Anruf, ihr überraschender Vorschlag, ich überlegte nicht lange, fuhr schon am nächsten Morgen los. Ich hatte Johanna nicht beschrieben, wie es bei mir aussah, was war da auch zu beschreiben. Einmal achtzehn, einmal zwei- undzwanzig Quadratmeter, ich hatte sie noch nicht, sie hatten mich noch nicht angenommen. Doch, ich sagte ihr mal, es ist wie ein Wartesaal. Wie sind die Blumen? Ich hätte sie gerne selbst ausgesucht, aber das ging ja nicht. Ich dachte, es wird nicht schön sein, wenn Du nach Hause kommst, niemand erwartet Dich. Auf dem Kärtchen zum Strauß stand nur, fleuropübermittelt: Gruß Johanna. Etwa zugleich mit ihm war auch schon, expreß, der Brief gekommen. Eine unerwartet einfache Schrift, deutsch, nicht lateinisch. Betont sachlich, nein, sie betonte nichts. Was zu sagen war, war nur so hingeschrieben. Die Schrift einzig als Mittel, sich mitzuteilen. Nüchtern, das sagt es besser. Unsere Namen. Sie passen nicht zu uns. Ich weiß, es wird mir erst jetzt bewußt, kaum etwas von Dir. Wo Du herkommst, wo bist Du aufgewachsen? Es war zu kurz, viel zu kurz. Ich bin erstaunt, wie sehr ich an Dich denke. Die Kinder. Sie sind sehr lieb. Alexander ist nicht wiederzuerkennen. Ich habe ihn nicht ein Mal suchen, nach ihm rufen müssen. Er ist ständig um mich herum, fragt dies, fragt das. Sie fühlen, glaube ich, was passiert ist. Passiert. Was ist schon passiert? Ihr Vater ist verreist. Ich hatte es Dir nicht gesagt. Er war die ganzen Tage verreist. Er kommt heute abend zurück. Joachim. Ich hatte Dir auch das nicht gesagt. Hans Joachim. Oder einfach: Joachim. Ich nenne ihn Jochen. Ich mag Joachim nicht. Holofernes. Ich rief ihn einmal Holofernes. Es gefiel ihm. Mein erstes Pferd hieß so. Ich war noch klein. Ein Kind. Mir fällt dauernd etwas ein, was ich vergessen, woran ich ewig lange nicht mehr gedacht hatte. Holofernes, so würde auch mein Mann sein. Ich hatte nie mehr so ein Pferd. Er verstand, was ich ihm sagte. Er ließ, wenn irgendwas mich bedrückte, den Kopf hängen, er konnte lachen. Ich legte mich manchmal ins Gras, träumte. Er blieb bei mir, paßte auf, daß mich niemand störte. Ja, so, dachte ich, wird mein Mann sein. Kein langer Brief. Vier Seiten. In meiner Schrift nur gerade zwei Seiten. Ich zerbrach mir den Kopf, brachte nicht zusammen, was ich ihr geschrieben hatte. Ich fing im Zug damit an. Ich sah sie, die Kinder, wieder nicht den Mann. Nachts, im Hotel, schrieb ich weiter: von Petruschek, von Sonnengürtel, von der berühmten Fotografin. Ein verlorener Tag. Es lohnte nicht, daß ich schon heute hierherfuhr. Aber es wäre morgen, übermorgen nicht anders. Es liegt an mir. Was ich auch tue, mit wem ich spreche, die Gedanken laufen mir davon.
SCHULZE & CO
