Wir leben immer mehrere Leben - Adolf Frisé - E-Book

Wir leben immer mehrere Leben E-Book

Adolf Frisé

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Beschreibung

Adolf Frisé, homme de lettres alter Schule, Autor, Kulturjournalist und Herausgeber der Werke Musils, erzählt mit Noblesse sein reiches Leben. In einer Kleinstadt am Niederrhein 1910 geboren, wird Adolf Frisé als Kind Zeuge der belgischen Besetzung und des Separatistenaufstands («fast alle anwesenden Separatisten fielen der Lynchjustiz zum Opfer»). Familiäre Probleme stellen sich ein – «ich sah die Frau, die den Vater von der Mutter wegzog» –, und er heißt plötzlich nicht mehr Altengarten, sondern Frisé. Gymnasium, Studium in München, Berlin und Heidelberg. Promotion, erste Schritte als Autor von kurzen Erzählungen und Feuilletons. Begegnungen u. a. mit Gottfried Benn, Karl Jaspers, Friedrich Gundolf, Joseph Roth, Peter Suhrkamp, Ernst Rowohlt, Ernst Wiechert, Stefan Andres, Johan Huizinga und natürlich Robert Musil. Die Machtübernahme der Nazis scheint auf ihn zunächst keinen großen Eindruck zu machen, bis eine Freundin das Parteiabzeichen am Revers trägt und die SS-Zeitschrift «Das Schwarze Korps» ihm eine Musil-Kritik übel nimmt («literarisches Nachtwächtertum»). Dann der Krieg, er wird Zeuge von Massenerschießungen im Osten. Vier Personen gewinnen besonderes Profil: Gustav René Hocke, Exzentriker und berühmter Manierismusforscher, Otto Rahn, Katharer-Spezialist, der zur SS geht, die Wirklichkeit der KZs nicht erträgt und – «ein mehr oder weniger befohlener Tod» – bei einem Bergunfall ums Leben kommt; Eva, mit einem holländischen Geschäftsmann verheiratet, krank, exaltiert, eine schwierige Freundin und Geliebte. Und schließlich Maria.

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Seitenzahl: 393

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Adolf Frisé

Wir leben immer mehrere Leben

Erinnerungen

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

In einer Kleinstadt am Niederrhein 1910 geboren, wird Adolf Frisé als Kind Zeuge der belgischen Besetzung und des Separatistenaufstands («fast alle anwesenden Separatisten fielen der Lynchjustiz zum Opfer»). Familiäre Probleme stellen sich ein – «ich sah die Frau, die den Vater von der Mutter wegzog» –, und er heißt plötzlich nicht mehr Altengarten, sondern Frisé. Gymnasium, Studium in München, Berlin und Heidelberg. Promotion, erste Schritte als Autor von kurzen Erzählungen und Feuilletons.

Begegnungen u.a. mit Gottfried Benn, Karl Jaspers, Friedrich Gundolf, Joseph Roth, Peter Suhrkamp, Ernst Rowohlt, Ernst Wiechert, Stefan Andres, Johan Huizinga und natürlich Robert Musil.

Die Machtübernahme der Nazis scheint auf ihn zunächst keinen großen Eindruck zu machen, bis eine Freundin das Parteiabzeichen am Revers trägt und die SS-Zeitschrift «Das Schwarze Korps» ihm eine Musil-Kritik übel nimmt («literarisches Nachtwächtertum»). Dann der Krieg, er wird Zeuge von Massenerschießungen im Osten.

Über Adolf Frisé

Adolf Frisé, geboren 1910, gestorben 2003, ist Autor von Theaterstücken und Romanen. Nach 1945 Zeitungsredakteur (Politik und Feuilleton) in Hamburg, zuletzt Kulturredakteur beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt als Leiter der Literaturredaktion.

Inhaltsübersicht

ES WAR MÄRZ, ...PERSONENREGISTER

ES WAR MÄRZ, April, schon das zweite, bald das dritte Jahr Krieg. Etwa neun, halb zehn. Ein Tag wie all die Tage, leer, fahl, es hatte bis in den Morgen geregnet. Ich war noch nicht sechs, die Schule lag noch vor mir. Ich kann mich an keinen Tag davor erinnern. Unsere Straße war mir noch nicht wirklich vertraut. Sie wäre mir, doch nun war hier unser Zuhause, kaum aufgefallen. Sie begann, sie beginnt bis heute, im rechten Winkel zu der Straße mit den Geschäften, mitten in der Stadt. Sie schlich, vorbei an uns, nur zweihundert, dreihundert Meter weiter wie von sich gelangweilt aus ihr hinaus, sie verlief sich da. Die Lage ringsum war für mich ganz und gar offen. Es irritierte mich nicht. Ich hatte noch nicht den Blick dafür. Das Schild an unserer Ecke sagte mir nichts. Ich sah nicht mal zu ihm hoch, ich brauchte es nicht. Ich wußte, wir wohnten in der Petersstraße, links, rechts geht es in die Remigiusstraße. Remigius, einer war, fünftes, sechstes Jahrhundert, Bischof von Reims, einer, neuntes Jahrhundert, Erzbischof von Lyon. Ruderknechte Gottes, sie wurden heiliggesprochen. Der erste hatte auch der Kirche, ihr natürlich vorweg, seinen Namen gegeben. Sie war von uns aus nicht zu sehen. Ich erschrak, als ich mit der Mutter, der Schwester auf einmal vor ihr stand: Der spitze Turm schoß vor uns hoch, er schüchterte mich ein. Das war nach der ersten Nacht in unserem Haus. Es waren zwei Häuser. Man hätte sie verwechseln können. Sie waren beide, symmetrisch aufeinander abgestimmt, weiß mit einem Schimmer Grau gestrichen. Sie standen da wie Zwillinge. Jedes zusätzlich mit einer schmalen Gasse, einer Einfahrt für den Handkarren, fürs Fahrrad. Ich hatte mir so ein Haus gewünscht. Ein Tunnel exklusiv für mich. Der Weg von der Haustür durch den Flur, die Küche war mir zu umständlich. So trat ich aus meinem Tunnel hinaus, und schon war ich im Garten.

Wir waren noch nicht lange hier. Drei Wochen, drei Monate. Ich hatte auch kein Gefühl für die Zeit. Ja, ich übersah nicht mal, wo wir waren. Viersen, Niederrhein. Ich bezweifle, daß ich das begriff. Es war mir bereits entfallen, von wo wir hierhergekommen waren. Das Bergische Land, Unter-Eschbach, Immekeppel, das alles war schon ferngerückt. Euskirchen, ein Name, für mich ein gedachter Punkt, aber ich war da geboren. Da hatte es angefangen. Das war noch weiter weg.

Ich wartete auf die Mutter. Sie hatte es mir schon einmal und noch einmal gesagt, morgen nehme ich dich mit. Sie ging schon ich weiß nicht das wievielte Mal, sie ging jeden Tag zum Lazarett. Aber es klingelte, die Frau von nebenan stand vor der Tür, die Mutter mochte sie nicht wegschicken. Ich drängte sie nicht, es ist Zeit, komm, das wagte ich nicht. Nein, ich quengelte nicht. Ich stand nur da oder ich ging zu ihr, zeigte mich. Hätte sie gelächelt, mir über den Kopf gestrichen, mich an sich gedrückt, ich wäre ohne ein Wort in den Flur zurückgegangen, hätte mich auf die Treppe gesetzt, neu auf sie gewartet. Kann sein, ich hoffte, sie würde sagen, geh schon, und ich wäre stolz gewesen, daß sie es mir zutraute, den Weg zu finden. Möglich auch, ich kannte ihn, links und noch mal links, dann immer geradeaus. Oder hatte sie mich, wie sie es mir versprach, doch am Ende mitgenommen? Oder, ich bin sicher, so wird es gewesen sein, ich wartete nicht mehr, ich zog einfach los.

Ich sehe es wie gestern. Ich stand unvermittelt vor seinem Bett. Dein Vater? Eine der Schwestern auf der Station hatte mich zu ihm geführt. Da waren auch andere Betten. Ich sah nur sein Bett, nur ihn. Ein Mann den sie von weit, sehr weit hierhergebracht hatten. Ich kannte die Geschichte. Es war irgendwo in Rußland. Er hatte da gottverlassen schwerverwundet in einem Graben gelegen. Granatsplitter im rechten Oberschenkel, er war ohne Bewußtsein. Ein Soldat wie er, auch Landsturmmann, hatte ihn in letzter Minute wie durch Zufall entdeckt. Er fühlte seinen Puls an seiner Hand, am Hals. Er lebte noch. Er hob ihn vorsichtig hoch, schulterte ihn. Er, er allein, da war niemand, der ihm hätte helfen können, brachte ihn in Sicherheit. Es stand fest, er wäre ohne ihn verblutet. Daran dachte ich.

Er war, so wie er dalag, für mich ein Fremder. Ich hätte ihn kennen müssen. Er hieß Adolf Altengarten. Er war schon so gesehen der Vater. Nur, ich entsann mich nicht, wann und wo ich ihn schon mal gesehen hatte. Ich hätte nicht sagen können, ob ich etwas und was ich für ihn empfand. Er sah mich an, wie ich ihn ansah, aber ich könnte es nicht beschreiben, wie genau er mich ansah. Es war sein Gesicht. Hager, abgezehrt, ein hartes Gesicht. Es gab einen Moment, da dachte ich, er stirbt, gleich ist er tot. Setz dich. Ich höre es noch. Er war Lehrer. Es fiel mir wieder ein, ich hatte es vergessen. Ich hatte noch nie einen Lehrer gesehen. Mir schien, ich war für ihn irgendein Junge. Ich war nicht aus Neugier zu ihm gegangen. Doch, natürlich, ich hatte ihn sehen wollen, die Mutter hatte es gewollt. Mit ihr war alles anders.

 

*

 

DER ERSTE SCHULTAG. Ob es so war, ich mag mich täuschen. Ich sehe niemanden, der mich an die Hand nahm, mich hinbrachte, mich der Schule übergab. Ich sehe nicht mal mich selbst. Aber die Mutter hätte mich wohl kaum allein gehen lassen. Es könnte mir peinlich gewesen sein. Oder ich sagte mich insgeheim von ihr los, stellte mich instinktiv darauf ein, daß ich mich mit dem, was mich erwartete, nur noch auf mich selbst verlassen könnte. Ich nehme an, ich kam mir wie ausgesetzt vor, aber es ängstigte mich nicht. Der Platz um die Schule war nach allen Seiten offen. Jeder hätte ihn passieren können, indes der Abstand zu uns wurde gewahrt. Ein Areal wie aus längst vergangener Zeit. Der Schultheißenhof. In zwei Reihen sieben, acht mächtige Kastanienbäume. Im Hintergrund, von ihnen und den Häusern davor verdeckt, die Kirche, vor deren Turm ich erschrocken war. Nach Süden, auf der Sonnenseite, mit hochgelegenen eng vergitterten wie nie geöffneten Fenstern, das Amtsgericht. Hier war einst der Amtsplatz. Die Aura einer einmal von Privilegien beschützten Zone.

Keine Erinnerung an auch nur einen der Mitschüler, nicht mal an den oder die, die neben mir saßen. Auch an keinen der Lehrer. Es blieb nur die Vorstellung, es war immer derselbe Lehrer. Er entschied, unwiderruflich, was recht, was nicht recht war. Er rief mal den, mal jenen auf, hieß ihn vortreten, ihm die Hand, die Innenfläche nach oben, straff entgegenzustrecken, auf den Schlag, Schlag auf Schlag, mit der Weidenrute zu warten. Jeder Schlag, das war das Kalkül, durchzuckte auch mich, durchzuckte jeden von uns. Die Furcht, mehr Schock als Furcht, es könnte mich treffen, das Gefühl der Erleichterung, wenn ich verschont blieb. Hernach der eingeredete Mut, ich spiele nicht mit, ich verweigere mich. Der eine, der andere, den es traf, seifte in der Pause die gepeitschte Hand ein, ließ sie anschwellen, zeigte sie herum. Die Gedichte, die wir auswendig zu lernen hatten. Hatte ich, was ich mnemotechnisch speicherte, ohne zu stocken aufgesagt, vergaß ich es. So vieles versank, noch ehe ich es verstand.

So auch die Erinnerung an den Tag, an dem wir, vorbei an der Kirche, auf Abstand vorbei an der Schule in eine andere Straße zogen. Zu Fuß waren es zwanzig, allenfalls dreißig Minuten. Gleichwohl ein Umzug wie in eine andere Stadt. Ich bekam nicht mit, wie das ablief, erfuhr es erst, als es vorbei war. Ich saß in meiner Schulbank, machte mir keine Gedanken. Währenddem fuhr der Möbelwagen vor, vier, fünf Packer beluden ihn, luden eine halbe Stunde danach Betten, Schränke, Tische, Stühle wieder aus. Wie über Nacht hatten wir ein neues Zuhause, ja nun erst; ich denke, wir alle sahen es so, hatten wir ein Zuhause. Wieder eine Straße, die sich nicht lange in der Stadt aufhielt, bald wieder aus ihr hinausführte. Ein auf den ersten Blick präsentables Haus, Baujahr 1902. Eine Wohnung, fünf Zimmer, im ersten Stock, unter uns die alte Hausbesitzerin, eine ihrer zwei Töchter eine ledige Studienrätin, über uns eine auch alte Frau von einem großen Bauernhof, mit ihr eine gleichfalls ledige Tochter, auch sie war Lehrerin. Darüber das offene Dachgeschoß, fünf Mansarden, eine davon für die Schwester, eine für mich. Nun waren wir eine Familie. Es gab sie schon seit dem Frühjahr 1913. Ich hatte sie da nicht wahrgenommen, vielmehr was ich wahrnahm aus den Augen verloren. Es war ja auch, bis der Krieg kam, nicht viel mehr als ein Jahr gewesen. Für die Mutter wie den Mann, den ich im Lazarett nicht wiedererkannte, ein Provisorium, ein zweiter Versuch mit ungewissem Ausgang. Davon ahnte ich nichts, oder ich hatte es geahnt, wenn nicht sogar gewußt, nur mir nicht erklären können. Es war nicht zu ändern, so nichts als ein unnützer Ballast, ich schob ihn beiseite. Die Fantasie des kleinen Jungen lenkte den Blick nicht in die Vergangenheit. Er war für das, was hinter ihm lag, nicht verantwortlich. Er hatte, aus seiner Sicht, nicht daran teil.

Zwei der fünf Zimmer lagen zur Straße. Drei Fenster, zwischen ihnen ein Erker, er sprang etwa einen halben Meter vor. Links ein Auslug, rechts ein Auslug, blaue, rote, grüne bleigefaßte Butzenscheiben. Wer da, gelangweilt, neugierig, wozu immer stand, war für den, der zu uns hinaufsah, nur ein Schatten. Ein Raum, der für mich so, doch nicht allein deshalb, immer ein Geheimnis hatte. Zum Zimmer nebenan, es war ein Drittel schmaler, ging es durch eine Flügeltür. Bei unserem Einzug war sie weit geöffnet. Wir standen vor einem kleinen leeren Saal. Mir ging durch den Kopf, was sich alles damit machen ließe, aber es blieb so keine Woche. Es war schade, die Chance zu einem Stil, der den zwei Zimmern als Ganzes entsprochen hätte, vertan. Freilich, es war nicht die Zeit, sich in seinen vier Wänden komfortabel breitzumachen. Etwas von der Ambition indes, im tristen Alltag damals die Tür zu einem einmal besseren Leben offenzuhalten, war noch da. So weit natürlich dachte ich nicht. Die Straße beschäftigte mich. Wir hatten nun die Trambahn vor der Tür. Sie kam über Tag alle fünfzehn, zwanzig Minuten dicht bei uns vorbei, nur hundert Meter von uns hatte sie ihre Haltestelle. Es gab ständig etwas zu sehen. Eine Prozession, einen Leichenzug, die Feuerwehr, das Hin und Her der Nachbarn. So viele Menschen, die ich nicht kannte, manche, die ich wiedererkannte. Einmal, gleich in den ersten Tagen, stellte ich mir vor, der eine oder andere käme zu uns herauf, besuchte uns, die schöne Front zur Straße und was sie bot würde ihm gefallen. So verfehlt war das nicht. Mit seinem Meublement des gehobenen Geschmacks war es für uns das Vorzeigezimmer, ein Blüthner oder Steinway hätte noch dazugehört. Für die Mutter war es schlicht das Eßzimmer. Eine Funktion, der es nicht ein einziges Mal gerecht zu werden hatte. Es wurde hier nie ein Namenstag gefeiert, ein Geburtstag ohnehin nicht, unter Katholiken gab es ihn nicht, nicht mal Weihnachten.

Es stand mir nicht zu, mich zu verwundern, warum. Ich nahm es hin, der Respekt gebot es. Es war eben, ohne jeden Nutzen, ein Raum besonderer Art. Womöglich hatten sich, es fragt sich für wen, Erwartungen daran geknüpft, und sei es nur der Traum von der großen Tafel mit einigen guten Freunden. Das Porzellan, das Silberbesteck dafür lagen bereit. Sie wurden nur ein Mal im Jahr, zum Hausputz, aus dem Büffet herausgenommen. An die Wand daneben war, wie eine Ikone, das schwarzgerahmte große Foto einer ernsten jungen hübschen Frau plaziert. Es hieß dazu nur: Vaters erste Frau, sie lebt nicht mehr. Ich dachte mir nichts dabei. So vieles blieb unausgesprochen. Gab es Tabus? Ich hatte auch mit sechs, sieben kein Zeitgefühl. Wann war sie gestorben? Gab es mich da schon? Ich stellte keine Fragen. Ich hatte schon erfahren, es wäre unangebracht. Ich lebte arglos in den Tag hinein. Zudem, der Vater war nun bei uns. Schwerkriegsbeschädigt, für Jahre Invalide, herzkrank, war er erst seit ein paar Wochen in einem Nest am Rande der Stadt Rektor einer Schule, wie ich sie besuchte. Es war ziemlich nah zu uns. Die Minuten bei ihm im Lazarett lagen gerade erst ein Jahr zurück.

Wir kannten uns nun, wußten, wen wir vor uns hatten, aber wir waren uns, wenn sich das so sagen ließe, nicht nähergekommen. Er kaufte Bücher, sie wurden ihm ins Haus geschickt. Das war neu für mich. Im Schrank, im Zimmer zum Garten, standen glasgeschützt zweieinhalb Reihen Klassiker, Herder und so fort bis Platen, Lenau, ich hatte noch nie von ihnen gehört, Meyers vielbändiges Lexikon, eine Monographie mit vielen Bildern vom Menschen, ich sah unser Inneres aufgeklappt, ich studierte, was da vor sich ging, vertiefte mich in unsere Struktur, tastete das Geflecht der Adern, der Nervenstränge ab, zwei Bände, auch sie reich illustriert, zum Krieg 1870/71, für mich Bilder einer verwirrenden rohen Romantik. Die lange Pfeife des Vaters, sie reichte bis auf den Boden, gehörte dazu. Der gepflegte Schnauzbart, um die Augen, den Mund manchmal ein Anflug von Spott. Ein Mann um die vierzig, aber derlei schätzte ich noch nicht ein. Die Mutter erschien mir, ihm gegenüber, bald jünger, bald so alt wie er. Sie stammten beide aus Köln, aber sie hatten, das klang hin und wieder an, keine gemeinsame oder nur ähnliche Kölner Geschichte. Sein Vater war, irgendwo vor der Stadt, Landwirt, für ihn «ne Kölsche Kappesbur». Er lebte wohl nicht mehr, ich sah ihn nie. Die Mutter war im Norden Kölns, nicht weit vom Rhein, in einer riesigen Gartenwirtschaft mit samstags, sonntags Hunderten von Gästen aufgewachsen. Für sie war es das elterliche Etablissement. Dies wie das war kein Gesprächsstoff zwischen ihnen. Sie sprachen über unseren Anteil am Garten mit Äpfel-, Zwetschen-, Mirabellenbäumen, über seinen Mustergarten bei der Schule, über seine Rosenzucht dort, sein Spalierobst, seine Salat-, Kräuter-, Gurken-, Tomatenbeete, seinen Rosenkohl, seine Stangenbohnen. Es war seine Welt, nichts sonst, auch nicht seine Bücher, schien ihm auch nur annähernd so wichtig. Er lebte bei uns, nicht mit uns, wir lebten, wenn er auch unbestreitbar der Mittelpunkt war, nicht bei ihm. Es kam mir, wohl auch der Schwester, nie der Gedanke, er liebe uns, oder gar, wir liebten ihn. Unsere Gefühle füreinander, das betraf auch die Mutter, blieben unerklärbar kontrolliert. Lob, ein gutes Wort des Vaters, ich würde mich daran erinnern. Ich hätte glauben können, ich stünde ihm im Wege. Was ich auch tat, nicht tat, es reizte ihn. Mit einer Ausrede, einem unbedachten Wort, auch schon wenn ich nur schwieg, oder ich war eine halbe Stunde über die Zeit auf der Straße geblieben. Sein Rezept dagegen war einfach, die Prozedur mir alsbald vertraut, die Mutter protestierte nicht, sie fiel ihm, wenn es wieder so weit war, nicht in den Arm, sie ging nur aus dem Zimmer. So stand stets etwas zwischen uns. Ich fürchtete ihn nicht, ich wich ihm, wo ich nur konnte, aus. Er war der Vater, wer wollte das bezweifeln, er hatte die Macht, und er sah aus wie jemand, der die Macht hat. Er sah besser aus als meine Lehrer, war, nicht nur aus meiner Perspektive, hochgewachsen, schlank, hielt sich gut, wenn er lachte, lachte ich unwillkürlich mit. Der Kopf, das scharfgeschnittene Gesicht gefielen mir, ich hatte mich zu sehr an ihn gewöhnt. Es war schlimm, wie er mit uns, voran mit mir umging. War es schlimmer als schlimm, entsann ich mich, daß ich ihn vor Jahr und Tag ein Paar Sekunden, vielleicht eine Minute, zwei Minuten schon für tot, nahezu tot gehalten hatte. Manchmal dachte ich, es reizt ihn schon, wenn er mich sieht.

Zur Nacht stieg ich die drei Treppen zum Dachgeschoß hinauf. Anfangs, allein in der Mansarde, fühlte ich mich abgeschoben. Die Schwester blieb etwas länger auf. Hörte ich sie, schlüpfte ich wieder aus dem Bett, schlich zu ihr. Sie war gerne allein, es machte ihr nichts aus. Oder sie tat nur so. Was ist? Ich schlafe. Sie schloß sich fast immer sofort ein. Einmal nachts träumte ich, es regne, ich lag in einer Pfütze. Ich zog die Beine an, ruckte ein Stück nach oben, rollte mich ums Kopfkissen. Noch schläfrig, nicht mal halbwach, zerrte ich das Laken, auf dem ich gelegen hatte, unter mir weg, riß die Matratze hoch, schleuderte sie, die noch trockene Stelle zuoberst, ins Zimmer hinein, streckte mich, erleichtert, mir selbst entronnen zu sein, wohlig aus, deckte mich zu, sank wieder in den Schlaf. Die Mutter schimpfte nicht, sie war lediglich besorgt, ich tat ihr leid. Es blieb unter uns, was da passiert war. Eine trockene Nacht und wieder eine eingeregnete Nacht. Ich durfte am Abend unten bleiben. Die Mutter machte mir ein Bett zwischen dem Platz, wo der Vater schlief, und ihrem Platz. Sie deckte mich mit einem besonderen, für mich zu großen Plumeau zu. Es war wie im Märchen, ich versank in einer Wolke, die mich weich davontrug. Ich hörte noch, wie die Mutter leise aus dem Zimmer ging, lauschte, was nun käme, schlief ein. Irgendwann rutschten ihr Plumeau, ihr Kopfkissen zu mir herüber, ich spürte, sie hatte sich dazugelegt. Es bedrängte mich nicht, ich war nun nicht allein. Ich fühlte es nicht, als sich irgendwann auch der Vater links von mir dazuschob. Die Mutter, der Vater atmeten. Das hörte ich. Es schwoll an, ebbte ab, es lullte mich ein. Hatte der Vater bemerkt, daß ich zwischen ihnen lag? Er schlief noch, als die Mutter mich weckte. Sie preßte mir die Hand auf den Mund, schob mich hinaus.

Es gab noch einige Male eine Nacht bei den Eltern. Es wurde nie, wenn ich dabei war, darüber gesprochen. Ich müßte mich daran erinnern. Was hätte die Mutter, kam es doch einmal zur Sprache, gesagt? Es wäre gut für mich, ich sollte dann und wann auch schon mal bei ihnen sein? Oder sie sagte nur, es sei doch normal. Wurde es Abend, schreckte mich die vor mir liegende Nacht. Es war keine Angst, nur ein Gefühl von Angst. Ich wurde es nicht los. Schon das Gefühl allein bedrückte mich. Oben bei mir hielt ich den Schlaf erst einmal an. Ich wagte nicht, nur so zu schlafen. Ich bemühte mich, unter dem Schlaf zugleich, nur ein wenig, wach zu bleiben. Ich belauerte mich. Ich bin sicher, der Mutter entging nicht, wie schwer ich es mir machte. Sie rührte nicht daran.

Ich paßte auch am Tag auf mich auf. Ich ging gleich nach der Schule und wenn ich gegessen hatte, nicht erst am Abend, hinauf zu mir. Ob ich dachte, ich würde so, nicht nur nachts in meinem Nest, eher mit mir fertig? Ich ging so auch dem Vater aus dem Weg. Er war noch nicht auch nur ein Mal zu uns heraufgekommen. Schon die Treppen unten fielen ihm nicht leicht. Ich nahm da locker, es war ein Kinderspiel, drei, vier, auch mal fünf Stufen auf einmal. Ich träume noch heute davon. Ich habe das wieder und wieder geträumt. Mit der letzten Treppe, vom zweiten Stock hoch zu uns, ging das nicht. Für den Vater war sie entschieden zu steil. Doch das war es nicht. Es war schön so hoch. Ich hatte es nicht gleich erkannt. Abends, in der Frühe, schon oder noch im Bett, sah ich über mir einen schmalen Streifen vom Himmel, mal zog eine nicht bloß geträumte Wolke vorüber. Ich wollte mehr vom Himmel sehen, rückte den Stuhl bei meinem Tisch nah unters Fenster, es war knapp ins Dach hineingesetzt, war ein Teil des Dachs, hangelte mich über die Lehne des Stuhls aufs Fensterbrett. Das wurde nun mein Lieblingsplatz. Der Blick ging weit über die Dächer gegenüber. Gleich unter mir, über die Straße, die ich nun nicht sehen konnte, lag das Blumenfeld der Gärtnerei zwei Häuser neben uns. Dahinter Treibhäuser, Wiesen, ein sich in die Tiefe verlierendes Feld. Vor dem Horizont ein sanft ansteigender dunkler Wald, der Hohe Busch der Stadt. Von rechts, aus dem Osten, der weite Bogen des Bahndamms für die Züge Richtung Venlo, von da bis irgendwo ans Meer. Am Nachmittag wartete ich auf eine Wagenschlange, die kein Ende nahm. Sie kam von Berlin, in der Nacht, wohl gegen Morgen, doch da war ich noch nicht wach, ging es dahin zurück.

Ob die Sonne mittags den Anstoß gab? Oder einfach der Wunsch, etwas zuwege zu bringen? Die Blumenpracht unten inspirierte mich. Auch die Dachrinne dicht unter dem Fenster. Sie war ähnlich breit wie das Fensterbrett, auch so flach. Ich beschaffte mir eine kleine Holzkiste, dreißig mal fünfzig Zentimeter, es war exakt das richtige Maß für das Regenwasserbett, füllte sie gut zur Hälfte mit Blumenerde, setzte zwei, drei Stecklinge einer wundervoll bunten Blattpflanze hinein, der Gärtner nebenan hatte sie mir geschenkt. Auf dem Kärtchen dazu las ich: Coleus hortorum, Buntnessel, Buntlippe. Ich überdeckte das Ganze mit dünnem Glas. Mein Mini-Treibhaus: Rot, blau, gelb elegant symmetrisch gemusterte samtene Blätter. Ich pflegte sie sorgsam morgens, mittags, abends, meinte, ich sähe, wie sie von Tag zu Tag wüchsen. Eine oder zwei Wochen danach an einem späten Nachmittag, die Sonne tauchte schon in den Horizont ab, wollte ich auch mehr von meiner kleinen Welt hoch über allem weit herum sehen. Ich kletterte hinaus, stellte mich, den linken Fuß zuerst, neben die Blumenkiste, tastete mich zeitlupenlangsam, es waren drei, vier Meter, bis zum Fenster meiner Schwester und wieder zu mir zurück. Ein Balanceakt. Mein Spiel mit der Gefahr. Es war verrückt, ich provozierte mich. Es war kein Übermut. Ich mußte dazu gestimmt sein. Leicht windschief neigte ich mich zum Dach hinüber, es stieg steil an, ich vergewisserte mich der Möglichkeit, an ihm, falls nötig, Halt zu finden. So das Gefühl, das Risiko läßt sich begrenzen, man kann es ausschalten. Ich durfte nicht nach unten blicken. Ich wurde regelrecht süchtig, kaum mal ein Tag, an dem ich es nicht versuchte. Ich nahm nicht wahr, daß ich beobachtet wurde, hörte es erst von der Mutter. Sie verbot es mir, verriet mich aber nicht. Die etwas verwegene Gewißheit, es passiert nichts, ich bin höhensicher, ein Wachtraumzustand, war angeknackst. Ich verlor diese Traumsicherheit. Später, beim Abstieg in den Alpen – der Aufstieg, traute ich ihn mir zu, war nicht das Problem – oder in Mexiko beim Abstieg von den Pyramiden, hatte ich Schwierigkeiten. Ich hatte auf einmal Höhenangst.

 

*

 

DIESE WOCHEN, diese Monate. Ich war sicher, ich werde lange an sie denken, sie bleiben lange bei mir. So vieles indes taucht nicht wieder auf. Es war noch immer Krieg. Hört er einmal auf? Wann wird er aufhören? Keine Erinnerung, wie der Vater das sah. Er sprach nie darüber, er sprach überhaupt nicht über den Krieg. Er hatte ihn hinter sich. Was erwartete er? Auch dazu nie ein Wort von ihm. Wie war es vordem? Ich konnte es mir nicht vorstellen.

An einem Tag plötzlich, aber da war der Krieg schon vorbei, war alles anders. Es war spät, beinahe Abend. Unsere Straße war auf einmal, niemand hatte damit gerechnet, ein großes Heerlager. Marschkolonne auf Marschkolonne schob sich an uns vorbei in die Stadt hinein. Ich sah das erste Mal so viele Soldaten. Sie schienen wie abwesend. Sie brachten die Front mit, aber wer, der nicht dabei gewesen war, wußte, was die Front war? Der für uns endlose Zug stockte, ruckte weiter, stockte wieder, schließlich hielt er an, stand er. Es wurde Haus um Haus Quartier gemacht. Zu uns kam ein junger Leutnant. Die Mutter bot ihm das Eßzimmer an, wollte es für ihn herrichten. Er zog das Zimmer daneben mit dem Diwan, auf dem der Vater seinen Mittagsschlaf hielt, dazu mit einem bequemen Sofa vor. Ich bestaunte ihn, seinen Uniformrock, die Feldmütze, die hohen Stiefel. Der Säbel faszinierte mich. Er hatte ihn hinter die Tür gestellt. Ich hätte ihn gerne nur eben mal angefaßt, traute mich nicht. Ich stand herum, wollte mir nichts entgehen lassen. Was sollte mir entgehen? Der Leutnant war müde, er mochte nicht reden und worüber sollte er reden?

Ich schlief schlecht, wurde vorzeitig wach. Die Sorge, die Soldaten könnten schon abgerückt, in der Nacht längst weitergezogen sein oder ich würde, wären sie noch da, nicht dabei sein, wenn sie abrücken. Stimmen, Rufe von der Straße hatten mich geweckt. Ich schlug mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht, stürzte hinunter. Des Leutnants Pferd, der Soldat dazu standen schon vor dem Haus, sie warteten auf ihn. Wo das Pferd die Nacht über war? Der Soldat wies schräg hinüber auf einen Schuppen, er gehörte zum Kolpingheim dort plus Gastwirtschaft. Er wollte mir eine Freude machen, hob mich hoch, ich bat ihn nicht darum, setzte mich in den Sattel, gab mir sogar, wohl nur zur Probe und nur für einen Moment, die Zügel in die Hand. Ich machte irgend etwas falsch, das Pferd schreckte auf, scheute, riß mir die Zügel aus der Hand. Es machte abrupt kehrt, setzte über die Straße quer durch die Blumenbeete der Gärtnerei zurück zu seinem Stall. Ich hing, wer mich so sah, mußte glauben, in tausend Ängsten, doch vielleicht gar nicht mal ängstlich, an seinem Hals, umklammerte ihn. Die Zügel verfingen sich in der Klinke des Tors, es war zum Glück nicht verschlossen, stand halb offen. Ein kurzer scharfer Galopp. Mehr konnte ich nicht verlangen. Ich war nicht hinuntergefallen, nicht mal aus dem Sattel geglitten. Noch am selben Tag – später las ich, es war der 9. Dezember 1918 – rückten, in senfgelben Uniformen, auch am Abend, die Belgier nach. Unser Quartiergast diesmal ein Sergeant. Ich ging ihm, erinnere ich mich recht, aus dem Weg. Er interessierte mich nicht.

Wir waren nun besetztes Land. Es gab neue Worte, eine andere Sprache. Ich konnte den Sergeanten, die Soldaten, mit denen er zusammenstand, nicht verstehen. Ich hatte noch nie Fremde aus einem anderen Land gesehen. Ich beneidete jeden, der mit ihnen sprach, sie verstand. An der Litfaßsäule auf dem Platz vor der Kirche, auch an einer Mauer bei der Schule klebten frisch gedruckte Plakate. Männer, Frauen standen davor, studierten sie. Es gab, wie es schien, nichts dazu zu sagen. Sie sprachen nicht miteinander, gingen weiter. Ich weiß nicht mehr, was der Lehrer uns sagte, ob er uns etwas sagte. Der Vater zu Hause, ich schnappte es zufällig auf: Ich habe das kommen sehen. Auch: Das war zu erwarten. Mutters Spruch, ich hörte ihn von ihr nicht zum ersten Mal: Man gewöhnt sich an alles. Der Tag, schon gleich der erste Tag, war anders als die Tage davor. Abends ab acht durfte sich niemand mehr auf der Straße sehen lassen. Erst früh, ab sechs, war die Straße wieder frei. Ich schlich ins Eßzimmer, stellte mich ans Erkerfenster, sah mir an, wie das am Abend ablief. Die Kirchenuhr schlug die erste Viertelstunde nach sieben. Die Menschen, die unten vorbeikamen, gingen da noch, wie sie immer gingen. Es war ihnen nicht anzusehen, was sie dachten. Einige strafften sich, sie hatten es eilig. Einige Frauen gingen so schnell, als liefen sie. Männer wie Frauen liefen dann auch. Die letzten waren ein Mädchen, zwanzig Meter dahinter ein noch junger Mann. Sie spurteten plötzlich, rannten. Auf die Sekunde um acht waren auch sie nicht mehr zu sehen. Die Straße war mit einem Schlag menschenleer. Ich stellte mir vor, so könnte es im Theater sein, ich war noch nie im Theater, es gab bei uns kein Theater: Die Leute sitzen da, der Vorhang wird gleich aufgehen, er geht auch auf – nur, nichts passiert. So etwa, freilich umgekehrt, war es bei uns. Ein Theater ohne Vorhang, wir selbst waren die Schauspieler – niemand sah uns zu. Der Vater saß im Zimmer mit den Büchern. Wir hätten nicht gewagt, ihn da zu stören. Die Schwester war, gegen ihre Gewohnheit, schon vor mir nach oben, auf ihre Mansarde, gegangen. Sie kam noch einmal herunter. Die Mutter hatte noch in der Küche zu tun. Ich dachte, nun ist die Familie, sind wohl alle Familien für viele Stunden eingesperrt. So wird das nun immer sein.

 

*

 

WAREN WIR EINE FAMILIE? Ein Sonntag, zwei Nachmittagsstunden, blieb mir wie ein Film, den irgendwer damals aufnahm, im Gedächtnis. Ich sah ihn mir von Zeit zu Zeit, ich sehe ihn mir auch jetzt wieder an. Die Eltern, sie waren da unsere Eltern, mit uns, wir mit ihnen auf dem Weg zu der Höhe, die ich von meinem Dachfenster aus Tag für Tag, sofern nicht eine Wolke, der Nebel sich dazwischenschob, vor mir hatte. Der Vater ging, obzwar noch Invalide, eher sportlich auf seinen Stock gestützt, voran, das Gehen fiel ihm noch schwer, die Mutter, einiges kleiner als er, rechts von ihm etwas abgesetzt, zwei, drei Schritte zurück. Sie kam, der Weg bis an den Wald zog sich hin, ein wenig außer Atem. Die Schwester schien mit ihren Gedanken woanders. Ich aufgekratzt wie ein verspielter junger Hund, den sie endlich losgelassen haben, sauste voraus, wieder zurück und wieder vierzig, fünfzig Meter voraus. Es war unser erster gemeinsamer Sonntagnachmittagsspaziergang. Der Himmel strahlte. Ein besonnter Familientag. Ziel für alle ein von alten hohen Bäumen eingerahmter kahlgetretener Platz, in seiner Mitte der wuchtige Bismarckturm, ich sah von meinem Fenster gerade noch ein Stück von ihm, ein Wahrzeichen der Stadt.

Es war der Einfall der Mutter, deutlich ihr Wunsch, sie hatte auf dem Ausflug mit uns, mit dem Vater bestanden. Es war für sie, zumindest diese zwei Stunden waren es, der Ausbruch aus dem Alltag. Es erschloß sich mir erst spät, ich war schon Student, wie freudlos das Leben damals für sie war. Gewiß, es war die Zeit, unabsehbar und allgemein, kaum mal ein von Sorgen unbeschwerter Tag. Selten, so gut wie nie von ihr ein Wort zu ihrem Leben vorher. Für sie gab es nur das Heute, das Morgen. Doch, sie sagte schon einmal, es gehörte für sie zur Erziehung, mir wurde, als ich so jung, sie wollte sagen so alt war wie ihr, nichts geschenkt. Im Rückblick der Eindruck, sie erwartete etwas, wovon sie nicht sprechen, was sie nicht in Worte fassen konnte. Enttäuschungen der Mutter teilen sich dem Kind mit, aber was weiß es schon von unerfüllt gebliebenen, nicht aufgegebenen Hoffnungen, die sie verschweigt, die sie sich selbst nicht eingesteht?

Auf dem Heimweg das Gefühl, der Vater ist nicht wirklich bei uns, er entfernt sich von uns. Die Mutter mochte es nicht so empfinden, oder sie versuchte es zu überspielen. Es gelang ihr nicht. Es kamen Tage, an denen sie, auch für sie unerwartet, allein mit uns war. Sie vertraute sich der Schwester an, sie mußte mit irgendwem sprechen. Mich bedrückte es nicht, daß der Vater ein Leben weg von uns zu leben begann. Eines Morgens war er einfach nicht mehr da. Mir war es recht, ich entbehrte ihn nicht. Ich sah die Frau, die den Vater von der Mutter wegzog. Sie wohnte irgendwo nicht weit von uns oder sie war irgendwo in der Nähe beschäftigt, sie kam hin und wieder vorbei. Sie sah wie irgendeine Frau aus, nicht jung, nicht alt, ich hätte sie auf einer Straße in der Stadt nicht wiedererkannt. Ich verstand nicht, daß es die Mutter kränkte. Mag sein, da war auch noch eine Frau. Die Schwester wisperte was von einem Brief. Er war an Frau Altengarten adressiert, ein Irrläufer, er kam von einem Hotel am Vierwaldstätter See in der Schweiz, schon das war geheimnisvoll, er bestätigte, das Zimmer für Sie und Ihren Gatten ist, wie Sie es wünschen, reserviert. Der Mutter war anzusehen, daß sie geweint hatte. Es hieß auch einmal, der Vater kam heimlich irgendwann in der Nacht, ein Besuch, der nicht erkannt werden wollte, er verschwand, bevor es Tag wurde. Wir rätselten, warum er sich nicht sehen ließ. Er kam, wieder in der Nacht, noch einmal und noch einmal. Seltsam. Kein Gruß an die Kinder. Er hatte nicht mal nach uns gefragt. Die Mutter hätte es erwähnt.

 

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ETWA UM DIESE ZEIT, im zweiten Jahr nach dem Krieg, war es soweit, daß ich die Schule wechselte. Der Vater, er blieb es bis dahin, war unserem Blickfeld, gewiß nicht so entschieden dem der Mutter, mehr und mehr entrückt, es gab ihn nicht mehr. Irgendwer, einiges spricht dafür, es war meine Schule, gab den Anstoß oder sie entschied sogar, daß ich aufs Gymnasium kam. Die Mutter hatte, wie ich sie verstand, dem Rektor am Schultheißenhof eine gewisse Kompetenz für mich angetragen. Sie sah in ihm nicht bloß den Kollegen, vielmehr auch einen Freund ihres Mannes. Und deutete sie nicht an, daß auch er in Rußland gewesen war? Ich kombinierte, er, wer sonst, hatte den Vater dort in letzter Minute in Sicherheit gebracht, hatte ihn gerettet, und ich war für ihn, das war nicht eigens amtlich zu belegen, ich hieß ja auch wie er, ohne jede Frage, wer wollte daran zweifeln, dessen Sohn. Ich entsinne mich, ich besuchte ihn, die Mutter wünschte es, er wohnte, wie der Pfarrer bei seiner Kirche, im Diensthaus gleich um die Ecke bei seiner Schule, ein Patriarch mit dichtem krausem Haar, einer grundgütigen Frau, fünf, sechs Kindern.

Ein simples Papier, ich war nicht darauf vorbereitet. Vier Jahre vorher hatte niemand danach gefragt. Nun auf einmal wurde es verlangt. Der Geburtsschein als Paß. Der Paß des Kindes. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Aber es überraschte mich nicht, was sich für mich mit ihm verband, es war, als hätte ich es gespürt. Ich war auf einmal nicht mehr der, der ich all die Zeit gewesen war. Da stand unversehens, wie ich in Wahrheit hieß und wie der Vater hieß. Er starb, bevor du geboren wurdest. Ich erinnerte mich dunkel oder sagte mir, ich erinnere mich, daß die Mutter es mir vor Jahren schon einmal erzählte, ja daß sie mir da auch ein Foto des Vaters zeigte. Aber das war wohl für mich, noch nicht oder gerade erst drei, nichts, das sich greifen ließ. Das war es. Ich hatte den Mann, der schon, ehe es mich gab, mein Vater gewesen war, nie und sei es nur für eine Sekunde berühren können. Er hatte mich nicht ein einziges Mal auch nur angeblickt. Möglich, ich schließe es nicht aus, ich dachte, der Vater kann nicht einfach weggehen, wenn ich noch nicht da bin. Ein Phantom? Jemand, den es nicht gab? Wie sollte ich schon wissen, was ein Phantom ist? Die Schwester natürlich hatte ihn gekannt, aber ich kam nicht darauf, daß sie sich doch noch an ihn erinnern müßte. Es war für sie zu kurz gewesen, und es war auch schon so lange her. Sie sprach nicht mit mir über ihn. Es war für sie auch nichts dazu zu sagen, daß sie über Nacht, wie ich sein Sohn, ein zweites Mal die Tochter unseres Vaters wurde. Die Mutter erklärte es mir nun so, daß ich es begriff. Der Vater war noch keine vierzig, exakt neununddreißig Jahre, sechs Monate, acht Tage alt, als er starb. Sie war da neunundzwanzig. Sie war dreiundzwanzig, als sie heirateten. Mitte Juli 1904. Zwei Tage vor der Hochzeit, St. Engelbert Köln-Riehl, unterschrieben sie «auf der Amtsstube» eines Königlich Preußischen Notars ihren Ehe- und Erbvertrag: «Vollständige Gütertrennung mit Ausschluß jeder Verwaltung und Nutznießung des Ehemanns am Vermögen der Ehefrau». Sie noch als «Fräulein Ella Kolck ohne Gewerbe», er bereits als «Restaurateur in Elberfeld, Nevigeserstraße (fälschlich: Nevigerstraße) 77». Das war die Adresse des Gasthofs Briller Schloß, ein weit bekanntes, vielbesuchtes Ausflugslokal wie das ihrer Eltern, er dort als Pächter. Erst ein lieblich bunter «Gruss vom Briller Schloß» – Elberfeld, den 27. November 1904 – an eine «Liebe Emmy» («Wir sitzen hier so gemütlich zusammen …») hatte auf diese Spur geführt. Ein Sammler solcher Ansichtskarten, Stadtarchivar in Wuppertal, hatte ihn entdeckt. Ein rosafarbenes breitgestrecktes wie herrschaftliches Haus, dazu links «Bes. Daniel Rheinfeld» und darüber blau gestempelt: Friesé (!). Der gleiche Stempel über dem umgitterten himmelblauen «Gondelteich» auf der anderen Seite der Straße. Zwei Jahre danach, Anfang 1907, meldete, «der Persönlichkeit nach auf Grund seines Landsturmscheines anerkannt, der Restaurateur Wilhelm Adolf Friesé (!), wohnhaft in Cöln, Deutscherring 5» beim Altstadt-Standesamt die Geburt ihres ersten Kindes, der Tochter Petronella Friederike, unterschrieb das Blatt korrekt: Adolf Frisé. Ende des Jahres beantragte er, als sein «Eigentümer», die Vermessung eines Grundstücks im Zentrum der Stadt Euskirchen. Seine Schwiegereltern hatten es samt dem Haus darauf je zur Hälfte für ihn und die Tochter erworben. Kaufpreis: 66.000,– Mark. Ende Juli 1908 schrieb er, «Inhaber» des Hotel Caspari – Spezialhaus für Geschäftsreisende/Haus ersten Ranges –, in makellos klarer, zeitgerecht stilisierter Schrift an den Bürgermeister: «An meinem Haus Neustraße No. 8 habe ich in Höhe von 4 m. ein Fahnen-Schild angebracht …» Er holt verspätet, und entschuldigt sich dafür, die Erlaubnis dazu ein. Schon fünf Monate davor hatte er in den zwei Blättern am Ort «während der Fastnachttage» zur «Großen Masken-Redoute» eingeladen. So auch, weit plakativer, Anfang Februar zwei Jahre später zum «Karneval 1910: Von heute ab Ausgabe der Passepartouts, gültig für die drei Karnevalstage». Am zweiten oder dritten Tag prallte im Keller ein Wein- oder Bierfaß gegen seine Beine, er schlug hin, er hatte sich verletzt, das linke Schienbein blutete. Eine Wunde, die er nicht ernst nahm, kein Gedanke, sie könne verschmutzt sein. Er hatte keine Zeit, sich damit aufzuhalten. Jäh, über Nacht, die zunächst noch nicht erfaßte Diagnose: Toxikämie. Blutvergiftung. Zersetzung des Blutes. Schon in der Woche darauf, am 17. Februar, donnerstags viertel nach sieben war sein Leben zu Ende. Mit der «schwergeprüften Witwe» trauerten in den zwei Zeitungen der Verein selbständiger Handwerker und Gewerbetreibenden, die Allgemeine Schützengesellschaft und der Quartett-Verein der Stadt. Vier Tage später ließ «Frau Adolf Frisé» in großen Anzeigen die «geehrten Gäste und Geschäftsfreunde» wissen, daß es nun allein ihr Hotel sei und daß sie es «im Sinne meines sel. Gatten weiterführen werde». Und wieder drei Tage danach in beiden Zeitungen die «Danksagung» der Witwe «für die vielen Beweise inniger Teilnahme bei dem allzu frühen Hinscheiden meines innigst geliebten Gatten, unseres guten, treusorgenden Vaters …». Sie investierte fortlaufend in die Werbung für das ihr ausdrücklich vertraglich zustehende «Alleineigentum». Ihr war sichtlich darum zu tun, daß ihr und ihrer Kinder Hotel mit «Zentralheizung, vorzüglicher Küche, Original Pilsner Urquell, Münchner Löwenbräu, Dortmunder Viktoria und ff. Weinen» auch als «altbewährtes Gasthaus» stadtbekannt blieb. Sie hielt durch bis zum Januar 1912, sie hatte am Ende laut Amtsgericht Euskirchen ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Das Grundstück wie das Haus mit seinen Belastungen erwarb ein Bürovorsteher aus Mülheim am Rhein gegenüber ihrer Heimatstadt, und er verkaufte es wieder Mitte März 1913 an einen ortsansässigen Kaufmann, der aus dem Hotel ein Warenhaus machte. Sechs Wochen später heiratete die zweiunddreißigjährige Witwe den Schulmann Altengarten, Lehrer an einer Präparandenanstalt im Rücken des schon so bald liquidierten Hotels. Er war wohl einer ihrer Gäste gewesen, hatte vermutlich auch noch den Vater gekannt. Die Frau auf dem Großfoto im Eßzimmer, Petronella, genannt Nelly wie die Mutter, wie die Schwester, war auch noch jung, erst einunddreißig, «infolge eines Schlaganfalls» noch kein Jahr davor, Anfang Juli 1912, gestorben. Seine oder ihrer beider Adresse war ein gerade erst erbautes Haus – unter dem Dach steht noch: A.D. 1912 – an der Peripherie der Stadt, das «Sterbehaus» lag in Kreuzweingarten auf dem Weg nach Münstereifel.

 

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HATTEN ALTENGARTEN, nun also nicht mehr der Vater, und die Mutter in der noch frischen Erinnerung an die erste Frau, den ersten Mann aus Pietät oder gar abergläubig die ihnen so vertrauten Vornamen, dreimal Petronella, dreimal Adolf, geheiratet? Eine romantische Geschichte, ein anderes Märchen, ich hätte es auch träumen können. Und sie war alt, der Krieg lag dazwischen, sie hatte mit dem Leben, wie es danach zu bestehen war, nichts zu tun. Ich hatte es mir angehört, ich begriff es, ich begriff es nicht, es ließ sich, was verlöre ich schon, beiseite schieben. Es änderte sich, nun Adolf Frisé, vordem aus Versehen Adolf Altengarten, nichts damit. Die Schule freilich entschied sich für den Kompromiß, in ihrer Schülerstammliste 1920 war ich dies und das: Adolf Friedrich August Frisé gen.(annt) Altengarten. Ich erfuhr es erst, als ich schon über sechzig war. Das Leben damals ging weiter. Es war schon eine Weile weiter gegangen. Es war für uns nicht leichter, es war nur einfacher, zugleich auf eine neue Weise schwieriger. Die Mutter hatte keine Philosophie dafür. Ihre Philosophie war ihre Erfahrung. Sie notierte Tag für Tag minutiös, über wieviel sie noch verfügte, was sie ausgab, was noch zu begleichen war. Sie trug es am Abend in ein schmales dünnes Heft ein. Es hatte seinen Platz in einer Schublade in der Küche. Es war ihr Tagebuch. So war sie jederzeit in der Lage, sich selbst zu belegen, wie sie wirtschaftete. So hatte sie es zu Hause gelernt, so es wohl auch, zumal als sie allein damit war, in des Vaters und ihrem Hotel praktiziert. Altengarten blieb für sie, ihr wie auch immer entfremdet, ihr Partner, sie entließ ihn nicht aus seiner Verantwortung. Er kam damit nur schwer zurecht, stellte sich nur widerstrebend darauf ein, daß wir für sie seine Familie waren. Das Minimum, das er sich Monat für Monat für uns abrang, entsprach mal nur knapp, mal bei weitem nicht unserem Existenzminimum. Es war kein Kleinkrieg, es war ein Hinhaltespiel, es ging Dritte, auch die Schwester, auch mich nichts an. Ein Schwebezustand, es blieb offen, ob es – außer für die Kirche – noch eine Ehe war. Die Mutter, gute Katholikin, weigerte sich, auch nur zu erwägen, ob es ihr zustünde, sie, sofern ihr Mann darauf dringe, aufzulösen. Wir hörten nicht ein Mal, er wünsche es. Das Schulamt beurlaubte ihn – «krankheitshalber». Die Zeit dafür war befristet. Nach einigen Wochen wurde er an eine Weltliche Schule in Düsseldorf versetzt. Ein Freidenker, ein Kommunist? Es gab Leute, die so redeten. Sie waren damit schnell bei der Hand. Freundinnen der Schwester gingen, auf Geheiß ihrer Eltern, auf Distanz. Ich sah mich wieder an einem Sonntag mit dem Vater Altengarten in der Kirche. Ich war vorausgegangen, er bemerkte es nicht. Es wunderte mich, wie er dastand, sich nicht setzte. Er blieb auch stehen, als alle um ihn herum, wie ja auch ich, niederknieten. Wer ihn kannte, wußte, es fiele ihm gewiß nicht leicht, gleichfalls niederzuknien. Aber er hätte sich setzen können. In der Bank keine zwei Schritte von ihm war noch Platz. Plötzlich, noch während der Messe, drehte er sich um, ging hinaus. Ich genierte mich für ihn. Ich stand, etwa auf gleicher Höhe, nicht weit von ihm. Ich glaubte, die Menschen starren mich an. Ich fühlte mich gedrängt, ihm zu folgen, zusammen mit ihm, als gehörte es sich so, hinauszugehen. Ich blieb, rührte mich nicht von der Stelle, ich kam mir wie ein Feigling vor.

Eine Schule ohne Religion? Ich war hin und wieder in der Kapelle unseres Religionslehrers, las er die Messe, einer seiner Ministranten. Diese eine Stunde hob mich, mir nicht recht begreiflich, über mich hinaus, zugleich erkannte ich, das ist nicht deine Rolle, ich war mir selbst fremd, sah mir verlegen zu. Altengarten also nun an einer Schule ohne einen Kaplan. War das so wichtig? Die Mutter organisierte weiter unser Leben, wie sie es schon all die Zeit organisierte. Schon die drei Jahre als Witwe hatten sie wohl mit dem Gedanken vertraut gemacht, wie es wäre, eines Tages nur noch für uns da zu sein. Sie war so gefühlvoll wie resolut. Sie hatte ihre Prinzipien. Wir hatten ihr, sie verhätschelte uns nicht, bei allem, was anfiel, zur Hand zu gehen. Was wir zu tun hatten, hatten wir gemeinsam zu tun. Jede Woche oder jede zweite Woche waren auf dem Hof hinter dem Haus die Teppiche zu klopfen, jeden zweiten, wenn nicht jeden Tag die Treppen zu kehren. Beim Nachbarn gegenüber standen unser Selbstversorgerschwein, unsere Selbstversorgerziege. Sie waren zweimal täglich zu füttern, jeden Morgen, vor der Schule, war der Stall auszumisten. Die Schuhe waren zu putzen, die Steinkohlen, die Briketts aus dem Keller heraufzuholen. Weit draußen, noch hinter der Schule, deren Rektor Altengarten gewesen war, hatten wir ein Stück Land gepachtet. Einen halben Morgen, es war unser «Acker». Der Bauer, dem er gehörte, pflügte ihn zu zwei Dritteln oder drei Fünfteln um, das war das Kartoffelfeld. Den Rest hatte ich umzugraben. Wir bepflanzten ihn mit Kohl aller Art, Weißkohl, Rotkohl, Wirsingkohl, Blumenkohl, Bohnen, Erbsen, Gurken, Tomaten, Salat. Das zog sich über Monate hin. Dazwischen einmal für ein paar Tage ein wilder abenteuerlicher Raubzug in unserem Wald mit dem Bismarckturm. Ein Sog, in den unsere ganze Straße hineingezogen wurde. Familienväter, junge Burschen, selbst Knaben wie ich fällten Baum um Baum, zersägten sie, karrten sie, jeder konnte es sehen, als Brennholz heim. Es hatte den Prickel des Verbotenen. Die Obrigkeit störte uns nicht, sie ließ uns, durch einen falschen Alarm an anderer Stelle abgelenkt, unbehelligt. Insgeheim empfand ich den Einbruch in den Wald auch als Sakrileg. Wir zerschlugen ihn, weideten ihn aus. Wir hätten es uns nicht eingestanden, es spielte auch Vandalismus dabei mit. Es war auch ein kollektiver Rausch.

 

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MEIN ERSTER SCHÜLER