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Ein wenig Spaß … ein harmloser Besuch bei einer Wahrsagerin … ein Blick in die Zukunft. Doch alles kommt anders, als geplant. Alles, was bleibt, ist ein dauerhafter Abdruck in Form eines kleinen blauen Drachen an Johannas Handgelenk und geflüsterte Worte einer seltsamen Prophezeiung in ihrem Kopf. Wenn Johanna allerdings denkt, dass ihr Drache zukünftig ihr Leben bestimmt, wird sie Jahre später eines Besseren belehrt. Er besorgt alles, was das Herz begehrt … koste es, was es wolle. Drakon Putsoa ist die bekannteste Adresse, wenn es um die Beschaffung von Dingen jeglicher Art geht. Bei einem der Aufträge stößt er auf den erbitterten Widerstand von Johanna und ihrer Freunde. Plötzlich wird Drakon von seiner Vergangenheit eingeholt und damit nimmt die Begegnung mit Johanna für beide eine unerwartete Wendung.
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Seitenzahl: 418
Veröffentlichungsjahr: 2023
A. B. Schuetze
Der blaue Drache
Von nun an wird er dein Leben bestimmen.
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Inhaltsverzeichnis
Titel
zum Buch
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
Danksagung
Zur Autorin
weitere Bücher aus meiner Feder
Leseprobe
Impressum neobooks
Ein wenig Spaß … ein harmloser Besuch bei einer Wahrsagerin … ein Blick in die Zukunft
Doch alles kommt anders, als geplant.
Alles, was bleibt, ist ein dauerhafter Abdruck in Form eines kleinen blauen Drachen an Johannas Handgelenk und geflüsterte Worte einer seltsamen Prophezeiung in ihrem Kopf.
Wenn Johanna allerdings denkt, dass ihr Drache zukünftig ihr Leben bestimmt, wird sie Jahre später eines Besseren belehrt.
Er besorgt alles, was das Herz begehrt … koste es, was es wolle.
Drakon Putsoa ist die bekannteste Adresse, wenn es um die Beschaffung von Dingen jeglicher Art geht.Bei einem der Aufträge stößt er auf den erbitterten Widerstand von Johanna und ihrer Freunde.
Plötzlich wird Drakon von seiner Vergangenheit eingeholt und damit nimmt die Begegnung mit Johanna für beide eine unerwartete Wendung.
„Der blaue Drache.Von nun an wird er dein Leben bestimmen.Du bist der Diamant unter seinen Schätzen. Er wird sein wertvollstes Eigentum um jeden Preis zu beschützen wissen.“
Prophezeiung der Wahrsagerin
Etwas ist da draußen.“
„Was meinst du?“
Drakon zuckte zusammen. In Gedanken versunken war ihm nicht bewusst gewesen, dass Felix den Raum betreten hatte. Er schaute sich aber auch nicht nach ihm um. Eine Hand zur Faust geballt und tief in seiner Hosentasche vergraben stand er vor der Glasfront seines Büros. Mit dem Ellenbogen des anderen Armes hatte er sich an der Scheibe abgestützt und die Stirn auf den Unterarm gelegt.
Er starrte hinaus ins Nirgendwo; sah nicht den Hafen mit der Vielzahl an Jachten und Kreuzfahrtschiffen … nicht die durch Sonnenstrahlen glitzernde Oberfläche des Meeres … nicht die vereinzelten durchsichtigen Wolkenschleier am azurblauen Himmel.
„Keine Ahnung. Aber irgendetwas ist da draußen. … Er spielt seit gestern total verrückt. Und ich spüre es auch“, murmelte Drakon mehr zu sich selbst, statt auf die Frage seines Freundes einzugehen.
„Meinst du, sie ist es? Seboni?“
Die Zeit zog sich dahin. Wartete Felix auf eine Antwort? Drakon hatte ihn zwar gehört, aber die Frage kam nicht in seinem Kopf an. „Hm. Moea, der Geist. Moloi, die Hexe.“ Seine Stimme klang, als wäre er nicht wirklich anwesend. Bilder längst vergangener Zeiten zogen an seinem inneren Auge vorbei: ein Dorf mit seinen Bewohnern … Berge … Höhlen … Malereien … starre Blicke eines Greises … gackerndes Lachen … dunkle Schatten.
Plötzlich gab sich Drakon einen Ruck, stieß sich vom Fenster ab und begann Papiere auf seinem Schreibtisch zu sortieren. „Egal, unter welchem Namen auch immer sie da draußen ihr Unwesen treibt, ich habe seit jener Zeit nichts mehr von ihr gehört. Was sollte sie gerade jetzt wollen?“ Er blickte fragend auf.
„Vielleicht hat sie ein neues Opfer gefunden? Dray, du weißt, sie erwartet, dass du Nachkommen zeugst, umihn weiterzugeben.“
Sein genervtes Schnauben entlockte Felix ein Grinsen.
„Warten wir es doch ab. Es gehören schließlich immer zwei dazu. Ich habe noch alle Zeit der Welt. … Wenn es eines Tages ernst werden sollte, erfahre ich es bestimmt rechtzeitig genug.“ Drakon unterbrach just das Umsortieren seiner Papiere und ließ stattdessen seinen Blick über den Tisch und die Unterlagen schweifen. Jeder Zentimeter der Oberfläche wurde abgetastet. An seiner Nasenwurzel bildete sich eine tiefe Furche. Er kniff seine Augen zu Schlitzen zusammen und spitzte seine Lippen.
Felix stand daneben und beobachtete seinen Freund mit hochgezogenen Augenbrauen, wie dieser etwas suchte. Es herrschte nicht wirklich Chaos auf dem Schreibtisch und dennoch fand Drakon nicht das Objekt seiner Begierde.
„Was in Dreiteufelsnamen suchst du eigentlich?“
Konnte Felix ihm vielleicht helfen? „Die Einladungen zur Spendengala. … Apropos Spendengala, hast du dafür gesorgt, dass wir mit den Leuten von Wood-ProFi an einem Tisch sitzen? Wir sollten schon alles in Sack und Tüten haben. Der Auftraggeber hockt mir im Nacken und macht langsam Druck. Allein die Tatsache, dass der alte Verstraeten vor drei Monaten das Zeitliche gesegnet hat, räumte uns bisher eine gewisse Galgenfrist ein. Doch nun sollten wir diese Angelegenheit forcieren.“ Noch einmal scannte sein Blick das beeindruckende Büro und blieb letztendlich an Felix hängen, der mit einem Umschlag wedelte.
„Wohltätigkeitsgala, mein Guter. Und die Einladungskarten habe ich hier. Drei an der Zahl. Es sind Sechser-Tische. Da es nicht ratsam ist, wenn ein Unbeteiligter am Tisch sitzt, musste ich eine Karte mehr erwerben.“
„Es ist doch egal, wie sich die Veranstaltung schimpft. Wohltätigkeitsarbeit ist auch nur so gut wie die Höhe der Spendensumme. Hm. Die kommen zu dritt? Wen bringt denn Hoogan mit? Seine Ex? Das könnte lustig werden.“ Drakon lachte über seinen eigenen schlechten Witz.
„Mann, du bist manchmal so ein Arsch. Aber um deine Frage zu beantworten: Ich … weiß es nicht. Jetzt mal im Ernst, du willst Roger und Betty nicht heute Abend mit dem Verkauf des Grundstückes nerven?“ Felix runzelte angespannt die Stirn.
„Ach komm schon. Es ist ja nicht so, als ob unser Interesse an diesem Grundstück nicht von irgendwoher rühren würde. Roger war als Geschäftsführer bei jeder Verhandlung mit Verstraeten dabei.“
„Verhandlung?! Der Witz war gut“, gluckste Felix. „Unter Druck gesetzt trifft es wohl eher. Alter, du bist so ein herzloser und knallharter Bastard. Für dich gilt kein Nein. Selbst Kollateralschäden halten dich scheinbar nicht von deinem Ziel ab. Nun, wir werden sehen, wie weit du dieses Mal zu gehen bereit bist, um unseren Auftraggeber zufriedenzustellen.“
Irrte sich Drakon oder hörte sich sein Freund ein wenig schadenfroh an? Wusste Felix etwa mehr als er? Führte er etwas im Schilde? Bereits bei der Frage nach der dritten Person hatte er gezögert. Für gewöhnlich teilte er all seine Informationen mit ihm. Er gab ihm stets ein Dossier mit allen relevanten Fakten. Nur dass Drakon die nicht immer las. Bei einem konnte er sich hundertprozentig sicher sein, Felix würde niemals gegen ihn intrigieren. Ihre Freundschaft reichte zurück bis in ihre früheste Kindheit. Eigentlich konnte man sie als Brüder bezeichnen.
Felix' Vater hatte vor einunddreißig Jahren gemeinsam mit anderen Höhlenforschern auf einer seiner Expeditionen in den Drakensbergen in Südafrika und Lesotho einen kleinen Jungen gefunden. Er lag mehr tot als lebend in einer Höhle inmitten einer Ansammlung alter Knochen. Man hatte ihm den gesamten Rücken tätowiert.
Wer tat einem Kind so etwas an?
Da sich niemand um den Kleinen zu kümmern schien, nahm er ihn mit und gab ihm, angeregt durch die Malereien an den Höhlenwänden, den Namen … Drakon Putsoa.
Er wurde aufgepäppelt und in die Familie Dubois integriert. Drakon entwickelte sich zu einem lebhaften und äußerst intelligenten Kind. Felix' Vater war ein Globetrotter, ein Abenteurer, ein Weltenbummler. Dementsprechend lernten die Jungen fremde Sprachen, Kulturen und Menschen kennen. Unermüdlich sogen sie all das Wissen auf wie ein Schwamm. Er wuchs nicht nur mit Felix auf, sondern begeisterte ihn auch, die Welt mit all ihren Geheimnissen zu entdecken … was niemandem zuvor gelungen war. Seither wurde keiner ohne den anderen gesehen.
Sich also Gedanken zu machen, grenzte ans Lachhafte. „Sollte ich mir Sorgen machen? Du weißt, ich habe bisher alle meine Kunden zufriedengestellt. Es gibt nichts, was ich nicht besorgen kann. Und wenn es eben dieses Grundstück sein soll, dann wird es das auch sein. Aber okay, der heutige Abend ist nicht der richtige Zeitpunkt, dieses Thema anzusprechen. Dennoch, unsere Anwesenheit wird die Geschwister daran erinnern.“ Mit sich zufrieden schnappte Drakon nach dem Umschlag in Felix' Händen, nahm zwei der Einladungskarten heraus und warf ihm die verbliebene wieder zu. „Wir treffen uns dann dort.“
„Ähm … Wer wird dich begleiten? … Sag jetzt nicht, Thabea!“
Drakon verdrehte genervt die Augen. Was für eine Frage? Natürlich Thabea, auch wenn Felix nicht allzu viel von ihr hielt. Sie war nun einmal seine derzeitige Flamme … lange Beine, runder strammer Arsch, große feste Titten, Haare bis zur Wespentaille und auch sonst nicht übel. An ihr war zwar nicht alles echt, doch solange sich jedermann nach ihnen beiden als Paar umdrehte, war die Welt in Ordnung. Drakon genoss die Aufmerksamkeit in der Menge. Ein gewisser Bekanntheitsgrad war gut für sein Geschäft. Warum sollte er darauf verzichten? Außerdem besaß Thabea ein gewisses Talent im Bett.
„Dray, die ist doch nur hinter deinem Geld her. Mit dir an ihrer Seite …“
„Geld hat sie mehr als genug. Zumindest ihr Daddy, den sie eines Tages beerben wird. Und was das andere angeht … Es beruht auf Gegenseitigkeit. Wir wollen jetzt Spaß haben und nicht für alle Ewigkeiten zusammenbleiben. Also lass es gut sein.“
„Das glaubst du! Sie ist nicht dumm. Sie ist durchtrieben und berechnend. Sie verfolgt ihre eigenen Ziele mit der gleichen Kaltblütigkeit wie du. Ich will nur nicht, dass du das eines Tages auf die harte Tour herausfindest.“
Schallendes Lachen brach aus Drakon hervor. Er fand es zu süß, wie sehr sich sein Freund um ihn sorgte. Zu Unrecht natürlich. Wenn er eins mit Sicherheit wusste, dann dies: Er hatte alles unter Kontrolle. Immer. Auch Thabea. „Felix, du kennst mich … und ihn.Er würde das niemals zulassen. Gönne mir das bisschen Vergnügen. Es wird keinesfalls von Dauer sein.“
„In Ordnung. Ich wollte dich nur gewarnt haben.“ Felix ließ hörbar die Luft aus seinen Lungen entweichen und hakte nicht weiter nach. „Ich werde mich dann mal an meine Arbeit machen. Wir sehen uns später im Hotel.“ Mit seiner Karte winkend verließ er den Raum.
Drakon fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Er griff sich das Telefon. Schon nach dem ersten Tuten wurde am anderen Ende der Leitung abgenommen. Drakon hielt sich nicht lange mit der Vorrede auf. „Thabea, du begleitest mich heute Abend auf die Wohltätigkeitsgala. Ich erwarte dich 18:00 Uhr in meinem Büro.“ Kurz und knapp.
Normalerweise ließ Thabea nicht so mit sich reden. Nur wenn sie bekam, was sie wollte. In diesem Fall eine Einladungskarte zur angesagtesten Gala des Jahres. Sehen und gesehen werden.
18:00 Uhr. Bis dahin wartete noch jede Menge Arbeit auf ihn. Arbeit, auf die er sich nicht konzentrieren konnte. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu seiner Vergangenheit zurück. Seit vielen Jahren hatte er nicht mehr darüber nachgedacht. Warum ausgerechnet heute?
Wieder sah er ihre stoischen Gesichter, wie sie ihn in die Mitte des Dorfplatzes zerrten und einen Kreis um ihn bildeten. Warum er? Warum hatte Seboni gerade ihn aus seinem Dorf mitgenommen? Warum hatten die Dorfältesten dem stillschweigend zugestimmt? War es seine Andersartigkeit?
Er besaß eine eher bronzene Hautfarbe und seine Gesichtszüge wichen von denen aller anderen Dorfbewohner ab. Lediglich am tiefschwarzen, gekräuselten Haar sowie den dunkelbraunen Augen erkannte man seine afrikanische Abstammung. Sein Vater musste ein Weißer gewesen sein. Er hatte ihn nie kennengelernt.
Oder war er nur eine Anomalie? Ein Aussätziger mit einem Gendefekt? … Und seine Mutter? War sie überhaupt seine Mutter? Welche Mutter übergab ihr Kind einer wildfremden Frau auf die Gefahr hin, es nie wiederzusehen?
Hm. Auch in späteren Jahren, lange nach seinem Studium und der Rückkehr nach Südafrika, hatte er keine Antworten auf seine Fragen finden können.
Auf der Suche nach seinen Wurzeln war er in den Bergdörfern Lesothos nur auf stumme und verängstigte Blicke der Dorfbewohner gestoßen. Egal, ob die Leute nichts gewusst oder nichts zu sagen gehabt hatten, auf Auskünfte von ihnen hätte er nicht hoffen dürfen. Und dennoch …
Nun, es war ein aussichtsloses Unterfangen gewesen. Irgendwann hatte Drakon aufgegeben, Näheres zu erfahren. Auch wenn er sich noch immer zu dieser Gegend hingezogen fühlte, so mied er doch diesen Teil des malerisch schönen südafrikanischen Gebirgszuges. In seinem Inneren hingegen wusste er, in ferner Zukunft würde er diesem Zwang, dieser tiefen Sehnsucht erliegen und zurückfinden zu seinem Ursprung. Seinem Ursprung oder …
Drakon sollte sich von seiner Vergangenheit losreißen und seine Gedanken auf das Hier und Jetzt konzentrieren.
Irgendetwas lag in der Luft. Etwas, das mit seinem derzeitigen Auftrag zusammenhing, der sich nicht reibungslos erledigen lassen wollte. Es verlief dieses Mal nicht so recht rund. Deshalb griff Drakon entgegen seiner üblichen Praxis nach dem Dossier über den Auftraggeber, dem Besitzer einer großen Hotelkette. Vielleicht fand er nützliche Hinweise darin.
Felix jedenfalls war von seinen Dossiers überzeugt und wurde nicht müde, mit seiner Ansicht aufzuwarten: Man sollte in jedweder Hinsicht über seine Vertragspartner informiert sein. Und sei es nur, um einen Auftrag anzunehmen oder von vornherein abzulehnen. Je mehr man über den anderen wusste, desto besser konnte man sich für den Fall absichern, dass einmal ein Deal platzte.
Forgestor. … Er wollte ein Luxusresort bauen und dazu brauchte er den Grund und Boden von Wood-ProFi, einem Familienunternehmen, welches sich heute im Besitz der Geschwister Betty und Roger Hoogan befand.
Drakon blätterte durch mehrere Seiten und begann interessiert zu lesen. Er dachte, vorhin Felix gegenüber einen Witz gemacht zu haben, als er meinte, Hoogan würde seine Ex zur Gala mitbringen. Ganz im Gegenteil. Das hier war ein verdammter Witz.
Chrissy Hoogan war seit einem halben Jahr mit Forgestor jr. liiert. Er sollte der neue Besitzer des Resorts werden. Wollte die Schlampe ihrem Ex einfach nur eins auswischen oder ihn in der Tat ruiniert sehen? Wie schmutzig musste diese Scheidung gewesen sein, um das hier durchzuziehen? Und Daddy Forgestor finanzierte das ganze Unternehmen für seinen Spross und dessen Tussi.
Wenn Felix sagte, Drakon sei ein Arsch und ein herzloser und knallharter Bastard, wie bezeichnete er dann erst diese Frau? Verärgert schüttelte Drakon den Kopf. Nicht über seinen Auftraggeber, sondern über sich selbst. Wann nahm er endlich Felix und seine Recherchen ernst? Hätte nur der alte Forgestor das Grundstück haben wollen, wäre es Drakon scheißegal gewesen, aber so eine Nummer?
Verdammt! Wie lange lag das Dossier schon auf seinem Schreibtisch? Nach dem Datum auf dem Deckel … etwas mehr als sechs Monate. Hm. Felix redete niemals in seine Entscheidungen hinein. Er verließ sich vollkommen darauf, dass er, Drakon, alles gut durchdachte. Hatte er es in diesem Fall getan? Wohl nicht, denn er kannte am Tag der Übernahme des Auftrages noch nicht alle Fakten. Selbst verschuldet. Aber okay: Geschäft war Geschäft. Und als Mittelsmann brauchten ihn die Querelen der beiden Parteien nicht zu interessieren.
Warum taten sie es dann in diesem Fall? Wegen der Probleme? Drakon konnte sich nicht erinnern, dass ihm je solch eine Menge davon untergekommen wäre.
O Mann, ihm fehlte in diesem Fall jegliche Motivation. Wo war der ganze Spaß an der Sache geblieben? Bisher mochte er große Herausforderungen. Wurde er vielleicht zu alt für derartige Geschäfte?
Ha, sagte er nicht vor wenigen Augenblicken mit fünfunddreißig hätte er alle Zeit der Welt? Für ihn hieß dies, er war noch nicht auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Und doch fühlte es sich momentan an, als hätte er den Biss verloren.
Nachdenklich fuhr er sich über sein nur einige Millimeter kurzes Haar. Der heutige Tag machte ihm zu schaffen, brachte ihn durcheinander. Drakon legte die Akte beiseite und griff nach dem nächsten Hefter.
Wood-ProFi. … Er starrte auf die geschlossene Mappe. Wieder machten ihn irgendwelche irren Gefühle verrückt. Warum lag ihm ausgerechnet heute so viel daran, sich umfangreiche Kenntnisse über die Parteien seines derzeitigen Auftrages anzueignen? Das entsprach ganz und gar nicht seinem Charakter. Spielten Felix' Worte eine Rolle? Wie meinte er? Nun, wir werden sehen, wie weit du dieses Mal zu gehen bereit bist, um unseren Auftraggeber zufriedenzustellen.
Verdammt! Was wusste er? Stand es in diesen Papieren? Seine linke Hand klappte den Deckel auf. Obenauf lag das Testament von Timothy Verstraeten … dem verstorbenen Eigentümer der Firma und des Grund und Bodens.
Auch so eine komische Sache. Bis heute besaß die Polizei nicht den kleinsten Hinweis, wie es zu dem Unfall hatte kommen können.
Verstraeten hatte auf der trockenen, leicht einsehbaren Straße die Kurve nicht genommen, war von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen stählernen Strommast geprallt. Das Auto war von den Beamten untersucht worden. Nichts. Und der Mann ... war kerngesund gewesen. Nun allerdings mausetot. Die Hoogans schlossen vehement einen Selbstmord aus. Hm. Was war es dann?
„Hallo, Darling!“, flötete die junge Frau, die durch die Tür hereinschneite und ihn in seinen Überlegungen unterbrach. „Du arbeitest ja noch. Warum sollte ich pünktlich sein, wenn du nicht fertig bist?“ Sie warf ihr blondes, hüftlanges Haar schwungvoll nach hinten und setzte sich lasziv auf eine Ecke seines Schreibtisches. Dabei klaffte der Schlitz an der Seite ihres Kleides auf und zeigte ihre langen, schlanken Beine.
Auch sonst verbarg diese Abendrobe nur sehr wenig von ihren Reizen. Knöchellang, trägerlos, eng anliegend, aus luxuriöser Brüsseler Spitze in sattem Rot. Ein Unterkleid aus einem etwas dunkleren französischen Tüll verdeckte lediglich ihre intimsten Stellen, ließ allerdings genügend Spielraum für Fantasien.
Drakon kannte ihren extravaganten Geschmack in Sachen Mode. Meist flog sie nach Paris, um ihre Kleider von namhaften Designern aus erster Hand anfertigen zu lassen.
Bevor sie noch begann, sich auf seinem Schreibtisch zu rekeln, räumte er alle Dokumente zusammen, fuhr seinen Computer herunter und stand auf. „Ist ja schon gut. Erspare mir bitte deine gekünstelten Vorwürfe. Komm mit nach oben und nimm dir einen Drink, während ich mich umziehe.“ Er marschierte an ihr vorbei, ohne auf ihre Person zu achten.
Was war los mit ihm? Thabea nervte ihn plötzlich. Warum hatte er unbedingt gewollt, dass sie mitkam? Sicher, sie würden das Paar des Abends abgeben, allein die Präsenz dieser Frau sorgte schon dafür, und er hatte das bisher auch immer genossen. Nur heute?
„Du hast mich noch gar nicht richtig angeschaut, Dray. Ich habe extra meine neueste Errungenschaft angezogen. Nur für dich. … Und du?! Du beachtest mich nicht einmal. Warum hast du mich überhaupt eingeladen?“, jammerte Thabea und tippelte hinter Drakon her.
Leise knurrte dieser vor sich hin. Auf der Wendeltreppe ins obere Geschoss des Penthouses hielt er einen Moment inne. „Thabea, wir wissen beide, dass du einen Scheiß auf meine Meinung gibst. Du willst sehen und gesehen werden. Wohl mehr gesehen … Und ich brauche eben jemanden an meiner Seite. Damit haben wir eine Win-Win-Situation. Also hör schon auf zu quengeln.“ Drakon hörte hinter sich ein frustriertes Schnauben. Innerlich sah er, wie Thabea ihre Augen verdrehte.
„Du bist heute ein richtiger Arsch. Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?!“
„Keine Laus. Und ja, ich habe das heute schon einmal gehört. Aber ehrlich? Ich bin immer ein Arsch. Jetzt sei ein braves Mädchen. Nimm dir einen Drink und setz dich irgendwo hin. Es dauert nicht lange.“ Er wartete nicht erst auf eine Erwiderung, sondern verschwand in sein Schlafzimmer mit dem angrenzenden Bad.
Jenny, sein und Felix' Mädchen für alles, hatte ihm sowohl den Smoking … dunkelgrünes Jackett und schwarze Hose … als auch das dazu passende schwarze Hemd mit Kläppchenkragen, verdeckter Knopfleiste und Umschlagmanschetten an den Schrank gehängt. Beides natürlich maßgeschneidert. Die Lackschuhe standen vor, die Fliege und die Schachtel mit den Onyx-Manschettenknöpfen lagen auf dem Bett. Die gute Fee hatte wieder an alles gedacht.
Zumindest ein kleiner Lichtblick am heutigen Tag, der Drakon ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht zauberte.
Schnell entledigte er sich seiner Kleidung und sprang unter die Dusche. Er rasierte sich, trug dezent Original Collektion X The Masculine Perfume auf und war zehn Minuten später fertig zum Gehen.
Ein letzter Blick in den Spiegel … Zufrieden mit seinem Äußeren schloss er die Uhr aus Platin mit schwarzem Ziffernblatt und dunklem Lederarmband, eine Sonderanfertigung von Patek Philippe, um sein Handgelenk und trat zu Thabea.
Drakon legte zwar auch im Alltag besonderen Wert auf sein Aussehen, doch wenn er sich zu besonderen Anlässen in der Öffentlichkeit sehen ließ, musste alles perfekt sein. Schlicht, aber exquisit.
„Wow! Sexy wie immer. Ich liebe es, dich im Smoking zu sehen. Du trägst ihn wie eine zweite Haut. … Hmmm, und dein unglaublich verführerischer Duft.“ Sie schnupperte an ihm und stöhnte leise, als ob sie allein davon einen Orgasmus bekommen könnte. Thabea übertrieb ihre Reaktion auf ihn und sie wussten es beide.
„Wir zwei werden wieder das Paar sein. Lass uns gehen, mein schwarzer Ritter.“
Normalerweise war es Drakon egal, wenn Thabea ihn so nannte. Heute hingegen hasste er es. Er hasste ihr Getue. Er hasste mittlerweile den gesamten Abend.
Johanna war spät dran. Tasche und Mantel warf sie auf einen der Rattansessel im Flur. Die Schuhe fanden daneben einen Platz. Sie sollte auf alle Fälle fertig sein, bevor ihre Freundin kam, damit die nicht stinksauer reagierte. In einer Stunde wollte Betty sie abholen.
Wohltätigkeitsgala. Wer besuchte so eine Veranstaltung? Und vor allem, warum musste ausgerechnet sie dort aufschlagen? Sie kannte keinen Menschen in Boston und keiner wusste, wer sie war. Warum also?
Sie hörte schon ihre Freundin argumentieren, dass dieses jährliche Event nicht nur dem guten Zweck, sondern auch dem Knüpfen von Bekanntschaften, Geschäftsbeziehungen und der Werbung für das Unternehmen diente.
Johanna konnte gut und gern darauf verzichten. Als erfolgreiche Designerin musste sie sich nicht anbieten, um Aufträge zu bekommen. Ganz im Gegenteil. Ihre Klientel aus aller Welt rannte ihr die Bude ein. Sie konnte bei der Auswahl ihrer Kundschaft wählerisch sein. Dabei spielte es für sie keine Rolle, ob ihre Auftraggeber zu den oberen Zehntausend zählten oder lediglich aus einer Studentenbude ein Highlight machen wollten.
Allerdings hatte sie Roger und Betty versprochen, beide zur Gala zu begleiten. Immerhin war auch sie Mitinhaberin von Wood-ProFi … Wood Processing and Finishing …
Es war eine Firma, die sich seit mehreren Generationen im Besitz ihrer Familie befand und sich unter der Leitung ihres Vaters zu einem der größten Unternehmen der Gegend entwickelt hatte. Sie umfasste mittlerweile ein Sägewerk, Lager- und Trockenhallen sowie eine Schreinerei für Holzarbeiten aller Art. Thimoty Verstraeten hatte nach der Übernahme des Betriebes von seinem Vater sein Hobby zum Beruf gemacht. Seitdem stellte Wood-ProFi hochwertige Möbel in Handarbeit, Parkettböden, Wandvertäfelungen, Dekorationsstücke und vieles mehr her.
Natürlich konnte Johanna bei ihrer Tätigkeit auf diese Gewerke zugreifen und dennoch … Sie war nicht in den Staaten zu Hause. Sie wollte es auch nicht sein und das, obwohl ihre Freunde … ihre einzige Familie, die sie noch hatte … an diesem Ort hängen geblieben waren.
Roger, der einige Jahre älter war als Betty und Johanna, hatte gleich nach dem Abitur ein Auslandsjahr eingelegt. Mit einem Praktikum bei Wood-ProFi, seinem Studium in Boston und seiner späteren Tätigkeit als Geschäftsführer war für ihn ein langersehnter Traum wahr geworden … bis vor drei Monaten Timothy Verstraeten, Johannas Vater, bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war.
Er fehlte ihnen nicht nur in der Firma. Daran änderte auch sein Testament nichts, in welchem er bestimmt hatte, dass sein gesamter Besitz zu gleichen Teilen unter Johanna, Roger und Betty aufgeteilt werden sollte. Ihm war bekannt gewesen, dass seine Tochter wenig Interesse an seiner Firma zeigte, ihre Freunde, die schon fast zur Familie gehörten, dagegen in dieser Art von Arbeit aufgingen.
Während ihr diese Gedanken durch den Kopf gingen, betrachtete sie die Fotowand im Flur. Es waren unzählige Bilder von ihr als Kind, Teenie und junge Frau.
Ihr Schulanfang. Da lebte ihr Vater bereits wieder in den Staaten. Auch wenn sie ihn nicht persönlich kennengelernt hatte, so hatte sie ihn doch damals vermisst. Ihre Mutter nicht, die wollte ihn nicht dabeihaben.
Ferien bei ihren Großeltern im Harz; diverse Klassenfahrten; Urlaub an der Ostsee. Wo hatte er nur all diese Fotos her? Sie selbst erinnerte sich kaum an die meisten Aufnahmen. Er war nie dabei gewesen. Sie hatten keinen Kontakt zueinander. Erst als sie …
Johanna atmete tief durch.
Erst als ihre Mutter gestorben war, hatte ihr Vater sie zu sich nehmen wollen. Sie jedoch war nicht bereit gewesen, ihre Heimat und ihre Freunde zu verlassen. Er hatte ihre Beweggründe verstanden, ließ es sich aber nicht nehmen, von da an mehr an ihrem Leben teilzuhaben. Jede Menge weiterer Bilder zeugten davon.
Erst viel später waren ihr die Zusammenhänge der Beziehung ihrer Eltern und deren Scheitern klar geworden.
Ihr Vater war nicht aus einer dummen Laune heraus abgehauen, wie es ihre Mutter sie immer gern glauben machen wollte. Vielmehr war sein Dad schon alt und wollte das Familienunternehmen seinem Sohn übertragen. Also hatte sich Timothy Verstraeten entschlossen, aus der United States Army auszutreten und nach Massachusetts zurückzukehren. Zu seinem Bedauern hatte seine Frau ihm nicht folgen wollen. Es gab auch keinen Kompromiss.
Johanna wurde erst nach der Trennung geboren. Heute wünschte sie, sie selbst hätte als Vierzehnjährige eine andere Entscheidung getroffen. Ihr Dad war das letzte Elternteil, das sie und ihre Freunde noch hatten. Sie selbst war bei den Hoogans aufgewachsen und wurde von Elke wie eines ihrer eigenen Kinder geliebt.
Leider verstarb sie vor wenigen Jahren unerwartet. Keiner konnte sagen, woran. Am Abend war alles noch schön und am nächsten Morgen lag sie wie schlafend in ihrem Bett. Tot. Herzstillstand.
Betty zog gleich nach der Beerdigung zu ihrem Bruder und Timothy nach Massachusetts, um bei Wood-ProFi als Marketingmanager zu arbeiten.
Und Johanna? Die machte ihr eigenes Ding.
Das war alles schon so lange her. Genau wie das Foto, auf welchem Roger, Betty, Elke und Timothy um die Wette posierten. Johanna hatte es aufgenommen. Damals am Flughafen, als Roger ihren Vater in die Staaten begleitet hatte.
Oh, was sah er da noch jung aus. Wie lange war das her? Achtzehn Jahre. Und er sah noch immer so gut aus. Groß, mit breiten Schultern und Waschbrettbauch, knackigem Po. Das hellblonde Haar und die leuchtend blauen Augen, die stets so übermütig blitzten. Sein Lachen, bei welchem sich ein kleines Grübchen auf seiner rechten Wange bildete und überhaupt … dieser Mund, den zu küssen sie sich nicht nur ein Mal vorgestellt hatte.
Ein wehmütiges Lächeln machte sich auf Johannas Gesicht breit. Irgendwie war sie schon ein wenig vernarrt gewesen in den Bruder ihrer Freundin.
O Gott, der Geist der Vergangenheit drohte sie einzuholen. Am liebsten hätte sie sich jetzt mit einem Glas Wein bei leiser Musik vor die Fotowand gesetzt und die schönsten Momente aus ihren einunddreißig Jahren noch einmal Revue passieren lassen.
„Aber was nicht ist, das ist nicht“, seufzte sie und wandte sich von der Fotowand ab. Es war höchste Zeit, sich für den heutigen Abend fertigzumachen. Wie bereits gesagt, Betty würde stinksauer sein, wenn sie nicht pünktlich war.
Schnell verschwand Johanna im Bad und entledigte sich ihrer Kleidung. Normalerweise hätte sie sich ein heißes Wohlfühlbad eingelassen, um bei leiser Musik und Duftkerzen zu relaxen. Zu ihrer Verärgerung musste sie heute darauf verzichten. Eine schnelle Dusche und Haare waschen … mehr war nicht drin. Allein ihre lange, lockige Mähne forderte schon mehr als die Hälfte der Zeit an Aufmerksamkeit.
Zum Glück hatte Johanna schon am Morgen das Abendkleid an den Schrank gehängt. Sie musste zugeben, es sah toll aus, trotz des einfachen Schnittes ... irgendwie extravagant, edel und teuer. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, sich für nur einen Abend ein solches Kleid zu kaufen.
Doch Betty war in der Angelegenheit ganz anderer Meinung gewesen. Deshalb war sie vor drei Tagen nach New York gekommen, um Johanna abzuholen, wie sie sagte.
Johanna hatte einen Beraterjob bei einem angesagten Innenarchitekten übernommen. Einmal in den Staaten war dieses Angebot für sie eine angenehme Abwechslung zu all dem Stress rund um Timothys Beerdigung und die Testamentseröffnung in den vergangenen Wochen gewesen.
Ein Penthouse in der Central Park West verlangte seinen finalen Schliff, damit nach Fertigstellung die Räumlichkeiten die Persönlichkeit und den Charakter des Eigentümers widerspiegelten. Und wer wäre dafür prädestinierter als eine Inneneinrichterin wie Johanna? Immerhin war ihre Devise: Wenn es etwas werden soll, dann mache es selbst oder hab immer ein Auge darauf. Sie packte bei all ihren Arbeiten so oft wie nur möglich eigenhändig mit an. Ihr Engagement war das Aushängeschild ihrer Firma und brachte ihr ausgezeichnete Referenzen ein.
Dann stand Betty plötzlich im Foyer ihres Hotels, um sie bei einem gemeinsamen Bummel durch die Metropole in eine kleine Boutique zu entführen, die durch den Verkauf selbst designter und genähter Einzelstücke bestach. Betty besaß wieder einmal das richtige Näschen und ein feines Gespür für das Besondere.
Johanna hätte nicht gedacht, etwas Passendes in ihrer Größe auf Anhieb zu finden. Verfügte sie doch keineswegs über Modelmaße … es sei denn, die eines Plus-Size-Models.
Es grenzte an ein Wunder, dass das Kleid wie angegossen saß und sie sich sofort darin wohlfühlte. O ja, und nicht nur das, seine Farbe brachte den Farbton ihres Haares ganz besonders zur Geltung und unterstrich das Grün ihrer Augen. Hinzu kam, dass es mit seinem weich fließenden Stoff ihre üppigen Rundungen umschmeichelte wie das warme Wasser aus der Dusche …
… unter der sie soeben aus ihren Gedanken aufschreckte. Das war definitiv Bettys Stimme, die da nach ihr rief.
„Jo! Wo steckst du denn? Bist du noch nicht fertig?“
Oh, oh! Johanna wusste, dass sie spät dran war, dachte jedoch noch etwas Zeit zu haben. Mist! „Hier im Bad! Tut mir leid, aber es dauert noch. Ich bin gerade dabei, mein Haar zu bändigen.“ Sie hatte etwas übertrieben, denn daran konnte sie noch nicht einmal denken. Das würde Betty jede Minute herausfinden. Schon öffnete sich die Tür zum Badezimmer. Dem folgte ein lautes Keuchen. Erwischt!
„Gott, Jo! Du hast noch nicht einmal angefangen. Deine Mähne ist ja noch pitschnass.“
„Ach komm! Ich habe es zumindest versucht. In Büchern schaffen die das doch auch immer … zu duschen, die Haare perfekt aufzustecken und sich zu stylen. Und das Ganze in nur dreißig Minuten. Ähm … und ich hatte noch fast eine ganze Stunde. Und wie viel sind es jetzt noch?“ Reumütig schaute Johanna ihre Freundin an und bemerkte zu spät Roger, der schadenfroh grinsend hinter seiner Schwester stand und ein Auge auf ihren in ein Badetuch gehüllten Körper riskierte.
„Kannst du nicht so zur Gala gehen und damit Putsoas Interesse von der Firma ablenken?“
„Und kannst du es nicht sein lassen, Roger?! Wir hatten gesagt, wir reden heute nicht darüber.“
Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht mit Bettys Hieb in seine Seite. Lachend sackte er zusammen und zwinkerte Johanna verschmitzt zu.
Auch Betty wandte sich nun an Johanna. „Du hast noch zwanzig Minuten.“
„Also nur schnell föhnen. Kein Locken glätten. Ein einfacher Knoten im Nacken tut es auch. … Kannst du mir wenigsten helfen, den Filz in meinem Pelz zu entwirren?“
Während sich Roger genüsslich aus der Hausbar einen Bourbon einschenkte, kämpfte seine Schwester mit Johannas Haaren.
„Au! Auch wenn ich jede Menge davon habe, musst du mir nicht die Hälfte ausreißen“, jammerte Johanna. Sie erreichte damit lediglich, dass Betty noch etwas fester daran zog. „Was ist das für eine Sache mit diesem … Wie hieß er doch gleich?“
„Putsoa. Drakon Putsoa. Ein … Hm. Gott, ich weiß gar nicht, wie man ihn bezeichnen soll. Er ist vor ungefähr anderthalb Jahren aus Durban Südafrika herübergeschwappt. Stinkreich. Und das, obwohl er ein Schwarzer ist.“
„Roger! Verdammt noch mal! Du sollst auf dein Vokabular achten. Er ist ein Südafrikaner. Es spielt keine Rolle, welche Hautfarbe er hat“, unterbrach Betty ihren Bruder ungehalten und zerrte aufgebracht an Johannas Haaren, die wirklich nichts dafür konnten.
Aber Johanna musste ihrer Freundin recht geben. Schon als Kinder hatten sie gelernt, Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen, sondern lediglich nach ihren Taten. Allerdings hatten sie auch gelernt, nicht wie ein Rollkutscher zu fluchen. Betty schien diese nicht ladylike Unart wie kein anderer zu beherrschen.
Roger selbst schien ihre Zurechtweisung zwar gründlich zu missfallen … Verständlich, wenn man bedachte, dass dieser stinkreiche Südafrikaner ihnen auf Biegen und Brechen ihr Grundstück abkaufen wollte. … lenkte aber trotzdem ein. „Sorry. Du hast ja recht. Dennoch … Keiner weiß so recht etwas über den Kerl. Er und sein Freund fassten sofort Fuß in Boston und waren plötzlich in aller Munde. Man munkelt, sie besorgen dir sprichwörtlich alles, was dein Herz begehrt. So scheffeln sie Millionen. Dabei gehen sie über Leichen.“
„Sagen die Leute. Das sind Gerüchte. Mehr nicht.“ Betty befestigte die letzten Locken und zupfte vorn einzelne Strähnen heraus, die Johannas Gesicht umrahmen sollten.
„Weißt du es besser? Woher?“ Roger ließ nicht locker. Er hasste anscheinend den Typen tatsächlich, der ihnen das Grundstück um jeden Preis abkaufen wollte und damit ihrer Firma das Aus bescherte.
„Natürlich weiß ich es nicht besser! Woher auch?! Aber ich werde mich auch nicht an der Verbreitung von derlei Aussagen beteiligen. Und du solltest das auch nicht.“ Wütend über ihren Bruder, aber auch wütend über diesen Putsoa verteilte Betty reichlich Haarspray über Johannas Frisur, sodass beide Frauen im Nebel verschwanden.
Roger hingegen leerte sein Glas auf Ex und schaute verdrossen dabei zu.
„Ist es der Kerl wert, dass ihr euch seinetwegen zofft? Es lag nicht in meiner Absicht, dass sich meine Familie wegen ihm kloppt. Ich wollte einfach ein paar Informationen für den Fall aller Fälle. Ein Aufeinandertreffen am heutigen Abend ist doch bestimmt nicht abwegig. Oder? Ich meine, er muss ja nicht erfahren, wer ich bin, sofern er es nicht eh schon weiß.“ Johanna war mittlerweile in ihr Kleid gestiegen und mühte sich, an den Reißverschluss zu kommen. „Kannst du mir bitte das Kleid schließen“, bat sie Betty „und du, Roger, erzählst mir derweil alles, was von Bedeutung ist und was ich unbedingt über ihn wissen sollte. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht mit ihm fertig würden.“
Während sie dezent Smokey Eyes in Bronze- und Kupfertönen, Kajal und Wimperntusche auftrug und ihre Lippen lediglich mit Lipgloss verwöhnte, setzte Roger sie ins Bild:
Vor ungefähr einem halben Jahr tauchte Drakon Putsoa auf und bot Timothy eine beachtliche Summe für den Verkauf seines Grundstückes. Der Betrag deckte jedoch nicht den Wert der darauf befindlichen Gebäude mit ab. Johannas Vater lehnte ab. Er wäre ohnehin nicht interessiert gewesen.
Kurz darauf erschien Putsoa wieder und bot mehr, unwesentlich mehr. Sein Auftraggeber schien hartnäckig und so ließ auch er nicht locker. Der Kunde wollte dieses Grundstück um jeden Preis erwerben.
Jeden Preis? Was auch immer er darunter verstand, finanziell wohl eher nicht.
Es war auch kein Wunder, dass der neue Besitzer so versessen auf dieses Grundstück war. Man munkelte nämlich, dass er ein Luxushotel inklusive einer Marina darauf plante. Es besaß eine erstklassige Lage ... ruhig und dennoch verkehrsgünstig, mit direktem Zugang zum Natur- und Tierschutzreservoir und zum North River.
Timothy interessierte das nicht. Seine Familie war seit mehreren Generationen auf diesem Fleckchen Erde ansässig und betrieb nicht nur den Holzhandel. Für ihn kam ein Verkauf nicht infrage. Er wollte, dass sein ganzer Besitz irgendwann einmal an seine Tochter und die Kinder seines gefallenen Freundes Dean Hoogan … Roger und Betty … überging. Ihm lag die Firma am Herzen und wenn es nach ihm ginge, sollte sie noch Jahrhunderte weiter bestehen.
Das wiederum war Putsoa und seinem Klienten egal. Er kam immer und immer wieder. Es grenzte schon beinahe an psychischen Terror.
Dann verunglückte Timothy tödlich.
Für Putsoa ein Segen. Und obwohl er artig kondolierte und ihnen sein tief empfundenes Beileid bekundete, stand er wenige Tage nach der Beerdigung erneut vor ihrer Tür, um seine Verhandlungen fortzusetzen.
„Wir haben dich da erst einmal weitestgehend außen vor gelassen und ihm gegenüber nicht erwähnt, dass es einen dritten Erben gibt. Aber auf Dauer wird sich das nicht geheim halten lassen. … So sieht es aus, Jo. Wir werden den Bazillus nicht …“ Roger wollte sich gerade noch einen Drink einschenken, als sein Blick auf Johanna fiel. „Jo, du siehst umwerfend aus. Du machst heute Abend alle Männer verrückt. Einschließlich mich.“
Sein Gesicht war goldwert. Mit offenen Mund starrte er sie an.
„Charmeur!“ Johanna boxte ihn leicht auf den Arm. „Du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass mir nichts daran liegt. … Was? Was schaust du mich so an? Du heckst doch irgendetwas aus.“
Auch Betty schien es bemerkt zu haben. Rogers Augen blitzten vor Schalk. Er plante definitiv irgendeinen Unfug.
Die beiden Mädels brauchten gar nicht lange zu warten, da platzte er damit heraus: „Warum eigentlich nicht? Vielleicht sollte dir daran liegen, Putsoa um den Finger zu wickeln. Schau, du sagst es. Er kennt dich nicht.“
„Hoffst du zumindest“, warf Betty kopfschüttelnd ein. Wenn sein Plan mal nicht nach hinten losging.
Roger wischte diesen Einwand mit einer wegwerfenden Geste einfach fort. „Wir gehen davon aus. Sollte es anders sein, haben wir halt Pech gehabt. Aber wenn nicht, dann stellen wir dich lediglich als Johanna vor. Du bist eine Jugendfreundin aus Deutschland. … Du flirtest mit ihm. Machst ihm schöne Augen. Und wenn er erst einmal deinem Charme erlegen ist, manipulierst du ihn zu unseren Gunsten.“
„Was?! Manipulieren zu unseren Gunsten? Wie soll das aussehen? Er wird dann noch immer seinen Auftrag im Kopf haben und die damit verbundenen Dollarzeichen in seinen Augen.“
„Schwärme ihm vor, wie wichtig Wood-ProFi nicht nur für uns ist, sondern auch für die Wirtschaft des Landes. Erzähl ihm überschwänglich, wie nachhaltig und umweltbewusst wir produzieren. Erkläre ihm die Nachteile eines Luxushotels nebst Marina …“
„Die da wären?“
„Och menno, Jo! Du bist eine intelligente und erfolgreiche Unternehmerin. Es kann nicht sein, dass dir einfach nichts einfällt. Schmier ihm Honig ums Maul. Mach ihn scharf auf andere Grundstücke …“
„Was ist mit Betty? Hat sie ihr Glück schon versucht?“
Abwehrend hob Betty, die die Unterhaltung zwischen Roger und Johanna amüsiert verfolgt hatte, beide Hände. So weit kam es noch, dass sie da hineingezogen wurde. „Nee, nee, nee. Lass mal. Ich bin für so etwas ungeeignet. Außerdem …“
„Was außerdem?“, hakte Johanna nach. Sie wollte wissen, was Betty nicht gesagt hatte.
„Ach nichts. Nicht so wichtig“, wich diese aus.
Von wegen nicht so wichtig. Der Wind wehte aus einer ganz anderen Richtung. Wahrscheinlich wäre sie nicht abgeneigt gewesen, wenn nicht Putsoa, sondern Dubois das Sagen gehabt hätte. Johanna sah es ihrer Freundin an und um sie ein wenig aufzuziehen, schob sie ein vielsagendes ah ja nach.
Betty wandte sich ertappt ab. „Wir müssen! Auf, auf!“ Um vom Thema abzulenken, wuselte sie durch die Wohnung, suchte Johannas Clutch, Handy und was Frau sonst noch so brauchte zusammen und trieb dabei Roger und Johanna zur Eile an. Als sie aus der Haustür hinaus waren, blieb sie plötzlich stehen. Sie sah aus, als hätte sie den zündenden Gedanken. „Warum hilft uns nicht dein blauer Drache?“ Kaum hatte sie die Worte gesagt, blickte sie erschrocken zu Johanna, die mitten im Schritt erstarrte.
O nein! Das hätte sie auf keinen Fall sagen dürfen. Es war tabu … ein Geheimnis zwischen den beiden Frauen. Und ausgerechnet der, für dessen Ohren die Worte nicht bestimmt waren, musste diese aufschnappen. Wie sollte es auch anders sein?
„Was für ein Drache?“ Roger schaute sich fragend nach Betty und Johanna um.„Halloho! Wovon redet Betty da? Wer hat einen blauen Drachen? Und … was ist ein blauer Drache?“
„Entschuldige, Jo. Es ist mir einfach so rausgerutscht.“
„Ist schon gut. Mach dir mal keinen Kopf. Ich kann es nicht für immer verheimlichen. Irgendwann wäre es sowieso ans Tageslicht gekommen. Dann lieber jetzt, wo wir unter uns sind.“ Johanna lächelte ihrer Freundin aufmunternd zu und drehte sich dann zu Roger um. „Keiner weiß davon. Betty meint ihn.“ Sie zog den rechten Ärmel ihres Kleides ein Stück nach oben und entblößte ihren Unterarm.
Roger zog scharf die Luft ein. Ein blauer Drache auf Johannas Handgelenk. Ein Tattoo? Lebensecht? Ähm … hatte er sich soeben bewegt?
„Komm schon, Bruderherz, bevor dir noch die Augen aus dem Kopf fallen. Auf der Fahrt nach Boston erzählen wir dir die Geschichte.“
Es war vor achtzehn Jahren.
Sie hätte nach Hause gehen sollen. Doch Betty wollte unbedingt auf den Jahrmarkt, der mit verschiedenen Fahrgeschäften, Buden und Verkaufsständen auf einem der abgeernteten Felder vor der Stadt stattfand. Sie hatte gehört, dass in diesem Jahr eine echte Wahrsagerin da sein sollte.
„Jo! Komm schon! Siehst du? Da hinten steht das Zelt!“ Betty drängelte sich zügig durch die Menschen hindurch und zog Johanna hinter sich her.
Vor einem kleinen bunten Zelt blieben sie abrupt stehen.
„Schau dir das an!“ Betty war gleichzeitig stolz, aufgeregt, wagemutig … und ganz hippelig. Sie zeigte auf den Schriftzug über dem Eingang.
Wagen Sie einen Blick in die Zukunft, stand da zu lesen.
Johanna betrachtete die Aufschrift, das Zelt und die nähere Umgebung. Bei keinem der Besucher des Rummels schien diese Attraktion auf irgendein Interesse zu stoßen. Sie schlenderten vorbei, als würden sie es nicht sehen. Ein kalter Schauer lief Johanna über den Rücken. Sie schüttelte sich, um das mulmige Gefühl loszuwerden. Die Euphorie ihrer Freundin, die allem Anschein nach von alledem nichts bemerkte, konnte sie in keiner Weise teilen.
„Komm! Lass uns reingehen“, drängte Betty. Ungeduldig griff sie nach Johannas Hand und teilte den Vorhang. Sie hinter sich herziehend trat sie hindurch.
Im Inneren des Zeltes war es schummrig. Eine altmodische Petroleumlampe spendete nur wenig Licht. Die Luft war geschwängert von mystischen Düften, die für die Nasen der Teenager ungewohnt waren … ein Potpourri aus exotischen Gewürzen wie Vanille, Kardamom, Zimt, Nelken und Zitrusnoten. Auf dem Boden waren bunte Teppiche und Kissen verteilt. In Regalen an der Wand befand sich allerlei Tand … unter anderem Holzkästchen, Flacons, Glaskugeln.
Sich aneinander festhaltend schauten sich die Mädchen sowohl neugierig als auch ängstlich um. Sie fühlten sich nicht ganz wohl in ihrer Haut.
„Seid gegrüßt, junge Damen. Seboni soll für euch einen Blick in die Zukunft wagen? Ob ihr den Männern werdet gefallen? Der Prinz euch freit auf dem weißen Pferd? Ob ihr werdet Karriere machen … euch Reichtum beschert? Ob eure Träume werden in Erfüllung gehen? Kommt, meine Fräulein, wir werden sehen.“
Erschrocken sahen sich Johanna und Betty beim Singsang dieser hypnotisierenden Stimme um.
Ohne dass sie es bemerkt hatten, war eine alte Frau in den Raum getreten. Wäre nicht ihre Kleidung die einer Zigeunerin gewesen, wie sich die Mädchen jene vorgestellt hatten, hätte sie als eine alte Hexe durchgehen können. Die Farben ihres langen, glockigen Rockes, ihres Schultertuches über der weißen Bluse und ihres Kopftuches mit Münzen verschiedener Epochen und Länder, die bei jeder Bewegung klingelten, waren leuchtend und vielfältig wie das Innere des Zeltes. Die Frau hob sich kaum von ihrem Hintergrund ab.
War sie die Wahrsagerin?
Mit ihren langen dünnen Fingern zeigte sie auf die Kissen und deutete den beiden an, sich zu setzen. Sie selbst nahm ihnen gegenüber breitbeinig auf einem flachen Hocker Platz und stützte ihre Arme auf den Knien ab.
Johanna sah Betty an, als wollte sie auf der Stelle fliehen. Was machte sie hier?
„Setzt euch. Setzt euch. Ich werde nur aus eurer Hand lesen. Kein Geld. Für solch mutige Damen heute gratis.“
Was sollte schon passieren? Sie begleitete lediglich Betty, die furchtbar aufgeregt war. Dabei sollte die Wahrsagerin ihrer Freundin nur mitteilen, ob …
Das war Bettys großes Geheimnis. Überdies glaubte sie, dass nicht einmal Johanna davon wüsste.
Seboni, so hatte sich die Frau genannt, griff jedoch nach Johannas rechtem Handgelenk.
Betty starrte die Alte enttäuscht an. Man konnte sehen, wie sehr sie von deren Handeln verletzt war. So hatte sie sich den Besuch nicht vorgestellt.
Die Wahrsagerin hingegen konzentrierte sich auf die feinen, zarten Linien in der Hand vor ihrem Gesicht.
Langes Schweigen erfüllte den Raum.
Das Pochen aufgeregter Herzen konnte Johanna hören. Oder war es nur ihr eigenes? Warum sagte die Alte nichts? Was sah sie? Ihr runzliges Gesicht schien plötzlich wie zu Stein erstarrt. Was, wenn ihre Nase auf Johannas Handfläche tropfte? Langsam begann der feste Griff der Alten um ihr Gelenk zu schmerzen. Sie wollte ihren Arm schon zurückziehen, als sie die Weissagung hörte.
Der blaue Drache. … Von nun an wird er dein Leben bestimmen. Du bist der Diamant unter seinen Schätzen. Er wird sein wertvollstes Eigentum um jeden Preis zu beschützen wissen.
Kaum waren die letzten Worte verklungen, schleuderte die Alte Johannas Hand von sich, als habe sie sich daran verbrannt. Schneller als man ihr zugetraut hätte, sprang sie auf und verschwand hinter einer Wand von Vorhängen.
Während Johanna die Stelle massierte, die die Zigeunerin so fest gepackt hatte, stierte Betty ungläubig dieser Seboni hinterher. „Was war das denn? Ich dachte, die wollte aus deiner Hand lesen? Jetzt schwirrt sie unverrichteter Dinge ab?“
Was?! Jetzt war es Johanna, die ihre Freundin verdutzt anschaute. Was meinte Betty damit … unverrichteter Dinge? Irgendetwas Seltsames lief hier ab. „Ähm … Hat sie doch. Du warst dabei.“
„Nein! Hat sie nicht! Sie hat nur deine Hand mit ihrem Blick durchlöchert und ist dann einfach verschwunden.“ Betty schüttelte entrüstet den Kopf.
„Du hast es nicht gehört?“, versuchte es Johanna erneut. „Das kann doch nicht sein.“ Oder doch?
Ihre Freundin verdrehte die Augen. „Was denn gehört? Sie hat ja nichts gesagt. Jo, was ist denn los mit dir? Hast du Halluzinationen?“ Betty schaute sie mit großen Augen forschend von der Seite an. „Komm, lass uns hier verschwinden. Das war eine dumme Idee von mir hierherzukommen. Es tut mir leid.“
Wie es schien, hatte sie in der Tat nichts gehört. Dabei war sich Johanna so sicher gewesen, dass Seboni etwas prophezeit hatte. Bildete sie sich das alles nur ein? Konnte es sein, dass sie halluzinierte? Sollte sie ihrer Freundin erzählen, was die Alte ihr anvertraut hatte? Hm. Eigentlich hatte sie deren Stimme nur in ihrem Kopf gehört.
„Boah! Das wird ein riesiger blauer Fleck, Jo. Die alte Schachtel hat sie nicht mehr alle! Wie konnte sie dich nur so anpacken?“ Betty war außer sich. Das lag aber weniger daran, dass sie sich betrogen fühlte, als vielmehr, dass die Alte ihre beste Freundin dabei verletzt hatte.
Johanna betrachtete nachdenklich ihr Handgelenk. Sofort spürte sie wieder den festen Griff, der die Haut zusammenquetschte und den Blutfluss stoppte. Das war also das Ergebnis davon … ein nicht zu übersehender Bluterguss. Wie sollte sie das ihrer Mutter erklären, die ohnehin wegen jeder Kleinigkeit aus der Haut fuhr?
O Gott, ihre Mutter! Johanna zuckte zusammen. „Schon gut, Betty. Das ist nicht weiter schlimm. Bestimmt ist der Fleck morgen wieder weg. Na ja, und wenn nicht, ziehe ich die Ärmel meines Pullovers über die Hände. Aber wir sollten jetzt lieber gehen. Wenn meine Mutter nach Hause kommt und … meine Schularbeiten nicht erledigt sind, gibt es wieder Zoff. Du weißt ja, wie sie sein kann.“ Wie sie sein kann, war die Untertreibung aller Zeiten.
Schlechte Laune definierte den Charakter dieser Frau. Keiner konnte sagen, seit wann sie derart verbittert war und die Freude am Leben verloren hatte. Johanna kannte sie nicht anders.
Betty nickte zur Bestätigung.
Beide schauten ein letztes Mal auf das Zelt der Wahrsagerin zurück und machten sich stillschweigend auf den Heimweg.
Dieser Nachmittag hatte etwas Besonderes, ein Abenteuer, ein Spaß werden sollen. Nun trabte Betty enttäuscht neben Johanna her. Während sie ihren Katzenjammer ob des Reinfalls zu verarbeiten hatte, plagten Johanna ganz andere Sorgen. Sie konnte jetzt nicht an Bettys Problem denken, die unbedingt erfahren wollte, ob sie Georg aus der zehnten Klasse aufgefallen war und er sie vielleicht um ein Date bitten würde.
Johannas Mutter sah es nicht gern, wenn sie sich nach der Schule noch herumtrieb. Dazu zählten auch Unternehmungen mit Betty. Sie hatte sofort nach Hause zu kommen, Hausaufgaben zu erledigen, zu lernen und im Haushalt zu helfen. Regelverstöße hatten immer ein Nachspiel.
Keines der beiden Mädchen verspürte den Drang, über den eben erlebten Vorfall zu reden. Sie schwiegen ihn tot, als wäre er damit nicht geschehen. Erst an der Ecke, an der sich die Freundinnen stets trennten, blieb Betty stehen.
„Soll ich dich noch nach Hause bringen? Ich meine, nur für den Fall, dass deine Mutter …“
„Das musst du nicht. Ich bin ja noch pünktlich. Wir sehen uns morgen in der Schule. Und … danke. Deine Idee war toll und es hätte lustig werden können. Aber“, Johanna holte einmal tief Luft und stieß sie wieder aus, „es ist, wie es ist. Also guck nicht so bedröppelt.“ Sie zauberte sogar ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht und zwinkerte ihrer Freundin aufmunternd zu.
Erleichtert wurde sie von Betty fest in die Arme genommen. Ihr ebenfalls zuwinkend, marschierte diese dann in die entgegengesetzte Richtung und verschwand im nächsten Moment um die Kurve.
Nun stand Johanna allein an der Kreuzung. Sie atmete ein weiteres Mal tief durch. Sie würde alle ihre Aufgaben noch rechtzeitig erledigen können. Mit diesem Gedanken lief sie zügig nach Hause.
Als sie den Schlüssel ins Schloss steckte und bemerkte, dass nicht abgeschlossen war, breitete sich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend aus. War ihre Mutter schon da? So früh? Das würde wieder Ärger geben. Leise hängte sie die Jacke im Flur an den Haken, stellte die Schuhe in die Ablage und schlich vorsichtig in Richtung ihres Zimmers.
Plötzlich wurde die Wohnzimmertür aufgerissen und ihr Stiefvater stand vor ihr.
„Ah, da kommt ja meine süße, kleine Tochter. Lass dich mal anschauen! Hast dich rausgemacht, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe“, lallte er die leere Bierflasche in der Hand auf dem Weg zum Kühlschrank, sich Nachschub zu holen.
Johanna hatte ihn seit mehreren Wochen nicht gesehen. Sie konnte nicht behaupten, sich über seine Anwesenheit zu freuen. Winfried war Fernfahrer und damit selten zu Hause. Zum Glück. Johanna konnte sich ohnehin nicht erklären, was ihre Mutter an diesem Typen fand. Der Mann war schmierig, ewig besoffen, ordinär. Genau so lehnte er am Türrahmen und starrte sie lüstern an.
„Alles dran an der kleinen Maus. Zwei wirklich wunderschöne Titten“, er drehte etwas den Kopf und schaute an ihr vorbei, „und einen geilen Arsch. Komm her, Süße, und gib deinem Paps einen Kuss.“
Voller Ekel riss Johanna ihre Augen auf und versuchte einen großen Bogen um ihren Stiefvater zu machen. Seine vorangegangenen Worte ignorierte sie ganz bewusst. Wer weiß, was er noch von sich gab, wenn sie darauf einging. Deshalb meinte sie lediglich: „Lass gut sein, Winfried. Ich habe noch jede Menge Hausarbeiten zu erledigen. Außerdem muss ich das Abendessen vorbereiten, bevor Mama kommt. Warum holst du dir nicht noch ein Bier und setzt dich vor die Glotze?“
Johanna hatte es währenddessen bis in ihr Zimmer geschafft und wollte gerade die Tür schließen, als er sein Bein in den noch offenen Spalt quetsche und sie wieder aufstieß.
„Du denkst wohl, du kannst mit wackelndem Arsch einfach so an mir vorbei stolzieren? Mich erst anmachen und dann stehenlassen? Komm, mach schon, du kleine Hure. Brauchst bei mir nicht prüde zu sein. Ich weiß doch, was ihr Flittchen heutzutage so treibt.“ Er fasste nach ihrem Arm und verdrehte ihn auf ihrem Rücken. Der Schmerz machte sie beinahe bewegungslos.
