Welt des Vâlant - A. B. Schuetze - E-Book

Welt des Vâlant E-Book

A. B. Schuetze

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Beschreibung

Die Freundinnen Sabine und Maximiliane werden seit Wochen von mysteriösen Träumen heimgesucht. Bei Recherchen stoßen sie auf die uralte Legende einer Anderwelt – Adanwe. Eines Tages öffnet Sabine ungewollt ein Portal in eben jene Welt. Sie stolpert dem Wächters Gore in die Arme, der sie sofort als Eindringling festsetzen will, denn ... Adanwe wird von unbekannter dunkler Magie bedroht. Die magische Barriere beginnt sich bereits aufzulösen. Menanim, dem Geist der allwissenden Steine, bleiben immer mehr Informationen verborgen und im Hohen Rat herrschen Zweifel, Argwohn und Misstrauen.

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2019

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A. B. Schuetze

Welt des Vâlant

(überarbeitete Version von "Welt der Nacht")

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Träume auf Leinwand gebannt

Auf der Suche in Archiven

Dunkle Wolken

Die andere Welt

Essenz der Gerüchte

Verborgenes Wissen

Traumwandlerin

Der Portalschlüssel

Mysterium Ringpassage

Zwei Schritte vor, einen zurück

Dunkle Träume

Misstrauen in Adanwe

Nachricht von Richard

Eusepius Jacobi

Die Säuberung

Tunnel der 1000 Hindernisse

Der Industriekomplex

Vâlant - Der Teufel

Tod und Leben

Das blaue Buch

Sand im Getriebe

Energie und Magie im Einklang

Nachwort

Salwidizer/innen

Danksagung

A.B. Schuetze

„Steine aus Adanwe“ - erstes Buch der Salwidizer-Reihe

„Amaranth- eine Legende“ - drittes Buch der Salwidizer-Reihe

„Töchter der Caluoc“ - viertes Buch der Salwidizer-Reihe

Impressum neobooks

Vorwort

„Habt ihr schon etwas von Richard gehört?“

Alle drehten sich nach dem großen und athletischen Mann um, der in seinem Auftreten sehr gefährlich wirkte. Lange schwarze Haare waren im Nacken mit einem Band in einem Zopf zusammengehalten. Dunkelgrüne Augen funkelten in tausend Facetten eines Smaragdes. Um seinen zusammengekniffenen Mund hatte sich ein strenger Zug eingegraben. Kein Muskel bewegte sich an ihm. Er stand da wie ein Fels.

„Er sollte schon vor Tagen von seiner Mission zurück sein. Das gefällt mir alles nicht.“

Georg McCullen schaute in die Runde, sah jedoch nur ratlose Gesichter. Keiner wusste etwas. Kein Zeichen. Kein Hinweis. Nichts. Richard von Briesing blieb verschwunden.

***

Schon seit mehreren Wochen war ein ausgewählter Trupp Salwidizer hinter einem gefährlichen und kaltblütigen Verbrecher her. Dieser hatte nicht nur zahlreiche Vergehen gegen die Gesetze des eigenen Volkes begangen. Nein, er war auch unendlicher Verbrechen gegen die Menschen angeklagt. Und obwohl die Männer jeglichen Hinweisen und Spuren nachgingen, konnten sie bisher keinerlei Erfolge bei der Suche nach dem Kriminellen verzeichnen.

Es war unerklärlich. Wie machte er das nur? Wie gelang es ihm, sich so gekonnt dem Geist der Steine und der Überwachung des Hohen Tribunals zu entziehen? Sicher, er war einer vom alten Stamm, hatte ungeheures Wissen und verfügte über Gaben, die schon seit mehreren Hundert Jahren nicht mehr weitergegeben wurden und doch … Die Zeit drängte.

In weniger als vierzehn Tagen fand das alljährliche Treffen der Salwidizer in ihrer Heimatwelt Adanwe statt.

Nur alle 360 Tage, immer zu einer ganz bestimmten Konstellation der Planeten und des Mondes zur Erde, öffnete sich die magische Barriere in Richtung Anderwelt. Es war die einzige Möglichkeit für die Salwidizer, die auf allen Kontinenten der Erde unter den Menschen lebten, nach Hause zu gelangen. Freunde und Familien trafen sich zur großen Zusammenkunft in der Vita, dem zentralen Versammlungsort in Adanwe.

Im Berg Omlamo, dem Berg der allwissenden Steine, befand sich eine Höhle ohnegleichen, deren Höhe und Tiefe sich nur erahnen ließen. Entlang der Wände verlief ein Galerie, ein balkonartiger Umgang. Im Zentrum der Höhle war eine holografische Darstellung des Planeten Erde mit all seinen Erdteilen, Ländern und Städten zu sehen, in dessen Kern ein silberfarbener Obsidian das Antlitz Menanims, dem Geist der Steine zeigte. Hier, an diesem geheiligten Ort wurden rituelle Bräuche zelebriert, Neuigkeiten ausgetauscht und den verschiedensten Geselligkeiten gefrönt.

Bis zu diesem Zeitpunkt, den sich die Männer unter der Leitung Richard von Briesings stets vor Augen hielten, musste der Gesuchte gefasst und unschädlich gemacht sein. Nicht auszudenken, wenn das Unternehmen scheiterte und dieser Verbrecher in die Anderwelt gelangte.

So schien es wie ein Segen, als den Männern gerüchteweise seltsame Vorkommnisse zu Ohren kamen. Es hieß, der Teufel sei auf Erden unterwegs, um Zwietracht zwischen den Menschen zu säen und junge Frauen und Kinder mittels feuerroter Steine in sein Reich zu locken.

Diesen Gerüchten musste nachgegangen werden und somit machte sich Richard von Briesing umgehend auf, deren Ursprung und Wahrheitsgehalt zu prüfen.

Träume auf Leinwand gebannt

Augen … in den Farben des unendlichen Kosmos. Ein intensives Kobaltblau mit winzigen Punktierungen. Augen, bei deren Betrachtung man in den grenzenlosen Weiten des Universums versinken mochte. Ein dichter Kranz tiefschwarzer Wimpern gab ihnen einen geheimnisvollen Ausdruck.

„Du hast wieder mit dem Malen angefangen?“

Sabine stand vor der Staffelei und betrachtete das Augenpaar, dessen Aura sie regelrecht gefangen nahm. So viel Trauer, Schmerz und Pein sprachen aus ihnen. Die zierliche, blonde Frau konnte sich einfach nicht losreißen von diesem Anblick.

„Was meinst du?“, erklang eine Stimme aus dem benachbarten Zimmer. Ein Kopf mit kurzen, schwarzen Locken schaute durch die Tür.

„Ach das. Ja. Nein. Ich weiß noch nicht so recht.“

Die Hände an einem Tuch abtrocknend, schlenderte die junge Frau, zu der dieser freche Bubikopf gehörte, hinüber ins Atelier und blieb neben Sabine stehen. Sie neigte den Kopf zur Seite und ließ ihren Blick über das Bild gleiten.

Immer wieder faszinierten sie diese Augen. Augen, von denen sie in den letzten Nächten so oft geträumt hatte, dass sie diese unbedingt auf Leinwand bannen musste. War es ihr gelungen, die Intensität der Gefühle in den Augen richtig wiederzugeben? In diesen kosmosblauen Augen, deren Traurigkeit sie bis ins Mark erschütterte.

Maximiliane wusste es nicht.

„Ist es die Möglichkeit, dass Augen so schauen können? Sag mir auf der Stelle, wer dafür Modell gesessen hat. Mit diesem Kerl muss ich unbedingt ein Date haben.“

Zutiefst beeindruckt von den Zeichenkünsten ihrer Freundin hatte Sabine mehr vor sich hingemurmelt als mit Maximiliane gesprochen. Eine Gänsehaut lief über ihre Arme. So einen Typen hatte sie sich schon immer gewünscht. Einen Typen mit Augen, die jegliche Facetten von Emotionen zum Ausdruck brachten.

Maximiliane lächelte die kleine Blondine mit dem unbändigen Hunger nach Männern an.

„Kein Modell, Schatz.“

Sie legte einen Arm um die Taille ihrer Freundin und führte sie zu einem der anderen, jedoch noch unvollendeten Bildern.

„Ich habe von ihm geträumt. … Nacht für Nacht erscheint er mir. … Anfangs nur die Augen. Als flehten sie mich an, ihm zu helfen. Aber dann …“

Die letzten Worte waren kaum noch zu hören, so überwältigten sie ihre Gedanken an die Träume.

Sabine schnappte plötzlich nach Luft. Ihre Augen wurden groß. Sie klammerte sich an Maximiliane fest und vergrub ihre Fingernägel in deren Unterarm.

„Sag mir nicht … Von ihm hast du geträumt?“

Ungläubig starrte die junge Frau auf eines der beiden Skizzen vor ihr. Ein Bild von einem Mann. Sie schluckte. Was sie sah, ähnelte der Studie der menschlichen Proportionen von Leonardo da Vinci.

Ein hochgewachsener Mann stand nackt mit gespreizten Armen und Beinen … Ja wo? Noch ließen die dünnen Konturen nur den eigentlichen Akt erkennen. Aber der athletische Körperbau, die wohlproportionierten Muskeln waren durchaus schon sehr vielversprechend definiert. Den Kopf hatte er in den Nacken geworfen und den Rücken durchgebogen. Es schien, als ob er schwebte.

Sabines Mimik war wie eingefroren, als sie den perfekten Penis auf den prallen Hoden wahrnahm. Ihr Gehirn setzte für einen Moment aus. Sie wusste nichts zu sagen. Ihre Urinstinkte wurden geweckt. Speichel lief ihr im Mund zusammen.

„Hallo, Schnecke. Vergiss nicht Luft zu holen. Deine Haut hat bereits einen leicht bläulichen Schimmer angenommen,“ ermahnte Maximiliane, lachte leise und puffte sie leicht in die Seite. „Ich weiß ja, dass er faszinierend ist. Aber ich wusste nicht, dass dich dieser Anblick gleich ins Wachkoma schießt. … Schau! … Hier hab ich dann noch ein Porträt.“

Damit zog sie ein weißes Leinentuch von der dritten Staffelei. Zum Vorschein kam ein atemberaubendes Männerantlitz.

Sabine stieß einen heißeren Quiekser aus und Maximiliane konnte ihr gerade noch ihren Malhocker unter den Po schieben, bevor sie auf den Boden plumpste. Ihre Beine fühlten sich plötzlich ganz weich an und gaben einfach nach.

„Das … das glaube ich jetzt echt nicht. Das … das sieht so … so echt aus. So, als ob er jeden Moment aus dem Bild heraustritt. Max, … ich wusste gar nicht, dass du so … so lebendig malen kannst. Und du bist sicher, dass du von diesem Typen nur geträumt hast und ihm noch nie begegnet bist? … Sorry. Sicher. Du würdest es wissen. So jemanden vergisst man nicht. Ich bin … Keine Ahnung. Mir fehlen einfach die Worte. Das nennt man dann wohl sprachlos.“

„Oder ein Phänomen. Meiner besten Freundin gehen die Worte aus“, meinte Maximiliane und zog eine Augenbraue leicht nach oben.

„Komm schon. Es ist doch nur ein Mann. … Und er ist noch nicht einmal real. Nur eine Traumfigur.“

Während sie mit diesen Worten auch sich selbst versuchte zu beruhigen, fuhr sie wie in Trance mit den Fingern leicht über die von einem Drei-Tage-Bart überschatteten Fältchen um seinen Mund.

Nur ein Traum. Ein Nacht- und ein Tagtraum. … Wer bist du? Was hat man dir angetan? Weshalb musst du nur so leiden? Wenn ich dir doch …

Irritiert sah Sabine eine einzelne Träne über Maximilianes Wange rollen und ihr wurde schnell klar, dass auf jeden Fall mehr hinter dieser Träumerei stecken musste.

„Hey, Süße. Mich hat dieser dunkelhaarige Typ mit der aristokratischen Nase, den dunkelblauen Augen, aus denen der Schmerz aller Welt spricht, und diesem sinnlichen Mund mit den vollen Lippen … Dieser Typ hat mich total umgehauen. Aber dich scheint er ja regelrecht aus dem seelischen Gleichgewicht geworfen zu haben. … Komm, lass uns rüber zur Couch gehen und dann … Dann reden wir.“

Ein etwas wehmütiges Lächeln umspielte Maximilianes Mund, als sie es sich auf dem gemütlichen Sofa im Kolonialstil bequem machte.

Sabine schüttelte schnell einige Kissen auf, damit sich Maximiliane dort hineinkuscheln konnte, und verschwand gleich darauf in der Küche, um einen kräftigen Kaffee zu brühen.

Im Schrank fand sie noch einige Kekse und so kam sie wenig später mit einem Tablett zurück.

„So. Hier ist eine kleine Stärkung und nun erzähl, was es mit dem geheimnisvollen Kerl auf sich hat“, drängte Sabine ihre Freundin.

Minuten des Schweigens vergingen.

Ein tiefer Seufzer entrang sich Maximilianes Brust. Sie nippte an der Tasse und knabberte gedankenverloren an einem Stück Gebäck. Dann schüttelte sie zaghaft ihren Bubikopf und begann zu erzählen.

„Ach, Bine. Ich weiß ja auch nicht so recht. Zuerst war es nur ein Traum. Ich habe ihm gar keine Bedeutung beigemessen. … Als ich dann jedoch immer wieder den gleichen Traum hatte … Ich war so durcheinander. Er sah mich mit solch einem Schmerz an, dass ich nachts mit einem Schluchzen aufgewacht und mein Kopfkissen Tränen getränkt war. Ich bin aufgesprungen und habe das erste Bild gemalt. In den darauffolgenden Nächten wiederholten sich die Träume von diesem Mann. Er schwebte in einer kugelförmigen Kammer. An Hand- und Fußgelenken hatte er dicke … Ich nehme an … Magnetfesseln und um den Hals ein ebensolches Halsband. Wie gesagt, ich nehme es an. Es sah halt aus wie elektronische Fußfesseln oder … ja eben Magnetfesseln. Du weißt schon, ganz so, wie in Sciencefiction-Filmen.“

Maximiliane berichtete alles wie in einem Dämmerzustand, als nehme sie ihre Umgebung nicht wahr. Doch dann machte sie eine Pause und sah ihre Freundin verzweifelt an.

Diese nahm ihre Hände in die ihren und streichelte zärtlich darüber.

Es beunruhigte Sabine, dass diese Träume Maximiliane fast jede Nacht heimsuchten.

Was hatte das zu bedeuten?

Wenn sie nicht dahinter kamen, fürchtete sie, Maximiliane könnte ernsthaft Schaden nehmen und krank werden. Die taffe Dunkelhaarige war eigentlich eine starke Frau und hat ihr schon so oft tatkräftig aus den verschiedensten Miseren geholfen. Zu gern würde sie ihr nun die gleiche Hilfe zukommen lassen. Beide kannten sich schon seit der Krabbelgruppe, wie ihre Mütter immer so gern erzählten. Eine Freundschaft auf den ersten Schrei.

Bei ihren Erinnerungen musste Sabine schmunzeln. Doch dieses kleine Lächeln erstarb, als sie in das gequälte Gesicht ihrer Freundin sah.

„Er sah mich immer so an und bewegte seine Lippen. … So, als wollte er mir irgendetwas sagen. Doch ich hörte kein Wort. Ich verstand ihn nicht. Ich mache mir Vorwürfe deswegen, denn was, wenn ich ihm helfen sollte und nicht konnte?“

Maximiliane drückte fest Sabines Hände und schaute ihr beschwörend in die Augen.

„Max, da ist doch noch mehr? Oder? Du verschweigst mir doch da noch was.“

Sabine spürte es. Sie sah es. Sie wusste es. Da ist noch etwas, was Maximiliane belastete. Wie konnte sie ihr helfen, wenn die ihr nicht alles erzählte. Deshalb nickte sie ihrer Freundin aufmunternd zu und wartete gespannt auf die Fortsetzung.

„Na ja, es ist nicht nur, dass ich nachts von ihm träume. Seit zwei Tagen habe ich das Gefühl, dass meine Gedanken auch tagsüber abgleiten. Die Luft flimmert und dann … dann … Es ist, als ob ich in einen riesigen Spiegel oder eine Luftblase schaue und er direkt zum Greifen nah vor mir erscheint. Ich brauchte nur die Hand ausstrecken und ihn berühren. … Oh, ich habe es versucht. Doch dann ist alles in einem Funkenregen verschwunden.“

Maximiliane hatte ihre Hände mittlerweile denen von Sabine entzogen.

Nun starrte sie in ihre Kaffeetasse und getraute sich nicht, die Frau neben sich wieder anzuschauen.

„Meinst du ich werde verrückt?“, flüsterte sie leise.

Sabine strich wieder eine Träne, die sich aus Maximilianes Augen gestohlen hatte und auf dem Weg in ihren Kaffee war, sachte weg und fuhr ihr leicht über die Wange.

Verrückt? Maxi und verrückt? Auf gar keinen Fall. Maxi doch nicht. Aber verrückt hört sich die ganze Geschichte schon an. Andererseits … Flimmern der Luft … nein, nein, nein. Bei mir ist das was anderes.

Sabine nagt an ihrer Unterlippe, während ihr diese Gedanken durch den Kopf gingen. Davon musste Maxi aber nichts wissen, und so versuchte sie, diese liebenswerte Person zu trösten.

„Auf gar keinen Fall. Komm schon, Schatz. Lass dich davon nicht unterziehen. Wir bekommen das schon hin. … Hast du sonst schon jemandem davon erzählt? Die Bilder gezeigt?“

Als Maximiliane kopfschüttelnd verneinte, stand Sabine auf, ging hinüber zu den Bildern und breitete über ein jedes ein weißes Leinentuch.

„So, Max, damit sind die Bilder erst einmal verschwunden und wir lassen sie vorläufig links liegen. Vielleicht hören deine Träume ja dann auf. Du darfst dich nicht so damit beschäftigen. Du bist so was von auf ihn fixiert, dass dein Unterbewusstsein gar nicht mehr zur Ruhe kommen kann.“

Während die lebhafte, junge Frau danach den Tisch abräumte, kam ihr eine weitere brillante Idee.

„Was hältst du davon? Willst du nicht mit zu mir kommen? Andere Umgebung, andere Nächte und ... andere Träume. … Ach und mir würdest du damit auch ein großen Gefallen tun. … Bitte, bitte, bitte. Nur bis zum Ende der Semesterferien. Komm lass uns die Stadt gemeinsam unsicher machen.“

Sie musste dabei ihren ganzen Charme spielen lassen, wusste sie doch, dass Maximiliane die Stadt nicht so mochte. Ihr war da alles zu hektisch, zu laut, zu dreckig. Sie liebte ihre kleine Mansardenwohnung mit dem Atelier hier am Stadtrand.

Sabine selbst hingegen fuhr total auf den ganzen Trubel einer Großstadt ab. Geschäfte, Reklame, Discos, Männer … Das war ihre Welt.

Und obwohl die Freundinnen so grundverschieden waren, es gab wohl kaum eine so innige Freundschaft wie die der beiden Frauen. Irgendwo ergänzten sie sich auf wundersame Weise.

Sabine zwinkerte noch ein paar Mal mit den langen, schwarzen Wimpern, die ihre leidenschaftlichen, grünen Augen umrahmten. Ein Lächeln legte sich nicht nur um den hübschen, kleinen Schmollmund, nein, auch in den Augen widerspiegelte sich dieses in nicht zu widerstehenden Freudenfünkchen.

Was sollte Maximiliane da nur tun?

Sie musste unwillkürlich lachen.

„Okay, okay … Überredet. Bis zum Ende der Semesterferien.“

***

Schnell hatten die beiden Frauen eine kleine Reisetasche mit den nötigen Utensilien und Kleidungsstücken gepackt und schon waren sie auf dem Weg in die City.

Sabine würde Maximiliane durch alle einschlägigen Boutiquen schleifen, sich mit ihr durch die angesagtesten Nachtclubs tanzen, stundenlang im Eiskaffee sitzen und das rege Treiben auf der Straße beobachten sowie über die Passanten lästern.

Das würde ein irres Vergnügen werden. Für Sabine.

Maximiliane würde Eindrücke sammeln und diese in ihrem Skizzenblock festhalten. Vorausgesetzt sie kämen lebend bei Sabine zu Hause an.

Sie saß mit schweißnassen Händen neben ihrer Freundin in deren schon arg schrottreifem Flitzer, ihrem Ein und Alles.

Sabine war eine leidenschaftliche Fahrerin und nahm es oftmals mit der Verkehrssicherheit nicht ganz so genau. Es beflügelte sie, wenn andere Autofahrer hupten oder ein Blitzer auf sie aufmerksam wurde. Ein richtiger kleiner Verkehrschaot.

„Bine! Bitte! Ich will die Autofahrt, wenn schon nicht genießen, so doch wenigstens überleben.“

Sabine lachte, fuhr mit quietschenden Reifen um die letzte Kurve und parkte rasant mit nur einem Zug in die einzige noch freie Parklücke vor ihrem Hochhaus ein.

„Traraaaa! Da sind wir. Mit mir fährst du ganz sicher. Nix passiert“, laberte Sabine ihre Beifahrerin an, die gerade die Luft aus ihren Lungen entweichen ließ.

Ups. Wie lange hat Maxi wohl nicht geatmet? Eher noch wäre sie wahrscheinlich erstickt, als durch einen Unfall ums Leben gekommen zu sein.

Lachend half Sabine ihrer Freundin beim Aussteigen und bugsierte sie durch die Lobby zum Fahrstuhl, der sie in die 12. Etage brachte, wo eine kleine gemütliche Zwei-Zimmer-Wohnung mit Balkon ihr Eigen war.

Maximiliane liebte den riesigen Balkon, der einen einzigartigen Ausblick über die Stadt bot. Freiheit, soweit man sehen konnte.

Früher, wenn sie als Kind zusammen mit Sabine auf dem Dachboden ihrer Großeltern gespielt und durch das winzige Bodenfenster hinausgeschaut hatte, da hatte sie schon das Gefühl, die ganze Welt gesehen zu haben. Was hätte sie damals zu solch einem Ausblick gesagt? Das ganze Universum?

Von hier oben sah die Stadt so … nun so grün aus. Man mochte sich bei einem Stadtbummel gar nicht vorstellen, wie viele Grünflächen doch hier versteckt waren. Hier … hier oben konnte sie stundenlang stehen und die Weite in sich aufnehmen.

Sabine stellte sich neben Maximiliane und drückte ihr ein Glas in die Hand.

„Mit einem Hugo auf unser ach so tolles Leben. Ist es nicht fantastisch hier. Vor allem … Weißt du, was da draußen für Abenteuer auf uns warten? Wow!“

Die lächelte ihre Freundin an. Sabine konnte sich über alles und jede Kleinigkeit freuen, hinter jeder Situation etwas Positives entdecken, immer und überall das Leben in vollen Zügen auskosten. Sie war schon auf ihre Art ein liebenswertes Unikum.

„Ähm … Wer ist Hugo?“, wollte Maximiliane verdutzt wissen und nippte an ihrem Glas. „Hmmm … lecker. Was ist das?“

Sabine brach in schallendes Gelächter aus.

„Schätzchen, du bist unbezahlbar. … Das ist Hugo. … Prosecco, Limette, Holunderblütensirup … und Minze. Lecker, was?“

Dabei schaute sie, noch einen Schluck Hugo langsam auf ihrer Zunge tanzen lassend, in die Ferne, hinter den Horizont.

„Den heutigen Abend werden wir zu Hause verbringen. Ich habe den Pizza-Service schon angerufen. Wir setzen uns hier hin, süffeln noch ein paar Hugos, schnabulieren unsere Big-Pizza und schauen dem Sonnenuntergang zu. … Was hättest du gern für Musik? Ich kann mit alten Schlagern aufwarten. Für einen Discofox sind die immer gut. … Ich meine nur für den Fall, dass der Hugo dazu verleitet, uns ein wenig peinlich aufzuführen und das Tanzbein sowie die Hüften schwingen zu wollen. Oh mein Gott, was für ein Satz! Hugo verdreht mir schon meine Zunge …“

Beide Frauen mussten herzlich lachen. Sie fühlten sich so herrlich frei von Sorgen. Noch am Morgen hätten sie dies nicht glauben können. Was doch so ein Tapetenwechsel bewirken konnte. Es war eine gute Idee von Sabine. So ließ es sich leben. Auf jeden Fall bis zum Ende der Ferien.

Einige Hugos später, die Sonne verschwand gerade am anderen Stadtende, kuschelten sich die Frauen in ihre Korbstühle und lauschten dem Gesang der Vögel in den Bäumen des gegenüberliegenden Parks sowie den Oldies aus dem Radio. Anheimelnd träumten sie vor sich hin.

Die laue Abendluft und das Gefühl der Geborgenheit entlockten Maximiliane ein genüssliches Schnurren.

Vollkommen zufrieden und mit sich im Reinen waren ihr die Augen zugefallen und ihre Gesichtszüge sprachen von tiefer Entspannung.

Ein winziges Zucken um ihre Mundwinkel und ein sinnliches Lächeln stahl sich auf ihre kirschroten Lippen, die leicht geöffnet waren.

Sabine beobachtete die Freundin und war froh, dass es ihr nun schon besser ging.

Hoffentlich holen sie diese Träume hier nicht ein. Sie sieht so entspannt und friedlich aus. Vielleicht kann sie mir … Ach mach dich nicht verrückt. Es war nichts und es wird auch nicht mehr sein. Einbildung. … Alles nur blöde Einbildung.

Sie wusste nicht, wie lange sie Maximiliane angeschaut und ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte, als die plötzlich zu stöhnen begann. Ihre Gesichtszüge verzogen sich schmerzlich und unverständliche Worte kamen über ihre Lippen.

Stocksteif saß Sabine auf dem Rand ihres Stuhles und konnte sich nicht rühren. Gespannt starrte sie ihrer Freundin auf den Mund, um zu verstehen, was sie da sagte.

Doch das Einzige, was sie vernahm, waren ihr völlig abstruse und unbekannte Begriffe.

Vielleicht eine fremdartige Sprache?

Für Sabine absolut unvorbereitet schreckte Maximiliane hoch und zog scharf die Luft ein.

Sie krallte sich an die Armlehnen ihres Stuhles und versuchte sich zu orientieren. Sie sackte wieder zusammen und Tränen liefen ihr in kleinen Bächen über die Wangen.

Sofort war Sabine bei ihr und nahm sie in den Arm.

„Ist ja gut. Sch … Sch … Sch … War nur ein Traum. Ist schon gut. Du bist hier … bei mir.“

Sie wiegte die junge Frau, bis sie wieder zur Ruhe kam.

„Schatz, du hast im Schlaf gesprochen. Seltsame Worte. Adanwe. Menanim. Kannst du dich erinnern?“, fragte Sabine ihre Freundin, die sich langsam von den Auswirkungen des Traumes erholte.

„Ich habe gesprochen?“, wunderte sich Maximiliane verwirrt.

„Er war wieder da. … Er … Er hat so gelitten und wollte mir etwas sagen. Aber … es war, … wie ein Rauschen beim Telefonieren … Ich habe nur vereinzelte Worte verstanden. Aber ich weiß nicht, …“

Grübelnd massierte sie sich die Schläfen. Sie zermarterte sich den Kopf. Doch da war nichts mehr. Nur Leere.

Auf der Suche in Archiven

Mit einem Knall flog die Tür auf und Sabine schwebte mit unzähligen Einkaufstüten herein.

„Maxi … ich bin wieder da. Du glaubst gar nicht, was sich da draußen abspielt. Touristen über Touristen, die wie die Heuschrecken über die Geschäfte herfallen. Ist ja auch kein Wunder, bei den Preisreduzierungen. … Ach übrigens, dir habe ich auch etwas mitgebracht. Ich konnte einfach nicht widerstehen.“

Dabei ließ sie euphorisch die Taschen fallen und wühlte aufgeregt nach dem Mitbringsel für ihre Freundin.

Die saß auf dem Balkon und arbeitete an ihrem Laptop. Mit leicht hochgezogenen Augenbrauen unterbrach sie ihre Recherchen und schaute missbilligend auf.

„Komm schon. Schau mich nicht so böse an. Du wirst sehen, in diesem Kleid wirst du der Hingucker sein. … Und ein wenig Ablenkung ist gut für dich. Das weißt du hoffentlich.“

Sabine gab Maximiliane einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und warf ihr ein entzückendes Sommerkleidchen in den Schoß. Im nächsten Augenblick war sie wie ein Wirbelwind wieder verschwunden, um ihre Errungenschaften in Augenschein zu nehmen.

Ursprünglich war die quirlige Studentin auf dem Weg in die Universitätsbibliothek gewesen, um Nachforschungen anzustellen. Nachforschungen über so seltsame Begriffe wie Adanwe. Menanim.

Im Internet konnten die beiden Frauen nichts dazu finden. Außer einem Monsieur Adamwe, irgendwo in Frankreich wohnhaft, wurden ihnen nur Teilbegriffe, Wortfetzen und Silben, die in dem Begriff Adanwe enthalten waren, angezeigt. Doch anew, awned, dawen, dawn, wade ergaben einfach keinen Sinn und keinen Bezug zu den Träumen. Ebenso Menanim. Nur Wortteile in diversen Comics. Sonst nichts.

Auf diesem Weg kamen sie also nicht weiter. Schon stellte sich Maximiliane die Frage, ob sich Sabine vielleicht verhört hatte.

„Auf keinen Fall“, beharrte die kopfschüttelnd.

„Es musste doch einen Weg geben, hinter die Bedeutung der Worte zu kommen. Auch ein Internet ist nicht allwissend. … So schnell geben wir nicht auf. Schon mal was von Frauenpower gehört?“

Dann fiel Sabine Andreas ein.

Andreas, ein alter Bekannter arbeitete in der Bibliothek der Universität. Er war so etwas, wie das Faktotum der Bücherei und der Archive. Keiner wusste, wie lange er schon da arbeitete. Andreas war schon immer da. Nichts, was er nicht wusste oder wo nachzuschlagen war.

Und genau zu ihm war Sabine unterwegs gewesen, als sie in den Geschäften diese riesigen SALE-Schilder entdeckt hatte.

Andreas und die vielen eingestaubten Bücher laufen mir mit Sicherheit nicht weg. Die heruntergesetzten Waren jedoch schon. Wie die Geier stürzen sich die Leute auf die Wühltische.

Sabine konnte nicht anders. Es war halt eines ihrer Hobbys. Shoppen.

Shoppen ist wie ein Abenteuer, ein Kampf um die Befriedigung von Begierden. Das Hochgefühl, wenn man als Sieger aus dem Geschehen hervorging … unbeschreiblich.

Und damit es Maximiliane genauso gut ging wie ihr, hatte sie für diese auch gleich mit eingekauft.

Beim Auspacken ihrer Beute begann nun doch das schlechte Gewissen an ihr zu nagen. Ein ganz klein wenig.

Mit einer reumütigen Miene schlich sie sich an Maximiliane, die gerade ihr Kleid anprobierte, heran und schlang von hinten ihre Arme um den schlanken Körper der jungen Frau.

„Es tut mir leid, dass ich nicht in der Bibliothek war. Hm … oder? Eigentlich nicht, denn du siehst toll aus. Die Farben passen irre gut zu deinen grauen Augen. … Wow! Die lassen deine Iris in einen ganz besonderen Glanz erstrahlen. Hast du gewusst, dass du um die Pupille einen silbernen Kranz hast? Ähm … hattest du schon immer solche Augen?“

Sabine schüttelte den Kopf. So hatte sie Maximiliane noch nie gesehen.

Die lachte und meinte nur: „ Nee, die hast du scheinbar im Ausverkauf gratis dazu bekommen, nur um mir eine Freude zu machen.“

Daraufhin knuffte Sabine sie in die Seite´und trat mit ihr vor den mannshohen Spiegel im Schlafzimmer. Beide lächelten zufrieden. Zufrieden mit dem, was sie da sahen.

„Pass auf. Ich war ja nicht nur shoppen. Im Schaufenster des Buchgeschäfts hier um die Ecke habe ich eine Ausgabe von 'Traumdeuten – alles, was sie wissen müssen' von … ach ist auch egal … entdeckt. Dabei kam mir die Idee, wir lassen uns deinen Traum im Internet deuten. Ich habe das früher schon mal gemacht. Manchmal klappt's. Na ja … Wenn man dran glaubt … Und dann gehen wir zusammen zur Uni und fragen Andreas Löcher in den Bauch.“

Maximiliane schaute auf Sabine herab und grinste. Man konnte dieser Frau einfach nicht böse sein.

Wie machte sie das bloß? Wenn sie einen nur ansah, verflog aller Ärger. Sie war ein Engel.

„Es ist okay für mich. … Ach … und vielen Dank für das Kleid. Du bist eben doch die beste Freundin der Welt. Egal was auch immer du machst, es ist nie verkehrt“, meinte sie schmunzelnd und nickte zustimmend.

Noch immer eng umschlungen gingen beide zurück auf den Balkon, auf dem noch Maximilianes Laptop wartete.

Also Traumdeutung, überlegte die junge Frau.

Ob vielleicht doch alles nur eine psychische Sache war?

Innerlich schüttelte sie den Kopf. Sie wusste es besser und Sabine gewiss auch.

Maximiliane spürte das. Auch bei ihrer Freundin waren wunderliche Dinge am Werk.

Skeptisch, was diese Traumdeutung mit sich bringen würde, begann sie ihren Traum auf der Seite von 'Traumwelten' einzugeben. Enter. Warten. Dann das Ergebnis.

Gemeinsam lasen die beiden Frauen vor sich hinmurmelnd den Text, der auf dem Bildschirm erschien. Erstaunt sahen sie sich an.

So einfach sollte das alles gewesen sein?

Auf keinen Fall. Das ist alles Quatsch. Nur ein netter Zeitvertreib für Menschen, die daran glaubten. Der Wahrheitsgehalt? … Arg zweifelhaft und nicht im Mindesten schlüssig.

Maximiliane runzelte die Stirn.

>Der Träumer soll seine innere Einstellung zu seinem Bewusstsein und Verstand, zu Tatkraft und Willen erfassen. Vom Wesen her sehr überempfindlich entsteht hier der Wunsch, aus Verständnis und Anerkennung heraus, nach dem Bedürfnis der Freiheit. Er soll sein wahres Wesen enthüllen und sein Leben durch Energie und Tatkraft gestalten. Der Träumer sehnt sich nach Liebe und Glück und sollte den Verstand nicht überbewerten. Er glaubt an seine Fähigkeiten, die ursprünglich sehr wichtig, jedoch in Vergessenheit geraten waren. Trotz Erinnerungen, die wieder bewusst werden, sollte er auf dem Boden der Tatsachen bleiben, mit Intelligenz und Flexibilität die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und schwierigen Situationen standhalten. Es könnte Hinterlistiges geschehen.<

Hinterlistiges geschehen? Sabine stöhnte auf. Ist es das? Hinterlistiges könnte geschehen? Was ist, wenn nun die Betrachtungsweise die Falsche ist? Und vor allem, welche Betrachtungsweise? Die des Traumes? Des Träumers?

Noch nach der Antwort auf ihre Fragen suchend, starrte Sabine mit großen Augen auf den Bildschirm.

Sie konnte nicht glauben, was sich da soeben tat.

Die Worte gerieten in Bewegung und bildeten einen gänzlich neuen Text.

>Öffne mir dein Bewusstsein und deinen Verstand. Erkenne mein Bedürfnis nach Freiheit. Du willst mich und schreitest zur Tat. Enthülle mein wahres Wesen. Ich bin deine Liebe und dein Glück. Glaube, auch wenn der Verstand dir anderes sagt, an deine Fähigkeiten, die Erinnerungen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und sie mit Intelligenz und Flexibilität aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Halte schwierigen Situationen stand, denn es könnte Hinterlistiges geschehen.<

Sabine zwinkerte und schüttelte zum wiederholten Mal den Kopf. Bildete sie sich das alles nur ein?

Doch es war nicht an dem.

Dem Traum wurde, von wem auch immer, eine neue Bedeutung gegeben.

Eine Information an den Träumer. An Maximiliane. Kann das wahr sein? Gibt es so etwas? Maximiliane. Wieso reagiert sie nicht?

Sabines Blick fiel auf den Platz neben sich.

Ein abstruses Bild zeigte sich ihr.

Maximiliane saß, wie in der Zeit eingefroren, vor ihrem Laptop. Wie aus dem Wachsfigurenkabinett. Sie rührte sich nicht. Atmete nicht. Reagierte auch nicht auf Berührung und Ansprache.

Sabine fing an zu hyperventilieren. Panik machte sich breit.

Was ist denn das für eine …? Was …? Gott, was mache ich denn jetzt?!

„Max! Maxi! Maximiliane!“, schrie sie ihre Freundin an und schüttelte sie.

Ihr Magen begann zu rumoren, zu rebellieren und sie rannte ins Badezimmer, um sich zu übergeben.

Sie machte sich sauber, spritze sich eine Hand voll Wasser ins Gesicht und erschrak.

Aus dem Spiegel blickte ihr ein zutiefst verstörtes Gesicht entgegen.

Das bin doch nicht ich! Oder doch? Was geht denn hier nur vor sich? Wann fing das ganze … das ganze …

Alles in Sabines Kopf wuselte durcheinander.

Oh Gott, wann fing das alles nur an? Was mache ich denn jetzt? … Ruhe! Auf jeden Fall … Ruhe bewahren! Denk nach!

Sabine starrte noch immer ihr Spiegelbild an, als sie plötzlich eine Stimme aus der Wohnung hörte. Ihr knickten die Knie weg.

„Bine? Hallo! Wo steckst du denn?“

Die Badezimmertür wurde aufgerissen und Maximiliane stand da, als sei nichts geschehen.

„Ach hier steckst du. Du warst plötzlich verschwunden und ich …“

Maximiliane stockte bei dem was sie eben hatte sagen wollen. Sie legte den Kopf schief ob der Unmöglichkeit, die ihr gerade bewusst wurde.

„Du warst plötzlich verschwunden?! Aber wie …? Das kann doch gar nicht sein. Eben hast du noch neben mir gesessen und dann will ich dir etwas zeigen und du warst nicht mehr da. Ich habe nicht gesehen, wie du aufgestanden und ins Bad gegangen bist. Wie …? Ich glaube, ich drehe jetzt wirklich durch. Was passiert nur mit mir?“

Hilflos standen sich die beiden Frauen gegenüber. Es musste doch eine simple Erklärung für diese Phänomene geben. Vielleicht sollten sie alle Fakten ein weiteres Mal durchgehen.

***

Bei einer Tasse Tee berichtete Sabine noch immer mit zitternder Stimme, was geschehen war.

Der letzte Text stand noch auf dem Bildschirm. Es war definitiv eine Nachricht. Eine Nachricht, von wem auch immer.

Also doch weiterforschen und den Dingen auf den Grund gehen.

Sabine und Maximiliane atmeten tief durch, lächelten sich Mut machend an und klatschten ab. Dann machten sie sich gemeinsam auf in die Bibliothek, um zu schauen, was Andreas zu dieser ganzen Geschichte meinte und ob er nicht einschlägige Literatur für sie hätte.

Die Bibliothek war im ältesten und wohl auch größten Gebäude des Campus untergebracht.

Ein ehrwürdiges altes Gemäuer, an dem die Zeit nicht spurlos vorübergegangen war, und die Gelder für eine Restaurierung scheinbar nicht aufgebracht werden konnten. Ein Teil war bereits wegen Einsturzgefahr gesperrt und es würde bestimmt nicht lange dauern, bis diese altehrwürdige Bibliothek ausgelagert werden müsste.

Aber wie auch immer, Sabine und Maximiliane hatten heute kein Auge für diese im Verfall befindliche Schönheit. Sie waren auf der Suche nach Andreas.

Durch ein gigantisches Tor, welches für seine Größe relativ leicht und geräuschlos zu öffnen war, traten die Frauen in den Lesesaal. Ein leicht muffiger Geruch nach alten Büchern und Papieren schlug ihnen entgegen. Außer dem Umblättern der Buchseiten und dem Klickern der Computertastaturen waren keinerlei Geräusche zu vernehmen. Eine Bibliothek eben.

Die Bibliothekarin musterte die beiden Eintretenden mit einem prüfenden Blick und widmete sich dann wieder ihrer Arbeit.

Eine riesige Halle mit jeder Menge Tische, Stühle und Computer lag vor ihnen. Rund um den Raum wurde eine Galerie, auf der sich bis unter die hohe Kuppel Bücherregale erstreckten, von Marmorsäulen getragen.

Schnell liefen Sabine und Maximiliane, liefen den Gang hinter den Säulen entlang, vorbei an Porträts großer Männer, die dort an den Wänden hingen.

Noch bevor sie die Tür ins Untergeschoss erreichten, sahen sie Andreas, der gerade um die Ecke bog.

„Hallo, Andreas!“, rief Sabine.

Als er seinen Namen hörte, drehte er sich um, nicht ohne vorher in Richtung Bibliothekarin zu schielen, die ein grimmiges „Sch!“ von sich gab. Er zwinkerte beiden Frauen zu, verdrehte die Augen wegen des „Sch!“ und gemeinsam stiegen sie die ausgetretenen Kellertreppen hinunter in die Katakomben. Katakomben nannten sich die Kellerräume, in denen Bücher gelagert wurden, die nicht jedermann zugänglich waren. Diese Werke mussten in der Regel vorbestellt werden und durften die Räumen der Bibliothek nicht verlassen.

Auf dem Weg in Andreas' Refugium erzählten Sabine und Maximiliane ihm ihre Geschichte. Er hörte aufmerksam zu und murmelte hin und wieder etwas vor sich hin, woraus die Frauen nicht schlau wurden.

Dann kratzte er sich am Kopf und meinte: „Verzwickte Lage, meine Damen. Ts ts ts. Adanwe, Menanim, ja? Hm … hört sich wie eine ururalte Legende an. Nichts Großes und Bedeutendes. Sehr alt. So alt wie die Zeit. Heute im Zeitalter von Wissenschaft und Technik … und man sollte auch meinen der Aufgeklärtheit … sind solche Legenden längst in Vergessenheit geraten. Bestenfalls noch als Märchen bekannt oder Fantasiegeschichten von Anderwelten, in denen fremdartige Lebewesen hausen. So was wie Elben, Riesen, Vampire …“

„… und Highländer?“, fiel ihm Maximiliane ins Wort.

„Ist ja toll. Die leben alle heimlich und getarnt unter uns Menschen und ausgerechnet wir zwei beiden mussten in so ein Horrorszenario reinrutschen.“

Sie deutete Sabine heimlich an, ob Andreas vielleicht nicht ganz richtig im Kopf wäre und an Andreas gewandt entschuldigte sie sich.

„Sorry, sollte nicht so respektlos klingen, denn schließlich wollten wir ja deine Hilfe. Also du meinst, es könnte sich um … Ja, um was eigentlich handeln? Kannst du uns von dieser Legende erzählen?“

Andreas hatte Maximlianes Zeichen an Sabine sehr wohl gesehen, nahm dies jedoch nicht so ernst, denn wer sein Leben hier unten verbrachte und in den Büchern aufging, besaß bestimmt zu Recht einen Hau. Ganz seine Meinung und manchmal auch Glück für andere.

Er fing an, die Bücherregale abzulaufen und hin und wieder eines der Bücher in die Hand zu nehmen, nur um es dann wieder kopfschüttelnd ins Regal zurückzustellen.

„Hm, … also ich hab da keine Unterlagen mehr darüber. Aber ich kenne da einen alten schrulligen Antiquitätenhändler, der hat mit Sicherheit noch derartige Aufzeichnungen. Während ich ihn anrufe, damit er seine Schätze durchforstet, könnt ihr schon mal hinüberfahren. … Hier ist die Adresse. … Ach so, ja. Legende. Passt auf. Es soll da ein Volk geben, so alt wie die Zeit. Sie lebten schon immer unter den Menschen. Haben eine eigene Heimat in einer Anderwelt, in welche sie nur zu einer bestimmten Sternenkonstellation gelangen können. Ein sehr friedliebendes und gewaltfreies Volk, die nach den Gesetzen der Steine leben.“

Als Andreas die fragenden Blicke der jungen Frauen sah, zuckte er mit den Schultern, hob die Hände abwehrend empor und fügte hinzu: „Fragt mich nicht. Keine Ahnung, was Steine für Gesetze haben. Ich glaube ja, die haben gar nichts. Totes Material. Aber … nichts genaues weiß man nicht. … So Ladys, von meiner Seite war's das. Lasst euch mal wieder sehen. Ich muss dann.“

Andreas winkte die beiden hinaus und war im nächsten Moment zwischen seinen Regalen verschwunden.

Da standen sie nun. Nicht viel schlauer als vorher, aber mit einer Adresse in den Händen.

Sie steckten die Notiz ein und machten sich auf, am anderen Ende der Stadt ein kleines Antiquariat aufzusuchen, um nach einer geschlagenen Stunde kreuz und quer durch die Stadt vor einem, im wahrsten Sinne des Wortes, kleinen und schäbig wirkenden Laden zu stehen.

>...rariat für Büche...< stand auf einem verrosteten halb herunterhängenden Schild über der Tür.

In der Auslage waren zum Teil zerfallene und vergilbte Bücher mehr oder weniger ansprechend drapiert.

Stirnrunzelnd musterte Maximiliane das äußere Erscheinungsbild des Geschäfts als sie ein plötzlicher Lufthauch im Genick herumfahren ließ.

Muss ich mir wohl eingebildet haben. Da ist nichts und niemand. Nur zwei kleine Kinder, die Himmel-und-Hölle spielten. Hm. Das ist aber seltsam.

„Hallo. Wen haben wir denn da? Du wirst ihn nicht befreien können. Er gehört mir und wenn ich mit ihm fertig bin, komme ich zu dir“, flüsterte es an ihrem Ohr und sie spürte eine Zunge, die an ihrer Ohrmuschel leckte.

Eine Gänsehaut lief über ihren Körper.

Maximiliane sah ihr Spiegelbild im Schaufenster und …

Ein hochgewachsener, elegant gekleideter Mann mit tiefschwarzen Augen, in denen das rote Feuer der Hölle loderte, stand hinter ihr. Seine schwarzen Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen und in einem Zopf geflochten, der bis zur Hüfte reichte. Aristokrat durch und durch, wie ein Herr aus vergangenen Zeiten.

Gerade als sie sich umdrehen wollte, verschwand er mit einem teuflischen Grinsen.

„Maxi. Erde an Maxi. Wo steckst du denn schon wieder mit deinen Gedanken? Hast du nicht gehört, was ich gefragt habe?“

Sabine stand neben ihrer Freundin und musterte diese, wie sie das Schaufenster anstarrte, ihr Blick jedoch auf das Geschehen hinter ihr gerichtet schien. Sie zog sie am Arm beiseite und war überrascht, wie kalt sich die andere anfühlte, obwohl doch eine schwüle Hitze in den Straßen der Großstadt herrschte.

Maximiliane tat einen Schritt zurück und sah den Bürgersteig hinauf und hinunter sowie auf die gegenüberliegende Straßenseite.

„Wieder so eine dumme Fata Morgana. Wenn sich das Rätsel nicht bald löst, drehe ich noch durch. Lass uns reingehen“, sagte sie ohne den besorgten Ausdruck auf Sabines Gesicht zur Kenntnis zu nehmen.

Aus dem benachbarten Kurzwarengeschäft trat eine Frau, Ende dreißig vielleicht, und schaute sich suchend um. Dann rief sie nach ihren Kindern, die hier eben noch gespielt hatten. Doch die Straße war menschenleer.

Dunkle Wolken

Verzweifelt schaute sich die Mutter auf der Straße um und rief ein ums andere Mal nach ihren Kindern.

„Entschuldigen Sie. Aber Sie haben nicht zufällig meine Kinder gesehen? Sie haben hier draußen Himmel-und-Hölle gespielt, während ich schnell einige Besorgungen machte. … Bitte! Ein Junge und ein Mädchen. Fünf und acht Jahre alt.“

Maximiliane starrte die Frau an und schüttelte den Kopf. Konnte sie ihr von dem seltsamen Mann mit den unheimlichen Augen und der ruhigen, hypnotischen Stimme erzählen? Man würde sie für verrückt halten, denn die Straße war …

Wo kommen denn plötzlich die vielen Menschen her?

Maximiliane schaute aus großen erstaunten Augen auf das rege Treiben. Eine leise, rauchige Stimme hinter ihr ließ sie auffahren.

„Sie sind nicht verrückt mein Fräulein. Ich habe ihn auch gesehen und … gespürt. Mystische Kräfte sind hier am Wirken. Dunkle Wolken werden heraufziehen und die Welt wird nicht mehr sein, wie sie war.“

Niemand hatte den Mann in der Tür des Antiquariats bemerkt.