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"Salwidizer – ein Volk so alt wie die Zeit. Ihre Heimat ist Adanwe, eine Anderwelt. Ihnen wurden unermessliche Gaben zuteil, doch zu welchem Preis … " Corri erhält den Auftrag, ein altes Patrizierhaus zu restaurieren. Von da an gibt es in ihrem Leben verwirrend erotische Träume und einen mysteriösen Stalker. Mit ihrer Freundin Judith und deren Bruder Julius geht Corri den Dingen auf den Grund. Als sie plötzlich vermisst wird, geraten ihre Auftraggeber, die geheimnisvollen Besitzer des Hauses, unter Verdacht. Doch dann verschwindet Judith ebenfalls spurlos. Gemeinsam mit Julius begeben sich die Männer auf die Suche nach den beiden jungen Frauen. Der einzige Hinweis, den sie haben, ist ein Feueropal in einer filigran gearbeiteten Fassung, denn sowohl Corri als auch Judith besitzen eine Kette mit solch einem Stein. Hat er etwas mit deren Verschwinden zu tun?
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Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2020
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A. B. Schuetze
Geheimnis des Feueropals
(überarbeitete Version von "Steine aus Adanwe")
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Ein Traum in Schwarz und Rot
Eine schwarze Rose
Ein geheimnisvoller Wagen
Eine venezianische Maske
Der Lebensstein
Blick in den Spiegel
Hypnotische Magie
Teile eines Puzzles
Gefangen in Träumen
Klosterzeile 13
Der Feueropal
Friedhof des Klosters
Kampf gegen die Zeit
Der Tunnel
Voland
Das Spiel der Könige
Zug um Zug
Portal ins Nirgendwo
Feuerroter Sonnenuntergang
Corris Geburtstag
Der Erde Zorn
Deus ex machina
Nachwort
Salwidizer/innen
Danksagung
A.B. Schuetze
alle Bücher aus der Salwidizer – Reihe
Impressum neobooks
Gemeinsam hatten beide die kleine Stadt besichtigt und schlenderten nun durch die Ruinen des alten Klosters.
„Du ahnst gar nicht, wie ich mich freue, dass du meine Einladung angenommen hast. Es ist schon zuweilen einsam unter den Sterblichen zu leben … so ganz ohne Freunde, fern der Heimat. Und wir haben uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.“ Mit diesen Worten klopfte sein Freund ihm auf die Schulter. „Warte. Du hast da etwas Schmutz. Muss wohl von dem alten Gemäuer herabgerieselt sein.“
Eine plötzliche Windböe wehte ihm den feinen Staub, den sein Freund von seinen Schultern strich, ins Gesicht. Ein Schleier legte sich vor seine Augen. Er versuchte den Kopf zu schütteln. Doch um ihn herum begann sich die Welt zu drehen. Dann sank er zu Boden.
Als er wieder zu sich kam, lag er in einem rechteckigen Käfig mit magisch verstärkten Gitterstäben. Was? Wie bin ich denn hierhergekommen? Hierher … Wo ist hier? Wo bin ich?Da war doch … Verdammt! Was ist denn bloß los mit mir? Er konnte sich an nichts erinnern. Instinktiv griff er nach seinem Obsidian und stellte entsetzt fest, dass dieser fehlte. Habe ich meinen Lebensstein verloren? Aber wann?
„Na, ausgeschlafen? Dieses neue Pulver … Ich muss definitiv noch an der Dosierung arbeiten.“
Vor dem Käfig stand ein ihm fremder Mann, der ihn mit einem hämischen Grinsen musterte. Er war hochgewachsen, elegant gekleidet, mit tiefschwarzen Augen, in denen sich das rote Feuer der Hölle widerspiegelte, und schwarzem, leicht ergrautem Haar, das ihm in einem geflochtenen Zopf bis zur Hüfte reichte.
„Wer seid Ihr? … Wisst Ihr, wie ich hierhergekommen bin? … Könnt Ihr die Gitter öffnen?“
Der Fremde kam näher, machte jedoch keine Anstalten, ihm irgendwie zu helfen. „Das sind zu viele Fragen auf einmal. Wer ich bin, tut nichts zur Sache. So viel will ich dir verraten: Ich kann jeder von euch sein.“ Dabei nahm er in einer Geschwindigkeit, der kaum das Auge folgen konnte, abwechselnd das Aussehen seiner Freunde an.
„Ich könnte das Gitter öffnen. Nur wäre das meinen Plänen nicht von Nutzen. Ich brauche dich genau hier und in diesem Zustand, aus dem du soeben erwacht bist. Dann werde ich mit deinen Freunden ganz hier in der Nähe ein Haus kaufen und dafür sorgen, dass sie keine Freude daran haben werden.“
Während der Fremde sprach, holte er eine kleine Phiole aus der Manteltasche, zerbrach sie und rief den Wind herbei. Feiner Sand wehte in den Käfig. „Und dann ist da ja noch diese entzückende kleine Auserwählte, die Seelengefährtin von … “
Die letzten Worte vernahm er nur noch als dumpfes Gemurmel, als befände er sich unter Wasser.
***
„Das ist also das Haus, welches uns so wärmstens empfohlen wurde?“ Richard von Briesing betrachtete das Gemäuer skeptisch und nicht unbedingt erbaut davon, seine gesamte Energie in dieses auf den ersten Blick baufällige Anwesen zu stecken. Es wäre billiger, den alten Kasten dem Erdboden gleichzumachen. Aber leider steht das Haus unter Denkmalschutz. … Menschen. Ich werde sie wohl nie verstehen.
Es war ein altes Fachwerkhaus, an dem der Zahn der Zeit schon heftig genagt hatte, umgeben von einem riesigen Garten bis hin zur Waldgrenze.
Die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Im Dach klafften an mehreren Stellen große Löcher. Demnach war mit enormen Wasserschäden im Haus zu rechnen. An einigen Balken des Holzskeletts hatte sich der Holzwurm gütlich getan. Wen wunderte es, dass sich bisher keine Käufer gefunden hatten.
Conrad, der dieser Bruchbude durchaus Vorteile abringen konnte, versuchte sie seinen Freunden schmackhaft zu machen. Er zuckte mit den Schultern und grinste über Richards miesepetriges Gesicht. „Schau, Richard, Hannes hat hier im Ort zu tun. Und da wir ihn unterstützen sollen …“
„Was ich sowieso nicht verstehen kann. Wozu bitte brauche ich Unterstützung? Andere haben diese Aufgabe allein gemeistert. Und ich mache das schließlich nicht zum ersten Mal“, fiel ihm Hannes mehr als beleidigt ins Wort. Er konnte sich nicht erinnern, wann das jemals vorgekommen war, Hilfe bei etwas so simplen anzuordnen. Nicht dass er seine Freunde nicht gern um sich hatte, aber der Grund dafür war einfach nur lächerlich, um nicht zu sagen … hanebüchen.
„Ähm … Anordnung von Menanim? Reicht dir das als Erklärung? … Und nun zurück zum Haus. Warum also nicht dieses hier? Ich finde die Immobilie“, von Conrad sehr vornehm ausgedrückt, „mehr als passend für uns. Wir sind hier total ungestört. Es liegt … so schön abseits von Mensch und Verkehr. Wir stören niemanden und umgekehrt. Mit dem Bürgermeister habe ich im Vorfeld schon einmal einen Termin wegen des Kaufvertrages gemacht.“
Alles Dank der Klosterruine und der Gerüchte, die sich darum ranken. Ich habe mir redlich mühe gegeben bei den Recherchen nach einem Haus. Die Freunde werden dieses Anwesen, sobald sie es näher kennengelernt haben, bis in die kleinste Faser ihres Seins lieben lernen. Auch für meine perfiden Ziele ist es genau das Richtige, fügte einer der Männer in Gedanken hinzu. Dabei verzog sich sein Gesicht boshaft zu einer dämonischen Fratze und seine Augen leuchteten in einem tiefen Rot.
Keiner hatte es gesehen, da ein jeder mit sich und dem Haus beschäftigt war. So schaute er wie auch seine Freunde gespannt von einem zum anderen.
Hannes, noch immer beleidigt, hatte ein schiefes Grinsen aufgelegt.
Georg zuckte lediglich mit den Schultern. Ihm ging es vorrangig nur um die beiden großen Tiere, die genügend Auslauf auf dem mehrere Hektar großen Grundstück und dem nahe gelegenen Wald hatten. Egal wohin er auch ging, ständig begleiteten ihn diese Tiere. Er lebte mit dem Ruf, sich am wohlsten in den Wäldern ihrer Heimat zu fühlen und er halte es mit den Menschen nicht so besonders.
Richard rieb sich nachdenklich das Kinn. Eigentlich spielt es keine Rolle, welches Gebäude wir erwerben, solange wir es nach unseren Wünschen ausbauen können und das dazugehörige Grundstück groß genug ist. Und dieses Haus … nun ja … ein altes Patrizierhaus aus dem siebzehnten Jahrhundert mit einem arg verwilderten Grundstück in unübersehbarer Größe. Und vor allem … etwas außerhalb gelegen. Was spricht also dagegen?Er fühlte die Augen der anderen erwartungsvoll auf sich gerichtet, zog daraufhin die Augenbrauen hoch und hob die Arme zum Zeichen der Kapitulation. „Okay, Jungs. Wir kaufen diese alte Hütte hier in der Klosterzeile 13.“
„Und ich soll wirklich nicht mit nach oben kommen?“ Hannes versuchte es immer wieder und wusste die Antwort ebenfalls wie immer schon im Voraus.
„Mann, Hannes. Wann begreifst du es denn endlich? Bis hierher. Der Rest ist Sperrzone. Es sei denn, es kommt der Richtige, der Eine.“ Corri grinste ihn von der Seite an, gab ihm einen Stups gegen den Arm und verdrehte die Augen gen Himmel. „Na, du weißt schon … Gute Nacht, Hannes, und danke für den schönen Abend.“ Sie drehte sich zu den anderen um und rief ihnen, während sie die Schlüssel zu ihrer Wohnung aus der Tasche kramte, nach: „He! Und dass ihr mir keine Dummheiten heute mehr macht! Gute Nacht allesamt!“
Hannes machte mit einem Schulterzucken und einem schiefen Grinsen kehrt und schloss sich den Freunden an.
Corri verschwand im Fahrstuhl, der bis hinauf in ihr kleines Apartment unterm Dach führte.
Erschöpft ließ sie Schuhe, Handtasche und Jacke im Flur fallen und streifte sich auf dem Weg ins Bad Kleid, BH und Slip ab. Plötzlich lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken, der am ganzen Körper eine Gänsehaut hinterließ. Was war das denn? Erschrocken schaute sie sich um, verharrte einen Moment, lauschte und schüttelte dann den Kopf. Hm. Komisch. Ich hatte doch alle Fenster geschlossen. Also woher sollte hier ein Luftzug kommen? War wohl nur Einbildung.
Über sich selbst lächelnd steckte sie ihr schulterlanges blondes Haar auf, stellte das Wasser auf eine angenehme Temperatur ein und stieg unter die Dusche. Mit geschlossenen Augen stand sie lange Zeit an die Wand gelehnt, genoss das fließende Nass, welches ihren schlanken Körper hinunterrann, und ließ den Abend nochmals Revue passieren.
***
Sie war mit den Zwillingen Judith und Julius sowie den Freunden Maren und Falk vor dem Kino in ihrer Kleinstadt verabredet gewesen. Noch in letzter Minute stieß Hannes auf die fünf.
Hannes war einer ihrer besten Freunde, aber Corri hatte manchmal das Gefühl, er versprach sich vielleicht mehr von ihr. Was sie natürlich nicht bereit war, ihm zu geben.
„He, Leute, ich habe gerade erfahren, dass der Actionfilm schon ausverkauft ist. Wie wäre es denn mit einem gruseligen Horrorklassiker?“, meinte Hannes, als er auf die Gruppe zutrat. „Ich habe den, der heute Abend kommt, schon ein paarmal gesehen. Ist ein echter Schocker, der euch das Blut in den Adern gefrieren lässt.“ Dabei sprang er auf die Mädchen zu, die erschrocken aufschrien. Er zwinkerte den Jungs zu und fing gemeinsam mit ihnen an zu lachen.
Typisch Hannes. Der wird wohl nie erwachsen. „Alter Spinner.“ Corri schüttelte genervt den Kopf und warf ihm einen bösen Blick zu.
Während sie sich mit Judith und Maren nochmals das Kinoprogramm anschauten, waren Falk und Julius sofort Feuer und Flamme. Schnell besorgten sie die Karten, bevor es sich noch jemand anders überlegen konnte. Um die Mädchen schon im Vorfeld zu schocken, kehrten sie mit zu Fratzen verzerrten Gesichtern und mit Ketchup beschmierten Mundwinkeln zu ihnen zurück.
Den Freundinnen war es zwar noch immer nicht recht, in der Spätvorstellung einen Horrorfilm anzuschauen, aber wer wollte den Jungs, die sich wirklich wie kleine Kinder aufführten, den Spaß verderben? Also ein Horrorfilm.
Der Film war echt krass, so einer von der Sorte, nach dem man sich nicht allein durch dunkle Straßen nach Hause getraute. Mehr als einmal hatte sich Corri an Hannes festgekrallt und ihre Augen geschlossen. Den Freundinnen ging es nicht anders. Letztendlich wollte sich keiner den Film bis zum Ende anschauen. So viel Grusel und Horror um diese Uhrzeit im fast stockdunklem Kino vertrugen scheinbar nur Hartgesottene. So beschlossen sie, auf einen Absacker in die Kino-Bar zu gehen und den Abend gemütlich ausklingen zu lassen.
Ob es nun an dem Film lag oder nicht, Corri hatte beim Betreten der Bar das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden. Da jedoch keiner ihrer Freunde etwas zu bemerken schienen, tat sie dieses Gefühl mit einem kleinen Seufzer ab und bestellte sich den Cocktail, den ihr der Barkeeper empfahl. Sie nippte daran, hörte in sich hinein und stellte fest, das seltsame Gefühl war weg. Gut so. Lecker, das Gesöff … groß, bunt … und wahrscheinlich viel zu viel Alkohol.
Sie merkte dieWirkung nach noch nicht einmal drei Schlucken. Allerdings nicht die, die sie erwartet hatte, sondern eher … benommen, schwindlig und … als ob sie neben sich stehen würde. „Leute, ich glaube, der Drink hat mich soeben abgeschossen. Für mich ist der Abend gelaufen. Wer bringt mich nach Hause?“ Corri glitt vom Barhocker und sah ihre Freunde fragend an.
„Bist du sicher? Du willst wirklich schon nach Hause gehen?“, wollte Hannes verblüfft wissen. Das hatte es noch nie gegeben, dass eine Corri Langner vor allen anderen die Segel strich. Meist bildete sie das Schlusslicht.
Zu aller Überraschung nickte sie vehement und zog ihre Jacke an. Und plötzlich war es wieder da. Dieses eigenartige Gefühl, wie beim Betreten der Bar. Sie starrte den Mann hinter dem Tresen an und glaubte, ein bösartiges Lächeln zu sehen. Sie zwinkerte kurz, danach war alles wieder normal.
Für die Freunde war es eine Selbstverständlichkeit, sie nicht im Dunkeln allein gehen zu lassen. So zahlten sie und schlossen sich Corri an. Sie brachten sie bis vor ihre Tür und zogen dann weiter um die Häuser.
***
Unvermittelt fröstelte Corri unter der Dusche.
Waren es die Erinnerungen? Oder war es nur das Wasser? Die Bilder aus dem Film? Vielleicht waren es auch nur die Nachwirkungen des Cocktails? Wieder war da ein kalter Schauer, der ihr über den Rücken lief. Alle Härchen stellten sich auf. Panik ergriff von ihr Besitz. Hastig trocknete sie sich ab.
Was war das? Ein leises Klirren? Mit angehaltenem Atem lauschte sie in die Stille ihrer Wohnung. Auf Zehnspitzen huschte sie von Zimmer zu Zimmer und schaute sich in ihrer kleinen Wohnung um. Langsam ließ sie die Luft entweichen und schüttelte über ihre Hysterie ungläubig den Kopf. Jetzt höre ich schon Gespenster. Mann, so ein Film am Abend geht aber mal auch ganz und gar nicht! Was haben wir uns nur dabei gedacht?
Corri schlüpfte in ihren verwaschenen Frotteeschlafanzug aus frühesten Jugendjahren, … Sie bezeichnete es als ihr Glück, seit dem 14. Lebensjahr nicht mehr gewachsen zu sein, denn so konnte sie viele ihrer Lieblingsstücke noch tragen. … löschte überall in der Wohnung das Licht, prüfte nochmals, ob die Wohnungstür gut verschlossen war, und ging ins Bett. Dort kuschelte sie sich in ihre Biberbettwäsche mit den Eulenmotiven und schlief mit ihrem Kuschelwolf in den Armen sofort ein.
***
Ein leises Knurren ließ Corri plötzlich auffahren. Sie blinzelte und versuchte zu ergründen, was sie aufgeschreckt hatte.
Sie lag nicht mehr in ihrem Bett.
Ein raschelndes Geräusch ließ sie aufhorchen, und sie spürte zwei glühende Augen in der Dunkelheit, die sie beobachteten. Verwirrt blickte sie sich um. Konnte aber nichts klar ausmachen. … Was? Wo bin ich? Was passiert denn …?
Ihre Gedanken stoppten, als sie nicht fähig war, auch nur einen Schritt zu machen. Pure Verzweiflung befiel sie. Ein feiner Schweißfilm bildete sich auf ihrer Haut. Sie hörte ihr Herz viel zu laut pochen. Das Blut rauschte ihr in den Ohren.
Ruhe! … Ich muss unbedingt Ruhe bewahren. … Durchatmen! … Tief durchatmen! Es ist nur ein Traum. Sich zur Ruhe zwingend, probierte Corri, sich erneut zu orientieren. Ein ihr inzwischen bekannter Schauer lief ihr über den Rücken. Irritiert starrte sie an ihrem Körper hinab. Wieso habe ich ein Negligee aus schwarzem transparentem Tüll an?
Schmale Träger, der tiefe Ausschnitt mit Rüschen verziert, ein reizvolles Bindeband aus Spitze unter ihren wohlgeformten Brüsten geschnürt. Sie fühlte sich nackt, nur bekleidet mit diesem sündigen Nichts, welches mehr erahnen ließ, als verdeckte.
Ist das einer meiner erotischen Träume? So real … So real hat sich das noch nie angefühlt. Noch immer hörte sie ihr Herz viel zu laut und schnell pochen. Und auch das Blut rauschte ihr weiterhin in den Ohren.
Mit weit aufgerissenen Augen und einem unbehaglichen Ziehen in der Magengegend musterte die junge Frau beunruhigt ihre Umgebung. Sie stand in einem ihr unbekannten Raum. Dunkelrote Tapete mit schwarzen, samtenen, floralen Muster kleidete die Wände des Raumes aus. Dicke, schwere Vorhänge verdunkelten die Fenster. Altmodische Wandlampen mit fast blickdichten roten Schirmen und schwarzen Fransen spendeten nur spärlich Licht.
Im schwachen und ständig flackernden Licht der Glühbirnen konnte sie lediglich eine großzügige Eckcouch aus schwarzem Semi-Anilinleder … ein fast naturbelassenes und dennoch alltagstaugliches Leder. Das hatte sie als Innenarchitektin sofort erkannt. … in der Mitte des Zimmers ausmachen. Wenn das kein Traum ist, was in aller Welt geht dann hier vor sich?
Sie wollte die Frage laut stellen, aber kein Laut kaum aus ihrer Kehle. Irgendetwas stimmt nicht. Es ist alles so deutlich … Ich … Dieses Zimmer … deutlicher als sonst in meinen Träumen. Also, was zum Teufel …
Noch während sie die Situation richtig zu erfassen suchte, hörte sie eine leise, rauchige Stimme aus der hinteren dunklen Ecke des Raumes. „Idola! Cresil! Bringt sie an ihren Platz.“
Bevor sich Corri umdrehen konnte, wurde sie von hinten an beiden Armen gepackt. Ihr Protest blieb, wie vorher schon ihre Fragen, ungesagt. Es schien, als wäre ihre Stimme verschwunden. Auch an körperliche Gegenwehr war nicht zu denken. Sie versuchte den Kopf zu drehen, um nur einen Blick auf Idola und Cresil zu werfen. Vergebens. Ihr Körper gehorchte ihr nicht. Es war, als würde er nicht mehr ihr gehören.
Sie wurde in die Ecke der Couch gesetzt und dann konnte sie sie sehen … Idola und Cresil, zwei bronzefarbene Hünen in schwarzen Anzügen und weinroten Hemden. Sie überragten sie sicher um mehr als zwei Köpfe. Außerdem schienen ihre Körper fast nur aus Muskeln zu bestehen. Ihre Gesichter waren kantig geschnitten, die Augen tiefblau und kalt, die Haare schwarz, etwa schulterlang und in einem Zopf im Nacken zusammengehalten. Sie verzogen keine Miene, verrieten keinerlei Emotionen.
Die Panik vom Anfang hatte etwas anderem Platz gemacht, das sie fest im Griff zu haben schien. Ihr Herzschlag hatte sich nicht beruhigt. Das dumme kleine Ding pumpte mit dem Blut jede Menge Adrenalin durch ihre Adern. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Eigentlich wollte sie nur aufwachen und alles wäre vorbei. Und doch wieder nicht.
Noch immer unfähig, sich zu bewegen, registrierte sie, wie ihr von einem der beiden Männer ihre Arme rechts und links auf den Lehnen der Couch mit Manschetten fixiert wurden. Jetzt pochte ihr Herz bis zum Hals hinauf. Oh mein Gott!Was geschieht hier nur mit mir?
Sie kniff ihre Augen zusammen und starrte angestrengt in die Finsternis. Irgendwo dort muss er doch sein. Er, der hier die Befehle gibt. Sie gab sich redlich Mühe, etwas zu erkennen. Doch vergeblich.
„Schön. Sehr schön“, ließ sich nun wieder die Stimme aus der Dunkelheit vernehmen. Es war eine ruhige und eigentlich sympathische Stimme. Aber er, dem sie gehörte, hatte Corri an die Sitzecke fesseln lassen. Das sprach nicht gerade für ihn.
Was will dieser Verrückte nur von mir? Und warum kann ich mich nicht wehren? Es machte Corri fast wahnsinnig, nicht zu wissen, was sie erwartete. Ebenso wahnsinnig machte sie die spannungsgeladene Atmosphäre, der Reiz des Unbekannten und die Erregung, wie sie sie aus ihren sexuellen Fantasien kannte.
„Azza, Azrail. Kommt, meine Schönen! Ihr könnt euch jetzt zu ihr setzen.“
Zu mir setzen? Wer? Sind da noch andere außer mir und ihm? Na ja und den beiden Muskelprotzen. Gott, was geschieht hier nur? Was für ein verquerer Traum. Bestimmt wache ich gleich auf. Corris Gedanken überschlugen sich.
Gebannt hielt sie ihren Blick noch immer in die Dunkelheit gerichtet, aus der die tiefe schöne Männerstimme kam. Sie sah ein kurzes Aufglimmen zweier roter Kreise. Große gelbe Augen wurden sichtbar, Schnauzen, Köpfe. Langsam schoben sich die Körper aus der Dunkelheit. Das kann nicht wahr sein. Kein erotischer Traum. Ein Albtraum.
Zwei Wölfe, größer als ihre wildlebenden Artgenossen, mit tiefschwarzem, glänzendem Fell kamen näher. Sie legten sich beidseitig von Corri auf das Sofa.
Das nahm ihr fast den Atem. Sie wollte sich aus den Fesseln befreien, wollte schreien, wollte weg von hier. Bitte, bitte, bitte! Ich will nicht sterben. Auf keinen Fall will ich sterben. Wach doch auf, Corri! Ihrer ausweglosen Situation voll bewusst, traten ihr Tränen in die Augen. Sie versuchte noch einmal mit ganzer Kraft, ihre Hände aus den Lederschlaufen zu ziehen. Und obwohl sie sich langsam wieder bewegen konnte, blieben auch die neuerlichen Versuche erfolglos. Stattdessen schauten die Wölfe sie warnend von den Seiten her an.
Und stirbt man in der Wirklichkeit, wenn man im Traum stirbt? Besser nicht darauf ankommen lassen. „Nein, nein, nein. Hören sie doch! Ich will nicht sterben!“ Sie hörte sich jetzt leise weinen. Gott, war ich das? Habe ich meine Stimme wieder? Sie schluckte den Kloß im Hals hinunter und mahnte sich erneut zur Ruhe. Nochmals versuchte Corri, in die Dunkelheit hineinzurufen. „Hallo? Hallo! Wer sind Sie? Sie hören mich doch? Reden Sie mit mir, bitte!“ Irgendwo genau hier vor mir musste er doch sein, der Mann mit der sonoren hypnotisierenden Stimme. Warum spricht er nicht mit mir?
Durch leichtes Drehen ihres Kopfes suchte Corri ihre Umgebung ab und hoffte, die beiden Muskelprotze zu erblicken. Diese standen, wenn sie denn noch da waren, außerhalb ihres Sichtfeldes und verhielten sich absolut geräuschlos. Sie sind doch noch da? Oder? Warum redet denn keiner mit mir? Corri rief in Ihrer Verzweiflung noch einmal in die Finsternis. „Hallo! So sagen Sie doch etwas? Was wollen Sie denn von mir?“
Stille. Unerträgliche Stille.
Ein kühler Luftzug streifte plötzlich Corris Gesicht.
Was? Wie?Ein offenes Fenster? Eine offenen Tür? Oder … Ihre Augen scannten die nähere Umgebung. Aber da war nichts und niemand. Nur die Wölfe ließen sie keinen Moment unbeobachtet. Sofort dachte sie an den vermeintlichen Lufthauch, bevor sie unter die Dusche gestiegen war. Aber das war kein Traum. Nur Einbildung. Eine Einbildung, die sich in meinem Unterbewusstsein festgesetzt hat. Gott, warum haben wir uns diesen Horrorfetzen reingezogen? Hätte es keine Liebesschnulze sein können? Dann würde ich jetzt in erotischen Träumen schwelgen. Ach, so ein Mist. Ich wünschte, ich könnte aufwachen.
Wieder bahnten sich Tränen ihren Weg aus den Augenwinkeln über die Wangen und tropften auf ihr Dekolletee.
Die Wölfe gaben winselnde Laute von sich.
„Azza, Azrail! Schon gut, meine Süßen.“
Kaum waren die Worte verklungen, legten die Wölfe besitzergreifend ihre riesigen Pfoten auf Corris Oberschenkel und leckten ihr die Tränen von Gesicht und Hals.
Es fühlte sich nicht so furchtbar an, eher wie von einem Hund, der Frauchen seine Liebe bezeugen will. Dennoch täusche es Corri nicht darüber hinweg, dass es zwei stattliche Exemplare von Wölfen waren, die sie hier … bewachten? Oder beschützen? Ihre Tränen versiegten zwar, doch ihr Körper blieb steif und unbeweglich. Sie wusste nicht, was passieren würde, sollte sie sich auch nur rühren.
Corri spürte erneut einen Lufthauch, der ihr über Gesicht, Hals, Brüste, hinab über ihren Bauch bis zu ihrer intimsten Stelle strich. Es war, als streichelten unsichtbare Hände sanft ihre Haut und sinnlich heiße Lippen liebkosten ihren Körper. Wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte, sich noch weiter zu versteifen, Corri hätte sie genutzt. So blieb ihr nur, es reglos über sich ergehen zu lassen und den Atem anzuhalten. Was auch immeres ist. Oh Gott! Wie jetzt? Dunkle Erotik?
Ihr Herz schlug auf Hochtouren und drohte ihr aus der Brust zu springen. Sie spürte, dass die Berührungen noch an Intensität zunahmen, wie der Hauch des Unsichtbaren ihre zarten Brustwarzen hart werden ließ, sacht zwischen ihre Schenkel blies … Ein leichtes Ziehen im Unterbauch, ein Kribbeln auf der Haut, das Rasen ihres Pulses. Ihr Brustkorb hob und senkte sich bei der immer schneller und hektischer werdenden Atmung. Sie bemerkte, wie sie feucht wurde, verlor die Kontrolle über ihren Körper, warf ihren Kopf zurück und rutschte auf der Couch hin und her.
Sie unterdrückte ein Stöhnen und wimmerte stattdessen leise vor sich hin, weil die Mischung aus sexueller Stimulanz und Machtlosigkeit sie um den Verstand brachte. Zu viel. Diese Gefühle sind zu viel. … Viel zu intensiv. Ein letztes Aufbäumen …
… und er kam aus dem Dunkel, aus der Finsternis.
Sie sah die Konturen des Mannes der langsam auf sie zuschritt. Groß, athletisch, dunkles, langes Haar und stechende Augen …
Ein ohrenbetäubender schriller Ton zerriss abrupt die Stille und im selben Moment verwandelte sich die Gestalt in feinen Nebel und entfernte sich von ihr. Wie auf ein Zeichen waren auch die beiden Wölfe verschwunden.
Corri schnappte nach Luft, riss die Augen auf und …
***
Sie saß schweißgebadet in ihrem Bett. In den Armen hielt sie ihren Wolf aus Plüsch. Die Bettdecke lag auf dem Boden, das Laken war zerwühlt.
Mit zitternden Händen langte sie nach dem Wecker. Ein Blick genügte, um zu wissen, dass er Punkt sechs Uhr morgens den Alarm ausgelöst und sie damit aus ihrem Traum herausgerissenhatte. Okay, Zeit aufzustehen.
Mit einem Stöhnen fiel sie zurück in die Kissen, bemüht, ihre Gedanken zu sammeln und zu sich zu finden. Was für ein seltsamer Traum? Horror … Albtraum … Erotik … Albtraum … Erotik …
Sie betrachtete sich von oben bis unten. Kein schwarzes, sündiges Nichts. Nur ihr alter Schlafanzug aus Jugendtagen, der so viel mit Erotik zu tun hatte, wie eben ein hellroter Schlafanzug mit gelben Kreisen darauf.
Aufmerksam drehte sie ihre Handgelenke, denn noch immer spürt sie die Lederriemen. Aber keine Spur. Keine Striemen. Keine Rötungen. Es war nichts zu sehen. Seltsam. Es war doch alles so real.
Die Anspannung in ihren Nervenenden, das Ziehen im Leib, die Feuchte zwischen ihren Beinen … alles war noch da. Verwirrt schüttelte sie den Kopf.
„Ein Traum. Es war nur ein Traum“, murmelte sie sich beruhigend zu. Doch ein Gedanke, eine innere Stimme, sie wusste nicht woher, raunte ihr zu: Ein Traum … ein Traum in Rot und Schwarz.
Auf eine seltsame Weise aufgewühlt von ihrem Albtraum stieg Corri unter die Dusche.
Ein Albtraum. War es ein Albtraum? Beklemmende Emotionen? Angsteinflößende Bilder? Ja okay, ich hatte Angst. Ich wollte aufwachen. Aber doch nicht nur. Allein bei dem Gedanken andie vergangene Nacht und die dunkle Erotik verkrampften sich die Muskeln ihres Geschlecht unter einem wohligen Schauer und ließen sie aufstöhnen.
Entsetzt über ihre Empfindungen in Anbetracht ihres Traumes schüttelte sie sich. Das kalte Wasser sollte diese Erinnerungen vertreiben. Zum einen war es absolut unangebracht in solchen zu schwelgen und zum anderen konnte sie es sich heute nicht leisten, zu spät ins Büro zu kommen. Sie sollte ihr erstes eigenes Projekt bekommen.
Ein millionenschwerer Auftrag war an das Architekturbüro Richter & Söhne herangetragen worden. Trotz des Protestes ihrer Chefs hatte der Auftraggeber explizit nach Frau Langner … also nach ihr … verlangt. Seine Instruktionen waren eindeutig. Sie sollte das entsprechende Konzept sowohl für Innen- und Außenbauten erarbeiten, alle notwendigen Maßnahmen planen und organisieren, als auch die Leitung über deren Umsetzung übernehmen. Ferner hatte der Vertragspartner, ein geheimnisvoller Herr … von und zu …, sehr subtil auf den Fall hingewiesen, andere Wege beschreiten zu müssen, sollten die Wünsche seines Mandanten nicht erfüllt werden können.
Ausgerechnet Corri. Hatte sie doch erst im vergangenen Sommer ihren Bachelor für Innenarchitektur gemacht und war somit die Jüngste und Unerfahrenste in der Firma. Von der Arbeit eines guten Architekten hatte sie nur minimalistisch Ahnung. Da ging es sehr viel mehr um bautechnische Kenntnisse, Wärmedämmung, Isolierung und was alles noch so dazugehörte. Sollte dies bei dem Vorhaben nötig werden, musste sie ohnehin einen Fachmann hinzuziehen. Ein Gewerke mehr oder weniger … davor scheute sie sich nicht. Da der Kunde aber ausdrücklich nur mit ihr arbeiten wollte, würde der Seniorchef auf Schritt und Tritt ein Auge auf sie haben. Und das konnte ungemein nerven.
Geduscht und sich gründlich abgetrocknet legte Corri dezent Make-up auf und stecke ihr Haar zu einem lockeren Dutt auf. Vor ihrem Kleiderschrank grübelte sie, welche Garderobe dem Anlass angemessen wäre. „Wenn du ein wichtiges Gespräch führen willst, dann trage Blau, denn es fördert die Sachlichkeit und Präzision bei deiner Denkarbeit und Kommunikation!“ So sagte immer ihre alte Professorin. Deshalb entschied sie sich für ein kornblumenblaues Kostüm. Ein Blick in den Spiegel, dann auf die Uhr. Schnell noch Ohrringe, Kette … Pumps, Handtasche … und schon war sie aus der Wohnungstür.
Im Vorbeieilen am Briefkasten sah sie einen Umschlag herausschauen. Nanu? So früh am Morgen schon Post? Oder habe ich gestern den Kasten nicht geleert? Corri griff nach dem Kuvert und öffnete ihn, während sie hinaus auf die Straße trat. Überrascht hielt sie eine Karte für das Musical Phantom der Oper am heutigen Abend in der Hand. Eine Visitenkarte fiel ihr vor die Füße. Schon beim Aufheben begann ihr Blut kribbelnd durch ihre Adern zu rasen.
Feinstes Papier mit Intarsien und …
Was war es nur, was Corri so verwirrte?
Sie drehte die Karte in der Hand und schwankte leicht.
In einer starken markanten Männerhandschrift stand da geschrieben: „Danke für die atemberaubenden Stunden“
Atemberaubende Stunden? Wer …? Ihr Herz schlug schon wieder schneller. Dieser Geruch … Sie kannte ihn. Aber woher?Hannes? Benutzte Hannes dieses Parfum? Aber diese Schrift … Wollte er sich einen Scherz mit mir erlauben?Corri schüttelte leicht den Kopf. Nein. Nicht Hannes. Dieser schwere Duft nach Moosen und Hölzern. Kein gewöhnlicher Duft. Er hat einen Hauch von … Luxus. Dann diese Zeilen. Eine starke markante Männerhandschrift. Eindeutig. Corri ist sich da ganz sicher. Hatte sie doch während ihres Studiums als Nebenfach Kunst in Stilrichtung Kalligraphie belegt. Gerade verlaufende Zeilen, aufrechte Buchstaben, sehr große und rhythmische Handschrift lassen auf eine introvertierte Persönlichkeit mit einem Hang zu Eitelkeit, Arroganz und Egoismus schließen. Wer mochte nur …
„Guten Morgen, Corri, nun aber schnell, bevor der alte Richter auftaucht. Die Unterlagen für deine Besprechung liegen schon auf deinem Schreibtisch.“
Corri nickte Maren verlegen zu. Sie hatte über ihrer Grübelei gar nicht bemerkt, dass sie soeben die Büroräume von Richter & Söhne betreten hatte. Erst die Begrüßung durch ihre Freundin brachte sie ins Hier und Jetzt zurück. Zu dumm aber auch. Jetzt laufe ich schon wie eine Traumwandlerin durch die Gegend. Ärgerlich steckte Corri den Umschlag, welchen sie noch immer in der Hand hielt, in ihre Handtasche. Bestimmt gibt es eine einfache Erklärung für das alles. Wird sich wohl einer meiner Freunde einen Scherz mit mir erlaubt haben. Zur Strafe, weil ich nicht mehr mit um die Häuser gezogen bin.
„Guten Morgen, Maren. Du weißt nicht zufällig …“ Der mahnende Blick der Chefsekretärin ließ sie verstummen. Verstehend winkte sie ihr zu, steuerte den Kaffeeautomaten an und genehmigte sich einen großen, schwarzen Espresso aus der Maschine.
Die Unterlagen für das neue Projekt lagen in einem weniger vorzeigbarem Ordner auf ihrem Platz. 'Klosterzeile 13' las Corri und warf Maren einen fragenden Blick zu. Diese zuckte jedoch nur mit den Schultern und ihre Mimik schien zu sagen: Tja, genau das ist es. Resigniert stieß Corri einen Seufzer aus. Alles hatte sie erwartet, nur nicht ausgerechnet das.
Seit Jahrzehnten fand sich kein Investor für dieses Objekt. Der Zustand des Ordners allein sagte schon alles darüber aus. Klosterzeile 13 ... ein altes Patrizierhaus aus dem siebzehnten Jahrhundert mit einem großen verwilderten Garten. Im Allgemeinen wurde bei diesem Anwesen nur von des Klosters Geisterstätte gesprochen. Es war allgemein bekannt, dass es da nicht mit rechten Dingen zuging. Diverse Spuk-Geschichten kursierten seit jeher im Ort. Die ganz Alten bekreuzigten sich sogar, wenn sie auf dem Weg über die kleine Steinbrücke in den angrenzenden Wald an diesem Haus vorbeikamen. Der Bürgermeister war schon seit ewigen Zeiten bemüht gewesen, einen Käufer für diesen Schandfleck der Gegend zu finden.
„Nun, hat der alte Kauz wohl endlich einen exzentrischen Millionär gefunden, dem er diese alte Bruchbude schmackhaft gemacht hat?“, konnte sich Corri nicht verkneifen zu sagen, verdrehte die Augen und zeigte Maren ein verschmitztes Grinsen.
Plötzlich zuckte sie zusammen. Sie hatte ihn nicht kommen gehört. Er stand in der Tür. Groß, schlank und doch muskulös … Eine imposante Erscheinung.
„Guten Tag! … Entschuldigen Sie, aber ich glaube, wir sind verabredet. Frau Langner … nehme ich an?“
Der Fremde stand in der Tür und schien Corri mit seinen mitternachtsblauen Augen zu durchbohren. Sein für einen Mann fast zu fein geschnittenes Gesicht ließ keine Emotionen erkennen. Er blickte völlig ausdruckslos.
Ohne von Corris verdutztem Gesichtsausdruck … große Augen und offenstehender Mund … Notiz zu nehmen, fuhr er fort: „Mein Name ist von Briesing, Richard von Briesing. Ich vertrete den exzentrischen Millionär bei der Instandsetzung seiner … Bruchbude.“
Augenblicklich fing sich Corri, schloss ihren Mund und räusperte sich. Musste ausgerechnet dieser Typ meine unprofessionellen Bemerkungen über den Bürgermeister, das Haus und meinen neuen Boss hören? Mist! Mist! Mist! Hoffentlich mache ich es nicht noch schlimmer.
Als ob sie ihre Gedanken laut ausgesprochen hätte, verzogen sich jetzt seine Lippen zu einem kaum merkbaren Lächeln.
„Ähm …“ Verwirrt erhob sich Corri und begrüßte nun ihrerseits Herrn von Briesing. Entschuldigend bat sie ihn, in einem der bequemen Sessel im Verhandlungszimmer Platz zu nehmen. „Herr Richter wird jede Minute erscheinen, um das Projekt mit Ihnen … und mir … durchzugehen. Darf ich Ihnen in der Zwischenzeit etwas anbieten? Kaffee? Tee? …“
„Danke. Nein. … Darf ich Sie Corri nennen? … Ich möchte die Angelegenheiten mit Ihnen gern vor Ort besprechen. Und zwar nur mit Ihnen. Es interessiert unseren gemeinsamen Boss nicht, was Ihr Chef dazu zu sagen hat. Nur Ihre Meinung zählt. Der Wagen wartet draußen.“
„Wagen? Vor Ort?“ Corri wirkte verunsichert. Außentermine gleich beim ersten Treffen waren in der Firma unüblich und sie wusste nicht …
„Ja. Ja sicher. Gehen Sie schon, Mädchen! Wenn Herr von Briesing es so wünscht. Sie wissen doch: Der Kunde ist König.“ Richter Senior hatte soeben seinen kleinen kahlen Kopf mit der viel zu großen Nickelbrille auf der spitzen Nase durch die Tür gesteckt und die Worte des Kunden mit angehört. Nun wedelte er aufgeregt mit der Hand und deutete damit an, dass Corri gehen sollte.
Sie packte schnell alle Unterlagen zusammen und folgte von Briesing hinaus. Das kann jetzt aber nicht sein. Nicht dieses Auto. Wie peinlich! „Das ist aber jetzt nicht Ihr Ernst? Ich kann unmöglich in dieses Auto einsteigen“, stieß Corri hervor, ohne darüber nachzudenken, als sie den schwarz-dunkelroten Maybach direkt vor dem Bürogebäude stehen sah.
Von Briesing zog eine Augenbraue nach oben und sein Mund verzog sich zu einem spöttischen Lächeln. „Nicht?“
Der Chauffeur hielt ihr freundlich die Tür auf.
Corri fühlte sich sichtlich unwohl. Nicht nur, dass dieses Auto alle Aufmerksamkeit auf sich zog, auch an den Fenstern des Bürohauses gafften die Angestellten ihr hinterher.
Richard von Briesing schien davon unbeeindruckt. Er drängte sie einzusteigen und nahm noch immer lächelnd neben ihr Platz.
Unbehaglich rückte sie ein Stück von ihm weg und nahm argwöhnisch das Innere des Autos in Augenschein. Die Innenausstattung des Zeppelin nahm ihr fast den Atem.
Die exklusive Lederausstattung in Beige stand im unglaublichen Kontrast zu dem Tiefschwarz der Lackoberflächen der Zierteile. Eine ungewöhnliche Steppung der Sitzflächen und Rückenlehnen … ein Sitzgefühl ohnegleichen. Die Füße ruhten auf echten Fellen. Auch im Interieur wiesen dezent angebrachte Schriftzüge auf die stilvolle Eleganz der Luxuslimousine hin.
„Gefällt Ihnen, was sie sehen, Corri?“, riss von Briesing sie aus ihrer Betrachtung. „Dieser Wagen wird Ihnen inklusive Fahrer ab sofort zur Verfügung stehen. Conrad wird sie bei Bedarf vom Büro abholen und wieder zurückbringen.“
Conrad, der Chauffeur, zwinkerte ihr nickend im Rückspiegel zu. Auch um seinen Mund spielte dieses spöttische Lächeln, welches, entgegen bei von Briesing, auch seine Augen erreichte.
„Auf keinen Fall. Ich werde mich auf keinen Fall wie … wie … na wie irgend so eine Schickimicki-Tussi durch die Gegend chauffieren lassen. Der Wagen geht mal gar nicht. Der kostet doch bestimmt mindestens das Zehnfache meines Autos“, stellte Corri entrüstet klar.
„Sie haben ein Auto?“
Was? Diese Frage brachte sie endgültig aus der Fassung. „Nein. Hab ich nicht. Aber wenn ich eins hätte“, gab sie deshalb etwas zu unwirsch zur Antwort.
Wie aus heiterem Himmel wurde Corri leicht schwindelig und sie musste sich kurz zurücklehnen. Da ist er wieder. Ganz schwach nur. Der Duft nach Moos und Holz.Woher ist mir diese Parfum-Note nur so vertraut? Mit zittrigen Finger nestelte sie an ihrer Handtasche, um ein Taschentuch zu suchen. Dabei bemerkte sie den Umschlag vom Morgen. Sofort fiel ihr ein, sie wollte doch Maren nach der Musical-Karte fragen … aber dieser markante …
„Corri? Geht es Ihnen nicht gut? Sie sind auf einmal so blass. Fehlt Ihnen etwas? Kann ich Ihnen vielleicht etwas anbieten? Ein Glas Wasser … Sekt …?“
„Danke. Es geht schon wieder. Scheint wohl die ganze Aufregung zu sein. Ich brauch nur ein wenig frische Luft. … Und wir sind ja sowieso gleich da.“
Der Wagen hielt vor dem alten, äußerst baufälligen Patrizierhaus am Rande der Stadt. Es machte mehr als nur einen unheimlichen Eindruck.
Zum Teil waren die Fenster mit dunklen Stoffen verhängt, zum Teil durch halb zerfallene Fensterläden dürftig geschützt und in der unteren Etage mit Brettern vernagelt. Im Dach klafften an mehreren Stellen große Löcher. Demnach war mit enormen Wasserschäden im Haus zu rechnen. An mehreren Balken des Holzskelettes hatte sich der Holzwurm gütlich getan. Dieses Haus mochte zu seiner Zeit ein formidables Fachwerkhaus gewesen sein, von Prunk und Reichtum zeugend. Davon war nun kaum noch etwas zu erahnen.
Von Briesing öffnete die Tür, die in ein großes, reich verziertes Tor eingearbeitet war. Er ließ Corri den Vortritt in das dunkle, kalte Gemäuer.
Eine riesige Halle tat sich vor ihr auf. Hoch, weit. Ihre gesamte Wohnung musste sich in diesem Raum verlieren. Fenster, die bis unter die Decke einer umlaufenden Galerie reichten, säumten sowohl die Seite des Einganges als auch die gegenüberliegende mit Zugang zum weitläufigen Garten. Linker Hand befand sich eine Freitreppe ins darüberliegende Geschoss. Rechts stand ein massiver Schreibtisch, eine Chesterfield Sitzecke bestehend aus zwei Zweisitzern und vier Sesseln aus schwarz-grünem Büffelleder und einer Bar. Alles passend aufeinander abgestimmt und hervorragend für ein Herrenzimmer geeignet. Ein Teil des Mobiliars war wegen der Bauarbeiten weitestgehend mit Tüchern abgedeckt.
Corri stand mit staunenden Augen da und nahm diese faszinierende Architektur in sich auf. „Warum, Herr von Briesing …“
„Sagen Sie Richard zu mir, bitte“, unterbrach von Briesing sie. „Das wird uns eine lange Zeit der Zusammenarbeit erleichtern und vielleicht näherbringen?“
Corri blickte nachdenklich zu ihm auf. Hm … Näherbringen. Wie ist das denn gemeint? War da schon wieder dieses spöttische Lächeln? „Nun, Richard. Warum haben Sie mich als Innenarchitektin verpflichtet, wenn doch ein Architekt für die bauliche Erhaltung der Substanz von größerem Nutzen ist? Warum also mich, eine Innenarchitektin?“
Während Richard an den schweren Eichentisch in der hinteren Ecke der Halle trat, erläuterte er Corri die Vorgehensweise und die Pläne ihres gemeinsamen Auftraggebers.
Sie sollte neben ihm die hauptsächliche Ansprechpartnerin für alle Subunternehmer sein. Als Innenarchitektin oblag es ihr, sich ein genaues Bild des Hauses und dessen Räumlichkeiten zu machen, Pläne für die Innengestaltung zu erstellen und mit den Architekten etwaige Umbauten abzustimmen. Für die Wiederherstellung der Fassade, die denkmalgeschützt war, zeichnete zwar der Architekt in Zusammenarbeit mit dem Amt für Denkmalschutz verantwortlich, unterstand aber trotzdem Corri.
Irgendwie war es von Briesing gelungen, ihre Frage nach dem Warum gerade sie? zu umgehen. Und es schien im Moment, als würde sie nie die Beweggründe erfahren. Er führte Corri durch das weitläufige Haus, zeigte ihr die verschiedenen Etagen und erklärte ihr die Wünsche des Besitzers hinsichtlich der Ausstattung, die da waren: Sie solle nach Gutdünken und ihren persönlichen Vorstellungen das Haus einrichten.
„Sehr aussagekräftig, die Wünsche vom Boss. Er lässt mir also freie Hand? … Wie ist er so? Alt, jung, verheiratet, Beruf, Hobbys? Ich meine …“
„Sie sind eine äußerst neugierige Person. Alles was Sie wissen müssen … Nun, denken Sie einfach, Sie müssten es für mich einrichten und vergessen Sie nicht die weibliche Note für die Dame des Hauses.“ Gerade noch hielt Richard sie zurück, bevor sie einen Fuß auf die Treppe zum obersten Stockwerk setzen konnte. „Da oben muss nichts gemacht werden. Dieses Stockwerk ist so in Ordnung, wie es ist. Auch würde ich Sie bitten, niemals, aber auch niemals, dort hinaufzugehen. Der Boss sieht es nicht gern, wenn Fremde sein Heiligtum betreten.“
Hm … Okay. Trotzdem seltsam. Gleich so … energisch. Alles was Corri am heutigen Tag über das Haus und seinen Eigentümer erfahren hatte, war seltsam genug, dass sie lediglich mit den Schultern zuckte und kehrt machte. Einen letzten, flüchtigen Blick auf die Tür am Ende der Treppe, die aus dunklem, edlem Holz gearbeitet wurde … und von der ein ihr bekanntes Fluidum ausging. Dieser Duft erinnert an … Vielleicht ist es ja das Haus? Das viele Holz. Sie schüttelte mal wieder verwirrt den Kopf und grinste dann in sich hinein. Bevor ich noch durchdrehe, brauche ich dringend eine positive Ablenkung. Feierabend und Musical.
***
Corri hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, ihre Freunde nach der Karte zu fragen. Das Meeting draußen im Patrizierhaus hatte sich in die Länge gezogen. Von Briesing hatte sie danach direkt bis nach Hause fahren lassen.
Eigentlich stand Corri nach dem gestrigen Kinobesuch weniger der Sinn nach Musical. Da es aber ihr Lieblingsmusical war und sie nicht wusste, wann sich so eine Gelegenheit wieder bieten würde, konnte sie nicht widerstehen. Und so saß sie nach einem seltsam aufregenden Tag in der wohl begehrtesten und wahrscheinlich auch teuersten Loge und wartete gespannt auf den edlen Spender ihrer Karte.
Der Hauch eines Bouquets aus exotischen Hölzern erfüllte plötzlich die Loge. Corri verspürte einen Luftzug im Rücken, der eine leichte Gänsehaut hinterließ. Das musste der geheimnisvolle Unbekannte sein. Sie wagte nicht, sich zu bewegen.
Als sich jedoch nichts hinter ihr rührte, drehte sie sich langsam um. Ihre Augen wurden groß. Da war … keiner. Niemand. Hatten ihr ihre Sinne einen Streich gespielt? Und dennoch lag ein schwerer Duft nach kostbarem Agarholz und Sandelholz in der Luft … und sie fühlte sich beobachtet.
Durch ein Klopfen an der Tür der Loge zuckte sie zusammen.
Ein Page brachte eine kleine Auswahl erlesener Pralinés und Champagner. „Wenn das Fräulein noch irgendwelche Wünsche …“
„Nein. Nein, danke“, unterbrach Corri ihn, von diesem Service bass erstaunt. „Oder … vielleicht doch. Können Sie mir sagen, wer diese Loge gemietet hat?“
Der Diener verneinte bedauernd und zog sich zurück.
Die Lichter gingen aus, und das Musical begann.
Verstohlen blickte Corri sich in der Loge um. Bewegte sich da nicht der Vorhang? … Wohl nicht. Ihr Blick blieb an den Kostbarkeiten, die der livrierte Junge gebracht hatte, hängen. Wer lässt sich das alles was kosten, ohne es auch nur zu genießen? Das ist alles so seltsam. Corri grübelte vor sich hin, verlor sich dann aber in der Handlung und der Musik. Sie vergaß alles um sich herum … dass sie allein in der schönsten Loge des Theaters saß … dass jemand in unmittelbarer Nähe sein musste … Sie war der Gegenwart gänzlich entrückt.
Ein leicht hingehauchtes, mysteriöses Cooriii … Cooriii riss sie aus ihren Träumen. Sie schaute sich um. Wieder ein Lufthauch und dieses Odeur. Aber da war niemand. Hatte sie sich die ruhige, rauchige Stimme eben nur eingebildet? Oh, ich werde schon verrückt. Ständig dieser männliche, sinnliche Duft, der Hauch, als streiche jemand über meine Haut, und jetzt noch Stimmen.
Corri fiel es schwer, wieder in die Handlung auf der Bühne zu finden. Ihre Sinne waren geschärft auf die übernatürlichen Phänomene in ihrer Umgebung. Als sie plötzlich eine Tür ins Schloss fallen hörte, sprang sie auf und lief hinaus ins Foyer. Aber weit und breit war niemand zu sehen.
Da sie nicht mehr damit rechnete, ihren geheimnisvollen Gastgeber kennenzulernen, beschloss sie, nicht mehr zurückzugehen, sondern den Heimweg anzutreten.
Schon beim Betreten der Straße spürte sie stechende Augen auf sich gerichtet, konnte aber nicht sagen ... woher. Bei jedem Schritt, der in der menschenleeren Straße widerhallte, drehte Corri sich um. Sie wurde das Gefühl nicht los, verfolgt zu werden. Die Straßen waren im Zeitalter des Stromsparens nur spärlich beleuchtet und boten alles andere als Sicherheit.
Nur noch die nächste Ecke und ich bin fast zu Hause. Wieder drehte sie sich um. Und wieder hörte sie dieses leise, hypnotische Cooriii … Sie konnte jedoch wie schon zuvor niemanden sehen.
Waren das schwere Schritte in der Nähe? Das Rascheln eines langen Mantels? Panisch öffnete sie mit zitternden Fingern den Fahrstuhl zu ihrer Wohnung und atmete erst auf, als sich dieser in Bewegung setzte. Nochmals ein Blick auf die Straße hinunter … Niemand. Niemand war da. Niemand hatte sie verfolgt.
Erleichtert atmete Corri mehrmals tief aus und ein. Sie schloss die Wohnungstür auf und …
Oh nein! Mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen erstarrte sie. Sie konnte sich eben noch an der Wand abstützen, bevor ihre Beine nachgaben.
Auf dem Spiegelschränkchen im Korridor stand eine Vase mit einer schwarzen Rose. Daneben lag die gleiche Karte, mit der gleichen starken, markanten Männerhandschrift und den gleichen Worten: „Danke für die atemberaubenden Stunden“
