Gilbartas Fluch - A. B. Schuetze - E-Book

Gilbartas Fluch E-Book

A. B. Schuetze

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Beschreibung

"Sind Sie ein Vampir, Mr. McMall?" Mit seinem stechenden Blick aus silbergrünen Augen, die alles und jeden eiskalt zu durchleuchten scheinen, starrt Dugal McMall sein Gegenüber an. Er mag vieles sein. Unzählige Gerüchte ranken sich um seine Person. Allerdings ... ein Vampir? Dann steht sie vor ihm. Ihre Blicke treffen sich und ein Funke der Leidenschaft springt über. Elfriede Bauer erinnert ihn an eine Elfe … klein, reizbar, empfindlich und schwer versöhnlich. Dennoch ist sie seine Offenbarung - die eine Person, geboren, um das, was im Verborgenen liegt, aufzudecken. Jeder der beiden besitzt ein wohl gehütetes Geheimnis, bis: plötzlich Gemälde aus dem 15. Jahrhundert auftauchen, die Motive aus Dugals Leben zeigen; Elfriede Drohbriefe von einem Unbekannten bekommt; Träume zur Realität werden ... Können sie trotz allem einer gemeinsamen Zukunft entgegensehen? Wird ihre Liebe all den geheimnisvollen, mystischen und unergründbaren Geschehnissen standhalten?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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A. B. Schuetze

Gilbartas Fluch

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zum Buch

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

vielleicht noch ein letztes Wort

Danksagung

A. B. Schuetze

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Impressum neobooks

Zum Buch

„Sind Sie ein Vampir, Mr. McMall?“

Mit seinem stechenden Blick aus silbergrünen Augen, die alles und jeden eiskalt zu durchleuchten scheinen, starrt Dugal McMall sein Gegenüber an. Er mag vieles sein. Unzählige Gerüchte ranken sich um seine Person.

Allerdings ... ein Vampir?

Dann steht sie vor ihm. Ihre Blicke treffen sich und ein Funke der Leidenschaft springt über.

Elfriede Bauer erinnert ihn an eine Elfe … klein, reizbar, empfindlich und schwer versöhnlich. Dennoch ist sie seine Offenbarung - die eine Person, geboren, um das, was im Verborgenen liegt, aufzudecken.

Jeder der beiden besitzt ein wohl gehütetes Geheimnis, bis: plötzlich Gemälde aus dem 15. Jahrhundert auftauchen, die Motive aus Dugals Leben zeigen; Elfriede Drohbriefe von einem Unbekannten bekommt; Träume zur Realität werden ...

Können sie trotz allem einer gemeinsamen Zukunft entgegensehen? Wird ihre Liebe all den geheimnisvollen, mystischen und unergründbaren Geschehnissen standhalten?

1. Kapitel

Sommer - Amsterdam

Er stand im Schatten.

Lässig an eine Säule gelehnt, die Hände in den Taschen seiner maßgeschneiderten Anzughose, beobachtete er gelangweilt das rege Treiben der geladenen Gäste … Prominenz, Künstler, Galeristen, Politiker, Medien.

Es verlief wie zu allen Eröffnungen seiner Ausstellungen. Amanda begrüßte professionell jeden Besucher persönlich, hielt ihre Willkommensansprache, sagte einige Worte zu den Werken, eröffnete das Büfett und pflegte Small Talk mit dem einen oder anderen. Warum seine Anwesenheit als Mäzen gewünscht war, hatte sich ihm in all den Jahren nicht erschlossen.

Plötzlich stockte ihm der Atem. Alles Blut gefror in seinen Adern. Da stand sie. Unscheinbar für andere. Eine von vielen. Nicht so für ihn.

Er sah ihre üppigen und wohlproportionierten weiblichen Rundungen unter dem weiten, weich fließenden Sommerkleid, welches ihre schlanken Fesseln umspielte. Ihre Füße steckten in Sandaletten, deren Absätze von mindestens zehn Zentimetern sie um ein Deutliches größer erscheinen ließen. Eine Fülle langer, welliger Haare in der Farbe reifen Whiskys fiel ihr über den Rücken. In der Hand hielt sie einen eleganten Sonnenhut mit breiter Krempe und einem Band aus dem Stoff ihres Kleides.

Er kniff seine Augen zusammen.

Sommerkleid und Sonnenhut? Um diese Zeit? … Anscheinend kam sie direkt von unterwegs hierher, denn sie trug keine Abendrobe, wie all die anderen. … Wer war sie? Eine von den geladenen Gästen? Arbeitete sie für die Galerie? … Wie sie den Kopf leicht zur Seite neigte, wie sie in die Betrachtung des Gemäldes versank …

Selbstporträt im Arbeitszimmer wurde nicht ohne Grund als eines der beeindruckendsten Werke des Malers bezeichnet. Und es besaß eine frappierende Ähnlichkeit mit ihm selbst in seinem Arbeitszimmer. … Gefiel ihr das Äußere dieses Mannes?

Als hätte die junge Frau bemerkt, dass sie jemand anstarrte, drehte sie sich suchend um. Ihr Blick huschte über die Menge und verschmolz für einen Augenblick mit dem seinen.

Dugal wusste es sofort.

Ihre Augen erstrahlten in einem hellen Türkis mit einem Hauch Aquamarin wie das Wasser bei wolkenlosem Himmel vor den Inseln seiner Heimat. … Lippen für die Sünde geschaffen. Das Gesicht einer Elfe … hohe Wangenknochen, eine kleine, gerade Nase, perfekt geschwungene Augenbrauen, lange Wimpern, ein feines Kinn und ein schlanker Hals.

Sie war seine Offenbarung.

Wie jetzt … Offenbarung? Wie kam ihm nur so ein Gedanke?

Bei dem Begriff Offenbarung handelte es sich um die Aufdeckung eines unbekannten oder ungeklärten Sachverhaltes. Sollte sie die Antwort sein auf …

„Dug, Liebling! Da steckst du. Ich hätte es wissen sollen.“

Eine hohe Stimme sowie eine flüchtige Umarmung mit Küsschen auf die Wange holte ihn ruckartig zurück ins Hier und Jetzt. Sofort versteifte sich seine Haltung. Ob über die Unterbrechung seiner Beobachtung oder die Art der Begrüßung arg verärgert, zog er eine Braue nach oben. Ein böser Blick traf Amanda.

Sie wusste, wie sehr er Umarmungen und diese Küsschen hasste. Sie waren weder ein Liebespaar, noch Freunde in diesem Sinn, sondern lediglich …

Ja, was eigentlich? Amanda vertrat ihn in der Öffentlichkeit als seine Agentin in Sachen Kunst und Kultur. Ihren Vater sah er als väterlichen Freund an. Damit gehörte auch sie zur Familie. Nicht mehr und nicht weniger.

Es gab keine Veranlassung für eine derartig übertriebene Zurschaustellung von Zuneigung. Trotzdem versuchte sie es immer wieder, wahrscheinlich, weil es in gewissen Kreisen erwartet wurde.

„Amanda …“

„Ich möchte dir hier jemanden vorstellen“, flötete die junge Frau. Sie unterbrach ihn genau wissend, was er zu sagen vorhatte.

In ihrem Fahrwasser folgte ein Typ um die Dreißig, dessen braune Augen auf ihren Hintern und die hin und her schwingenden Hüften starrten. Das Haar lässig in die Stirn fallend, ein gepflegter Dreitagebart, ein Brillant im linken Ohr und ein Anzug, den er wie eine zweite Haut trug, ließen ihn als einen selbstbewussten Mann erkennen, der seine Ziele zu verfolgen wusste. Dazu zählte scheinbar nicht, den Gastgeber kennenlernen zu wollen, sondern lediglich der jungen Frau eine Freude zu machen.

„Dug, das ist Jasper van Drühe … ein echter Bewunderer deiner Bilder.“

Jasper van Drühe ließ von Amandas Rückseite ab und fokussierte innerhalb von Sekunden seine ganze Aufmerksamkeit auf sein Gegenüber. Er drückte sich an seiner Begleiterin vorbei und streckte Dugal überschwänglich seine Hand zum Gruß entgegen. „Und Sie sind also der berühmte wie auch geheimnisvolle Dugal McMall. … Dugal … der finstere Fremde. Hat ihr Nachname auch eine besondere Bedeutung, Mr. McMall?“

Dugal musterte den Mann unverhohlen, ohne eine Miene zu verziehen oder seine Gedanken preiszugeben. Jasper van Drühe erschien ihm sonderbar. Bewunderte er wirklich seine Bilder oder interessierte ihn lediglich seine Person? Wer wusste schon, dass Dugal finsterer Fremder bedeutete? Wollte er wie jeder andere hier nur gesehen werden? Dugal selbst erwartete Außergewöhnliches, wenn jemand so offen seine Bekanntschaft suchte. Amanda kannte seine Aversion Fremden gegenüber.

„Nun, Herr van Drühe, McMall ist einfach nur … ein Name. Ein Name ohne jegliche Bedeutung“, antwortete Dugal unterkühlt und nahm die ihm dargebotene Hand.

Enttäuschung machte sich auf van Drühes Gesicht breit. „McMall … nur ein Name. Schade“, meinte er unbeeindruckt von McMalls abweisender Präsenz und zuckte mit den Schultern. „Man hört ja so viel über Sie. … Kennen Sie all die Geschichten, die im Umlauf sind?“

Dugal kniff leicht seine Augen zusammen und fixierte sein Gegenüber. Daher wehte also der Wind. Ein wenig im Privatleben des geheimnisvollen Dugal McMall herumschnüffeln. Konnte Amanda ihm versichern, dass dieser van Drühe die Ausstellung der Bilder wegen besuchte und nicht zu den Schmierfinken gehörte, denen Privatsphäre anderer nichts bedeutete?

„Was wäre ich für ein Geschäftsmann, wenn ich all die Gerüchte nicht zu meinem Vorteil nutzen würde? Ich halte mich stets auf dem Laufenden, was das betrifft.“ In seiner leisen, tiefen Stimme schwang unterschwellig eine Drohung mit.

„Und? Sind Sie ein Vampir, Mr. McMall? Schlafen Sie tagsüber in einem Sarg in der Gruft auf Ihrer schottischen Insel? Haben Sie sich im Laufe der Jahrhunderte das Vermögen all der Opfer unter den Nagel gerissen, denen Sie das Blut ausgesaugt haben?“ Neugierig blickte van Drühe den Mann an, der vom Aussehen her seinem Vornamen alle Ehre machte.

Dugal McMall besaß eine beeindruckende Statur … hochgewachsen mit breiten Schultern und ausgeprägten Muskeln unter dem Designeranzug. Sein dunkles kastanienbraunes Haar trug er modisch kurz gestylt und eher unspektakulär. Sein stechender Blick aus Augen, die von hellem Grün bis Silbergrau changierten, seine hohen Wangenknochen, sein eckiges Kinn und der zu einem schmalen Strich zusammengekniffene Mund gaben seinem Gesicht allerdings einen harten und unbeugsamen Ausdruck. Sollte ein Lächeln seine Lippen umspielen, drang es nicht zu seinen Augen vor, die alles und jeden eiskalt zu durchleuchten schienen.

Es hieß, jener Mann käme nicht von dieser Welt. Niemals wurde er bei Tag gesehen. Alle seine Geschäfte wickelte er in den frühen Abendstunden und des Nachts ab. Man munkelte, die in seiner Ausstellung gezeigten Bilder wurden nicht von einem Urahnen, sondern von ihm selbst gemalt … vor mehreren Hundert Jahren.

Dugal brach in ein kurzes, schallendes Gelächter aus, welches für Sekunden die Aufmerksamkeit der umstehenden Besucher auf sich zog, und klopfte Jasper van Drühe auf die Schulter. „Mr. van Drühe, Sie gefallen mir. Direkt und gerade heraus. Wenn ich Ihnen jedoch mein Geheimnis verrate, müsste ich Sie hinterher töten. Das verstehen Sie doch sicher?“

Entweder dieser bemerkte die dunkle Aura nicht, die seinen Gastgeber umgab, oder sie ließ ihn kalt. Keinerlei Überraschung zeigend stimmte van Drühe in Dugals Lachen ein.

Nur Amanda stand wie vom Donner gerührt und ihre Gesichtsfarbe wechselte vor Schreck von Rot zu Weiß. Dass Jasper ein so heikles Thema anschneiden würde, hatte sie nicht vorhergesehen. Eine Vorstellung der beiden Männer wäre unter der Gegebenheit unmöglich gewesen. Mit Sicherheit würde ihre Fehleinschätzung Konsequenzen für sie nach sich ziehen. Sie musste von hier verschwinden. Jetzt. Sofort. Leise entschuldigte sie sich bei den Männern und wandte ihre Aufmerksamkeit sogleich den anderen Gästen zu.

Weder Dugal noch van Drühe hielten sie auf. Vielmehr unterhielten sie sich ausgezeichnet.

„Aber nun mal ernsthaft. Was verschlägt Sie in meine Ausstellung? Sind Sie ein Künstler? Ein Kunstinteressierter? Oder nur sensationsgeil?“

„Sensationsgeil?“

„Na schauen Sie sich doch um. Kaum einer von denen versteht etwas von Kunst. Sie wollen nur sehen und gesehen werden. Dafür nutzen sie jede sich bietende Gelegenheit. Je mehr Medienrummel, umso besser. Und so manch einer will sich bei solch einem Event lediglich kostenlos den Wanst vollschlagen.“

Van Drühe schüttelte amüsiert den Kopf. Anscheinend wunderte er sich über die abwertende und eher beleidigende Meinung McMalls. „Sie sind wirklich ein wunderlicher Kerl. … Entschuldigen Sie den Ausdruck, aber Sie werden in der Tat allen Gerüchten über Sie gerecht. Nun, was mich betrifft, ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Gemäldesammlung. Ich selbst handele mit Kunstwerken und ich muss es zugeben, ich bin ein Liebhaber und Sammler solcher seltenen Stücke. Das ist aber nicht der Grund, warum ich heute Abend die Gunst der Stunde genutzt habe, Sie kennenzulernen. … Ich besitze ein Gemälde, von welchem ich annehme, Sie würden es gern erwerben wollen.“

Sofort fuhren Dugals Augenbrauen nach oben. „Würde ich gern? Meine Intentionen gelten lediglich den Werken meines Urahnen. Von welchem Bild sprechen wir hier?“

Jasper van Drühe zog sein Smartphone aus der Tasche, wischte darüber und hielt es Dugal unter die Nase.

Dieser unterdrückte in letzter Minute ein lautes Stöhnen. „Weiten der Gezeiten“, murmelte er und riss den Kopf herum. Er schaute zu einem anderen Gemälde in der Ausstellung, vor welchem er noch wenige Minuten zuvor diese ätherisch schöne junge Frau bewundert hatte. Wo war sie hin? Sein Blick flog über die Galerie, sah aber weder das Sommerkleid noch den bernsteinblonden Haarschopf.

Seine Offenbarung, wie er sie in Gedanken nannte, war verschwunden, ohne dass er etwas über sie in Erfahrung bringen konnte.

Nach dieser Feststellung, starrte er wieder auf das in dunklen Farben gehaltene Selbstbildnis im Arbeitszimmer, welches sie so lange betrachtet hatte.

„Mr. McMall? Sie kennen das Bild? … Ähm … Entschuldigung, aber suchen Sie jemanden?“, erkundigte sich van Drühe unsicher.

Fiel es ihm schwer, McMalls plötzlich seltsames Verhalten einzuschätzen? Vermeinte er gar, einen Anflug von Gefühlen in dessen Gebaren gesehen zu haben?

„Was? … Ach so. Ja. Nein.“ Innerlich fluchte Dugal. Erst das Gemälde hier und dann auch noch der Verlust dieser Frau. Er konnte van Drühe schlecht anvertrauen, dass er das Bild zwar nicht kannte, dessen Motiv jedoch jeden Tag sah, wenn er aus seinem Fenster blickte.

Mit Mühe zwang er sich durchzuatmen und zumindest nach außen hin zur Ruhe zu kommen. Dugal wischte sich mit der Hand übers Gesicht. Auf der Stelle verschwand der aufglimmende Ausdruck von Verzweiflung und Verwirrtheit. Er herrschte lediglich einen Wimpernschlag vor, der einzig einem geschulten Beobachter nicht entgangen wäre. Nun wirkte er wieder, wie man ihn kannte. Kalt. Finster. Geheimnisvoll.

„Verzeihen Sie. Ein Déjà-vu. Ja, ich kenne dieses Werk, wusste bisher nur nicht, wer es bisher besaß. Ich hoffe, Sie verkaufen es mir. Wie ist Ihr Preis?“ Er konnte ihm schlecht antworten, dass er nicht wusste, welche Gemälde sein Urahn geschaffen hatte. Noch weniger, ob all diese Bilder nicht seine eigene Fantasie statt die seines Namensvetters aus dem 15. Jahrhundert widerspiegelten.

Van Drühe machte nicht den Eindruck, als hätte er Dugals innere Zerrissenheit bemerkt. Er überlegte einen Moment, bevor er antwortete: „Kommt darauf an.“

„Worauf?“

„Was Sie an dieser Ausstellung verdienen.“

Verdutzt starrte Dugal den Kunsthändler an. Dessen Mimik zeigte ihm allerdings nicht, ob er seine Antwort ernst meinte oder nur darauf abzielte, ihn aus der Reserve zu locken. „Und ich dachte, Sie hätten sich eingehendst über mich informiert. Oder galt das nur den Gerüchten zu meiner Person? … Nun, ich verdiene nichts an meinen Ausstellungen. Ich werde kein Kapital aus dem Talent meines Ahnen schlagen. Alles was hier an Eintrittsgeldern eingenommen wird, fließt in einen Fonds zur Finanzierung kultureller Projekte und Leistungsstipendien für angehende Künstler. Und zwar beides weltweit. Die Galeristen bekommen die Erlöse aus dem Merchandising ...ähm ... Vermarktung der Gemälde. Sagt man so? ... Ich meine den Verkauf von Postkarten, Kalender, Kataloge, etc.“

„Kopien der Gemälde?“

Dugal lachte. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, aber Fotoleinwände und Poster. … Außerdem zahle ich einen Anteil der Miete für drei Monate. Sie sehen, für mich ist das kein Geschäft, vielmehr ein persönliches Anliegen. … Was jetzt, mein Freund?“

„Mein Freund, Mr. McMall? Sind wir das? Freunde? Sie haben gut gekontert und ich mag das.“ Jasper van Drühe fischte eine Visitenkarte aus seiner Jackentasche. „Besuchen Sie mich doch morgen. Morgen Abend … versteht sich. Ich glaube, wir kommen ins Geschäft. Jetzt muss ich mich noch ein Weilchen unter das sensationsgeile Publikum mischen. Auch ich habe einen Ruf zu wahren. Und Sie … Ich denke, ich habe Sie für heute genug in Anspruch genommen. Leben Sie wohl … mein Freund.“ Er hob zum Gruß den Arm und verschwand, ohne sich nochmals umzublicken, im Getümmel der Reichen und Schönen.

Zurück blieb ein Dugal McMall, der ihm nachdenklich hinterherschaute. Ein undurchsichtiger Zeitgenosse. Sehr selbstbewusst. Hatte er sich vielleicht in ihm getäuscht? Sah van Drühe mehr, als gut für ihn war? Oder für ihn ... McMall? Er schüttelte leicht den Kopf. Es wurde Zeit zu gehen. Die Geschäfte warteten.

Ein letztes Mal blickte sich Dugal McMall um. Dann trat er aus dem Schatten der Säulen heraus. Auf seinem Weg durch die Galerie in Richtung Ausgang schien ihn keiner zu erkennen, geschweige denn aufhalten zu wollen. Es war ihm egal, denn er wusste, sie amüsierten sich auch ohne ihn, dem Gastgeber.

***

Zwischen dem felsigen Gestein bedeckten hin und wieder robuste Gräser und Blumen den Boden. Es war ein eher trostloses Stückchen Erde bis zur Steilküste. Doch dahinter lag die endlose Weite des Meeres, dessen Kraft die Wellen unaufhaltsam gegen die Felsen des Ufers krachen ließ. Bei günstigem Wind war die Brandung so gewaltig, dass sich die Wassermassen einen Kampf mit dem kargen Boden lieferten. Die wenigen Sonnenstrahlen zwischen den dahinziehenden Wolken brachen sich in den Wassertropfen und bildeten hier und da kleine Regenbogen.

Dugal McMall stand vor dem Gemälde und bewunderte ein ums andere Mal, wie es dem Maler gelungen war, dieses Naturschauspiel einzufangen und auf Leinwand zu bannen. Es vermittelte in der Tat den Eindruck, als schaute er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im Herrenhaus auf einer der kleineren unbewohnten Inseln im hohen Norden Schottlands.

„Ein Landschaftsbild ohnegleichen. Man möchte zurückspringen, um nicht nass zu werden. Täuschend echt und man fragt sich, wo befindet sich diese zauberhafte Küste.“ Jasper van Drühe war neben Dugal getreten.

Am frühen Abend hatte Dugal McMall, wie verabredet, das kleine, imposante Handelshaus in der Prinsengracht in Amsterdam aufgesucht.

Das dreigeschossige Haus beeindruckte durch seine großen Fenster und die blaue Fassade, mit welcher es aus der Reihe der Gebäude dieser Straße herausstach. Ebenso ließen die Ausstellungsräume, in die der Besucher über ein Podest mit beidseitigen Steinstufen und einem kunstvoll gefertigten schmiedeeisernen Geländer gelangte, den extravaganten Geschmack des Inhabers erkennen.

Nach dem ersten Kennenlernen am gestrigen Abend vermutete Dugal zwar eine außergewöhnliche Kunsthandlung, erwartete sie aber nicht wirklich.

„Wie alle Bilder des Malers sind auch hier die Farben einmalig schön und … selten. Also, Mr. McMall? Was ist Ihnen das Gemälde wert?“ Van Drühe drehte das Bild herum, um ihm die Inschriften auf der Rückseite zu zeigen. „Und wie üblich hat Ihr Vorfahr Dugal MacNjal die Entstehungsgeschichte des Werkes hier niedergeschrieben.“

Es handelte sich definitiv um die Schrift des Künstlers. Dugal kannte sie wie seine eigene Handschrift. Sie sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Würde eine grafologische Prüfung einen Unterschied feststellen?

„Geht es darum, wie viel es mir wert ist oder was Sie von mir dafür bekommen?“

Van Drühe schüttelte lachend den Kopf und füllte zwei Gläser, die neben Käse und Trauben auf einem kleinen Beistelltisch standen, mit dunkelrotem Regent. „Wein und würziger Käse aus meiner Heimat. Trinken wir auf unser Geschäft. … Sie sind ein Fuchs, Mr. McMall. … Also? Wie viel?“

„Zwölf fünf und ein Blick auf das große Bild, welches dort in der Ecke steht.“

Der Kunsthändler folgte Dugals Blick.

Ein mannshohes Bild mit lebendigen Farben hatte dessen Aufmerksamkeit geweckt. Er glaubte mit Sicherheit, ein weiteres Gemälde von MacNjal vor sich zu haben.

Es befand sich in der letzten Lieferung, die noch in Kisten verpackt und auch teilweise mit Tüchern verhüllt etwas abseits stand. Sie stammte aus einer größeren Haushaltsauflösung, die van Drühe aus Zeitmangel noch nicht näher in Augenschein genommen hatte.

„Okay, zwölf fünf scheint mir ein fairer Preis. … Und das hier“, van Drühe durchschritt den Raum zur anderen Seite hinüber, „sind Kunstwerke, die mir heute geschickt wurden. Zumindest nehme ich an, dass es Kunstwerke sind“, fügte er hoffnungsvoll hinzu. „Mit zwei, drei wertvollen Stücken wäre ich schon vollends zufrieden.“ Sich einen Happen Käse mit Trauben in den Mund schiebend betrachtete er einige der Gegenstände. Dann zupfte er das bereits halb herabhängende Tuch von dem Gemälde und trat einen Schritt zurück.

Van Drühe verschlug es die Sprache. Er starrte mit großen Augen gebannt auf das Werk.

Ebenso McMall. Dugal stand wie versteinert vor dem Bildnis. … Seine Offenbarung.

Noch gestern hatte er sie in der Ausstellung gesehen. Oder war sie nur eine Fata Morgana gewesen?

Wahrscheinlich, denn nun stand sie hier vor ihm, gemalt im 15. Jahrhundert. Sie trug ein Gewand, typisch für das Schottland eben jener Zeit. Es bestand aus einem langärmeligen Unterkleid in einem zarten Hellblau und einem Überkleid mit weit fallenden, geschlitzten Ärmeln in der Farbe ihrer Augen, einem intensiven Türkis. Der breite, ovale Halsausschnitt betonte die wohlgeformten weißen Schultern, die nahezu unbedeckt waren. Ein Mieder, eng und ab der Taille glockig ausgestellt, betonte ihre üppigen Kurven. Die Farbe des Unterkleides wurde im kunstvoll gewirkten Muster des Überkleides wieder aufgegriffen. Um die Hüfte lag ein lockerer Gürtel aus Metallplättchen.

Sie sah umwerfend aus.

Ihr goldblondes Haar fiel ihr in Wellen offen über den Rücken. Der Blickwinkel entsprach dem aus der Galerie, als sie ihm in die Augen sah … halb im Profil mit zurückgedrehtem Kopf. Sie blickte den Betrachter aus ihren großen strahlenden Augen mit den dichten, schwarzen Wimpern direkt an. Ihre vollen Lippen mit dem ausgeprägten Amorbogen waren leicht geöffnet.

Sie war einmalig schön.

Eine Haut wie Porzellan, hohe Wangenknochen, eine kleine gerade Nase, perfekt geschwungene Augenbrauen, ein feines Kinn und ein schlanker Hals … alles genauso, wie sich Dugal an sie erinnerte.

Aber wie konnte das sein? Hatte er das Bild schon irgendwann einmal gesehen? Narrte ihn sein Verstand? Machte sich Verwirrung bei ihm bemerkbar? Wieder einmal strich sich Dugal verzweifelt über sein Gesicht, als könnte er die Tatsachen damit wegwischen.

Das Bild verschwand nicht.

„Wow! Das ist … unglaublich. Man hat das Gefühl, sie würde jeden Augenblick aus dem Bild steigen. So lebendig. Genau wie sein Selbstbildnis im Arbeitszimmer. … Im Übrigen, hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie Ihrem Namensvetter verdammt ähnlich sehen?“

Fast hörte Dugal ihn sagen: Das ist doch die Kleine von gestern. Stattdessen stellte dieser eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Vorfahren fest. Auch diese kam ihm nicht mehr wie ein Zufall vor.

„Mr. McMall? Alles in Ordnung? Ich nehme an, diese Schönheit möchten Sie auch erwerben? … Mr. McMall? Dugal?“ Van Drühe wedelte bereits mit der Hand vor dem Gesicht seines Besuchers hin und her, um dessen Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Erst bei seinem Vornamen starrte dieser ihn an, noch immer nicht ganz im Hier und Jetzt.

„Ah, da ist er wieder. Wo waren Sie denn mit Ihren Gedanken? … Bei unserer schönen jungen Lady?“

Dugal zwinkerte nicht, nickte aber zustimmend. „Belassen wir es dabei, dass es ab sofort meine schöne junge Lady ist“, kam im gewohnten harten Tonfall. „Da ich Ihnen für das andere Bild zwölf fünf geboten habe, schlage ich für dieses hier … das Doppelte vor.“ Er schaute den Kunsthändler forschend an. „Und? Was sagen Sie dazu?“, hakte er nach.

Jasper van Drühe sprang beinahe vor Freude an die Decke. Selten, sehr selten machte er solche lukrativen Geschäfte. Er verstand diesen geheimnisumwitterten Schotten. Sein Vorfahr war ein Meister seiner Kunst gewesen und für dessen Gemälde lohnte es, …

„Sie zahlen doch in Pfund?“

„In Pfund. Das versteht sich von selbst.“

… jedes Pfund zu zahlen.

„Dann lassen Sie uns auf das Geschäft anstoßen und dass wir auch in Zukunft derartige Transaktionen tätigen können, Mr. McMall.“ Van Drühe füllte noch einmal die Gläser auf.

„Und auf unsere Partnerschaft. … Ich würde Sie gern als meinen persönlichen Kunsteinkäufer engagieren. Keine Angst, Sie verlieren dadurch Ihre Unabhängigkeit in keiner Weise. Ich möchte lediglich, dass Sie für mich Augen und Ohren offen halten, für den Fall, dass noch mehr Bilder meines Ahnen im Umlauf sind. … Über Ihre Bezüge werden wir uns sicherlich einigen.“

Beinahe hätte van Drühe den Rotwein verschüttet, so überraschte ihn dieses Angebot. Er musste nicht überlegen und willigte freudig ein. Diese Chance gab es nur ein Mal im Leben … für den Dugal McMall zu arbeiten.

2. Kapitel

Schottland – Spätsommer

zwei Jahre später

Nach einer achtstündigen Odyssee über London und Edinburgh stieg Elfriede in Sumburgh aus dem Flugzeug. Sie dankte Gott, dass sie endlich wieder auf festem Boden stand.

Noch während des Anfluges auf den Airport hatte sie geglaubt, diesen niemals zu überleben. Ein Blick aus dem Fenster und ihr Herz blieb beinahe stehen. Krampfhaft hielt sie sich deshalb an den Armlehnen ihres Sitzes fest. Links der Landebahn … Wasser. Rechts der Landebahn … Wasser. Sicher. Was dachte sie denn? Ihr Zielort lag am südlichen Zipfel der Shetlandinseln. Wie aus dem Namen bereits ersichtlich war, handelte es sich um eine Insel.

Sie brauchte einige Minuten, in denen sie mehrmals tief durchatmete, damit sie wieder zu sich selbst fand und zur Ruhe kam.

Mit zitternden Händen und noch wacklig auf den Beinen schnappte Elfriede ihr Handgepäck und folgte den anderen Passagieren ins Flughafengebäude.

Hier stand sie nun und ihr Inneres jubelte. Sie lebte noch. Gott sei Dank, sie lebte noch. Schlimmer konnte es nicht mehr werden. Sie wurde jetzt mit dem Auto abgeholt und die Überfahrt mit dem Boot überstand sie auch noch. Laut dem Schreiben ihres Auftraggebers wartete einer seiner Angestellten am Informationsschalter auf sie. Somit blieben ihr nochmals fast vier Stunden mit Linienbus und Fähre erspart. Dafür dankte sie ihm.

In der Empfangshalle verschaffte sich Elfriede sofort einen Überblick, wo sich dieser Schalter befand. Ihren kleinen Trolley führte sie als Handgepäck mit sich und sparte dadurch kostbare Zeit. Bereits einen Moment später steuerte sie die Auskunft an.

Allerdings stand dort kein Chauffeur, der auf sie wartete, sondern lediglich ein Typ, wie aus einem Film entsprungen. Seine dunkle Cargohose steckte in schwarzen Armeestiefeln. Mit der einen Hand hielt er eine Bomberjacke, die lässig über seiner Schulter hing. Mit der anderen schob er seine Pilotenbrille ganz langsam nach oben in sein hellblondes, effektvoll verwuscheltes Haar und checkte sie unverhohlen von oben bis unten ab.

So ein Fatzke! Wie unverschämt benahm sich der denn, schoss es ihr durch den Kopf.

Wie zur Krönung zog er eine seiner Augenbrauen nach oben, spitzte die Lippen und stieß einen anerkennenden kleinen Pfiff aus.

Innerlich stöhnte Elfriede auf. Was?! Na noch plumper ging es nicht!

Bevor Elfriede die junge Dame hinter dem Tresen um Auskunft bitten konnte, sprach der Typ sie an. „Ms. Bauer? Elfriede Bauer?“

Überrascht drehte sie sich zu ihm um und sah in braune Augen, aus denen der Schalk blitzte. Nur am Rand nahm sie das verschmitzte Lächeln und ein Grübchen am glattrasierten Kinn wahr. Eher interessierte sie zu erfahren, woher er ihren Namen kannte. Dieser McMall hatte ihn wohl kaum auf den gesamten Shetlands ausposaunt.

Bei der Erkenntnis, dass dieser Schnösel sie allem Anschein nach in Empfang nehmen sollte, presste sie die Lippen aufeinander und atmete tief durch die Nase aus. Dabei entkam ihr ein leises, genervtes Stöhnen, welches sein Lächeln gleich noch breiter werden ließ. Ein Augenverdrehen konnte sich Elfriede gerade noch verkneifen. „Wer möchte das wissen? … Ich bin Elfriede Bauer. Und Sie sind …“

„Oh! Toll!“ Die Augen des jungen Mannes leuchteten auf. „Freut mich. Ich bin Liam Scott. Sagen Sie Liam zu mir. Ich werde Sie rüber auf die Insel bringen.“ Dabei versuchte er nicht einmal ein Lachen zu unterdrücken.

Sein Pech nur, dass Elfriede keinen Grund für eine derartige Freude erkannte. Auf sie wirkte es, als amüsierte er sich auf ihre Kosten. Verwirrt schüttelte sie den Kopf und verdrehte nun doch die Augen.

„Ist das alles an Gepäck, was Sie haben … Ms.?“ Seine Frage verschluckte er wieder in einem Lacher, sah sich jedoch angesichts Elfriedes genervter Miene dazu verpflichtet, sie aufzuklären. „Sie müssen verzeihen, aber der Boss erwartet eine … Nun sagen wir … eine ältere Lady … Hornbrille, graues Kostüm, Knoten im Nacken und die nur ihren Beruf kennt. Sie wissen, was ich meine? Und wenn Sie jetzt da aufkreuzen … Ich würde zu gern sein Gesicht sehen.“

Dieser McMall erwartete demnach eine alte Jungfer. Dann würde er in der Tat sein Wunder erleben. Bei diesem Gedanken musste sogar Elfriede lächeln.

Liam nahm den Trolley und zwinkerte ihr zu. Mit einem Nicken zeigte er die Richtung an, in die sie gehen sollte. „Hier geht es entlang.“ Er sah Elfriedes Schmunzeln nicht und da sie so lange schwieg, fragte er reumütig nach: „Sie nehmen mir doch meine kleine Schadenfreude nicht übel? … Oder?“

Elfriede kam nicht dazu, ihm zu antworten. Ihr schwante Böses. Der Weg, den sie einschlugen, führte definitiv in die falsche Richtung. Ohne Vorwarnung blieb sie wie angewurzelt stehen. „Ähm … Hier geht es doch nicht zu Ihrem Auto, sondern zu den Landebahnen.“ Energisch stemmte sie die Füße in den Erdboden, nicht gewillt, auch nur einen Schritt weiter zu gehen.

Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Das Outfit des jungen Mannes ergab plötzlich Sinn. Es handelte sich um keinen Chauffeur. Also nicht in der eigentlichen Bedeutung des Wortes. Er war ein Pilot.

„Alles in Ordnung?“ Liam grinste sie von der Seite an. „Oh!“ Ihm ging scheinbar ein Licht auf. „Sie wussten es nicht? Wir fliegen mit dem Heli hinauf auf die Insel vom Boss. ... Wie es scheint, hielt er es nicht für nötig, Sie von dieser Nichtigkeit in Kenntnis zu setzen“, antwortete er feixend.

Allein die Tatsache, dass sich ihre Reise als eine Art Inselhopping entpuppte, machte sie auf Frederike wütend. Diese wusste, dass Elfriede das Fliegen hasste, obwohl sie keinen plausiblen Grund dafür nennen konnte. Oder doch. Es waren genau solche Airports wie der von Sumburgh. Jetzt kam dieser Helikopterflug hinzu, der ihrer Überzeugung neue Nahrung gab. Nun verdammte sie neben der Fliegerei auch ihre Freundin, die sie überredet hatte, diesen Auftrag anzunehmen.

Wenn Gott gewollt hätte, dass der Menschen flog, hätte er ihm Flügel gegeben. Elfriede wusste nicht einmal, woher diese Worte plötzlich kamen und ob sie so stimmten. Auf jeden Fall sprachen sie ihr aus dem Herzen. Zu ihrem Unglück musste sie jedoch öfter auf diese Beförderungsart zurückgreifen. So auch dieses Mal. Leider.

Außerdem verstand sie nicht, wie einer ständig so gut drauf sein konnte. Begriff Liam den Ernst der Lage nicht? Leise knurrte sie, aber nicht leise genug.

Verwundert drehte er sich zu ihr um. „Sie sind wohl nicht flugtauglich, was? Das gibt sich mit der Zeit. Glauben Sie mir.“

Eigentlich brauchte sie nichts zu erwidern. Es stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Das würde ich ja gern, aber ich werde lediglich meinen Job machen und noch einen Flug zurück über mich ergehen lassen. Das war es dann aber auch schon. Da bleibt nicht genug Zeit, mich daran zu gewöhnen. Glauben Sie mir.“

Sein Gesichtsausdruck und sein Grinsen nahmen vielversprechende und geheimnisvolle Züge an. „Ms. Bauer, Sie mögen vielleicht in diesem Moment von der Richtigkeit Ihrer Aussage überzeugt sein, jedoch saßen Sie noch nicht in meiner Maschine und sind über die Nordsee geflogen. Selbst wenn Sie unschöne Erfahrungen mit Flugzeugen gemacht haben, Sie werden bei einem Helikopterflug überrascht sein. … Sicherlich, wir gehen in die Luft. … Aber wir heben ganz sachte nach oben ab, fast wie ein Fahrstuhl. Die unangenehme kräftige Startphase fällt weg und damit auch die Beschleunigung, die für viele unerträglich sein kann. Wenn Sie obendrein unter Höhenangst leiden … Mein Heli bleibt ganz ruhig in der Luft. Sie werden es merken. Und was noch viel wichtiger ist, wir fliegen nicht so hoch. Dadurch bekommen Sie jede Menge zu sehen und werden dadurch abgelenkt.“

Liam textete sie dermaßen zu, dass Elfriede erst wieder zu sich kam, als sie vor einem etwas größeren Hubschrauber stehen blieben. „Das ist mein Baby.“ Beinahe liebevoll schaute der junge Mann den Riesenvogel an. „Es wird Sie ganz sicher an Ihr Ziel bringen. Hüpfen Sie rein, Lady! Schnallen Sie sich an und setzen die Kopfhörer auf. Und vertrauen Sie mir, ich fliege Sie wie ein rohes Ei. … Sollte dennoch irgendetwas sein, dann lassen Sie es mich einfach wissen.“

Was blieb Elfriede anderes übrig, als Liams Bitte nachzukommen.

***

Nach einem zwanzigminütigen Flug landeten sie auf einer winzig kleinen Insel.

Elfriede schwirrte der Kopf, und das nicht nur vom Helikopterflug. Liam hatte recht behalten. Dieser Flug hinterließ ein absolutes Wow-Gefühl. Die vielen kleinen Inseln, an deren Felsgestein sich die Wellen der Nordsee brachen; die unendlich scheinende Weite des Meeres; das satte Grün der Hauptinseln neben alten Gemäuern, Zeitzeugen und Touristenmagneten; die Sonne, die am Horizont orange-rot im Wasser versank. Der junge Mann hatte nicht zu viel versprochen.

Nun stand Elfriede auf diesem winzigen Eiland und drehte sich langsam im Kreis. Wahrscheinlich wirkte das Grinsen in ihrem Gesicht auf andere bescheuert. Doch darüber machte sie sich keine Gedanken.

Der Helikopter entschwand aus ihrem Sichtfeld und ein dreistöckiges Herrenhaus schob sich hinein. Ein Haus, gebaut aus groben Steinbrocken, eins mit dem Fels inmitten des Meeres. Spärliche grüne Flecken durchzogen mit rosa und roten Wildblumen zwischen dem Gestein waren die einzigen Farbtupfer rund um das Gebäude bis hin zur Steilküste. Nach einer vollen Runde stand sie wieder vor dem Helikopter und seinem Piloten.

„Und? Hab ich mein Wort gehalten? Ich habe Sie unversehrt auf der Insel abgesetzt. … Das ist das Herrenhaus der McMalls.“ Liam zeigte auf das Gebäude hinter ihr. „Man flüstert, es sei verflucht, McMall sei nicht von dieser Welt, ein …“

„Liam! Erzähl nicht immer so einen Unfug!“

Von der Treppe des Herrenhauses erklang eine ruhige, jedoch energische Stimme zu ihnen herüber.

Ein Mann um die Sechzig kam die Stufen herunter. Sein Blick musterte Elfriede von oben bis unten. Jäh erstarrte er, wie zu Tode erschrocken.

Elfriede meinte, er hätte die Luft angehalten.

„Das ist William Spencer, der gute Geist des Hauses … Diener, Butler, väterlicher Freund von Mr. McMall“, stellte Liam ihn vor. Als William nicht antwortete, hüpfte er auf sich aufmerksam machend um ihn herum. „William? … Hallo! … Hallo-ho! Was ist denn los mit Ihnen? Haben Sie noch nie einen Engel gesehen? … Das ist Ms. Elfriede Bauer.“

Liams sportliche Einlage riss den Alten aus seiner Starre. Er versetzte dem jungen Piloten eine Kopfnuss und räusperte sich unangenehm berührt.

„Vergeben Sie einem alten Mann, dass er Sie so anstarrt, aber Ihre Erscheinung hat mich total aus dem Konzept gebracht. Seine Lordschaft hatte eine …“ Er räusperte sich erneut und schaute beschämt zu Boden. „Nun ja, wir hatten eine ältere Lady erwartet. … Ms. Bauer, wenn Sie mir bitte folgen würden?“

Liam konnte sich wieder ein lautes Lachen nicht verkneifen. „Habe ich es Ihnen nicht prophezeit? Sie bringen hier alle in die …“

„Hast du nichts zu tun, du Lausebengel“, schallt William ihn. „Hör auf zu lachen und hol das Gepäck von Ms. Bauer. Danach kannst du für heute Feierabend machen.“ Kopfschüttelnd wandte er sich an Elfriede und bat sie erneut, ihm zu folgen.

Sie hatte die Szenerie mit einem Schmunzeln beobachtet. Wie Liam zu lachen, fand sie in Anbetracht der ohnehin schon seltsamen Situation nicht ratsam. Auf keinen Fall wollte sie William sich noch schlechter fühlen lassen. Wahrscheinlich verzieh er sich schon selbst nicht, vor einem Gast derart die Contenance verloren zu haben. Es schickte sich nicht, ihn mehrere Sekunden anzustarren. … Warum auch immer. Sollte sie sich darüber Gedanken machen? Vielleicht. Sie nahm Liam ihren Trolley ab. Lächelnd zwinkerte sie ihm zu und flüsterte: „Ähm … Habe ich etwas im Gesicht? Schmutz? Eine Warze? Schiele ich?“ Und als Liam amüsiert verneinte, fügte sie hinzu: „Übrigens hattest du so was von recht … Lausebengel. Vielleicht solltest du für mich in Rufbereitschaft bleiben, für den Fall, dass ich schnell den Abflug machen muss.“ Dann drehte sie sich um und beeilte sich, den Butler auf der breiten Freitreppe hinauf zur doppelflügeligen Haustür einzuholen.

Elfriede betrat hinter dem älteren Mann, der steif und vornehm voranschritt, eine großräumige Empfangshalle mit repräsentativem Charakter. Staunend schaute sie sich um.

Direkt vor ihr führte eine Treppe mit einem kunstvoll gedrechselten Geländer ins nächste Stockwerk. Auf der rechten Seite der Halle befanden sich mehrere kleinere Türen, während auf der linken eine imposante offene Doppeltür den Blick in einen stilvoll eingerichteten Salon freigab. Unüblicherweise gab es keinen protzigen Kronleuchter, der den Eingangsbereich ausleuchtete, sondern jede Menge moderne Wandlampen, die ein warmes, aber helles Licht erzeugten. Außer einer Garderobe, einem großen Wandspiegel und einem kleinen Tischchen davor fehlten jeglicher Zierrat, Gemälde und dergleichen.

Auf den ersten Blick schien alles sehr spartanisch eingerichtet, der Kenner jedoch erkannte das Vermögen hinter der Einfachheit. Alle Türen bestanden aus schweren edlen Hölzern mit feinen Schnitzereien aus den Kulturkreisen der Pikten, Nordmänner und Wikinger, die mit viel Liebe zum Detail ausgeführt worden waren. Der Fußboden zeigte ein kompliziertes Mosaik aus äußerst strapazierfähigem, auf Hochglanz poliertem Naturgestein in den Farben Beige bis Dunkelbraun. Mit dem hellen Wandputz stellte die Halle rundum ein Kunstwerk in sich dar.

Elfriede fragte sich gerade, wie alt sowohl das Haus selbst als auch die Inneneinrichtung sein mochten, als William sich räuspernd zu ihr umdrehte. Hatte sie sich zu lange umgeschaut? Auf seinem Gesicht zeigte sich, dass er ihr unverhohlenes Interesse keinesfalls guthieß. Auch aus seinen Worten, die er unversehens an Elfriede richtete, war ein leichter Tadel herauszuhören. „Wenn die Sie sich alles genau angeschaut haben, kann ich Sie ja dann seiner Lordschaft vorstellen. Bitte folgen Sie mir. … Ihr Gepäck können Sie hier stehen lassen.“ Ohne sich nochmals umzublicken, stieg er die Treppe empor.

Seine Lordschaft, äffte sie den Butler im Stillen nach. Keinesfalls nannte sie den Hausherrn seine Lordschaft. Sie dachte gar nicht daran. Also, das konnte ihre Freundin niemals gutmachen. Es grummelte schon wieder in Elfriede. Wo war sie da nur hineingeraten?

Als Inhaberin einer kleinen Galerie hatte Frederike vor Wochen die günstige Gelegenheit gesehen, die Gemäldeausstellung ihrer Träume zu ergattern. Bedauerlicherweise fehlten von zwei Bildern die Gutachten für ihre Versicherung. Was lag da näher, als die beste Freundin aller Zeiten um einen klitzekleinen Gefallen zu bitten. Der entwickelte sich vom ersten Moment an zu einem Albtraum.

McMall wollte die Bilder in seinem Haus begutachten lassen. Warum auch nicht? Sein Haus stand ja nur auf einem Felsen am nördlichsten Zipfel von Schottland. Ein Katzensprung von Berlin aus.

Seit Anbeginn hatte eine Unannehmlichkeit die andere nach sich gezogen. Schlussendlich befand sie sich an diesen Punkt … im Schlepptau eines Butlers aus längst vergangenen Zeiten, der sie offensichtlich nicht mochte.

Tief durchatmend schüttelte sie den Kopf. Sie betrachtete ihren Vordermann näher.

Seine steifen Manieren, sein distanziertes Verhalten, die blitzblank polierten Schuhe, die schwarze Hose mit akkurater Bügelfalte, das Nadelstreifenjackett mit dazu passender silberfarbener Weste und kurzer, breiter Krawatte derselben Farbe wie auch das blütenweiße, frisch gestärkte Hemd … Das alles zeugte wahrlich von einem Butler wie aus dem Buche.

Am obersten Treppenabsatz blieb er unerwartet stehen, und Elfriede wäre um ein Haar in ihn hineingelaufen. Sie konnte es fast nicht glauben, aber seine Mimik war nochmals um eine Nuance härter geworden.

Aus einer der Türen, die einen Spalt offen stand, hörten sie einen heftigen Disput.

Ein heftiger Disput? Wohl eher ein ausgemachter Streit. Krach im Paradies. Elfriede fiel es schwer, bei einer derartigen Begrüßung im Hause seiner Lordschaft ein ernstes Gesicht beizubehalten.

William wandte sich zu ihr um, zuckte kaum merklich mit den Schultern und meinte in einem dennoch sehr gefassten, ruhigen Ton: „Bitte warten Sie hier, Ms. Bauer. Ich werde Sie anmelden.“ Damit lief er den Gang zu besagtem Zimmer hinab, aus dem ein immer lauter werdende Wortwechsel drang.

„Warum denn nicht?! Du weißt doch, wie ich zu dir stehe.“

„Amanda! Du glaubst nur, dass du derartige Gefühle für mich hast. Wir kennen uns schon, seit du ein kleines Mädchen warst. Du bist für mich Familie … eine kleine Schwester. Mehr ist da nicht und mehr wird da auch nicht sein.“

„Du sagst es, wir kennen uns schon so lange. Wir wissen beide um unsere Stärken und Schwächen. Keiner ist sich je so nah gewesen, wie wir es sind. Vielleicht ist es gerade das, was du brauchst. Ich kann damit umgehen. … Ich möchte dein sein, freiwillig und bis dass der Tod uns scheidet, genau so wie es …“

„Verdammt, Amanda! Nein! … Genau das haben andere Frauen schon vor dir behauptet und letztendlich haben sie es kein Jahr mit mir ausgehalten. Sie waren nur hinter dem Titel und dem Geld her.“

„Aber ich bin nicht wie die anderen Frauen. Du kennst mich. Ich werde dich niemals verlassen. … Dugal, ich liebe dich wirklich!“

Die Stimme der Frau war schon gefährlich hoch. Es fehlte vermutlich nur noch ein Satz von ihm und sie würde sich hysterisch schreiend die Haare raufen oder ihm die Augen auskratzen.

Er hingegen lachte laut auf. Kein freundliches Lachen, sondern voller Sarkasmus, Hohn … aber auch Schmerz.

„Mach dir doch nichts vor! Du sagst, du liebst mich?! … Aber nicht wie eine Frau ihren Liebsten! Es tut mir leid, ich liebe dich zumindest nicht so, wie du es als Frau verdienst. Amanda, wenn du nicht auch hinter meinem Geld her bist, hat jeder x-beliebige Mann dir mehr zu bieten als ich. Schau, Jasper van Drühe - er ist dir verfallen. Er würde alles für dich tun, dich auf Händen tragen, dir die Sterne vom Himmel holen und dir alles zu Füßen legen, was dein Herz begehrt. … Ich werde nicht zulassen, dass du dich an mich klammerst und am Ende unglücklich wirst.“

„Aber es macht dir nichts aus, wenn ich ohne dich unglücklich bin?! … Noch ist nicht das letzte Wort gesprochen!“

Die Tür flog vollends auf, noch bevor William sie erreicht hatte. Eine wunderschöne Frau mit wallendem kupferrotem Haar stürmte heraus. Ihre smaragdgrünen Augen funkelten böse. Ihr Teint war vor Aufregung rosa. Sie schaute weder links, noch rechts.

„Amanda, bitte …“

Entsetzt schaute sie William an, als überlegte sie, was er von ihr wollte. Sekundenschnell fasste sie sich wieder, warf im Vorübereilen einen Arm in die Höhe und stieß durch zusammengebissene Zähne hervor: „Nicht jetzt, Vater!“ Sie rauschte an Elfriede vorbei. Im nächsten Augenblick flog irgendwo auf der anderen Seite des Hauses eine Tür mit lautem Knall ins Schloss.

Gleichzeitig verschwand William durch jene Tür, aus der Amanda gekommen war.

Nicht die Lady des Hauses. Kein Paradies. Nur eine verschmähte Frau. Eine wütende verschmähte Frau und zugleich die temperamentvolle Tochter des Butlers. Was hatte Liam gesagt? Diener, Butler und väterlicher Freund von Mr. McMall … Daher seine Worte: Wir kennen uns schon, seit du ein kleines Mädchen warst. Du bist für mich Familie … eine kleine Schwester.

Während Elfriede die Zusammenhänge in diesem Haus zu verstehen begann, vernahm sie die Stimmen der beiden Männer.

Die Tür stand noch immer offen.

Wenn sie noch näher heranging, würde sie auf alle Fälle mehr hören. Sie zog es zwar in Erwägung, aber andererseits … sie stellte nicht gern ihre Neugier so offen zur Schau. Also blieb sie an Ort und Stelle, beugte sich nur leicht nach vorn.

„Mylord …“

„Oh Gott, Will. Nicht schon wieder diese verstaubte Anrede. Wie oft soll ich es dir noch sagen?“

„Sir, die Spencers stehen seit Generationen im Dienste Ihrer Familie und ich weiß, was meine Stellung ist. Dazu gehört auch eine korrekte Anrede meines Herren.“

„Arbeitgeber, Will. Arbeitgeber. … Was kann ich für dich tun? Du bist jetzt nicht etwa wegen Amanda hier?“

Der tiefe Bariton des Hausherrn berührte etwas in Elfriede. Er klang im Gespräch mit William ruhiger, jedoch immer noch genervt und … müde. Mit was musste er sich wohl neben der Familie Spencer … der sich anbietenden Tochter und dem unterwürfigen und dennoch so stolzen Vater … noch herumschlagen? Mit ihr, die nicht wie erwartet, eine alte Jungfer war.

„Keinesfalls, Sir. Ms. Bauer ist soeben angekommen.“

„Oh Will, zeig ihr ihr Zimmer und dann gib Oliver Bescheid. Er wird sich um die Dame kümmern.“

„Mit Verlaub, Sir, aber ich glaube, Sie sollten die Lady persönlich empfangen. Sie …“

„Ist gut, Will. Bitte Ms. Bauer ...“ Eine kurze Pause entstand. „Wie dem auch sei, bitte Ms. Bauer herein.“

Kurz darauf erschien William in der Tür. „Ms. Bauer, seine Lordschaft empfängt Sie jetzt.“ Ganz der Butler. „Sir … Ms. Bauer.“

Bei dieser Ankündigung ihrer Person fiel es ihr schwer, nicht laut aufzulachen. Dennoch schlug ihr das Herz vor Aufregung bis zum Hals hinauf. Automatisch zog sie ihre Schultern zurück, hob den Kopf und schob das Kinn vor.

Elfriede trat an William vorbei.

Die sorgfältig zurechtgelegten Worte blieben unausgesprochen. Alles Blut verließ ihren Kopf und ihr Innenleben wollte sich verknoten. Ihr stockte der Atem. Die Zeit stand still. Ein Déjà-vu.

Genau dieses Bild, welches sich ihr bot, hatte sie schon einmal gesehen.

Das Arbeitszimmer mit zwei Fenstern über Eck mit Blick auf das Meer; ein dunkelbraunes robustes Bücherregal links an der Wand; ein halbhohes Möbelstück mit Schubfach- und Vitrinenteil; eine kleine Raucherecke sowie ein riesiger Schreibtisch. Alles aus einem Material und nach der gleichen Machart gefertigt.

Ein Mann - mit breiten Schultern, gekleidet in ein weißes Hemd; kastanienbraunes Haar, kalte silbergrüne Augen, eine gerade schmale Nase, hohe Wangenknochen, ein eckiges Kinn und zusammengekniffene Lippen …

Ein Mann ohne Gefühl, ohne Wärme … pure Kraft und Macht.

Dugal MacNjal – Selbstbildnis im Arbeitszimmer.

Der Mann aus ihren Träumen.

3. Kapitel

Er war ernsthaft genervt.

Vor wenigen Minuten hatte Amanda ohne Vorwarnung sein Büro gestürmt und wieder einmal versucht, sich ihm anzubieten. Ihr Repertoire reichte dieses Mal von Schmeichelei, Liebesbekundungen über Betteln bis hin zu Frust und Wut. Es endete letztendlich in einem bösen Streit und ihrem bühnenreifen Abgang.

Nun stand William in der Tür und überhäufte ihn mit überflüssigen Titeln alter Zeiten und einer Belehrung über Rang und Stellung und wie richtig doch sein Auftreten wäre, um ihm, dem Herrn, den nötigen Respekt entgegenzubringen. Wie oft hatten sie diese Diskussion geführt, ohne jemals zu einem einvernehmlichen Ergebnis gekommen zu sein? Es war Dugal einerlei, ob er nun mit seiner Lordschaft, Euer Gnaden, Mylord, Sir oder einfach nur mit Mister … oder in Williams Fall mit Dugal … angesprochen wurde.

Der eigentliche Grund jedoch, den William für seine Störung vorbrachte, war absolut inakzeptabel. Dugal hatte sowohl Oliver, seinen Assistenten, als auch ihn angewiesen, wie sie die Anwesenheit der Gutachterin handhaben sollten. Ms. Bauer bezog in der Obhut des Butlers ihr Zimmer. Am darauffolgenden Tag erstellte sie unter der Aufsicht von Meloy für zwei Gemälde eine Expertise und für die Restaurierung von einem weiteren Werk einen Kostenvoranschlag. Nach erledigtem Auftrag flog Liam die Frau wieder zurück aufs Festland. Was war daran misszuverstehen? Warum also musste William darauf beharren, dass er diese Elfriede Bauer empfing? Sagte er … Ms.? Na, und wenn schon! Was …?

Die Fragen verflüchtigten sich genauso schnell, wie er sie stellen konnte, denn Ms. Bauer marschierte an William vorbei wie eine … Offenbarung.

Dugals Herz begann zu rasen. Wollte das Schicksal ihn verspotten? War dies eine Halluzination? Eine Fata Morgana?

Dr. Elfriede Bauer - Kunsthistorikerin - Restaurierung und Gutachten

hatte in schwarzen Lettern auf der violetten, mit goldenen Ornamenten verzierten Karte gestanden. Nur eine alte Jungfer … eine ältere, unverheiratete Frau, die lediglich in ihrem Beruf Erfüllung fand … konnte eine derart verstaubte Visitenkarte ihr Eigen nennen. Nicht jedoch die Frau, die vor ihm stand.

Sie verkörperte Jugend und Schönheit. Sie besaß Stolz und Anmut. Die Schultern zurückgezogen, den Kopf erhoben und das Kinn kampfeslustig vorgeschoben. Oh ja, das war sie. Nicht wie damals in der Galerie, nicht wie auf dem Gemälde und doch … unverkennbar.

Sie trug ihr herrliches Haar zu einem lockeren Dutt aufgesteckt, aus dem sich einige vorwitzige Strähnen gelöst hatten. Das Oxford Blue ihres Hosenanzugs mit einem legeren und etwas längeren Blazer, der scheinbar ihre wohlgeformten Runden kaschieren sollte, unterstrich hervorragend die Farbe ihrer Augen. Darunter zauberte ein weißes Spitzentop mit herzförmigem Ausschnitt ein sexy Dekolleté.

William hatte seine Worte noch nicht fertig ausgesprochen, da wurde diese bezaubernde Person ganz blass um die Nase und erstarrte nicht nur in ihrer Bewegung. Es schien, als hätte sie die Luft angehalten; als wäre ihr Herz stehengeblieben.

„Ms. Bauer? Elfriede?“ Elfriede … dieser Name. Obwohl Dugal nichts auf die Herkunft und Bedeutung von solchen gab, betrachtete er die junge Frau erstaunt. Das musste es sein. Elfriede wurde im Englischen Elfreda genannt und im Altenglischen Aelfthrith … Aelf wie Elf oder Naturgeist und Thrith oder thryd – Kraft, Stärke.

Er zuckte kaum merklich zusammen.

War es Fügung? Vorsehung? Schicksal? Auf jeden Fall stand sie vor ihm – seine Offenbarung.

Schnell fing er sich wieder und strahlte wie eh und je diese unnahbare Kälte aus.

„Geht es Ihnen gut, Ms. Bauer?“

Elfriede schnappte nach Luft und keuchte. „Sie sind Dugal MacNjal.“ Sofort hielt sie inne, als wäre ihr die Unsinnigkeit ihrer Worte klar geworden. MacNjal hatte im 15. Jahrhundert gelebt. Sie runzelte die Stirn und schüttelte langsam den Kopf. „Verzeihen Sie, Mr. McMall, aber ich hatte soeben das Gefühl, mich in einem von MacNjals Gemälden zu befinden. Es war diese verblüffende Ähnlichkeit und … die gesamte Ausstattung dieses Raumes.“ Sie zeigte mit dem Arm in einem Halbkreis auf das Zimmer vor ihr. Das schloss ihn mit ein.

Obwohl im ersten Moment schockiert, kontrollierte Elfriede nunmehr wieder die Situation. „Ich bin übrigens Elfriede Bauer. Sie haben mich sicherlich erwartet.“

Dugal McMall erhob sich und überragte um mehr als einen Kopf die junge Frau. Wenn sie das einschüchterte, so zeigte sie es nicht.

„Nun, willkommen auf meiner bescheidenen Insel, Ms. Bauer. Ich nehme an, Ihr Flug war einigermaßen erträglich.“ Bei seinen Worten umrundete er den Schreibtisch und reichte Elfriede zur Begrüßung die Hand. Dugal stand jetzt direkt vor ihr. Mit Genugtuung sah er, wie eine leichte Gänsehaut ihre Härchen im Nacken aufstellte. Eine Reaktion sowohl auf seine Stimme als auch seine Nähe. Er nutzte gern diese Wirkung auf das weibliche Geschlecht, um die Frauen ein wenig zu manipulieren. Kein schöner Zug, aber manchmal sehr befriedigend.

Dugal erwartete keine Antwort von Elfriede auf seine als Frage klingenden Worte. Er wusste, wenn eine Reise länger als acht Stunden andauerte und mehrmaliges Umsteigen notwendig machte, konnte von erträglich keine Rede sein. Deshalb ging er direkt auf ihre Bemerkung in Bezug der Ähnlichkeit mit dem Gemälde ein. „Sie haben ein Auge fürs Detail, Ms. Bauer. Was das Aussehen meiner Person anbelangt, war es eine Laune der Natur. Mein Arbeitszimmer allerdings wurde nach dem Werk meines Vorfahren eingerichtet. Ich muss zugeben, ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, das Interieur exakt nach den bildlichen Vorgaben anfertigen zu lassen.“

Seine intensiv silbergrünen Augen erweckten den Eindruck, als könnten sie bis in ihre Seele sehen. Elfriede jedoch hielt seinem Blick stand. „Oh.“ Mehr sagte sie nicht dazu. Was auch? Er hatte ihr eine plausible Erklärung gegeben. Allerdings schien sie zu wissen, dass mehr dahintersteckte. Nur eben nicht was.

Dugal wusste, sie gab sich im Moment mit seiner Antwort zufrieden, aber sie glaubte ihm nicht. Das verbarg sie geschickt hinter einer neutralen, aber äußerst attraktiven Fassade. Er traf nicht häufig jemanden, der ihm so … couragiert entgegentrat. Just in diesem Augenblick erinnerte er sich an seine erste Begegnung mit Jasper van Drühe. Er war ihm ebenso wie Elfriede ohne Ressentiments begegnet. Damals in genau jener Ausstellung vor zwei Jahren in Amsterdam hatte er nicht nur seinen neuen Kunsthändler kennengelernt, sondern auch seine Offenbarung das erste Mal gesehen. War das ein weiterer Zufall gewesen?

Im Augenblick stand sie direkt vor ihm.

Beide starrten sich gegenseitig nieder, nicht gewillt, vor dem anderen Schwäche zu zeigen. Er, weil er einen gewissen Ruf aufrechterhalten musste, und sie, weil sie ihre Stärken kannte und sich nicht einschüchtern ließ.

Ein Räuspern von der Tür her unterbrach das stille Kräftemessen. „Wenn ich dann Ms. Bauer ihr Zimmer zeigen dürfte? … Und Mylord, wäre Ihnen das Dinner um 20:45 Uhr genehm?“

Sowohl Elfriede als auch Dugal hatten Williams Anwesenheit total vergessen und fuhren nun zu ihm herum.

„Ah, Will. Genauso machen wir es. … Ms. Bauer, wir sehen uns dann zum Dinner.“

„Aber ich …“

Wollte sie nicht mit ihm speisen oder besaß sie keine Abendgarderobe? … Egal, was sie ihm mitteilen wollte, der Gedanke eines Einwandes gefiel ihm nicht. Er erstickte ihn im Keim, indem er sie einfach mitten im Satz unterbrach. „Keine Kleiderordnung. Ganz ungezwungen.“ Jetzt sollte sie versuchen, sich herauszuwinden und das gemeinsame Dinner abzusagen. Dugal grinste in sich hinein.

Er ging sogar einen Schritt weiter. In der Annahme, sie fühlte sich mit ihm allein unwohl, verschwieg er ihr die Anwesenheit von Oliver, Jasper und Amanda. Ebenso William, wenn er es ihm befahl.

Mit seiner kleinen Scharade zufrieden, nickte er Elfriede unnachgiebig zu und gab William noch die eine oder andere Anweisung. Damit entließ er die beiden und nahm wieder hinter seinem Schreibtisch Platz.

„Verzeihung? Ich …“ Nicht bereit, sich so behandeln zu lassen, wollte Elfriede ihrem Frust, der langsam in ihr aufzusteigen begann, Luft machen.

Doch auch dieses Mal unterbrach Dugal sie nicht nur mit seinem scharf tadelnden Blick. „Ms. Bauer, wir werden alles Weitere beim Dinner besprechen. … Entschuldigen Sie mich jetzt bitte, aber ich habe noch eine wichtige Videokonferenz.“ Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, vertiefte er sich in die vor ihm liegenden Dokumente und stellte eine Internetverbindung zu seinen Gesprächspartnern her.

Währenddessen kniff Elfriede verärgert die Augen zusammen, schürzte die Lippen und stieß den Atem aus, dem ein frustrierter Laut folgte. Sie machte ruckartig auf dem Absatz kehrt und folgte William zu ihrem Zimmer.

Zum Glück konnte sie nicht mehr sehen, wie ihre Reaktion und dieses kleine Geräusch Dugal ein Lächeln aufs Gesicht zauberten. Obwohl sie reizend ausschaute, wenn ihre Augen so wütend aufblitzten, er durfte es nicht zu weit treiben.

Reizend, das konnte man sagen. Sie reizte all seine Sinne. Wann war das das letzte Mal jemandem gelungen? … Er hatte keine Ahnung.

***

Im Speisezimmer standen drei Männer beisammen und unterhielten sich leise. Amanda saß bereits am Tisch und würdigte keinen von ihnen eines Blickes.

Als plötzlich das Klappern von Absätzen auf dem Parkett sich nähernde Schritte ankündigte, drehten sich die Herren gleichzeitig zur Tür um.

Dugal stieß Jasper, dem fast die Augen aus dem Kopf fielen, kaum merklich in die Seite und räusperte sich diskret. Van Drühe hatte in der eintretenden Elfriede die junge Frau auf dem Gemälde Meine Offenbarung erkannt. Es war ihm vor zwei Jahren bei einer Haushaltsauflösung in die Hände gefallen und befand sich seither in Dugals Besitz. Nun starrte er sie ganz offen an. Dem Ausdruck seiner Mimik zufolge fand er sie aus Fleisch und Blut attraktiver als ihr gemaltes Bildnis.

Zu einer dunkelblauen Hose trug sie eine romantisch verspielte Tunika in Hellblau. Die offene Knopfleiste ließ das weiche Material bei jeder Bewegung auseinanderklaffen und gab somit Einblick auf die zarte Haut am Ansatz ihrer Brüste. Gleichzeitig umspielte der hochwertige Stoff durch die Raffung unter dem Busen gekonnt ihre Figur. Eine silberne Spange fasste ihr lockiges Haar am Hinterkopf in einem Zopf zusammen. Elfriedes Stil war einzigartig … schön, modisch, sexy und elegant zugleich.

Dugal selbst verzog keine Miene, auch nicht als er Elfriedes erstaunten Blick sah, mit welchem sie alle Anwesenden im Raum musterte.

Sie kniff die Augen zusammen und blitzte Dugal unverhohlen an. Hatte er sie doch absichtlich im falschen Glauben bezüglich des Dinners gelassen.

„Ms. Bauer, schön, dass Sie den Weg hierher gefunden haben. … Darf ich Ihnen vorstellen? … Jasper van Drühe, mein Kunsthändler. … Oliver Meloy …“

„Wir kennen uns schon. Mr. Meloy hat mich herzlich willkommen geheißen und mir meinen Trolley aufs Zimmer gebracht. Er war auch so nett, mir den Weg in das Speisezimmer zu beschreiben“, unterbrach Elfriede, nachdem sie van Drühe lächelnd die Hand zur Begrüßung gereicht hatte, mit einem sowohl spöttischen als auch anklagenden Unterton Dugals Vorstellungsrunde.

Dieser Seitenhieb saß und amüsierte ihn sogleich. Die Frau erinnerte an einer Elfe … klein, reizbar, empfindlich und schwer versöhnlich.

Zu Meloy hingegen meinte Elfriede freundlich und vielleicht etwas zu kokett: „Schön Sie wiederzusehen, Oliver. Sie hätten mir ruhig verraten können, dass Sie ebenfalls mit uns speisen.“ Sie hakte sich bei ihm ein und gemeinsam gingen sie, Dugal einfach stehenlassend, zum Tisch hinüber.

„Und Sie müssen Ms. Spencer, die Agentin von Mr. McMall, sein. Ich habe Sie schon in Amsterdam in der Ausstellung gesehen. … Ich bin Elfriede Bauer, die Gutachterin. Frau Sundermann, die mich empfohlen hat, schwärmt in den höchsten Tönen von Ihrem organisatorischen Können und Ihrem fachlichen Wissen rund um Galerien und Ausstellungen. Sie kann es kaum erwarten, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.“

Amanda sah verwirrt zu Elfriede auf. Sie hatte anscheinend nicht erwartet, derart positive Worte von ihr zu hören. Sie besaß eine Art Radar für vorhandene Schwingungen zwischen den Geschlechtern und es missfiel ihr offensichtlich, was da zwischen Dugal und Elfriede lief. Amanda lächelte zwar, konnte allerdings trotz aller Professionalität ihr Misstrauen nicht verbergen. „Oh. Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt … älter und … erfahrener“, entgegnete sie spitz.

… und weniger hübsch, ergänzte Dugal gedanklich ihre Aussage. Er beobachtete mit Argusaugen Amandas Verhalten gegenüber Elfriede. Warum hegte sie dieses Misstrauen? Lag es an der Szene zwischen ihr und ihm, die Elfriede allem Anschein nach mitbekommen hatte oder in der Tat an deren Alter? Sie war definitiv sehr jung für den Ruf, der ihr vorauseilte. Er maß dem jedoch keine Bedeutung bei. Warum auch?