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Weil es manchmal schwer ist, das Leben zu verstehen: "Der böseste Junge der Schule" von Kirsten C. Bergh jetzt als eBook bei dotbooks. O nein, wie schrecklich – Marie muss neben dem gemeinsten Jungen der ganzen Schule sitzen: Ben isst seine Popel, macht fiese Furzgeräusche und spielt Marie einen Streich nach dem anderen. Warum kann er sich nicht benehmen wie die anderen Kinder? Mit so einem Chaoten will sie nicht befreundet sein, da ist Marie sich sicher. Doch es kommt anders – und damit beginnt für die beiden ein ganz besonderes Abenteuer … Für Leserinnen und Leser ab 10 Jahren: Ein verrückter und liebenswerter Roman über die Macht der Worte, große Überraschungen und das Wichtigste, was es im Leben gibt – Freundschaft! Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Der böseste Junge der Schule" von Kirsten C. Bergh. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Über dieses Buch:
O nein, wie schrecklich – Marie muss neben dem gemeinsten Jungen der ganzen Schule sitzen: Ben isst seine Popel, macht fiese Furzgeräusche und spielt Marie einen Streich nach dem anderen. Warum kann er sich nicht benehmen wie die anderen Kinder? Mit so einem Chaoten will sie nicht befreundet sein, da ist Marie sich sicher. Doch es kommt anders – und damit beginnt für die beiden ein ganz besonderes Abenteuer …
Für Leserinnen und Leser ab 10 Jahren: Ein verrückter und liebenswerter Roman über die Macht der Worte, große Überraschungen und das Wichtigste, was es im Leben gibt – Freundschaft!
Über die Autorin:
Kirsten C. Bergh ist das Pseudonym einer bekannten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorin, unter dem sie Geschichten erzählt, die etwas frecher und ungewöhnlicher sind, als es mancher Leser erwarten würde – und gerade deswegen so wunderbar.
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Neuausgabe Oktober 2016
Copyright © der Originalausgabe 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.
Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Redaktion: Ralf Reiter
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Bildmotivs von shutterszock/Ivan Nikulin.
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH
ISBN 978-3-95824-690-4
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Kirsten C. Bergh
Der böseste Junge der Schule
Roman
dotbooks.
Marie baut sich eine Mauer aus Büchern. Ist nicht ganz leicht, weil das Deutschbuch sehr schmal ist und immer wieder umfällt, aber schließlich gelingt es ihr.
Frau Zöllner guckt böse, aber das ist Marie egal. Sie ist ja schließlich schuld an der ganzen Misere. Misere, denkt Marie, ist ein tolles Wort, klingt irgendwie nach ›mies‹. Sie sammelt Wörter.
»Marie«, sagt Frau Zöllner, ihre neue Lehrerin. Sie ist sehr dünn, sieht aber nett aus. Außer wenn sie böse guckt, so wie jetzt, dann bekommt sie so eine steile Falte auf der Stirn. »Was soll denn das? Hast du Angst, dass Ben von dir abschreiben könnte?«
Marie schüttelt den Kopf.
Die Falte wird steiler. »Könntest du dann bitte die Bücher wegpacken?«
Marie schüttelt noch einmal den Kopf.
Die Falte wird steiler als steil. »Warum kannst du das nicht?«
Man kann über Marie einiges sagen. Dass sie eine Streberin ist, vielleicht, weil sie gute Noten hat und ungewöhnliche Wörter mag. Man kann auch sagen, dass sie ein bisschen vorlaut ist, vor allem, wenn sie die richtige Antwort weiß und die dann einfach aus ihr herausplatzt und sie gar nichts dagegen tun kann. Aber eine Petze ist sie nicht. Schon gar nicht an ihrem allerersten Tag an der neuen Schule.
Frau Zöllner seufzt. »Pack sie bitte weg«, sagt sie noch einmal.
Marie packt die Bücher zurück in den Ranzen. Jetzt muss sie wieder dabei zusehen, wie Ben, der Junge neben ihr, seine Popel isst. Oder sie auf der Heizung trocknet, um sie danach durch den Klassenraum zu schnippen. Oder seine Fingernagelsammlung sortiert …
Dieser Ben ist wirklich der ekligste Junge der Schule. Muss er einfach, noch ekeliger geht nämlich nicht. Der Platz neben ihm war der allerletzte Platz, der frei war, und Marie musste sich dorthin setzen. Ein wirklich toller Schulanfang!
Sie schließt den Ranzen und beugt sich über ihre Matheaufgaben. Es fällt ihr schwer, sich zu konzentrieren, vor allem, weil Ben mit seinem Bleistift gerade eine schwarze Linie auf den Tisch malt. Genau dort, wo vorher ihre Bücher gestanden haben. Marie blinzelt irritiert.
Ben malt noch eine Linie neben die Linie. Dann schraffiert er den Zwischenraum.
Schraffieren ist auch so ein schönes Wort, nur wirkt es nicht mehr so toll, wenn Ben es tut. »Warum machst du das?«, flüstert Marie, als sie es nicht mehr aushält.
»Das ist die Grenze«, erwidert Ben. »Die darfst du nicht überschreiten.«
»Sonst?«
»Wirst du schon sehen.« Ben malt den Raum zwischen den Linien weiter aus.
Marie sitzt wie auf heißen Kohlen. Sie ist von Natur aus neugierig, und natürlich kann sie sich nicht beherrschen. Langsam bewegt sie ihre Hand in Richtung Grenze. Noch ein Stückchen weiter. Noch ein bisschen. Ihr kleiner Finger berührt die erste Linie, rutscht über den ausgemalten Bereich, schiebt sich über die zweite Linie … Klatsch.
Ben hat sie auf die Hand geschlagen, und zwar so schnell, dass Marie sie nicht rechtzeitig wegziehen konnte. Es tut nicht weh, trotzdem hat sie sich erschreckt. Mit rotem Gesicht blickt sie zu Frau Zöllner. Das Geräusch des Schlags hängt noch in der Luft, aber die Lehrerin hat nichts mitbekommen und schreibt mit dem Rücken zur Klasse weiter Aufgaben an die Tafel.
Marie schiebt ihre Hand noch einmal über die Grenze. Dieses Mal ist sie vorbereitet. Als Ben sie schlagen will, zieht sie die Hand weg.
Das Geräusch, als Ben auf den Tisch haut, ist wesentlich lauter als das vom Schlag auf ihre Hand. Frau Zöllner dreht sich um und runzelt die Stirn. Ihr Blick fällt wie stets zuerst auf Ben.
»Eine Fliege«, erklärt er. »Wenn sie sich noch mal hertraut, spieße ich sie mit meinem Bleistift auf.«
»Das tust du nicht«, erwidert Frau Zöllner, doch Marie hat die Warnung schon verstanden.
Sie beugt sich wieder über die Rechenaufgaben. Ben ist anscheinend nicht nur der ekligste Junge der Schule, er ist wohl auch der böseste.
***
Marie mag die meisten Wörter. Einige von ihnen sammelt sie sogar. »Saumselig« ist so ein Wort, das sie gesammelt hat, und es bedeutet so etwas wie langsam, bummelig. Bummelig ist übrigens auch ein tolles Wort. An »saumselig« und »bummelig« mag Marie, dass sie wie Insekten klingen. Es macht Spaß, sie über die Zunge krabbeln zu lassen.
Worte, die sie nicht mag, beginnen allesamt mit »neu–«, so wie Neuanfang zum Beispiel. Maries Mutter benutzt sie sehr oft in letzter Zeit, zu oft, und sie hängen Marie praktisch zu den Ohren heraus. Neubaugebiet, Neubauwohnung: Da leben Marie und ihre Mutter neuerdings – auch so ein blödes Wort. Ihre Mutter nennt sie manchmal neugierig. Am blödesten aber ist es, schlicht und ergreifend neu zu sein. So wie Marie jetzt, in der neuen Stadt an der neuen Schule. Mit diesem neuen Mitschüler, den sie aus tiefster Seele verabscheut.
»Aaaahhh.« Mit einem satten Furzgeräusch lässt Ben sich neben sie auf den Stuhl fallen und streckt die Beine von sich.
Marie kennt das inzwischen schon: Ben hat immer ein Furzkissen in seiner Hosentasche. Seit drei Wochen ist sie jetzt schon das bevorzugte Opfer seiner Späße, und sie setzt sich nur vorsichtig neben ihn und nicht ohne den Stuhl vorher genau untersucht zu haben – sie hat zweimal auf einem nassen Schwamm Platz genommen und einmal auf einer Art Scheuertuch. Natürlich isst sie nichts, was Ben ihr anbietet, obwohl sie nicht glaubt, dass das harte Stück in dem Bonbon wirklich Kakerlake war. Oder vielmehr hofft sie das. Und die vielen Furz-, Kotz- und Würggeräusche, die Ben so von sich gibt, versucht sie meist zu ignorieren. »Das ist ja nicht echt«, sagt sie. Sie rümpft trotzdem die Nase.
»Ich kann auch echt«, erwidert Ben und macht eine angespannte Miene.
»Wehe«, sagt Marie.
Ben drückt, bis er rot wird im Gesicht.
»Wehe«, wiederholt Marie alarmiert.
»Nein«, sagt Ben und entspannt sich wieder. Dann huscht ein diabolisches Grinsen über sein Gesicht. »Vielleicht, wenn ich heute Mittag eine Menge Bohnen esse.«
»Wehe«, sagt Marie nun schon zum dritten Mal und weiß selber, wie schwach das klingt. Überhaupt versteht sie nicht, wie jemand absichtlich so abstoßend sein will. Da wären schon einmal Bens Klamotten. In der Verkleidungskiste, die Marie besitzt, sind schönere Sachen. Ben sieht immer aus, als habe er sich eben ein gammeliges T-Shirt und seine schlechtsitzende Hose aus dem Kleidersack geangelt. Seine Turnschuhe fallen ihm fast von den Füßen, und anscheinend besitzt er nicht ein Paar farblich passende Socken. Seine dunklen Haare sind ungekämmt und sehen so aus, als hätte er sie sich selbst mit einer Gartenschere geschnitten. Zumindest hinten. Vorne fallen sie ihm lang ins Gesicht. Er riecht merkwürdig, aber das kann auch an den Klosteinen liegen, die er wie Edelsteine überall mitgehen lässt. Er hat ein Furzkissen in der Hose. Und er popelt. Stets und ständig hat er einen seiner Finger in der Nase.
»Ben, Hand runter«, sagt Frau Zöllner schon ganz automatisch, sobald sie die Klasse betreten und die Tür hinter sich zugemacht hat. Sie stellt die Tasche auf den Tisch und sieht sich erwartungsvoll im Klassenraum um. Erst als es ganz still ist, sagt sie: »Guten Morgen, Kinder.«
Marie und die anderen antworten laut und deutlich: »Guten Morgen, Frau Zöllner.«
Ben natürlich nicht. Der rülpst nur.
Frau Zöllner wirft ihm einen Blick zu. »Setz dich anständig hin, Ben.« Er muss jeden Morgen oft ermahnt werden, dies nicht zu tun oder jenes zu unterlassen oder sich gerade hinzusetzen, bevor der Unterricht beginnen kann. »Hände aus dem Gesicht.« Das war natürlich auch wieder an ihn gerichtet. Frau Zöllner wartet und beobachtet Ben, dann wendet sie sich an die Klasse und beginnt mit dem Unterricht.
Marie ist sich sicher, dass Frau Zöllner inzwischen genauso misstrauisch ist wie sie selbst. Ihre Lehrerin nimmt den Schwamm nur sehr vorsichtig und mit spitzen Fingern hoch, nachdem Ben erst gestern wieder alle Löcher mit Knallerbsen vollgestopft hat. Die Kreide ist ihre eigene, und sie holt sie vor jeder Stunde aus ihrer Tasche und packt sie wieder zurück: Wirklich erstaunlich, was man alles darin verstecken kann. Dann prüft Frau Zöllner, ob die Tafel nicht mit Haarspray eingesprüht wurde. Erst dann schreibt sie daran, aber nie zu lange. Es ist nie gut, Ben den Rücken zuzudrehen. Ihren Stuhl benutzt sie gar nicht mehr, weil sie nicht erst alle vier Stuhlbeine kontrollieren will, sondern setzt sich auf die Ecke des Schreibtischs. Und während der kleinen Pause muss Ben sich neben sie setzen und dort essen. Weil er meist nichts dabeihat, sitzt er nur so da. Es macht ihm nichts aus. Dieses Mal zieht er eine Brotdose aus seiner Tasche und zeigt sie Marie.
»Eine Brotdose«, sagt sie. »Na toll.« Sie wickelt ihr eigenes Frühstücksbrot aus.
»Wollen wir tauschen?«, fragt Ben. Sein eines Auge funkelt blau, das andere ist unter einer Haarsträhne verborgen.
Marie würdigt ihn keiner Antwort. Nur jemand, der nicht alle Tassen im Schrank hat, würde sich auf einen Tausch mit Ben einlassen.
»Mal im Ernst. Ich hab was ganz, ganz Besonderes.«
Maries Entschluss, ihn zu ignorieren, wankt. Sie ist nun einmal von Natur aus neugierig, kann gar nicht anders. »Was ist denn da drin?«
»Sag ich nicht. Du musst schon tauschen, um es zu sehen.«
»Nö«, sagt Marie.
»Dann wirst du es nie erfahren«, sagt Ben.
Frau Zöllner hat ihr Frühstück neben sich auf den Lehrertisch gelegt. Sie schaut hoch. »Ben, kommst du nach vorne?«
»Sofort«, sagt Ben.
Frau Zöllner wirft ihm einen misstrauischen Blick zu, weil er geantwortet hat, und das auch noch nett.
Marie auch. »Ist mir egal, was du isst.«
»Ich esse es nicht, ich genieße es«, sagt Ben, während er aufsteht. Er packt seine Brotdose und schüttelt sie. Im Inneren gibt es ein leichtes, rollendes Geräusch. Auf jeden Fall ist etwas drin.
»Na gut«, ruft Marie und hasst ihre Neugier. Sie weiß es ja. Sie sollte es nicht tun, sollte sie nicht. Es ist falsch und blöd, aber sie will nun einmal wissen, was in der Dose ist. Sie muss es wissen. »Wir tauschen.«
Ben lächelt leicht und streckt seine Hand aus.
Marie legt ihr Schinkenbrot hinein, nimmt dafür die Dose.
Ben geht nach vorne zu Frau Zöllner und macht es sich auf dem Lehrerstuhl gemütlich. Von da aus hat er einen guten Blick.
Vorsichtig und ein wenig aufgeregt schüttelt Marie die Dose. Sie legt sie sich in den Schoß, öffnet sie langsam, ganz langsam, als könne sie jeden Augenblick explodieren, was bei Ben sehr gut möglich wäre. Sie sieht hinein und erstarrt.
In der Dose liegt ein abgeschnittener, blutiger Finger.
Maries Herz galoppiert, und sie kann nichts dagegen tun, dass sie rot wird. Sie versucht, sich mit logischen Argumenten zu beruhigen. Das ist sicher kein echter Finger, kann kein Finger von einem Menschen sein, oder? Obwohl er echt aussieht. Das tut er, zweifellos. Aber er riecht nicht eklig oder so, eher … bekannt. Marie beugt sich tiefer über die Brotdose. Nein, der Finger ist nicht echt, stellt sie erleichtert fest. Das ist ein Würstchen, wenn sie nicht alles täuscht. Schnitte täuschen die Gelenke vor, eine perfekt geformte Mandel steckt vorne als Fingernagel im Fleisch. Das Fingerwürstchen glänzt, das macht es so wirklichkeitsgetreu, aber das Blut unten am Gelenk ist nichts weiter als Ketchup.
Marie überlegt, während sie Bens Blicke vorne am Lehrerpult förmlich spüren kann. Ben, der gerade ihr leckeres Schinkenbrot isst. Nein, damit kommt er nicht durch. Er wird sich nicht schon wieder über sie lustig machen. Ohne ihn eines Blicks zu würdigen, nimmt sie den Finger und beißt hinein.
***
»Ben ist ja so ein Blödmann«, sagt Lena, als ihr Marie von der Sache mit dem Finger erzählt hat. Lenas Banknachbar ist krank, und so hat sich Marie im Kunstraum neben sie gesetzt. Sie weiß zwar nichts über Lena, aber vielleicht kann sie sich mit ihr anfreunden. Lena ist sehr beliebt.
Ben sitzt allein und hat mal wieder seinen Tuschkasten vergessen. Er langweilt sich, aber selbst schuld: Niemand will mit ihm seine Farben teilen.
»Mir hat er mal Regenwürmer in meine Brotdose geschmuggelt«, erzählt Lena. »Aber nicht nur einen oder zwei, sondern einen ganzen Haufen. Ich habe sie fallen gelassen und sie zertreten, aber da ist er total böse geworden. Er hat sie aufgesammelt und mich angeschrien, ich sei eine Tierquälerin. Ich! Eine Tierquälerin! Dabei war er es doch, der mir diese ekligen Dinger untergeschoben hat.« Sie schüttelt den Kopf so heftig, dass sie von ihrem blonden Pferdeschwanz gepeitscht wird.
Marie findet Regenwürmer eigentlich nicht so wirklich schlimm, also sagt sie nichts.
»Das war so eklig«, bekräftigt Lena noch einmal, der es anscheinend an Zustimmung fehlt.
Nun ja, vielleicht in einer Brotdose … Marie nickt nur.
»Du hättest auch geschrien.«
»Bestimmt«, sagt Marie. Aber ich hätte sie nicht zertreten, denkt sie. Warum auch? Regenwürmer sind harmlos. Die können sich nicht mal wehren.
»Meine Eltern haben schon hundertmal bei Frau Zöllner wegen Ben angerufen«, fährt Lena fort. Im Deckel ihres Tuschkastens mischt sie ein Rot, das Marie stark an Blut erinnert. Auf jeden Fall sieht es viel realistischer aus als das Ketchup-Blut am Finger. »Sie haben auch bei Bens Eltern angerufen, aber da nur eine Tür eingerannt oder so.«
»Sie haben eine Tür eingerannt?« Marie sieht zu, wie Lena das blutige Rot auf ihr Papier tropfen lässt.
»Weiß ich auch nicht, was das bedeuten soll. Vor allem, weil sie ja gar nicht da waren, sondern nur telefoniert haben. Aber das hat mein Vater gesagt: dass er eine offene Tür eingerannt hat.« Sie zermatscht die roten Tropfen auf dem Weiß des Papiers. »Er will, dass ich mich von Ben fernhalte. Der sei eben gestört.«
Marie wirft einen Blick zu Ben. Im Augenblick sieht es nicht so aus, als sei er von irgendetwas oder irgendwem zu stören. Er schläft wohl, zumindest liegt er quer auf seinem Pult und rührt sich nicht. Vielleicht ist er tot?
Lena malt den Würfel auf ihrem Bild blutig rot aus. »Auf jeden Fall kannst du dich ja nicht fernhalten. Du sitzt ja neben ihm.«
Nein, tot ist er nicht. Wenn man genau hinsieht, hebt und senkt sich sein Brustkorb. Er atmet also noch.
»Das muss furchtbar sein«, stöhnt Lena mitleidig.
»Was?« Marie blickt verwirrt auf den Pinsel in Lenas Hand, von dem rot und satt die Blutfarbe tropft.
»Na, neben Ben zu sitzen. Davon reden wir doch die ganze Zeit.«
»Ja, furchtbar«, erwidert Marie mechanisch. Sie starrt auf das leere Blatt vor sich.
»Na los«, sagt Lena. »Willst du nicht anfangen?«
Marie taucht ihren Pinsel ins Wasser und nähert sich der blauen Farbe, als Lena weiterredet.
»Frau Kleinert hat gesagt, wir sollen ruhig unsere Lieblingsfarbe nehmen. Also, meine Lieblingsfarbe ist Rot. Rot ist gefährlich und richtig toll, findest du nicht? Rot ist die Liebe.« Sie kichert.
Maries Pinsel macht einen leichten, kaum merklichen Schlenker. Obwohl ihre Lieblingsfarbe Blau ist, fährt sie damit in dem roten Topf herum, bis er genug Farbe aufgenommen hat. Rot ist wie Blut, denkt sie. Rot ist auch die Farbe von zertretenen Regenwürmern.
»Ben, Hand runter«, sagt Frau Zöllner. Sie verteilt heute die Referate für die Projektwoche. Die Projektwoche heißt »Unser Haus«, und jeder konnte Vorschläge machen, über welchen Gegenstand oder welche Erfindung er etwas herausfinden und vortragen will.
Marie hat »Kühlschrank« auf ihren Vorschlagszettel geschrieben. Sie findet Kühlschränke nicht wirklich spannend, aber ihr fiel ehrlich gesagt nichts Besseres ein. Außerdem hatten sie sich die Themen in der letzten Stunde ausdenken müssen, und da hat sie immer einen Mordshunger.
»Ich verteile heute die Referate, die ihr eingereicht habt. Leider gab es viele doppelte Nennungen. Der Kühlschrank scheint euch ja alle brennend zu interessieren. Ich nehme an, ich hätte euch die Vorschläge nicht kurz vor dem Mittagessen schreiben lassen sollen.«
Ben schnaubt verächtlich, und Marie fühlt sich ertappt.
»Daher haben wir nicht genug Themen«, fährt Frau Zöllner fort. »Ihr werdet also zu zweit arbeiten und euch mit eurem Banknachbarn oder eurer Banknachbarin zusammentun.«
Welchem Banknachbarn? Marie schaut verzweifelt nach rechts, wo natürlich niemand sitzt, denn sie hat ja nur einen Banknachbarn, und das ist natürlich … Ben. O nein.
Ben sieht zu ihr herüber, öffnet den Mund und fügt der Ankündigung von Frau Zöllner ein sattes, lautes Rülpsen hinzu. Ein ekliger Geruch nach Gurken und Zwiebeln schlägt Marie entgegen.
Aber es kommt noch schlimmer. Denn als Frau Zöllner herumgeht und schließlich mit dem letzten Zettel zu ihnen an den Tisch kommt, sagt sie: »Ich kann mir zwar vorstellen, dass du zu dieser Erfindung eine besondere Affinität hast, Ben …« Sie sagt tatsächlich »Affinität«, und Marie versucht, sich das Wort zu merken, um es später nachzuschlagen. »In diesem Fall jedoch hast du den Nagel auf den Kopf getroffen. Das ist wirklich und wahrhaftig ein interessantes Thema, und ich möchte dich und Marie bitten, es auch mit dem gebührenden Ernst zu behandeln.« Obwohl wieder die Falte auf ihrer Stirn steht, kommt das einem Lob schon bedenklich nahe.
Marie hat nicht erlebt, dass Ben jemals gelobt wurde. Neugierig geworden, beugt sie sich über den Vorschlagszettel, den Frau Zöllner in die Mitte des Tisches, genau auf die gemalte Grenze, legt. Und auf dem in Bens krakeliger Handschrift nur ein Wort zu lesen ist: »Toilette«.
***
