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Cum-Ex – Der größte Steuerbetrug aller Zeiten. Die wahre Geschichte eines Insiders. Jahrelang nutzten Banken, Investoren, Anwälte und Finanzakteure in den USA, Europa und Asien eine gesetzliche Grauzone, um sich vom Staat Milliardenbeträge erstatten zu lassen – Steuern, die nie gezahlt wurden. Der Schaden? Unvorstellbar. Allein in Europa wird er auf über 150 Milliarden Euro geschätzt. Einer, der das System von innen kennt, ist Kai-Uwe Steck. Der Jurist aus der norddeutschen Provinz machte früh eine steile Karriere: Frankfurt, New York, London – als Wirtschaftsanwalt stieg er in die Welt der Hochfinanz auf. Im Kollegenkreis nannte man ihn „Rocket Man“. Doch irgendwann begann der Aufstieg zu kippen. Geld, Macht und Erfolg begannen, die Orientierung zu verschieben, bis Steck im Zentrum des Cum-Ex-Systems landete. 2013 geriet er ins Visier der Ermittler. 2016 entschied er sich für den Ausstieg und wurde zum Kronzeugen Nr. 1, was ihn beinahe das Leben kostete. Seine Aussagen lösten eine Welle von Ermittlungen aus, trugen zur Rückzahlung von Milliarden bei und brachten zahlreiche Verfahren in Gang. Doch sie machten ihn auch zum Feindbild eines Teils der Finanzelite. In diesem Buch erzählt Kai-Uwe Steck erstmals schonungslos offen seine Geschichte. Er beschreibt, wie das Cum-Ex-System funktionierte, wie er darin verstrickt war, was ihn dazu brachte, mit der Justiz zu kooperieren und wie die Staatsanwaltschaft ihn fast ein Jahrzehnt forderte, lenkte und schließlich fallen ließ, als er ihr nicht mehr nützlich war. Ein Blick ins Innere eines Systems, das lange unbehelligt agieren konnte. Und ein persönlicher Bericht über kometenhaften Aufstieg, Absturz, Verantwortung, Verrat, politische Ignoranz und einen ungewöhnlichen Neuanfang. Ein Wirtschaftsthriller – basierend auf wahren Begebenheiten. Authentisch, bewegend und hochaktuell.
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Seitenzahl: 394
Veröffentlichungsjahr: 2025
Kai-Uwe Steck
DER
CUMEX
KRONZEUGE
Die wahre Geschichte des größtenFinanzskandals aller Zeiten
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Originalausgabe1. Auflage 2026© 2026 Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag,Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag GmbH, ChristophRodtStraße 11, 86476 Neuburg an der Kammel www.deutscherwirtschaftsbuchverlag.comAlle Rechte vorbehalten.
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Redaktion: Dennis Sand Lektorat: Jordan WegbergSatz: inpunkt[w]o, Wilnsdorf (www.inpunktwo.de) Korrektorat: Christine RechbergerCover- und Umschlaggestaltung: www.b3kdesign.de, © 2025 Andrea Schneider & diceindustries
ISBN Print: 9783690662147ISBN EBook (PDF): 9783690662161ISBN EBook (EPUB, Mobi): 9783690662154
AuftaktDer Prozess
Kapitel 1Der Junge aus Friesland
Kapitel 2Rocketman
Kapitel 3Zwischenspiel vor Gericht I
Kapitel 4Der Goldfisch und die weißen Haie
Kapitel 5Zwischenspiel vor Gericht II
Kapitel 6Im Tunnel
Kapitel 7Der Ausstieg
Kapitel 8Zwischenspiel vor Gericht III
Kapitel 9Der Kronzeuge
Kapitel 10Das Urteil
Alle Einnahmen des Autors,die dieses Buch generiert, werden vonihm für die Wiedergutmachung von Cum-Ex-Schäden eingesetzt.
Dieses Buch basiert auf tatsächlichen Erlebnissen und persönlichen Erinnerungen des Autors. Es schildert Ereignisse aus über zwei Jahrzehnten beruflicher Tätigkeit sowie aus dem Umfeld des sogenannten CumExKomplexes. Um der Privatsphäre aller Beteiligten Rechnung zu tragen, wurden Namen, Identitäten und einzelne Umstände verändert oder anonymisiert, sofern keine ausdrückliche Zustimmung zur namentlichen Nennung vorliegt. Einige Charaktere und Situationen wurden zudem verdichtet, zusammengefasst oder aus dramaturgischen Gründen fiktionalisiert.
Die Darstellung beruht unter anderem auf Aussagen des Autors in öffentlichen Hauptverhandlungen vor deutschen Gerichten sowie auf zugänglichen Berichten, Medienquellen und Protokollen, die öffentlich dokumentiert sind. Die Rekonstruktion einzelner Szenen orientiert sich an Erinnerungen, persönlichen Aufzeichnungen und authentischen Dialogen, die sinngemäß wiedergegeben wurden.
Ziel dieses Buches ist es nicht, Einzelpersonen an den Pranger zu stellen, sondern einen Beitrag zur gesellschaftlichen Aufarbeitung eines der größten Finanzskandale unserer Zeit zu leisten – aus der Perspektive eines Insiders.
29. Oktober 2019. Donnerstag, früher Vormittag. Mein Taxi kämpft sich durch den morgendlichen Berufsverkehr. Auf der Rückbank lehne ich mich zurück und schaue aus dem Fenster, betrachte die Autos, die sich langsam auf den Straßen vorarbeiten. Ich versuche, irgendwie zur Ruhe zu kommen. Aber wie soll das funktionieren? Ich bin angespannt. Nervös.
Dabei ist mir diese Welt eigentlich gar nicht so fremd. Ich habe Jura studiert, bin Anwalt. Allerdings nicht die Art von Anwalt, die in Gerichtsprozessen tätig ist. Und dennoch ist das hier heute kein gewöhnlicher Termin für mich. Zu behaupten, dass es um viel geht, wäre untertrieben. Es geht um alles: um meine Vergangenheit, meine Zukunft, meine gesamte Existenz. Ich atme durch und lasse das Fenster herunter, damit etwas frische Luft in den Wagen kommt.
»Wir sind da«, reißt mich der Taxifahrer schließlich aus meinen Gedanken und bremst den Wagen ab. Das Landgericht Bonn. Ich sammele mich, ziehe meine Geldbörse aus der Hosentasche und bezahle den Mann. »Stimmt so«, sage ich und öffne noch immer ein wenig abwesend die Tür. Und dann bin ich auf einmal wieder voll da.
Noch während ich aus dem Taxi steige, umringen mich Journalisten, halten ihre Kameras hoch. Ich stehe mitten im Blitzlichtgewitter, umgeben von Fotografen, Kameraleuten und Stimmen, die meinen Namen rufen. Ein kurzer Schockmoment. Damit habe ich nicht gerechnet. Bislang war ich doch immer im Hintergrund geblieben! Ich versuche mich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Ich überquere den Vorplatz Richtung Gerichtsgebäude, steige Stufe für Stufe nach oben und dränge mich zwischen Justizbeamten hindurch, die den Pulk zurückhalten. »Immer mit der Ruhe«, rufen sie in die Menge. Als ich das Gebäude betrete, herrscht plötzlich gedämpfte Stille. Der Wechsel ist fast brutal. Ich atme tief durch. Die Gänge im Landgericht sind hoch und kahl, jeder Schritt hallt von den Wänden zurück. Mein Atem ist schwer.
Ich spüre die Blicke auf mir. Manche neugierig, andere kühl, prüfend, abwägend. Jeder Blick ein Urteil. Zumindest kommt mir das so vor. Ich gehe weiter, will mir nicht anmerken lassen, dass meine Beine schwer wie Blei sind.
Draußen vor dem Sitzungssaal erwarten mich bereits zwei meiner drei Anwälte. TopVerteidiger, die besten, die man bekommen kann. Meine Musketiere, wie ich sie nenne. »Kommen Sie, Steck, der Prozess beginnt gleich«, begrüßen sie mich. Ich nehme vor dem Raum Platz. Es vergeht eine gefühlte Ewigkeit, bis ich endlich aufgerufen werde. Ich öffne die Tür und betrete den riesigen Saal.
Er verschluckt mich. Ich spüre sofort die Energie – dicht, elektrisch, wie ein Raum voller gespannter Drähte. Köpfe drehen sich, ein Flüstern flackert auf und verstummt wieder. Hunderte Augenpaare heften sich an mich, als ginge es nur um diesen einen Moment: mein Erscheinen.
Totale Stille. Flimmernde Luft. Ich nehme in der Mitte Platz. Meine Anwälte setzen sich neben mich.
Jetzt wird mir schlagartig bewusst, was ich die ganze Zeit über verdrängt hatte. Das hier ist nicht irgendein Prozess. Es ist einer der wichtigsten Prozesse der bundesdeutschen Geschichte. Zum ersten Mal stehen zwei Männer wegen CumEx vor Gericht. Wegen der Betrugsmasche, mit der man sich Milliarden von Euro nie gezahlter Steuern vom Staat »zurückholen« konnte.
Und ich bin der zentrale Kronzeuge.
Ich bin der Mann, auf dessen Aussage das Verfahren basiert. Weil es in diesem Gerichtssaal abgesehen von den beiden Angeklagten niemanden gibt, der CumEx so sehr versteht wie ich. Das ist kein Zufall. Ich bin im CumExUniversum die Nummer zwei, die rechte Hand von Josef Bachstein, dem Erfinder, dem Kopf hinter dem Modell.
Über CumEx wurde in den letzten Monaten viel geschrieben. Medien sprachen von der größten Betrugsmasche der Steuergeschichte. Der Staat soll um 13 Milliarden Euro betrogen worden sein, von einem Netzwerk aus Bankern, Brokern, Anwälten und vermögenden Anlegern. Die Namen, die im Zusammenhang mit CumEx fallen, sind prominent. Zuletzt wurde sogar Olaf Scholz, zu diesem Zeitpunkt deutscher Finanzminister, später sollte er noch Bundeskanzler werden, mit CumEx in Bezug gesetzt.
Doch bis heute ist eines unklar: Handelt es sich bei CumEx wirklich um eine Straftat? Oder einfach nur um eine Gesetzeslücke, die clever ausgenutzt wird?
Darum wird es heute in diesem Prozess gehen. Es gibt genügend Rechtswissenschaftler, die argumentieren, es sei unmoralisch, diese Lücke auszunutzen. Aber es ist nicht rechtswidrig. Man kann nur für einen Rechtsverstoß belangt werden.
Zwei Broker sind angeklagt. Und ich bin der Kronzeuge, der Aussteiger aus dem System, der eine Grenze gezogen hat. Einen Schlussstrich. Der zu den Behörden gegangen ist und ausgepackt hat. Als wir mit CumEx angefangen haben, war ich auch noch der festen Überzeugung, dass wir einfach nur bestehende gesetzliche Lücken geschickt für uns nutzten. Doch irgendwann wurde mir klar: Wir zocken den deutschen Staat ab, und das ist falsch.
»Sie wissen, was zu tun ist«, flüstert mir einer meiner Anwälte zu. »Sie müssen komplett auspacken! Alles, was Sie wissen! Das ist part of the deal!«
Der Deal, auf den ich meine Hoffnungen setze, firmiert unter dem Paragrafen 46 b des Strafgesetzbuchs: der Kronzeugenregelung. Sie sieht vor, dass das Gericht von Strafe absehen kann, wenn ein Zeuge maßgeblich dazu beiträgt, den Sachverhalt aufzuklären.
Ich atme durch. Der Aufbau ist wie eine Front. Vor mir die Richterbank: drei Berufsrichter, zwei Schöffen. Mittendrin Doktor Roland Zickler, Anfang fünfzig, mein Alter. Sein Blick ernst, aufmerksam, wachsam. Daneben die Protokollführerin, dahinter ein Ergänzungsschöffe – nur für den Fall, dass jemand ausfällt. Schon diese Reihe wirkt wie eine geschlossene Wand.
Links von mir sitzen die Staatsanwälte, flankiert von einem Finanzbeamten. Ich werfe einen Blick auf Frau Logenhardt, die Anklägerin, mit der ich viele Stunden in einem Vernehmungsraum verbrachte und der ich alles offenbarte, was ich wusste. Von ihr wird mein Schicksal abhängen. Die Medien haben sie »die CumExChefanklägerin« getauft. Sie wirkt auf mich unnahbar.
Rechts von mir befinden sich die beiden Angeklagten – britische Trader – mit ihren Verteidigern. Sie sind die Einzigen in diesem Raum, die noch nervöser wirken als ich. Aber das ist auch nicht gerade verwunderlich, immerhin sitzen sie im Gegensatz zu mir auf der Anklagebank. Für sie geht es hier um ihre Freiheit. Für mich heute nicht. Nicht, wenn ich liefere. Das ist zumindest meine Hoffnung.
Ich kenne die beiden Männer. Wir waren keine Freunde, sind nicht zusammen Bier trinken gegangen, aber wir sind uns häufiger über den Weg gelaufen. Als ich sie kennenlernte, arbeiteten sie noch bei einer Bank, später wechselten sie zu einer Fondsgesellschaft. Wir hatten immer mal wieder miteinander zu tun, das CumExUniversum, in dem wir uns bewegten, war überschaubar. Unsicher nicken sie mir zu. Ich nicke unverbindlich zurück.
Und dann die nächste Reihe: die Banken. Fünf Parteien, jeweils mit zwei Anwälten. Und was für welche. Da sitzt das Who is Who der deutschen Strafverteidigung. Bullterrier in schwarzen Roben, bis an die Zähne bewaffnet mit Taktik, Erfahrung, Arroganz. Bank of New York, Warburg Bank, Hansa Invest, Société Générale. Keine Vorstände, keine Ackermänner. Nur die schwarzen Silhouetten der besten Anwälte, die man in diesem Land kaufen kann. Zwei pro Bank.
In ihren Augen bin ich kein Zeuge, sondern ein Virus, das ausgemerzt werden muss. Wenn ich etwas dingfest mache, wird es Folgen haben, jahrelang, bis in die Vorstandsetagen. Offiziell heißen sie Einziehungsbeteiligte. Weil es in Deutschland kein Unternehmensstrafrecht gibt, kann man Banken nicht anklagen. Aber man kann sie abschöpfen. Sie sitzen da, um zu zahlen – Hunderte Millionen. Für sie geht es nicht nur um Geld, sondern um Reputation. Und sie alle wissen: Sie müssen mich zerschlagen. Sonst würde es die Banker irgendwann selbst treffen.
Ich nehme mitten im Saal auf einem Stuhl Platz, der sich anfühlt wie ein Podest. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Hinter mir das Publikum: fünfzig Journalisten, Laptops, Kameras, gespannte Gesichter. Daneben weitere Zuschauer. Kein Zufallspublikum, sondern Referendare, Anwälte, junge Juristen – Leute, die ihre Mandanten in CumEx vertreten, die alles mitschreiben, jeden Satz einordnen.
»Nennen Sie dem Gericht zunächst Ihren vollständigen Namen, Ihr Geburtsdatum und Ihren Wohnort«, fordert Zickler mich auf.
»Mein Name ist KaiUwe Steck, geboren am 09.10.1971, derzeit wohnhaft in Thalwil in der Schweiz.«
»Sind Sie mit den Parteien verwandt oder verschwägert?«
»Nein.«
»Haben Sie geschäftliche Beziehungen oder ein sonstiges besonderes Verhältnis zu einer der Parteien?«
»Nein.«
»Gut. Ich weise Sie darauf hin, dass Sie als Zeuge verpflichtet sind, die Wahrheit zu sagen. Falsche Angaben sind strafbar und können mit Freiheitsstrafe geahndet werden. Haben Sie das verstanden?«
»Ja, habe ich.«
Meine Hände liegen gefaltet auf dem Tisch. Ich zwinge mich, sie ruhig zu halten. Jede kleine Zuckung könnte Schwäche bedeuten. Ich rede, erkläre, zeige, wie die Maschinerie funktionierte. Die Anwälte der Banken starren mich an, als wollten sie jede Silbe verschlucken. Hinter mir klackern die Tastaturen der Journalisten.
Der Blick des Richters liegt auf mir. Für einen Moment ist es, als wären wir allein im Raum. Nur er und ich. Ich muss liefern. Ich spüre, wie meine Kehle trocken wird, und räuspere mich.
»Vielleicht«, sagt der Richter, »fangen Sie einfach einmal ganz vorne an, am Anfang Ihrer Geschichte. Erzählen Sie uns ein wenig von sich. Von wo Sie eigentlich kommen.«
Ich wurde 1971 als das jüngste von drei Geschwistern in Jever geboren. Jever ist ein 14.000SeelenKaff, bekannt eigentlich nur durch das gleichnamige Bier. Hier kennt man sich. Wer nicht miteinander verwandt ist, ist zumindest irgendwie verschwägert. Es gibt nichts außer Land, Meer und Sand, und die Gegend ist so flach und unverbaut, dass man schon heute sehen kann, wer morgen zu Besuch kommt.
Es ist eine überschaubare Welt, in der meine Eltern einen ganz besonderen Platz einnahmen. Meine Mutter, Jahrgang 1939, flüchtete vor dem Krieg aus Danzig, und mein Vater, Jahrgang 1937, war ein Kriegskind aus Ostfriesland. 1980 machte mein Vater sich selbstständig. Er eröffnete seinen eigenen Heizungsvertrieb und verkaufte Heizungen von Fremdanbietern: SiemensElektroheizungen, Gasheizungen, Ölheizungen. Mein Vater hatte keine Ahnung von Technik; ich glaube, er hatte noch nie einen Schraubenzieher in der Hand gehabt. Aber er hatte Ahnung davon, wie man Dinge verkauft. Er war der geborene Verkäufer.
Auch im hohen Alter ging er noch selbst von Tür zu Tür. Er wusste, dass er mehr draufhatte als seine Angestellten. Immer schaffte er es, die Menschen in ein Gespräch zu verwickeln und ihnen Dinge anzudrehen, die sie eigentlich gar nicht brauchten. Für alles andere hatte er seine Mitarbeiter, die übernahmen die Montage und das technische »Gedöns«.
Mein Vater war gut in dem, was er tat. Er war verdammt gut. Und so verdiente er mehr und mehr Geld.
Irgendwann baute er uns ein Haus, einen großen, modernen Bungalow direkt am Stadtrand. Der Erfolg meines Vaters war spürbar und wurde sichtbar. Bald stand ein BMW vor unserer Haustür. Aus dem BMW wurde ein Mercedes. Und schließlich stand daneben ein zweiter Mercedes, der noch ein wenig größer war als der erste. Als mein Vater das Auto kaufte, war ich neun oder zehn Jahre alt. Er führte es mir vor, zeigte mir die Ledersitze, die Karosserie, den Lack, den Motor.
»Weißt du mein Sohn«, sagte er mit einem arroganten Augenzwinkern, »wer keinen Mercedes fährt, ist kein guter Mensch.« Diesen Satz sollte ich niemals vergessen.
Eigentlich war mein Vater ein smarter Typ, aber er lebte nicht bewusst und verdiente zu schnell zu viel Geld. Er wuchs in eine neue Gesellschaftsschicht hinein, doch sein Intellekt wuchs nicht mit, ebenso wenig wie seine Einstellung zu den Menschen. Plötzlich war er jemand im Dorf. Plötzlich hatte er etwas. Das ließ ihn vergessen, woher er kam. Er definierte sich nur noch über seinen Besitz. Das Geld korrumpierte ihn.
Und nicht nur ihn: Auch meine Mutter veränderte sich. Das Geld brachte sie in Kreise, die sie vorher nie gesehen hatte. Zu ihrem Freundeskreis gehörten auf einmal Apotheker und Marineoffiziere. Das war eine andere Gesellschaft als die, aus der sie kamen. Damals lebte sie noch in einem Flüchtlingsheim. Heute wurde sie immer exzentrischer. Irgendwann kaufte mein Vater ihr einen Mercedes SL in Blaumetallic, ein Cabriolet, quasi als Wiedergutmachung dafür, dass er beruflich so stark eingebunden war. Er wollte sein Gewissen erleichtern. Und es funktionierte. Meine Mutter war glücklich. Mit ihrem neuen Cabrio fuhr sie durch den Ort, in dem sonst nur Werftarbeiter, Bauern oder Arbeitslose wohnten.
Wenn sie vor dem örtlichen Supermarkt ausstieg, schauten alle auf sie. Sie trug eine schneeweiße Pelzjacke und eine dazu passende Pelzmütze. Blaufuchs. Mit erhobener Nase stöckelte sie in den Laden. »Oh, schaut mal, die Frau Steck. Extravagant wie immer.« Das hörte sie natürlich, und sie hörte es gern. Es waren die Zeit, in der Serien wie der Denver-Clan oder Dallas im Fernsehen liefen. Meine Mutter liebte diese Serien. Ihr großes Vorbild war Jean Collins alias Alexis Carrington, eine echte Diva.
Meiner Mutter ging es irgendwann nur noch um Äußerlichkeiten. Sie war ständig auf der Schönheitsfarm. Maniküre, Pediküre, Wimpern machen lassen, Hautreinigung. Das volle Programm, einmal die Woche. Alles musste glänzen, zumindest nach außen hin.
Je mehr sie ihren äußeren Lebensstil pflegte, desto mehr verkümmerten ihre inneren Werte. Sie sah nicht mehr, dass sie andere Leute vor den Kopf stieß mit ihrem Geprotze. Dabei war sie eine sehr liebevolle Frau.
Mein Vater war nicht besser. Im Winter trug er einen imposanten Pelzmantel, der ihm bis zu den Knöcheln ging. Es war, als wären meine Eltern mit einem UFO in diesem Ort gelandet, als wären sie Außerirdische. Es war ein absurder Kontrast. Die Menschen aus dem einfachen Dorf. Und dann dieser nachgespielte DenverClanPomp. Sie reflektierten nicht, dass sie die Menschen im Ort mit ihrer Art verletzten, indem sie ihnen vorführten, wie viel mehr sie besaßen als ihre Nachbarn. Meine Eltern waren das Dorfgespräch und wollten es auch sein. Aber das beschränkte sich nicht nur auf das Dorf. Auch innerhalb der Familie fügten sie mit ihrer Art Schaden zu. Meine Mutter hat ihre eigene Mutter, meine Oma, eine Kriegswitwe mit wenig Rente, und ihre ältere Schwester bei sich im Hause angestellt. So musste sie sich nicht um den Haushalt kümmern und konnte ihren Hobbys nachgehen. Für meine Großmutter hingegen muss das eine fürchterliche Demütigung gewesen sein.
Ich glaube, dass meine Eltern sehr tiefe Narben auf der Seele trugen. Narben, die der Krieg verursacht hatte und die auf der Flucht entstanden waren. Sie haben niemals groß darüber geredet. Mit dem Geld wollten sie die leidvollen Erfahrungen einfach vergessen machen.
• • •
Als Kind hatte ich viele Freunde. Natürlich auch, weil wir Geld hatten, einen Pool und modernstes Spielzeug. Und weil ich mit meinem Taschengeld nach der Schule für alle Süßigkeiten und Cola kaufen konnte und somit für die Jungs aus der Klasse immer der große Held war. Die meisten meiner Freunde waren wahrscheinlich gar keine. Sie waren da, weil es bei mir etwas zu holen gab. Als Kind habe ich das noch nicht so verstanden.
Mein einziger echter Freund war Heiko. Wir hingen täglich zusammen ab. Irgendwann, sehr viel später, gründeten wir sogar eine HeavyMetalBand. Ich war Schlagzeuger, er der Sänger. Wir waren beide große Rock’n’Roll-Fans.
Damals verbrachte ich sehr viel Zeit mit meinen Freunden. Mein Vater war kaum für mich da. Er arbeitete ständig und verdiente Geld. Das tue er für die Familie, wie er sagte, spürte aber wohl selbst, dass wir zu kurz kamen. Also versuchte er, die Versäumnisse mit Geld wiedergutzumachen. Weil er seine Liebe nicht anders ausdrücken konnte, machte er uns Kindern Geschenke. Materialismus statt Zuneigung.
Alle paar Wochen nahm er mich mit ins Stadion zu Werder Bremen. Das war für mich das Allergrößte. Doch wenn wir nach den Spielen zurück nach Hause kamen, war ich wieder unsichtbar. Er musste sich um seine Geschäfte kümmern und zog sich zurück. Auch für meine Mutter fand er kaum Zeit.
Ich spürte instinktiv, dass sich etwas zwischen den beiden veränderte. Dass sie kaum noch miteinander sprachen, die Atmosphäre immer kühler wurde, immer vergifteter. Aber ich war ein Kind und ließ mich bestechen. Ich bekam alles, was ich mir wünschte: neue Fahrräder, neues Spielzeug und neue Turnschuhe, Adidas Allrounder. Wenn die dreckig waren, wurden sie weggeschmissen und durch ein neues Paar ersetzt.
Aber je mehr Geschenke ich bekam, desto mehr zog sich mein Vater auch zurück. Erst später begriff ich, wie kaputt die Ehe meiner Eltern zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon gewesen war. Sie hatten sich völlig auseinandergelebt und stritten täglich.
Und von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat wurden diese Streitigkeiten schlimmer. Bedrohlicher. Mein Vater veränderte sich. Er fing an zu trinken. Und wenn er getrunken hatte, drohte er völlig auszurasten. Er verlor dann die Kontrolle. Ich erkannte ihn nicht mehr wieder.
Nachts war es besonders schlimm. Ich hatte Schlafstörungen. Es gab regelrechte Rituale, an die ich mich klammerte. Wenn ich in meinem Bett lag, konnte ich hören, wie der Fernseher lief. Ich schaute auf den Digitalwecker auf meinem Nachtschrank. Zwischen 20 und 22 Uhr entschied sich, wie der Abend weiterverlief.
Entweder machte mein Vater den Fernseher aus und ging ins Bett. Dann war alles gut, und ich konnte einschlafen. Oder ich hörte, wie er sich fertigmachte und das Haus verließ. Dann begann die Angst.
Wenn mein Vater abends noch wegging, hieß das, dass er sich betrinken würde. Und das wiederum bedeutete, dass die Nacht völlig unvorhersehbar wurde. Die Gefahr war groß, dass er betrunken zurückkam und in unserem Haus randalierte, rumschrie, meine Mutter bedrohte, Sachen kaputtschmiss. Oder uns vor die Tür setzte. Das passierte mindestens einmal im Monat.
Mein Vater torkelte dann mitten in der Nacht betrunken durchs ganze Haus, machte überall Licht an, öffnete alle Türen und befahl uns, ins Wohnzimmer zu gehen. Dort ließ er uns strammstehen. Wortwörtlich. Als wäre er ein General, der über seine Truppen befiehlt. Er wankte betrunken vor uns herum und wollte irgendetwas sagen. Man merkte, wie er mit Worten rang, wie er versuchte, das auszusprechen, was in seinem Kopf vor sich ging. Und wie er daran scheiterte.
»Alle raus! Alle raus!«, schrie er dann irgendwann und setzte uns vor die Tür. Wir hatten immer fertig gepackte Notfalltaschen bereitstehen. Meine beiden älteren Geschwister waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausgezogen. Ich lebte also allein mit meinen Eltern. In meiner kleinen AdidasTasche war alles, was ich brauchte: meine wichtigsten Kuscheltiere, mein Commodore 64, mein Waschzeug, ein paar Klamotten. Wir flüchteten entweder zu meinem Onkel oder zu meiner Oma.
Ich glaube, für meinen Vater waren diese Ausraster die einzige Möglichkeit, sich von dem Druck zu lösen, den er verspürte. Er wollte sich von meiner Mutter trennen, aber er wusste, dass die dann fälligen Unterhaltszahlungen ihn in den Ruin getrieben hätten. Er hätte dafür sein Unternehmen verkaufen müssen. Deshalb konnte er weder vor noch zurück. Er war gefangen. Und das machte ihn wahnsinnig.
Da mein Vater nie gelernt hatte, über seine Gefühle zu sprechen, kam es regelmäßig zu diesen Explosionen. Er konnte sich nicht anders helfen, es brach einfach aus ihm heraus. Der Alkohol tat sein Übriges. »Alle raus!« war sein Befreiungsschlag. Am nächsten Tag bereute mein Vater sein Verhalten, es tat ihm alles wahnsinnig leid. Er holte uns dann bei meiner Oma oder meinem Onkel ab.
Gesprochen wurde über die Vorfälle allerdings nie. Stattdessen wurden sie ignoriert und totgeschwiegen, wie so vieles in unserer Familie. Bis zum nächsten Ausfall.
Und doch spitzte die Lage sich immer weiter zu. Ich erinnere mich an den blutigen Freitag. Ein Tag, den ich niemals vergessen werde. Ich habe das Bild noch vor Augen.
Freitags machte mein Vater seine Behördengänge. Er zog sich ein weißes Hemd und eine rote Krawatte an und erledigte alles, was es zu erledigen gab. Am blutigen Freitag war aber alles anders. Ich war damals vielleicht zwölf Jahre alt. Es war früh, 7 Uhr am Morgen, ich war schon angezogen und bereit, in die Schule zu gehen.
Als ich in die Küche kam, stand mein Vater blutverschmiert am Herd, das weiße Hemd war voller roter Flecken. Meine Mutter ihm gegenüber mit einem großen, blutigen Küchenmesser in der Hand. Ich hatte keine Ahnung, was passiert war, spürte nur eine ungeheure Panik in mir aufsteigen. Ohne nachzudenken trat ich zwischen die beiden und breitete die Arme aus, um sie voneinander zu trennen.
Ich sah nur das Blut und konnte nicht mehr klar denken. Mir schnürte sich der Hals zu. Tränen stiegen in mir hoch. Niemand sprach. Die Stille im Raum war greifbar. Es war, als wäre die Temperatur unter den Gefrierpunkt gefallen.
Erst schrittweise konnte ich rekonstruieren, was passiert war: Die beiden waren wohl in einen Streit geraten. Mein Vater bedrohte meine Mutter, sie griff sich das Küchenmesser, er wollte es ihr aus der Hand reißen und griff in die Klinge. Nun war alles voller Blut und ich mittendrin. Irgendwann winkte mein Vater ab und ging ins Bad, um sich zu verarzten. Meine Mutter blickte ihm mit dem Messer in der Hand nach. Sie war völlig aufgelöst und wie von Sinnen.
»Mama, ist alles okay?«, fragte ich.
»Mach dich fertig, geh zur Schule«, sagte sie mechanisch.
»Aber Mama …«
»Geh zur Schule!«, befahl sie. Es wirkte, als würde sie mich gar nicht wahrnehmen.
Und so ging ich in die Schule, völlig traumatisiert, mit Todesangst im Herzen. Nach dem blutigen Freitag kam es zum endgültigen Bruch. Mein Vater verschwand. Er war einfach nicht mehr da. Mehrere Wochen lang wurde nicht
Bis mein Vater irgendwann wiederkam. An einem Samstagmittag stand er im Eingangsbereich unseres Bungalows und rief nach mir. Ich kam die Treppen herunter und umarmte ihn.
»Hallo, Sohn«, sagte er.
Ich schaute ihn mit großen Augen an. Wo war er gewesen? Was hatte er gemacht? Hatte er noch Streit mit Mama? War wieder alles in Ordnung? Ich hatte so viele Fragen!
Doch statt mir irgendetwas zu erklären, sagte er nur zwei Sätze. Zwei Sätze, die sich tief in meinen Kopf eingebrannt haben, weil ich immer und immer wieder über ihre Bedeutung nachgedacht habe: »Du weißt ja Bescheid, oder? Komm, wir fahren jetzt mal rüber.«
Nein, ich wusste nicht Bescheid. Ich wusste auch nicht, wohin er mit mir fahren wollte. Stumm setzte ich mich in sein Auto und fuhr mit ihm zu einem anderen Haus. Es war nicht weit von unserem Haus entfernt, ein paar Straßen nur. Wir parkten, mechanisch stieg ich aus. Mein Vater ging vor mir die Auffahrt hoch und schloss die Eingangstür auf. Drinnen wartete Liesel.
Sie war eine alte Bekannte der Familie und oft dabei gewesen, wenn meine Eltern in ihrem Partykeller eine Feier gaben und ich zu Oma abgeschoben wurde. Als wir die Wohnung betraten, gab sie meinem Vater einen Kuss. Sie wohnte in dem neuen Haus. Mit meinem Vater. Mit den Kindern aus ihrer ersten Ehe. Liesel tat so, als wäre alles so wie immer. »Na, wie geht es dir? Alles gut?«
Ich war völlig geschockt. Man muss es mir angesehen haben, aber mein Vater und Liesel ignorierten es. Diese Menschen lebten ohne jegliches Bewusstsein für ihre Umgebung. Sie hatten keinerlei Verständnis für das, was mich umtrieb. Was einen kleinen Jungen in einer solchen Situation umtreiben könnte. Wieso setzte sich mein Vater nicht einfach zu mir? Wieso erklärte er mir nicht, dass er sich von meiner Mutter getrennt hatte? Wieso sagte er nicht, dass es schwierig sei, dass er aber immer mein Vater bleiben und für mich da sein würde und dieses ganze kitschige Zeug, das man als kleiner Junge in so einer Situation wahrscheinlich hören will?
Kein Wort. Nie. Er konnte es einfach nicht. Stattdessen aß ich Kuchen und trank Ostfriesentee mit Liesel und sprach über das Wetter, das war wie fast immer in Friesland. Grau und trüb.
• • •
In dieser Zeit verschlechterten sich meine schulischen Leistungen immer mehr. Ich bekam nach der Orientierungsstufe eine Hauptschulempfehlung. Das war ein Schock. Meine beiden größeren Geschwister waren damals auf dem Gymnasium, und dass ich eines Tages in ihre Fußstapfen treten würde, wurde in meiner Familie einfach vorausgesetzt. Ich war ja ein Junge aus gutem Hause. Stattdessen: Hauptschule. Meine Eltern nahmen das nicht hin. Sie widersetzten sich dem Rat meiner Lehrer und meldeten mich einfach auf der Realschule an.
Dort wurden meine Leistungen nicht besser. In der siebten Klasse war es dann vorbei. Ich blieb hängen. Zwei Fünfen, eine Sechs. Eine absolute Katastrophe. Ich war am Boden zerstört.
Eigentlich war es absehbar gewesen. Ich war völlig abgerutscht. Ich schwänzte, hing mit den falschen Leuten rum, fing an zu rauchen, zu trinken, blieb nachts lange weg. Jever war keine Großstadt, hier gab es nicht viel. Aber es gab die Dorfdisko, und die besuchten wir, wann immer sie offen hatte. Sie hieß »In’t Dörp« – das ist Plattdeutsch und heißt so viel wie »Im Dorf«. Nicht sonderlich kreativ, aber schon auch sehr passend.
Hier schossen wir uns ab. Tequila, Korn, ColaWeinbrand, den sogenannten »Charly«, und das alles in rauen Mengen. Wir bestellten im Meter. Das war ein Brett, das ein Meter lang war und auf das circa zwölf Gläser passten. Das Ganze kostete 20 DMark. Ich trank, um den ganzen Ärger zu vergessen. Ich trieb mich rum, nur um nicht zu Hause zu sein.
Ich war vierzehn Jahre alt und brach einfach aus, weil ich den Terror nicht mehr ertrug. Das Geschrei und die Kälte. Es wechselte sich ab. Auch wenn mein Vater jetzt seine neue Familie hatte, kam er ständig zu Besuch. Ich hatte das Gefühl, er kam nur, um meiner Mutter Vorwürfe zu machen oder sich von ihr welche machen zu lassen.
Als ich mit meinem katastrophalen Zeugnis nach Hause kam, brach die Hölle über mich herein. Ich war sitzengeblieben. Ein Sakrileg. Meine Geschwister zogen mich auf und bezeichneten mich als Dummkopf. Meine Eltern zeigten mir, wie sehr sie von mir enttäuscht waren. Aber am schlimmsten schimpfte mein Onkel. Er tat so, als hätte ich die größtmögliche Schande über die Familie gebracht. »Wenn das so weitergeht mit dir, Junge, dann landest du noch bei S&S«, schimpfte er.
S&S war ein geflügeltes Wort in Friesland. Es stand für »Schutt und Scheiße«, so nannten manche hier umgangssprachlich die Müllabfuhr. So tief war ich also schon im Ansehen meines Onkels gesunken.
Ich war vierzehn Jahre alt, völlig gebrochen und fertig mit der Welt: Mein Elternhaus war kaputtgegangen, ich versagte in der Schule – und durfte mir dann auch noch anhören, dass meine Familie mich bei der Müllabfuhr sah. Ich fühlte mich tatsächlich wie »Schutt und Scheiße«.
Irgendwann gab es auch noch Streit wegen des Unterhalts, und er wurde auf meinem Rücken ausgetragen. Mein Vater sprach nicht mehr mit meiner Mutter, aber sie brauchte sein Geld, um den Haushalt weiterführen zu können. Irgendjemand musste es abholen. Und dieser Jemand war ich. Von nun an musste ich jeden Samstag bei meinem Vater in dem neuen Haus antreten.
Mein Vater war manipulativ. Er setzte das Geld als Steuerungsmittel ein. Natürlich wusste er, dass ich schlecht auf ihn zu sprechen war, nicht unbedingt seine Nähe suchte und mich abkapseln wollte. Aber da war ja das Haushaltsgeld. Meine Mutter bettelte mich regelrecht an, die vierhundert DMark pro Woche abzuholen. Sie wusste nicht, wie wir sonst über die Runden kommen sollten. Und natürlich tat ich es für sie. Auch wenn sie mit mir niemals über die Trennung gesprochen hatte und ich mich oft allein fühlte, hatten wir ein gutes Verhältnis, und ich liebte sie.
So verbrachte ich jeden Samstagnachmittag bei meinem Vater und seiner neuen Frau Liesel und spielte dort heile Welt. Alles verlief immer nach dem gleichen Muster. Es gab Tee und Kuchen, es wurde gefragt, wie es in der Schule lief. Dann machte mein Vater den Fernseher an. Er hatte ein PayTV-Abo, wir schauten zusammen wortlos die BundesligaSpiele.
Beim Abpfiff legte er dann das Haushaltsgeld auf den Tisch. Meistens. Es gab auch Tage, an denen er das Geld nicht gleich rausgeben wollte und zunächst noch meckerte: was meine Mutter doch für eine schlechte Frau wäre, wie sie ihn abzockte, wie sie sein hart verdientes Geld aus dem Fenster schleuderte.
Ich hörte mir alles an, wartete seine Schimpftiraden ab, nahm das Geld, das er letztlich doch meistens auszahlte, und ging nach Hause. Es war eine Tortur. In dieser Zeit lernte ich schmerzhaft, dass man sich mit Geld nicht nur Türen öffnen, sondern auch andere Menschen unterdrücken konnte. Geld war der Schlüssel zu allem: zur Freiheit, zur Unabhängigkeit, zur Macht.
Mein Vater machte es mir immer wieder vor. Derweil lebte meine Mutter weiter in unserem alten Bungalow und versuchte, nach außen die Fassade zu wahren.
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In dieser Zeit hatte schon jeder das Vertrauen in mich verloren. Fast jeder. Ich hatte eine Klassenlehrerin. Frau Geißler. Eine ältere Dame. Sie war die einzige, die trotzdem noch irgendwie zu mir gehalten hat. Einmal kam sie nach dem Unterricht zu mir und sagte, dass sie an mich glauben würde. Ich könne noch die Kurve bekommen, wenn ich mich denn anstrengen würde. Sie hatte wohl einen Sohn zu Hause, der auch einmal auf die schiefe Bahn gekommen war. Und tatsächlich passierte etwas. Ein Mensch trat in mein Leben, der alles veränderte. Markus kam von einer anderen Schule in meine Klasse. Er war wahnsinnig cool, sah gut aus, war ein exzellenter Fußballspieler. Er war pfeilschnell und hatte einen Schlag bei den Mädels. Außerdem brachte er sehr gute schulische Leistungen. Das gab ihm die Freiheit, sich zu benehmen, wie er wollte. Er konnte bei den Lehrern auch einmal einen frechen Spruch riskieren. In der Klasse wurde er dafür gefeiert, Konsequenzen bekam er keine zu spüren.
Ich bewunderte Markus. Ich wollte sein wie er. Und plötzlich verstand ich, dass nicht nur Geld einem die Türen öffnen konnte – eine gute Leistung hatte denselben Effekt. Erst später wurde mir klar, dass gute Leistungen auch die Grundvoraussetzung sind, um viel Geld zu verdienen. Aber so weit dachte ich damals noch nicht. Ich sah nur: Wer gute Noten hatte, der konnte sich benehmen, wie er wollte. Und wer die Freiheit hatte, sich zu benehmen, wie er wollte, der wurde geliebt.
Ich wollte nichts mehr, als geliebt zu werden. Also nahm ich mir Markus als Vorbild. Er wurde für mich zur Benchmark, und ich hängte mich wirklich rein. Ich lernte, ich bereitete mich vor. Meine Noten wurden besser. Plötzlich erkannte ich, dass ich mein Schicksal selbst in der Hand hatte. Je härter ich arbeitete und lernte, umso besser wurden meine Leistungen. Und je besser meine Leistungen waren, umso mehr stieg mein Ansehen.
Nicht zu Hause, da wurde ich ignoriert. Aber in der Schule sah man mich plötzlich mit anderen Augen. Meine guten Noten gaben mir Selbstvertrauen, und das kam bei den Mitschülern an. Plötzlich war ich wirklich beliebt. Nicht nur wegen des Geldes, das meine Eltern mal gehabt hatten, sondern weil ich cool war. Jetzt bekam ich auch die hübschen Mädchen ab. Ich war nicht mehr der Loser. Ich war ein Macher, ein Gewinner.
Markus trieb mich voran. Auf dem Sportplatz wie in der Schule. Ich wollte unter allen Umständen mithalten können, und so zwang ich mich zu meinen persönlichen Bestleistungen. Über Jahre blickte ich zu ihm auf. Wir beide machten den erweiterten Realschulabschluss, der uns für das Gymnasium qualifizierte. Hier trennten sich unsere Wege.
Während ich mein Abitur machte, fügte sich Markus dem Wunsch seines Vaters und machte eine Zimmermannslehre. Sein Vater hatte eine kleine Baufirma und wünschte sich, dass sein Sohn dieses Unternehmen eines Tages übernähme. Er konnte seinem Vater diesen Wunsch nicht abschlagen.
Ich wechselte auf das städtische Wirtschaftsgymnasium in Wilhelmshaven, legte im Frühjahr 1991 mein Abitur ab, und kaum ein Jahr später hatte ich auch den obligatorischen Wehrdienst abgeleistet.
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Nach der Bundeswehr hatte ich zwei Pläne: Ich wollte nach Berlin ziehen, und ich wollte BWL studieren. Berlin war für mich der place to be. Die Mauer war vor Kurzem gefallen, es gab wahrscheinlich gerade keinen spannenderen, aufregenderen und wilderen Ort in Deutschland. Doch mit BWL in Berlin gab es ein Problem. Es gab einen Numerus clausus, und der war ziemlich hoch angesetzt. Ich hätte einen AbiturDurchschnitt von 1,9 gebraucht, aber trotz meiner Bemühungen hatte es bloß für ein Ergebnis von 2,3 gereicht.
Entsprechend konnte ich mir keinen Studienplatz aussuchen, sondern wurde von der Zentralvergabestelle einer Universität in der bayerischen Pampa zugeteilt. Ich war frustriert und wusste nicht, was ich machen sollte. Sollte ich das studieren, was mir am Herzen lag, und dafür in einen Ort ziehen, der noch provinzieller war als Friesland? Oder sollte ich in die Stadt gehen, die ich liebte, und dafür etwas lernen, was mich nicht begeisterte? Das war eine schwere Entscheidung. Ich beschloss, sie vorerst zu vertagen und noch etwas darüber nachzudenken. Dass ich die Lösung für mein Problem ausgerechnet in unserer Dorfdisko finden würde, hätte ich nicht erwartet.
Dort lernte ich eines Abends Swantje kennen. Besser gesagt, ich traf sie wieder. Swantje war bei mir in der Realschule gewesen, Klassenstreberin und Mauerblümchen. Ich hatte eigentlich nie etwas mit ihr zu tun gehabt. Man kannte sich oberflächlich, wie man seine Klassenkameraden eben kennt.
Aber inzwischen hatte sie sich komplett verändert. Sie war aufgeblüht, sah toll aus, war klug und lustig. Wir setzten uns an die Bar und brachten uns gegenseitig auf den neusten Stand. Beide hatten wir es geschafft, uns von der Realschule auf das Gymnasium hochzuarbeiten und unser Abi zu machen. Swantje war mir ein Jahr voraus, weil ich noch meinen Wehrdienst absolviert hatte. Sie studierte bereits: Biologie in Osnabrück.
Sie erzählte mir, dass sie dort mit ihrem Freund lebte, und ich erzählte ihr von meinen Problemen bei der Studienwahl. Und während des Gesprächs hatte sich in meinem Kopf das Problem eigentlich schon gelöst. Ich würde gar keinen Kompromiss eingehen, beschloss ich, sondern einfach einen anderen Plan fassen. Ich würde nach Osnabrück gehen.
»Sag mal, spinnst du?«, mahnte mein Kumpel Heiko, als wir nachts gut angetrunken nach Hause stolperten. »Das ergibt doch gar keinen Sinn. Was willst du denn in Osnabrück?«
»Ich will zu Swantje.«
»Sie hat einen Freund!«
»Das ist mir egal. Ich bin verliebt.«
»Du bist … ihr habt euch doch gerade mal ein paar Stunden unterhalten!«
»Das hat gereicht«, sagte ich übermütig. »Ich bin verliebt.«
»Und was willst du in Osnabrück studieren?«, fragte Heiko fassungslos.
Ich zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung. Aber das würde sich schon finden.
Zweimal traf ich mich noch mit Swantje in Jever, dann besuchte ich sie in Osnabrück. Ich fühlte mich in dem Taumel, dem ich mich nach der Diskonacht hingegeben hatte, vollkommen bestätigt. Was für ein tolles Mädchen! Wir kamen uns näher. Und näher. Und irgendwann waren wir zusammen. Sie gab ihrem Freund den Laufpass, ich zog zu ihr nach Osnabrück. Das war natürlich nicht Berlin. Osnabrück war beinahe genauso ein Kaff wie Jever, aber es war mir egal. Ich hatte Swantje. Jetzt brauchte ich nur noch ein Studium.
»Versuch es doch mal mit Jura«, sagte Swantje. »In Osnabrück kann man Jura mit einem Wirtschaftsschwerpunkt studieren.«
Jura. Warum eigentlich nicht?, dachte ich. Einen NC gab es nicht. Für Jura musste man nur halbwegs logisch denken können, und das traute ich mir zu. So trug ich mich ein.
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Mein Studium begann 1992 – und gleich meine erste Vorlesung sollte alles verändern. Zivilrecht I, allgemeiner Teil. Es war früh, nicht einmal acht Uhr, draußen war die Welt noch im Nachtmodus, dunkel und schläfrig. Mit einem CoffeetogoBecher in der Hand irrte ich durch die langen Flure des Juridikums auf der Suche nach dem Audimax. Ich war gut in der Zeit, sogar fünf Minuten zu früh. Irgendjemand hatte mir verraten, dass auch für Juristen das akademische Viertel galt, dass die Vorlesung also erst fünfzehn Minuten nach der angegebenen Zeit beginnen würde. Doch ich wollte pünktlich sein. Der erste Eindruck sollte sitzen.
Als ich die große Holztür öffnete, staunte ich nicht schlecht. Ich war wohl nicht der Einzige mit guten Vorsätzen: Der Raum war komplett gefüllt. Hier saßen bestimmt vierhundert Studenten auf den nach hinten aufsteigenden Stuhlreihen, die halbkreisförmig um ein Pult angeordnet waren. Ich suchte mir einen der letzten freien Plätze, während immer mehr Studenten in den Hörsaal strömten. Sie setzten sich in die Gänge, auf den Boden, lehnten sich an die Wände. Das war doch sehr viel größer, als ich gedacht hatte.
Und dann kam Professor Maximilian Alt. Eine imposante Persönlichkeit: groß, lange, streng zurückgekämmte Haare, sichtbarer Wohlstandsbauch. Und eine unglaubliche Aura, die Wissen und Belesenheit ausstrahlte. Alt war schon damals eine juristische Koryphäe. Das wussten die meisten, die hier im Hörsaal auf die erste Vorlesung warteten, natürlich nicht. Aber irgendwie spürten wir, dass da ein Mann stand, der wirklich Ahnung hatte von dem, was er tat.
Alt ging mit langsamen Schritten auf sein Pult zu. Er griff mit beiden Händen an den Rahmen des schmalen Holztisches und schaute in die Runde. Es wurde ruhiger. Immer ruhiger. Irgendwann hörte selbst das Flüstern auf. Schweigen. Absolute Stille. Der Professor nickte. Er ließ seinen Blick einmal durch den Raum schweifen und setzte dann zu einer Rede an, die ich niemals vergessen sollte.
»Meine Damen und Herren, liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen«, begann er mit lauter und fester Stimme. »Viele von Ihnen sind hier falsch. Ich muss Ihnen Folgendes sagen …« Er entfernte sich vom Pult und trat in den Raum hinein, hob die Hand und spaltete den Raum mit einer Geste in zwei Teile. »Die eine Hälfte von Ihnen, die auf dieser Seite sitzt«, er wandte sich nach rechts, »wird das dritte Semester nicht überstehen.« Pause. »Statistisch gesehen.«
Gut, dachte ich, dass ich auf der linken Seite sitze.
»Und diese Hälfte«, sagte er nun und wandte sich zu uns, »diese Hälfte teile ich auch noch einmal in zwei Hälften. Die Hälfte der Übriggebliebenen, ein Viertel dieses Raumes also, wird Taxifahrer werden. Sie werden ein Vierer-Examen machen und mit Jura kein Geld verdienen können.« Wieder eine Pause. Doch dieses Mal saß seine Botschaft.
Im Hörsaal kam Unruhe auf. Die ersten Studenten begannen zu flüstern, schüttelten die Köpfe. Alt ließ sich nicht beirren und fuhr mit großer Geste fort: »Von diesem Viertel, das hier übrig bleibt, werden es die meisten schaffen, zu Richtern und Staatsanwälten zu werden. Sie werden mit Jura Geld verdienen. Die einen mehr, die anderen weniger.« Er machte eine große, effektvolle Pause, ehe er seinen Gedanken zu Ende brachte. »Aber 10 Prozent von den Leuten, die es geschafft haben, 10 Prozent von den relativen Gewinnern, werden wirkliche Gewinner sein. Das sind diejenigen unter Ihnen, die ein Prädikatsexamen erreichen, also mit der Mindestnote Voll befriedigend oder besser. Bilden Sie sich nichts ein. Das klingt leichter, als es ist. In diesem Raum werden es vielleicht zwei, vielleicht drei von Ihnen schaffen. Wenn überhaupt.«
Das Flüstern im Saal wurde immer lauter. Es schwoll zu einem regelrechten Hintergrundrauschen an.
»Und diejenigen, die es schaffen – das, meine Damen und Herren, das sind die weißen Hirsche. Sie können sich einen Job aussuchen. Wenn sie dann Anwalt werden, können sie viel, sehr viel Geld verdienen.« Er kehrte an sein Pult zurück. »Überlegen Sie sich gut, ob Sie hier sitzen bleiben wollen.«
Während die meisten meiner Kommilitonen schockiert über die klare Ansprache des Professors waren, setzte sie in mir etwas frei, das ich schon kannte: einen verschollen geglaubten Ehrgeiz.
Ich wollte verdammt noch mal so ein weißer Hirsch werden, komme, was wolle.
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Und es würde einiges auf mich zukommen, das war mir klar. Ich war niemand, der aufgrund seines Abiturs ein allzu ausgeprägtes Selbstbewusstsein hatte. Für mich waren hervorragende Noten nichts Selbstverständliches, nichts, was mir zuflog. Ich war kein Einstein. Ich wusste, ich müsste jede Menge lernen. Aber ich hatte das schon einmal geschafft, und es konnte wieder klappen. Denn ich hatte ja ein Ziel vor Augen: Ich wollte ein weißer Hirsch werden.
Also lernte ich. Tagelang. Nächtelang. Wochenlang. Ich war kein High Flyer, aber auch kein Schlusslicht. Meine ersten Klausuren waren mittelmäßig. Das motivierte mich, noch härter, noch intensiver, noch radikaler zu lernen. Während meine Kommilitonen am Wochenende auf Partys gingen, blieb ich zu Hause am Schreibtisch.
Ich machte mir gar keine Gedanken darüber, warum ich so maßlos auf den Erfolg hinarbeitete und meine Kommilitonen nur noch gesichtslose Konkurrenten auf dem Weg zur Spitze für mich waren. Ich schonte mich nicht und lernte auch, wenn ich krank war, wenn ich müde war, wenn ich andere Sachen im Kopf hatte. Ich zwang mich zur Überwindung.
Und es funktionierte. Aus mittelmäßigen wurden gute Noten, aus guten Noten wurden Bestleistungen. Ich arbeitete mich nach vorne. Vielleicht hatte ich keinen Startvorteil, aber ich war ein Marathonläufer, der auf langen Strecken beweisen konnte, was in ihm steckte. Ich holte auf und überholte die anderen. Und je mehr ich lernte, desto mehr arbeitete ich mich an die Spitze vor.
Ich begriff plötzlich die Zusammenhänge, sah das Gesamtsystem Jura, dessen einzelne Puzzlestücke sich nach und nach zusammensetzten. Ich erkannte das große Bild. Das machte alles leichter für mich. Und irgendwann kam der Punkt, an dem ich das System geknackt hatte. Ich wurde einer der Besten.
Während sich der JuraKosmos in meinem Kopf immer mehr ausbreitete, verkleinerte sich mein privater Kosmos. Ich hatte jetzt nur noch Jura, Swantje und mich selbst. Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Wenn ich nicht lernte, verbrachte ich Zeit mit meiner Freundin. Und wenn ich keine Zeit mit Swantje verbrachte, schlief ich. Das war alles.
Ich las nur noch Gesetze und juristische Fachzeitschriften. Ich blieb ganze Nächte in der Universitätsbibliothek. Ein Außenseiter war ich nicht, hin und wieder ließ ich mich doch einmal von Freunden überreden, auf eine Kneipentour mitzukommen. Aber ich versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren, denn ich wusste, nur dann konnte ich der Beste werden. Nur mit einem klaren Kopf würde ich ein weißer Hirsch werden.
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Um mein Studium finanzieren zu können, war ich allerdings auf meinen Vater angewiesen. Um genauer zu sein: auf sein Geld. Mir gefiel das gar nicht. Eigentlich wollte ich mich von meiner Familie abnabeln. Zu meiner Mutter hatte ich trotz allem noch eine gute Beziehung, auch wenn wir schwere Zeiten durchgemacht hatten. Die hatten uns möglicherweise zusammengeschweißt. Ich glaube, ihr tat alles sehr leid. Sie hatte irgendwann verstanden, wie das Geld sie verändert und korrumpiert hatte. Nach der Trennung von meinem Vater besann sie sich wieder auf andere Werte. Sie nahm an Bibelstunden teil und begann sogar zu Meditieren, was ich etwas abschätzig wahrnahm.
Die Beziehung zu meinem Vater dagegen war schwieriger. Er hatte sich zu viel geleistet, was ich ihm einfach nicht verzeihen konnte. Ich erinnerte mich noch genau an die Unterhaltszahlungen und die Samstagnachmittage, an denen er mich nicht gehen ließ, an die Quälereien mit Liesel. Mein Vater und ich einigten uns auf einen Deal: Er würde mich mit monatlich tausend DMark finanzieren. Dafür würde ich in den Semesterferien für ihn arbeiten.
Und das tat ich. Ich wurde Heizungsverkäufer.
Mein Vater erklärte mir sein Konzept. Er hatte ziemlich gute Kontakte zu verschiedenen Stadtwerken. Die spielten ihm Pläne zu, wo in welchem Ort demnächst neue Erdgasleitungen verlegt wurden. Er fuhr dann die Straßen ab, klingelte bei den Anwohnern und drehte ihnen eine passende Erdgasheizung an. Die Heizungen kosteten 10.000 bis 18.000 DMark. Geld, das er an der Tür verdiente. Es ist eine Kunst, jemandem etwas an der Haustür für eine solche Summe zu verkaufen.
In den Semesterferien schickte er mich nach Berlin, in den äußersten Osten der Stadt, was mir aber gelegen kam. Da wollte ich ja sowieso gerne hin. Nach der Wende war dort auch geschäftlich viel zu holen, denn der gesamte Osten war noch mit Kohleheizungen ausgestattet. Für meinen Vater war das ein Paradies. Die Leute warteten regelrecht darauf, dass jemand kam, der ihnen die neuen Heizungen anbot. Mein Vater wurde empfangen wie ein Messias und konnte gar nicht so schnell Aufträge schreiben, wie er dort verkaufte. Er erklärte mir also, was ich zu tun hätte – und schickte mich dann los.
Ich hatte einen Plan dabei und zog von Haustür zu Haustür. An der ersten Tür öffnete niemand. An der zweiten Tür öffnete mir eine Frau.
»Guten Tag, Steck mein Name«, begann ich das Gespräch und setzte mein freundlichstes Lächeln auf. »Ich würde Ihnen gerne eine Heizung verkau…«
Zack. Schon war die Tür zu. Ich zog weiter. An der dritten Tür kam ich schon einen Schritt weiter, ich wurde hineingebeten. Gut eine Stunde lang erklärte ich einem Rentner die Vorzüge der Erdgasheizung. Er hörte sich alles geduldig an. Aber er kaufte nichts.
So ging das den ganzen Tag. Und den nächsten Tag. Und den Rest der Woche. Extrem frustriert fuhr ich zurück zu meinem Vater und sagte ihm, dass ich aufgeben wollte. »Es läuft nicht. Ich verkaufe nichts.«
»Und warum nicht?«
»Keine Ahnung. Ich kann es offenbar nicht. Ich bekomme es einfach nicht hin.«
Mein Vater setzte sich zu mir.
»Mein Sohn, offenbar verstehst du das Gesetz der Serie nicht.«
»Das Gesetz der Serie?«
»Ja. Du klingelst an einer Tür, dann an der zweiten, der dritten – und es klappt nicht. Die meisten Verkäufer gehen frustriert nach Hause. Aber der, der an der vierten Tür klingelt: Das ist der Starverkäufer, der sich nicht runterziehen lässt. Der, auch wenn er hinfällt, wieder aufsteht.«
