Der den Sturm stillt - Titus Müller - E-Book

Der den Sturm stillt E-Book

Titus Müller

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Beschreibung

Wir glauben, Jesus zu kennen. Aber ist uns die Brisanz der Dinge, die er vor zweitausend Jahren gesagt und getan hat, wirklich bewusst? Die Bibel berichtet nur knapp, und wir übersehen beim Lesen häufig, wie umwälzend, unfassbar und großartig die Begebenheiten waren, die geschildert werden. Titus Müller hat die Hintergründe recherchiert und sich in die Situationen hineingedacht. Er erzählt sie emotional packend, und es fühlt sich an, als wären wir live dabei. Kommen Sie mit auf eine Reise in die Vergangenheit, und entdecken Sie, was es beispielsweise für einen römischen Hauptmann bedeutete, das Legionslager zu verlassen, zu Jesus zu gehen und ihn zu bitten, seinen Diener zu heilen. Oder wie es bei der Volksmenge ankam, dass Jesus einen Zöllner am Zollhaus ansprach und ihn einlud, sein Jünger zu werden. Lassen Sie sich ganz neu von der Aktualität und Großartigkeit der biblischen Geschichten berühren.

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Seitenzahl: 179

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Über den Autor

Titus Müller, geboren 1977 in Leipzig, studierte in Berlin Literatur, Geschichtswissenschaften und Publizistik. Mit 24 Jahren veröffentlichte er seinen ersten historischen Roman: „Der Kalligraph des Bischofs“. Es folgten neun weitere historische Romane, zuletzt „Berlin, Feuerland“, ein Roman über die Barrikadenaufstände 1848. Im adeo Verlag erschienen die Erzählungen „Der Schneekristallforscher“ (2013) und „Glücklich der Mensch“ über das Leben von Franz von Assisi (2014). In „Glück hat tausend Farben“ schrieb Titus Müller über die Wunder des Alltags. Er wurde mit dem C. S. Lewis-Preis und dem Sir Walter Scott-Preis ausgezeichnet und ist Mitglied im PEN. Mit seiner Familie lebt er in einer Kleinstadt im Hügelland zwischen Isar und Inn.

www.titusmueller.de

Inhalt

So weit wie die Sterne

Zu den Verachteten

Wenn du Gottes Sohn bist

Ein beschwerlicher, langsamer Tod

Der Hauptmann

Mit mir willst du nicht gesehen werden

„Willst du den Ruhetag etwa lächerlich machen?“

Wollte Jesus sie nicht wie Geschirr zerschmeißen?

Er ist bereit, über die Welt zu staunen

Im Sturm

Der Sohn des lebendigen Gottes

„Ich sage dir, steh auf!“

Gott achtet mich

Wenn jemand Durst hat, soll er zu mir kommen!

Für einen Zimmermann kann er erstaunlich gut reden

Und er schrie noch lauter

Die Sorge um Genauigkeit

Wie ein König wirst du in Jerusalem einziehen

Bald werden wir ein Königreich regieren

Freiheit für Barabbas

Der Himmelsfürst

„Mir reicht’s, ich geh fischen!“

Ich werde sie zertreten wie Schaben

„Aber ich bin Jude!“

Streit in Perge

Verwendete Bibelstellen

Behandelte Geschichten

Bel-Assars Töchter schliefen. Die Nacht gehörte ihm. Draußen rauschten beruhigend die Pistazienbäume. Er nahm die Sternenkarten aus der Truhe und legte sie auf den Tisch. Im unsteten Schein der Öllampen schienen sie zu leben: Schatten huschten zwischen den Gestirnen hin und her. Bel-Assar hob behutsam die astronomischen Geräte von ihrem Platz im Regal und stellte sie neben die Karten – seine Dioptra, sein Astrolabium zum Messen der Winkel am Himmel, sein Gnomon zum Messen der Äquinoktialschatten. Er liebte es, von ihnen umgeben zu sein.

Eine Zwergohreule sang ihr Guu-djü-djüt. Bel-Assar sah durch die Fensteröffnung nach draußen. Der Halbmond leuchtete hell und das Blauschwarz des Himmels war übersät von Sternen. Wer hatte diese Schönheit geschaffen? Wer hatte den Planeten ihre Bahnen gewiesen? Und warum blieben sie beständig in Bewegung? Die verlässliche Ordnung der Gestirne erstaunte ihn immer wieder.

Er konnte nur beobachten. Er konnte Tabellen anlegen und die Position des Mondes, der Sonne und der Planeten zu verschiedenen Zeitpunkten notieren. Er konnte ihre Zugbahnen berechnen. Aber er verstand nicht, woher sie kamen und wer sie lenkte.

Was hieß es schon, Sterndeuter zu sein? Die Leute oben in der Festung bewunderten sein Können, er rechnete ihnen den Erdumfang aus, indem er Winkel und Schattenwürfe maß, er prophezeite ihnen, wie das nächste Jahr werden würde, ihre Ernte, ihre Kinderzahl. Aber er verstand nicht, welches Wesen hinter alldem stand. Er war dreiundfünfzig Jahre alt, und er hatte immer noch nicht gefunden, wonach er Nacht für Nacht suchte. Jemand hatte seine Spuren hinterlassen. Wo war diese Gottheit jetzt? Oder war jeder Stern ein Gott und gemeinsam lenkten sie die Geschicke der Menschen?

Ein warmer Schauer zog über Bel-Assars Haut. Er spürte, da war jemand im Raum. Jemand sah ihm zu. Mit angehaltenem Atem blickte er sich um. Da war nichts. Oder doch? Licht strömte plötzlich durch die Luft, weißes Licht, blaues und rotes. Es umfloss eine Gestalt. Sie nahm feste Form an. Ein Mann in blendend weißen Gewändern sagte: „Hab keine Angst.“ Seine Brauen und sein Haar funkelten wie Diamanten.

Bel-Assar brachte kein Wort über die Lippen. Er konnte nicht mehr atmen vor Entsetzen.

Der Mann aus Licht machte einen Schritt auf ihn zu. Es ging Wärme von ihm aus wie von einem Feuer, Bel-Assar spürte sie auf den Wangen.

Endlich gelang es ihm, einen raschen Atemzug zu nehmen. Er keuchte: „Bist du ein Stern?“

„Die Sterne leben nicht. Sie lenken auch nicht die Geschicke der Menschen.“

„Dann habe ich mein Leben an einen Irrweg verschwendet?“ Bel-Assar sah sich nach seinen Notizen mit den Prognosen für das nächste Jahr um.

Der Mann aus Licht schwieg.

„Du musst ein Gott sein.“

„Nein. Ich bin ein Bote Gottes.“

„Wie kann ich dir dienstbar sein?“ Seine Stimme war leise, die Kehle eng durch die Angst.

„Du hast Gott gesucht. Er hat es gesehen. Jetzt möchte er dir eine große Ehre erweisen.“

„Du bist zu mir gesandt worden? Wenn Gott mir einen Boten sendet, dann ist das die größte Auszeichnung.“ Was hatte er nur getan, um dieses Geschenk zu verdienen?

Ein Pulsieren ging durch den Mann aus Licht und es wurde sehr hell im Raum. „Er selbst, der Erschaffer allen Lebens, besucht die Erde. Er wird Wunderbares tun und Schreckliches erleiden. Du wurdest auserwählt, ihn zu begrüßen.“

Bel-Assar hob die Hand, um das blendende Licht abzuschirmen. „Ich?“

„Der Allmächtige irrt nicht.“

„Aber wie begrüßt man einen Gott? Was kann ich ihm zur Begrüßung schenken?“

Der Mann lächelte. „Der Allmächtige braucht deine Geschenke nicht. Er hat alles geschaffen. Was du ihm schenken könntest, gehört ihm bereits.“

Er sollte Gott sehen! Er, Bel-Assar, sollte ihn auf der Erde begrüßen! Er konnte unmöglich ohne Geschenk erscheinen. Verzweifelt kaute er auf der Unterlippe. „Es muss doch etwas geben, etwas, das selbst für ihn kostbar ist.“

Der Mann aus Licht sagte: „Deine Liebe.“

Bel-Assar dachte nach. „Meine Liebe zeige ich durch Geschenke. Zum Beispiel habe ich meiner jüngsten Tochter gestern einen Armreif geschenkt. Sie hat sich gefreut, weil der Armreif ihr sagt, dass ich sie gernhabe.“

„Dann mache Gott ein Geschenk. Er wird es verstehen.“

Und was ziehe ich an?, dachte Bel-Assar. „Wird es einen großen Empfang geben?“

„Nein. Du wirst fortan ein anderer Mensch sein, weil du Gott gesehen hast. Du wirst etwas verstehen, das kein Mensch vor dir erkannt hat.“

Ihm rauschte wild das Blut durch die Adern. Das war, was er sich sein Leben lang gewünscht hatte. Der Mann aus Licht war freundlich, aber er war groß und mächtig, und wie würde erst Gott sein? Bel-Assar fürchtete sich. Er wollte nicht allein hingehen. „Ich habe zwei Freunde. Auch sie suchen Gott.“

„Nicht so wie du.“

„Darf ich sie trotzdem mitnehmen?“

„Du kannst sie mitnehmen. Sie werden aber nicht alles verstehen.“

Er machte einen Schritt. Seine Knie waren weich. „Ich werde ihnen sagen, dass ich dich gesehen habe, einen Gottesboten aus Licht, und ich –“

„Sie werden dir nicht glauben“, unterbrach ihn der Mann aus Licht.

„Was soll ich ihnen dann sagen?“

Die Augen des Gottesboten strahlten hell. „Sag ihnen, du hast einen Stern entdeckt.“

„Aber die Sterndeuterei ist Unfug. Oder habe ich dich da falsch verstanden?“

Der Engel drehte sich zum Fenster. Er streckte seinen Arm aus und zeigte in den Himmel.

Bel-Assar fiel die Kinnlade herunter. Ein neuer Stern, strahlend und hell, erschien am Himmel, wo der Engel hingezeigt hatte.

„Folgt diesem Licht“, sagte der Mann und verschwand.

Die Sättel knarrten. Gutmütig schwankten die Dromedare den Berghang hinunter. Ein Dorf kam in Sicht. Die Häuser schmiegten sich an den Hügel. Es war kalt, Atemluft wölkte den Dromedaren aus den Mäulern.

„Du hast die Entdeckung des Jahres gemacht und sagst kaum ein Wort“, schimpfte Melchior. „Welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?“

Gaspar sagte: „Lass ihn. Er ist müde. Tut dir nicht auch der Hintern weh? Drei Wochen reiten, und er ist älter als wir beide, vergiss das nicht. Wenn er Trübsal blasen will, lass ihn Trübsal blasen.“

„Er hat Angst vor diesem Herodes, sage ich dir. War ja auch kein schöner Anblick, wie der getobt hat. Seine Dynastie wird abgelöst, da würde jeder König einen Wutausbruch kriegen. Stimmt’s, Bel-Assar? Du fürchtest dich.“

Bel-Assar sah zum Himmel. Der neue Stern war immer noch da. Er leuchtete hell mitten im Sternbild des Löwen. „Es ist ein König“, sagte er leise, „wie die Erde ihn noch nie gesehen hat. Ich versuche, mich innerlich darauf vorzubereiten.“

Sie ritten in das Dorf ein. Seine Gassen waren schmal und der Wind heulte in den Winkeln. Bel-Assar sagte: „Wartet!“ Er befahl dem Dromedar mit einem Zungenschlag, sich niederzulegen. Es knickte gehorsam die Knie ein und legte sich auf den Boden. Er stieg aus dem Sattel, ging zur nächstgelegenen Tür und klopfte an.

Die Tür öffnete sich. Ein Mann sagte mürrisch: „Alle Zimmer sind belegt. Ich kann niemanden mehr aufnehmen.“

„Wir sind weit gereist.“

„Das sind andere auch. Die Volkszählung stellt das ganze Land auf den Kopf. Alle müssen in ihre Geburtsorte reisen, Bethlehem ist voll mit solchen Rückkehrern. Tut mir leid. Beschwert euch bei Herodes.“

„Wie heißt dieser Ort, sagtest du?“ Bel-Assar erschauderte. Er kannte den Namen aus den hebräischen Schriften, die er gelesen hatte. Denn du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist mitnichten die kleinste unter den Städten in Juda. Aus dir soll mir kommen der Fürst, der über mein Volk Israel ein Herr sei.

War dies womöglich der Ort, den Gott auserkoren hatte? Die Prophezeiung war jahrhundertealt.

Bel-Assar sah noch einmal zum Himmel. Er zuckte zusammen. Der Stern war verschwunden! War das ein gutes Zeichen oder ein schlechtes? Hieß es, dass Gott hier ankommen würde?

Er sah sich um. Wenn dies die Stelle war, wo würde dann der Empfang stattfinden? Es gab keine größeren Gebäude. Warum sollte Gott dieses Nest auswählen, diese Einöde?

Wo waren die Musiker? Wo waren die Tänzerinnen? Wo waren die Küchen, in denen das Festmahl vorbereitetet wurde? „Sage an“, fragte er, „gibt es hier irgendwo ein Fest?“

„Nein, davon wüsste ich.“ Der Mann musterte Bel-Assars goldbestickte Gewänder. „Es ist ein Jammer. Ich hätte euch gerne aufgenommen. Aber ich habe sogar schon einen Mann mit seiner schwangeren Frau in den Stall verfrachtet. Es ist wirklich nichts mehr zu machen. Kommt wieder einmal vorbei, wenn hier weniger los ist. Dann richte ich euch ein Fest aus.“

Bel-Assar bekam eine Gänsehaut. Er stotterte vor Aufregung: „Könn-können wir uns den Stall einmal ansehen?“

„Männer wie ihr wollt in einem Stall wohnen? Das glaube ich nicht.“ Der Wirt runzelte die Stirn. „Aber wie ihr meint, bitte, dort durch die Pforte geht es, seht ihn euch an. Ich glaube nicht, dass er euch gefallen wird.“

Bel-Assar ging zurück zum Dromedar und löste die Kiste mit dem Goldgeschmeide vom Sattel. „Kommt“, sagte er, „nehmt eure Geschenke. Wir sind da.“

„Wie meinst du das?“ Melchior sah sich um.

„Der König ist hier.“

Gaspar prustete. „Niemals!“

„Ich bin mir sicher.“

Widerwillig stiegen sie von ihren Dromedaren und nahmen die Myrrhe und das Säckchen mit dem getrockneten Weihrauchharz an sich. Bel-Assar ging voran. Obwohl es kalt war, schwitzte er.

Er öffnete die kleine Pforte und sie betraten eine grob in den Felsen gehauene Höhle. Ihr Boden war mit Stroh bedeckt und es war warm. Ein Dutzend dampfende Schafleiber drängten sich aneinander.

Jetzt kamen auch ihm Zweifel. Das Schaudern musste doch kein Zeichen gewesen sein. Wie sollte Gott in diesem Stall sein?

Hinten, in einem Winkel, erhob sich ein Mann. „Bitte stört uns nicht. Meine Frau hat gerade erst entbunden, sie braucht Ruhe.“

Bel-Assar trat näher. Er sah die Frau, sie lag auf einem Bett aus Stroh. Neben ihr stand eine Futterkrippe. Er beugte sich vor. In der Futterkrippe lag ein Neugeborenes.

„Siehe“, sagte eine Donnerstimme an seinem Ohr, „in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Reiche oder Gewalten, es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem und es besteht alles in ihm.“

Da begriff er es. Hier war seine Erkenntnis über Gott! Niemand vor ihm hatte das gewusst. Er sagte: „Gott will den Menschen nahe sein, so sehr, dass er bereit ist, ihre Schwäche zu teilen.“

Die Eltern des Neugeborenen sahen ihn erschrocken an. Dann zog ein Lächeln über das Gesicht der Mutter. „Ja“, flüsterte sie.

„Wie weit sich Gott herabgelassen hat“, sagte Bel-Assar, „um hier unter uns zu sein! Er, der bei den Sternen lebt und alles geformt hat und allem Leben gibt.“ Er sank auf die Knie nieder und stellte seine Kiste vor die Futterkrippe. „Ich weiß, es ist dein Gold, das ich dir bringe, mächtiger Gott. Aber es soll dir zeigen, dass du mein Herz besitzt. Danke, dass ich dich auf der Erde begrüßen darf. Danke, dass du zu uns gekommen bist.“

Joel brach sich ein Stück des runden Gerstenbrotes ab und steckte es in den Mund.

Sein Freund Ruben sah über die Schafherde. Er blies sich Luft in die Hände und rieb sie aneinander, um sie zu wärmen. „Das Brot isst du noch? Das ist doch fünf Tage alt!“

Joel kaute. Natürlich hatte Ruben recht. Das Brot schmeckte alt, muffig. Morgen oder übermorgen würde es Schimmel ansetzen. „Weizenbrot müsste man essen können, wie die Reichen.“

„Oder Kuchen. Hast du mal Zimtkuchen gekostet?“

„Mein Schwager arbeitet im Palast“, sagte Joel, „er hat vor einem halben Jahr welchen rausgeschmuggelt. Zart wie Honig, sag ich dir, dieser Kuchen zergeht einem am Gaumen, und man glaubt, man träumt.“ Bei jedem Wort, das er sprach, standen ihm Dampfwölkchen vor dem Mund. Im Schein des Feuers schimmerten sie silbrig. Sterne übersäten den Himmel. Es war eine von diesen frostigen Nächten, die einfach kein Ende nehmen wollten.

Zum Herbstbeginn war er mit der Herde von den Höhen herabgezogen, hier in den Niederungen nahe Bethlehem hatte es noch Gras gegeben. Die Wochen, bevor er die Schafe in ihren Winterstall brachte, gehörten zu den härtesten des Jahres. Joel zog sich den Wollmantel bis zum Kinn hinauf. Er war zu dünn, um die beißende Kälte fernzuhalten.

„Goldschmied müsste man sein oder Sandalenmacher“, sagte Ruben und lehnte sich auf seinen Hirtenstab. „Das sind Berufe, da verdienst du was. Und du hast Ansehen. Wer will schon einem von uns seine Tochter zur Frau geben? Ich hab’s aufgegeben, sage ich dir, ich heirate nicht mehr.“

„Dabei hast du viel mehr zu erzählen. Was kann so ein Sandalenmacher seiner Frau schon sagen? Du kämpfst gegen Wölfe, Schakale oder Bären! Ich versteh die Frauen nicht.“

„Unsinn. Wenn mich ein Wolf beißt, bewundert mich keine Frau. Frauen wollen Sicherheit. Ein stinkender Hirte gibt ihnen die nicht. Wir sind die Letzten im Volk, die Dummen. Gott hat uns verlassen, Joel.“

Wahrscheinlich hatte Ruben recht. Sie hüteten den Besitz reicher Leute und wurden jämmerlich bezahlt, niemand scherte sich darum, wie es ihnen ging. „Einen Trost gibt es: Unter uns stehen noch die Sklaven.“ Er lachte.

„Ach, die haben’s besser als wir! Die müssen nachts nicht arbeiten. Und sie haben einen freien Tag in der Woche. Was denkst du, warum man uns für einen Hungerlohn die Schafherden anvertraut? Weil ein Sklave teurer ist. Der kriegt gutes Essen und hat einen Schlafplatz im Haus, und wenn er krank ist, wird er versorgt. Das kostet.“

„Du jammerst wie ein Greis. Kannst dich doch als Sklaven verkaufen, wenn dir das lieber ist.“

„Vielleicht mache ich das“, sagte Ruben, „da wäre ich nicht der Erste. Ist besser, als zu hungern.“

Unruhe entstand unter den Schafen. Näherte sich ein Wolfsrudel? Joel, Ruben und die anderen hatten ihre Herden für die Nacht zusammengetrieben, damit wenigstens ein paar von den Hirten schlafen konnten. Aber es waren zu viele Tiere, das Gebiet, das die hüfthohen Mauern umgrenzte, war zu klein für sie. Dass Schafe innerhalb und außerhalb der Mauern ruhten, machte es nicht gerade leicht, sie im Blick zu behalten. Joel kniff die Augen zusammen. Er konnte keinen Schatten sehen und auch nicht ausmachen, wo die Unruhe am stärksten war. „Was ist das?“

„Wahrscheinlich nichts. Einer von deinen Böcken hat angefangen zu drängeln und jetzt schieben sie alle.“ Ruben stieß ihm die Faust gegen die Schulter.

Am Morgen würde jeder der Hirten aufbrechen und seine Tiere mit lauten Rufen fortführen. Die große Herde würde sich aufteilen; jedes Schaf wusste, welcher Stimme es zu folgen hatte. Wenn nur der Morgen endlich käme! Joel rieb sich die Oberarme. Er fror erbärmlich und er war müde.

Eine seltsame Stille legte sich über die Schafe. Augenblick, war da nicht Musik, leise, wie von einem entfernten Fest? Er sah sich um. Nirgendwo war eine Festgesellschaft zu sehen.

Plötzlich wurde es hell. Ein Geschöpf erschien vor ihnen, mit prächtigen weiten Flügeln und strahlendem Gesicht. Die anderen Hirten, die geschlafen hatten, schreckten hoch. Joel warf sich zu Boden.

„Habt keine Angst“, sagte das Wesen. „Die Nachricht, die ich euch bringe, ist eine große Freude! Euch ist heute der Retter geboren, der Messias, auf den ihr schon so lange wartet. Geht nach Bethlehem, ihr findet ihn dort: ein Kind in einer Krippe.“

Joel wagte es, kurz den Kopf zu heben. Der Himmel füllte sich mit Abertausenden geflügelter, leuchtender Wesen, und Musik war da, wie er sie noch nie gehört hatte, vieltönig aus wunderbaren Instrumenten. Die Engel riefen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen!“

Vor Freude über die Musik zersprang ihm schier das Herz. Als das Licht verschwand und die Musik verklang, lag er im Gras und zitterte und weinte und konnte nicht fassen, was er erlebt hatte.

Endlich stand er auf. „Gehen wir nach Bethlehem“, sagte er heiser. Auch den anderen liefen Tränen über das Gesicht. Sie nickten glücklich, keiner fragte nach den Schafen. Gott, der ein Heer von Engeln gesandt hatte, würde auf sie aufpassen.

Joel hatte immer gehofft, dass es Gott gab. Von Zeit zu Zeit hatte er gebetet, ohne eine Antwort zu erhalten. Das Auftauchen der Engel überwältigte ihn: Gott musste ihm näher sein, als er die ganze Zeit gedacht hatte.

Wie Kinder liefen sie nach Bethlehem, sie rannten, sie sprangen, sie lachten. „Er hat uns eingeladen, uns!“

Im Ort allerdings blieb Joel verwirrt stehen. Es war still in Bethlehem, er hörte keine Festmusik und keinen Jubel. Wo feierten sie die Geburt des Messias? Irgendwo musste die ausgelassene Menschenmenge doch sein.

„Hier stehen Kamele“, sagte Ruben. „Wer kann sich goldbestickte Satteldecken leisten? Das müssen wichtige Leute sein, die sind bestimmt zum Messias gekommen. Lass uns da mal nachfragen.“ Er klopfte an die Stalltür, vor der die Kamele angebunden waren. Joel trat neben ihn.

Ein Mann öffnete.

„Wir sind hier“, sagte Joel, „weil wir von der Geburt des Messias gehört haben. Weißt du, wo das Fest –“

„Er schläft“, flüsterte der Mann und legte den Finger auf den Mund. „Kommt herein, aber leise.“

Sie traten in den Stall. Vor einer Krippe hockten fremdländische Männer, scheinbar kümmerte es sie nicht, dass sie sich die Seidengewänder mit Schafkot befleckten. War dieses Kind …?

Joel sah sich um. Kein rauschendes Fest gab es und keine Menschenmenge von Goldschmieden, Kaufleuten, Königsbeamten oder angesehenen Landbesitzern – nur einen einfachen Stall. Er kannte Ställe. Die Tiere, das Stroh, all das war ihm vertraut. Was tat Gott hier? Hier bei ihm? Das Wunder war so unfassbar, dass er kaum zu atmen wagte. Gott feierte die Geburt des Retters, und er hatte sich Hirten dazu eingeladen, mehr noch: Er war zu ihnen gekommen in einen Stall.

Kümmerte es Gott nicht, wer wichtig war im Volk und wer etwas zählte? Von heute an, dachte Joel, wird alles anders.

Die judäischen Hügel. Kahle Felsen, Steine und schimmernde Hitze bis zum Toten Meer. Luzifer folgte Jesus, er schlich ihm seit Tagen nach. Nie hatte Gottes Sohn sich nach ihm umgedreht. Konnte er die feindliche Gegenwart nicht spüren?

Noch hatte er nichts getan, er hatte sich zwar taufen lassen, aber kein einziges Mal die Naturgesetze fluktuiert, kein Wunder gewirkt, keine Predigt gehalten. Seit vierzig Tagen schleppte Jesus sich durch diese Wüste.

Worüber dachte er nach? Was plante er? Manchmal hörte Luzifer ihn murmeln, Bitten an seinen Vater, ihm nahe zu sein und ihn für die große Aufgabe vorzubereiten, die vor ihm lag.

Wie dumm von ihm, in die Wüste zu gehen! Er überschätzte den menschlichen Körper. Nichts zu essen schwächte den Organismus und brachte Verwirrungszustände, Zerrbilder und Schwermut mit sich. Wie leicht war es, die Überarbeiteten, die Schlaflosen zu überwältigen!

Gott hatte einen Fehler gemacht, seinen Sohn derart schwach werden zu lassen. Nun würde er, Luzifer, den Schöpfer endgültig zu Fall bringen. Jesus war ausgehungert, seine Widerstandskräfte gering. Das Blut war übersäuert und mit Ammoniak vergiftet, er atmete schnell und tief, um die vom Hunger verursachten Mängel des Blutes zu kompensieren.

Der Zeitpunkt war gekommen. Ausgezehrt, wie er war, würde Jesus mit den Gesetzen des Universums brechen, er würde mit sich selbst uneins werden. Ein Keil musste in die Dreieinigkeit getrieben werden, um sie zu verderben. Luzifer entfaltete die Schwingen und landete neben Jesus. Er gab sich das Aussehen eines Lichtboten und machte sich für menschliche Augen sichtbar.

Jesus hielt den Unterarm vors Gesicht.

„Ganz richtig, ich bin ein Engel. Du armseliger Mensch, was musst du hungrig sein! Warum tust du dir das an?“

Jesus ließ den Arm sinken und schwieg.

„Bürdest du dir nicht zu viel auf für ein irdisches Geschöpf? Ich weiß, du meinst, du bist Gottes Sohn. Aber woraus schließt du das? Ihr Menschen hängt so an euren fixen Ideen, an euren Einbildungen! Du merkst doch, wie dir die Kräfte schwinden. Würde das Gottes Sohn passieren?“

„Luzifer“, sagte Jesus.

Er erschrak. Waren Jesus doch überirdische Fähigkeiten geblieben? Wie hatte er ihn erkannt? Ein Strategiewechsel war nötig. Vielleicht spielte es ihm sogar in die Hände. Er würde ihn genau dort packen, bei seinem Können. „Wenn du Gottes Sohn bist, sag ein Wort, und aus diesem Stein wird Brot.“ Er hob einen runden, flachen Stein auf.

„Hast du die Stimme aus den Himmeln nicht gehört bei meiner Taufe? Dir sollte diese Stimme vertraut sein.“

„Nimm den Stein. Du kannst ihn in duftendes Brot verwandeln. Tu ein Wunder und stärke dich! Ich lasse mich gerne überzeugen.“

Jesus wandte sich ab.