Nachtauge - Titus Müller - E-Book
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Beschreibung

Akribisch recherchierter Tatsachenroman und packender Spionagethriller

Seit drei Jahren macht der britische Geheimdienst MI5 Jagd auf „Nachtauge“. Hinter diesem Codenamen verbirgt sich eine deutsche Spionin, die Schienen und Brücken zerstört und Verfolger kaltblütig umbringt. Jetzt steht sie vor ihrem größten Coup: der Aufdeckung einer womöglich kriegsentscheidenden großen Operation der britischen Luftwaffe. Diese bereitet die Bombardierung der größten deutschen Stauseeanlagen vor. Erstes Ziel: die Möhnetalsperre.

Hier arbeiten über tausend ukrainische Frauen unter entwürdigenden Bedingungen in einer Munitionsfabrik. Im Lager unterstehen sie dem Befehl von Georg Hartmann. Er gerät unter Druck, weil Gerüchte kursieren, dass er nicht hundertprozentig auf Parteilinie sei. Tatsächlich ist er bei den Arbeiterinnen weit weniger gefürchtet als die brutalen Männer vom Werkschutz. Ahnt Hartmann, dass einige Frauen, unter ihnen auch die ihm sympathische Nadjeschka, einen spektakulären Fluchtversuch planen?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:610


TITUS MÜLLER

NACHT

AUGE

Roman

Karl Blessing Verlag

1. Auflage 2013

Copyright by Titus Müller und Karl Blessing Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich unter Verwendung eines Motivs zweier Fotos von

© Getty Images/Georg Karger und © Ullstein Bild-Haeckel Archiv

Nachsatzmotiv Möhnetalsperre: Sebastian Michalski

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN 978-3-641-09589-5

www.blessing-verlag.de

1

Eric Knowlden schaltete das Radio aus. »Weck die Kinder.«

»Was?« Connie sah von der Nähmaschine hoch. »Ich hab sie erst vor einer halben Stunde ins Bett gebracht! Wir können froh sein, dass sie schlafen.«

Er stand auf und ging zum Sekretär hinüber, öffnete die Schublade und entnahm ihr die Mappe mit den Ausweisen und Geburtsurkunden. »Tu es bitte, Connie.«

»Stimmt etwas nicht?«

Er sah aus dem Fenster. Dichter Regen prasselte auf die Pflastersteine. »Hol du die Kinder. Ich hole Decken aus dem Schlafzimmer.«

Endlich verstand sie. Die über Jahre antrainierten Handgriffe setzten ein. Wenige Minuten später traten sie unten auf die Straße. Connie trug das schlaftrunkene Mädchen und die Decken, er trug den Jungen, den Aktenkoffer und die Schachtel mit den Gasmasken. »Ich hab keinen Alarm gehört«, sagte sie verwirrt, während sie die Straße entlangeilten. »Was haben sie im Radio gesagt?«

»Die Royal Air Force hat Berlin bombardiert.«

»Aber das ist doch eine gute Nachricht! Endlich schlagen wir zurück, und sie kriegen heimgezahlt, was sie London angetan haben.«

»Connie, verstehst du nicht?« Der Regen lief ihm über das Gesicht. Trotzdem schwitzte er, Tony war kein Kleinkind mehr, er wog achtunddreißig Pfund. Viele der Läden, in denen sie früher eingekauft hatten, waren nicht mehr da, Lücken klafften in den Häuserreihen. Wo einst Freunde von ihm gewohnt hatten, stand jetzt eine einsame Straßenlaterne und verbreitete trübes Licht. Vor zwei Jahren waren die Bomber jede Nacht gekommen, Hunderte von ihnen. Fünfzigtausend Londoner waren gestorben. Die Stadt war zur Todesfalle geworden.

»Nein, ich versteh’s nicht.«

»Wir haben die Hauptstadt der Deutschen bombardiert. Über dreihundert Flugzeuge. Wir haben ihnen so viel zerstört wie noch nie. Zur Vergeltung werden sie London angreifen. Es geht wieder los.«

Skeptisch sah Connie ihn von der Seite an.

Niemand außer ihnen war auf der Straße. Es war dunkel und kalt. Vielleicht irrte er sich, und die Bomber kamen gar nicht? In den letzten Monaten hatte es nur noch vereinzelt Angriffe und Zerstörungen gegeben, die Deutschen waren mit Russland beschäftigt.

Als sie die Old Ford Road erreichten, jaulten die Sirenen los: der Schmerzensschrei der Stadt.

Sie blieb stehen. »Manchmal bist du mir unheimlich, Eric.«

»Analytische Vorhersagen gehören zu meinem Beruf.«

»Und Verschwiegenheit, ich weiß. Du hast das bestimmt nicht nur aus dem Radio gewusst.«

Sieben Minuten blieben, nachdem der Luftalarm einsetzte – das hatte er wie jeder Londoner verinnerlicht. Sieben Minuten, bis die Bomber über der Stadt waren. Die ersten Haustüren sprangen auf. Immer mehr Menschen stürmten hinaus, ein Strom, der stetig anschwoll und sich zur neuen U-Bahn-Station ergoss. Hier im East End war Bethnal Green der größte Luftschutzbunker. Was einmal eine Station der Central Line werden sollte, hatte sich längst in eine unterirdische Kleinstadt verwandelt. Bei Luftalarm schliefen die Menschen in dreitausend Betten, im Notfall passten zehntausend Leute in die Halle unter Tage. Es gab eine provisorische kleine Bibliothek und einen Saal für Konzerte und Theaterstücke, sogar eine Übergangskirche, in der Gottesdienste gefeiert wurden. Eric kannte die Nachbarn in den reservierten Schlafabteilen, man trank miteinander Tee, sagte sich Gute Nacht.

Noch hundert Meter bis zum Eingang. Der Suchscheinwerfer in den Bethnal Green Gardens flammte auf. »Schneller«, sagte er und begann zu rennen. Connie hielt sich an seiner Seite. Jeden Moment konnte die Flak losfeuern. Die heißen Granatsplitter der Flugabwehrgeschosse, die vom Himmel regneten, hatten vor zwei Jahren ihre beste Freundin aus der Nachbarschaft sowie deren Kind getötet.

Das Brummen über ihnen wurde immer lauter und bedrohlicher. Schweinwerferkegel tasteten über die Regenwolken, dann erfassten sie die ersten Flugzeuge, folgten ihnen über den Himmel. Flugabwehrkanonen knatterten.

Der Eingang zur U-Bahn-Station war direkt vor ihnen. Eine Traube von Menschen ballte sich dort, mehr, als durch den schmalen Eingang passten. Jemand schrie: »Holt sie vom Himmel, die verfluchten Deutschen!« An der Bushaltestelle hielt ein roter Doppeldeckerbus, und ein Schwall von Männern und Frauen stieg aus und hastete heran.

Die beiden Kinder waren jetzt hellwach. Mit stillen, dunklen Augen sahen sie sich um, hörten auf das Röhren der Bomber, das Knattern der Flak. »Alles wird gut«, sagte Connie zur kleinen Ella auf ihrem Arm, die zu wimmern anfing. »Gleich sind wir in Sicherheit.«

Schon waren sie im Gedränge bis auf die ersten Treppenstufen vorgerückt, der dunkle Schlund der Bethnal Green Station tat sich vor ihnen auf. An der Decke baumelte eine einzige Glühbirne, die das Dunkel nur spärlich aufhellte. Eric kannte diese Stufen wie seine eigene Haustreppe. Er brauchte kein Licht. Während des German Blitz waren sie hier jede Nacht hinabgestiegen.

Die Treppe war überfüllt, es stockte vor ihnen. Er drehte sich noch einmal um und sah nach draußen in den Regen. Aus dem nahe gelegenen Kino strömte eine Menschenmenge, der Film war wohl unterbrochen worden durch den Alarm. Ein Betrunkener verließ schweren Schritts das Pub auf der anderen Straßenseite, das Salmon and Ball. Vom Kiosk, wo es gebackene Kartoffeln gab, rannten Schutzsuchende zur Bethnal Green Station.

Dann brach ein Fauchen los am Himmel, ein Kreischen und Jaulen. Helles Licht zerplatzte und spritzte jäh über das Firmament. Wer noch auf der Straße war, warf sich zu Boden. »Hitlers neue Waffe!«, schrie jemand. Die Leute rappelten sich auf und rannten auf den Eingang zu, von überall her stoben sie heran.

Er versuchte, die Umstehenden zu beruhigen: »Das ist unsere Waffe. Das ist nichts von Hitler. Wir haben sie bisher geheim gehalten, es sind Raketen, Massen von Raketen, die zugleich in den Himmel geschossen werden und dort explodieren. Die machen den Deutschen die Hölle heiß.«

Aber niemand hörte auf ihn, die Leute schoben und schubsten aus Angst vor Hitlers neuer Waffe, sie trauten dem Diktator mehr zu als Churchill. Bethnal Green sollte sie vor der neuen Wunderwaffe beschützen.

»Bitte, wir passen alle hinein«, sagte Eric zu denen, die sich an ihm vorbeidrängen wollten. »Bleiben Sie ruhig!« Immer stärker wurde der Druck von hinten, sie wurden die Stufen hinuntergeschoben und gegen die Rücken der Leute vor ihnen gedrückt. Die Angst machte die Menschen rücksichtslos. Vor seinem inneren Auge sah er die Lage schon eskalieren. »Zur Seite«, sagte er, »Connie, wir müssen zum Geländer!«

Er ließ den Koffer und die Decken los. Die Menschenmenge trieb Connie und ihn auseinander, er griff nach ihrem Arm, aber jemand zwängte sich zwischen sie, und dann noch jemand, sie wurden fortgespült zu entgegengesetzten Seiten der Treppe. Er versuchte zu seiner Frau zu gelangen, wurde jedoch von einer gewaltigen Kraft zurückgestoßen. Er rief: »Geh zur anderen Seite, Connie, nur rasch zum Geländer!« Noch hielt sie die kleine Ella tapfer auf dem Arm.

Da passierte genau das, was er befürchtet hatte. Der Druck der Nachrückenden wurde zu stark. Die Ersten gerieten ins Stolpern, sie fielen die Treppe hinunter, auf andere drauf, stießen sie nieder, und während die Unteren um Luft keuchten, rutschte die Lawine weiter, wuchs und wuchs.

Er wurde gegen das Geländer gedrückt, die Betonwand quetschte ihn. Eilig setzte er Tony ab und nahm ihn zwischen seine Beine, versuchte ihn zu schützen. Er hielt sich fest, um nicht zu fallen und überrannt zu werden.

Um ihn herum ächzten Menschen, wurden von ihren Freunden erdrückt und von den Nachbarn niedergetrampelt, sie hatten nicht einmal genug Luft in den Lungen, um zu schreien. Hände streckten sich in die Höhe von weiter unten, Vergrabene suchten nach Halt, konnten aber nicht verhindern, dass die Nachrückenden über sie hinwegrutschten. Tony stiegen Tränen in die Augen, er schien in der Enge kaum noch atmen zu können.

Dann war es vorüber, plötzlich. Der Druck von hinten ließ nach. Die nicht zu Tode getrampelt worden waren, richteten sich stöhnend auf. Sie hielten sich gebrochene Rippen, zerschundene Knie. Auf der Treppe lag ein Berg von Toten. Von allen Seiten wurden mit banger Stimme Namen gerufen.

Er hob seinen Sohn hoch, der von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. »Tut dir etwas weh?«, fragte er ihn.

»Mama …«, schluchzte Tony nur.

»Wir werden sie finden.« Auf dieser Höhe der Treppe konnte er nicht zur anderen Seite gelangen, ohne über etliche Körper zu trampeln. Also stieg er stattdessen in Richtung des Ausgangs hinauf. Luftschutzleiter übernahmen oben das Kommando und schickten die Neuankömmlinge weg, er hörte ihre festen Stimmen: »Der Bunker ist überfüllt. Gehen Sie bitte weiter.« Dazu knallten draußen die Explosionen der Bomben.

Er konnte Connie nirgendwo entdecken. Eric rief ihren Namen immer und immer wieder, noch hoffte er, dass sie sich hatte retten können und Halt gefunden hatte. Doch die Zweifel ergriffen allmählich von ihm Besitz.

»Mama«, brüllte Tony mit herzzerreißender Verzweiflung, »Mama, wo bist du?«

Dort, wo Eric sie zuletzt gesehen hatte, gab es eine Bewegung bei den Körpern am Boden, eine Hand reckte sich langsam in die Höhe. Er glaubte diese schmale, blasse Hand zu erkennen, setzte Tony ab, der jetzt noch lauter weinte, aber es half nichts, Eric musste anpacken. Wenn seine Frau hier unter den Leibern lag und keine Luft mehr bekam, war jeder Augenblick entscheidend. Er hievte eine schwergewichtige Frau in die Höhe. Sie war schon tot. Er half einem japsenden Mann auf die Beine und grub eine weitere Frau frei: Es war tatsächlich Connie. Neben ihr rangen ein Mann und ein Kind um ihr Leben.

»Ich wäre fast erstickt«, krächzte sie. Sie schien der Ohnmacht nahe zu sein. »Ich hab einen Katzenbuckel gemacht für die Kleine. Eine Zeit lang dachte ich, es bricht mir den Rücken durch, so viel Gewicht war drauf.«

Ella streckte die Ärmchen nach ihm aus, und er hob seine Tochter erleichtert hoch und strich ihr die schweißnassen Löckchen aus der Stirn. Dann wandte er sich an Connie. »Hast du dir was gebrochen?«

Sie tastete ihre Schulter ab. »Nur geprellt, glaub ich.«

Er küsste sie auf den staubigen Mund, und es war ihm der kostbarste Kuss seines Lebens. »Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren.«

»Lass uns hier weggehen. Die Kinder haben schon zu viel gesehen.«

Draußen schlugen Bomben ein, und hier drinnen rieselte Steinstaub von der Decke, und die Wände zitterten. Im Schummerlicht der Glühbirne stiegen sie nach unten in den Bunker hinab. Er dachte an die Landmine, die vor zwei Jahren hinter dem Haus der Eltern explodiert war und seinen Bruder getötet hatte. Es war Vaters Geburtstag gewesen, der 4. Mai 1941, sie alle hatten am Kaffeetisch gesessen, als die Sirenen am hellen Tag losheulten. Die Bomben fielen in einiger Entfernung, bis plötzlich bei ihnen eine Landmine herunterkam – ohne Vorwarnung, ohne Pfeifton. Die Deutschen banden solche Minen an kleine Fallschirme, sodass sie lautlos mit ihrer tödlichen Fracht in die Straßen segelten. Die Mine explodierte im Kirschbaum hinter dem Haus, kurz bevor es passierte, sah er durchs offen stehende Fenster, wie sie in die Zweige schwebte. Die Druckwelle der Detonation traf ihn wie eine steinerne Faust, er hatte nicht gewusst, dass Luft solche Kraft besitzen konnte, wurde gegen die Wand geschleudert. Das Haus begann zu schwanken, er rannte hinaus, fast noch im gleichen Augenblick regnete es Steine und Möbelsplitter, einige streiften ihn.

Als es aufhörte, war er zuerst nicht sicher, ob er noch lebte oder tot war. Er hörte und fühlte nichts. Dann setzten Kopfschmerzen ein und ein Pochen in den Ohren. Staub hing in der Luft wie Nebel. Er begriff, dass das Haus zerstört war und die umliegenden Häuser genauso.

In den Trümmern fand er seinen Bruder. Reglos lag Esmond unter Steinen, der halben Esszimmertür und Scherben des Willow-Porzellans, das seine Mutter Woche für Woche aus dem Regal genommen und poliert hatte. Er war kreidebleich. Ein Stück Glas steckte ihm im Bauch, es hatte die inneren Organe zerschnitten. Eric konnte nichts mehr für Esmond tun.

Später erfuhr er, dass die Landmine neun Nachbarn getötet hatte, eine ganze Familie war ausgelöscht worden, nur der Jüngste hatte auf wundersame Weise überlebt, kaum verletzt. Ein Sechstel aller Londoner war damals ausgebombt worden und musste in Flüchtlingslager umziehen oder wurde in Bussen raus aufs Land gekarrt. Wer an der Front war, konnte zurückschießen. Aber in London, wenn die Bomben fielen, fühlte er sich hilflos, jede Bombe meinte ihn, wollte nach Esmond auch ihn niedertrümmern, und er konnte nichts darauf antworten, konnte nur laufen und sich verstecken.

Er brachte Connie und die Kinder in ihr Abteil. Stumm legte er Tony ins Bett, deckte ihn zu, während Connie die Kleine versorgte. Die Kinder hatten nie Frieden erlebt. Sie waren in den Krieg hineingeboren worden. An Esmond würde Tony sich später nie erinnern, obwohl der Bruder ihn stundenlang im Kinderwagen durch den Hyde Park geschoben hatte. Das war die Welt, in der sie aufwuchsen: Uniformierte überall in den Straßen, finstere Bunker und das Krachen der Bomben.

»Woran denkst du?«, fragte Connie.

»Sei nicht böse«, sagte er, »aber ich kann mich jetzt nicht einfach hinlegen. Ich muss was tun, sonst platze ich vor Wut.«

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen langen, traurigen Kuss. »Geh, mein Großer.«

Er kehrte zurück zum Eingang. Räumte Tote von der Treppe. Dutzende Feuerwehrleute, Sanitäter und Luftschutzleiter waren im Einsatz, sie luden die Verletzten in Krankenwagen und die Toten auf Karren. Einige hatten blutverschmierte Gesichter, anderen waren die Arme ausgekugelt. Mancher röchelte noch, rang ums Überleben. Tote und Verwundete wurden zum Whitechapel Hospital gebracht. Als das überfüllt war, brachten sie die Sterbenden zur Saint John’s Church.

Immer noch röhrten deutsche Bomber über den Himmel und warfen Sprengkörper ab. Als an Bethnal Green Station keine Hilfe mehr gebraucht wurde, lief Eric an die Themse. Eine Brandbombe wollte sich nicht löschen lassen, immer wieder entzündete sich das heiße Magnesium, das Wasser, das er daraufsprühte, verdampfte einfach, er musste einen Sandsack aufschlitzen und die Flammen mit dem Sand ersticken. Etliche Lagerhäuser brannten, in einem war Zucker verwahrt worden, brennend floss er in die Themse. Eine ekelhafte, schwere Süße lag in der Luft.

Wäre ich Pilot, dachte er, dann würde ich jetzt in einer Mosquito sitzen und den Deutschen da oben die Benzintanks zerschießen.

Du weißt es besser, sagte eine ruhige Stimme in ihm. Gefährlicher als die Bomben ist Nachtauge hier am Boden, die den Gegnern funkt, wo sie London empfindlich treffen können. Die den Feinden mitteilt, mit welcher neuen Technik die britischen Nachtjäger den deutschen Radaremissionen folgen, um in der Dunkelheit des Nachthimmels die Bomber abzuschießen. Die ihnen sagt, welche Agenten zu uns übergelaufen sind.

Nahezu sämtliche Agenten der sogenannten deutschen Abwehr hatten sie umdrehen können, und die neuen, die von den Nazis eingeschleust wurden, waren leicht zu enttarnen, sie fielen durch gefälschte Lebensmittelmarken auf, machten widersprüchliche Angaben über ihre letzte Arbeitsstelle. Man musste nur aufmerksam sein und ein paar Erkundigungen einziehen, dann schnappte man sie. Es war längst nicht mehr so leicht, sich zu verbergen, wie noch vor Jahren.

Aber Nachtauge tauchte hier auf und verschwand dort wieder, auf so unvorhersehbare Weise, dass es dem MI5 in den drei Jahren, die man inzwischen Jagd auf sie machte, nicht einmal gelungen war, ein Foto von ihr zu machen. Ob wir diese Frau fangen oder nicht, kann den Ausgang des Krieges entscheiden, dachte Eric.

Wenn sich die Deutschen nach ihrer Niederlage in Stalingrad nun von Russland abwandten, wenn sie sich entschlossen, zuerst die Eroberung Westeuropas abzuschließen, dann würde England in kürzester Zeit Schauplatz eines Eroberungsfeldzugs sein. Immer waren zuerst die Agenten da gewesen. Sie machten den deutschen Blitzkrieg erst möglich. Bevor Hitler Polen angriff, hatte die deutsche Abwehr den Stab einer polnischen Armee infiltriert, einen Major angeworben und über ihn detaillierte Angaben zur Gliederung, Stationierung und Bewaffnung von drei polnischen Armeen erhalten. Außerdem erfuhr sie die Aufmarschräume im Mobilmachungsfall.

In Frankreich war es nicht anders gewesen. Vor dem Angriff hatte die Abwehr Fotografien des gesamten Befestigungssystems der Maginotlinie besorgt. Agenten hatten sich als Flüchtlinge verkleidet und Maschinengewehre in Kinderwagen ins französische Hinterland geschmuggelt, um dort den Verteidigern in den Rücken zu fallen.

Bestimmt hatte Nachtauge längst eine Zielkartei erstellt über britische Flughäfen, Seefestungen, Depots, Kasernen, Stellungen der Luftverteidigung und Waffenfabriken. Wo mochte sie sich jetzt, während des Bombenangriffs, aufhalten? Lag sie in einer der U-Bahn-Stationen auf ein paar Decken und beobachtete spöttisch die Panik der Londoner, die sich vor den deutschen Bomben in Sicherheit brachten?

Oder nutzte sie den Bombenangriff für ihre Zwecke?

Er zuckte zusammen. Deshalb also hatten sie nie die Wellen ihrer Funknachrichten peilen können! Andere Agenten nahmen zu fest verabredeten Zeiten per Funk Verbindung mit ihrem Führungsoffizier im Deutschen Reich auf, und man konnte durch trigonometrische Netzlegung ihre Position ermitteln, indem man von drei Orten aus mittels Richtantenne oder Funkkompass den sendenden Agenten anpeilte. So mancher Deutsche war dadurch schon aufgeflogen. Nachtauge hingegen nutzte scheinbar keines der schweren Koffergeräte von Telefunken. Dazu war sie zu beweglich. Und zu schnell. Die Peiltrupps des MI5 waren nicht in der Lage, sie zu fassen, weil sie zu unregelmäßigen Zeiten funkte und von abgelegenen Orten. Ein festes Versteck mit schwerem Gerät wäre da hinderlich. Was, wenn die Deutsche nur ein kleines Funkgerät mit Batteriebetrieb besaß, eines, dessen Sendeleistung es nicht erlaubte, bis ins Großdeutsche Reich zu funken? Was, wenn sie zu einem Flugzeug hinauffunkte? Im Schutz der Bomberschwadron mochte eine Heinkel der Abwehr mitfliegen und ihren Funkspruch aufzeichnen oder ihr neue Anweisungen geben.

Eric fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Wenn er mit seinen Vermutungen richtiglag, bedeutete das nichts anderes, als dass Nachtauge genau in diesem Augenblick funkte. Mitten im Bombenangriff, wenn kein Peiltrupp unterwegs war.

2

Er rannte durch den Qualm zur U-Bahn-Station Wapping und hastete die Treppen hinab. In der Mitte des Bahnsteigs kauerten Hunderte Menschen. Ein schmaler Rand war an den Seiten geblieben für die Ein- und Aussteigenden. Von Rotherhithe würde keine Bahn kommen, während des Bombenalarms fuhren sie nie unter der Themse hindurch. Also konnte er gleich ans Gegengleis gehen, die Bahn würde zwischen Wapping und Hammersmith pendeln. Der Gedanke, dass die deutsche Agentin womöglich in diesem Moment am Funkgerät saß, ließ ihm keine Ruhe.

Ratten huschten über die Gleise. Die Schienen zirpten. Dann ratterte die U-Bahn mit den drei trüben Scheinwerferaugen in den Bahnhof ein. Er betätigte den Öffnungsknopf an einer der Schiebetüren, und mit einem lauten Zischen öffnete sie sich. Er sah am Zug entlang: Nur wenige Fahrgäste stiegen aus oder ein.

Das verängstigte Tuscheln der U-Bahn-Reisenden, das Kreischen des Waggons in den Schienen und das dumpfe Grollen der Bomben reizten seine Nerven noch mehr. Wenn er diese verflixte Bahn doch beschleunigen könnte! Bei jedem Halt hatte er das Gefühl, sie stünde übertrieben lang da und warte, ob nicht doch noch jemand zusteigen wolle. In der Wood Lane stieg er aus, sprintete den Bahnsteig entlang und erklomm die Treppe in wenigen Sprüngen.

Erleichtert nahm er wahr, dass das Dröhnen der Bomber nicht nachgelassen hatte.

Das ehemalige Gefängnis Wormwood Scrubs stand unversehrt. Das lang gestreckte Areal von Ziegelgebäuden hinter der hohen Gefängnismauer war zu Beginn des Krieges geräumt worden, um den wachsenden Bedarf des MI5 an abhörsicheren Büros zu erfüllen. Eric zeigte dem Pförtner seinen Ausweis und stürmte den langen Flur der Abteilung B, Spionageabwehr, hinunter. Trotz des Bombenangriffs saßen in einigen Zellen Kollegen und arbeiteten, die Türen sperrangelweit geöffnet. Oft genug war es vorgekommen, dass eine unbedachte Bewegung eine Tür hatte zufallen lassen, und da die Türen innen keine Klinken besaßen, wie es sich für ein Gefängnis gehörte, ließ man sie bewusst weit offen stehen, um nicht versehentlich eingeschlossen zu werden. Manche hoben den Kopf, um zu sehen, wer es da so eilig hatte. Er erwiderte keinen Blick und keinen Gruß. Erst bei den Funkern blieb er stehen. Ziemlich außer Atem sagte er: »Ich brauche einen Peiltrupp, und zwar sofort.«

»Während des Bombenangriffs? Sind Sie verrückt?«, widersprach Sprigings. »Sie können froh sein, dass ich nicht in den Luftschutz gegangen bin, Knowlden, ich müsste gar nicht hier sein. Raus geh ich auf keinen Fall.«

»Wir können die Deutsche fangen. Sie funkt gerade.«

Sprigings wusste sofort, von wem er sprach. Sein beleibter Körper erstarrte. »Woher wissen Sie das?«

»Alarmieren Sie so viele Peiltrupps, wie Sie können. Während sich die Jungs bereit machen, können Sie die Fernpeilstationen anfunken.«

»Aber wir wissen doch gar nicht, auf welcher Frequenz Nachtauge sendet! Das ist wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.«

»Fangen Sie endlich an!«

Mit hochrotem Kopf legte Sprigings los. Er rief einige Namen in den Flur, und als auf manchen Aufruf keine Antwort kam, rief er einen anderen. Er gab die Anweisung, dass Peiltrupps zusammenzustellen waren. Endlich kam Bewegung in den Gefängnisflur. Während die Männer ihre Geräte holten, alarmierte er die Fernpeilstationen.

Aus dem Gespräch der drei Stationsleiter mit Sprigings entnahm Eric, dass die Sache nicht gar so aussichtslos war. Da während eines Bombenangriffs keine Radiostation sendete und das Amateurfunken seit Kriegsbeginn grundsätzlich illegal war, konnten die Stationen recht zügig die Frequenzen durchschalten: Fast alle waren stumm.

Mit Mühe hielt er seine Aufregung im Zaum. Jahrelang hatte sich jede seiner Ideen als belangloses Puzzleteilchen oder als Sackgasse erwiesen. Aber Liddell, der Chef, hatte an ihm festgehalten. Er hatte gesagt: »So funktioniert Geheimdienstarbeit, Knowlden. Man rätselt, man probiert aus, man geht scheinbar wahnwitzigen Fährten nach. Bis zum Volltreffer. Bleiben Sie dran an Nachtauge. Irgendwann wird die Falle zuschnappen.« Wenn dieser Einfall Erfolg hatte …

Da! Monotone Morsesignale tickten durch den Raum. Sprigings saß mit angehaltenem Atem auf seinem Stuhl und lauschte. Ohne auf den Zettel zu sehen, schrieb er mit, wie automatisch, der Bleistift hielt Gruppen von jeweils fünf Zahlen fest. »Das ist sie«, flüsterte er.

»Hören Sie auf«, verlangte Eric. »Die Nachricht ist jetzt erst mal zweitrangig. Sagen Sie den anderen, auf welcher Frequenz sie suchen müssen!«

Sprigings legte den Bleistift weg und gab an die Fernpeilstationen durch: »Kurzwelle sechseinhalb Megahertz. Peilen Sie.«

Kurz darauf gaben die Fernpeilstationen Koordinaten durch. Eric schnappte sich den Bleistift und malte, indem er fest aufdrückte, ein Dreieck auf die Landkarte an der Wand. Es hatte Seitenlängen von etwa zehn Kilometern und lag im westlichen London. Auch Wormwood Scrubs lag innerhalb des Dreiecks. »Sie könnte hier im Haus sein«, murmelte er. »Fantastisch.«

»Was finden Sie daran fantastisch?«, fragte Sprigings entsetzt.

»Dieses Teufelsweib hält sich direkt vor unseren Augen auf, und wir sehen sie nicht.« Er pochte mit dem Bleistift auf die Karte. »Genauer geht das nicht?« Aber er wusste es selbst. Die Fernpeilsender maßen nur die Raumwelle, die vom Sender in die Ionosphäre ausstrahlte und von dort auf die Erde reflektiert wurde. Da gab es eine Menge Störungen. Er riss kurzerhand die Karte von der Wand.

»Was tun Sie da?«, entrüstete sich Sprigings.

»Sie funkt selten und hat sicher viel durchzugeben. Aber vielleicht hat sie schon vor einer Viertelstunde begonnen. Bevor die Nachricht übermittelt ist, müssen wir sie gefunden haben.« Eric trat nach draußen. Die Männer der Peiltrupps sammelten sich bereits im Flur. Ein paar der Gesichter waren ihm bekannt von früheren Einsätzen. »Haben wir Fahrzeuge?«, fragte er.

Die Männer nickten.

»Dann los.«

Auf dem Weg durch das Gebäude teilte er ihnen die Straßen zu. Als sie auf den Hof traten, sagte er: »Ich begleite den Peiltrupp, der nach Acton hineinfährt.« Im Gewimmel der ausländischen Kriegsflüchtlinge, die sich selbst nicht gut in London auskannten, fiel eine Fremde nicht auf. Außerdem verfälschten die Hochspannungsleitungen, Maschinen und Bahngleise in Acton die Nahfeldpeilung, wer heimlich funken wollte, war nirgendwo so sicher wie dort. Ein ideales Versteck für Nachtauge.

Sie stiegen in die Fahrzeuge. Keines würde auffallen: Sie fuhren einen Lieferwagen, einen Krankenwagen, der während des Bombenangriffs durchaus im Einsatz sein konnte, und eine zerschrammte Limousine. Die Deutsche durfte sie nicht bemerken, sonst würde sie sofort den Funkkontakt zu ihren Verbündeten in der Luft beenden.

Er schloss die Beifahrertür des Krankenwagens und gab die abgerissene Karte nach hinten weiter. Im Gegenzug verlangte er die Kopfhörer.

»Sie wollen den Einsatz nicht leiten?«, fragte der verblüffte Funker.

»Nein, das übernehmen Sie. Halten Sie den Kontakt mit den anderen Wagen und schränken Sie das Gebiet so weit wie möglich ein. Ich will die Deutsche hören.«

Während der Fahrer den Wagen aus dem Gefängnishof steuerte, setzte sich Eric die Kopfhörer auf. Er hörte einen schwachen Summton. Als sie gen Norden einbogen, wurde er schwächer. »An der nächsten Kreuzung links«, sagte er, »und dann wieder links.«

Der Funker sprach leise in sein Funkgerät. Dann sagte er, an alle im Auto gerichtet: »Die anderen haben sie recht stark in der Uxbridge Road.«

Das Summen wurde stärker. »Wir nähern uns«, sagte Eric.

Der Funker sagte: »Team drei hat den Sendebereich verlassen und wendet.«

Ein dicht besiedeltes Gebiet wie London erschwerte das Peilen mittels der Nahfeldstrahlen erheblich. Sie maßen nur die Bodenwelle, die sich längs der Erdoberfläche verbreitete, und die besaß eine begrenzte Reichweite. Aber Nachtauge sendete noch. Bombentreffer erschütterten den Boden. Eine grimmige Entschlossenheit hatte vom Peiltrupp Besitz ergriffen, Eric konnte es an den Gesichtern der Männer ablesen, keiner von ihnen wollte in diesem Augenblick woanders sein als hier in diesem Wagen.

»Ich höre sie«, raunte er. »Laut und deutlich.«

Abrupt endete der Ton. Es war still in der Leitung.

»Team zwei hat nichts mehr«, sagte der Funker. »Team drei auch nicht.«

Er hob die Hand, um alle zum Schweigen zu bringen, und lauschte angestrengt. Stille. »Verflucht.« Er riss sich die Kopfhörer herunter. »Was haben wir?«

Der Funker reichte ihm die Karte nach vorn. Er hatte ein neues, wesentlich kleineres Peildreieck eingezeichnet, es umfasste nur wenige Häuserblocks. Hätte die Spionin ein paar Minuten länger gesendet, er hätte Haus für Haus den Strom abstellen lassen können, um ihr genaues Versteck zu lokalisieren – wenn beim Abschalten des Stroms plötzlich der Funkkontakt abbrach, wusste man, es war das richtige Haus. »Hat jemand eine Waffe für mich?«

Der Fahrer reichte ihm eine Smith & Wesson. »Was haben Sie vor?«

Er steckte sich den Revolver in den Hosenbund und befahl: »Fahren Sie zurück nach Wormwood Scrubs. Und sagen Sie den anderen Teams, sie sollen sich ebenso zurückziehen.«

Der Funker runzelte die Stirn. »Wir sollen die heiße Spur einfach so fallen lassen? Sie ist hier, sie ist ganz in der Nähe!«

»Diese Frau ist nicht dumm«, gab er zurück. »Sie ist aufmerksam. Wenn dasselbe Auto zweimal an ihrem Fenster vorüberfährt, taucht sie unter und ist wieder monatelang verschwunden. Sie hat gut vorbereitete Fluchtwege, da bin ich mir sicher. Noch weiß sie nicht, dass wir ihr auf den Fersen sind. Vielleicht verschafft mir das eine Chance.« Er wies nach vorne. »Halten Sie neben diesem Lastwagen und lassen Sie mich raus. Ich sehe mich zu Fuß nach ihr um.«

Der Wagen hielt, und Eric stieg aus. Er schlug die Wagentür zu und marschierte die Straße entlang.

Was tust du jetzt, Nachtauge?, dachte er. Du hast deinen Funkspruch abgesetzt. In den Luftschutzkeller kannst du nicht gehen, sonst fällt auf, dass du erst eintriffst, nachdem der Bombenalarm bereits eine Dreiviertelstunde läuft. Du bleibst also in der Wohnung und wartest auf die Entwarnung. Wundern sich deine Nachbarn, dass du nicht im Luftschutzkeller warst? Nein, denn du gehst nie in den Luftschutzkeller. Sie halten dich für eine von diesen Luftschutzverweigerinnen, die gibt es ja zur Genüge in London, Leute, die in ihren Betten ausharren, die sich sagen: Bei einem Volltreffer stirbt man auch im Keller, dann bleibe ich gleich im Bett, falls es unser Haus erwischt, sterbe ich hier, und falls nicht, habe ich mir etliche Nachtstunden in einem kalten Loch erspart.

Das Dröhnen der Bomber verebbte, sie zogen ab. Sirenen ließen den Entwarnungston aufheulen. Bald darauf gingen in den Häusern die ersten Lichter an, helle Schlitze zeigten sich an den Rändern der Verdunkelungsrollos.

Eric hörte das Quietschen der schweren Eisentüren in den Kellern und Schritte in den Treppenhäusern. Er trat an den nächsten Hauseingang und klopfte. Eine Frau mit Kopftuch öffnete. »Ja?«, fragte sie schüchtern.

»Grimmond mein Name, Luftschutz«, sagte er. »Waren alle Anwohner wie vorgeschrieben im Luftschutzkeller?«

Sie bejahte.

Dieses Frage-und-Antwort-Spiel wiederholte sich an den nächsten Türen. Die polnischen und französischen Einwanderer logen ihm glatt ins Gesicht, um ihre Landsleute zu schützen. So kam er nicht weiter. Er änderte seine Taktik. An der nächsten Tür tat er besorgt. »Grimmond, Luftschutz. Wird bei Ihnen jemand vermisst? Oder waren Sie im Keller vollzählig?«

»Der alte Victor geht nie in den Keller«, antwortete eine junge Frau mit osteuropäischem Akzent. »Aber sicher geht es ihm gut, er ist oben in der Wohnung, denke ich.«

»Freut mich, dass bei Ihnen alles in Ordnung ist.« Er verabschiedete sich. So funktionierte es. Jetzt hörte er die Geschichten der Leute. Bald hatte er die Häuserreihe abgearbeitet und wechselte auf die gegenüberliegende Straßenseite.

Im ersten Haus hörte ihn niemand. Im zweiten öffnete eine Britin, sie trug einen abgewetzten Wintermantel und Hausschuhe. »Wie kann ich Ihnen helfen?« Ihre Locken waren platt gedrückt, offenbar war sie schon im Bett gewesen, als der Luftalarm ertönte.

»Grimmond, Luftschutz. Wird bei Ihnen jemand vermisst? Oder waren Sie im Keller vollzählig?«

Erschrocken trat sie aus dem Haus und sah zum Dach hinauf. »Brennt das Haus? Sind wir getroffen?«

»Nein. Aber eine Sprengbombe ist in Ihrer Straße gelandet. Wir haben zwei Tote und können sie nicht identifizieren.«

»O Gott. Das wird doch nicht Julia gewesen sein?« Sie schlug die Hand vor den Mund. »Ich hab ihr immer wieder gesagt, sie soll vernünftig sein und mit runter in den Luftschutzkeller kommen, sie soll froh sein, dass sie so einen kurzen Weg hat, viele Häuser haben gar keinen Luftschutzkeller, da müssen die Leute viel weiter laufen, aber nein, wie die jungen Leute sind, sie hat fest daran geglaubt, dass es sie nicht treffen wird.«

»Wie lange wohnt sie schon hier?«

»Ein knappes Jahr. Warum?«

Womöglich war sie das. Er tastete heimlich nach dem Revolver im Hosenbund. »Sehen wir am besten nach. Vielleicht ist sie ja zu Hause und wohlauf.«

Die Wirtin ging ihm voran die Treppe hinauf. Sein Herz schlug schneller. Sie hat bereits zwei Agenten umgebracht, warnte ihn eine innere Stimme. Aber er durfte Nachtauge nicht wieder entwischen lassen, die Chance war einmalig, es war Zeit, dass sie zur Strecke gebracht wurde.

Die Wirtin klingelte an einer Tür im zweiten Stockwerk. »Julia, Kind, sind Sie da?«, rief sie.

Er zog die Waffe und entsicherte sie leise, während er sie hinter dem Rücken versteckt hielt.

Die Wirtin sagte in übertrieben freundlichem Ton: »Wir wollen nur sichergehen, dass dir nichts zugestoßen ist.«

Nichts geschah.

»Treten Sie beiseite«, sagte er. Er sicherte die Waffe wieder und steckte sie sich hinten in den Hosenbund. Die alte Dame sah ihn verständnislos an, wich aber zögernd zurück. Er hatte keine Zeit für Erklärungen, nahm Anlauf und warf sich gegen die Tür. Das Holz des Rahmens brach, und er stolperte in die fremde Wohnung. Sofort warf er sich nieder auf die Knie. Er streckte die Hand mit der Waffe vor sich aus und blickte sich hastig um. Die Wohnung war dunkel, vom Treppenflur fiel etwas Licht hinein. »Schalten Sie das Licht ein«, befahl er. »Der Lichtschalter befindet sich neben der Tür.«

Die Wirtin, bleich im Gesicht, gehorchte mechanisch. »Was tun Sie da?«, hauchte sie fassungslos.

Er nahm Deckung an der Wand. Vorsichtig spähte er in das erste Zimmer. Ein Bett und ein Kleiderschrank waren darin. Das Bett war ordentlich mit einer Tagesdecke überzogen.

Er schlich weiter zur nächsten Tür. Gasherd, Tisch, Anrichte. Ein Marmeladenglas stand noch offen da, auf einem Brett lag ein großes Messer neben einem Laib Weizenbrot.

Das Wohnzimmer war ebenfalls verwaist. Das Verdunkelungsrollo war vorschriftsgemäß nach unten gezogen. Er richtete sich langsam auf, während er sich umsah. »Scheint so, als wäre sie nicht zu Hause.« Vielleicht funkte sie nicht von hier aus. »Wo ist die Toilette?«

»Auf halber Treppe. Miss Julia teilt sie sich mit der Familie gegenüber.«

»Gibt es einen Dachboden?«

»Warum fragen Sie?«

»Ich arbeite für die Spionageabwehr des MI5, des britischen Inlandsgeheimdienstes. Wir suchen nach einer Deutschen, die noch vor wenigen Minuten im Funkkontakt mit ihrem Führungsoffizier stand.«

Die Wirtin fasste sich in die platt gelegenen Locken. »Sie meinen, Julia …? Du meine Güte.«

»Ist der Dachboden abgeschlossen?«

»Nein. Das dürfen wir doch nicht, wegen der Brandbomben. Er muss immer zugänglich sein, damit man ein Feuer löschen kann.«

»Bleiben Sie besser hier.« Er verließ die Wohnung und stieg die Treppen hinauf. Nachtauge hatte keinen Respekt vor einem Menschenleben, sie würde ihn, ohne zu zögern, töten. Die Agentin hatte in den ersten Jahren in Großbritannien mehrere Anschläge auf Züge verübt. Er selbst hatte den Ort des Anschlags untersucht und Beweisstücke nach Wormwood Scrubs gebracht, kümmerliche Reste der Corned-Beef-Dosen, in denen der Sprengstoff gewesen war – wegen ihrer eckigen Form gut geeignet für Schienensprengungen. Untersuchungen der Asche hatten zutage gebracht, dass Nachtauge den Sprengsatz selbst hergestellt hatte, aus handelsüblichen Zutaten, die es in jeder Apotheke gab. Hatte sie sich auch die verbogenen Waggons angesehen, die Leichensäcke der Kinder, die zur Landverschickung im Zug gewesen waren? Wie schaffte sie es, gänzlich davon unberührt zu bleiben?

Er drückte sich neben der hölzernen Dachbodentür an die Wand und lauschte. Wartete sie auf der anderen Seite auf ihn? Er musste an Connie denken. An Tony und die Kleine. Ich tu’s für euch, Kinder, dachte er. Damit ihr in einer besseren Welt aufwachst. Einer Welt ohne diese eiskalte Agentin. Er streckte den Arm aus und drückte die Klinke nieder. Mit dem Fuß schob er die Tür auf, ohne hinter dem Rahmen vorzutreten. Als nichts geschah, spähte er vorsichtig um die Ecke.

Der Dachboden war leer, und das Fenster stand offen. Im Sand, der zur Eindämmung von Feuersbrünsten ausgestreut worden war, stand ein viereckiges Kästchen, kaum größer als eine Zigarrenschachtel mit schwarzen Drehknöpfen und einem Schalter. Ein Kopfhörer lag auf dem Gerät.

Aber die Spionin war nicht mehr da.

3

Er rannte zum Fenster. Unten auf der Straße war es so dunkel, dass er nur mit Mühe erkennen konnte, wie Menschen, formlose Schatten, aus den Häusern traten. Selbst wenn er ihr nachkletterte, wenn er die umliegenden Höfe und Straßen inspizierte, würde er sie ja doch nicht erkennen, und bis er die Wirtin nach ihrem Aussehen befragt hatte, war Nachtauge längst über alle Berge.

In anderen Stadtbezirken brannte es, hell loderte das Feuer auf den Dächern. Dort, im Chaos nach dem Bombenangriff, konnte sie gut untertauchen. Straßen waren abgesperrt, Löschzüge am Werk, Menschen eilten durcheinander und versuchten, ihre Habe vor den Flammen zu retten. Die Zerstörung, die von den deutschen Bombern angerichtet worden war, half der Spionin, der Festnahme zu entgehen.

Er kauerte sich vor das Kästchen. Wie klein es war! Und batteriebetrieben mit nur zwei Volt. Er streckte die Hände aus, um es anzuheben. Kaum ein Kilogramm leicht. Das Gehäuse war noch warm.

Mit dem Funkgerät kehrte er zur aufgebrochenen Wohnung zurück. »Hat jemand in Ihrem Haus ein Telefon?«, fragte er die Wirtin.

»Im Nachbaraufgang wohnt ein Rechtsanwalt, Mr Ashton. Der hat eines. Was haben Sie da? War das bei uns auf dem Dachboden?«

»Gehen Sie und rufen Sie die Polizei. Sagen Sie ihnen, wir haben das Funkgerät einer deutschen Agentin gefunden, sie sollen den MI5 benachrichtigen und sofort ein paar Männer schicken.«

»Ist Miss Julia wirklich …? Eine deutsche Agentin, in unserem Haus!«

»Sobald Sie den Anruf erledigt haben, kommen Sie bitte zurück. Ich habe einige Fragen.«

»Aber das muss ein Irrtum sein. Miss Julia ist eine Patriotin. Sie hat doch sogar Blut gespendet für unsere verwundeten Soldaten!«

»Gehen Sie bitte«, sagte er. »Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Die Wirtin gehorchte. Er schloss hinter ihr die Tür und sah sich aufmerksam um. Die Agentin war im letzten Moment geflohen. Ohne das Funkgerät war sie von den Führungsoffizieren abgeschnitten, weder konnte man ihr Aufträge übermitteln, noch konnte sie Spionagematerial an die Deutschen weitergeben. So etwas ließ man nicht zurück, es sei denn, es ging um Leben und Tod. Er hätte sie fast erwischt.

Offenbar hatte sie nicht damit gerechnet, dass während des Bombenangriffs Peiltrupps in London unterwegs sein würden. Sie war vollkommen unvorbereitet gewesen. Das hieß, dass ihre Wohnung womöglich noch weiteres wertvolles Material enthielt.

Ein seltsames Gefühl beschlich ihn, während er durch die Zimmer ging. Hier hatte die Mörderin gegessen, geschlafen, ihre Botschaften verschlüsselt. Er schaltete überall das Licht ein, öffnete die Schränke. Blusen und Unterhemden waren fein säuberlich aufgeschichtet. In einer Schublade lag ein britisches Ration Book mit Lebensmittelmarken, vermutlich eine Fälschung, aber so professionell durchgeführt, dass er auf die Schnelle nicht in der Lage war, Fehler zu entdecken. Das war der Grund dafür, dass alle die Deutschen fürchteten: Sie waren gnadenlos gut organisiert. Selbst die chaotischen, zerstörerischen Kräfte des Krieges zähmten sie und führten ihn mit Präzision und tadellos funktionierender Verwaltung. Sie verwalteten den Tod, so wie sie in Friedenszeiten Kleingartenkolonien und Eisenbahnfahrpläne verwalteten.

Ein Codebuch fand er nicht. Auch keine Notizen. Vermutlich hatte sie die Unterlagen auf den Speicher mitgenommen und bei der Flucht über das Dach am Körper getragen.

Nachtauge brauchte wie jeder Mensch Kleidung, Nahrung, Toilettenpapier, einen Mülleimer. Hatte sie sich nie verliebt, nie den Wunsch verspürt, Kinder aufzuziehen? Wie konnte jemand so hingebungsvoll einem grausamen Staat dienen! Jahrelang hatte sie in Großbritannien Güte erlebt, spielende Kinder auf der Straße gesehen, mit den Nachbarn geplaudert. Ließ sie all das nicht an sich heran?

Ein Jahr schon lebte sie hier, nur wenige Minuten von seinem Büro entfernt, und kämpfte gegen England. Die Arbeit des MI5 kam ihm auf einmal lächerlich vor.

Er betrat die Küche. Als er den ersten Schrank öffnete, fuhr er zusammen. Eine Katze lag darin, zusammengekrümmt und reglos.

Er schloss den Schrank und dachte nach. Das Ration Book bewies, dass sie nicht hungerte. Sie hatte es nicht nötig, Katzenfleisch zu essen. Tötete sie Katzen aus Vergnügen? Aber warum hob sie den Kadaver dann im Küchenschrank auf? Er hatte noch nie von einer Mörderin gehört, die Leichen sammelte, so abartig es auch war, dass jemand zum Vergnügen tötete, tote Körper in der Küche, in der man aß und lebte, nein, das konnte nicht sein.

Angewidert öffnete er erneut den Schrank. Die Katze war kaum verwest, sie konnte noch nicht lange tot sein. Er roch an ihr und musste sofort niesen. Scharfer Chiligeruch biss ihn in die Nase.

Eine tote Katze, die nach Chili roch … Das ergab keinen Sinn. Er suchte einen Pfannenschieber und schob ihn unter das Tier. Mit äußerster Überwindung hob er sie aus dem Fach und balancierte sie hinüber zum Küchentisch. Dort legte er sie ab. Hatte sie die arme Katze vergiftet? Mit dem Pfannenschieber tastete er über ihren Schädel. Erschlagen worden war sie nicht, der Kopf war intakt.

Vielleicht war sie von allein gestorben, oder die Deutsche hatte sie ersäuft. Warum gab sie sich mit toten Tieren ab? Wer machte so etwas, wer fasste eine tote Katze an? Niemand, den er kannte, würde überhaupt in die Nähe eines Tierkadavers gehen, man wandte sich ab, betreten und angewidert.

Genau das konnte natürlich ein Vorteil sein. Tote Tiere waren ein perfektes Kommunikationsmittel, wenn er es so recht bedachte: unverdächtig und von allen, bis auf den Empfänger, gemieden. So ließ sich auch der starke Chiligeruch erklären – sie musste die Katze mit Chilisoße übergossen haben, damit die Ratten nicht drangingen. Hatte sie bereits eine Botschaft an ihrem Körper befestigt? Oder hatte sie vorgehabt, die Aufträge, die sie heute vom Führungsoffizier empfing, mithilfe der Katze weiterzugeben? Sie konnte sie verschlüsselt niederschreiben und in einer kleinen Kapsel in der Katze verstecken. Den Kadaver konnte sie an einer verabredeten Stelle am Straßenrand deponieren.

Das bedeutete, dass sie nicht allein arbeitete. Sie musste hier in London einen Partner haben, jemanden, dem sie die Botschaften übermittelte.

Es klopfte an der Wohnungstür. Er griff reflexartig zur Waffe. Die Meisterspionin oder ihr Partner würden wohl kaum anklopfen, andererseits … Nein, das war das Schnaufen der Wirtin, er hörte es deutlich aus dem Treppenflur. Er öffnete.

»Die Polizei ist unterwegs«, sagte sie und keuchte.

War sie das Treppensteigen nicht gewohnt? Sie lebte offenbar im Erdgeschoss. »Den MI5 haben sie ebenfalls benachrichtigt?«

»Mir wurde gesagt, dass die das machen.«

»Kommen Sie rein.« Er schloss hinter ihr die Tür. »Hatte Julia manchmal Besucher?«

»Woher soll ich das wissen?«, sagte sie unwirsch.

Sie war eine schlechte Lügnerin. Zu heftig kam ihre Antwort, es war der erkennbare Versuch, die Frage abzuwehren. »Sie wohnen hier. Da werden Sie sich doch erinnern, wen Sie im Haus gesehen haben.«

»Ich bin nicht so eine, die hinter der Gardine hockt und das Kommen und Gehen der anderen beobachtet.«

»Was arbeitet sie, wovon lebt sie?«

»Miss Tremayne arbeitet im Kindergarten, als Köchin. Sie bereitet den Kindern Frühstück und Mittagessen zu. Sie ist keine gelernte Köchin, eigentlich war sie Büroangestellte, aber in diesen Zeiten …«

Kinder wie Ella und Tony, betreut von einer deutschen Mörderin. Schon die Vorstellung schnürte ihm den Hals zu. Natürlich, im Kindergarten hatte sie leicht Arbeit bekommen. Seit Kriegsbeginn hatte man fast zweitausend neue Kindergärten eröffnet, damit die Mütter arbeiten gehen konnten, während die Väter in der Armee dienten. »Und sie hatte nie Besuch?«

Die Wirtin wischte sich einen Schweißtropfen von der Schläfe. »Ich hab keinen gesehen. Was starren Sie mich so an?«

»Sie belügen mich. Ich werde Sie zum Verhör ins Wormwood Scrubs bringen.«

Erschrocken riss sie die Augen auf. »Aber ich habe nichts getan!«

»Sie decken eine deutsche Spionin. Das ist Landesverrat. Und Julia Tremayne hat etliche Menschen auf dem Gewissen. Man wird Ihnen Beihilfe zum Mord nachweisen.«

Ihr Hals bekam rote Flecken. »Wir … Wir konnten doch nicht wissen, wer das ist!«

»Hören Sie mit den Lügen auf, und arbeiten Sie mit mir zusammen.«

»Das tue ich. Wirklich.«

Ihre Angst war echt, das spürte er. Was auch immer sie verbarg, ein Routinier war sie nicht. »Hatte Julia Männerbesuch?«

»Nie. Sie geht immer kurz nach halb sieben aus dem Haus. Gegen fünf kommt sie heim. Außer freitags. Da ist sie später zurück, so gegen acht.«

»Wo geht sie freitags hin?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Sie belügen mich schon wieder. Hören Sie, es ist mein Beruf, so etwas zu erkennen. Ich rieche eine Lüge fünf Meilen gegen den Wind. Wie Sie Ihre Hände hinter dem Rücken verbergen, damit ich nicht sehe, dass sie zittern. Wie unstet Ihr Blick umherirrt. Sie schlucken ständig, das ist ein klassisches Zeichen. Durch den Stress beim Lügen leiden Sie unter einem trockenen Mund.«

»Sie ist freitags im Pub«, sagte sie leise.

»In welchem?«

»Im Falcon.«

»Haben Sie Julia selbst dort gesehen, oder hat sie Ihnen das nur gesagt?«

Sie zögerte. Dann stieß sie einen langen Seufzer aus und gab ihren Widerstand auf. »Mein Sohn hat sie dahin verfolgt«, erklärte sie. »Er … hat sich in sie verguckt. Das kann ihm keiner übel nehmen! So ein hübsches Ding wie sie, und nicht verheiratet! Er konnte ja nicht ahnen, was sie insgeheim treibt.«

»Sagen Sie bitte nicht, dass er im DMWDarbeitet.«

»Im … was?«

Als er ihr verwirrtes Gesicht sah, atmete er innerlich auf. Offenbar hatte sie vom Directorate of Miscellaneous Weapons Development, der Waffenentwicklung, noch nie gehört. »Was ist er von Beruf?«

»Mein Sohn arbeitet als Busfahrer bei der London Transport. Er fährt einen von diesen roten Doppeldeckern.«

Dann war seine Verliebtheit reiner Zufall, und nicht bewusst geschürt von Nachtauge, um an Informationen heranzukommen.

»Sind die beiden ein Paar?«

»Er hat ihr Blumen gebracht, aber sie hat ihn eiskalt abblitzen lassen. Das ist schon ein halbes Jahr her. Ich hab ihm gesagt, er soll sich das Mädchen aus dem Kopf schlagen. Er kann das nicht, sagt er. Er wohnt am anderen Ende der Stadt, in Stepney draußen, und jedes Mal, wenn er mich besuchen kommt, denkt er die ganze Zeit an Julia. Fragt mich, ob sie gerade zu Hause ist und so. Er ist rasend vor Liebe! Dabei haben sie kaum ein Wort miteinander gesprochen. Er merkt nicht, wie es ihn zugrunde richtet, am Haken dieser Frau zu zappeln. Das hat er doch nicht nötig, einem Weibsbild heimlich nachzulaufen! Mein Junge hat einen ordentlichen Job, er ist gesund und kräftig. Er könnte sich eine Frau suchen, die ihn liebt, viele würden ihn liebend gern heiraten. Wenn ich gewusst hätte …«

Was lockte sie freitags ins Falcon? Wen traf sie in dem Pub? Ein regelmäßiges wöchentliches Zusammentreffen, das musste eine professionelle Bedeutung haben. Gab es rund um Nachtauge eine ganze Gruppe, die der MI5 bisher nicht enttarnt hatte? Vermutlich kannte das Gruppenmitglied, dem sie durch die Tierkadaver Botschaften vermittelte, nicht ihr Gesicht, und sie achtete darauf, dass das so blieb. Das andere Gruppenmitglied hingegen, das sie freitags im Falcon traf, kannte ihr Äußeres. Der Kadaverspion und der Spion aus dem Pub wussten nichts voneinander, Nachtauge führte die Gruppe nach ihren eigenen Regeln. So musste es sein. Nur sie kannte alle Gruppenmitglieder. Ein übliches Prinzip.

Er war ihr so dicht auf den Fersen! Bevor sie London verließ und auf dem Land untertauchte, musste sie der Gruppe eine Nachricht übermitteln. Das Pub, übermorgen, war ihre beste Chance.

»Mein Sohn wird doch nicht ins Gefängnis kommen?«, fragte die Frau und sah ihn mit Kuhaugen an.

»Hängt davon ab, wie gut er uns jetzt zuarbeitet. Ich muss ihn treffen. Sofort.«

4

Als er sie zum Abschied umarmte und gehen wollte, hielt Connie ihn fest. »Wird es heute gefährlich für dich?«, fragte sie.

Er hatte ihr nichts davon gesagt, dass der entscheidende Einsatz bevorstand. Aber mittlerweile besaß sie einen guten Instinkt, an welchen Tagen es voraussichtlich brenzlig für ihn

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