Der deutsche Wald - Johannes Zechner - E-Book

Der deutsche Wald E-Book

Johannes Zechner

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Beschreibung

Der deutsche Wald prägte schon früh die Identität der Deutschen: Der römische Historiker Tacitus schildert in seiner Germania die Gebiete östlich des Rheins wenig vorteilhaft als »durch Wälder grauenerregend«. Seine Annalen berichten über eine Schlacht im »Teutoburger Wald« zwischen Römern und Germanen, deren Anführer Hermann der Cherusker zum »Befreier Germaniens« geworden sei. Als dann im Zuge der Befreiungskriege um 1800 Anfänge eines deutschen Nationalbewusstseins entstehen, besinnen sich Dichter und Denker genau auf diesen anti-urbanen, naturnahen Waldmythos. Sie erklären die unverbildete Natur der Wälder zum deutschen Ideal - im Gegensatz zur verbildeten, städtischen Zivilisation Frankreichs. Dieser konstitutive Gegensatz bleibt prägend - bis hin zum Nationalsozialismus. Zechner widmet diesem Urtopos der Deutschen eine eindrucksvolle Studie und zeichnet dessen Ausprägungen von der Romantik bis zum Nationalsozialismus nach. Eine große Ideengeschichte, die erstmals das Identitätskonzept des deutschen »Waldvolkes« kritisch rekonstruiert.

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Seitenzahl: 853

Veröffentlichungsjahr: 2025

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„Im Eichenwald. Tegeler Wald“. Undatiertes Foto (um 1930?), von Paul W. John (1887–1966).

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Prolog: Die Römer im deutschen Wald

Waldbewohner und Waldkrieger

Waldherkunft und Waldklischee

Waldschlachten unter germanischen Eichen

Waldeinsamkeit. Die Sehnsuchtswälder Ludwig Tiecks

Gefühlspolitik und Nationalliteratur

Naturemphase und Traumlandschaften

Wald- und andere Einsamkeiten

Waldwanderungen unter alten Eichen

Waldtraditionen und Waldvariationen

Waldpolitik und Waldpatriotismus

Zwischenbilanz

Land der Eichen. Die Freiheitswälder Joseph von Eichendorffs

Traditionspolitik und Nationalsymbolik

Naturherkunft und Stimmungslandschaften

Waldwanderungen zwischen Heimat und Italien

Waldgefühle und Waldfluchten

Waldburgen und Waldbanner

Waldfreiheit und Waldverfassung

Zwischenbilanz

Forsten und Bauern. Die Vaterlandswälder Ernst Moritz Arndts

Stabilitätspolitik und Nationalklischee

Natureinfluss und Stammeslandschaften

Waldgräber unter deutschen Eichen

Waldgermanen und Walddeutsche

Waldwanderungen in Nord und Süd

Waldbauern und Waldretter

Zwischenbilanz

Altdeutscher Waldcultus. Die Vergangenheitswälder der Brüder Grimm

Geschichtspolitik und Nationalüberlieferung

Naturkultur und Märchenlandschaften

Waldursprung und Waldwandlungen

Waldprüfungen und Waldabwege

Waldbilder und Baummetaphern

Waldsammlungen und Waldtempel

Zwischenbilanz

Deutsche Waldfreiheit. Die Volkswälder Wilhelm Heinrich Riehls

Volkspolitik und Nationalstereotyp

Naturgeschichte und Stabilitätslandschaften

Waldwildnis versus Feld und Park

Waldland und Waldkultur

Waldnovellen und Waldlektüren

Walderhalt und Waldordnung

Zwischenbilanz

Wehr und Weihe des Waldes. Wilhelminische und Weimarer Wälder

Waldmonument und Waldbewegung

Waldvolk kontra Steppenvolk und Wüstenvolk

Walderzieher und Waldewigkeit

Germanisch-deutsche Haine

Waldgemeinde und Waldarbeit

Waldahnen und Waldwurzeln

Zwischenbilanz

Ewiger Wald – Ewiges Volk. Nationalsozialistische Waldanschauungen

Waldvolk und Waldbilder

Waldglaube und Waldrasse

Waldgemeinschaft und Waldgesetze

Waldlandschaft und Lebensraum

Waldreligion und Germanentum

Waldideal und Volksgemeinschaft

Zwischenbilanz

Epilog: Nachhaltigkeit deutschen Walddenkens?

Waldliebe und Waldschutz

Waldheimat und Waldgang

Waldsterben und Waldzustände

Schlussbemerkungen

Anhang

Untersuchungsgegenstand und Quellenmaterial

Konzeptionelle Überlegungen

Theoretische Grundlagen

Quellenkritische Bemerkungen

Forschungsstand und Literaturbericht

Imaginierte Landschaften

Naturen der Nation

Imaginierte Wälder

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Archivmaterialien

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Abbildungsnachweis

„Wodurch unterscheidet sich aber unsere Freiheitsgeschichte

von der Freiheitsgeschichte des Ebers,

wenn sie nur in den Wäldern zu finden ist?

Zudem ist bekannt: Wie man hineinschreit in den Wald,

schallt es heraus aus dem Wald.

Also Friede den teutonischen Urwäldern!“1

(Karl Marx 1843)

Vorwort

Die vorliegende Ideengeschichte des deutschen Waldes wurde im Frühjahr 2015 vom Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin als Dissertation angenommen. Für die Drucklegung erfolgte eine geringfügige Überarbeitung und Kürzung sowie die Ergänzung vor allem rezenter Literatur und der Illustrationen; zudem wurden die Abschnitte Untersuchungsgegenstand/Quellenmaterial und Forschungsstand/Literaturbericht als Anhänge an den Schluss der Arbeit gestellt sowie die Anmerkungen in Endnoten umgewandelt. Dankenswerterweise hat die Wissenschaftliche Buchgesellschaft das Manuskript zur Veröffentlichung akzeptiert und Daniel Zimmermann dort den weiteren Weg bis zur Publikation hilfreich begleitet.

Allen voran möchte ich hier ganz herzlich Prof. Dr. Uwe Puschner (Freie Universität Berlin) danken, der meine historischen Forschungen über die vergangenen Jahre mit nicht nachlassender Zuversicht, zahlreichen Gutachten sowie inhaltlichen Hinweisen begleitet hat. Zudem hat er meine Entscheidung für einen zeitweisen Ausstieg aus dem Berufsleben zugunsten dieser Dissertation vorbehaltlos unterstützt. Prof. Dr. Herfried Münkler (Humboldt-Universität zu Berlin) danke ich ebenso herzlich für seine stets konstruktive Arbeit als Zweitbetreuer und sein fortgesetztes Interesse an meinem auf den ersten Blick für die Politikwissenschaft vielleicht doch etwas randständigen Thema.

Überdies habe ich wiederholt von zahlreichen sachdienlichen Literaturhinweisen profitieren dürfen, wofür ich einigen Kollegen ausdrücklich danken will: für mannigfache Hinweise Dr. Ingo Wiwjorra, daneben ebenso Prof. Dr. Richard Faber, Gregor Hufenreuter, Katja Kaiser, Martin Klement und Thomas Spengler. Dr. Martin Bemmann, Dr. Johannes Leicht und Rainer Schmitz haben mich mit Rat und Tat bezüglich spezifischer Quellen unterstützt, Stephanie Guyaz half mit technischen und meine Schwester Katharina Zechner mit englischen Anregungen. Eva Zimmermann hat bei der Beschaffung und Entzifferung teils fast unlesbaren handschriftlichen Materials unschätzbare Hilfe geleistet.

Der Mühe einer kompletten Lektüre haben sich gleich mehrere Korrekturleser geduldig unterzogen, für deren inhaltliche wie stilistische Anmerkungen ich ihnen aufrichtig danke: Dr. Maja Bächler, Dr. Pasquale de Caprio, Katja Kaiser, Dr. Johannes Leicht, Jana Piňosová, Dr. Arnulf Scriba, Helmut Strauss, Albrecht Wolfmeyer, Dirk Zander, Eva Zimmermann sowie von Anfang an meine Eltern Margarethe und Rudolf Zechner. Für einzelne Kapitel konnte ich zudem auf wertvolle Anregungen von Dr. Astrid Mignon Kirchhof, Anja Kühne, Torsten Lüdtke und Sebastian Schulze zurückgreifen.

Mein Dank für die Gewährung eines dreijährigen Promotionsstipendiums gilt der Heinrich-Böll-Stiftung, deren Mitarbeiterin Gabriele Tellenbach mir darüber hinaus äußerst hilfreich zur Seite stand. Für Reisekostenstipendien danke ich auch dem Centre for Baltic and East European Studies, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, der European Society for Environmental History, der German Studies Association und der International Society for the Study of Religion, Nature, and Culture. Damit hatte ich die Gelegenheit, meine silvanen Thesen und Erkenntnisse vor einem internationalen Fachpublikum gewinnbringend zu präsentieren und zu diskutieren: unter anderem in Cambridge, Helsinki, Kansas City, London, Madison, Malibu, Oxford, Stockholm und Toronto.

Berlin, im November 2015

Johannes Zechner

Einleitung

Ende August 2012 berichteten Fernsehen und Printmedien bundesweit darüber, wie im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen ein junges Eichbäumchen des Nachts durch eine auf halber Höhe angesetzte Säge sein Ende gefunden hatte. Gepflanzt worden war es dort erst einige Tage zuvor, um anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten zum 20. Jahrestag rassistischer Ausschreitungen als Friedenseiche ein Zeichen für Toleranz zu setzen.1 Eine solche mediale Resonanz erzeugte aber nicht die Tatsache der Baumzerstörung an sich, sondern erst das begleitende Bekennerschreiben einer selbsterklärten Arbeitsgruppe Antifaschistischer Fuchsschwanz.

Die anonymen Autoren kritisierten mit Verweis auf während der NS-Zeit gepflanzte Hitlereichen die lange Tradition dieses Baumes als „Symbol für Deutschtümelei und Militarismus“2, in die sich die Rostocker Pflanzaktion gestellt habe. Schon in den Tagen zuvor war die Baumartenwahl in Teilen der Presse kritisiert worden und bei einer Demonstration die Parole Fällt alle deutschen Eichen zu lesen gewesen. Überdies ließ sich ein Bezug zur Fällung einer Hindenburgeiche auf dem Tempelhofer Feld in Berlin herstellen, die Kommunisten wenige Wochen nach deren Pflanzung zum 1. Mai 1933 vorgenommen hatten.3

Als Historiker könnte man es hier damit bewenden lassen, das instrumentelle und dekontextualisierte Geschichtsverständnis eines rituellen Antifaschismus zu konstatieren. Indes sind die beschriebenen Ereignisse für diese Studie ein relevanter Beleg, dass die Eiche noch gegenwärtig eine botanische und sinnbildliche Baumspezies zugleich darstellt.4 Ein solcher bedeutungspolitischer Mehrwert war sowohl Initiatoren als auch Kritikern der kontrovers diskutierten Pflanzaktion geläufig: Während Erstere eine symbolpolitische Umcodierung zum Friedenszeichen vornehmen wollten, betonten Letztere die Beharrungskraft einmal erfolgter Sinnzuschreibungen. Den zugrunde liegenden Bedeutungsebenen von arborealen (baumbezogenen) und silvanen (waldbezogenen) Nationalsymbolen gehen die folgenden Ausführungen nach.

Im Hinblick auf die deutschen Denkbilder und Wahrnehmungen des Waldes ist eine kritische Auseinandersetzung mit deren Herkunft angezeigt.5 Vielschichtige Waldvorstellungen wirken bis in die Gegenwart hinein nicht nur handlungsleitend unter anderem für Förster und Ökologen, sondern beeinflussen zudem – wie am Beispiel der Rostocker Friedenseiche ersichtlich – gesellschaftliche Debatten und politische Entscheidungen. So entstammt etwa das Konzept der Nachhaltigkeit, das momentan mit seinem Ideal eines natürlichen Gleichgewichtes als sustainability die Klimaund Umweltpolitik weltweit dominiert, den Theoriedebatten der deutschen Forstwissenschaft seit dem 18. Jahrhundert.6 Jedoch erfolgt die aktuelle Verwendung vielfach ohne genauere Kenntnis des historischen Kontextes und des damaligen Begriffsverständnisses, das wesentlich auf ein ökonomisches Instrument zur Ressourcen- und Herrschaftssicherung hinwies – statt wie gegenwärtig auf einen ökologischen Handlungsmaßstab.

Die vorliegende Arbeit widmet sich einer von vielen möglichen Geschichten des Waldes: Im Gegensatz zu anderen Veröffentlichungen ist hier explizit nicht die Rede von ökonomischen und ökologischen Funktionen der Waldnatur, kulturellen und sprachlichen Vorstellungswelten der Forstwissenschaft oder Waldwahrnehmungen und -nutzungen der breiten Bevölkerung.7 Vielmehr geht es im Sinne einer Ideengeschichte des Naturalen um die bisher wenig thematisierte Eigenschaft des Waldes als Projektionsfläche für kulturelle und politische Auffassungen, die weit über dessen eigentliche natural-botanische Bedeutungssphäre hinausweisen. Der Schwerpunkt liegt auf den Silvaimaginationen mit patriotischen und nationalen Bedeutungszuschreibungen, die später zunehmend nationalistische, rassistische und antisemitische Argumentationsmuster beinhalteten.

Dabei nimmt sich die Arbeit mit dem weltanschaulichen Werdegang des deutschen Waldes eines geschichtswissenschaftlichen Desiderates an. Akteure, Prozesse und Ziele identitätsstiftender Naturimagination werden in sieben Fallstudien untersucht, die zwischen den romantischen Beginnen um 1800 und dem Ende des nationalsozialistischen Regimes im Jahr 1945 angeordnet sind. Im Fokus stehen zunächst einflussreiche Dichter, Schriftsteller und Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, die mannigfache Verknüpfungen von Silvapoesie und Silvapolitik vornahmen. Darauf aufbauend, analysieren die letzten beiden Hauptkapitel zu Kaiserreich/Weimarer Republik und NS-Regime die Formierung silvapolitischer Denkbewegungen, in denen neben einer Vielzahl von Autoren auch Periodika und Organisationen zur Adaption wie Transformation älterer Waldvorstellungen beitrugen.

Über die genannten Eckdaten 1800 und 1945 hinaus widmet sich ein Prolog der Waldsphäre als naturnahen Chiffre kollektiver Identität zwischen der Antike und dem 18. Jahrhundert, während ein Epilog die Weiterentwicklung deutschen Silvadenkens bis in die westdeutsche Waldsterben-Debatte der 1980er-Jahre hinein thematisiert. Nachgestellt sind der Arbeit zwei Anhänge, die konzeptionelle, theoretische und quellenkritische Ausführungen bieten sowie den Forschungsstand in Form eines Literaturberichtes referieren. Letzterer erschließt zur schärferen Konturierung des Denkbildes deutscher Wald auch, welche imaginierten Landschaften, Nationalnaturen und Wälder in verschiedenen anderen Länderkontexten vor allem der Neuzeit zu beobachten sind.

Durch die gesamte Ideengeschichte des deutschen Waldes sind vielfache Rückgriffe auf waldanschauliche Traditionsbestände erkennbar, die in der Regel ungeachtet der ursprünglichen historischen Kontexte und für eigene tagespolitische Zwecke erfolgten. Da dies insbesondere für die jeweiligen Romantikbilder gilt, erfolgt zu Beginn eine detaillierte Ausarbeitung der um 1800 aufkommenden Denkmuster als Basis der darauf folgenden Analyse auf ihnen gründender Rezeptionen wie Modifikationen. Neben solchen Rückbezügen auf ältere Waldanschauungen finden sich bei den untersuchten Protagonisten ideengeschichtliche Parallelen, etwa in der verbreiteten Vorstellung einer Waldfeindlichkeit von Aufklärung und Revolution oder der von einigen Autoren versuchten Verknüpfung der Nationalnaturen von deutschem Wald und deutschem Rhein.

Die Auswahl der Analysegegenstände orientierte sich für die nur partiell quellenbasierten Abschnitte Prolog und Epilog an den Einschätzungen der Sekundärliteratur, für die Vorgeschichte zusätzlich an den nachherigen Rezeptionen in der Primärliteratur. Die im Detail zu untersuchenden Einzelakteure aus dem 19. Jahrhundert wurden auf Basis der Erwähnungsdichte in populären Anthologien und der Überblicksliteratur bestimmt.8 Dort sind primär folgende Autoren mit eigenen Waldtexten vertreten beziehungsweise als prägend für das zeitgenössische und/oder spätere Silvadenken beschrieben: nach Todesjahren geordnet zuerst Ludwig Tieck (1773–1853), dann Joseph von Eichendorff (1788–1857), Ernst Moritz Arndt (1769–1860) und Jacob Grimm (1785–1863)/Wilhelm Grimm (1786–1859) sowie zuletzt Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897).

Diese das deutsche Walddenken begründenden Akteure teilten Zeiterfahrungen, deren bestimmender historischer Kontext die unmittelbaren und mittelbaren Nachwirkungen der Französischen Revolution von 1789 waren: insbesondere die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806, die weitgehende französische Kontrolle der deutschsprachigen Territorien bis zu den antinapoleonischen Kriegen 1813–1815 sowie schließlich die revolutionären Ereignisse von 1848/1849.9 Zeitnahe silvane Nationalbezüge finden sich zudem unter anderem bei diesen Autoren, die jeweils mit einzelnen Textstellen ergänzend in die Darstellung einfließen: Theodor Körner (1791–1813), Maximilian von Schenkendorf (1783–1817), Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) und Friedrich Rückert (1788–1866).10

Allen Kapiteln stehen ausgewählte kritische Minderheitsäußerungen voran, um nicht den Eindruck eines vollkommen monolithischen Eichenund Walddenkens aufkommen zu lassen. Eine solche Gegenstimme war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts insbesondere Heinrich Heine (1797–1856), daneben August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) und Georg Herwegh (1817–1875). Darüber hinaus konnten für den Zeitraum um 1848 dem riehlschen Walddenken entgegengesetzte Stimmen direkt in die Analyse einbezogen werden, neben Karl Marx (1818–1883) auch damals prominente Autoren wie Ludwig Uhland (1787–1862) und Emil Adolf Roßmäßler (1806–1867). Vor den weiteren Kapiteln stehen in gleicher kontrastierender Absicht Zitate von Kurt Tucholsky (1890–1935), Bertolt Brecht (1898–1956) und Günter Eich (1907–1972).

Die gewählte Herangehensweise ist statt deduktiv explizit quellenzentriert, aber gleichwohl nicht beschränkt werkimmanent.11 Grundlage der Darstellung bildet damit die in Originalschreibweise zitierte Primärliteratur, während die Auseinandersetzung mit der Forschung in den Anmerkungen erfolgt.12 Zum einbezogenen Material gehören neben Gedichten, Märchen, Novellen und Romanen auch publizistische und wissenschaftliche Texte bis hin zu Aktenbeständen, Bildbänden, Filmen und Schulbüchern – im engeren Sinne forstliches Schriftgut findet nur Erwähnung, insofern es silvapolitische Zuschreibungen erkennen lässt. Als Gradmesser für die Resonanz der jeweiligen Waldvorstellungen dient deren Rezeption bei zeitgenössischen oder späteren Autoren, da quantitative Reichweitenanalysen mangels belastbaren Datenmaterials nicht möglich waren.

Mit der eingehenden Untersuchung des Denkbildes deutscher Wald leistet die vorliegende Studie einen Beitrag zur disziplinübergreifenden Ideengeschichte des Naturalen, die sich denmannigfachen ideellen Bedeutungsebenen von Natur und ihrem Einfluss auf Gesellschaft wie Politik widmet. Folgende Fragen stehen im Fokus des Forschungsinteresses: Wie begründeten deutschsprachige Poeten, Philologen, Publizisten und Propagandisten im 19. und 20. Jahrhundert kollektive Identität in einer vorgestellten Waldnatur? Welche historischen Kontexte beeinflussten jeweils die Konjunkturen dieses Denkens? Welche gesellschaftliche und politische Ordnung sollte die Berufung auf den Wald legitimieren? Welche Textgattungen und Publikationsformen dienten zur Verbreitung dieser Waldanschauungen? Und schließlich: Welche Affinitäten, Korrelationen und Divergenzen bestanden zwischen real existierender und kulturell imaginierter Natur?

Prolog:

Die Römer im deutschen Wald

Heimkehr der Deutschen aus der Schlacht im Teutoburger Walde. Holzstich, 1890, nach einem Gemälde von Paul Thumann.

„Das ist der Teutoburger Wald,

Den Tacitus beschrieben,

Das ist der klassische Morast,

Wo Varus stecken geblieben.

Hier schlug ihn der Cheruskerfürst,

Der Hermann, der edle Recke;

Die deutsche Nazionalität,

Sie siegte in diesem Drecke.“

(Heinrich Heine 1844)1

Waldbewohner und Waldkrieger

Es waren einmal unendliche germanische Wälder. Zumindest war dies die – zugegebenermaßen mediterrane – Perspektive des römischen Feldherrn, Staatsmannes und Schriftstellers Gaius Julius Caesar (100–44 v. d. Z.) in seinem berühmten Werk De bello Gallico (ca. 51/52 v. d. Z.). Wie ihm mündliche Quellen berichtet oder wohl eher spätere Bearbeiter eingefügt hatten, seien im Gegensatz zu großen Teilen des Imperium Romanum weite Bereiche Mitteleuropas östlich des Rheines dicht mit Wald bedeckt und nahezu unwegsam.2 Die Ausdehnung etwa des „Hercynischen Waldes“3 an der Nordgrenze der in römischen Augen zivilisierten Welt sei so umfangreich, dass seine Durchquerung zu Fuß selbst schnellen Schrittes mindestens neun Tage in Anspruch nehme. In dem Waldgebiet könne man insgesamt zwei Monate unterwegs sein, ohne je aus ihm herauszukommen. Es reichte gemäß den eher ungenauen antiken Angaben ungefähr von den Quellen des Rheines bis in die Karpaten hinein und umfasste nach gegenwärtiger Namensgebung unter anderem Böhmerwald, Odenwald, Schwarzwald und Thüringer Wald.4

In diesen fast undurchdringlichen Wäldern Germaniens lebten nach Caesar kriegerische Germanenstämme ein züchtiges und bescheidenes Leben der Gastfreundschaft und Tapferkeit, in dem die Jagd weit wichtiger schien als die Landwirtschaft.5 Es war auch die Rede von der Wald- und Sumpfnatur als Zufluchtsort in kriegerischen Auseinandersetzungen – jedoch auf gallische statt auf germanische Kämpfer bezogen.6 Schließlich beschrieb Caesar recht fantasievoll die angeblich im weiten Wald lebenden wilden und gefährlichen Kreaturen, „die man sonst noch nirgends gesehen hat“7. Diese wirkten so ganz anders als die zahmen Tiere der pastoralen Halbinsel Italien und waren etwa eine Art Einhorn mit großem und verzweigtem Gehörn; eine dem Elch ähnliche Spezies, die aufgrund fehlender Kniegelenke an Bäume angelehnt schlafe und so eine leichte Beute für Jäger darstelle; zuletzt ein grimmiger Auerochse von der annähernden Größe eines Elefanten.

Auch der römische Historiker und Naturforscher Gaius Plinius Secundus Maior (23–79) zeigte sich mehr als ein Jahrhundert darauf fasziniert von den Bäumen des Nordens. Zwar war er wahrscheinlich ebenso wie Caesar zumindest mit den Grenzregionen Germaniens aus eigener Anschauung vertraut, nicht aber mit den großen Wäldern im Landesinneren.8 In seinen umfangreichen Naturalis historiae (ca. 77) berichtete er beeindruckt, dass hallenartige Wälder mit Ausnahme der Küstenregionen „das ganze übrige Germanien“9 bedeckten und durch ihren Schattenwurf zum dortigen kalten Klima beitrügen. Ferner betonte er die „ungeheure Größe der Eichen im hercynischen Wald“10, die dort seit Anbeginn der Welt mächtig und unberührt stünden. Während deren urweltliche Wurzeln Durchlässe für ganze Reiterabteilungen böten, gefährdeten entwurzelte Eichen auf dem Meer sogar vorbeifahrende Schiffe.11 Beiläufig verwies Plinius noch auf als Kultorte genutzte „Eichenhaine“12 allerdings gallischer Druiden, denen die Bäume und die auf ihnen wachsenden Misteln gleichermaßen heilig seien.

Etwa 20 Jahre später beschrieb ein weiterer römischer Autor die dunklenWälder fern der Heimat, wobei er sich für Fauna, Flora und Klima vielfach auf die Naturgeschichte des Plinius bezog. Publius Cornelius Tacitus (ca. 55–120), der im Gegensatz zu Caesar oder Plinius keine persönlichen Kenntnisse der germanischen Gebiete besaß, widmete deren Bewohnern eine eigene Schrift unter dem vermutlich postumen Titel Germania (ca. 98).13 Das scheinbar gänzlich unitalienische Landschaftsbild charakterisierte er mit deutlicher Abscheu als „entweder durch seine Wälder grauenerregend oder durch seine Sümpfe gräßlich“14. Die karge Umwelt und das harte Klima formten Tacitus zufolge die Sitten der dort lebenden Krieger, die er als massiv gebaut, hellhaarig und blauäugig beschrieb. Als Grund für deren autochthonen Ursprung und ethnische Reinheit nahm er an, dass nach Germanien „mit seinen häßlichen Landschaften, dem rauhen Klima, dem trostlosen Äußeren“15 schlichtweg kein Fremder freiwillig ziehen wolle.

Gemäß Tacitus lebten die Germanen anstatt in einer Großstadt wie Rom als Kinder der Natur inmitten der Wälder, darunter wie schon bei Caesar ein ausgedehnter herkynischer Wald.16 Ebenso würden sie ihre uralten Götter statt in steinernen Tempeln in einem „durch Weihen der Väter und durch uralte fromme Scheu heiligen Hain“17 verehren, wo sie darüber hinaus Kriegs- und Siegeszeichen aufbewahrten sowie Menschen opferten. Kontrastierend zum griechischen oder römischen Pantheon sei es mit dem germanischen Glauben „unvereinbar, Götter in Wände einzuschließen“18.

In seinem umfangreichen Geschichtswerk Annales (ca. 110–120) berichtete Tacitus unter anderem über die römischen Nordfeldzüge in den Jahren 14 bis 16. Als wichtigen Faktor bei den Kampfhandlungen benannte er ausdrücklich „die finsteren Waldtäler“, „das hinderliche Walddickicht“ und die „Wälder und Sümpfe“ des betreffenden Gebietes.19 Diese Naturgegebenheiten hätten zugunsten der germanischen Krieger und gegen die Armeen Roms gewirkt, was die angestrebte Befriedung der Grenzregion entlang des Rheines zu einem schwierigen Unterfangen gemacht habe.

Rückblickend auf das Jahr 9 erwähnte Tacitus recht knapp die später legendär gewordene Schlacht in einem „Teutoburger Wald“20, ein mehrtägiges Gefecht zwischen germanischen Stämmen und römischen Truppen. Unvertraut mit dem unwegsamem Sumpf- und Waldgelände auf dem Territorium des gegenwärtigen Norddeutschland, habe der kommandierende Feldherr Publius Quinctilius Varus (46 v. d. Z.–9) drei ihm unterstellte Legionen, deren Feldzeichen und letzten Endes auch das eigene Leben verloren.21 Aus imperialer Perspektive bezeichnete Tacitus den siegreichen Anführer des Aufstandes als „Aufwiegler Germaniens“22: Dies galt dem Heerführer Arminius (ca. 17 v. d. Z.–21), der Jahrhunderte später im deutschen Sprachraum unter dem Namen Hermann der Cherusker bekannt wurde. Die im Fortgang der Schrift geäußerte Einschätzung, der Cherusker sei „unstreitig der Befreier Germaniens“23 von der Weltmacht Rom gewesen, sollte sich neben der behaupteten Waldherkunft der Germanen als ideengeschichtlich folgenschwer erweisen.

Waldherkunft und Waldklischee

Nach der Wiederentdeckung der beiden taciteischen Schriften zur Mitte des 15. beziehungsweise zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurden sie zuerst von italienischen Autoren als Beleg germanischer – und intendiert auch deutscher – Kulturlosigkeit verwendet.24 Demgegenüber verstanden protonationale deutschsprachige Humanisten die antiken Schilderungen mehr und mehr als Geschichtsbuch und Identitätsdokument zugleich.25 Da sie die Deutschen ihrer Gegenwart als in direkter Kulturkontinuität stehende Nachfahren der Germanen begriffen, verorteten sie ihre vorgeschichtlichen Ursprünge rückblickend im Herkynischen Wald und im Teutoburger Wald.26 Besonders einflussreich war darin der humanistische Gelehrte Conrad Celtis (1459–1508), mit dem die eigentliche Tacitus-Rezeption nördlich der Alpen einsetzte. Sein Werk Germania generalis (ca. 1500) begriff er ausdrücklich als Ergänzung und Kommentar zur Schrift des von ihm bewunderten römischen Schriftstellers, weshalb er die beiden Texte zusammen in einem Band erscheinen ließ.

In unkritischer Nachfolge der vagen Angaben antiker Autoren nahm Celtis an, dass uralte Wälder einst fast ganz Germanien bedeckt und als unerschöpfliche Reviere für die Jagd auf Eber, Hirsche und Bären gedient hätten. Gleichermaßen hob er wie seinerzeit Tacitus die religiöse Bedeutung der Baumnatur hervor und schilderte „unermeßlich große Haine voll bejahrter Eichen, die nach Religion und alter Sitte als heilig verehrt werden“27. Großen Wert legte er auf die Behauptung, die beschriebenen Regionen im Gegensatz zu seinen römischen Gewährsleuten alle selbst durchwandert statt nur in der Literatur studiert zu haben. Ein solches Motiv der authentischen Naturaneignung zu Fuß sollte sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit unter anderen bei Tieck, Eichendorff, Arndt und Riehl erfreuen.

Celtis zufolge umfassten die weiten herkynischen Wälder der Mittelgebirgsregionen praktisch „das ganze Land“28, sodass er ihnen als Inbegriff und Symbol der Heimat den mit Abstand größten Abschnitt seines Textes widmete. Dabei griff er auf ein etabliertes silvanes Motiv zurück, das schon in seiner einige Jahre zuvor erschienenen Stadtbeschreibung Norimberga (1495) Thema eines längeren Exkurses gewesen war.29 Auch einige seiner Gedichte verklärten dementsprechend eine in der wilden Sumpf- und Waldnatur begründete germanische Sittlichkeit, die einer römischen Dekadenz und Luxussucht aus dem Geiste der imperialen Weltstadt kontrastierte.30 Schon bald nach Celtis’ Tod fanden seine selektiven Germania-Interpretationen Aufnahme in den humanistischen Kanon und wirkten auch in ihren silvanen Bezügen vielfach bewusstseinsprägend weiter.31

Eine derartig (national)politisch inspirierte Interpretation ignorierte jedoch weitgehend die Kontexte der antiken Schriften, die unterschiedlichen Werkgattungen zwischen Ethnographie und Naturgeschichte entstammten und an ein römisches Publikum gerichtet waren. Wieder und wieder wurden einige wenige kurze und für die jeweiligen Zwecke geeignete Textstellen vor allem bei Tacitus zitiert, um eine idealisierte germanische Vergangenheit einer weit weniger glorreichen Gegenwart positiv gegenüberzustellen. Angesichts der germanischen Schriftlosigkeit mussten ironischerweise ausgerechnet Werke in der damaligen Gelehrtensprache Latein helfen, eine deutsche Identität zu begründen. Allerdings übersahen die philologisch geschulten Humanisten in ihrer unkritischen Germania-Lektüre unter anderem, dass die Naturwahrnehmung der römischen Beobachter unvermeidlich von den Vergleichsmaßstäben ihrer weit weniger bewaldeten Heimat geprägt gewesen war. Infolgedessen waren die Schilderungen einer fast durchgängigen Bewaldung Germaniens bei Caesar, Plinius und Tacitus notwendigerweise alles andere als objektiv und hätten einer intensiven Quellenkritik bedurft.

So machten die antiken Autoren fast keine retrospektiv überprüfbaren Detailangaben zu Baumartenverteilungen oder Waldstandorten und ihre Schilderungen entsprachen keineswegs der damaligen landschaftlichen Situation Germaniens.32 Statt von ununterbrochenem Urwald war diese tatsächlich von einem über die Zeiten variablen Mischverhältnis aus Waldflächen, Siedlungsgebieten, Heide- und Moorarealen sowie Ackerland bestimmt.33 Zwar erweist sich die exakte Bestimmung des tatsächlichen Baumbestandes nachträglich als kaum mehr möglich, aber es liegen zumindest forstgeschichtliche Schätzwerte vor. Demgemäß belief sich der vermutliche Bewaldungsgrad noch zu Beginn des Mittelalters auf zwei Drittel bis drei Viertel des zentraleuropäischen Territoriums, mit einem tendenziellen Schwerpunkt in den bergigeren und südlicher gelegenen Regionen.34 Der Anteil des Laubmischwaldes war gegenüber den Nadelbäumen wesentlich höher als zu späteren Zeiten, was vor allem die flacheren Lagen und das westliche Gebiet betraf.

Überdies lassen sich in den Beschreibungen wilder waldgeborener Germanen eine ganze Reihe klassischer Barbaren-Stereotype nachweisen, wie sie in der antiken ethnographischen Literatur etwa über die Kelten oder Skythen ebenfalls gängig waren.35 Wenn römische Autoren aus der Perspektive des Südens unzivilisierte und damit unverdorbene Völker beschrieben, behaupteten sie insbesondere für den Norden oft einen klimatheoretischen Zusammenhang zwischen einer ungebändigten Umwelt und einem ebensolchen Kollektivcharakter. Üblicherweise verwiesen sie daneben auf die Verehrung von Naturobjekten wie Felsen, Quellen oder Wäldern anstelle olympischer Götter sowie auf die Ausübung der entsprechenden Kulthandlungen unter freiem Himmel statt zwischen Tempelwänden.

Dieser literarischen Tradition zufolge lebten die Barbaren grundsätzlich naturnah zwischen Bergen, Sümpfen und Wäldern, die im Kriegsfall durch ihre Undurchdringlichkeit als Fluchtraum vor den römischen Truppen fungieren konnten. In politischer Hinsicht sollte eine möglichst dramatisierende Beschreibung solcher wilder Landschaften und Menschengruppen dazu dienen, entweder im Falle eines Sieges die eigene Tapferkeit hervorzuheben oder nach einer Niederlage diese zu entschuldigen.36 Doch verraten die Tugendklischees des Autochthonen und Unvermischten, Gastfreundlichen und Kriegerischen, Naturgläubigen und Ursprünglichen wesentlich mehr über die Beschreibenden selbst als über die von ihnen Beschriebenen. So gerieten Bäume und Wälder zunächst im Fremdbild der römischen Ethnographen zu ambivalenten Symbolen des Germanentums, ehe diese Charakterisierung von den Beschriebenen als positiv gewendete Eigensicht übernommen wurde.

Waldschlachten unter germanischen Eichen

Fast drei Jahrhunderte nach den Humanisten fügte der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) dem silvanen Denkbild eine neue Bedeutungsebene hinzu, indem er eine spezifische Baumart als Verkörperung germanisch-deutschen Wesens feierte.37 In Oden wie Der Hügel, und der Hain (1767) verherrlichte er die Eiche und ihre Blätter, die er zunehmend als authentischer für eine genuin vaterländische Poesie verstand als den traditionellen Lorbeer der griechischen Mythologie – ebenso, wie er den germanischen Gott Wodan und „Teutoniens Hain“38 dem Göttervater Zeus und dem Musenhügel Parnass vorzog. Die Haine hatten als Aufenthalt wie Inspiration der Barden, Quelle der Freiheit und Symbol des Vaterlandes zentrale Bedeutung in Klopstocks Mythenkonzeption, insofern sie die Sphären von Dichtung, Natur und Geschichte verbanden. Seine Ode Thuiskon (1764) etwa glorifizierte den mythischen Stammvater der Germanen im eichenbestandenen „Haine der Barden“39. Die Verse von Mein Vaterland (1768) verglichen die Heimat mit einem unvergänglichen Hain voller Kühle und Schatten.40 In dem Gedicht Mein Wäldchen (1778) griff der Dichter das silvane Thema erneut auf, als er einen ihm zum Geschenk gemachten Eichenbestand lobend beschrieb.41

Auch in seinem nichtlyrischen Werk nutzte Klopstock die hohe Symbolkraft der Eichen, etwa in seinem staatspolitischen Text Die deutsche Gelehrtenrepublik (1774). Angelegt als literarischer Entwurf einer mustergültigen Gemeinschaftsorganisation, diente in diesem Text das Laub des Baumes unter anderem als Auszeichnung für Entdecker und begabte Jünglinge sowie für freigelassene Knechte.42 Hingegen stehe das Freiheitszeichen des Eichenkranzes zum Beispiel den römischen Unterjochern nicht zu, weil dieser nur „den deutschen Charakter vorzüglich gut abbildet“43 – vergleichbar sollte später Arndt argumentieren. Eine solche Idee natürlicher altgermanischer Freiheit im Sinne Montesquieus konnte aber auch als versteckte Kritik an den deutschen Fürsten gelesen werden, zumal Klopstock später zeitweilig Ideen der Französischen Revolution vertrat.44Die ständisch gegliederten Versammlungen des beratenden Landtages sollten im „Schatten deutscher Haine“45 als den ehemaligen Aufenthaltsorten der Götter stattfinden, wohingegen fremde Besucher dem Geschehen nur aus Ahornlauben folgen dürften. Unter die Zeichen vergangener Größe mit patriotischer Inspirationskraft für die Gegenwart rechnete er die deutsche Sprache, die nach ihren wilden Waldanfängen durch die wortmächtige luthersche Bibelübersetzung „zum Haine gemacht“46 worden sei. Als konkrete Gedenkorte nannte Klopstock neben dem hercynischen Wald vor allem die Teutoburg, wo der „Befreyer Deutschlands“47 in Gestalt Hermanns des Cheruskers gewirkt habe – bis hin zur Wortwahl ein direkter Verweis auf die Schriften des Tacitus mitsamt ihren Waldbezügen.

Eine zentrale Rolle für den teutonischen Eichen- und Hainkult Klopstocks spielte nicht nur in diesem Text die intensive Auseinandersetzung mit Arminius, der ihm als republikanischer Freiheitskämpfer und naturnaher Volksheld zugleich galt. Der Dichter hatte sich ab den 1750er-Jahren verstärkt mit Identitätsfragen beschäftigt und wiederholt die patriotisch nützliche Heldenfigur des Cheruskers aufgegriffen.48 So war schon seine frühe Ode Hermann und Thusnelda (1752) diesem historisch-literarischen Motiv gewidmet gewesen.49 Auch in Hermann (1767) bezeichnete Klopstock den Heroen bei fast wortgetreuer Anspielung auf Tacitus als „Befreyer des Vaterlands“50 vom römischen Joch.

Bereits zwei Jahre später erschien das Bühnenstück Hermanns Schlacht (1769), das über weite Teile in „Deutschen Hainen“51 spielte. Dort ließ Klopstock einen Hauptmann der Chatten die cheruskischen Krieger bewundernd als naturgleich „wie die Eiche eingewurzelt“52 beschreiben. Weitergehend verglich ein Chor gleich zweimal das geliebte Vaterland in einer einprägsamen Verknüpfung nationaler und naturaler Kategorien mit der „höchsten, ältesten, heiligsten Eiche“53 des Haines. Nach glücklichem Ende der Schlacht diente Eichenlaub als Schmuck für die tapferen Sieger, während die erbeuteten Feldzeichen an Eichenstämmen ihren Platz und die germanischen Gefallenen im Eichenschatten ihre letzte Ruhe fanden.54 Klopstock selbst sollte dann aber unter einer Linde begraben werden, obgleich er doch in so vielen Texten der Eiche dramatisch und lyrisch gehuldigt hatte.55

In seiner literarischen Eichenverehrung war Klopstock entscheidend durch die vorangegangenen Bemühungen Daniel Caspar von Lohensteins (1635–1683) geprägt. Dessen mehrtausendseitiges und viel gelesenes Werk Großmüthiger Feldherr Arminius (1689/1690) war postum erschienen und bezog sich wesentlich auf die Annales des Tacitus als historische Quelle.56 In seinen Anmerkungen erörterte der Dichter auch ausführlich die kultische Bedeutung einzelner Bäume und kamdabei zu dem Schluss, „nirgends aber wurden die Eichen heiliger verehret, als in Deutschland von den Druyden“57 – allerdings verstand er aus Unkenntnis das Druidentum fälschlicherweise als germanisches statt als keltisches Phänomen. Lohenstein unternahm aus tagespolitischen Interessen heraus einen Feindbildtransfer von den antiken Römern hin zu den zeitgenössischen Franzosen, von der externen Bedrohung durch den römischen Feldherrn Varus zu der internen durch Hermanns als abtrünnig beschriebenen Bruder Flavus.58 In dem Stück übertrugen seine Anhänger dem Fürsten Hermann unter heiligen Hainbäumen feierlich die Befehlshaberschaft, an anderer Stelle war eine Eiche von der folgenden patriotischen Inschrift geschmückt: „Ich vertrage keine Einpropfung. Wodurch nichts anders angedeutet ward; denn daß die deutsche Freyheit keiner frembden Herrschaft unterlegen wäre.“59

Klopstock hatte im Rahmen der Vorarbeiten für seine Version des Hermann-Stoffes neben Lohenstein die grundlegenden römischen Werke von Caesar, Plinius und Tacitus eingehend studiert. Letzterem erwies er die besondere Ehre, als einführendes Motto ein längeres Zitat aus den Annales über die fortgesetzte Erfolglosigkeit der Römer im Kampf gegen die Tapferkeit der Germanen zu wählen.60 Als Ort der Schlacht nahm der am Rande des Harzes geborene Dichter eine Stelle in der Nähe des dortigen Berges Roßtrappe an, nicht die lippische Gegend um Detmold.61 Das von Klopstock als Bardiet bezeichnete Bühnenstück kam zu seinen Lebzeiten nicht auf die Bühne, die Uraufführung sollte erst 1907, mehr als ein Jahrhundert nach seinem Tod, stattfinden. Als Lesestoff hingegen erfuhr es zeitgenössisch beim gebildeten Publikum wie vor allem bei Dichterkollegen großes Interesse.62

Weniger erfolgreich waren indes die Folgestücke der Trilogie, in denen Klopstock seine Barden wieder ausgiebig Kriegs- und Trauerlieder unter Eichenhainen singen ließ.63Hermann und die Fürsten (1784) handelte von den Anstrengungen des Heerführers, gegen Widerstand in den eigenen Reihen die Römer zu einer „Waldschlacht“64 zu zwingen und letztendlich mithilfe der Naturverhältnisse zu besiegen. Erst nach der erfolgreichen Vertreibung der römischen Besatzungsmacht aus „Deutschlands Wäldern“65 könnten die Eichen von Neuem in harmonischem Einklang mit den Menschen wachsen und gedeihen. Noch weit stärker als im ersten Stück erschienen die freiheitsliebenden Cherusker nun – von einem Chor besungen – als „der Haine Volk“66, das nur durch diesen Naturrückhalt anders als etwa die Gallier noch nicht unterjocht sei. In Hermanns Tod (1787) ließ der Dichter den Helden selbst kurz vor dessen Tod noch einmal wehmütig „die Haine Deutschlands“ und „Thuiskons Eiche“ beschwören.67Historisch beruhten beide Stoffe wesentlich auf den Annales des „unpartheyischen edlen Tacitus“68, worauf Klopstock in den Anmerkungen eigens hinwies.

Eine ganz besondere Rezeption sollten dieses Eichen- und Haindenken in der Dichtergemeinschaft des Göttinger Hainbundes zeitigen.69 Gemeinsam war den jungen Bündlern und dem älteren Klopstock die weitgehend deckungsgleiche Verwendung von Hain und Wald, wie sie bis Ende des 18. Jahrhunderts der literarischen Konvention entsprach. Aber während noch die Renaissancedichter die Naturlandschaft Wald als Synonym für den Kultort Hain benutzt hatten, zeigte sich nun schon die umgekehrte Bedeutungsbeziehung. Der Bund hatte sich 1772 in einer Hermannsnacht unter alten Eichen zusammengeschlossen, bekränzt mit Eichenlaub und verweisend auf seinen geistigen Schirmherrn Klopstock. Diesem gegenüber beschrieben die Teilnehmer rückblickend eine Gründungsszene, „da die Eichen rauschten, die Herzen zitterten, der Mond uns strahlender ward, und Bund für Gott, Freiheit und Vaterland in unserm Kuß, und Handschlag glühte“70 – in einem solchen Pathos des Freundschaftskultes schienen Baumwelt und Heimatland nahtlos ineinander überzugehen.

Demnach existierten im ideengeschichtlichen Gedankenhaushalt bereits verschiedene Verknüpfungen zwischen natürlichen Wäldern und nationaler Identität, als einige der Romantik zugerechnete Dichter und Denker um 1800 ihr Werk begannen. Da die zeitgenössischen Wälder der musikalischen und visuellen Imagination bereits vergleichsweise ausführliche Beachtung in der Forschung fanden, konzentrieren sich die nächsten vier Kapitel auf die textliche Sphäre.71 Alle imaginierten Baumlandschaften dieser Zeit waren weit weniger von den forstlichen Realitäten geprägt als von den historischen und politischen Kontexten der Französischen Revolution von 1789, in deren Konsequenz sich auch östlich des Rheines die politischen, staatlichen und territorialen Verhältnisse teils grundlegend veränderten.72 Bestimmende Ereignisse waren vor allem das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806, die französische Besetzung oder Beeinflussung der meisten deutschsprachigen Gebiete sowie die antinapoleonischen Kriege von 1813 bis 1815, die die Souveränität dieser Territorien wiederherstellten.73 Einmal angestoßene Debatten über Fragen kollektiver Identität blieben freilich nach Ende der militärischen Auseinandersetzungen noch über Jahrzehnte virulent, was den weltanschaulichen Werdegang des deutschen Waldes überhaupt erst begründete und in der Folge wesentlich begünstigte.

Waldeinsamkeit.

Die Sehnsuchtswälder Ludwig Tiecks

Die Heilige Genoveva von Brabant in der Waldeinsamkeit. Gemälde von Ludwig Richter, 1839/1841, Hamburger Kunsthalle.

„O könnt’ ich schlafen und träumen

In Waldeseinsamkeit,

Und dort mit den alten Bäumen

Nichts hören von unserer Zeit!

Nichts hören von Ehren und Schanden,

Von Ordnung und rettender That,

Von Kerkern, Ketten und Banden,

Von Standrecht und Hochverrrath!“

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1851)1

Ludwig Tieck (1773–1853) war zeitweise so literarisch einflussreich wie viel gelesen.2 Seine Werke entfalteten eine „weitreichende Wirkung auf die Literatur und Kunst der deutschen Romantik und des 19. Jahrhunderts“3. Als der Frühromantik zugerechneter Autor war Tieck mit seinen Gedichten, Märchen und Novellen zeitlebens einer der „meistgelesenen Autoren“, seine schriftstellerische Wirkung wurde „höchstens von der Goethes, Schillers und Jean Pauls übertroffen“.4 Im Vergleich zu dieser zeitgenössischen Popularität bei Leser- und Autorenschaft zeigte die Literaturwissenschaft in den vergangenen knapp zwei Jahrhunderten nicht durchgängig Interesse an den Schriften Tiecks.5 Weil er aufgrund seiner ökonomisch prekären Existenz als freier Schriftsteller zum Vielschreiben angehalten war, finden sich in seinem umfangreichen Gesamtwerk Texte höchst unterschiedlicher thematischer Dichte und literarischer Qualität.

Tieck ist für die vorliegende Studie insofern von großer Bedeutung, als er älteren Stimmen der Forschung in bisweilen emphatischen Formulierungen als Begründer der „ersten eigentlichsten Waldlyrik“ und „Schöpfer des romantischen Waldes“ gilt.6 Die folgenden Ausführungen untersuchen daher seinen Beitrag zur umfänglichen Poetisierung und partiellen Politisierung der deutschen Baumnatur. Nach einer Skizze seines politischen und nationalen Denkens als Werkkontext gilt es zunächst, Tiecks grundlegendes Verständnis von Natur und Landschaft darzustellen. Daran anknüpfend, wendet sich das Interesse seiner später oft zitierten und missverstandenen Wortprägung der Waldeinsamkeit zu, auf die er wiederholt in abgewandelter Form zur Charakterisierung von Naturkonstellationen zurückgriff. Hiernach wird das naturnahe Frühwerk Franz Sternbald’s Wanderungen diskutiert, in dem überwiegend positive Facetten der literarischen Waldgestaltung zu beobachten sind. Es folgt die Analyse der vielfältigen tieckschen Silvapoesie in ausgewählten Gedichten und Stücken, bevor abschließend spezifisch politische und patriotische Aspekte des Waldes herausgestellt werden.

Gefühlspolitik und Nationalliteratur

Tieck war in politischer Hinsicht auch nach eigenem Verständnis kein stringenter Theoretiker, was ihn mit der Mehrzahl der romantisch inspirierten Dichter verbindet.7 Doch finden sich bei ihm Äußerungen zu gesellschaftlichen und politischen Themen: eindeutiger in biographischen Dokumenten, verschlüsselter in literarischen Werken. Seine entsprechenden Bemerkungen stellten aber kaum eine explizite Missbilligung existierender Macht- und Staatsverhältnisse dar. Er benannte durchaus kritikwürdige Zustände, aber konkrete Ursachen von und mögliche Alternativen zu beobachteten Fehlentwicklungen blieben weitgehend ausgeblendet.

Der junge Tieck äußerte emphatische Zustimmung zu den Anfängen der Französischen Revolution und verstand sie als Vorbild für die anderen europäischen Staaten. 1792 wünschte er in einem Brief sehnlichst, selbst Franzose zu sein und unter Einsatz seines Lebens für die revolutionären Ideale kämpfen zu dürfen.8 Noch bis 1795 lobte er die im revolutionären Frankreich vorgenommene Beseitigung traditioneller Adelsprivilegien, wenngleich die gewaltsame Entwicklung der Revolution seinen Enthusiasmus schon hatte abkühlen lassen.9

Selbst in Tiecks Veröffentlichungen aus der patriotischen Zeit nach 1800 lassen sich nur wenige explizite Stellungnahmen zur Tagespolitik ausmachen. Es finden sich aber in seinen Märchenbearbeitungen anspielungsreiche Verweise auf die Ereignisse und Folgen der von ihm anfangs unterstützten Französischen Revolution – so etwa der Einsatz der politischen Symbolfarbe Rot in seiner Version des traditionsreichen Rotkäppchen-Motivs nach einer französischsprachigen Quelle. Nach dem Ende der antinapoleonischen Kriege 1815 kritisierte der Schriftsteller die burschenschaftliche Richtung der Nationalbewegung genauso entschieden wie ihre katholisch-mittelalterliche Strömung.10 Mit fortschreitender Zeit wurde indes aus dem ehemaligen Sympathisanten der Revolution immer mehr ein Unterstützer des monarchischen Systems in Preußen. Wenngleich Tieck einzelne Herrschaftspraktiken wie die für ihn übertriebene Zensurpolitik verurteilte, lehnte er die Revolution von 1848/1849 und das Paulskirchenparlament entschieden ab.11

Tiecks Verhältnis zur Bewegung der Aufklärung war komplex: Einerseits fanden seine Erziehung wie auch seine ersten Veröffentlichungen in deren geistigem Berliner Umkreis statt, andererseits bemühte er sich mit den Jahren um wachsenden Abstand.12 Hierin wandte er sich in bisweilen deutlicher Überzeichnung vor allem gegen die Vertreter der zweiten Generation, denen er antikonfessionelle Intoleranz und blinde Fortschrittsgläubigkeit vorwarf. Eine wichtige Frage war in diesem Zusammenhang die nach dem kulturellen und literarischen Wert von Volksbüchern und Volksmärchen.13 Während einige Aufklärer solche Texte als Belege irrationalen und somit überholten Aberglaubens abtaten, sah Tieck sie nach anfänglicher Skepsis zunehmend als bewahrenswerte und wiederzubelebende Dokumente der deutschen Volksüberlieferung.

Ein ganz besonders widersprüchliches Themenfeld stellt auch im Falle Tiecks dessen Verhältnis zur Stadt dar. Die nachhaltige Paradoxie bestand im kaum glaubwürdig aufzulösenden Gegensatz zwischen dem tatsächlichen Stadtleben und einer ersehnten Stadtflucht.14 Viele der tieckschen Figuren wie etwa der Sternbald praktizierten den Rückzug in die scheinbar unberührte Natur, wo Berge wie Wälder als metaphorisches Gegenbild zu den empfundenen Zumutungen von Beruf und Geschäft dienten. Allerdings war der Autor dieser Figuren gebürtiger Berliner, fast lebenslang Stadtbewohner und der städtische Lebensraum Handlungsort in vielen seiner Werke. Für Tieck selbst war die Stadt wie für viele frühromantisch geprägte Dichter ein überwiegend positiv besetzter Begriff für Geselligkeit und Kommunikation, während er gleichzeitig die Provinzstädte als kulturell uninteressant verachtete. Seine Berufstätigkeit versah Tieck überwiegend in größeren Residenzstädten wie Berlin, Dresden undMünchen, nicht in der poetisch oft beschworenen Umgebung ländlicher Waldidylle – wie auch, auf den gesamten Untersuchungszeitraum bezogen, die überwiegende Mehrheit der Protagonisten deutschen Walddenkens stadtbasiert war.

Tieck begann 1793 auf einer gemeinsammit seinem Freund Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773–1798) unternommenen Frankenreise, sich unter dem Eindruck der besichtigten Burgen und Klöster intensiver mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Ab 1801 bekannte er sich zu einer Denkschule, die die ältere deutsche und nordische Literatur als ideales Medium nationaler Selbstvergewisserung sah. Dies geschah vor allem unter dem weiteren Einfluss des befreundeten Philologen und Schriftstellers Friedrich Schlegel (1772–1829). Tieck lehnte jedoch im Gegensatz zu vielen seiner Generationsgenossen allzu schlichte Instrumentalisierungen der Überlieferung zugunsten tagespolitischer Ziele ab. Auch ignorierte er andere Literaturen aus dem indoeuropäischen Kulturkreis keineswegs und erstellte etwa Übersetzungen aus dem Englischen und Spanischen.

Im Zuge eines intensiven Quellenstudiums plante Tieck bis 1815 mehrere Texteditionen, die Geschichten, Lieder, Märchen und Sagen aus dem vermeintlichen Urgrund der Volkskultur enthalten sollten. Erschwingliche Volksausgaben würden – so seine Hoffnung – eine kulturelle Erneuerung aus dem Geiste der Poesie voranbringen im wiederholten Verweis auf die dort gesehenen Tugenden von deutscher Ehre, Eigentümlichkeit und Treue. Der Dichter sah in solchen Texten ein Überbleibsel glorreicher Vergangenheit und ein Traditionsreservoir für die Deutschen seiner Gegenwart, die entlang der Konfliktlinien von dynastischer Loyalität, konfessioneller Zugehörigkeit und politischem Bekenntnis gespalten waren.

Allerdings boten Tiecks Editionsprojekt anders als beispielsweise das zeitgleiche Werk Des Knaben Wunderhorn Achim von Arnims (1781–1831) und Clemens Brentanos (1778–1842), weit weniger Anknüpfungspunkte für rein national inspirierte Rezeptionen, da sie vorrangig ästhetisch-literarisch angelegt waren.15 Bedingt durch mangelhafte Finanzierung und Planung wurden allein die Minnelieder aus dem Schwäbischen Zeitalter (1803) tatsächlich veröffentlicht, Editionen des als deutsches Nationalepos geltenden Nibelungenliedes sowie eines ritterlichen Heldenbuches kamen über die jeweilige Projektphase nicht hinaus.16 Seine im gleichen Zeitraum entstandenen Märchenbearbeitungen idealisierten eine harmonisch-ländliche Idylle, die als kulturelles Vorbild der ersehnten nationalen Gemeinschaft dienen sollte.17

Diese ältere deutsche Literatur ließ sich in der historischen Zeitkonstellation der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 und der antinapoleonischen Kriege 1813 bis 1815 als Beleg ruhmreicher eigener Vergangenheit lesen. Während jener krisenhaften Jahre steigerte sich auch bei Tieck aus tagespolitischen Gründen das Geschichtsinteresse, um aber schon kurz nach der endgültigen Niederlage Napoleons wieder abzuflauen. Konträr zu anderen Dichtern verfasste er selbst in dieser turbulenten Phase kaum eindeutig patriotische Gedichte, wenngleich er einen Sieg der eigenen Truppen erhoffte und den Partikularismus der deutschen Fürsten missbilligte.

Auch enthielt sich Tieck im Gegensatz zu vielen Generationsgenossen jeglicher öffentlicher Äußerung über den Kaiser der Franzosen. Indes bewunderte der Schriftsteller den im Krieg gegen Frankreich gefallenen und schnell zum deutschen Märtyrer erklärten Dichter Theodor Körner (1791–1813) als heroisches Vorbild. Ebenso unterstützte er mildtätige Sammlungen zugunsten verwundeter Soldaten der deutschen Staaten.18 Insgesamt verharrte Tieck auch während dieser ersten Hochzeit der literarischen und politischen Nationalbewegung in einer Beobachterrolle, statt zu den patriotischen Aktivisten zu gehören. Bald nach 1815 äußerte er sich kritisch gegenüber den – in seinen Worten – „leeren vaterländischen Sanguinikern und blinden Patrioten“19. Vor allem die Identitätsbestrebungen nationaler Vereine und Burschenschaften erschienen ihm als übertrieben und irrational.

In Tiecks späteren Lebensjahrenwurde seine Einstellung zu nationalen Fragen entschieden intoleranter, wie sich etwa an einer Briefäußerung gegen den „unfruchtbaren Kosmopolitismus“20 ablesen lässt. Überdies finden sich in Egodokumenten Tiecks wie Briefen und Tagebüchern vereinzelte antijüdische Auslassungen, beispielsweise eine Polemik gegen die Judenemanzipation oder die diffamierende Charakterisierung „der verliederlichte Heine, dieser Juden-Messias“21. Eine solche Ablehnung zeitgenössischer literarischer Tendenzen zeigt, welche künstlerische und politische Entwicklung Tieck seit seiner innovativen Frühphase als poetischer Schöpfer der Waldeinsamkeit um 1800 in Richtung Konvention genommen hatte.

Naturemphase und Traumlandschaften

Literaturwissenschaftliche Arbeiten widmeten sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts der Rolle von Natur und Landschaft im Werke Tiecks, derweil die für die vorliegende Arbeit relevanten historischen und politischen Hintergründe werkimmanent ausgeblendet blieben.22 In diesem Zusammenhang wurde auf die lange Tradition vor allem deutschsprachiger Natur- und Landschaftsdarstellungen verwiesen, welcher der Schriftsteller neue und vertiefende Sichtweisen hinzugefügt habe. Als wichtige literarische Einflüsse sind für das Frühwerk Tiecks in erster Linie der Eichenkult Friedrich Gottlieb Klopstocks und des Hainbundes sowie die sentimentalerhabenen Landschaften des Ossianismus zu nennen. Daneben zeigen sich Spuren intensiver Lektüre von Schäferdichtung, Schauerromanen und Shakespeare-Dramen.23 Tiecks schwärmerisch-pantheistische Naturdarstellungen folgen dem Gestus subjektiver Seelenlandschaften, etwa in der Beschreibung des Gebirges oder des Himmels als mit Traum und Unterbewusstsein konnotierte Gegenwelten.24

Der Naturhintergrund war bei Tieck – wie generell in der romantischen Tradition – eine Projektionsfläche ohne jeglichen Eigenwert, um menschliche Leidenschaften wie Einsamkeit, Liebesschmerz, Sehnsucht und Unrast zu illustrieren. Zudem lassen sich dessen literarische Landschaften als Sphäre der Verführung und Verzauberung lesen, wobei das emphatische Naturgefühl gegenüber der empirischen Naturbeschreibung klar überwog. Vor allem in der Lyrik manifestierte sich ein deutliches Unbehagen an der Gesellschaft, gegen das Tieck die Natur und das ihr innewohnende Erlösungspotenzial hervorhob. Ergänzend dazu war die Natur in vielen seiner Märchen und Novellen nicht positiv aufgeladen, sondern eindeutig negativ-dämonisch konnotiert.

Als Inspiration dienten Tieck vor allem die meist bewaldeten deutschen Mittelgebirge, während er die preußischen Flachlandschaften seiner Heimat kaum poetisch interpretierte.25 Daneben bestand bei aller Präferenz für die Weite der freien Natur ein reges Interesse an der domestizierten Natur des Gartens. Hierbei wandte er sich gegen die in seinen Augen übertriebene Naturnachahmung im damals populären Ideal des Englischen Gartens.26 Tiecks Landschaftsdarstellungen enthielten einen Tatsachenkern selbst erlebter Heimatnatur, der sich vor allem aus seiner wanderseligen Studentenzeit speiste und den er später literarisch ins Unkonkrete verfremdete.27 Deutlich wird ein solcher ursprünglicher Realitätsbezug zum Beispiel in der Beschreibung eines nächtlichen Ausflugs auf die Burg Giebichenstein, die nahe seines zeitweiligen Studienorts Halle gelegen ist:

[…] die Felsen gegenüber, die Felsen über mir, die wankenden Bäume, das Hundebellen, alles war so schauerlich, alles stimmte die Phantasie so rein, so hoch. […] Kurz, diese Nacht gehört zu den schönsten Stunden meines Lebens, sie wird mir unvergeßlich sein, ich habe hier manches gelernt, manches empfunden, was ich vorher nicht wußte, nicht empfand.28

Die wichtigste literarische Landschaft in Tiecks Werken ist der Wald, wobei detaillierte Auseinandersetzungen in der germanistischen Forschung bisher noch Ausnahmen darstellen.29 Diese meist werkimmanent verfahrenden Arbeiten sind sich einig in der Bewertung des Waldes bei Tieck als stadtferne Sehnsuchtslandschaft individueller Freiheit.30 Eine solche Idealisierung widersprach bereits damals mehr und mehr der Nutzenorientierung in den zunehmend gepflanzten Nadelholzmonokulturen – und kann als eine erste literarische Gegenreaktion auf die forstliche Modernisierung gelten.

Ganz im Sinne frühromantischen Denkens wurde der idealisierte Wald vor allem dazu eingesetzt, jenseits rationaler Maßstäbe abhängig vom Handlungskontext positive oder negative Stimmungen hervorzurufen. Diese sollten entweder die Korrespondenz oder alternativ den Kontrast zwischen Waldnatur und Menschenseele zum Ausdruck bringen.31 Im Einklang mit der Tradition deutscher Dichtung waren die etablierten Symbole von Eiche und Linde die bevorzugt idealisierten Bäume, an wenigen Stellen auch Birken und Tannen. Bis auf eine später zitierte Ausnahme fehlten freilich im Gegensatz beispielsweise zu Klopstock oder Arndt eindeutig nationale Bedeutungszuweisungen an die poetisierte Eiche.32

Es findet sich sogar eine satirische Anspielung auf den weitverbreiteten zeitgenössischen Kult um die Eiche: Diese sei zwar unbestritten der „Baum der deutschen Freiheit“, aber man könne mit ihren Zweigen bei der körperlichen Züchtigung „nicht viel […] ausrichten“.33 In den stereotypen Naturdarstellungen wurden Bäche, Bäume und Lichtungen allerdings weitgehend reduziert zu Ausstattungsstücken eines fast stets dichten, dunklen, einsamen, wilden und undurchdringlichen Waldes.34 Diese generellen Befunde der germanistischen Forschung gilt es zunächst an zwei literarischen Werken Tiecks genauer auszuführen: dem frühen Märchen Der blonde Eckbert und der sich darauf beziehenden späten Novelle Waldeinsamkeit.

Wald- und andere Einsamkeiten

Mit seinem Frühwerk Der blonde Eckbert (1796) verankerte Tieck seine Begriffsprägung der Waldeinsamkeit zuerst im literarischen und bald ebenso im populären Sprachgebrauch.35 Das Naturmärchen handelte von dem auf einer Burg im Harz lebenden Ritter Eckbert und seiner Frau Bertha, die im Laufe der Geschichte als Binnenerzählung eine Begebenheit aus ihrer Kindheit berichtete.36 Auf der Flucht vor den Misshandlungen ihrer Eltern gelangte sie durch den locus terribilis eines wüsten Gebirges in ein freundlich birkenbewaldetes Tal. Damit hellte sich analog zum gewandelten Natureindruck ihre Seelenverfassung wieder erheblich auf: „Mir war, als wenn ich aus der Hölle in ein Paradies getreten wäre, die Einsamkeit und meine Hülflosigkeit schienen mir nun gar nicht fürchterlich.“37

Dieser positive Natureindruck steigerte sich noch einmal, als das Kind von einer alten Frau gefunden und zu deren Haus inmitten der Wildnis geführt wurde. Tieck schilderte diese vorgebliche Idylle emphatisch mit Versatzstücken, wie sie aus dem seit der Antike etablierten Topos des locus amoenus von Baum und Quelle bekannt waren:

In das sanfteste Roth und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröthe, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmüthiger Freude.38

In diesem scheinbar ungestörten Refugium fernab jeder menschlichen Gesellschaft lebten neben der Alten ein Hund sowie ein sprechender Vogel, der äußerst wertvolle Eier mit Edelsteinen oder Perlen legte und sein eigentümliches Lied vortrug: „Waldeinsamkeit, / Die mich erfreut, / So morgen wie heut / In ewger Zeit, / O wie mich freut / Waldeinsamkeit.“39 Im Alter von 14 Jahren entschloss sich die vorher kindlich zufriedene Bertha, dieses abgeschiedene Leben im gegenweltlichen Waldparadies aufzugeben und mitsamt dem Vogel in die Welt zurückzukehren. Das seiner idyllischen Heimat beraubte Tier sang hierauf voller Sehnsucht eine abgewandelte Version des leitmotivischen Liedes: „Waldeinsamkeit / Wie liegst du weit! / O dich gereut / Einst mit der Zeit. / Ach einzge Freud / Waldeinsamkeit!“40

Die Binnenerzählung endete damit, dass das Mädchen den Wundervogel aus schlechtem Gewissen und uneingestandenen Schuldgefühlen heraus tötete. In der wieder einsetzenden Rahmenerzählung musste Bertha schuldbeladen sterben, weil sie sich durch ihren Vertrauensbruch an der Alten der einsamen Waldidylle unwürdig erwiesen hatte. Danach irrte der verwitwete Eckbert durch den seine Burg umgebenden Wald und hörte dort kurz vor seinem eigenen Tod ein letztes Mal den wieder freudigen Gesang des Vogels: „Waldeinsamkeit / Mich wieder freut, / Mir geschieht kein Leid, / Hier wohnt kein Neid, / Von neuem mich freut, / Waldeinsamkeit.“41

Anfangs stieß dieser Neologismus in Tiecks engerem Freundeskreis wegen der ungewöhnlichen Genitivkonstruktion noch auf einige Ablehnung. Jedoch wurde der Blonde Eckbert in der breiteren Öffentlichkeit zu seinem bekanntesten Märchen und die Waldeinsamkeit im Zuge dessen zum Inbegriff seines Naturverständnisses. Tieck selbst variierte die gegenweltliche Wortschöpfung bald zur Kennzeichnung anderer Naturkonstellationen wie der „grünen Einsamkeit“, der „Bergeinsamkeit“, der „Tannen-Einsamkeit“ oder der „Thaleinsamkeit“.42 Schnell geriet der Terminus allerdings in so allgegenwärtigen wie unkritischen Übernahmen durch andere Autoren zum inhaltsleeren Klischee im semantischen Kontext von Waldidyll und Waldesruh.43 In derartigen oft eher assoziativen Rezeptionsprozessen gingen zunehmend diejenigen Differenzierungen verloren, die bei Tieck selbst noch angelegt gewesen waren.

Denn Tiecks Prosa konnotierte nicht nur im Blonden Eckbert die Einsamkeit des Waldes überwiegend negativ und bedrohlich, während lediglich seine selteneren lyrischen Thematisierungen diese mehrheitlich harmonisch und idyllisch darstellten.44 So fiel die Protagonistin Bertha schließlich ihren dort begangenen Missetaten und der Rache der bestohlenen alten Frau zum Opfer. Ihr Ehemann starb unidyllisch im Wald verirrt, nachdem der Wundervogel sein Lied zum dritten und letzten Mal gesungen hatte. Die meisten der späteren positiven Bezugnahmen hatten demzufolge nicht mehr viel gemein mit der ursprünglichen Wortintention der Waldeinsamkeit. Diese konnte für den Menschen gefährlich bis tödlich sein und eine mehr als temporäre Rückkehr zur Natur infolgedessen nur mehr Wunschdenken statt eine tatsächliche Option.

Mehr als 40 Jahre später unternahm es Tieck in seiner letzten Novelle Waldeinsamkeit (1841), die längst klischeehaft gewordene Verwendung des Begriffes als Sehnsuchtsvokabel entschlossen zu parodieren. Gleich zu Beginn der Novelle ließ er eine Kritik an dem Neologismus vortragen, die vor allem Wackenroder gegenüber Tieck geäußert hatte: Anders als der grammatikalisch korrekte Begriff Waldeseinsamkeit sei jener „undeutsch, unerhört und durchaus nicht zu gebrauchen“45. Die Geschichte setzte im Fortgang der Handlung auf den hohen Bekanntheitsgrad des Schlagwortes als Bedingung für dessen erfolgreiche Ironisierung. Ausgangspunkt war eine Immobilienanzeige, die „zugleich hinter dem Gemüsegarten eine sehr vortreffliche Waldeinsamkeit“46 bewarb. Gegen die hierin zutage tretende Kommerzialisierung und Verflachung des einstigen Waldidylls wehrte sich vor allem der Protagonist mit dem anspielungsreichen Namen Ferdinand von Linden, indem er das tiecksche Waldvogellied zitierte und darüber ins phrasenhafte Naturschwärmen geriet:

Das Grün des Waldes, die lichte Dämmerung, das heilige Rauschen der mannichfaltigen Wipfel, alles dies zog mich von frühester Jugend wie mit Zauber in diese Einsamkeit. Wie gern verirrte ich mich, verlor ich mich schon als Knabe in jenem Walde meiner Heimat. In den innersten, fast unzugänglichen Theilen fühlte ich mich, von der Welt ganz abgesondert, unbeschreiblich glücklich […].47

Die von Ferdinand verehrte Sidonie machte sich wie viele andere seiner Bekannten lustig über die „vielgepriesene ächt deutsche Waldeinsamkeit“48, der sie nüchtern die vielen Annehmlichkeiten des städtischen Lebens gegenüberstellte. Der junge Forstbesitzer versuchte schließlich so pathetisch wie erfolglos, ihr dennoch die Vorzüge eines gemeinsamen Waldlebens schmackhaft zu machen, denn „was kann es Schöneres für ein liebendes Gemüth geben, als diese deutschen Wälder, vorzüglich wo Buchen, Linden und Eichen gemischt sind mit Eschen und Ulmen?“49

Ein Nebenbuhler um Sidonies Gunst entführte Ferdinand dann, um ihn ausgerechnet in einem abgelegenen Waldhaus einzusperren. Dort fiel dem verzweifelten Entführten als Erstes wieder das Lied von der Waldeinsamkeit ein und kurze Zeit später ein Wandbild mit der Genoveva ins Auge.50 Auch dies war eine augenzwinkernde Selbstreferenz Tiecks in Anspielung auf ein von ihm 1799 geschriebenes Stück gleichen Namens, darüber hinaus möglicherweise auf das 1841 fertiggestellte Gemälde Genoveva in der Waldeinsamkeit von Ludwig Richter (1803–1884). Während der weiteren Gefangenschaft wurde der junge Waldliebhaber Stück für Stück von seinem Ideal des idyllischen Waldlebens kuriert, da er die verehrte Baumnatur nur aus der Gefängnisperspektive durch die Gitterstäbe der Fenster sehen konnte.

Nach der Befreiung kam Ferdinand von Linden nur noch einmal mit Sidonie zu der Waldhütte zurück, um nostalgisch zum Abschied von seiner jugendlichen Schwärmerei ein letztes Mal das Wundervogellied zu intonieren – nicht ohne zuvor die „nichtswürdige Waldeinsamkeit“51 für immer verflucht zu haben. Wenngleich die Baumnatur auch in diesem Text stereotyp eine bloße Projektionsfläche menschlicher Bedürfnisse und Gefühle blieb, ist der durchgängig ironische Unterton doch bemerkenswert. Auf diese Weise gestand der Schriftsteller gegen Ende seines Lebens jene terminologische Mitschuld ein, die er in jungen Jahren als Verfasser des Blonden Eckbert einschließlich der viel gebrauchten Wortprägung auf sich geladen hatte. Mit solchen expliziten Wendungen distanzierte Tieck sich zuletzt von dem wesentlichen Beitrag vieler seiner eigenen Schriften zur Idealisierung des Silvanen.

Waldwanderungen unter alten Eichen

Ein weiterer wichtiger Belegtext für Tiecks Waldverständnis ist sein naturgesättigtes Frühwerk Franz Sternbald’s Wanderungen (1798). Der Künstlerund Bildungsroman entstand unter dem Eindruck gemeinsamer Wanderungen mit dem im Erscheinungsjahr verstorbenen Freund Wackenroder.52 In der laut Untertitel altdeutschen Geschichte diente der Wald vor allem als allegorische Stimmungskulisse, vor der die Hauptfigur des Wandergesellen Franz unterschiedlichste Gefühlsregungen durchlebte und durchlitt. Im positiven Sinne umfasste dies unter anderem emphatische Kunstbegeisterung durch die Natur als entscheidende Inspiration. So ließ Tieck seinen Protagonisten angesichts einer Eiche die Empfindung äußern, „die Natur selbst, der rauschende Wald und sein Lieblingsbaum schienen Athem und Leben zu seinen Gemählden zu geben“53. Ebenso war von unbeschwert-unschuldiger Verliebtheit unter Bäumen die Rede, wie sie etwa das Lied Wohlauf und geh in den grünen Wald…ausdrückte.54

Auf der negativen Seite des emotionalen Spektrums variierte die Gefühlslandschaft des Waldes ebenfalls erheblich. Die Ausschläge reichten von tiefer Traurigkeit – „er sehnte sich nach der Einsamkeit, nach dem Walde, um dann von seinem Freunde entfernt seinen Schmerz ausweinen zu können“ – bis zu nagenden Selbstzweifeln: „Im Walde legte er sich in das Gras nieder und sah über sich in den weiten Himmel, er überblickte seinen Lebenslauf und schämte sich, daß er noch so wenig gethan habe.“55 Besonders oft eingesetzte Stimmungsträger waren ebenso alte wie dicke Eichen, unter denen wesentliche Stationen der Handlung stattfanden. Beispielsweise trennte sich Sternbald zu Beginn der Wanderungen von seinem Freund Sebastian an einem „alten Eichenbaum“ und riet diesem später brieflich, „unter alten Eichen“ zur Ruhe und zu sich selbst zu kommen.56 Im weiteren Verlauf der Erzählung fand ein ausgelassenes Waldfest selbstverständlich ebendort statt, „wo die dicksten Eichen standen“57.

Tiecks Protagonist Franz wünschte sich in einer Phase extremen Liebes- und Lebenskummers sogar, dauerhaft in der Natureinsamkeit bleiben und dort allein unter Bäumen alt werden zu können:

Wie wohl würde mir das Rauschen des Waldes thun, die Wiederkehr der gleichförmigen Tage, der ununterbrochene leise Fluß der Zeit, der mich so unvermerkt in’s Alter hineintrüge, jedes Rauschen ein andächtiger Gedanke, ein Lobgesang.58

Formulierungen wie die Rede vom „dichten kühlen Wald“ sollten mehrere Sinne zugleich ansprechen, daneben dominierte als adjektivische Gefühlszuschreibung der „grüne, dunkelschattige“ und „anmuthige“ Wald.59 Überwiegend erschien der Wald damit als wonniges Naturidyll, nicht wie sonst in Tiecks Prosa primär als bedrohliche Wildnis. Klar benannte das diese wiederum auf den Topos des locus amoenus als locus silvestris verweisende Stelle:

Wie erquickend war der kühle Duft, der ihm aus den grünen Blättern entgegen wehte, als er in das Wäldchen eintrat! Alles war still, und nur das Rauschen der Bäume schallte und säuselte in abwechselnden Gängen über ihm weg durch die liebliche Einsamkeit, in dem Getöne und Murmeln eines Baches, der entfernt durch das Gehölz hin floß.60

Der Wald geriet dem sensiblen jungen Mann zum „heiligen Tempel“, während er später gleichermaßen naturemphatisch und allumfassend „die Herrlichkeit der Ströme, der Berge, der Wälder“ beschwor.61 Ferner ließ Tieck den Protagonisten Franz erklären, dass das mächtige Straßburger Münster „ein Baum, ein Wald“62 sei. Dies war eine offensichtliche Anspielung auf Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), der das gotische Mauerwerk „gleich einem hocherhabnen, weitverbreiteten Baume Gottes“63 in den Himmel ragen gesehen hatte. In vergleichbarer Weise poetisierte dann auch Maximilian von Schenkendorf (1783–1817) den damals noch im Bau befindlichen Kölner Dom mit den Verszeilen „Es ist ein Wald voll hoher Bäume, / Die Bäume seh ich fröhlich blühn“.64 Ein solches Denkbild vom Wald als Dom sollte sich später großer Beliebtheit erfreuen, unter anderem in den Schriften Eichendorffs und Jacob Grimms. Im Gegensatz zum letztlich trügerischen Waldidyll des Blonden Eckbert konnte die mehrheitlich positiv beschriebene Waldumgebung in Franz Sternbald’s Wanderungen als schützender Zufluchtsraum fungieren, wie es sich ähnlich in der Mehrzahl der tieckschen Gedichte zeigt.

Waldtraditionen und Waldvariationen

Neben den bereits untersuchten Hauptwerken mit Waldbezug finden sich bei Tieck noch zahlreiche andere silvane Stellen, einige seiner lyrischen Werke trugen den Wald bereits bedeutungsschwer im Titel.65 Das frühe Gedicht Waldhornsmelodie (1797) etwa benannte Bäume und Gewässer als Gegenwelt, um wenigstens temporär dem als laut und hektisch empfundenen Alltag zu entkommen. Mit dieser konnte zumindest der dafür sensibilisierte Mensch als Seelenverwandter des Dichters kommunizieren, der dort fernab der Welt seelische Einkehr halten wollte: „Hörst! wie spricht der Wald dir zu, / Baumgesang, / Wellenklang: / Komm und finde hier die Ruh.“66 Vergleichbar positiv und spirituell konnotiert erschien der Wald im Poem Wald, Garten und Berg (1798) als ein natürlich grüner Garant menschlicher Glückseligkeit. In einem solchen Idyll finde der sinnsuchende Mensch temporär Geborgenheit und Trost, wenn er angesichts der Zumutungen des allzu menschlichen Alltagslebens zu verzweifeln drohe: „Was soll die Bangigkeit?/Wirf ab dein kleines Leid, / Komm, komm in unsern Schatten grün, / Wirf alle Sorgen hin, / Erschließ dein Herz der Freudigkeit.“67

Eine gleichfalls höchst emotionale, aber dieses Mal eindeutig negative Assoziation enthielt die Klage des Mädchens im Walde (1816), deren Schlusssatz Todessehnsucht und Naturempfinden über den Wald hinaus auf der Ebene der Gesamtnatur poetisch zusammenzuführen versuchte: „Garten, Berge, Wälder weit / Sind mir Grab und Einsamkeit.“68 Das schaurig-düster benannte Schauspiel Das Ungeheuer und der verzauberte Wald (1798) war in Wirklichkeit eine Satire auf die aufklärerische Verachtung für den Aberglauben. Entgegen allen durch den Titel geweckten Erwartungen findet sich dort ein unbeschwert-fröhliches Waldmotiv, das an die gängige Gattung des Jagdliedes voll Hörnerklang und Hundegebell anknüpfte: „Außer Wein nicht andre Wonne /Als der dunkelgrüne Wald / Den beim Schein der Morgensonne / Muntres Jagdgeschrei durchschallt.“69 Solche Poetisierungen der Baumnatur nutzten diese als romantische Stimmungslandschaft, mithilfe derer vielfältige menschliche Emotionen von hoher Freude bis zu tiefer Verzweiflung ihren Ausdruck finden konnten.

Daneben spielte der Wald in zahlreichen Werken Tiecks eine entscheidende Rolle, ohne dass dies schon über den Titel ersichtlich würde. Eine Fülle von Silvabezügen enthielt insbesondere das frühe Stück Kaiser Octavianus (1804), in dessen Prolog Aufzug der Romanze bereits eine Gruppe von Kriegern durch die Baumnatur zog.70 Gleich zu Beginn besang ein Chor diese im Anschluss an konventionelle Motive der anakreontischen Liebes- und Naturdichtung als sinnlich aufgeladene Sphäre: „Die Lieb’ ist dein Gespiele, / Wann ich den Frühling fühle / Wird auch mein Lieben neu, / Der Liebe Tempel sei / Im Walde.“71 Im weiteren Fortgang der Handlung dienten die Bäume unter anderem als Versteck für Räuber, womit Tieck einen weiteren klassischen Topos der Waldliteratur zitierte.72 Später konnte der Wald indes ebenso als Ideal eines weltabgewandten Ortes fungieren, wo tiefgründige Selbstreflexion und daraus resultierende Selbsterkenntnis möglich waren: „So hab ich oft / Geträumt, mir in der Jugend oft gewünscht, / An solchem abgelegnen Platz im Wald / Zu sein, recht plötzlich ohne Menschen, Freunde, / Zu fühlen recht, was Einsamkeit bedeutet.“73 Außergewöhnlich ist dabei nicht die – durchgängig der Konvention verhaftete – Waldmotivik selbst, sondern vielmehr deren lyrisch vielstimmige Offenbarung.

Einen engen Zusammenhang zwischen christlicher Religion und rettender Waldnatur stellte Tieck in Leben und Tod der heiligen Genoveva (1799) her. Seine einflussreiche Adaption einer mittelalterlichen Heiligenlegende griff die Motive des weltflüchtigen Waldeinsiedlers und der verfolgten Unschuld auf. Zusätzlich fügte der Schriftsteller eine in der Volksbuchvorlage nicht enthaltene Waldszene ein, um den dramatischen Effekt des eifersüchtigen Verrats an Genoveva noch zu steigern.74 Die namensgebende Heilige verkörperte ein Musterbeispiel unverbrüchlicher Frömmigkeit, indem sie nach falschen Untreuevorwürfen dank ihres Gottvertrauens sieben Jahre lang in der kargen Zuflucht des Waldes überleben konnte. Sie appellierte erfolgreich an den Beistand einer pantheistisch beseelt verstandenen Natur wie im verzweifelten Ausruf „Ach ihr Bäume erbarmt euch mein!“75 In der bedrohlichen Natureinsamkeit unterstützte sie allein eine Hirschkuh, die ihren kleinen Sohn namens Schmerzenreich säugte. Durch die derartige Hilfe der Waldnatur konnte sie bis zu ihrer und ihres Sohnes Entdeckung durch den Ehemann Hunger und wilden Tieren zum Trotz ihren Gottesglauben bewahren. Damit fungierte die silvane Sphäre im Anschluss an die mittelalterliche Epik als Kontrastbild zur Lebenswelt des Adelshofes, aber auch wie in manchen Märchen als bergender Schutzraum mitsamt lebensrettenden Tieren. Weitere literarische Wälder Tiecks aus der Zeit nach 1813 brachten noch prägnanter gegenweltliche – und vereinzelt nationale – Tendenzen zum Ausdruck.

Waldpolitik und Waldpatriotismus

Tiecks Bearbeitung eines waldnahen Märchenmotivs in Leben und Tod des kleinen Rothkäppchens (1800) ist gegenwärtig nur noch wenig bekannt, vor allem gegenüber späteren Versionen, etwa in den grimmschen Kinder- und Hausmärchen. Schon bei Tieck verfiel die Protagonistin des auf eine französische Vorlage zurückgehenden Warnmärchens den Einflüsterungen des Wolfes. Hiernach erging sie sich abseits der Sicherheit des geordneten Weges in der scheinbaren Naturidylle des Waldes, die farbenprächtig beschriebenwurde: „Es lacht von rother Blüte der ganze Wald, / Von tausend Vögeln das ganze grüne Dickicht schallt.“76 Abweichend von Bearbeitungen anderer Autoren und näher an der stofflichen Vorlage schloss das Märchen in der tieckschen Fassung aber nicht mit der finalen Rettung. Stattdessen endete es mit dem Tod des Mädchens, das unvorsichtigerweise die unkontrollierbare Natur von Wald und Wolf unterschätzt hatte. Des Weiteren enthielt es im mittelbaren Zeitkontext der Französischen Revolution einen zumindest implizit gesellschaftskritischen Subtext, wenn etwa der Wolf als von der Gesellschaft Ausgestoßener erschien oder der Jäger sich mit Rotkäppchen ganz nebenbei über die politische Symbolfarbe Rot unterhielt.77

Der literarische Gegensatz von Waldnatur und Stadtleben akzentuierte sich demgegenüber deutlich im Briefroman William Lovell